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1991/27 Was bedeutet „Wenn eine Frau als Erste befruchtet, bringt sie ein männliches Kind zur Welt“ in der Arbeit?

Unsere Weisen sagten (Berachot 60): „Wenn eine Frau als Erste befruchtet, bringt sie ein männliches Kind (Sachar) zur Welt. Befruchtet ein Mann als Erster, bringt sie ein weibliches Kind (Nekewa) zur Welt. Denn es heißt: ‚Wenn eine Frau befruchtet und ein männliches Kind gebiert.‘“ So weit ihre Worte.

Wir müssen verstehen, worauf uns dies in der Arbeit hinweist, damit wir wissen, wie wir uns verhalten sollen.

Bekanntlich besteht die Arbeit, die uns gegeben wurde – nämlich Tora und Mizwot zu erfüllen –, darin, Israel zu läutern, wie es im Buch „Einführung in die Weisheit der Kabbala (Pticha)“ heißt: „Es ist bekannt, dass das Wort ‚Sakut‘ (Verdienst) von ‚Hisdakchut‘ (Läuterung) stammt. Und das entspricht dem, was unsere Weisen sagten: ‚Die Mizwot wurden nur gegeben, um Israel durch sie zu läutern.‘“

Die Geschöpfe wurden mit der Natur des Verlangens erschaffen, für sich selbst zu empfangen – denn das Schöpfungsziel besteht darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Deshalb erschuf Er in den Geschöpfen das Verlangen und die Sehnsucht, Freude und Genuss zu empfangen. Da dies jedoch eine Formverschiedenheit zum Schöpfer darstellt, der der Gebende ist, wurde uns eine Arbeit gegeben: Wir sollen uns in der Form dem Schöpfer angleichen. Wir haben uns also zu korrigieren, sodass alles, was wir tun, ganz um des Gebens willen geschieht.

Wir sehen, dass es bei uns Handlungen gibt, die wir tun, um zu geben, und Handlungen, die wir tun, um zu empfangen. Zum Beispiel beschäftigen wir uns mit den Mizwot zwischen Mensch und Schöpfer und mit den Mizwot zwischen Mensch und Mensch, die man im Allgemeinen „Handlungen des Gebens“ nennt. Ebenso vollziehen wir Handlungen des Empfangens: essen, trinken und dergleichen. Uns wurde die Arbeit der Angleichung der Form gegeben: Wir müssen um des Gebens willen handeln – sowohl bei den Handlungen des Gebens als auch bei den Handlungen des Empfangens.

Bekanntlich besteht zwischen Gefäßen (Kelim) und Lichtern ein umgekehrtes Verhältnis. Es gibt Lichter, die „männlich“ (Secharim) genannt werden, und Lichter, die „weiblich“ (Nekewot) genannt werden. „Männlich“ (Sachar) bedeutet Vollkommenheit, „weiblich“ (Nekewa) bedeutet Mangel. Die Stufe ist also mit dem Licht, das sie empfangen hat, noch nicht in Vollkommenheit. Denn es gibt zwei Arten von Lichtern:

1) Das Licht des Schöpfungsziels, das „vollkommenes Licht“ genannt wird.

2) Das Licht der Korrektur der Schöpfung, das nur eine Bekleidung für das Licht des Schöpfungsziels und deshalb weiblich (Nekewa) ist. Es ist keine Vollkommenheit, sondern nur ein Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Das erste Licht wird „Licht von Chochma“ oder „Licht des Lebens“ genannt, und das zweite Licht wird „Licht von Chassadim“ genannt, das man im Allgemeinen WaK (also Waw Kzawot, die sechs Enden) nennt. Das bedeutet, dass ihm noch die ersten drei Sefirot fehlen.

Wenn der Mensch deshalb mit den weiblichen Gefäßen arbeitet, also mit den Gefäßen des Empfangens – wenn er also dazu erwacht, die Gefäße des Empfangens um des Gebens willen zu gebrauchen –, dann „bringt sie ein männliches Kind zur Welt“. Das heißt, aus dieser Arbeit wird das Licht von Chochma geboren, das vollkommene Licht, und das Licht des Lebens, das „männlich“ (Sachar) genannt wird, weil dieses Licht zum Schöpfungsziel gehört; denn der Schöpfer erschuf das Gefäß des Empfangens, das „Verlangen zu empfangen“ genannt wird, für das Licht des Schöpfungsziels.

Darauf bezieht sich der Ausspruch: „Wenn eine Frau als Erste befruchtet, bringt sie ein männliches Kind zur Welt.“ Anders verhält es sich, wenn der Mensch mit den Gefäßen des Gebens arbeitet, das heißt: Nur bei den Handlungen des Gebens kann er um des Gebens willen arbeiten, denn die Gefäße des Gebens werden „männlich“ genannt – dann wird daraus nur ein weibliches Licht geboren. Denn das Licht von Chassadim, das sich über den Gefäßen des Gebens offenbart, kann nur ein Licht von Chassadim hervorbringen, das „WaK ohne GaR“ genannt wird, was auf das Fehlen von GaR hinweist. Und das Licht von Chassadim wird nur „bekleidendes Licht“ genannt. Das heißt, in das Licht von Chassadim kommt danach das Licht von Chochma und kleidet sich darin ein. Und deshalb heißt es: „Befruchtet ein Mann als Erster, bringt sie ein weibliches Kind zur Welt.“

Der Sohar (Tasria, Blatt 20, Abschnitt 60) sagt: „Komm und sieh: In der Stunde, in der der Schöpfer zusammen mit der Versammlung Israels (Knesset Israel) weilt, die Malchut ist, und sie als Erste das Verlangen nach Ihm erweckt und Ihn mit viel Liebe und Sehnsucht heranzieht – dann wird Malchut von der rechten Seite erfüllt, die Chassadim ist, zur Stufe des Männlichen (Sachar). Und wenn der Schöpfer als Erster Liebe und Verlangen erweckt und Malchut erst danach erwacht, dann befindet sich alles auf der Stufe des Weiblichen (Nekewa), die Malchut ist.“

Auch hier müssen wir verstehen, worauf uns dies in der Arbeit hinweist. Bekanntlich gehen die Geschöpfe aus Malchut hervor. Deshalb wird Malchut „Versammlung Israels“ genannt, denn das „Volk Israel“ geht aus Malchut hervor. Daher sagt der Sohar: So wie die Ordnung oben ist, so geht sie in die körperlichen Zweige über. Demnach ist es so zu deuten: Wenn der Mensch zum Schöpfer hin erwacht und will, dass der Schöpfer ihn zu Sich heranzieht – er will also an Ihm anhaften, was „Angleichung der Form“ genannt wird –, wenn er seine Handlungen für den Himmel tun will, es aber nicht kann, dann bittet er den Schöpfer, ihm die Kraft zu geben, die „Verlangen zu geben“ heißt.

Der Mensch sehnt sich nach dieser Kraft, weil er einen Mangel spürt: Er besitzt nicht die Kraft, alles für den Himmel zu tun. Durch diese Arbeit, in der er erwacht und den Schöpfer bittet, ihm diese Kraft zu geben, gibt man ihm von oben die Kraft des Verlangens zu geben, die eine zweite Natur ist. Das wird „und sie bringt ein männliches Kind zur Welt“ genannt: Das Verlangen zu geben heißt Sachar (männlich). Das bedeutet, dass der Höhere dem Unteren das Licht von Chassadim gegeben hat, denn „Chessed“ wird der Gebende genannt.

Das heißt: Die Arbeit der Sehnsucht, in der der Untere seinen Mangel spürt, wird „Gebet“ genannt. Er bittet also darum, dass der Schöpfer seinen Mangel erfüllt, wie gesagt. Dann wird die Erfüllung des Mangels „männlich“ (Sachar) genannt. Darauf weist der Ausspruch hin: „und sie erweckt als Erste das Verlangen nach Ihm“. Das bedeutet, dass ihr Verlangen – also das von Malchut, das „Verlangen zu empfangen“ genannt wird – zu Ihm gerichtet ist.

Ihr Verlangen ist zu Ihm gerichtet: Sie will an Ihm anhaften, was „Angleichung der Form“ genannt wird, indem sie das Verlangen zu geben erbittet, was „Anhaftung (Dwekut)“ genannt wird. Und das meint der Satz: „Dann wird Malchut von der rechten Seite erfüllt, die Chassadim ist, zur Stufe des Männlichen.“ Und damit lässt sich deuten: „Wenn eine Frau befruchtet und ein männliches Kind gebiert“ – das heißt, dass die Erweckung von der Seite des Menschen kommt.

Dies kann jedoch nur dann geschehen, wenn der Mensch zuvor bereits ein Verlangen hatte, sich dem Schöpfer zu nähern – er hat also ein Erwachen von oben empfangen, sodass ein Verlangen entsteht, Spirituelles zu empfangen, und man den Geschmack des Genusses beim Vollziehen von Tora und Mizwot kosten kann. Wir haben bereits in den vorigen Artikeln davon gesprochen, dass man bei diesem Genuss am Empfangen der Belohnung drei Aspekte unterscheiden muss:

1) Dass er eine Belohnung in dieser Welt und in der kommenden Welt hat. Das heißt, er erfüllt Tora und Mizwot, weil er eine Gegenleistung, eine Belohnung, erhält. An den Handlungen, die er vollzieht, findet er also keinen Geschmack, sondern er erfüllt Tora und Mizwot nur deshalb, weil er danach eine Belohnung erhält. Und er genießt das jetzt schon.

2) Dass er beim Vollziehen der Mizwot einen Geschmack empfindet, weil es ihm leuchtet. Er genießt es, dem König zu dienen. Und das ist seine Belohnung. Denn er glaubt, was er aus Büchern und von Verfassern gehört hat: dass es einen Genuss in Tora und Mizwot gibt. Auch hat er ein wenig Erwachen von oben empfangen, sodass er zu spüren begann, dass man beim Vollziehen von Tora und Mizwot mehr Geschmack kosten kann als bei den Genüssen dieser Welt.

3) Dass er sieht, was unsere Weisen über die Anhaftung sagten: „Und hafte an Ihm – hafte an Seinen Eigenschaften. Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“

Deshalb erwacht er dazu, auf der Stufe des Gebenden zu arbeiten, und sieht dabei, dass dies nicht in der Hand des Menschen liegt. Dann beginnt er, sich nach dem Schöpfer zu sehnen, dass Er ihm die Kraft gibt, alles um des Gebens willen tun zu können. Das heißt: Wer spürt, dass er auf der Stufe einer Frau ist, also weiblich (Nekewa) – dass er also in der Eigenliebe versunken ist –, empfängt dann von oben die Stufe des Männlichen (Sachar). Ihm wird eine zweite Natur zuteil, die „Verlangen zu geben“ genannt wird. Deshalb heißt es: „Wenn eine Frau befruchtet und ein männliches Kind gebiert.“ Von oben gibt man ihm also die Stufe von Chessed, die Stufe des Männlichen.

Anders verhält es sich mit „Befruchtet ein Mann als Erster, bringt sie ein weibliches Kind zur Welt“. Darauf bezieht sich der Satz: „Und wenn der Schöpfer als Erster Liebe und Verlangen erweckt und Malchut erst danach erwacht, dann befindet sich alles auf der Stufe des Weiblichen, die Malchut ist.“ Ähnlich steht geschrieben: „Wenn eine Frau befruchtet – was ist der Grund? Wir haben gelernt, dass die untere Welt nach dem Bild der oberen Welt gestaltet ist und die eine der anderen gleicht.“

Auf dem Weg der Arbeit lässt sich das so deuten: Wenn der Mann als Erster befruchtet, bringt sie ein weibliches Kind zur Welt. Der Schöpfer heißt Isch (Mann). Der Mensch wird als weiblich (Nekewa) bezeichnet, weil er aus Malchut hervorgeht. Kommt deshalb die Erweckung von oben – also zu der Zeit, in der der Schöpfer den Menschen näher bringt –, dann beginnt der Mensch, die Größe und Bedeutung des Schöpfers zu spüren. Er spürt dann: Ist er mit dem Schöpfer verbunden, wird er in Seiner Nähe Genuss empfinden. Nun beginnt er, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, weil er darin ein wenig Lebendigkeit findet. Daraus folgt: Was ihn dazu bewegt, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, ist der Genuss, den er jetzt durch die Erweckung des Mannes (Isch), also des Schöpfers, empfindet.

Und das meint der Ausspruch: „Befruchtet ein Mann als Erster, bringt sie ein weibliches Kind zur Welt.“ Das heißt, aus dieser Arbeit, die der Mensch verrichtet, weil er ein Erwachen von oben empfangen hat, kann nur die Stufe des Weiblichen geboren werden. Denn bekanntlich wird die Stufe des Weiblichen im Spirituellen „empfängt und gibt nicht“ genannt. Auf dem Weg der Arbeit heißt das: Der Mensch baut sein Tun auf der Grundlage auf, dass er daraus Freude empfängt – und das ist es, was ihn antreibt.

Das wird die Stufe des „Weiblichen“ (Nekewa) genannt: Der Mensch arbeitet dann auf einer Grundlage, die „Verlangen, Spirituelles zu empfangen“ genannt wird. Um des Gebens willen zu arbeiten vermag er jedoch nicht, weil seine ganze Grundlage auf dem Genuss aufgebaut ist, den er von oben empfangen hat, von der Seite des Erwachens von oben. Dann wird der Mensch auf der Stufe des Weiblichen (Nekewa) geboren, das heißt, das Verlangen, Spirituelles zu empfangen, um zu empfangen. Doch um des Gebens willen zu arbeiten, vermag er nicht. Deshalb heißt es: „Befruchtet ein Mann als Erster, bringt sie ein weibliches Kind zur Welt“, also die Stufe „empfängt und gibt nicht“.

Wird dem Menschen deshalb ein Verdienst zuteil, so zeigt man ihm von oben, dass er um des Gebens willen arbeiten muss – und er kann es nicht. Deshalb erfährt er einen Abstieg: Er ist noch nicht fähig, auf der Grundlage des Gebens zu arbeiten. In dem Augenblick, in dem er sieht, dass man um des Gebens willen und nicht zum eigenen Nutzen arbeiten muss, fällt er ab, weil er erkennt, dass dies nicht für ihn ist.

Dieser Abstieg führt manchmal dazu, dass er vom Schlachtfeld flieht. Wird ihm jedoch ein Verdienst zuteil, so fasst er sich wieder und beginnt zu erkennen, was es bedeutet, um des Gebens willen arbeiten zu müssen. Und er sieht, dass dies nicht in der Hand des Menschen liegt. Dann beginnt er, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm hilft, der Herrschaft der Eigenliebe zu entkommen, mit der der Mensch geboren wurde. Er bittet den Schöpfer um Hilfe.

Das nennt man: Der Mensch muss um das Exil der Shechina (göttliche Gegenwart) beten. Er betet also darum, für das Königtum des Himmels arbeiten zu können. Das ist eine schwere Sache, denn sie rührt aus der Herrschaft der Völker der Welt über das persönliche Israel im Menschen her. Man muss auch für die gesamte Allgemeinheit beten, dass ganz Israel fähig wird, für die Heiligkeit zu arbeiten, die „Königtum des Himmels“ genannt wird. Diese Stufe, auf der der Mensch für Malchut arbeitet, wird die Stufe „Wenn eine Frau befruchtet und ein männliches Kind gebiert“ genannt. Anders verhält es sich mit „Befruchtet ein Mann als Erster, bringt sie ein weibliches Kind zur Welt“, wie gesagt.

Deshalb darf der Mensch nicht dasitzen und warten, bis er ein Erwachen von oben empfängt, sondern in welchem Zustand der Mensch sich auch befindet, er muss anfangen zu erwachen, damit der Schöpfer ihm hilft.

Zum Gebet muss man Folgendes wissen: Betet der Mensch zum Schöpfer, dass Er ihm hilft, so ist zwischen Gebet und Bitte zu unterscheiden. Denn „Gebet“ nennt man das, was der Mensch nach der Ordnung der Gebete betet, die unsere Weisen für uns festgelegt haben. „Bitte“ dagegen ist das, was der Mensch auf persönliche Weise erbittet. So legt man die Bedeutung von Gebet und Bitte aus.

Das lässt sich so erklären: Was unsere Weisen festgelegt haben, muss der Mensch mit dem Mund aussprechen. Das heißt, selbst wenn er nicht beabsichtigt, dass der Schöpfer hört, was er im Wortlaut des Gebets sagt, nennt man es dennoch „Gebet“. Denn wir sagen, was sie gesagt haben, und für sie waren das heilige Dinge. Zum Beispiel spricht der Mensch nach dem Achtzehn-Bitten-Gebet (Shmone Esre) das Gebet: „Und meine Seele sei wie Staub vor allen.“ Gewiss will der Mensch nicht, dass der Schöpfer dieses Gebet erfüllt.

Aber der Mensch spricht es im Wortlaut des Gebets aus. Und das ist als Segula (Heilmittel) gemeint. Das heißt, als Segula kann das, was er spricht – „und meine Seele sei wie Staub vor allen“ –, sogar beim Einkommen und dergleichen helfen. Denn alle Gebete, die unsere Weisen festgelegt haben, sind auf der Stufe der heiligen Namen, und das ist eine Segula für alles: Es nützt für jede Sache.

Und was die Bedeutung der Worte angeht – also das, was der Mensch denkt –, so muss er wissen: Diese Gebete sind über unserem Verstand; vielmehr sind sie alle heilige Namen. Wir gebrauchen sie als Segula, denn dadurch haben wir Verbindung mit dem Schöpfer. Deshalb muss man alle Gebete mit dem Mund sprechen, weil wir sie im Herzen nicht verstehen. Sprechen wir sie deshalb mit dem Mund, so haben wir Verbindung mit dem, was sie gesagt haben. Denn alles, was sie gesagt haben, sprachen sie aus geistiger Erlangung (Ruach haKodesh) heraus, und es gründet auf der Stufe der heiligen Namen.

Wie mein Herr Vater und Lehrer sagte: Gemäß der überlieferten Tradition ist die Ordnung beim Beten für einen Kranken so, dass man im Achtzehn-Bitten-Gebet sagt: „Heile uns, o Ewiger, und wir werden geheilt werden“ – und das deshalb, weil die Allgemeinheit nur dem Wortsinn folgen kann. In Wahrheit aber, so sagte er, kann man des Kranken sogar im Segen „und für die Verleumder“ gedenken, damit der Schöpfer ihm Heilung sendet, weil alle Segen des Achtzehn-Bitten-Gebets allesamt heilige Namen sind. Deshalb sagte er: Dadurch, dass wir die Gebete sprechen, die sie gesagt haben, haben wir Verbindung mit ihnen, also mit ihren Gebeten; mit ihren Absichten besteht demnach eine Verbindung.

Anders verhält es sich bei der Bitte: Sie ist das, woran der Mensch einen Mangel spürt. Sie liegt allein im Herzen. Es ist nicht wichtig, was er mit dem Mund sagt, denn „Bitte“ bedeutet, wie gesagt: Woran es dem Menschen fehlt, darum bittet er. Und alle Mängel des Menschen befinden sich nicht im Mund, sondern im Herzen. Deshalb kommt es nicht darauf an, was der Mensch mit dem Mund sagt; denn der Schöpfer kennt die Gedanken. Deshalb hört man oben nur das, was das Herz verlangt, und nicht das, was der Mund verlangt, aus dem oben genannten Grund: weil der Mund keinen Mangel hat, den man erfüllen müsste.

Deshalb muss der Mensch, der zum Beten geht, eine Vorbereitung auf das Gebet treffen. Und worin besteht diese Vorbereitung? Wie geschrieben steht: „Bereite dich, deinem Gott zu begegnen, Israel“ (Shabbat 10). Dort wird angeführt, dass beim Thema der Vorbereitung jeder Einzelne die Vorbereitung nach seinem Verständnis vornahm. Das ist so zu deuten: Die Vorbereitung, die jeder vornahm, dient dazu, zu wissen, worum man bitten soll. Denn der Mensch muss wissen, worum er bittet – er muss wissen, woran es ihm fehlt.

Der Mensch hat um viele Bedürfnisse zu bitten; doch es ist der Weg der Welt, dass man um das bittet, was man am dringendsten braucht. So besteht etwa die ganze Sorge eines Menschen, der im Gefängnis sitzt, darin, dass der Schöpfer ihn aus dem Gefängnis herausführt. Hat er manchmal kein Einkommen und dergleichen, so bittet er den Schöpfer dennoch nicht darum, ihm auch das Einkommen zu geben, obwohl er es braucht. Denn sein Hauptleid ist die Gefangenschaft. Der Mensch bittet um das, was er am dringendsten zu brauchen spürt: Worunter er am meisten leidet, darum bittet er.

Wenn der Mensch deshalb zum Schöpfer geht, um zu beten, dass Er ihm hilft, muss er zuerst eine Vorbereitung treffen und sich selbst prüfen und sehen, was er hat und woran es ihm fehlt. Dann kann er wissen, worum er den Schöpfer bitten soll. Darauf weist der Vers hin: „Aus den Tiefen rief ich Dich an, o Ewiger.“ „Tiefe“ bedeutet, dass sich der Mensch am tiefsten möglichen Punkt befindet, wie es heißt: „im untersten Scheol“ – sein Mangel liegt ganz unten, sodass er spürt, dass er unter allen Menschen steht.

Er spürt, dass er weiter von der Heiligkeit entfernt ist als die übrigen Menschen: Niemand sonst empfindet so wahrhaftig wie er, wie wenig sein Körper Bezug zur Heiligkeit hat. Deshalb können jene Menschen, die nicht wahrhaftig sehen, wie weit sie von der Heiligkeit entfernt sind, mit ihrer Arbeit im heiligen Dienst zufrieden sein. Anders verhält es sich bei ihm: Er leidet unter dem Zustand, in dem er sich befindet.

Deshalb kann dieser Mensch, der sich selbst kritisch geprüft hat und die Wahrheit sehen will, sprechen: „Aus den Tiefen rief ich Dich an, o Ewiger.“ Das heißt, aus der Tiefe des Herzens. Das nennt man ein „Gebet aus der Tiefe des Herzens“ von der Seite des Empfangenden. Er hat sich also selbst kritisch geprüft und sieht seinen Mangel.

Doch wenn sich der Mensch auf das Gebet vorbereitet, muss er seine Aufmerksamkeit auf den Gebenden richten. Und das ist das Schwerste. Denn es gibt eine Regel: Allem, was vom Glauben abhängt, stimmt der Körper nicht zu. Da der Mensch zum Schöpfer betet, muss er glauben, dass der Schöpfer „das Gebet jedes Mundes erhört“. Und das, obwohl der Mensch nicht würdig ist, dass der Schöpfer seine Wünsche erfüllt.

Das ist so, wie wir es beim Bitten von Mensch zu Mensch sehen. Es ist der Weg der Welt, dass für denjenigen, der einen Gefallen von seinem Mitmenschen erbittet, zwei Bedingungen erfüllt sein müssen:

1) Dass der Mitmensch das hat, was er will. Dass er es ihm geben kann, wenn er ihn darum bittet, weil der Mitmensch es hat.

2) Dass der Mitmensch ein gutes Herz hat. Sonst kann es sein, dass er zwar hat, worum man ihn bittet, es aber nicht geben will, weil er nicht barmherzig ist.

Ebenso müssen zwischen Mensch und Schöpfer diese beiden Bedingungen erfüllt sein, wie unsere Weisen sagten (Chulin 7b): „Israel ist heilig. Mancher will und hat nicht, und mancher hat und will nicht.“ Und das ist auf dem Weg der Arbeit zu deuten. Der Schöpfer hat das zu geben, was der Mensch will: Der Mensch bittet, dass der Schöpfer ihn näher bringt und ihm den Verdienst gibt, Ihm zu dienen – er will, dass der Schöpfer ihm das Verlangen zu geben verleiht. Dann glaubt er, dass der Schöpfer die Kraft hat, ihm dieses Verlangen zu verleihen.

Aber der Schöpfer will nicht – denn Er sieht, dass der Mensch dazu noch nicht fähig ist, weil er noch kein wahres Verlangen danach hat. Der Mensch meint zwar, er habe bereits viele Gebete an den Schöpfer gerichtet, damit Er sein Verlangen erfüllt und ihm die Erfüllung gibt, die das Verlangen zu geben ist.

Doch nach dem Grundsatz „wie der Vorzug des Lichts aus der Finsternis“ ist das Erwachen des Menschen von unten noch nicht vollkommen; er muss noch Mühe aufbringen, um die Größe des Geschenks zu erfassen, das er vom Schöpfer erbittet, das „Verlangen zu geben“ heißt. Und das nennt man: „Er hat, und Er will nicht geben.“ Aber der Mensch wird „heilig“ genannt, weil er den Schöpfer bittet, ihn als Seinen Diener anzunehmen.

Manchmal bittet der Mensch den Schöpfer, dass Er ihn näher bringt und ihm Geschmack an Tora und Gebet gibt. Hat er dann den Geschmack der Süße in Tora und Arbeit, so ist er bereit, ein Diener des Schöpfers zu sein. Aber einfach so zu lernen und zu beten und alle 613 Mizwot in all ihren Einzelheiten und Genauigkeiten zu erfüllen, ohne dabei einen Geschmack zu empfinden – da sagt der Mensch, dass er es nicht kann.

Deshalb bittet er den Schöpfer, sein Verlangen zu erfüllen. Das nennt man beim Schöpfer: „Israel ist heilig. Mancher will, und Er hat nicht.“ Das bedeutet: Der Schöpfer will dem Menschen die Geschmäcke der Tora und die Geschmäcke der Mizwot geben, aber Er hat sie nicht. Denn diese Dinge sind beim Schöpfer nicht in Gefäßen des Empfangens vorhanden, sodass es eine Möglichkeit gäbe, sie dem Menschen in dessen Gefäßen des Empfangens zu geben.

Und das ist „der Schöpfer kann ihm das nicht geben“: Der Schöpfer hat keine Gefäße des Empfangens, bei Ihm ist alles in Gefäßen des Gebens. Da der Mensch aber will, dass der Schöpfer ihm alles in seinen eigenen Gefäßen des Empfangens gibt – er behauptet ja, aus Tora und Mizwot Genuss schöpfen zu wollen, und bittet deshalb den Schöpfer, seinen Mangel zu erfüllen –, heißt das beim Schöpfer: „Er will dem Menschen geben, worum dieser bittet, und Er will geben, weil Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Weil der Mensch aber bittet, dass der Schöpfer ihm alles in seinen eigenen Gefäßen des Empfangens gibt, hat Er das nicht.“ Sondern beim Schöpfer ist nur das Verlangen zu geben.

Deshalb wird der Mensch, obwohl er nicht vom Schöpfer empfangen kann, dennoch „heilig“ genannt, weil er sich mit Tora und Mizwot beschäftigen will. Deshalb muss der Mensch, wenn er zum Beten geht, zuerst eine Vorbereitung treffen, um zu wissen, worum er beten soll.

korrOp, EY, 26.07.2026, 23:09 Uhr, Ver8