1991/11 Was bedeutet es, dass der Gute Trieb und der Böse Trieb einen Menschen in der Arbeit beschützen?
Im Sohar heißt es (WaJishlach, im HaSulam Punkt 1), und das sind seine Worte: „Rabbi Jehuda begann: ‚Denn er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dich auf all deinen Wegen zu behüten.‘ Denn sobald der Mensch auf die Welt kommt, kommt sofort der böse Trieb mit ihm.
Wie geschrieben steht: ‚Und meine Sünde ist mir immer vor Augen.‘ Das ist so, weil er den Menschen Tag für Tag dazu bringt, vor seinem Herrn zu sündigen. Der gute Trieb dagegen kommt zum Menschen von dem Tag an, da dieser sich zu reinigen beginnt. Und wann beginnt der Mensch, sich zu reinigen? Wenn er dreizehn Jahre alt ist. Dann verbindet sich der Mensch mit beiden: der eine zur Rechten, der andere zur Linken. Der gute Trieb steht zur Rechten, der böse Trieb zur Linken. Und das sind wirklich zwei bestellte Engel. Kommt der Mensch, sich zu reinigen, so unterwirft sich ihm der böse Trieb, und die rechte Seite herrscht über die linke; und beide, der gute und der böse Trieb, verbinden sich, um den Menschen auf all seinen Wegen zu behüten, die er geht.” So weit seine Worte.
Hier ist etwas zu verstehen. Im Sinne der Arbeit verstehen wir, dass der gute Trieb den Menschen behütet, solange er auf dem Weg des Schöpfers geht und zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen will; dann empfängt er Schutz vom guten Trieb. Doch welchen Schutz empfängt der Mensch vom bösen Trieb, durch den er zur Anhaftung an den Schöpfer gelangen soll? Das heißt: Würde er vom bösen Trieb keinen Schutz empfangen, könnte er nicht zur Anhaftung an den Schöpfer gelangen.
Die Schrift sagt (Wochenabschnitt Toldot, 1. Mose 25,23): „Und der Schöpfer sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leib, und ein Volk wird stärker sein als das andere, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.” Rashi legt aus: „‚Ein Volk wird stärker sein als das andere‘ – sie werden nicht zugleich groß sein; wenn der eine sich erhebt, fällt der andere.” Das bedeutet: Beide werden nicht zur selben Zeit groß sein.
Es ist bekannt: Die Ordnung der Arbeit – durch die der Mensch dahin gelangt, dass alle seine Handlungen um des Himmels willen geschehen – liegt nicht in der Hand des Menschen. Diese Kraft kann er nur von oben empfangen, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.” Zur Stufe aber, seinem Schöpfer beständig Wohlgefallen zu bereiten, gelangt der Mensch erst, nachdem er alles Schlechte in sich offenbart hat. Dann empfängt er diese Kraft, die „zweite Natur” genannt wird – das Verlangen zu geben.
Das heißt: Der Mensch muss zuerst alles Schlechte in sich offenbaren. Man nennt das so: Er hat bereits ein vollständiges Kli (Gefäß), also einen vollständigen Mangel. Dann empfängt er das vollständige Licht, wie unsere Weisen sagten: „Das Licht darin bringt ihn zum Guten zurück.” Doch zuvor muss sich ihm dieses Kli offenbaren, das heißt ein Mangel an der Hilfe des Schöpfers. Denn diese Hilfe muss eine vollständige sein, wie unsere Weisen sagten: „Es ist überliefert: Vom Himmel gibt man nichts Halbes” – das heißt: Vom Himmel gibt man keine halbe Sache, sondern eine ganze.
Deshalb muss auch der Mangel des Unteren eine ganze Sache sein. Und da es unmöglich ist, dem Menschen alles Schlechte auf einmal zu offenbaren – denn solange er noch nichts Gutes hat, fehlt ihm die Kraft, das Schlechte zu überwinden, weil das Schlechte dann größer wäre als das Gute –, geschieht es so: Beginnt der Mensch, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, so mehrt er jedes Mal das Gute, und in eben diesem Maß offenbart man ihm das Schlechte. So bleibt die Arbeit des Menschen ausgewogen. Bekannt ist die Auslegung unserer Weisen: „Immer soll der Mensch sich selbst als halb schuldig und halb unschuldig ansehen” (Kiddushin, Blatt 40).
Deshalb offenbart man ihm das Schlechte nach und nach – und zwar in dem Maß, in dem er sich bemüht, durch seine Anstrengung in Tora und Mizwot das Gute zu erlangen.
Aus dem Gesagten ergibt sich Folgendes. Der Mensch will den Weg gehen, der zur Anhaftung an den Schöpfer führt – er will also alle seine Handlungen um des Himmels willen tun, seinem Schöpfer Wohlgefallen bereiten und nicht zum eigenen Nutzen wirken. Das aber widerspricht seiner Natur, denn er wurde mit dem Verlangen erschaffen, zum eigenen Nutzen zu empfangen. Darum besteht seine ganze Arbeit darin, dass man ihm sagt: Diese Kraft wird er nicht aus eigener Kraft erlangen; allein der Schöpfer kann sie ihm geben. Sie heißt „Verlangen zu geben”. Der Mensch muss nur ein Kli bereiten, um diese Kraft – die „zweite Natur” – zu empfangen. Gerade durch den bösen Trieb also, der in ihm zu seiner vollen Größe heranwächst, erkennt der Mensch seinen wahren Mangel: dass er aus eigener Kraft das Verlangen zu geben nicht erlangen kann. Und eben das bringt ihn dahin, dass der Schöpfer ihm die Natur des Gebens schenkt. So führen sowohl der gute als auch der böse Trieb den Menschen zum Ziel: zur Angleichung der Form, die „Anhaftung an den Schöpfer” genannt wird.
Damit lässt sich unsere Frage beantworten: Was meint der Sohar mit „Denn er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dich auf all deinen Wegen zu behüten”? Gemeint ist ja auch der böse Trieb, der den Menschen behütet, damit er zur Anhaftung an den Schöpfer gelangt. Doch wenn er den Menschen behütet, damit dieser zur Anhaftung an den Schöpfer gelangt – warum nennt man ihn dann „böser Trieb”? „Böser Trieb” bedeutet doch, dass er dem Menschen Gedanken und Wünsche bringt, die gegen die Heiligkeit (Kedusha) gerichtet sind; das heißt, er redet ihm ein, es lohne sich nicht, Mühe in Tora und Mizwot zu stecken. Wie also behütet er den Menschen, damit dieser zur Anhaftung an den Schöpfer gelangt und alles um des Himmels willen wirkt und nicht zum eigenen Nutzen?
Die Antwort lautet: Solange das Schlechte im Menschen nicht in seinem wahren Maß offenbart ist, kann er die Hilfe des Schöpfers nicht empfangen, denn er hat noch keinen wahren Mangel – und damit auch kein wahres Kli. Gibt ihm nun der böse Trieb Gedanken und Wünsche, die gegen die Heiligkeit gerichtet sind, so heißt eben das „böser Trieb”. Mein Vater und Lehrer Baal HaSulam, sein Andenken sei zum Segen, sagte dazu: „Böser Trieb” bedeutet „Bild des Schlechten”. Der böse Trieb malt dem Menschen nämlich aus, es werde ihm schlecht ergehen, wenn er um des Himmels willen handle und nicht zum eigenen Nutzen. Solche Bilder malt er ihm aus, und das bringt ihn dazu, von der Arbeit des Gebens an den Schöpfer abzulassen.
Sobald der Mensch die Bilder des bösen Triebs zu spüren bekommt, will er dieser Arbeit entfliehen, die einzig dem Nutzen des Schöpfers dient. Dann sieht er, dass es keine Möglichkeit gibt, die Bilder zu überwinden, die der böse Trieb ihm ausmalt. Erst dann kann er sich überwinden und sagen, dass der Schöpfer ihm helfen wird, der Herrschaft des bösen Triebs zu entkommen. Denn nun sieht der Mensch, dass es über der Natur liegt, etwas gegen den finsteren Zustand auszurichten, den ihm das Bild des bösen Triebs vor Augen stellt.
Aus diesen Bildern erkennt der Mensch dann, was das Schlechte ist: welch ein Maß an Schlechtem im Herzen des Menschen steckt, der nichts zum Nutzen des Schöpfers tun kann, solange er nicht sieht, dass auch etwas für ihn selbst dabei ist. Durch diese Bilder erhält er jedes Mal ein Bild des Schlechten. Doch er kann diese Bilder nicht auf einmal sehen, denn sicher hätte er nicht die Kraft, sie zu ertragen.
Man zeigt dem Menschen vielmehr nur ein wenig, und sofort verschwindet dieses Bild wieder. Dann ist es, als hätte er das Bild vergessen – das Bild davon, was es heißt, zum Nutzen des Schöpfers zu wirken und nicht zum eigenen Nutzen. Deshalb hat er erneut die Kraft, mit der Arbeit des Gebens zu beginnen. Und meint er, er sei schon auf der Stufe, einzig zum Nutzen des Schöpfers wirken zu können, kommt der böse Trieb sofort wieder zu ihm und gibt ihm erneut das Bild der Arbeit um des Himmels willen. Und dieses Bild entfernt ihn aufs Neue von der Arbeit um des Himmels willen.
Demnach gilt: Gerade durch den bösen Trieb kann der Mensch zu einem Zustand der Wahrheit gelangen. Er kann sich dann nicht mehr selbst täuschen und behaupten, er diene dem Schöpfer und alle seine Handlungen geschähen um des Himmels willen. Denn wenn der böse Trieb ihm die Bilder davon gibt, was „um des Himmels willen” bedeutet, und er sieht, wie fern er dieser Arbeit ist, dann kann er sich nicht länger einreden, er gehe den Weg der Wahrheit. Er sieht ja, wie sehr der Körper sich dagegen sträubt – so sehr, dass er über den Verstand hinaus glauben muss, dass der Schöpfer ihm doch helfen kann, der Herrschaft der Selbstliebe zu entkommen.
Ohne den Schutz des bösen Triebs könnte der Mensch die Wahrheit also niemals sehen. Dass der gute Trieb den Menschen auf dem Weg behütet, damit er zu seiner Vollkommenheit gelangt und am Schöpfer haftet – also ganz dem Geben dient –, das verstehen alle. Doch ohne den bösen Trieb würde der Mensch meinen, er tue bereits alles um des Himmels willen.
Anders ist es, wenn der böse Trieb mit schlechten Bildern zu ihm kommt und ihm sagt, es lohne sich nicht, zum Nutzen des Schöpfers zu wirken. Dann erkennt der Mensch klar, dass alles, womit er sich zuvor in Tora und Mizwot beschäftigt hat, nur zum eigenen Nutzen war. Denn jetzt, da der böse Trieb ihm den Zustand der Arbeit einzig zum Nutzen des Schöpfers vor Augen stellt, gibt ihm der Mensch recht: In Wahrheit sieht er nicht, was er gewinnt, wenn er zum Nutzen des Schöpfers wirkt.
Und das versetzt den Menschen in einen Zustand des Abstiegs. Denn bevor der böse Trieb mit den Bildern zu ihm kam, wusste er sicher, dass alles, was er tut, um des Himmels willen geschieht – dass er also erfüllt, was der Schöpfer dem Menschen zu tun aufgetragen hat. Wozu sonst sollte er Tora und Mizwot erfüllen? Und jeder weiß: Wer nicht um des Himmels willen wirkt, dessen Arbeit ist nichts wert. Beschäftigt sich der Mensch also mit Tora und Mizwot, so weiß er von sich, dass er um des Himmels willen wirkt.
Jetzt aber kommt der böse Trieb mit den schlechten Bildern über die Arbeit des Gebens, und der Mensch sieht, wie fern er davon ist, um des Himmels willen zu wirken. Eine Arbeit, die nicht um des Himmels willen geschieht, ist sicher nichts wert – und so will er die Arbeit, Tora und Mizwot zu erfüllen, überhaupt aufgeben. Denn von Natur aus kann der Mensch keine Arbeit ohne Zweck verrichten; wer arbeitet, muss sehen, dass er etwas zustande bringt. Der böse Trieb hat ihm ja gezeigt, was es heißt, ganz um des Himmels willen und gar nicht zum eigenen Nutzen zu wirken. Sieht er nun, dass er so nicht wirken kann, und ist eine Arbeit ohne diese Absicht ohnehin nichts wert, so kommt er dahin, das Schlachtfeld ganz verlassen zu wollen.
Aus dem Gesagten verstehen wir nun, wie der Sohar den Vers „Denn er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dich auf all deinen Wegen zu behüten” auslegt. Ohne den bösen Trieb hätte der Mensch das Verdienst der Arbeit des Gebens niemals erlangen können. Denn die Kraft, alles in der Absicht zu geben zu tun, kann nur der Schöpfer geben. Und ohne Mangel kann der Mensch nichts empfangen. Diesen Mangel aber – das Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm die zweite Natur, das Verlangen zu geben, gebe – hat er zunächst nicht, weil er meint, er tue bereits alles um des Himmels willen. Denn solange der Mensch nicht zum Nutzen des Schöpfers wirken will, sträubt sich der Körper nicht so stark, dass der Mensch die Hilfe des Schöpfers bräuchte.
Anders ist es, wenn der Mensch in der Absicht zu geben wirken will. Dann setzt die Arbeit des bösen Triebs bei ihm ein, und dieser beginnt, ihm einzureden, es lohne sich nicht, zum Nutzen des Schöpfers zu wirken. So erzeugt das Schlechte in ihm einen Mangel an der Hilfe des Schöpfers. Es zeigt sich also: Gerade durch das Schlechte wird er dem Schöpfer nahegebracht; der böse Trieb behütet ihn davor, sich selbst zu täuschen, er wirke um des Himmels willen.
Daraus folgt: Betet der Mensch zum Schöpfer um Hilfe, so muss das Gebet klar sein. Das heißt, er muss wissen, was ihm fehlt; der Mangel muss ihm ohne jeden Zweifel offenbar sein. Bleibt der Mangel, den er empfindet, dagegen zweifelhaft und nicht mit Sicherheit offenbar, so ist das kein Gebet. Kommt daher der böse Trieb mit schlechten Bildern zu ihm, dann weiß der Mensch mit Sicherheit, was ihm fehlt. Und das nennt man einen „vollständigen Mangel”.
Das entspricht dem, was bei Jakob geschrieben steht. Er sagte: „Errette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaus; denn ich fürchte ihn, dass er komme und mich erschlage, die Mutter samt den Kindern” (1. Mose 32,12; WaJishlach, im HaSulam Punkt 70). Und das sind seine Worte: „Von hier hören wir, dass jemand, der sein Gebet betet, seine Worte richtig darlegen muss. Denn er sagte: ‚Errette mich doch.‘ Scheinbar hätte das genügt, denn mehr als Errettung braucht er nicht. Dennoch sagte er zum Heiligen, gepriesen sei Er: Falls du sprichst, ich hätte dich schon vor Laban errettet – so legte er dar: ‚aus der Hand meines Bruders‘. Und falls du sprichst, dass auch andere Verwandte einfach ‚Brüder‘ genannt werden – so wie Laban zu Jakob sagte: ‚Bist du denn mein Bruder, dass du mir umsonst dienen solltest?‘ –, so legte er dar: ‚aus der Hand Esaus‘. Was ist der Grund? Weil man die Sache richtig darlegen muss.”
Dazu ist zu fragen: Wenn man vor einem König aus Fleisch und Blut spricht, leuchtet es ein, dass der Bittende seine Bitte klar vortragen muss, damit der König versteht, worum er bittet. Doch wer eine Bitte an den Schöpfer richtet – warum muss seine Bitte so klar sein? Weiß der Schöpfer denn nicht, was im Herzen des Menschen ist? Er kennt sicher die Gedanken der Menschen, denn er wird „der die Gedanken kennt” genannt, wie wir sagen: „Der die Gedanken kennt, hilf doch.” Wozu also müssen wir das Gebet und die Bitte, die wir beten, so sehr klären, dass sie „richtig dargelegt” sind?
Die Antwort lautet wie zuvor: Der Mensch muss das Gebet so darlegen, dass es für ihn selbst deutlich und klar ist. Er muss wissen, was ihm fehlt. Denn manchmal meint er, ihm fehlten überflüssige Dinge, und dafür betet er mit aller Kraft; auf das aber, was sein Leben betrifft – ohne das er kein Leben der Heiligkeit empfangen kann –, verzichtet er. Er meint nämlich, ihm fehlten Dinge, durch die er ein angesehener und vollkommener Mensch würde, und darum bittet er. In Wahrheit aber fehlt ihm, was sein Leben betrifft: Erlangt er es nicht, so bleibt er ein Toter, wie unsere Weisen sagten: „Die Bösen werden schon zu ihren Lebzeiten ‚Tote‘ genannt.”
Malt der böse Trieb ihm daher schlechte Bilder über die Arbeit aus, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, so kommt der Mensch durch dieses Schlechte manchmal so weit, dass er „das Frühere bereut” – gleich den Kundschaftern, die übel über das Land Israel redeten, wie der Sohar auslegt. Dann sieht er, dass er wirklich böse ist und keinen Glauben an den Schöpfer hat.
Baal HaSulam sagte dazu: Der Mensch muss darauf achten, auf seinem Weg alle Handlungen zu tun, die in seiner Hand liegen – von Seiten des Erwachens von unten (Itaruta deLetata) –, damit er den Glauben an den Schöpfer erlangt. Das wird mit den Worten benannt: „Ich bin der Schöpfer, dein Gott, und du sollst keine anderen Götter haben.” Diese gelten als „Luftröhre und Speiseröhre” – die zwei Kennzeichen, von denen das Leben der Lebewesen abhängt. Wie in der Körperlichkeit das Leben aus dem Lebewesen weicht, wenn man diese Kennzeichen durchtrennt, so weicht auch in der Arbeit das spirituelle Leben aus dem Menschen, wenn bei ihm das „Ich bin … und du sollst nicht haben” abbricht.
Deshalb weint der Mensch manchmal und betet zum Schöpfer, er möge ihm bei dem helfen, was ihn beschäftigt. Und obwohl er bittere Tränen weint, hilft man ihm bei seiner Bitte dennoch nicht. Der Grund: Er ist in Lebensgefahr und bittet doch um Nichtigkeiten. Der Mensch meint nämlich, mit ihm sei alles in Ordnung, und ihm fehle nur noch eine Kleinigkeit. In Wahrheit aber fehlt ihm das Leben. Deshalb kommt der Engel, der „böser Trieb” genannt wird: Durch seine Bilder zeigt er dem Menschen, dass es sich nicht lohne, sich vor Ihm, gepriesen sei Er, aufzugeben, weil das Verlangen, zum eigenen Nutzen zu empfangen, daraus keinen Gewinn zieht. Eben dadurch kann der Mensch die Wahrheit sehen: dass er wirklich böse ist.
Es zeigt sich also: Gerade durch diese Offenbarung des Schlechten behütet das Schlechte den Menschen, sodass er den Schöpfer bittet, ihm Leben zu geben – das „Glaube an den Schöpfer” genannt wird –, damit er am Schöpfer haften kann, wie geschrieben steht: „Und ihr, die ihr dem Schöpfer, eurem Gott, anhaftet, ihr lebt alle am heutigen Tag” (5. Mose 4,4). Und das ist es, was der Sohar sagt: „Denn er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dich auf all deinen Wegen zu behüten.” Beide also, der gute und der böse Trieb, behüten den Menschen, damit er zur Anhaftung an den Schöpfer gelangt. Ohne den bösen Trieb wüsste er die Wahrheit nicht – wüsste nicht, worum er den Schöpfer bitten soll, dass er ihm helfe.
Damit lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „Den Gerechten erscheint der böse Trieb wie ein hoher Berg.” Man kann es so verstehen: Sieht der Mensch, dass sein böser Trieb so groß ist wie ein hoher Berg, so ist das ein Zeichen, dass er ein Gerechter ist – dass er also den Weg der Wahrheit geht, durch den er ein Gerechter wird. Sonst erschiene ihm der böse Trieb nicht wie ein hoher Berg. Das liegt daran, dass man dem Menschen das Schlechte in ihm nur in dem Maß offenbart, in dem er Gutes hat; denn das Gute und das Schlechte müssen immer ausgewogen sein. Dann lässt sich sagen, dass der Mensch eine Wahl treffen und sich für das Gute entscheiden muss.
Ebenso lässt sich der Vers erklären (WaJetze, erster Wochenabschnitt, 1. Mose 28,12): „Und siehe, Engel Gottes stiegen auf und stiegen herab an ihr.” Die bekannte Frage lautet: „Warum steigen die Engel Gottes zuerst auf?” Es hätte heißen müssen: „Zuerst steigen sie herab und danach auf.” Im Sinne der Arbeit lässt sich auslegen: „Engel Gottes” werden jene Menschen genannt, die Boten des Schöpfers sein wollen, um das heilige Werk zu verrichten, wie unsere Weisen sagten (Sukka 10): „Wir sind Boten einer Mizwa.”
Deshalb werden jene Menschen, die zu Engeln werden wollen – also alles zum Nutzen des Schöpfers tun wollen –, „Boten des Schöpfers” genannt. Zuerst müssen sie eine Stufe aufsteigen, das heißt gute Taten verrichten, was „Aufstieg auf einer Stufe” genannt wird. Danach, in der Zeit des Aufstiegs, gehen sie bereits den Weg der Vollkommenheit. Dann kann der Mensch meinen, er stehe auf dem Gipfel der Vollkommenheit. Und weil er das Verlangen hat, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen, offenbart man ihm von oben die Wahrheit: wie fern er noch davon ist, alles um des Himmels willen zu tun. Durch die Offenbarung des Schlechten steigt der Mensch von seiner Stufe herab und beginnt, die Wahrheit zu sehen und zu erkennen, was ihm fehlt. So ist die Ordnung der Arbeit: Zuerst empfängt der Mensch einen Aufstieg von oben, danach einen Abstieg von oben. Und all das geschieht aus dem genannten Grund: Durch die Aufstiege und Abstiege erlangt der Mensch einen vollständigen Mangel. Und dieser Mangel ist so groß, dass niemand auf der Welt ihn füllen kann außer dem Schöpfer selbst. Das nennt man ein „vollständiges Kli”, das geeignet ist, Seine Hilfe, gepriesen sei Er, zu empfangen.
Das entspricht dem, was mein Vater und Lehrer zu dem Ausspruch unserer Weisen sagte (Sprüche der Väter, Kapitel 2,21). Und das sind ihre Worte: „Es liegt nicht an dir, das Werk zu vollenden, und doch bist du nicht frei, dich ihm zu entziehen.” Er legte es so aus: „Es liegt nicht an dir, das Werk zu vollenden” – das heißt, die Arbeit, dahin zu gelangen, dass alle Handlungen um des Himmels willen geschehen, liegt nicht in der Hand des Menschen. Wenn das so ist – wozu muss er diese Arbeit dann überhaupt beginnen, die er ohnehin nicht vollenden kann? Denn so geht es in der Welt zu: Der Mensch beginnt keine Arbeit, von der er im Voraus weiß, dass er sie nicht vollenden kann. Warum also sagten sie: „und doch bist du nicht frei, dich ihm zu entziehen”, dass der Mensch diese Arbeit also sehr wohl beginnen muss? Es stellt sich die Frage: Zu welchem Ziel soll er beginnen?
Die Antwort lautet: In jeder Sache muss ein Verlangen und eine Sehnsucht vorhanden sein, das Erstrebte zu erlangen. Sonst, wenn man etwas empfängt, ohne dass ein Mangel daran vorausging, ist kein Genuss möglich; denn bekanntlich gibt es kein Licht ohne ein Kli. Deshalb muss der Mensch mit der Arbeit des Gebens beginnen. Nachdem er viele Kräfte aufgewendet hat, um diese Kraft zu erlangen, sieht er dann, dass es nicht in seiner Hand liegt, sie zu erlangen. Gibt der Schöpfer ihm danach diese Kraft des Gebens, so kann er sie genießen.
Und dazu sagte er, dass dies der Sinn von „Wir werden tun und wir werden hören” ist, das Israel sprach, als die Völker der Welt die Tora nicht annehmen wollten, weil sie sahen, dass man nicht gegen die Natur gehen kann. Israel aber sprach: „Wir werden mit Zwang tun, auch wenn unser Herz es nicht will, und dadurch werden wir würdig, zu hören.” Das heißt: Der Schöpfer wird uns hören lassen, dass diese Arbeit dem Herzen annehmbar wird, was „und du sollst es dir zu Herzen zurückbringen” genannt wird (5. Mose 30,1).
korrigiert, EY, CO4.8, 14.06.2026
Zusammenfassung des Artikels:
Der Artikel bietet eine tiefgründige Analyse über das Konzept des guten und bösen Triebes in der Kabbala und ihre Rolle bei der spirituellen Entwicklung des Menschen. Er bezieht sich auf verschiedene Texte und Kommentatoren, einschließlich des Sohar und Rabash.
Im Artikel wird argumentiert, dass sowohl der gute als auch der böse Trieb dazu dienen, den Menschen auf seinem spirituellen Weg zu schützen und zu leiten. Bei der Geburt tritt der böse Trieb in das Leben eines Menschen ein und der gute Trieb tritt hinzu, sobald der Mensch gereinigt wird, was im Allgemeinen im Alter von dreizehn Jahren geschieht.
Der Artikel betont, dass der gute Trieb den Menschen schützt, wenn er versucht, Dwekut (Anhaftung) an den Schöpfer zu erreichen. Gleichzeitig fragt der Artikel, wie der böse Trieb den Menschen schützen kann, wenn er versucht, Dwekut an den Schöpfer zu erreichen. Die Antwort ist, dass der böse Trieb den Menschen dazu bringt, sein eigenes Bedürfnis nach der Hilfe des Schöpfers zu erkennen.
Durch die konstante Auseinandersetzung mit dem bösen Trieb erkennt der Mensch seinen Mangel und sein Bedürfnis nach der Hilfe des Schöpfers. In diesem Prozess lernt der Mensch, dass er aus eigener Kraft nicht das Verlangen zu geben entwickeln kann. Das bringt ihn zu dem Punkt, an dem der Schöpfer ihm dieses Verlangen zu geben verleiht.
Der Artikel argumentiert weiterhin, dass der Mensch nicht in der Lage wäre, die Wahrheit zu erkennen, ohne den bösen Trieb. Während der gute Trieb den Menschen auf dem Weg zur vollständigen Anhaftung an den Schöpfer schützt, verhindert der böse Trieb, dass der Mensch sich selbst täuscht, dass er alles um Gottes willen tut.
Zusammenfassend argumentiert der Artikel, dass sowohl der gute als auch der böse Trieb essenziell für die spirituelle Entwicklung des Menschen sind. Der böse Trieb offenbart dem Menschen seinen Mangel und sein Bedürfnis nach der Hilfe des Schöpfers, während der gute Trieb ihn auf dem Weg zur vollständigen Anhaftung an den Schöpfer schützt.
korr KW