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1990/39 Was bedeutet in der Arbeit „Wer um Jerusalem trauert, wird mit dem Anblick ihrer Freude belohnt“?

Unsere Weisen sagten (Taanit, Blatt 30b): „Wer um Jerusalem trauert, wird mit dem Anblick ihrer Freude belohnt.“ Im einfachen Sinn ist das schwer zu verstehen. Gewiss gab es viele Gerechte, die um Jerusalem trauerten, und dennoch ist Jerusalem bis heute nicht erbaut – wie also konnten sie damit belohnt werden, Jerusalem in seiner Freude zu sehen? Für den einfachen Sinn gibt es dafür sicherlich Erklärungen. Man kann den Ausspruch aber auch auf die Arbeit hin auslegen.

Bekanntlich wird Malchut „Jerusalem“ genannt. Sprechen wir daher von „der Zerstörung Jerusalems“, so ist der Tempel gemeint, der zerstört wurde. Dieser Zustand heißt „Shechina (göttliche Gegenwart) im Staub“ oder „Shechina im Exil“. Gemeint ist damit: Der Mensch soll die Last des Königtums des Himmels auf sich nehmen und glauben, dass der Schöpfer die Welt mit einer Vorsehung des Guten, der Gutes tut, lenkt – und eben dies ist ihm verborgen.

Malchut ist es, die den Seelen und BYA [Abkürzung für die drei Welten Brija, Yezira und Assija] gibt, denn alle Gaben, die von oben zu den Geschöpfen kommen, sind Malchut. Bei den Geschöpfen jedoch findet Malchut keine Achtung, weil sie ihre Bedeutung nicht sehen – also das, was sie ihnen gibt. Dieser Zustand heißt „Jerusalem in seiner Zerstörung“. Statt dass sie den Geschöpfen Gutes und Genuss gäbe, sodass alle ihren Vorzug sähen, zeigt sich bei ihr alles zerstört, und sie hat nichts zu geben. So heißt es (im Nachem (Trost)-Gebet des Neunten Aw): „Und die um Jerusalem Trauernden, und die trauernde, zerstörte, verachtete und verödete Stadt.“ Alles ist zerfallen und zerstört – und genau das wird „Shechina im Staub“ genannt. Soll der Mensch daher die Last des Königtums des Himmels auf sich nehmen, so erhebt sich vonseiten des Körpers großer Widerstand.

Überwindet sich der Mensch dennoch und nimmt die Last des Königtums des Himmels auf sich, obwohl er keinerlei Bedeutung darin sieht; trauert er darüber, warum uns die Bedeutung Jerusalems so verborgen ist; betet er darüber, warum Malchut keine Bedeutung hat, und bittet er den Schöpfer, Jerusalem aus dem Staub zu erheben, in dem es sich befindet – dann wird er in dem Maß, in dem er über diese Zerstörung Schmerz empfindet, damit belohnt, dass der Schöpfer sein Gebet erhört.

Er wird damit belohnt, sie in ihrer Freude zu sehen, das heißt, dass sie ihm sehr wohl Gutes und Genuss gibt. Daraus ergibt sich die Auslegung: Eben jener Mensch, der über Jerusalem Schmerz empfindet und darüber trauert, warum die Shechina im Staub ist – gerade er wird damit belohnt, es in seiner Freude zu sehen. Denn „es gibt kein Licht ohne Gefäß“. Weil er das Gefäß besitzt, nämlich den Mangel darüber, warum die Shechina im Staub ist, und weil er darüber Schmerz empfindet, wird er mit dem Anblick des Trostes Jerusalems belohnt.

Im Gesagten lässt sich auslegen, was geschrieben steht (Jesaja 1): „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel kennt nicht, mein Volk versteht nicht.“ Dazu ist zu fragen: Was ist der Unterschied zwischen Ochse und Esel in der Arbeit? Und worin besteht in der Arbeit der Unterschied zwischen „Israel“ und „meinem Volk“? Mein Vater und Lehrer sagte dazu: Der Ochse gilt als Mocha (Verstand), und das ist der Glaube über dem Verstand; darauf weist „Der Ochse kennt seinen Besitzer“. Der Esel dagegen ist Liba (Herz), also das Verlangen zu empfangen; darauf weist „Und der Esel die Krippe seines Herrn“. Demnach sind hier zwei Unterscheidungen zu treffen:

a. Diejenigen, die um eines Lohnes willen arbeiten, also Tora und Mizwot [Gebote] erfüllen, um Lohn zu empfangen. Ihre Hauptfrage lautet daher: Wie viel Lohn werde ich empfangen, und worin wird er bestehen – lohnt es sich, für diesen Lohn Mühe in Tora und Mizwot aufzubringen?

b. Diejenigen, die um zu geben arbeiten wollen, aus dem Grund, wie es im Sohar heißt: „Weil Er groß ist und herrscht.“ Ein solcher Mensch arbeitet allein aufgrund der Größe des Schöpfers, denn ihm ist das große Vorrecht zuteil, einem großen König zu dienen. Daraus folgt: Diejenigen, die arbeiten, um zu geben, müssen bereits wissen, wem sie dienen – ob Er wirklich ein großer und wichtiger König ist, für den zu arbeiten sich lohnt.

Doch sobald sie beginnen, um zu geben zu arbeiten, und ihre ganze Kraft zur Arbeit aus der Bedeutung des Schöpfers schöpfen, wird die Arbeit selbst zu „Shechina im Staub“. Statt dass das Spirituelle – also für den Schöpfer zu arbeiten – von Mal zu Mal wichtiger würde, kommen dem Menschen Gedanken, die das Gegenteil zeigen. Statt jedes Mal weiter voranzuschreiten und mit größerer Freude zu arbeiten, weil er einem großen und wichtigen König dient, überkommen ihn bedeutungslose Vorstellungen. Seine Größe spürt er nicht mehr, und das verursacht ihm einen Abstieg nach dem anderen.

Selbst wenn er die Abstiege überwindet, kann er doch nicht immer standhalten und gegen diese Gedanken ankämpfen. Und was zeigen ihm die Gedanken? Den Zustand „Shechina im Staub“. Er möchte mit Freude darüber arbeiten, dass er einem großen und wichtigen König dient – was ihm Freude bringen sollte –, empfindet aber genau das Gegenteil, nämlich Abstoßung: als würde man ihn von der Arbeit fortstoßen.

Eben dies heißt „Shechina im Staub“: dass er jetzt fühlt, als stieße man ihn nach draußen. Er spürt, dass ihm gerade dann, wenn er die Last des Königtums des Himmels auf sich nehmen will, „die Fragen Pharaos“ kommen, der fragte: „Wer ist der Schöpfer, dass ich auf Seine Stimme hören soll?“ Und das nennt man so, dass Malchut, also die Shechina, im Exil bei Pharao, dem König von Ägypten, ist; sie sind es, die die Niedrigkeit des Königtums des Himmels zeigen.

Dann bleibt dem Menschen nur zu bitten, dass Er Malchut aufbaut, also dass Malchut nicht in der Gestalt der Niedrigkeit verbleibt. Denn aus dieser Niedrigkeit kann er keine Freude empfangen, wenn er sieht, dass sie keinerlei Bedeutung hat. Genau das nennt man: über die „Zerstörung des Tempels“ beten. Nämlich darüber, warum die ganze Welt das Empfangen des Königtums des Himmels nicht als etwas Gutes ansehen kann – also für den Schöpfer zu arbeiten, sodass es in Ehre geschieht, also eine geachtete Arbeit ist.

Betet der Mensch daher über das Exil der Shechina, so soll er nicht nur darüber beten, dass sie bei ihm im Staub ist. Vielmehr soll er darüber beten, warum sie bei der ganzen Welt in solcher Niedrigkeit ist – so sehr, dass die ganze Welt überhaupt nicht an Spiritualität denkt. Er betet für die ganze Welt, so wie wir beten: „Und erbaue Jerusalem bald in unseren Tagen“, sodass es zur Ehre der ganzen Welt sei, wie es im Gebet zu Rosh HaShana [Jahresanfang] heißt: „Herrsche über die ganze Welt in Deiner Ehre.“ Da die Allgemeinheit den Mangel aber nicht spürt – wie sollte sie darüber beten können?

Bitten kann nur jener Mensch, der immerhin damit gewürdigt wurde, den Mangel zu erlangen, also das Exil zu erkennen. Anders jene, die gar nicht spüren, dass es ein Exil gibt: Wie sollten sie bitten, dass Er sie aus dem Exil herausführt? Daraus folgt: Dass der Mensch spürt, im Exil zu sein, gilt bereits als „Aufstieg in der Stufe“. Und er muss um Erfüllung für die gesamte Allgemeinheit bitten.

Darauf zielt das oben Gesagte: „Wer um Jerusalem trauert, wird mit dem Anblick ihrer Freude belohnt.“ Wer also das Exil der Shechina spürt und darüber trauert, wird mit dem Anblick ihrer Freude belohnt. Denn vonseiten der Gefäße hat nur er die Gefäße, die zur Erlösung tauglich sind. Denn die Sache der Gefäße bedeutet einen Mangel an Erfüllung.

Seine Trauer besteht darin, dass er spürt, wie die Shechina im Exil ist und man ihre Größe nicht sieht. Wer nämlich die Last des Königtums des Himmels auf sich nehmen will, aus dem Grund „Weil Er groß ist und herrscht“, dem kommen Gedanken und Vorstellungen, die ihn aus der Kedusha (Heiligkeit) hinausstoßen, und nur durch Überwindung und Zwang über dem Verstand kann er standhalten. Jedes Mal, wenn er glauben will, dass Seine Vorsehung gut ist und Gutes tut, kommen ihm Gedanken, die üble Nachrede über den Schöpfer führen, und es schmerzt ihn, dass er diese üble Nachrede hören muss. Er glaubt, dies rühre allein daher, dass die Völker der Welt über die Kedusha herrschen: Es besteht eine Verhüllung, denn wer eintreten will, um die heilige Arbeit zu verrichten, dem verbirgt die Sitra Achra (die andere Seite) die Bedeutung der Kedusha. Daraus folgt, dass gerade der trauernde Mensch der Barmherzigkeit des Himmels bedarf, damit er die Fähigkeit erhält, das Böse in sich zu überwinden; und er trauert und weint, dass der Schöpfer ihm helfe.

Gewiss aber muss er für die ganze Allgemeinheit beten. Andernfalls betet er nur zu seinem eigenen Nutzen, nämlich dass allein er aus dem Exil herauskommt. Bittet der Mensch nämlich wirklich um des Nutzens des Schöpfers willen, dass die Ehre des Himmels in der Welt offenbart werde – wie könnte er dann nur für sich selbst bitten? Daher soll er bitten, dass die Ehre des Himmels über die ganze Welt offenbart wird. Darauf zielen die Worte unserer Weisen (Bawa Kama 92): „Wer für seinen Nächsten um Barmherzigkeit bittet und dieselbe Sache selbst nötig hat, dem wird zuerst geantwortet.“

In der Arbeit ist dazu zu verstehen: Wenn dem, der für seinen Nächsten um Barmherzigkeit bittet, zuerst geantwortet wird, so sieht es aus, als ginge es ihm bei seiner Bitte gar nicht darum, für den Nächsten Barmherzigkeit zu erwecken. Es wirkt vielmehr wie eine Täuschung: Weil die Weisen sagten, ihm werde zuerst geantwortet, deshalb bittet er für den Nächsten. Zudem ist zu fragen: Warum wird ihm zuerst geantwortet? Könnte man vom Himmel nicht beiden zugleich geben, sodass sie die Erhörung des Gebets gemeinsam empfangen – muss es gleichsam einer nach dem anderen sein? Es gilt also zu verstehen, was es damit auf sich hat, dass ihm zuerst geantwortet wird.

Vielmehr ist, wie oben gesagt, so auszulegen, dass der Mensch für seinen Nächsten in der Arbeit um Barmherzigkeit bittet: Beginnt er den Weg zu gehen, durch das Erfüllen von Tora und Mizwot zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen – die darin besteht, „dass alle seine Taten um des Himmels willen und nicht zu seinem eigenen Nutzen seien“ –, dann setzt der Körper dieser Arbeit Widerstand entgegen und bringt ihm Gedanken, diese Arbeit sei nichts für ihn. Denn die Natur des Körpers ist auf den eigenen Nutzen gerichtet, er aber will jetzt zum Nutzen des Schöpfers arbeiten. Deshalb zeigt ihm der Körper, der „Verlangen zu empfangen“ genannt wird, immer wieder, es lohne sich nicht, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten. Und da der Mensch ohne Genuss keine einzige Bewegung machen kann – so ist die Natur der Schöpfung, und dies rührt daher, dass Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, was der Grund der Schöpfung ist –, kann er nicht arbeiten, wenn er an der Arbeit keinen Genuss hat.

Alles, was der Mensch tut, tut er daher nur, um zu genießen, nämlich um eine Gegenleistung für seine Mühe zu empfangen. In lo liShma (nicht um Ihretwillen) – wenn der Mensch also an Lohn und Strafe glaubt – hat er deshalb einen Brennstoff für die Arbeit, weil er auf den Lohn blickt, den er danach empfangen wird. Arbeitet er dagegen, um zu geben, will also keinerlei Gegenleistung für seine Mühe empfangen – wie soll er dann ohne Genuss arbeiten?

Dazu sagt der Sohar, man müsse aus dem Grund arbeiten, dass der Schöpfer groß ist und herrscht, also aus dem Grund Seiner Größe. Denn in der Natur sehen wir, dass der Kleine Genuss daran hat, dem Großen zu dienen. Es ist der Lauf der Welt, dass im Menschen die Kraft liegt, einem wichtigen Menschen zu dienen; und einem großen König zu dienen, bereitet ihm besonders großen Genuss. Dazu braucht es keine Arbeit, denn das findet sich in der Natur der Schöpfung. Vielmehr ist das, woran der Mensch arbeiten muss, dass die Kenntnis und das Gefühl da sind, dass er ein wichtiger Mensch ist – dann ist der Mensch bereits fähig, ihm zu dienen.

Gerade dann also, wenn der Mensch aus dem Grund der Größe des Schöpfers arbeiten will, kommen ihm böse Gedanken, die ihn diese Größe nicht spüren lassen, sondern ihm geradezu das Gegenteil zeigen. In Wahrheit herrscht diese Verhüllung über die ganze Allgemeinheit. Doch bei jenen, die nicht aus dem Grund der Größe des Schöpfers arbeiten, hat der Körper kein Bedürfnis, ihm diese Größe zu verbergen. Denn solange man der Arbeit nicht den Grund „aus der Größe des Schöpfers“ gibt, arbeitet der Körper nicht umsonst: Er blickt auf den Lohn und nicht auf den Geber des Lohns.

Daraus folgt: Gerade bei Menschen, die allein aus dem Grund der Größe des Schöpfers arbeiten wollen, gibt es Widerstand, und die Völker der Welt bedecken und verbergen das Israel im Menschen. Bei wem also findet sich die hauptsächliche üble Nachrede über die Größe des Schöpfers? Gerade bei jenen, die zur Anhaftung an den Schöpfer gelangen wollen. Und wer diesen Zustand spürt, der „Shechina im Staub“ genannt wird, hat das Bedürfnis, den Schöpfer zu bitten, sie aus dem Exil unter den Völkern herauszuführen, in dem sie sich befindet. Denn die Völker herrschen über sie und verbergen die Größe und Bedeutung der heiligen Shechina.

Wer also spürt, dass die Shechina im Staub ist, muss über die Ehre des Himmels beten, dass sie der ganzen Welt offenbart werde. Doch nicht die ganze Welt bedarf dessen, die Shechina aus dem Staub zu erheben. Deshalb „wird ihm zuerst geantwortet“, aus dem Grund, dass er dieselbe Sache nötig hat. Danach aber bringt dies auch der ganzen Generation die Offenbarung. Solange sie jedoch nicht die dafür tauglichen Gefäße hat, kann es bei ihr nicht so offen sein. Und das entspricht dem Wort der Weisen: „Hat er eine Mizwa erfüllt – wohl ihm, denn er hat sich selbst und die ganze Welt auf die Waagschale des Verdienstes geneigt.“

Daher muss nur dieser Mensch, der die Verhüllung des Spirituellen spürt, das heißt des Verlangens zu geben aus dem Grund der Größe des Schöpfers, für die ganze Generation um Barmherzigkeit bitten, wie oben gesagt. Und weil er dieselbe Sache nötig hat, wird ihm zuerst geantwortet. Über ihn heißt es: „Wer um Jerusalem trauert, wird mit dem Anblick ihrer Freude belohnt.“ Der Grund ist, wie oben gesagt, dass er selbst diese Sache nötig hat und nicht die Allgemeinheit. Deshalb können bei dem, der für seinen Nächsten um Barmherzigkeit bittet, die beiden die Erhörung des Gebets nicht zugleich empfangen: weil nur er diese Sache nötig hat, nämlich diese Rettung – die Größe der Kedusha zu spüren, was „die Shechina aus dem Staub erheben“ genannt wird.

Anders steht es um jene Arbeitenden der oben genannten ersten Gruppe, die um eines Lohnes willen arbeiten: Sie blicken auf den Lohn. Und es gilt die Regel: Wer gibt, ist wichtig. Weil sie also glauben, sie würden Lohn empfangen und der Schöpfer zahle ihnen ihren Lohn, ist Er bei ihnen bereits wichtig. Anders jene, die nicht um eines Lohnes willen arbeiten – sie müssen Seine Größe jetzt spüren. Und eben darauf legt sich die Verbergung, die auf der Kedusha liegt, sodass man ihre Größe nicht sieht. Darüber ist uns gegeben, den Schöpfer zu bitten, dass Er die Verbergung entfernt, wie geschrieben steht: „Verbirg Dein Angesicht nicht vor mir.“

Damit verstehen wir, was wir gefragt haben: Was bedeutet „Israel kennt nicht“, und was „mein Volk versteht nicht“? „Israel“ sind jene Menschen, die mit der Absicht arbeiten, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen und mit der Stufe Yashar-El (direkt zu Gott) belohnt zu werden, nicht aber zu ihrem eigenen Nutzen. Sie gehören zur Absicht, die „Kenntnis“ genannt wird, denn sie müssen zu einer klaren Kenntnis gelangen, dass man dazu gelangen muss, die Größe des Schöpfers zu erlangen. Diese Kenntnis kommt gerade durch den Glauben über dem Verstand. Denn über den Verstand haben die Völker der Welt Herrschaft, die die Größe der Kedusha verbergen und das Königtum des Himmels bis in den Staub erniedrigen.

Gerade durch Überwindung im Glauben über dem Verstand also – wenn der Mensch seine Taten unter Zwang vollbringt, während ihm böse Gedanken der Sitra Achra kommen, die üble Nachrede führen und sagen, es lohne sich nicht, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten, sodass der Grund des Verlangens nach dieser Arbeit allein Seine Größe wäre –, bleibt dem Menschen nichts zu tun, als im Glauben an die Weisen zu glauben, was sie uns sagen: dass gerade aus dieser Arbeit, die der Mensch über dem Verstand verrichtet, der Schöpfer Genuss hat. So sagte mein Vater und Lehrer: Die hauptsächliche Arbeit besteht darin, dass der Mensch dem Schöpfer etwas gibt, und das geschieht gerade dann, wenn er über dem Verstand geht.

Die Erklärung: Der Verstand sagt ihm, es lohne sich für ihn nicht, Taten um des Gebens willen zu tun; überwindet sich der Mensch dennoch und handelt über dem Verstand, so gilt das als ein Geben an den Schöpfer. Anders in der Zeit, in der der Schöpfer ihm ein Erwachen von oben gibt: Dann bleibt ihm keine Tat, von der man sagen könnte, er gebe dem Schöpfer etwas. Denn er löst sich dann vor dem Schöpfer auf „wie eine Kerze vor einer Fackel“, ohne jede Wahl. In diesem Zustand gibt er also nichts, aus dem Grund, dass er keine Wahl hat. Nur dort, wo er über dem Verstand gehen muss, weil der Verstand anderes sagt, lässt sich sagen, dass er dem Schöpfer etwas gibt. Und er sagte, man müsse glauben, dass diese Arbeit vor dem Schöpfer wichtiger ist als alle übrigen Arbeiten.

Der Prophet sagte: „Der Ochse kennt seinen Besitzer“ – das gehört zu „Israel“, das das Haupt des Volkes ist. Denn „Israel“ weist auf Li-Rosh (mein Haupt), und ihnen gehört die Kenntnis, wie oben gesagt. Daher sagte er: „Israel kennt nicht.“ Sie mühten sich nicht, Arbeit aufzubringen, um zur Kenntnis des Schöpfers zu gelangen, wie geschrieben steht: „Und du sollst es heute erkennen und in dein Herz zurückkehren lassen, dass der Schöpfer Gott ist.“

Der Prophet sagte also, dass sie sich darin nicht mühten. Und er sprach auch zur Allgemeinheit, das heißt zu „meinem Volk“, deren Arbeit nur darauf zielt, Lohn zu empfangen, weshalb sie sich mit Tora und Mizwot befassen, die Sache „der Esel, die Krippe seines Herrn“ aber nicht bedachten. Denn der „Esel“, wovon oben die Rede war, ist das Verlangen zu empfangen, das „nur Selbstliebe“ genannt wird. Ihnen sagte der Prophet: Der Esel, also wer auf „die Krippe seines Herrn“ blickt – das heißt auf den Lohn –, bedachte nicht, dass der Schöpfer ihm den Lohn gibt; durch solches Bedenken nämlich hätten sie die Liebe zum Schöpfer empfangen, so wie man den liebt, der einem Geschenke gibt. Sie aber achteten nicht auf den Geber, sondern dachten nur daran, dass sie Lohn haben würden.

Daraus folgt, dass die Taten, die sie um eines Lohnes willen taten, ohne Liebe und Ehrfurcht waren. Sie dachten überhaupt nicht an „die Krippe seines Herrn“, also nicht an den Hausherrn, dass der Schöpfer der Geber ist. So schnitten sie die Mizwot vom Geber der Tora und Mizwot ab, denn während der Arbeit dachten sie nicht an den Geber der Arbeit. Und selbst wenn sie an den Lohn dachten, dachten sie ebenso wenig daran, wer der Geber des Lohns ist.

Der Prophet steht also da und warnt beide: jene von „Israel“, die mit der Absicht arbeiten, aber nicht die nötige Aufmerksamkeit darauf richten, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen; und jene, die nur in der Handlung arbeiten und deren Absicht allein darauf zielt, Lohn zu empfangen, die aber nicht darauf achten zu bedenken, wer der Geber des Lohns ist. Daher: „mein Volk versteht nicht.“ Und folglich fehlt ihnen die Liebe zum Schöpfer.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Mensch sich selbst Rechenschaft geben muss, bevor er zum Beten geht, worüber er beten soll. Deshalb sagte mein Vater und Lehrer der Mensch solle über eine einzige Sache beten, die viele Dinge einschließt: Er bittet den Schöpfer, ihm ein Verlangen zu geben, um zu geben zu arbeiten und nicht zu seinem eigenen Nutzen. Denn damit er ein Verlangen zu geben hat, muss er Glauben an den Schöpfer haben und an die Größe des Schöpfers glauben. Die Bedeutung dieses Gebets, dass der Schöpfer ihm das Verlangen zu geben gebe, ist also: Der Mensch sagt zum Schöpfer, er wolle, dass seine Absicht, während er sich mit Tora und Mizwot befasst, darin bestehe zu glauben, dass der Schöpfer Genuss von seinen Taten hat.

Das heißt: Der Mensch spürt während seiner Mühe keinerlei Geschmack und kein Gefühl. Dennoch will er die Kraft haben, zu seinem Körper zu sprechen, wenn dieser einwendet: „Siehst du denn nicht, dass du keinerlei Geschmack am Lernen der Tora hast, und ebenso wenig am Gebet?“ Dann will er antworten können: „Weil ich nur arbeite, damit der Schöpfer Genuss habe, was macht es aus, ob ich darin Geschmack spüre oder nicht? Würde ich zu meinem eigenen Nutzen arbeiten, hättest du recht mit deinem Einwand: Wenn du keinerlei Geschmack spürst – warum arbeitest du? So wie der Mensch eine Speise nicht isst, an der er keinen Genuss hat. Ich aber arbeite zum Nutzen des Schöpfers. Was macht es dann aus, welchen Geschmack ich schmecke?“ Darum bittet er den Schöpfer. Und das wird „bedingungslose Unterwerfung“ genannt.

korrOp, EY, 03.08.2026, 04:10 Uhr, Ver5