1986/29 LiShma und lo liShma
Wir finden vier Arten von Menschen, die Tora und Mizwot (Gebote) einhalten:
Die erste Art. Manchmal hält ein Mensch den Shabbat (Sabbat) ein, weil sein Arbeitgeber ihn dazu zwingt. Das Gesetz ist nämlich so: Hat jemand einen Arbeiter, der den Shabbat entweiht, und sagt er ihm: „Wenn du nicht aufhörst, den Shabbat zu entweihen, entlasse ich dich“, so muss dieser zusagen, den Shabbat zu halten – andernfalls verliert er die Arbeit. Und wo es keine andere Stelle gibt, verspricht er dem Arbeitgeber, den Shabbat einzuhalten. Er hält den Shabbat also nur deshalb, weil der Arbeitgeber ihn dazu zwingt.
Da stellt sich die Frage: Wessen Shabbat hält er eigentlich? Den Shabbat, den der Schöpfer zu halten geboten hat? Erfüllt er demnach das Gebot des Schöpfers oder das Gebot seines Arbeitgebers – nämlich das, was der Arbeitgeber ihm aufgetragen hat, weil er sonst keinen Lebensunterhalt hätte? Nach der Halacha (dem jüdischen Religionsgesetz) gilt er jedenfalls als einer, der „den Shabbat hält“.
Dasselbe Gesetz gilt für die übrigen Mizwot. Sagen wir es anders: Ein Vater weiß, dass sein Sohn Tora und Mizwot halten wird, wenn er ihm androht, ihn sonst nicht weiter zu unterstützen – denn ohne diese Unterstützung hätte der Sohn keinen Lebensunterhalt. Und nach der Halacha ist der Vater gewiss verpflichtet, dafür zu sorgen, dass der Sohn Tora und Mizwot hält. Auch hier kommt die Frage auf: Wessen Tora und Mizwot erfüllt der Sohn? Die des Schöpfers, der uns geboten hat, Tora und Mizwot zu halten, oder die seines Vaters?
Doch so oder so gehört er zu den Menschen, die Tora und Mizwot halten. So lauten die Worte des Maimonides (Hilchot De’ot, Kapitel 6): „Wer seinen Nächsten zurechtweist, rede zunächst nicht hart mit ihm usw. Wovon ist die Rede? Von Dingen zwischen Mensch und Mensch. In Angelegenheiten aber, die den Himmel betreffen, gilt: Kehrt er nicht im Verborgenen um, so beschämt man ihn öffentlich, macht seine Sünde bekannt, schmäht ihn ins Angesicht, verachtet und verflucht ihn, bis er sich bessert usw.“
Auch hier kommt die Frage auf: Wessen Gebot erfüllt er – das des Schöpfers oder das der Menschen, die ihn schmähen? Doch auch hier sehen wir, dass er am Ende „einer, der Tora und Mizwot hält“ genannt wird. Betrachten wir nämlich die Handlung selbst, so ist ihr nichts hinzuzufügen. Die ganze Frage betrifft allein die Absicht: aus welchem Grund er Tora und Mizwot hält. Das ist die erste Art, Tora und Mizwot zu halten.
Die zweite Art. Er hält Tora und Mizwot aufgrund seiner Erziehung, weil er in ein religiöses Umfeld hineingeboren wurde. Oder jemand wurde nicht in ein religiöses Umfeld hineingeboren, geriet später in ein solches, und es hat ihn dazu bewegt, Tora und Mizwot zu halten. Der Grund, weshalb er sie hält, ist die ihm vermittelte Überzeugung, dass er dadurch ein gutes Leben in dieser Welt und auch in der kommenden Welt haben wird. Mit der Zeit beginnt er zu sehen, wie sehr man Menschen achtet und schätzt, die Tora und Mizwot genau einhalten. Er sieht, mit welcher Wertschätzung man denen begegnet, die mit besonderem Eifer beten und mehr Zeit dem Studium der Tora widmen. Diese Achtung, die jene empfangen, treibt ihn an und wird ihm zum Brennstoff: Auch er beginnt nun, mit größerem Eifer zu beten und jede Mizwa und jede gute Tat genauer zu erfüllen. Und das gibt ihm die Kraft, mehr Zeit auf das Studium der Tora zu verwenden.
Das ist bereits die zweite Art, Tora und Mizwot zu halten. Denn er will sie aus freier Wahl halten, weil er begreift, dass der Schöpfer ihn dafür belohnt, dass er Seine Mizwot erfüllt. Doch zugleich mischt er dem Beweggrund noch einen anderen bei: die Achtung nämlich, die solche Menschen, wie er sieht, in höherem Maße genießen als andere. Oder neben der Achtung, die denen zuteilwird, die es mit Tora und Mizwot genau nehmen, gibt es noch weitere Dinge, um derentwillen die Allgemeinheit ihn zu größerem Einsatz verpflichtet – Geld etwa, oder was auch immer. Es kommt also noch ein weiterer Grund hinzu, um dessentwillen er Tora und Mizwot hält.
Einerseits steht er also höher als die erste Art, denn hier hält er Tora und Mizwot des Schöpfers, weil er an den Schöpfer glaubt. Anders die erste Art: Jener glaubt nicht an den Schöpfer, sondern hält Tora und Mizwot aufgrund des Wissens – des Wissens um die Strafe nämlich, dass der Arbeitgeber ihn von der Arbeit entlassen will, wie erwähnt. Das ist der Grund, warum er es auf sich genommen hat, Tora und Mizwot zu halten.
Die zweite Art dagegen hat durch die Erziehung empfangen, an den Schöpfer zu glauben und Tora und Mizwot zu halten, weil der Schöpfer uns geboten hat, sie zu erfüllen. Bei ihm liegen Lohn und Strafe nicht offen zutage; er muss vielmehr an Lohn und Strafe glauben und daran, dass der Schöpfer den Lohn auszahlt. So sagten unsere Weisen (Awot [Sprüche der Väter] 2:21): „Treu ist dein Auftraggeber, dass Er dir den Lohn deiner Arbeit zahlt. Und wisse: Der Lohn der Gerechten ist für die kommende Welt bestimmt.“
Er muss also an Lohn und Strafe glauben. Nicht so die erste Art, wie erwähnt: Jener muss nicht an Lohn und Strafe glauben, denn bei ihm liegen Lohn und Strafe offen zutage. Hört er nämlich nicht auf den Arbeitgeber und hält Tora und Mizwot nicht, so erhält er gewiss die Strafe: Der Arbeitgeber entlässt ihn, und er hat keinen Lebensunterhalt.
Ebenso bei den erwähnten Worten des Maimonides, dass man ihn schmähen muss und dergleichen. Auch dort muss er nicht an Lohn und Strafe glauben, denn er spürt das Leid unmittelbar, weil man ihn bedrängt, das Halten von Tora und Mizwot auf sich zu nehmen. Das ist etwas anderes: Er erfüllt tatsächlich das Gebot des Arbeitgebers und nicht das Gebot des Schöpfers. Darum zählt es nur zur ersten Art im Dienst des Schöpfers.
Bei der zweiten Art dagegen erfüllt er die Mizwot des Schöpfers, verbindet damit aber noch etwas anderes: Er nimmt einen weiteren Beweggrund hinzu, der ihm Brennstoff zum Halten von Tora und Mizwot gibt – wie gesagt Ehre oder Geld oder anderes. Es gibt also noch weitere Gründe, um derentwillen er Tora und Mizwot hält. Davon sprechen die Worte unserer Weisen (Traktat Sukka 45b): „Jeder, der den Namen des Himmels mit etwas anderem verbindet, wird aus der Welt entwurzelt, denn es heißt: ‚außer dem Schöpfer allein‘.“
Man kann erklären, was es bedeutet, dem Schöpfer noch etwas anderes beizugesellen. Nach unserem Weg lässt sich sagen: Nimmt er einen weiteren Grund hinzu, der ihn zum Halten von Tora und Mizwot verpflichtet, so heißt das „aus der Welt entwurzelt“. Denn der Grund und Anlass, Tora und Mizwot zu halten, muss „außer dem Schöpfer allein“ sein – das heißt, er hält sie um des Gebotes des Schöpfers willen und nicht in Verbindung mit einem weiteren Grund.
Daraus ergibt sich, dass der wesentliche Mangel an der Handlung darin besteht, dass er das liShma beeinträchtigt. Denn die Mizwot sollte er halten, weil er für den Schöpfer arbeitet und Seine Mizwot erfüllt, weil er dem Schöpfer dient. Und darum geht er danach hin und bittet, dass der Schöpfer ihm den Lohn für seine Arbeit zahlt. Dann sagt man ihm: „Du hast doch auch für andere gearbeitet; es gab ja noch andere, die dich verpflichteten, für sie zu arbeiten. Geh zu ihnen, damit sie dir den Lohn für die Arbeit zahlen, die du für sie getan hast.“
Dies lässt sich mit einem Gleichnis veranschaulichen: Ein Fahrer, der bei der Gesellschaft „Dan“ gearbeitet hat, geht und verlangt seinen Lohn von der Gesellschaft „Eged“. Die aber wollen ihm keinen Arbeitslohn geben, weil er nicht für sie gearbeitet hat. So ist es auch hier: Verlangt der Mensch, dass der Schöpfer ihm den Lohn für seine Arbeit zahle, sagt man ihm: „Du hast doch für Menschen gearbeitet, die dir Ehre oder Geld geben. Geh zu ihnen, sie sollen dir den Lohn zahlen.“ Und tatsächlich zahlen sie ihm nach dem Wert seiner Arbeit – so sehr ehren sie ihn usw.
Indem er dem Schöpfer also auch etwas anderes beigesellt – nämlich dass auch die Geschöpfe ihn zur Arbeit verpflichten –, beeinträchtigt er damit das liShma. Darum zählt dies nur zur zweiten Art, und sein Dienst ist noch kein vollendeter, vollkommener und reiner Dienst.
Die dritte Art. Er arbeitet einzig um des Himmels willen und nicht für die Geschöpfe. Er arbeitet im Verborgenen, und niemand weiß, wie viel er betet und wie lange er lernt. Darum kann man nicht sagen, er arbeite irgendetwas für Menschen von außen, damit sie ihm etwas für seine Arbeit geben. Er arbeitet vielmehr „außer dem Schöpfer allein“. Das heißt: Alle Gründe, die ihn zum Halten von Tora und Mizwot verpflichten, laufen darauf hinaus, dass er den Willen des Schöpfers erfüllen will.
Nur arbeitet er für einen Lohn. So sagte Maimonides, wie erwähnt: „… damit ihm kein Unglück widerfährt und um in dieser Welt Lohn zu empfangen“ – das heißt, damit der Schöpfer ihm Gesundheit, Lebensunterhalt, Freude an den Kindern und dergleichen gibt, oder damit Er ihm die kommende Welt gibt. Das ist der Grund, der ihm den Brennstoff gibt, die heilige Arbeit verrichten zu können. Eben darum gilt dieser Dienst als Dienst liShma. Denn der Grund, der ihn zum Halten von Tora und Mizwot bewegt, ist der Schöpfer allein, wie erwähnt: Er arbeitet „außer dem Schöpfer allein“ und gesellt nichts anderes bei.
Das heißt, er hat keinen weiteren Grund, der ihn zum Halten von Tora und Mizwot bewegt. Und das zählt bereits zur dritten Art, denn er hat keinerlei Verlangen, für irgendjemanden zu arbeiten, sondern allein für den Schöpfer. Doch der Grund, der ihn zum Erfüllen der Mizwot des Schöpfers verpflichtet, ist Ehrfurcht – die Furcht vor der Strafe – oder Liebe, nämlich die Liebe zum Lohn.
So steht es im Sulam (dem Leiter-Kommentar zum Sohar; Einführung in das Buch Sohar, Punkt 191) geschrieben: „Es gibt einen Menschen, der den Schöpfer fürchtet, damit seine Söhne leben und nicht sterben, oder weil er Strafe an seinem Leib oder Strafe an seinem Geld fürchtet; darum fürchtet er Ihn beständig. Es zeigt sich, dass er die Furcht vor dem Schöpfer nicht zur Wurzel macht, denn der eigene Nutzen ist die Wurzel, und die Furcht ist nur deren Folge. Und es gibt einen Menschen, der den Schöpfer fürchtet, weil er die Strafe jener Welt und die Strafe der Hölle fürchtet. Diese beiden Arten der Furcht – die Furcht vor der Strafe dieser Welt und die Furcht vor der Strafe der kommenden Welt – sind nicht das Wesen der Ehrfurcht und nicht ihre Wurzel.“
Eben weil diese nicht das Wesen der Ehrfurcht vor dem Himmel sind, ordnen wir dies der dritten Art zu. Dieser Dienst heißt also „liShma“, denn er hat beim Schöpfer gearbeitet und nicht zugleich für andere, wie erwähnt. Das heißt, er hat sich keinen weiteren auserkoren, für den er arbeitet, also nicht zugleich für andere, damit andere ihm Ehre erweisen und dergleichen. Vielmehr tritt er vor den Schöpfer mit dem Anspruch: „Da ich allein für Dich gearbeitet habe und niemand weiß, was ich beim Halten von Tora und Mizwot geleistet habe – weil ich im Verborgenen gearbeitet habe –, musst Du mir von Rechts wegen den Lohn für meine Arbeit zahlen.“
Auf diese Weise lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „Wer eine Münze als Almosen (Zedaka) gibt, damit seine Söhne leben, ist ein vollkommener Gerechter.“ Der Grund ist der erwähnte: Er erfüllt ein Gebot des Schöpfers. Weil der Schöpfer uns geboten hat, Almosen zu geben, gibt er. Vonseiten des Gebens liegt hier also kein Mangel vor, denn er erfüllt ein Gebot liShma, das heißt um des Himmels willen, und es gibt keinen anderen, der ihn zum Geben des Almosens verpflichtet.
Er erbittet nur einen Lohn vom Schöpfer als Gegenleistung für das Gebot, das er erfüllt – als Lohn für die Mühe, die er allein für den Schöpfer und nicht für irgendjemanden anderen auf sich genommen hat. Anders als bei der zweiten Art, wo er noch einen anderen mit einbezog – Menschen von außen, die ihn ebenfalls antrieben, Tora und Mizwot genau zu halten.
Das ist es, was sie sagten (Traktat Pessachim 8a): „Es wurde gelehrt: Wer sagt: ‚Diese Münze sei als Almosen gegeben, damit meine Söhne leben‘ oder ‚damit ich ein Sohn der kommenden Welt sei‘, der ist ein vollkommener Gerechter.“ Und Rashi erklärt: „‚Der ist ein vollkommener Gerechter‘ in dieser Sache. Und wir sagen nicht, dass er lo liShma handelt. Vielmehr hat er ein Gebot seines Schöpfers erfüllt, der geboten hat, Almosen zu geben, und beabsichtigt dabei auch den eigenen Genuss – dass er dadurch die kommende Welt erlange oder dass seine Söhne leben.“
Daraus geht hervor: Obwohl er einen Lohn für das Erfüllen des Gebotes erbittet – nämlich damit seine Söhne leben, oder weil er für dieses Gebot den Lohn der kommenden Welt will –, ist er dennoch ein Gerechter. Auch wer die kommende Welt will, gilt als einer, der Lohn will, ebenso wie der, der will, dass seine Söhne leben. So sagt der heilige Sohar, wie erwähnt: „Ob jemand für die Mizwot einen Lohn in dieser Welt oder in der kommenden Welt will – beides gilt nicht als das Wesen der Ehrfurcht“, weil der eigene Nutzen der Anlass zum Erfüllen der Mizwot ist und nicht der Schöpfer. Dennoch sagten unsere Weisen hier: „Der ist ein vollkommener Gerechter.“ Und Rashi erklärt es so: Weil er ein Gebot seines Schöpfers erfüllt, der ihm geboten hat, Almosen zu geben, und dabei auch den eigenen Genuss beabsichtigt, heißt er „vollkommener Gerechter“.
Das ist, wie wir erklärt haben: Weil er aus dem Grund arbeitet, dass der Schöpfer ihm das Halten von Tora und Mizwot geboten hat, und weil es keinen weiteren gibt, der ihn dazu verpflichtet, heißt das „liShma“, wie Rashi oben erklärte. Es gleicht dem obigen Gleichnis: Wer bei Reuven arbeitet und dann bei Shimon den Lohn verlangt – das heißt gewiss „lo liShma“, denn er hat ja zugleich auch für andere gearbeitet, und das heißt „lo liShma“ und zählt zur zweiten Art.
(Ich habe gehört, dass manche die Worte der Weisen erklären wollen, die sagten: „Wer sagt: ‚Diese Münze sei als Almosen gegeben, damit mein Sohn lebe‘, ist ein vollkommener Gerechter.“ Denn er knüpft ja Bedingungen an das Erfüllen des Gebotes. Darum wollen sie sagen, im Text stand als Abkürzung „ZG“; und als man dies später in ausgeschriebenen Worten wiedergab, machte man aus „ZG“ „Zaddik Gamur“ (vollkommener Gerechter). Doch sie irren in der Deutung der Abkürzung, denn „ZG“ bedeutet „Zedaka Gedola“ (großes Almosen) und nicht „Zaddik Gamur“. Doch das ist offenbar nicht wahr, denn sie können den zweiten Ausspruch nicht erklären, in dem es heißt: ‚oder damit ich ein Sohn der kommenden Welt sei‘. Auch „die kommende Welt“ gilt nämlich als Absicht auf eigenen Genuss, ebenso wie „damit seine Söhne leben“, gemäß den erwähnten Worten des heiligen Sohar.)
Die dritte Art heißt also: Er arbeitet um des Gebotes des Schöpfers willen – dessen, was der Schöpfer uns durch Moses zu halten geboten hat –, und wir erbitten den Lohn von Ihm, weil wir allein für Ihn gearbeitet haben, wie erwähnt, um des Gebotes des Schöpfers willen und nicht aus anderen Beweggründen. Darum heißt das „liShma“. Doch das ist nur die dritte Art.
Die vierte Art. Er hält Tora und Mizwot, ohne einen Lohn zu erwarten. So sagten unsere Weisen (Awot 1:3): „Antigonos, der Mann aus Socho, empfing von Shimon dem Gerechten. Er pflegte zu sagen: ‚Seid nicht wie Knechte, die dem Meister dienen, um Lohn zu empfangen, sondern seid wie Knechte, die dem Meister dienen, ohne einen Lohn zu erwarten. Und die Ehrfurcht vor dem Himmel sei über euch.‘“
Daraus geht hervor, dass gerade das Dienen ohne Lohnerwartung „um des Himmels willen“ heißt, wie er abschließend sagt: „Und die Ehrfurcht vor dem Himmel sei über euch.“ Wahre Ehrfurcht vor dem Himmel liegt also gerade im liShma, ohne jede Gegenleistung. Das heißt, er beabsichtigt keinen eigenen Genuss; seine ganze Absicht ist es, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Das heißt „reines liShma“, ohne jede Beimischung von Eigennutz. Das ist die vierte Art.
Doch bekannt ist die Frage: Ist der Schöpfer denn mangelhaft, dass Er es nötig hätte, dass die Geschöpfe nur für Ihn arbeiten und gar nichts für sich selbst, sondern alles ganz für den Schöpfer ist, ohne jede Beimischung von Eigennutz? Und wenn sie auch selbst Freude haben, sich an ihrer Arbeit erfreuen wollen – ist dieser Dienst dann untauglich und wird er oben nicht als ein Gebot angenommen, das würdig wäre, vor dem König zu bestehen? Was kümmert es denn den Schöpfer, wenn der Mensch auch ein wenig Freude an der Arbeit hat?
Doch die Antwort ist bekannt: Es muss Gleichheit der Form geben, damit es kein „Brot der Scham“ gibt. Die Regel ist nämlich: Der Zweig will seiner Wurzel gleichen. Und da der Schöpfer der Gebende ist, liegt etwas Unangenehmes darin, wenn der Mensch von irgendjemandem empfangen muss. So zeigt sich, dass die Einschränkung (Zimzum) und die Verhüllung, die über unserem Gefäß des Empfangens vollzogen wurden, damit wir nicht arbeiten, um eine Gegenleistung zu empfangen – zu unserem eigenen Besten sind.
Andernfalls gäbe es überhaupt keine Möglichkeit zur freien Wahl. Das heißt, der Mensch könnte Tora und Mizwot niemals in der Absicht zu geben erfüllen. Denn es stünde nicht in seiner Macht, den Genuss zu überwinden, den er in Tora und Mizwot schmecken würde, gäbe es nicht Einschränkung und Verhüllung. Denn bekanntlich gilt: Je größer der Genuss, desto schwerer fällt es, auf ihn zu verzichten.
Eben darum wurden uns die materiellen Genüsse gegeben, in die nur ein sehr feines Licht gelegt ist, das der heilige Sohar „nehiru dakik“ (feines Licht) nennt. Dieses fiel beim Zerbrechen der Gefäße in die Klipot (Schalen). Und es kamen ihnen noch heilige Funken hinzu nach der Sünde am Baum der Erkenntnis, als Adam haRishon (der erste Mensch) sündigte. Diesen Genüssen jagen alle Geschöpfe nach und suchen sie zu erlangen. Alle Kriege, Morde und Diebstähle und so weiter, die es auf der Welt gibt, rühren daher, dass jeder danach strebt, Genuss zu empfangen.
Und es ist uns gegeben, diese Genüsse zu überwinden und alles um des Himmels willen zu empfangen. Der Mensch sieht, wie schwer es ist, aus der Eigenliebe herauszutreten und auf kleine Genüsse zu verzichten. Gäbe es darum nicht die Einschränkung und läge der wahre Genuss offen da, der in Tora und Mizwot enthalten ist, so gäbe es gewiss keine Möglichkeit, auf die Genüsse zu verzichten und zu sagen, man halte Tora und Mizwot, weil man dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten will.
Doch der Mensch kann dem nicht zustimmen, Tora und Mizwot ganz ohne Freude und Genuss zu erfüllen – unserer Natur wegen, denn wir wurden mit dem Gefäß geboren, das „Verlangen, Freude und Genuss zu empfangen“ heißt. Wie also wäre es möglich, ohne jede Gegenleistung zu arbeiten?
Doch ist uns ein einziger Bereich gegeben, in dem wir ohne jede Gegenleistung arbeiten können. Das heißt: Selbst wenn wir wegen der Einschränkung keinen Geschmack mehr an Tora und Mizwot finden, gibt es einen Rat – nämlich aus der Größe des Schöpfers heraus zu arbeiten: aus dem Bewusstsein, welch großes Vorrecht es ist, dem König zu dienen.
Und dazu haben wir tatsächlich eine natürliche Anlage: Der Kleine ordnet sich dem Großen unter. Er hat Kraft und Brennstoff, für den Großen zu arbeiten, der in seiner Generation als bedeutend und in der Welt als angesehen gilt. Nach dem Maß von dessen Bedeutung hat er Freude daran, ihm zu dienen. Und diese Freude darf er sehr wohl empfangen. Denn Freude daran zu empfangen, dass man gibt, heißt nicht „geben, um zu empfangen“. Denn „geben, um zu empfangen“ heißt eigens, dass er eine Gegenleistung will – dass man ihm für seinen Dienst, den er leistet, etwas gebe. Oder jemand arbeitet in einer Fabrik und weiß, dass der Besitzer Freude daran hat, dass jeder etwas produziert; und wer mehr produziert als üblich, daran hat der Besitzer umso mehr Freude.
Darum müht er sich, mehr zu produzieren als ein anderer Arbeiter, damit der Besitzer Freude hat. Doch danach will er, dass der Besitzer ihm eine Gegenleistung gibt – dafür, dass er sich bemüht hat, ihm Freude zu bereiten. Das heißt: Einerseits gibt er, andererseits will er eine Gegenleistung. Das heißt „geben, um eine Gegenleistung zu empfangen“.
Anders, wenn ein Mensch dem König dient und zum König sagt: „Ich will keine Gegenleistung für den Dienst, denn ich habe schon am Dienst selbst Freude, und mir fehlt keine Gegenleistung. Denn alles, was du mir für den Dienst gibst, den ich dir leiste – ich spüre, dass es meinen Dienst beeinträchtigen würde. Ich will allein den Dienst. Gib mir keine Gegenleistung. Und das ist meine Freude. Denn es ist mir eine große Ehre, dass ich gewürdigt wurde, dem König zu dienen.“
Gewiss kann man von ihm nicht sagen, er gebe, um zu empfangen – er will ja keinerlei Gegenleistung dafür. Und warum will er sie nicht? Weil er große Freude daran hat, dem König zu dienen. So zeigt sich, dass dies „geben, um einem bedeutenden Menschen zu geben“ heißt. Und die Bedeutung des Königs bemisst der Mensch nach dem Maß der Freude, die er aus dem Dienst am König hat. Denn je bedeutender der König, desto größer seine Freude. Es ist eben nicht dasselbe, ob man dem Großen der Stadt dient, dem Großen des Landes oder dem Größten der Welt.
Und das heißt „wahres Geben“: dass er Freude am Geben selbst hat. Denn der eigentliche Sinn des Gebens lag in der Gleichheit der Form. Das heißt: So wie der Schöpfer der Gebende ist, so wollen auch die Geschöpfe Gebende sein. Und gewiss müssen wir sagen, dass der Schöpfer Freude daran hat, dass Er gibt.
Daraus folgt: Wenn die Geschöpfe dem Schöpfer geben und dabei selbst keine Freude daran haben, dann liegt gewiss noch keine Gleichheit der Form vor. Denn der Schöpfer hat Freude, wenn Er den Unteren gibt. Das heißt: Aus der Handlung des Gebens fließt Freude. Muss man aber für die vollbrachte Handlung etwas empfangen, so hat man die Handlung beeinträchtigt und sagt damit, in der Handlung liege keine Vollkommenheit. Vielmehr muss man, damit Vollkommenheit da ist, etwas hinzufügen – nämlich ein wenig Gegenleistung für die Handlung empfangen; die Handlung an sich aber hat nicht so viel Wert.
In Wahrheit aber gilt: Will man, dass die Handlung des Gebens – wenn der Mensch irgendeine Handlung für den Schöpfer vollbringt – ihren Wert hat, so muss man sich bemühen, möglichst große Freude daran zu haben. Denn die Freude an einer Handlung des Gebens verleiht der Handlung ihren Wert. Denn jeder Sache, die der Mensch tun will und die ihm am wichtigsten ist, gibt er den Vorrang, sie zuerst zu tun. Und was der Mensch als das ihm Wichtigste wählt, misst sich daran, woran er die meiste Freude hat.
Daraus folgt: Will der Mensch die Handlung, die er für den Schöpfer vollbringt, mit Wert versehen, so kann er das nur, indem er möglichst große Freude daran empfängt. Das heißt: Wenn der Mensch sich bemühen kann, möglichst große Freude zu haben, dann kann er wissen, dass er jetzt dem Schöpfer großes Wohlgefallen bereitet, indem er dem Schöpfer gibt und Seine Mizwot erfüllt.
Das heißt: Der Mensch hat das Verlangen, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, weiß aber nicht, woran der Schöpfer Freude haben kann, was er dem Schöpfer geben soll. Darum: Da der Schöpfer uns offenbart hat, dass Er uns Tora und Mizwot gibt und dass Er Freude hat, wenn wir sie erfüllen, sind wir gewiss froh, dass wir nun wissen, was wir für Ihn tun können. Und wir sehen, dass uns ein Segen gegeben ist, beim Vollziehen von Tora und Mizwot zu sprechen; wir sagen nämlich: „Gepriesen seist Du, Schöpfer, der die Tora gibt.“
Und so danken wir Ihm, wie es bei den Mizwot steht, dafür, dass Er uns zum Beispiel das Gebot der Sukka (Laubhütte) gegeben hat. Wir alle freuen uns etwa darüber, dass Er uns anweist, was wir tun sollen, woran Er Freude hat. Und wir müssen nicht erst losziehen und nach Dingen suchen, an denen der Schöpfer Freude hätte. Die Frage ist nur: Wie können wir unsere Freude beim Vollziehen der Mizwot steigern?
Antwort: Nur ein Rat steht uns zu Gebote – sich zu bemühen, die Größe des Schöpfers zu erlangen. Das heißt: Bei allem, was wir in Tora und Mizwot tun, wollen wir, dass unser Lohn darin besteht, die Größe des Schöpfers zu spüren. Und alle Gebete, die wir beten, sollen darauf zielen, „die Shechina (göttliche Gegenwart) aus dem Staub zu erheben“ – denn der Schöpfer ist uns wegen der vollzogenen Einschränkung verborgen, und wir sind nicht imstande, Seine Bedeutung und Größe zu ermessen.
Darum beten wir zum Schöpfer, dass Er Seine Verhüllung von uns nehme und das Ansehen der Tora erhöhe. So sagen wir im Achtzehnbittengebet (Shmone Esre) von Rosh haShana (Neujahr): „Und so gib Deinem Volk Ehre“ – das heißt, Er möge Seinem Volk die Ehre des Schöpfers geben, damit sie die Ehre des Königs spüren.
Darum muss der Mensch sich bemühen, beim Studium der Tora das Ziel nicht zu vergessen, sodass ihm stets vor Augen steht, was er aus dem Studium empfangen will: dass das Studium ihm die Größe und Bedeutung des Schöpfers vermittle. Und ebenso soll er beim Vollziehen der Mizwot die Absicht nicht vergessen: dass der Schöpfer durch dieses Erfüllen der Mizwot – durch ihre besondere Kraft – die Verhüllung von ihm nehme, die über dem Spirituellen liegt, sodass er ein Gespür für die Größe des Schöpfers empfange.
Doch der Dienst, Tora und Mizwot mit der Absicht zu halten, dadurch der Nähe des Schöpfers gewürdigt zu werden und Seine Größe zu erlangen, um Ihm aus dem Gespür für die Bedeutung des Schöpfers Wohlgefallen bereiten zu können – sodass dies sein Lohn ist und er kein Verlangen nach einem anderen Lohn für seine Arbeit hat –, dieser Dienst ist schwer, denn der Körper willigt nicht ein, mit dieser Absicht zu arbeiten.
Der heilige Sohar (Nasso, Blatt 30; im Sulam Punkte 102–104) sagt: „Tüchtige Männer ziehen von Stadt zu Stadt und finden kein Erbarmen. Die vermischte Menge (Erew Rav) ächtet sie in ihrer Mitte, und an vielen Orten gibt man ihnen nur ein abgemessenes Stück, sodass sie sich aus ihrem Fall nicht erheben können, nicht einmal für eine flüchtige Stunde. Und alle Weisen, alle tüchtigen Männer und die, die die Sünde fürchten, leben in Bedrängnis, in Enge und in Kummer und gelten wie Hunde; sie, die teuren Söhne, aufgewogen mit feinem Gold – wie gelten sie als irdene Scherben an allen Straßenecken usw. Und jene vermischte Menge ist reich, in Ruhe, in Freude, ohne Kummer und ganz ohne Leid – Räuber und Bestechliche, die doch Richter und Häupter des Volkes sind usw.“
Wir sehen hier in den Worten des Sohar, dass er zwischen den Weisen, den tüchtigen Männern und denen, die die Sünde fürchten, einerseits und den Richtern und Häuptern des Volkes andererseits unterscheidet, die zur vermischten Menge (Erew Rav) gehören. Und er sagt: Die Weisen, die tüchtigen Männer und die, die die Sünde fürchten, leben in Kummer und in Enge usw. Die Richter und Häupter des Volkes dagegen sind reich, leben in Ruhe und in Freude. Warum? Weil sie zur vermischten Menge gehören.
Es ist zu klären, was „die vermischte Menge“ bedeutet – dass sie, weil sie zur vermischten Menge gehören, Freude und Ruhe haben usw. Wir sehen es an dem Streit, den Jakob mit Esau hatte: Esau sagte zu Jakob: „Ich habe viel“, und Jakob antwortete: „Ich habe alles.“ Es ist zu verstehen, worin der Unterschied zwischen „viel“ und „alles“ besteht.
Bekannt ist, dass die Sefira Jessod „alles“ genannt wird, denn sie ist der Aspekt „Jessod, der Gerechte“, wie wir im Gebet sagen: „Dein, Schöpfer, ist die Größe und die Macht und die Pracht und der Sieg und der Glanz“ – denn „alles“ ist Jessod. Denn der Gerechte, der „Jessod“ heißt, ist nur Gebender, da die Sefira Jessod an Malchut gibt, wie bekannt und wie es im Sohar geschrieben steht. Das heißt: Die Stufe von Jessod ist die des Gerechten, der nichts für sich selbst nimmt, sondern all seine Handlungen geschehen einzig um des Gebens willen.
Beginnt nun der Mensch seinen Dienst, ein Gerechter zu sein – das heißt, keinen Lohn für sich selbst zu empfangen und alles nur in der Absicht zu tun, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten –, dann willigt der Körper nicht ein und legt ihm Hindernisse in den Weg. Alles, womit er ihn von seiner Arbeit abhalten kann, das tut er. Und dann ist dieser Mensch beständig in Kummer und findet keine Ruhe in seinem Zustand. Denn er sieht, dass er noch nicht dahin gelangt ist, dem Schöpfer zu geben; vielmehr fehlt ihm bei allem, was er tut, noch das Vermögen, es auf das Geben hin auszurichten.
Und darüber ist er beständig in Kummer – aus dem „Kummer der Shechina“, der „Shechina im Exil“ genannt wird. Denn es schmerzt ihn: Warum hat er für die Eigenliebe Kraft zu arbeiten, doch dort, wo er sieht, dass sein Verlangen zu empfangen nichts davon hat, wird er in der Arbeit nachlässig?
So zeigt sich: Nachdem er einige Zeit in die Arbeit investiert hat und ein wenig Annäherung an den Schöpfer sehen will, spürt er jedes Mal mehr seine Wahrheit – dass er in Wahrheit weit entfernt ist von der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer. Das heißt, im Hinblick auf die Gleichheit der Form – „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig“ – ist er das Gegenteil. Zuvor dachte er, er wollte dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten und würde dabei auch ein wenig Freude haben, und er hoffte, den Lohn für seine Arbeit zu empfangen, sowohl den Lohn dieser Welt als auch den Lohn der kommenden Welt. Doch jetzt sieht er, dass er keinerlei Kraft hat, zum Nutzen des Schöpfers zu handeln, sondern alles nur in der Absicht tut, für sich selbst zu empfangen, und gar nicht gibt.
Daran sieht er nun, dass es ihm schlechter geht als zu der Zeit, da er mit der Arbeit begann. Denn als er in die Arbeit im Aspekt der dritten Art eintrat, wie erwähnt, hatte er Freude und Ruhe. Denn er wusste und glaubte, dass sich sein Besitz Tag für Tag zu einer großen Summe mehrt, weil jeder Tag, an dem er gute Taten vollbringt, ihm den Lohn jeder einzelnen Mizwa auf sein Konto schreibt. Und dieser Glaube bereitete ihm gewiss Freude und Ruhe, denn er sah, dass er in der Arbeit vorankam, das heißt, dass sein Besitz Tag für Tag bei ihm anwuchs.
Anders nun, da er von der dritten Art in den Beginn der Arbeit der vierten Art übergegangen ist – der Arbeit „ohne einen Lohn zu erwarten“. Er lebt in Kummer und in Enge, denn er prüft sich am Gefäß des Gebens: wie viel er von diesem Gefäß bereits erworben hat.
Da sieht er das Gegenteil: An jedem Tag, an dem er Kräfte investiert und die Annäherung an den Schöpfer erreichen will – also ein Verlangen zu geben –, sieht er die Wahrheit, wie er sich mehr und mehr entfernt. Und wie mein Vater und Lehrer Baal HaSulam sagte: Warum sieht der Mensch, wie er sich immer mehr entfernt? Er vollbringt doch jeden Tag gute Taten, und demnach müssten ihn diese Taten näherbringen.
So sagten unsere Weisen: „Ich habe den bösen Trieb (Jezer haRa) erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Warum also sieht der, der mit der Arbeit des Gebens beginnt, wie es ihm jeden Tag schlechter geht? Da sagte er, das sei nicht richtig: In Wahrheit geht er nicht jeden Tag rückwärts, wie er meint, sondern jeden Tag geht er vorwärts. Und dass er sieht, wie es ihm schlechter geht – das kommt daher, dass der Mensch zuerst die Lüge und das Böse sehen muss, und danach erst kann man sie korrigieren.
Anders, wenn jemand ein Loch und einen Riss in einem Bau verschließen will und meint, das Loch und der Riss seien zwanzig Zentimeter groß. Er arbeitet und müht sich ab und sieht am Ende, dass noch zwanzig Zentimeter zu verschließen sind. So zeigt sich: Solange er den wahren Mangel nicht sieht, arbeitet er umsonst, das heißt, er korrigiert nichts.
Die Auslegung des Gleichnisses: Ein Mensch meint, er habe ein Böses in sich – sagen wir, ein Kilogramm – und will es korrigieren. Er beginnt zu korrigieren. Und danach sieht er, dass es noch ein weiteres Kilogramm Böses gibt. So zeigt sich, dass er noch gar nichts korrigiert hat. Sieht er hingegen das ganze Maß des Bösen in sich, und korrigiert er es dann, so heißt das „vollkommene Korrektur“.
Darum sagte er: An jedem Tag, an dem er sich mit der Arbeit in der Absicht zu geben befasst, kommt er der Wahrheit näher – nämlich die Größe des Bösen in seinem Innern zu sehen. Denn in einem dunklen Haus sieht man nicht, dass dort Schmutz und Unrat sind. Bringt man aber Licht hinein, dann kann man sehen, dass Schmutz und Unrat da sind.
Ebenso, wenn der Mensch beginnt, sich mit Tora und Mizwot auf dem Weg des Gebens zu befassen, dann leuchten Tora und Mizwot ihm jedes Mal mehr, sodass er die Wahrheit sieht: wie groß das Böse in seinem Innern ist. So zeigt sich, dass er Tag für Tag vorwärtsgeht, bis er das vollkommene Böse erreicht, das in ihm ist. Und dann, wenn man zu korrigieren beginnt, entsteht eine vollkommene Korrektur, sodass er danach das Gute und den Genuss, den der Schöpfer den Geschöpfen zu geben gedachte, in seine Gefäße aufnehmen kann – wie geschrieben steht, dass das Ziel der Schöpfung ist, „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“.
Diese Sache finden wir beim Auszug aus Ägypten. So sagte der heilige ARI, dass das Volk Israel zur Zeit des Auszugs aus Ägypten in den 49 Toren der Unreinheit (Tuma) war, bis der König aller Könige Sich ihnen offenbarte und sie erlöste. Und alle wenden dagegen ein: Wie ist das möglich? Das Volk Israel hatte doch aus dem Mund von Moses und Aaron die Sendung des Schöpfers vernommen, der sie ausgesandt hatte, es aus dem ägyptischen Exil zu führen. Und der heilige ARI erklärt: Das ägyptische Exil bedeutet, dass das Bewusstsein der Heiligkeit (Kedusha) im Exil war. Und Moses und Aaron versprachen dem Volk Israel, dass sie aus dem Exil herauskämen, um in die Heiligkeit einzutreten. So wie wir im „Schma Israel“ (Shma) sagen: „Ich bin der Schöpfer, euer Gott, der euch aus dem Land Ägypten geführt hat, um euch Gott zu sein.“
Demnach verlangt es die Vernunft, dass sie Tag für Tag von Stufe zu Stufe in der Heiligkeit hätten aufsteigen müssen, zumal sie die zehn Plagen sahen, die in Ägypten geschahen. Und dennoch sagt der heilige ARI, dass das Volk Israel zur Zeit des Auszugs aus Ägypten in den 49 Toren der Unreinheit war.
Vielmehr ist es so, wie erwähnt: An jedem Tag stiegen sie in der Stufe der Wahrheit auf und kamen dem näher, das Maß des Bösen zu sehen, das sie im Gefäß des Empfangens hatten. Das heißt: Nachdem Moses und Aaron gekommen waren, um ihnen zu sagen, dass sie das ägyptische Exil verlassen müssten – die Klipa, die von der Heiligkeit saugt, wie der heilige ARI sagt –, und das Volk Israel begonnen hatte, sich von den Klipot Ägyptens zu entfernen, begann die Klipa Ägyptens, sie mit starken Kräften zu bekämpfen.
Das heißt: Die Klipa Ägyptens gab dem Volk Israel zu verstehen, dass es sich nicht lohne, das eigennützige Empfangen zu verlassen. Und was die Arbeit des Gebens betrifft, gab sie ihnen zu verstehen, dass dies schwer sei und es sich nicht lohne, umsonst zu arbeiten – „ohnehin werdet ihr dessen nicht gewürdigt, denn dazu braucht es besondere Kräfte“. Und sooft das Volk Israel von Moses und Aaron Stärkung empfing, kam die Klipa Ägyptens und schwächte sie.
Und das ging so weit, dass jedes Mal, wenn sie den Einwand der Ägypter überwanden, dieser aufs Neue in ihren Sinn drang – sie sollten ihn nicht als Einwand der Ägypter erkennen, sondern das Volk Israel sollte diese Gedanken für seine eigenen halten. Und das heißt: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Trieb ist größer als er.“
Das bedeutet: Nach dem Maß ihrer Kraft, sich in der Heiligkeit zu stärken, in eben dem Maß stärkten sich die Klipot gegen sie. Nach dem Maß der Kraft, mit der man entfliehen will, in eben dem Maß ist die andere Seite gezwungen, größere Kräfte aufzubieten, um ihn in ihrem Bereich festzuhalten, damit er nicht entfliehe.
Daraus folgt: In Wahrheit kam das Volk Israel der Heiligkeit Tag für Tag mit größerer Macht näher. Der Beweis dafür: Wenn man sagt, dass sie in den 49 Toren der Unreinheit waren, so ist der Grund, dass sie bereits in die 49 Tore der Heiligkeit aufgestiegen waren. Darum musste es das Gegenstück zur Heiligkeit geben, also ebenfalls 49 Tore der Unreinheit.
Doch bevor der Mensch die Arbeit vollendet und aus dem Bereich der Klipot heraustritt, sieht er nicht das Maß, in dem er in die Heiligkeit eingetreten ist. Vielmehr sieht er nur, dass er jedes Mal ferner ist – weil das Gegenstück zur Heiligkeit das Böse enthüllt, das in ihm ist. Und bevor das Licht der Heiligkeit da ist, ist der Mensch nicht imstande, die wahre Gestalt des Bösen zu sehen, das in ihm ist. Denn gerade da, wo Licht ist, kann man den Schmutz sehen, der im Haus ist, wie erwähnt.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass der Mensch nicht wissen kann, was bei ihm ein guter Zustand zu nennen ist. Das heißt: Es kann sein, dass der Mensch spürt, er befinde sich in einem Abstieg. Er sieht nämlich, dass er kein Verlangen nach Tora und Mizwot hat, und sieht, dass er jetzt ein stärkeres Verlangen nach Eigenliebe hat, etwa stärker als gestern. Da muss der Mensch gewiss sagen: Gestern war er in einem Zustand, in dem er auf Menschen blickte, die um materielle Bedürfnisse besorgt sind und darauf sinnen, wie sie ihr Verlangen zu empfangen füllen können, und sich von ihnen fernhielt; er konnte nicht mit ansehen, wie erwachsene, verständige Menschen sich erniedrigen, um in einem so niedrigen Zustand zu verharren.
Jetzt aber sieht er, dass er einer von ihnen ist, und er schämt sich nicht, seine eigene Niedrigkeit zu spüren; vielmehr ist ihm das eine ganz gewöhnliche Sache – als hätte er nie an das Spirituelle gedacht. Und um es noch besser zu verstehen, nehmen wir ein Beispiel: Manchmal, in der Frühe, wenn der Mensch aufstehen muss und ihn der Wecker oder ein Mensch aufweckt, spürt er, dass er aufstehen muss zum Dienst des Schöpfers. Er beginnt, die Wichtigkeit der Sache zu spüren, und steht darum sofort behände auf – denn das Gespür für die Wichtigkeit des Dienstes am Schöpfer gibt ihm die Kraft, behände aufzustehen.
Und gewiss ist er dann in einem Zustand des Aufstiegs. Das heißt: Nicht das Materielle gibt ihm die Kraft zur Arbeit, sondern bei ihm ist es das Spirituelle. Dass er spürt, er werde nun – auf welche Weise auch immer – eine Verbindung mit dem Schöpfer haben, das genügt ihm, um die Kraft zur Arbeit zu haben. Und er denkt dann an gar nichts als an den Schöpfer. Und er spürt, dass er jetzt als lebendig gilt, während er ohne das Spirituelle als tot gilt. Und von selbst spürt er, dass er in einem Zustand des Aufstiegs ist.
In Wahrheit aber kann der Mensch seinen Zustand nicht bestimmen, wenn er spürt, dass er fern ist. Das heißt: Ist er ein Mensch, der auf den Wegen des Gebens gehen will, so muss er begreifen, dass man ihm vom Himmel eine besondere Behandlung zuteilwerden lässt, indem man ihn aus dem vorigen Zustand herabgeführt hat, damit er beginnt, wahrhaftig über das Ziel nachzudenken: was man vom Menschen will und was der Mensch vom Schöpfer will, dass Er ihm gebe. Anders, wenn er in einem Zustand des Aufstiegs ist, das heißt, wenn er Lust auf Tora und Mizwot hat: Dann hat er kein Bedürfnis, sich um das Spirituelle zu sorgen, sondern will, dass es alle Tage seines Lebens so bleibt, weil es ihm so gut geht.
Daraus folgt: Der Abstieg, den er empfangen hat, ist zu seinem Besten – wie erwähnt, dass man ihm eine besondere Behandlung zuteilwerden lässt, indem man ihn aus seinem Zustand herabgeführt hat, in dem er meinte, er habe ein wenig Vollkommenheit. Und das erkennt man daran, dass er bereit ist, in seinem gegenwärtigen Zustand alle Tage seines Lebens so zu verbleiben.
Anders nun, da er sieht, dass er fern vom Spirituellen ist, wie erwähnt. Da beginnt er nachzudenken: „Was will man eigentlich von mir, und was ist mir aufgetragen zu tun, und welches Ziel soll ich erreichen?“ Und er sieht, dass er keinerlei Kraft zur Arbeit in der Hand hat, und findet sich in einem Zustand „zwischen Himmel und Erde“. Und der Mensch kann sich nur dadurch stärken, dass allein der Schöpfer ihm helfen kann, er aber aus sich selbst verloren ist.
Und darüber heißt es (Jesaja 40:31): „Die aber auf den Schöpfer hoffen, gewinnen neue Kraft“ – das sind die Menschen, die auf den Schöpfer hoffen. Das heißt: Weil sie sehen, dass es keinen anderen auf der Welt gibt, der ihnen helfen kann, gewinnen sie zu jeder Zeit neue Kraft. So zeigt sich, dass dieser Abstieg gerade ein Aufstieg ist. Das heißt: Durch diesen Abstieg, durch das, was sie spüren, wird ihnen gegeben, in der Stufe aufzusteigen – denn „es gibt kein Licht ohne ein Gefäß“.
So zeigt sich: Als er noch meinte, er sei in einem Zustand des Aufstiegs, hatte er keinerlei Mangel, in den der Schöpfer etwas hätte legen können, denn sein Gefäß war voll, und es war kein Platz, in den etwas hätte eintreten können. Anders nun, da er spürt, dass er in einem Zustand des Abstiegs ist: Darum beginnt er jetzt, seine Mängel zu sehen und die hauptsächlichen Gründe, die ihn daran hindern, zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer zu gelangen. Und dann weiß er, worum er den Schöpfer bitten muss, dass Er ihm helfe. Denn dann sieht er die Wahrheit, das wahre Hindernis.
Aus dem Gesagten geht hervor: Der Mensch kann nicht sagen, der Schöpfer habe ihn von Seinem Dienst ferngehalten, und als Beweis dafür anführen, dass er sich in einem Zustand des Abstiegs befindet – das heißt, der Schöpfer habe ihn aus der Arbeit geworfen und wolle nicht, dass er bei Ihm arbeitet. Das ist nicht richtig. Im Gegenteil: Der Schöpfer will ihn näherbringen; und solange er spürte, dass er im Aspekt des Aufstiegs war, konnte Er ihn nicht näherbringen, weil er keine Gefäße hatte.
Und um dem Menschen Gefäße zu geben, musste der Schöpfer ihn aus seinem Zustand herausführen und ihn in einen Zustand bringen, in dem er an sich selbst einen Mangel spürt. Und dann kann der Schöpfer ihm Hilfe von oben geben, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Und der Sohar fragt: Womit? Und er antwortet: mit einer heiligen Seele. Das heißt: Man lässt ihn spüren, dass die Seele ein göttlicher Teil von oben ist. Und dann tritt er in die Heiligkeit ein. Und dann kann er von Stufe zu Stufe gehen, bis er seine Seele vollendet, indem er all das korrigiert, was ihr noch zu korrigieren bleibt.
Aus dem Gesagten ergibt sich:
Die erste Art – Grund und Anlass zum Halten von Tora und Mizwot sind Menschen von außen.
Die zweite Art – der Schöpfer in Verbindung mit Menschen von außen sind die Gründe, die ihn zu Tora und Mizwot verpflichten.
Die dritte Art – allein der Schöpfer verpflichtet zum Halten von Tora und Mizwot, und es gibt keine Menschen von außen, die ihn verpflichten. Doch der Mensch selbst ist ebenfalls ein Anlass zu Tora und Mizwot.
Die vierte Art – allein der Schöpfer ist der Anlass, Tora und Mizwot zu halten, und es gibt keinen Teilhaber, der ihn zu Tora und Mizwot mitverpflichtete. Und das heißt „nichts außer dem Schöpfer allein“. Und das heißt „die vermischte Menge (Erew Rav) inmitten der Heiligkeit“.
korrOp, EY, 03.08.2026, 03:15 Uhr, Ver11