1986/31 Betreffend Yenika [Stillen] und Ibur [Schwangerschaft]
Ibur (Empfängnis), Yenika (Säugen) und Mochin (Lichter der Reife) sind drei Stufen. Sobald ein Mensch den Eintritt in die Heiligkeit (Kedusha) erlangt hat, beginnt er, sie zu erlangen. Man nennt sie Nefesh im Ibur, Ruach in der Yenika und Neshama in den Mochin.
Doch schon in der Vorbereitung auf die Arbeit – also bevor ein Mensch den dauerhaften Eintritt in die Heiligkeit erlangt – gelten diese Dinge ebenfalls.
„Ibur“ nennt man die Zeit, in der ein Mensch sein Selbst für eine Weile beiseiteschiebt und sagt: „Jetzt will ich nichts zu meinem eigenen Nutzen denken, und ich will auch meinen Verstand nicht gebrauchen. Zwar ist er für mich das Allerwichtigste – ich kann nämlich nichts tun, was ich nicht verstehe; das heißt, tun könnte ich alles, aber ich muss den Sinn der Sache einsehen –, dennoch sage ich: Für eine Weile bin ich in der Lage, in den Zeiten, die ich dafür festsetze, meinen Verstand nicht zu gebrauchen. Stattdessen glaube ich über dem Verstand, vertraue den Weisen (Emunat Chachamim) und glaube, dass es einen Aufseher gibt, der jeden Einzelnen auf der Welt mit persönlicher Vorsehung betrachtet.“
„Und warum soll ich daran glauben, wenn ich nicht spüren kann, dass es so ist? Auch der Verstand sagt: Würde ich die Wirklichkeit des Schöpfers spüren, könnte ich Ihm gewiss dienen und würde mich danach sehnen, Ihm zu dienen. Wozu also diese Verhüllung? Was gewinnt der Schöpfer dadurch, dass Er Sich vor den Geschöpfen verbirgt?“ Auch darauf gibt er keine Antwort. Vielmehr geht er auch bei dieser Frage über dem Verstand und sagt: Wenn der Schöpfer wüsste, dass es für die Geschöpfe besser wäre, keine Verhüllung zu schaffen, hätte Er gewiss keine geschaffen.
So sagt er zu allen Fragen, die in seinem Verstand aufsteigen, dass er über dem Verstand geht. Jetzt geht er mit geschlossenen Augen, allein im Glauben. Das ist es, was mein Vater und Lehrer zum Vers „Kusch streckt seine Hände zum Schöpfer aus“ (Psalmen 68,32) sagte. Er sagte: Kann ein Mensch „Kusch“ sagen – also dass seine Fragen (kushiot) selbst die Antworten sind –, so braucht er keine Antwort mehr, sondern empfängt aus der Frage selbst die Antwort. Das heißt: Er sagt, gerade jetzt, da er eine Frage hat, kann er über dem Verstand gehen. Dann sind „seine Hände zum Schöpfer“ gerichtet, das heißt, seine Hände – sein Empfangsgefäß, im Sinne von „wenn die Hand erlangt“ – gehören dann dem Schöpfer, und der Mensch gilt als ganz mit dem Schöpfer vereint.
Deshalb ist der Beginn des Eintritts in die Arbeit für den Schöpfer die Stufe des Ibur: Der Mensch annulliert sein eigenes Selbst und tritt als Embryo in den Mutterleib ein, wie geschrieben steht: „Höre, mein Sohn, die Unterweisung deines Vaters, und verwirf nicht die Weisung deiner Mutter.“ Das knüpft an den Vers an „Denn du wirst Bina ‚Mutter‘ nennen“: Er annulliert die Eigenliebe, die „Malchut“ genannt wird und deren ursprüngliches Wesen das Verlangen zu empfangen ist, um zu empfangen, und tritt in die Gefäße des Gebens ein, die „Bina“ genannt werden.
Der Mensch muss glauben, dass die Seele, bevor sie geboren wurde – das heißt, bevor sie in den Körper hinabstieg –, an Ihm angehaftet war, und dass er sich nun danach sehnt, wieder so anzuhaften wie vor ihrem Abstieg. Das nennt man „Ibur“: Er annulliert sein Selbst völlig. Zwar sagt ihm sein Herz, dass er nur jetzt der Annullierung zustimmt, es aber später bereuen wird; dazu kann man sagen: „Sorge dich nicht um die Sorge von morgen.“ Und „morgen“ meint nicht unbedingt den Tag nach heute: Heute und morgen können Gegenwart und Zukunft sein, und der Zeitunterschied kann sogar bloß zwischen dieser Stunde und der nächsten liegen.
Das ist es, was unsere Weisen sagten: „Wer heute zu essen hat und fragt: ‚Was werde ich morgen essen?‘, dem mangelt es an Glauben“ (Sota 48). Das lässt sich so deuten: Wenn er heute zu essen hat – also jetzt bereit ist, den Glauben über dem Verstand auf sich zu nehmen –, aber nur daran denkt, was später sein wird, dann trägt er bereits Reshimot (Eindrücke) früherer Zustände in sich. Damals dachte er, er werde für immer im Zustand des Aufstiegs bleiben, stieg danach aber wieder zum Ort der Niedrigkeit hinab, einem Ort des Mülls – „Müll“ deshalb, weil man dort allen Abfall hinwirft.
Während des Aufstiegs nämlich dachte er, die ganze Eigenliebe sei nichts als Abfall, den man auf den Müll werfen sollte; er empfand also das Verlangen zu empfangen als Müll. Jetzt aber, in der Zeit des Abstiegs, steigt er selbst zum Ort des Mülls hinab, um von dort Nahrung zu holen – wie die Katzen, die im Müll stöbern, um etwas zum Fressen zu finden und ihr Leben zu erhalten. So gleicht er in der Zeit des Abstiegs den Katzen und nicht den verwöhnten Menschen, die immer aussuchen, was zu essen lohnt und was nicht.
Das ist es, was wir im Hallel (Lobpreis) sagen: „Er richtet den Geringen aus dem Staub auf, aus dem Abfall erhebt Er den Armen.“ Daraus folgt: In der Zeit, in der ein Mensch sein Selbst für eine Weile annullieren kann, sagt er: „Jetzt will ich mich für die Heiligkeit annullieren“ – also jetzt nicht an Eigenliebe denken, sondern dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten.
Und er glaubt über dem Verstand: Obwohl er noch nichts spürt, glaubt er über dem Verstand, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes hört, dass vor Ihm Klein und Groß gleich sind und dass Er, wie Er dem Größten der Großen helfen kann, ebenso dem Kleinsten der Kleinen helfen kann.
Das nennt man die Stufe des „Ibur“: Er geht aus seinem eigenen Bereich in den Bereich des Schöpfers über. Doch das ist nur vorübergehend. Das heißt: In Wahrheit will er sich für immer annullieren, kann aber nicht glauben, dass es nun eine Annullierung für immer sein wird – denn schon viele Male hatte er gedacht, es werde so bleiben, war danach aber von seiner Stufe gefallen und zum Ort des Mülls herabgesunken.
Doch er soll sich nicht sorgen, „was wir morgen essen“ – also, wie gesagt, dass er später gewiss von seiner Stufe fallen werde –, denn das käme aus mangelndem Glauben. Vielmehr muss man glauben, dass die Rettung des Schöpfers im Nu kommt. Da er sich also für den Augenblick annulliert und für immer so bleiben möchte, hat er den Rang des Ibur.
In Wahrheit aber muss der Mensch glauben, dass sein jetziges Verlangen, in die Arbeit für den Schöpfer einzutreten und sein Selbst zu annullieren, ein Ruf von oben ist; denn es entspringt nicht der Weisheit des Menschen. Der Beweis dafür: Vor diesem Ruf hatte er viele Fragen. Jedes Mal, wenn er etwas um des Gebens willen tun wollte, sträubte sich der Körper, und er konnte nicht begreifen, ob es überhaupt einen Menschen auf der Welt gibt, der sein Selbst dem Schöpfer annullieren und sich gar nicht um den eigenen Nutzen sorgen kann; immer lag eine gewisse Furcht auf ihm, ob er sich denn dem Schöpfer annullieren könne.
Jetzt aber sieht er, dass all diese Gedanken und Zweifel vollständig verbrannt sind, und er empfindet jetzt großen Genuss daran, sich dem Schöpfer annullieren zu können. Er sieht jetzt, dass sein ganzer Verstand nichts wert ist – obwohl er zuvor dachte, niemand auf der Welt könne ihn überzeugen, dass man sich dem Schöpfer annullieren müsse, und obwohl er sagte, das sei eine harte Arbeit, in die nicht jeder eintreten könne. Jetzt sieht er, dass ihn nichts mehr hindert, am Schöpfer anzuhaften und sich Ihm zu annullieren. Doch das ist, wie gesagt, ein Leuchten von oben; deshalb gaben alle Störer, die kamen und ihm das Argument der Kundschafter vortrugen, vor ihm auf und verschwanden vom Horizont.
So steht geschrieben: „Denn ein Wind fuhr über ihn hin, und er ist nicht mehr, und seine Stätte kennt ihn nicht mehr“ (Psalmen 103,16). Und das bedeutet: Wenn ein Mensch einen Wind (Ruach) aus der Höhe empfängt, verschwinden alle Störer, und sogar ihre Stätte ist nicht mehr erkennbar. Das heißt: In der Zeit des Aufstiegs, wenn er einen Ruach aus der Höhe empfängt, begreift er nicht, wie es überhaupt eine Stätte geben konnte, an der die Frevler mit ihren Einwänden etwas ausrichten konnten.
In der Zeit des Ibur sehen wir nun, dass es eine Zeit der Fehlgeburt gibt: Das Kind wird geboren, bevor die Zeit der Korrekturen des Ibur vollendet ist. So wie im Materiellen eine Schwäche in der Schwangerschaft eine Fehlgeburt verursacht, sodass das Kind vor der Zeit herauskommt, nicht bestehen kann und stirbt, so ist es auch im Spirituellen. Gibt es eine Schwäche, so tritt der Mensch vorzeitig aus dem Ibur heraus und kommt in die Luft dieser Welt; dann fallen alle Gedanken dieser Welt in seinen Sinn, und alle Begierden dieser Welt haften sich an ihn. Das nennt man: Der Ibur ist gestorben.
In Talmud Esser haSefirot, Teil 9 (S. 788, Punkt 83), heißt es – und dies sind die Worte des ARI: „Und siehe, es muss in der Frau eine Art Türen geben, um sie zu schließen und das Kind dort drinnen zurückzuhalten, damit es nicht herauskommt, bis es sich vollständig ausgeformt hat; und es muss in ihr auch eine Kraft sein, welche die Gestalt des Kindes formt.“ So weit seine Worte.
Dort erklärt Baal HaSulam im „Inneren Licht“ (Or Pnimi), dass es im Ibur zwei Kräfte gibt. Erstens die formende Kraft: Die Gestalt des Kindes ist Katnut (Kleinheit). Auch um Katnut zu erlangen, gibt es eine Ordnung, denn auch Katnut ist eine Vorbereitung auf Gadlut (Erwachsensein); ohne Katnut in der Stufe gibt es keine Gadlut. Solange er in Katnut ist, ist er noch nicht vollkommen. Überall aber, wo ein Mangel in der Heiligkeit besteht, hat die Sitra Achra (die andere Seite) einen Halt und kann den Ibur verderben, sodass er seine Vollkommenheit nicht empfangen kann; dadurch kommt es zur Fehlgeburt – das heißt, er wird geboren, bevor die Stufe des Ibur vollendet ist.
Denn im Ibur gibt es fünfundzwanzig Parzufim, nämlich NaRaNChaY, von denen jedes wiederum NaRaNChaY enthält. Deshalb muss es eine zurückhaltende Kraft geben, damit auch in der Katnut Vollkommenheit herrscht. Diese empfängt das Kind durch seine Mutter. Zwar hat das Kind von sich aus keine Gefäße, mit denen es Gadlut um des Gebens willen empfangen könnte; doch indem es sich der Mutter annulliert, kann es Gadlut aus den Gefäßen der Mutter empfangen. Das nennt man: „Der Embryo ist der Schenkel seiner Mutter; er isst, was seine Mutter isst.“
Das heißt, er hat keine eigene Wahl, sondern isst nur, was die Mutter isst – also das, wovon die Mutter weiß, dass man es essen darf, das isst auch er. Mit anderen Worten: Er hat die Wahl, was gut und was böse ist, von sich genommen; alles geht auf Rechnung der Mutter. Das meint „der Schenkel seiner Mutter“: dass er selbst keinen eigenen Namen trägt.
Dort ist von oberen Lichtern die Rede; doch dasselbe gilt auch in der Zeit der Vorbereitung, wenn man in den Palast des Königs eintreten will – auch dort gelten dieselben Ordnungen. Denn so wie es dort viele Stufen gibt und der Ibur nicht auf einmal vollendet wird – man sagt, es brauche neun Schwangerschaftsmonate, bis man fünfundzwanzig Parzufim erlangt –, so gibt es auch in der Vorbereitung viele Stufen, bis man in der Vorbereitungszeit den Ibur in Vollkommenheit erlangt. Deshalb gibt es viele Aufstiege und Abstiege, und manchmal verdirbt der Ibur – das nennt man ebenfalls Fehlgeburt –, und man muss die Ordnung der Arbeit von Neuem beginnen.
Erklären wir nun die formende Kraft, wie sie in der Zeit der Vorbereitung wirkt. Die Gestalt des Ibur ist Katnut; das bedeutet: Nur in den Gefäßen des Gebens – also wenn er sich mit Tora und Arbeit befasst – kann er die Absicht ausrichten, alles um des Gebens willen zu tun.
Das heißt: Er befasst sich jetzt deshalb mit Tora und Mizwot, weil er an den Schöpfer und an Seine Größe glaubt. Er nimmt auf sich, dass sein ganzer Genuss von nun an einzig darin liegt, dem König dienen zu wollen. Das gilt ihm so viel, als hätte er ein riesiges Vermögen erworben und als blicke die ganze Welt auf ihn und beneide ihn darum, dass er es verdient hat, in die höchsten Höhen aufzusteigen, wozu ein anderer nicht gelangt ist. Von selbst ist er voller Wonne und Freude und spürt nichts Böses in der Welt, sondern lebt dann in einer Welt, die ganz gut ist.
Doch all dieser Genuss und diese Bedeutung liegen darin, dass er gibt – dass er nämlich dem Schöpfer geben will. Den ganzen Tag geht er mit einem einzigen Gedanken umher: „Was soll ich tun, um den Schöpfer damit zu erfreuen?“ Einerseits sagen wir also, der Mensch müsse arbeiten, ohne Lohn empfangen zu wollen, sondern allein für den Schöpfer; andererseits sagen wir, er müsse Genuss empfinden und sich ausmalen, wie er Genuss empfängt.
Das heißt, er muss sich Bilder von Größe und Bedeutung ausmalen: wie man einen König aus Fleisch und Blut oder überhaupt die Großen der Welt ehrt, und wie sie von allen geehrt werden. Danach lerne er von der Welt, wie sehr diese es genießen, den Großen der Welt zu dienen, und übertrage es auf die Größe des Schöpfers – sodass er, wenn er dem Schöpfer dient, denselben Genuss empfinden muss, den jene empfinden, wenn sie den Großen der Welt dienen.
Andernfalls – wenn er also keinen großen Genuss daran hat, sich mit Tora und Mizwot zu befassen – ist das ein Zeichen, dass er den Schöpfer nicht so hoch schätzt, wie jene Menschen die Großen der Welt schätzen und Genuss und Vergnügen daraus ziehen, ihnen zu dienen.
Deshalb muss er, bevor er zum Schöpfer spricht, sich zuerst ausmalen, zu wem er spricht – wie groß und bedeutend Er ist. Das heißt, mit welcher Ehrerbietung und mit welchem Maß an ehrfürchtiger Scheu ich zu Ihm spreche, und dass Er zuhört und mich ansieht, während ich zu Ihm spreche.
Wenn ein Mensch zum Beispiel einen Kuchen oder eine Frucht isst, dann wissen wir, dass wir an den Schöpfer glauben müssen, der all dies erschaffen hat, und dass wir jetzt davon Genuss empfangen, was Er uns zum Genießen bereitet hat. Dafür wenden wir uns an Ihn und danken Ihm; wir sagen zu Ihm: „Wir danken und preisen Dich für diesen Genuss“, und wir sagen: „Gesegnet seist Du, Schöpfer, der die Frucht des Baumes hervorbringt“ – und dergleichen.
Dann hat der Mensch zu prüfen, was er soeben zum Schöpfer gesagt hat: mit welcher ehrfürchtigen Scheu er während dieser Worte erfüllt war, als er zu Ihm sprach. Und was empfindet er, nachdem er mit Ihm gesprochen hat – welchen Eindruck, welche Erhebung des Geistes es in ihm hinterlassen hat? Denn wenn er wirklich glaubt, dass er mit dem König gesprochen hat – wo sind dann die Erregung und die Freude? Wie geschrieben steht: „Bin Ich Vater, wo ist Meine Ehre? Und bin Ich Herr, wo ist die Ehrfurcht vor Mir?“
Gehen wir ins Einzelne, so sind bei dieser Handlung zwei Aspekte zu unterscheiden. Erster Aspekt: dass er sich an der Frucht erfreut, die er isst. Dieser Genuss an der Frucht und dergleichen gehört zum tierischen Verlangen zu empfangen. Denn Genuss an Speise, Trank und Ähnlichem empfinden auch die Tiere; es braucht dazu nicht die Stufe des Menschen. Deshalb nennt man diesen Genuss einen tierischen Genuss.
Doch beim Segen und beim Dank, den er dem Schöpfer dafür darbringt, sind mehrere Unterscheidungen zu treffen. Daraus folgt: Der zweite Aspekt jener Handlung – der Genuss daran, dem Schöpfer Dank darzubringen – gehört allein dem Menschen und kommt bei den Tieren nicht vor. Hier gelten viele Unterscheidungen, weil bei dieser Handlung, die dem Menschen eigen ist, viele Stufen zu unterscheiden sind.
Zum Beispiel ist beim Menschen das Maß seines Glaubens zu unterscheiden: wie sehr er daran glaubt, dass der Schöpfer ihm all diese Genüsse zum Genießen gegeben hat. Dann ist beim Sprechen zum Schöpfer zu unterscheiden, in welchem Maß er glaubt, dass er zum Schöpfer spricht. Und schließlich ist zu unterscheiden, in welchem Maß er an die Größe und Bedeutung des Schöpfers glaubt. Darin besteht gewiss ein Unterschied von Mensch zu Mensch; und auch beim einzelnen Menschen ist nach seinem jeweiligen Zustand zu unterscheiden, denn der Mensch ist ein „Gehender“ und kann daher aufsteigen und absteigen. So sind an einem einzigen Menschen mehrere Zustände zu unterscheiden, wie geschrieben steht: „Und Ich gebe Wandelnde unter diesen Stehenden.“
Daraus folgt: Beim Verlangen, einen Genuss zu empfangen, der im Allgemeinen der Stufe des Tieres zugehört, ist nichts weiter zu unterscheiden, denn es ist ein allgemeiner Genuss. Anders beim Genuss, der dem Menschen eigen ist – dort sind bereits viele Unterscheidungen zu treffen. Beim Genuss, der der Stufe des Menschen eigen ist, ordnet man die Grundlage nicht mehr dem Empfangsgefäß zu, sondern sie gehört bereits zum Geben. Denn sein ganzer Genuss baut auf dem Schöpfer auf: Der ganze Treibstoff, aus dem ihm Gefäße für die Arbeit erwachsen, hängt von der Größe des Schöpfers ab und nicht vom Maß des menschlichen Genusses. Das heißt: Das Maß des menschlichen Genusses hängt davon ab, wie hoch er die Größe des Schöpfers veranschlagt.
Das nennt man einen Genuss, der dem Menschen auf indirekte Weise zukommt. Denn auf direkte Weise will er dem König geben; und je größer er sich die Größe des Königs ausmalt, desto mehr freut er sich darüber, einem großen König Genuss zu bereiten. Und auf indirekte Weise empfängt er daraus selbst Genuss. Nur auf solche Weise ist der Genuss erlaubt, denn seine Absicht zielt nicht auf eigenen Genuss, während er dem König dient; vielmehr verpflichtet ihn die Bedeutung des Königs, dem König zu dienen.
Seine Absicht ist also, dem König Genuss zu bereiten, damit der König sich freue; von selbst folgt daraus, dass auch er Genuss hat. Und solcher Genuss ist erlaubt, weil bei diesem Genuss, während er ihn empfängt, keine Scham aufkommt – die man „Brot der Scham“ (Nahama de Kisufa) nennt –, denn sein Genuss kommt aus dem Geben und nicht aus etwas, das er unmittelbar vom Schöpfer empfängt.
Erfreut er sich dagegen an dem, was der Schöpfer ihm gibt, so nennt man das einen Genuss, der auf direkte Weise vom Gebenden her kommt: im Bereich der Lichter heißt das Licht von Chochma, das den Empfänger auf direkte Weise erreicht. Das heißt, der Empfänger erfreut sich an dem, was er empfängt; und das bedarf bereits einer Korrektur, die man „auf das Geben ausrichten“ nennt. Liegt sein Genuss hingegen darin, dass er dem Schöpfer gibt, und besteht seine Freude darin, Ihm zu dienen, so nennt man diesen Genuss einen, der auf indirekte Weise kommt – denn seine Absicht ist, dass der König Genuss habe, und er denkt nicht daran, dass ihm selbst daraus Genuss und Vergnügen erwachsen.
Dazu heißt es: „Dienet dem Schöpfer mit Freude.“ Das heißt: Die Freude soll dem Menschen daraus erwachsen, dass er dem Schöpfer dient. Dient er aber ohne Freude, so kommt das aus mangelndem Glauben an die Größe und Bedeutung des Königs; andernfalls müssten Freude und Erhebung des Geistes von selbst da sein, ohne jede Vorbereitung. Das heißt: Er soll nicht darauf zielen, Freude an der Arbeit zu haben, sondern darauf, sich bereitzumachen, zu erkennen, wem er dient und wie bedeutend Er ist; die Freude aber ist eine Folge. Mit anderen Worten: Hat er keine Freude an der Arbeit, so ist das ein Zeichen, dass er keinen Begriff von der Bedeutung des Schöpfers hat, und dann muss er sich in Sachen des Glaubens korrigieren.
Das heißt, er soll nicht darauf hinarbeiten, Freude an der Arbeit für den Schöpfer zu haben; vielmehr soll er Mühe darauf verwenden, die Bedeutung und Größe des Schöpfers zu erlangen. Bei allem, was er tut, lernt und an Mizwot übt, will er nämlich Lohn für seine Mühe – er will mit der Größe und Bedeutung des Schöpfers belohnt werden. Je mehr er die Bedeutung des Schöpfers erfasst, desto stärker wird er von Natur aus dazu hingezogen, sich Ihm zu annullieren, und desto mehr Verlangen und Lust verspürt er, Ihm zu dienen.
Und alles, was wir bisher gesagt haben, nennt man die Stufe des Ibur, weil er glauben muss, dass alles vom Schöpfer kommt, der ihm jetzt den Gedanken und das Verlangen gegeben hat, sich Ihm zu annullieren.
In dieser Zeit muss er dort einen Ort der Vorstellung finden – also achtgeben, wie sehr ihn dieses Erwachen ergreift – und sich prüfen; gewiss wird er dort Mängel finden, die zu korrigieren sind. Doch wenn er sieht, was dort fehlt, kann er nicht in Freude sein, denn jeder Mangel bereitet ihm Leid, und wie könnte er da in Freude sein? Andererseits ist es nicht gut, so voller Mängel zu sein, denn nach der Regel haben dort, wo ein Mangel in der Heiligkeit besteht, die Klipot (Schalen) einen Halt, und er könnte von seiner Stufe fallen und dadurch eine Schwäche in der Arbeit empfangen.
Deshalb ist der Mensch gehalten, sich in Vollkommenheit zu sehen – also, dass er keinerlei Mangel hat. Er betrachtet sich als glücklich in seinem Leben und als jemanden, aus dessen Lage Genuss zu schöpfen ist: Denn er sieht, dass es viele Menschen wie ihn gibt, die nicht das Leben haben, das er genießt; und hätten sie denselben Genuss, den er hat, sie alle würden ihn beneiden.
Sagen wir es als Gleichnis: Menschen sitzen im Gefängnis, und niemandem wird erlaubt, die Mauern des Gefängnisses zu verlassen, um draußen Luft zu schöpfen. Ein Einziger aber gewann die Gunst des Gefängnisdirektors – und niemand weiß davon –, und dieser lässt ihn eine Stunde am Tag in Freiheit hinaus. Dann geht er nach Hause zu Besuch, kehrt danach aber ins Gefängnis zurück. Wie glücklich ist dieser Mensch! Erstens ist er glücklich, weil er zu Hause zu Besuch ist. Zweitens: Wenn er die übrigen Gefangenen betrachtet, denen eine solche Freiheit nicht gewährt ist – aus diesem Blick auf die anderen, die im Gefängnis sitzen und nichts von dem Licht sehen, das es draußen gibt, schöpft er Genuss und Vergnügen.
Das heißt: Außer dem Genuss, den er aus sich selbst hat – also dem Genuss, den er aus dem schöpft, woran er sich erfreut –, hat er auch einen Genuss aus dem, was außerhalb seiner liegt. Mit anderen Worten: Er hat einen Genuss daraus, zu sehen, dass er hat, was andere nicht haben. Dieser Genuss kommt also von außen – nämlich daraus, dass er nach draußen blickt und sieht, wie jene leiden, weil sie keine Freiheit empfangen; daraus, dass er selbst Freiheit hat, schöpft er Genuss.
Demnach sind hier zwei Genüsse zu unterscheiden:
Erstens: der Genuss, den er aus dem empfängt, woran er sich erfreut.
Zweitens: der Genuss, den er daraus empfängt, dass er etwas hat, was andere nicht haben – diesen nennt man einen Genuss, den er von außen empfängt.
Und die Deutung: Wir sitzen in einem Gefängnis, wie wir (im Ablauf der Kaparot, des Sühneritus, am Vorabend von Jom Kippur) sagen: „Menschen, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, Gefangene in Elend und Eisen – Er wird sie aus Finsternis und Todesschatten herausführen“ und so weiter.
Und weil wir gesündigt haben, gab man uns in das Gefängnis, in dem alle Gefangenen sitzen, die sich am König versündigt haben und ihr ganzes Leben lang kein Licht sehen – man gab ihnen also lebenslange Haft für alle Tage ihres Lebens. Und sie sind von den Eltern losgerissen, die „Väter der Welt“ genannt werden; das ist es, was unsere Weisen sagten (Tana deBei Eliyahu Rabba, Kapitel 25): „Wann werden meine Taten die Taten meiner Väter erreichen?“
Das heißt: Dort, wo eine Verbindung zu den Vätern besteht, wo man die guten Taten der Väter kennt, kann man sagen, dass er bittet: „Wann werden meine Taten die Taten meiner Väter erreichen?“ – also dass auch er die Fähigkeit habe, gute Taten zu tun wie die Väter. Anders durch die Sünde: Wie wir sagen, „und wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Land verbannt“ und so weiter, gab man uns in ein Gefängnis, und wir haben keinerlei Verbindung mehr zu den Vätern. Das heißt, wir wissen nicht, dass wir Väter hatten, die am Schöpfer anhafteten, und von der ganzen spirituellen Sache haben wir keinen Begriff – sodass auch uns gar nicht in den Sinn kommt zu sagen, dass wir Taten tun wollen, durch die wir am Schöpfer anhaften könnten.
Die Menschen, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden und ihr ganzes Leben lang kein Licht sehen, finden sich mit ihrer Lage ab. Sie gewöhnen sich daran, nur das zu genießen, was der Gefängnisdirektor ihnen zu geben für richtig hält, damit sie sich davon ernähren; und die Gewöhnung lässt sie aus dem Herzen vergessen, was sie einst hatten: ein Leben außerhalb des Gefängnisses, in dem sie das Leben genossen, das sie sich selbst aussuchten, und in dem sie ihre Nahrung nicht nach den Bedingungen des Gefängnisses empfangen mussten. Doch all das haben sie vergessen.
Und die Deutung ist: Der Mensch soll sich darüber freuen, dass der Gefängnisdirektor ihn liebt und ihm deshalb jeden Tag ein wenig Freiheit gewährt, das Gefängnis zu verlassen und das zu genießen, was rechtschaffene Menschen genießen – so, als wäre er jetzt einer, der sich nie am König versündigt hat. Er geht nach Hause und nimmt teil am Leben aller Familienmitglieder und der übrigen Lieben und Freunde, die er hat; danach aber muss er wieder ins Gefängnis zurückkehren.
Und das wiederholt sich jeden Tag. Das heißt: Wenn dem Menschen das Verlangen und der Gedanke kommen, in das Bethaus zu gehen, um zu beten, ein wenig zu lernen und ein wenig zu spüren, dass es ein spirituelles Leben gibt – dass er es letztlich glaubt, also Glauben besitzt –, so nennt man das ein geringes Empfinden in allem, was zur Heiligkeit gehört, ein Leuchten, das er aus der Ferne empfängt. Das heißt: Obwohl er noch fern von der Angleichung der Form ist – denn weil er mit Eigenliebe gesündigt hat, was man Veränderung der Form nennt, erging über ihn das Urteil, für immer im Gefängnis zu sitzen; „Gefängnis“ heißt der Ort, an dem es kein spirituelles Leben gibt, sondern ein Ort für die Frevler, die sich am König versündigt haben.
Doch er hat Gunst in den Augen des Gefängnisdirektors gefunden, und dieser gibt ihm den Gedanken und das Verlangen, das Leben des Menschen zu genießen – aus jener Stufe, die man nennt: „‚Mensch‘ seid ihr; ihr werdet ‚Mensch‘ genannt, und die Völker der Welt werden nicht ‚Mensch‘ genannt“ –, weil sie sich an der Speise des Menschen erfreuen, die man „spirituelles Leben“ nennt, da sie Berührung mit dem König aller Könige haben: Das heißt, sie empfinden für den Augenblick, dass sie mit dem König sprechen.
Und wenn der Mensch sich ausmalt, wie er Gunst in den Augen des Gefängnisdirektors gefunden hat, der ihm für den Augenblick Freiheit gewährt – obwohl er weiß, dass er danach einen Abstieg haben und ins Gefängnis zurückkehren muss –, so kann er dennoch sogar im Gefängnis in Freude sein. Denn er weiß aus der Vergangenheit, dass es Aufstiege und Abstiege gibt; deshalb weiß er auch in der Zeit, in der man ihn ins Gefängnis zurückgebracht hat, dass er manchmal wieder Gunst in den Augen des Gefängnisdirektors findet und man ihm erneut für den Augenblick Freiheit gewährt – und dass er in dieser kurzen Zeit sich umsehen und bei Freunden bemühen kann, dass sie ihn ganz befreien.
Das bedeutet: Sogar in der Zeit des Abstiegs kommen ihm manchmal Gedanken. Er ist bereits daran gewöhnt, dass man ihn aus den Gedanken und Begierden der Sünder herausholt, die in Eigenliebe versunken sind. Wenn er danach einen Ruf von oben empfängt – denn so glaubt er –, dann lassen ihn die Gedanken und Begierden, die er in der Zeit des Abstiegs hat, spüren, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, je aus der Eigenliebe herauszukommen. Denn er sieht den Widerstand des Körpers; und jedes Mal kleidet sich der Widerstand in andere Gestalten, sodass kein Einwand dem anderen gleicht. Doch das Gemeinsame an ihnen ist, dass sie ihm alle einreden, die Sache sei schwer und es liege nicht im Bereich dieser Welt, dass ein Mensch aus ihnen herauskommen könne.
Dennoch sieht er: In der Zeit, in der ihm ein Erwachen von oben kommt, vergisst er all ihre Einwände, und sie alle verbrennen, als hätte es sie nie auf der Welt gegeben. Und er will jetzt nur eines – sich dem Schöpfer zu annullieren; und gerade jetzt spürt er darin einen Geschmack von Genuss.
Deshalb kann der Mensch, wenn er einen kleinen Halt im Spirituellen hat – mag er auch noch so winzig sein –, bereits in Freude und Vollkommenheit sein, wie gesagt, auf zweierlei Weise. Erstens, dass er in die Freiheit hinausgetreten ist und für den Augenblick genießt, das Gefängnis zu verlassen – also Tora und Mizwot. Zweitens, dass er Genuss daraus zieht, zu sehen, dass alle anderen im Gefängnis sind; er blickt mit Erbarmen auf sie, und manchmal möchte er um Erbarmen für sie bitten, dass der Schöpfer ihnen erlaube, aus dem Gefängnis herauszukommen.
Nach dem Gesagten verstehen wir: In der Zeit des Ibur, da seine formende Kraft nur Katnut ist und er Tora und Mizwot kaum mit irgendeiner Absicht einhalten kann, muss er glauben, dass darin eine große Bedeutung liegt – darin, dass der Schöpfer ihm einen Ort gegeben hat, sich aus der Allgemeinheit der Menschen der Welt herauszuheben, die keinerlei Verbindung zum Judentum haben und deren ganzes Streben sich nur in tierische Genüsse kleidet, also in das, wovon sich die Tiere nähren und ernähren; auch sie geben sich damit zufrieden. Hinsichtlich des Spirituellen aber brüsten sie sich, nicht so dumm zu sein wie die Religiösen, die behaupten, es gebe ein spirituelles Leben. Vielmehr haben sie ein starkes und klares Wissen, dass das Recht auf ihrer Seite ist, und sagen sich: „Wir sind die Weisen der Generation, weil wir nicht an Spirituelles glauben; vielmehr ist das ganze Ziel unseres Lebens allein das körperliche Leben.“
Sie wissen zu hundert Prozent, dass es kein Spirituelles auf der Welt gibt – so sehr, dass sie sogar die Religiösen beeinflussen wollen, damit auch diese wissen: Der klare Verstand sagt, dass es auf der Welt nur körperliches Leben gibt, ganz wie bei allen Lebewesen. Und es gibt noch größere „Weise“: Weil es auf der Welt kein Leben gebe außer dem der Tiere, sind sie zu der Ansicht gelangt, man dürfe keine Tiere essen, da das „sprechende Wesen“ kein höheres Ziel habe als das tierische Wesen. „Warum also essen wir sie, wo wir doch alle zusammen auf einer Stufe und mit einem Ziel sind?“
Daraus folgt einerseits: Der Mensch muss den Gedanken und das Verlangen, einfache Taten zu tun – ohne jedes Verstehen und ohne Verstand, sondern ganz über dem Verstand –, hochschätzen und glauben, dass auch dieses Verlangen, ein wenig Tora und Mizwot einzuhalten, ihm der Schöpfer gegeben hat, weil er Gunst in den Augen des Schöpfers gefunden hat. Zwar weiß der Mensch nicht, welches Verdienst er vor den übrigen Menschen hat, die der Schöpfer im körperlichen Leben belassen hat, während Er gerade ihn aus der Allgemeinheit der Menschen herausgehoben hat – wie im Gleichnis vom Gefängnis. Und das soll ihm Freude und Vollkommenheit bringen; und weil er Vollkommenheit spürt, kann er dem Schöpfer dafür großen Dank darbringen. Wie mein Vater und Lehrer sagte: In dem Maß, in dem der Mensch dem Schöpfer dafür dankt, dass Er ihn ein wenig näher gebracht hat, in diesem Maß empfängt er immer Hilfe von oben.
Und man kann den Grund so deuten: Wenn der Mensch begreift, dass man dem Schöpfer danken muss, so heißt das nicht, dass der Schöpfer den Dank nötig hätte, wie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Vielmehr ist es so: In dem Maß, in dem er begreift, dass man danken muss, beginnt der Gedanke zu erwägen: „Wie groß ist das Maß des Dankes, das ich Ihm geben muss?“
Denn es gibt eine Regel: Nach dem Maß der Gabe bemisst sich das Maß des Dankes. Hat zum Beispiel jemand einem anderen geholfen, der keine Arbeit hatte, um sich zu ernähren, und ist er für ihn losgegangen, hat sich bemüht und ihm eine Arbeitsstelle gefunden – gewiss ist dann sein Dank groß.
Sagen wir es aber als Gleichnis: Dieser Mensch hat ein Verbrechen gegen die Regierung begangen, und der Richter verurteilte ihn zu zwanzig Jahren Haft. Er muss seine Familie verlassen; er hat bereits Söhne und Töchter, die er verheiraten muss; und er hat soeben ein neues Geschäft eröffnet – nämlich eine Fabrik gegründet –, und er müsste hundert Arbeiter einstellen, hat aber bislang erst fünfzig. Und nun muss er wegen des Verbrechens, bei dem ihn die Regierung gefasst hat, für zwanzig Jahre ins Gefängnis. Er sorgt sich, was nun aus all seinen Plänen und aus seiner ganzen Familie werde und dass er von der Welt abgeschnitten sein werde; er sagt, jetzt sei ihm der Tod lieber als das Leben – im Gefängnis zu sitzen und sich um alles zu sorgen.
Da kommt ein Mann und gibt ihm Ratschläge, durch die er freikommt und von allen Anschuldigungen freigesprochen wird. Gewiss beginnt der Mensch dann zu überlegen: „Was kann ich diesem Mann geben, der mein Leben gerettet hat?“ Und gewiss hat dieser Mensch jetzt nur eine Sorge: „Womit kann ich vor diesen Mann treten, um ihm mein Herz zu öffnen – wie alle meine zweihundertachtundvierzig Glieder ihm danken und ihn preisen?“ Wie geschrieben steht: „All meine Gebeine sollen sprechen“ – Lieder und Lobgesänge für diesen Mann.
Um danken zu können, beginnt er zu überlegen, wie groß die Rettung war, die jener Mann ihm gewährte, damit er weiß, wie viel Dank er ihm schuldet. Deshalb hängt es, wenn der Mensch dem Schöpfer dankt, davon ab, wie hoch er die Bedeutung dessen veranschlagt, dass der Schöpfer ihn für einen Augenblick aus dem Gefängnis herausgeführt hat, damit er ein wenig neue Luft aus der Welt der Heiligkeit schöpfe.
Nach dem Gesagten ergibt sich: Dass der Mensch einen Abstieg erleidet, kommt daher, dass er die Annäherung an den Schöpfer nicht hochgeschätzt hat; und dass er nicht hochzuschätzen wusste, das führte zu seinem Verlust. Wie unsere Weisen sagten: „Wer ist ein Narr? Wer verliert, was man ihm gibt.“ Das heißt, er hat nicht den Verstand, das Maß der Annäherung an Tora und Mizwot hochzuschätzen. Der Mensch muss nämlich glauben, dass sogar das Geringste an Tora und Mizwot sehr wichtig ist, auch wenn er ihre Bedeutung noch nicht spürt.
Glaube ist dort nötig, wo der Mensch noch nicht spüren und erlangen kann; dann muss er aus dem Vertrauen in die Weisen glauben, was unsere Lehrer uns zu glauben aufgetragen haben – dass es so ist, wie unsere Lehrer sagten, und nicht nach unserem Empfinden. Denn unser Empfinden ist in uns noch nicht so weit entwickelt, dass wir jene Empfindungen spüren könnten, die sich einstellen, wenn man weiß, dass man mit dem König spricht. Denn das ist einfach: Weiß einer, dass er mit dem König spricht, so braucht er sich gar nicht bereitzumachen, die Bedeutung des Königs zu spüren – das ist eine natürliche Sache, an der zu arbeiten unnötig wäre.
Demnach: Was ist der Grund, dass der Mensch nicht ergriffen ist, wenn er Worte des Dankes und Worte der Tora spricht und dabei glaubt, dass es die Tora des Schöpfers ist? Der Grund ist, dass sein Glaube noch kein vollkommener Glaube ist – also noch nicht einem klaren Wissen gleicht –, sondern dass ihm im Bereich des Glaubens noch etwas fehlt.
Vielmehr muss er im Bereich des Glaubens daran arbeiten, wie er zu einem bedeutenden König spricht; das Empfinden aber ist etwas, das ohne Arbeit kommt. Denn das Empfinden ist nur eine Folge von etwas Neuem, das den Menschen ergreift. Das Wesentliche ist die Arbeit des Glaubens – dass er glaube, Er sei ein großer König.
Das ist die Sache, die im heiligen Sohar an mehreren Stellen angeführt wird: dass der Mensch über das Exil der Shechina (göttliche Gegenwart) beten soll, oder in anderer Sprache: „Shechina im Exil“ oder „Shechina im Staub“. Das heißt: Wir besitzen nicht die Wertschätzung dessen, zu dem wir beten oder zu dem wir sprechen und dem wir danken – sei es beim Segen über die Genüsse, sei es beim Segen über die Gebote. Ebenso machen wir uns keine Rechnung und veranschlagen nicht, wessen Gebote wir einhalten. Und all das nennt man „Shechina im Exil“.
Folglich können wir beim Einhalten von Tora und Mizwot kein Empfinden empfangen, denn es gibt die Regel: Von etwas Kleinem wird der Mensch nicht ergriffen, sodass ihn eine Erregung überkäme.
Nach dem Gesagten ergibt sich: Der Mensch muss dem Schöpfer mit Freude dienen. Das heißt: In welchem Zustand er sich auch befindet – selbst wenn er sich im Zustand der Niedrigkeit befindet und beim Befassen mit Tora und Mizwot keinerlei Lebendigkeit hat –, muss er sich ausmalen, dass er jetzt das Gebot des Glaubens über dem Verstand erfüllt. Das heißt: Obwohl der Körper ihm seine Niedrigkeit vor Augen führt, kann er sich dennoch stärken und sagen: „Dass ich Tora und Mizwot ohne jede Absicht einhalten kann, das ist eine sehr wichtige Sache.“ Denn in Wahrheit erfüllt er ja alles in der Tat; nur fehlt dem Menschen die Absicht. Hätte er nämlich auch die gute Absicht, so wäre der Körper zufrieden, und er fühlte sich als ein vollkommener Mensch.
Jetzt aber, da der Körper an Tora und Mizwot keinen Genuss haben kann – was fehlt hier also? Nur der Genuss des Körpers. Und weil er um des Himmels willen arbeiten will, zeigt sich: Gerade jetzt, da der Körper keinen Genuss hat, kann er umso mehr um des Gebens willen arbeiten. Und wenn er über dem Verstand glaubt, dass es so ist, dann nennt man diese Überwindung „Erweckung von unten“ (Itaruta diLetata). Danach muss er Lebendigkeit empfangen, denn jetzt haftet er wahrhaft am Schöpfer und will dem Schöpfer ohne jede Gegenleistung dienen.
Kann er hingegen nicht über dem Verstand gehen, so kommen zwei Vollzugsbeamte zu ihm und stecken ihn ins Gefängnis, zusammen mit allen, die sich am König versündigt haben. Diese beiden Beamten sind „Verstand und Herz“ (Mocha und Liba). Dann wird er für eine gewisse, ihm zugemessene Zeit verurteilt; danach lässt man ihn für eine kurze Freiheit hinaus und sieht zu, wie er sich verhält. Und all das wiederholt sich, bis man sich von oben über ihn erbarmt und ihn aus dem Gefängnis in die Freiheit entlässt.
Daraus folgt, dass man zweierlei braucht: erstens die sogenannte formende Kraft, die Katnut ist; zweitens die zurückhaltende Kraft, damit es keine Fehlgeburt gibt, also damit der Ibur nicht verdorben wird, wie gesagt. Die formende Kraft braucht man, weil es die Regel gibt: kein Licht ohne Gefäß – also keine Füllung ohne Mangel; deshalb wird es, wenn es keine Katnut gibt, niemals Gadlut geben.
Doch man braucht Kraft, um standzuhalten, während er spürt, dass er einen Mangel hat; denn Mangel heißt, dass es ihm wehtut, keine Vollkommenheit zu haben. Und bekanntlich ist Leid schwer zu ertragen: Sieht er kein Ende des Leidens, so flieht er vom Schlachtfeld. Deshalb muss man ihm Vollkommenheit geben, damit er standhält und nicht aus dem Krieg gegen den Trieb flieht. Eine Lüge aber darf man ihm nicht geben – dass er sich also selbst täusche und sage, er sei vollkommen –, denn es steht geschrieben: „Wer Lügen redet, besteht nicht vor Meinen Augen.“
Deshalb sagt man zum Menschen: „Du siehst, dass alle im Gefängnis sitzen“ – wie im obigen Gleichnis – „und sogar vergessen, dass sie Eltern und Freunde haben“, nämlich Menschen, die sich mit Tora und Mizwot befassen und die Freunde ihrer Seele sind. Doch all das haben sie vergessen und meinen, es gebe auf der Welt nur diese Menschen, die im Gefängnis sitzen, und der Gefängnisdirektor, der über sie herrscht – das heißt, sie stehen unter dem Urteil des Bösen Triebs. Und wer gegen ihre Ansicht handelt, von dem meinen sie, das seien Menschen, die sich bewusst zugrunde richten – also das körperliche Leben verlassen, das sie im Gefängnis genießen, und etwas über dem Verstand suchen: nämlich zu glauben, dass es ein größeres Vergnügen gibt als das, was man aus dem körperlichen Leben genießen kann.
Er aber macht sich die Rechnung, dass ihm ein großes Verdienst zuteilwurde, indem er Gunst in den Augen des Schöpfers fand und Er ihn sogar für den Augenblick aus dem körperlichen Leben herausgeführt hat, um ein wenig Luft der Heiligkeit zu atmen. Wie glücklich muss er in dieser Zeit sein, wenn er auf jene und auf sich selbst blickt! Gewiss nennt man diese Vollkommenheit eine wahre Vollkommenheit. Denn im Materiellen sehen wir am obigen Gleichnis vom Gefängnis, wie viel Freude eine Freiheit für den Augenblick dem Menschen gibt – darin, dass er sieht, wie er Gunst in den Augen des Gefängnisdirektors gefunden hat und dass kein anderer Gefangener dessen gewürdigt wird.
Und außer dass diese Vollkommenheit wahr ist, muss der Mensch große Mühe darauf verwenden, sie hochzuschätzen. Denn diese Arbeit hebt die Bedeutung der Arbeit, indem man einen kleinen Dienst im Spirituellen hochschätzt. Dadurch wird er danach gewürdigt, die Bedeutung so weit zu steigern, dass der Mensch sagen kann, er habe keinerlei Möglichkeit, die Bedeutung des Dienstes am König zu veranschlagen. Und das nennt man die Stufe des Ibur.
„Ibur“ nennt man es, wenn das Erwachen von der oberen Seite kommt. In der Zeit der Vorbereitung aber – also bevor der Mensch den Eintritt in den Palast des Königs erlangt, wo man von „Ibur“ spricht, sobald er NaRaNChaY des Nefesh erlangt – gibt es viele Aufstiege und Abstiege; doch alles fällt unter die Stufe des Ibur, weil alles von der oberen Erweckung her kommt.
Yenika aber, vom Standpunkt der Vorbereitung, nennt man es, wenn er von sich aus erwacht und durch Autoren und Bücher etwas saugen will – etwas Heiligkeit zu saugen, um damit den Ruach mit spirituellem Leben zu beleben. Deshalb sehnt er sich, wenn er sich mit Tora und Mizwot befasst, danach, aus ihnen das Licht der Tora zu holen, das ihn zum Guten zurückbringt, wie unsere Weisen sagten: „Ich erschuf den Bösen Trieb, Ich erschuf die Tora als Gewürz.“
Doch um das Licht der Tora zu holen, muss man Glauben besitzen, wie in der „Einführung zum Buch Sohar“ geschrieben steht. Der Grund ist: Er glaubt an den Schöpfer und an Seine Tora und will an Ihm anhaften, sieht aber, dass er es nicht kann – wegen des Bösen in ihm, das im Verlangen zu empfangen liegt; diese Gestalt bewirkt seine Entfernung vom Schöpfer. Deshalb ist auch sein Glaube nicht beständig, wie im Sulam (Leiter-Kommentar) geschrieben steht: Der Glaube kann nicht beständig im Menschen weilen. Denn solange der Mensch keine Ehrfurcht hat – das heißt, solange er immer fürchtet, er könnte vielleicht nicht in der Lage sein, sich auf das Geben auszurichten, sondern habe nur Lust, um des Empfangens willen zu empfangen, was eine Veränderung der Form ist –, kann das Licht des Glaubens nicht beständig in ihm weilen.
Nach dem Gesagten ergibt sich: Es kann keinen beständigen Glauben geben, wenn er keine Anhaftung (Dwekut) hat, die man Angleichung der Form nennt. Doch wie nimmt man diese Kraft auf, mit der er seine Natur überwinden kann, die ganz in der Gegensätzlichkeit der Form steht? Dazu sagten sie: „Stets befasse sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch lo liShma; denn aus lo liShma kommt er zu liShma, weil das Licht darin ihn zum Guten zurückbringt“ (Pesachim 50). Das Licht in der Tora ist es, das ihn zum Guten zurückbringt – doch das gilt eigens dann, wenn er das Licht in der Tora will, um zum Guten zurückgebracht zu werden, also damit er all sein Tun auf das Geben an seinen Schöpfer ausrichten könne.
Dadurch, dass er zum Guten zurückgebracht wird – was bedeutet, dass er Anhaftung erlangt –, wird er dann den beständigen Glauben erlangen. Anders ein Mensch, der sich nicht darum sorgt, dass er nur einen teilweisen Glauben hat, und dessen Tora-Lernen nur darin besteht, daraus Genuss zu ziehen, der in die Empfangsgefäße eingeht, und der sich nicht um die Gefäße des Gebens sorgt: Der hat dann keinerlei Bedarf am Licht der Tora, das ihm die Eigenschaft gäbe, zum Guten zurückgebracht zu werden – das heißt, das ihm die Kraft gäbe, sein Tun so zu korrigieren, dass es einzig dem Schöpfer Wohlgefallen bereitet. Das nennt man „Anhaftung“, durch die er den beständigen Glauben erlangt.
Anders aber, wenn ihm der beständige Glaube nicht fehlt und er keinen Bedarf an Anhaftung hat, sondern das Licht nur deshalb erhofft, weil das Licht in der Tora vom Oberen kommt und in diesem Licht Gutes und Vergnügen liegen: Dann zeigt sich, dass er sich nach dem Licht sehnt – nicht damit es ihm Hilfe bringe, sein Empfangsgefäß in ein Gebegefäß zu verwandeln, sondern er will, dass das Licht das Gegenteil dessen wirke, was seine Aufgabe ist.
Denn die Aufgabe des Lichts ist es, zu kommen, um ihn zum Guten zurückzubringen. Und was ist „gut“? Wie geschrieben steht: „Mein Herz wallt über von einem guten Wort; ich spreche: Mein Tun gehört dem König“ (Psalmen 45) – „gut“ heißt also, dass der Mensch durch das Licht die Gefäße des Gebens erlangt. Jener aber will das Licht, um daraus Genuss zu ziehen – das heißt, dieses Licht solle sein Empfangsgefäß vergrößern. Dies ist geradezu das Gegenteil dessen, was das Licht geben soll: Er will von ihm empfangen; deshalb wird das Licht nicht zu ihm kommen.
Und in der Einführung zu Talmud Esser haSefirot (Punkt 15) schreibt er – und dies sind seine Worte: Der Mensch dürfe nicht erwarten, dass ihn das Befassen mit Tora und Mizwot lo liShma zu liShma bringe, außer in der Zeit, in der er in seiner Seele weiß, dass er den Glauben an den Schöpfer und an Seine Tora gebührend erlangt hat; denn dann bringt ihn das Licht darin zum Guten zurück, und er wird des „Tages des Schöpfers, der ganz Licht ist“ gewürdigt. Denn die Heiligkeit des Glaubens läutert die Augen des Menschen, sodass sie sich an Seinem Licht erfreuen, bis das Licht in der Tora ihn zum Guten zurückbringt und so weiter; ebenso werden denen, die des Glaubens entbehren, die Augen blind gegenüber dem Licht des Schöpfers. So weit seine Worte.
Und man muss das, was er sagt – dass das Licht des Glaubens denen sich offenbart, die Glauben haben –, näher deuten. Denn nach dem, was wir erklärt haben, besitzen die, die den beständigen Glauben erlangt haben, bereits alles Gute. Vielmehr ist es so, wie mein Vater und Lehrer zum Vers „Er gibt den Weisen Weisheit“ sagte: Die Leute fragen, müsste es nicht heißen „Er gibt den Toren Weisheit“? Und er sagte: Da es kein Licht ohne Gefäß gibt, kann man den Toren keine Weisheit geben, weil sie keinen Bedarf danach haben. Demnach – was bedeutet „Er gibt den Weisen Weisheit“? Wer das Verlangen hat, weise zu sein, also wer ein Gefäß hat, der kann eine Füllung empfangen, wie gesagt, denn es gibt keine Füllung ohne Mangel.
Auch beim Glauben muss man daher auf die genannte Weise deuten: Wer Bedarf am Glauben hat – weil er sieht, dass er nur einen teilweisen Glauben hat, wie gesagt (Einführung, Punkt 14), und sich danach sehnt, einen Glauben in Vollkommenheit zu haben –, der wird bereits „einer, der Glauben besitzt“ genannt, das heißt, einer, der Verlangen und Bedarf nach dem Licht des Glaubens hat. Diesen Menschen, die den Glauben suchen, offenbart sich das Licht der Tora. Und das ist es, was geschrieben steht: dass die Heiligkeit des Glaubens die Augen des Menschen läutert, sodass sie sich an Seinem Licht erfreuen, bis das Licht in der Tora ihn zum Guten zurückbringt.
Nach dem Gesagten ergibt sich: Die Stufe „Ibur“ nennt man das, wenn der Mensch das Erwachen von oben empfängt. Und wie im Materiellen die Empfängnis von den Eltern abhängt, so hängt hier der Ibur von dem Ruf ab, der von oben kommt und den Menschen ruft, zum Guten zurückzukehren. Dann beginnt er, andere Gedanken zu denken, und alle Begierden, die er vor dem Ruf von oben hatte, verbrennen und tragen keinen Namen mehr.
Und die Stufe „Yenika“ nennt man es, wenn er selbst beginnt, irgendeine Nahrung zu suchen, die er aus Büchern oder von Autoren empfängt, und das Licht der Tora aus ihnen saugen will, damit er die Fähigkeit erlange, am Schöpfer anzuhaften und einen vollkommenen Glauben zu erlangen.
korrOp, EY, 10.08.2026, 04:15 Uhr, Ver6