1986/25 Das Maß des Praktizierens der Mizwot [Gebote]
Es ist uns gegeben, die 613 Mizwot schon durch die bloße Handlung zu erfüllen. Selbst ohne Absicht genügt das – sofern der Mensch sich nur bewusst ist, dass er gerade eine der Mizwot ausführt, die der Schöpfer uns geboten hat –, um die Mizwa zu erfüllen. Er muss an keinerlei Absicht denken; es genügt, schlicht zu handeln, und damit hat er seine Pflicht bereits erfüllt.
Natürlich muss man jede Mizwa nach den Bedingungen erfüllen, die zu ihr gehören. Nehmen wir die Mizwa der Zizit (Schaufäden), wie geschrieben steht: „Und sie sollen sich Zizit an den Ecken ihrer Kleider machen.“ Dabei kommt es auf Einzelheiten an: aus welchem Stoff der Tallit (Gebetsschal) gefertigt ist, wie lang und breit er ist und dergleichen. Und auch bei den Zizit selbst gibt es solche Unterschiede – aus welchem Material sie bestehen, ob aus Wolle, Flachs oder anderem –, ferner ihre Zahl, ihre Länge und so fort.
All diese Bedingungen der Mizwa der Zizit muss man selbstverständlich einhalten. Sonst gilt die Handlung der Mizwa als unvollständig, und das ist ein Mangel auf der Ebene der Handlung. Außerdem gilt der Grundsatz, die Mizwot möglichst schön auszuführen, wie die Weisen zum Vers „Dies ist mein Gott, und ich will Ihn verherrlichen“ bemerkten. Ebenso ist auf viele Feinheiten genau zu achten.
Das gilt für die Ausführung aller Mizwot – ob es Mizwot aus der Tora sind, Mizwot der Weisen oder solche, die man aus Brauch erfüllt. Denn die Weisen sagten: „Der Brauch Israels ist Tora“ (Menachot 20b, Tosafot zum Stichwort „nifsal“), und „der Brauch unserer Väter ist Tora“.
Wie genau wir bei den Feinheiten der Mizwot sein müssen, führt uns die Mizwa vor Augen, an Pessach kein Chamez (Gesäuertes) zu essen. Sie zeigt beispielhaft, welche Gestalt solche Genauigkeit haben soll. Gerade an Pessach wurde sie uns gegeben, weil Chamez auf den bösen Trieb (Jezer haRa) hindeutet. Deshalb gelten hier viele strenge Vorschriften und Feinheiten. Das soll uns als Beispiel dienen, wie achtsam wir sein müssen, um nicht in eine wirkliche Übertretung zu geraten. Darum wurden uns diese Feinheiten gegeben: Sie halten uns von der Übertretung selbst fern und lassen uns zugleich die Mizwa erfüllen.
Doch der Baal Shem Tov sagte: „Übertreibe es nicht mit den Feinheiten.“ Das heißt: Man soll nicht alle Aufmerksamkeit und Zeit in Feinheiten stecken. Der Mensch soll die Mizwot zwar so weit wie möglich in all ihren Einzelheiten und Feinheiten wahren, es damit aber nicht übertreiben. Vielleicht ist das der Grund, warum wir nicht bei jeder Mizwa so streng verfahren wie an Pessach: Wir brauchen unsere Kraft nämlich auch für die Absicht hinter den Handlungen, sonst bliebe für sie keine Zeit.
Wir müssen also auch an die Absicht denken, wie geschrieben steht: „Ich erschuf den bösen Trieb, und Ich erschuf die Tora als Gewürz.“ Wir müssen demnach auch der Absicht Zeit und Mühe widmen, nämlich nachzuprüfen, wie weit der böse Trieb durch Tora und Mizwot bereits korrigiert ist. Der Mensch muss sein Verlangen prüfen – das sogenannte „Verlangen zu empfangen“ –: ob er sich schon ein gutes Stück davon gelöst und sich von ihm entfernt hat und wie weit er in die Arbeit des Gebens eingetreten ist. Er muss sich also immer wieder überprüfen, um ganz klar zu erkennen, welches Maß an Hass gegen seine Gefäße des Empfangens er erworben hat; und er muss sich nach den Gefäßen des Gebens sehnen.
Wenn der Mensch sich also mit irgendeiner Mizwa beschäftigt, soll er zuallererst wissen, dass er sie in vollkommener Einfachheit erfüllt: dass er gerade an nichts anderes denkt als an diese eine Mizwa, mit der er beschäftigt ist. Er soll sich also bewusst sein, dass er eine Mizwa des Schöpfers erfüllt, und glauben, dass der Schöpfer es uns durch Moses, unseren Lehrer, geboten hat, Sein Gebot zu erfüllen. Wenn er nun erfüllt, was Er uns gegeben hat – die 613 Mizwot, dazu die Mizwot der Weisen und ebenso die Bräuche Israels, die ebenfalls Tora sind –, dann soll all seinem Tun die eine Absicht zugrunde liegen: dem Schöpfer Freude zu bereiten. Vom Himmel wurde ihm ein großes Vorrecht zuteil – nämlich die Fähigkeit, mit dem Schöpfer zu sprechen. Wenn er daher einen Segen spricht, sei es über Genüsse oder über die Mizwot, soll er sich kurz vergegenwärtigen, wem er diesen Segen spricht, wem er dankt.
Der Mensch soll es sich ausmalen: Dürfte er bei der angesehensten Persönlichkeit der Stadt vorsprechen – wozu nicht jeder Zutritt hat –, was würde er empfinden, wenn er einträte und mit ihr spräche? Oder ließe man ihn bei der angesehensten Persönlichkeit des Landes vor, welche Freude käme da in ihm auf? Und ebenso, stellte er sich vor, man gewährte ihm Zutritt zur angesehensten Persönlichkeit der Welt, die nur mit wenigen Auserwählten spricht – welche Freude würde er empfinden, wie gehoben wäre seine Stimmung, dass man ihm eine solche Auszeichnung erwiesen hat, wie sie anderen nicht zuteilwird! In unserer materiellen Welt sehen wir ja, dass so etwas im Leben Befriedigung und Genugtuung verschafft.
Daher erhebt sich die Frage: Warum gelingt uns diese Überlegung und Vorstellung von Wichtigkeit nicht? In der Körperlichkeit hat der Mensch sie, wenn man ihn ehrt und er mit jemandem so Bedeutendem sprechen darf. Im Spirituellen aber, wenn wir zum Schöpfer sprechen, fehlt uns dieses Gespür dafür, zu wem wir eigentlich sprechen. Sonst würden wir uns sagen: „Sieh nur, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, die nicht das Vorrecht haben, mit dem König der Welt zu sprechen. Uns aber hat der Schöpfer den Gedanken und das Verlangen gegeben, vor Ihn zu treten und mit Ihm zu sprechen. Muss der Mensch nicht glauben, was die Weisen sagten: ‚Wenn der Schöpfer ihm nicht helfen würde, könnte er den bösen Trieb nicht bezwingen‘ (Kidushin 30)? Dann muss man doch sagen, dass der Schöpfer Sich jetzt uns zugewandt hat, indem Er uns half. Warum also ergreift uns keine Begeisterung für den Schöpfer, warum ist das Herz nicht voller Freude?“
Wenn der Mensch aber Worte der Tora spricht, zum Schöpfer betet oder einen Segen spricht, soll er sich vorstellen, dass er zu einer hochgeehrten Person und zum König der Welt spricht. Hoffentlich hilft ihm das. Denn selbst nach all diesen Vorstellungen ist es noch nicht dasselbe wie der Augenblick, in dem er in der Körperlichkeit zu einer geehrten Person spricht: Dort empfindet er diese Bedeutung ohne jede Mühe. Im Spirituellen dagegen muss er sich mit allerlei Vorstellungen abmühen, bis er auch nur ein wenig davon spürt – dass er nämlich zum Schöpfer spricht.
In Wahrheit ist die Sache ganz einfach. In der Körperlichkeit sieht der Mensch, wie die anderen einen bedeutenden Menschen achten. Deshalb überträgt sich die Wichtigkeit, die in der Allgemeinheit liegt, auch auf den Einzelnen. Und er nimmt es auf sich, jener Person zu dienen – wegen der Wichtigkeit, die ihm die Allgemeinheit für sie vermittelt hat.
Beim Schöpfer ist es anders: Hier kann der Mensch nicht sehen, in welchem wahren Maß die Menschen den Schöpfer achten. Vielmehr beruht alles auf dem Glauben. Und gerade dort, wo der Mensch glauben muss, beginnt schon die eigentliche Arbeit. Denn dann entstehen Zweifel an der Sache, und er muss sich entscheiden – ja oder nein.
So entsteht im Spirituellen ganz von selbst eine große Arbeit: Der Mensch muss den Schöpfer für wichtig halten und dafür auf manches verzichten, was der Körper genießt. Und dieser Verzicht auf seine Genüsse schmerzt ihn. All das, um Gefallen in den Augen des Schöpfers zu finden, damit Er ihm Raum gibt, vor Ihn zu treten und mit Ihm zu sprechen, und ihm schenkt, dass er spürt, mit wem er spricht – das heißt, dass der Schöpfer Sich ihm offenbart und nicht länger so verborgen bleibt.
Könnte er die Wichtigkeit des Schöpfers dagegen von anderen Menschen beziehen, wie es in der Körperlichkeit üblich ist, so hätte er überhaupt keine Arbeit. Doch in der Heiligkeit (Kedusha) gibt es etwas Besonderes, die Shechina (göttliche Gegenwart): Man spricht von der „Shechina im Exil“ oder der „Shechina im Staub“. All dies führt uns die Niedrigkeit vor Augen – das Gegenteil von Wichtigkeit.
So bleibt uns kein Weg, Wichtigkeit von der Allgemeinheit zu beziehen. Denn an der Allgemeinheit sehen wir, dass dem Spirituellen kein erkennbarer Wert beigemessen wird – sodass der Mensch keinen Grund und Halt fände, um dem zu folgen, wofür er Wichtigkeit empfangen hat. Es läge dann nicht in seiner Kraft, auf das Leben dieser Welt – das „materielle Leben“ – zu verzichten und es auf sich zu nehmen, dem Schöpfer zu dienen, und zwar um zu geben und nicht zum eigenen Nutzen.
Und das liegt daran, dass er bei anderen nicht sieht, dass sie das Spirituelle so hoch schätzen, dass sich dafür ein Verzicht auf die Selbstliebe lohnte. Denn wenn er auf die Gesamtheit derer blickt, die Tora lernen und die Mizwot erfüllen, findet er bei ihnen kein solches Maß an Wertschätzung, dass sie deswegen arbeiten würden, um zu geben. So versteht sich von selbst, warum er die Wichtigkeit des Spirituellen nicht in der Weise aufnimmt, wie er die Wichtigkeit in der Körperlichkeit von der Allgemeinheit aufnimmt. Denn in der Körperlichkeit sieht er, dass es eine Allgemeinheit gibt, die jemanden für wichtig hält – und gleichgültig, wen oder was sie schätzt, er lässt sich von ihr beeinflussen.
Im Spirituellen aber sieht er niemanden – nicht einmal einzelne Menschen –, der das Spirituelle für wichtig hielte. Was also kann er tun, um zu jener Wertschätzung zu gelangen, für die es sich lohnt, um des Gebens willen zu arbeiten?
Daraus folgt, dass dem Menschen eine große Arbeit zukommt: sich nach Kräften zu bemühen, wenigstens ein wenig Wertschätzung zu gewinnen. Er soll begreifen, welch großes Vorrecht es ist, dem Schöpfer dienen zu dürfen und Seine Mizwot in vollkommener Einfachheit zu erfüllen – ohne große Absichten, sondern einfach so, dass er Freude und Lebenskraft daraus schöpft, dass er erfüllt, was der Schöpfer uns geboten hat.
Er soll also denken, dass er jetzt den Willen des Königs tut und dass der König sich daran erfreut, dass er Seinen Willen erfüllt. Und er muss über dem Verstand glauben, dass die Gedanken und Regungen, die ihn überhaupt dazu gebracht haben, die Mizwot auszuführen, ihm vom Schöpfer gesandt wurden – dass sie ihm aus der Erweckung von oben zukommen. Es ist, als riefe der Schöpfer ihn jetzt: „Komm zu Mir, denn Ich möchte dir einen Dienst in Meinem Palast geben.“ Und wenn der Mensch sich das vor Augen führt, wird sein Herz gewiss ergriffen, füllt sich mit Freude und empfindet einen spirituellen Aufschwung.
Daraus ergibt sich, dass es nicht darauf ankommt, welche Handlung er vollzieht – alles ist gleich, wie geschrieben steht: „Sei bei einer leichten Mizwa so achtsam wie bei einer schweren, denn du kennst den Lohn der Mizwot nicht.“ Man kann sagen: Für den, der Mizwot des Schöpfers erfüllt, spielt es keine Rolle, welche Mizwa er gerade tut. Denn sein ganzes Sinnen ist allein darauf gerichtet, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.
Deshalb kann der Mensch aus einer kleinen Handlung große Freude schöpfen. Denn das Entscheidende hängt nicht von der Größe der Mizwa ab, sondern davon, wie groß und wichtig ihm der ist, der die Mizwot gebietet – also davon, wie sehr er den König achtet.
Wenn der Mensch Selbstprüfung (Cheshbon haNefesh) hält, erkennt er, dass er ein Verlangen erfüllen muss, um Erfüllung zu finden. Nun gibt es den einen, der sein eigenes Verlangen stillt – das, wonach sein Herz verlangt; das nennt man Begierde. Ein anderer muss das Verlangen anderer erfüllen, das, was sie von ihm fordern: sich so zu kleiden und so zu wohnen, wie sie es erwarten, und Ähnliches; das fällt unter den Begriff der Ehre. Und schließlich gibt es das Erfüllen des Willens des Schöpfers – dessen, was der Schöpfer fordert, nämlich Tora und Mizwot zu halten.
Doch der Mensch kann sich fragen: Wenn mir der Dienst am Schöpfer wirklich so wichtig ist, dass ich so viel Bedeutung empfinde – warum vergesse ich dann gleich nach all diesen Überlegungen alles, tauche in die materielle Welt ein, lasse von allem Heiligen ab und übernehme sofort wieder Aufgaben, um die Wünsche anderer zu erfüllen statt die des Schöpfers? Und das, obwohl ich doch gesagt habe, dass der Wille des Schöpfers so sehr wichtig ist – wichtiger, als mein eigenes Verlangen zu stillen.
Denn wenn ich darauf bedacht bin, mein eigenes Verlangen zu stillen, fällt das unter die Begierde; und wenn ich mich mühe, das Verlangen anderer zu erfüllen, fällt das unter die Ehre. Beides will ich aus Selbstliebe befriedigen. Anders, wenn ich den Willen des Königs erfüllen will: Dann ist dieser Zustand sehr wertvoll, denn da trete ich aus der Selbstliebe heraus – die „Tier“ genannt wird – und trete ein in den Rang des „Menschen“, wie die Weisen sagten: „Ihr werdet ‚Mensch‘ genannt und nicht die Völker der Welt.“
Sobald der Mensch also aus dem Zustand von Tora und Gebet heraustritt, sollte er sagen, dass ihm schon die kleinste Sache, mit der er sich in der Heiligkeit befasst, sehr wichtig ist – so wichtig, dass er voller Freude ist, in den Bereich der Heiligkeit eintreten zu dürfen. Wer wäre denn so unvernünftig, einen Zustand seelischer Befriedigung und spirituellen Aufschwungs verlassen zu wollen, in dem er sich als der glücklichste Mensch der Welt fühlt, weil ihm das große Vorrecht zuteilwurde, seiner tierischen Natur zu entkommen, in der er die ganze Zeit gefangen war?
Und plötzlich wird er gerufen, zum König zu kommen und mit Ihm zu sprechen. Da betrachtet er sich selbst und sieht, wie er die ganze Zeit – gleich allen Tieren – in den Begierden dieser Welt versunken war. Jetzt aber merkt er, dass er zu einem Mann unter Männern geworden ist. Mit scharfem Blick mustert er seine Umgebung und sieht, wie tief sie in Niedrigkeit steckt – so sehr, dass es ihm schwerfällt, neben diesen Menschen zu stehen und mit ihnen zu reden. Denn es fällt ihm schwer, sich herabzulassen und mit Menschen zu sprechen, die keinen Geist der Heiligkeit haben, sondern in Selbstliebe versunken sind; er kann sie kaum ertragen.
Und nach all dem, einige Zeit später – mitunter schon nach einem einzigen Augenblick –, nach all der Kritik an seiner Umgebung, vergisst er seine ganze Spiritualität, in der er eben noch war, und taucht mit allen tierischen Begierden in die materielle Welt ein. Er erinnert sich nicht einmal an den Moment des Übergangs – an den Augenblick, in dem er aus dem spirituellen in den materiellen Zustand wechselte, in dem er sich nun befindet.
Da erhebt sich die Frage: War es eine Täuschung, als er sich im spirituellen Zustand befand und sich daran erfreute – oder war es nur ein Traum? Oder ist es umgekehrt: Ist jener frühere Zustand sein wahrer, und nur das, was er jetzt empfindet – versunken in tierische Begierden –, ist der Traum?
Doch in Wahrheit muss der Mensch glauben: In dem Augenblick, in dem der Schöpfer Sich ihm ein wenig offenbart, beginnt er die Wichtigkeit des Königs zu spüren; und ganz von selbst wird er hingezogen und verblasst wie eine Kerze vor einer Fackel. Hält er den Ruf, den er vom Himmel vernommen hat, weiterhin in Ehren, so wächst sein Streben nach dem Spirituellen umso stärker, je höher er diesen Ruf einschätzt. Und er beginnt zu spüren, wie er die materielle Welt verlässt und in eine Welt eintritt, die ganz und gar gut ist.
Vergisst er aber, diesen Ruf in Ehren zu halten – dass er zum König gerufen wurde, um mit Ihm zu sprechen –, und beginnt stattdessen, den vorhandenen Genuss auszukosten und in seine Gefäße des Empfangens hineinzuziehen, ohne darauf zu achten, Lob und Dank dafür darzubringen, dass der Schöpfer ihn Sich nahegebracht hat, dann wird er sofort aus dem Palast des Königs hinausgestoßen.
Und das geht so schnell, dass ihm gar keine Zeit bleibt zu merken, dass man ihn hinausgeworfen hat. Erst einige Zeit später kommt er zu sich und sieht, dass man ihn hinausgeworfen hat. Denn im Augenblick, als man ihn aus dem Palast des Königs warf, blieb er ohne Bewusstsein; deshalb konnte er den Moment des Hinauswurfs nicht wahrnehmen.
Bekanntlich verhält es sich auch in der Körperlichkeit so: Stürzt ein Mensch aus einem oberen Stockwerk zu Boden und fragt man ihn, wie er gefallen ist, so sagt er, dass er sich an nichts erinnert. Erst jetzt sieht er, dass er im Krankenhaus liegt. Doch an nichts erinnert er sich – weder daran, wer ihn vom Boden aufhob, noch daran, wer ihn ins Krankenhaus brachte; alles ist ihm entfallen.
Ebenso ist es im Spirituellen. Denn im Augenblick, als man ihn aus dem Palast des Königs warf, erinnert er sich nicht, wer ihn hinauswarf – also was die Ursache war, dass er aus seinem Zustand fiel, in dem er ganz vollkommen und voller Freude über seine Lage war. Auch erinnert er sich nicht an den Moment, in dem er aus seiner hohen Stellung zu Boden fiel, sodass er sagen könnte: „Bis hierher war alles in Ordnung, und erst in diesem Augenblick bin ich gefallen.“ An diesen Augenblick des Falls kann er sich nicht erinnern. Erst einige Zeit später öffnet er die Augen und sieht allmählich, dass er sich jetzt in der materiellen Welt befindet.
Diese Erholung – dass also das Bewusstsein zurückkehrt und er sieht, dass er sich nun außerhalb des Palastes befindet – kann nach einigen Stunden eintreten, mitunter sogar erst nach einigen Tagen: Plötzlich bemerkt er, dass er in den Begierden dieser Welt versunken ist und einst einen Zustand des Aufstiegs hatte.
Kehren wir nun zu dem zurück, womit wir begonnen haben: zum hohen Wert, die Handlungen der Mizwot, die Worte der Tora und das Gebet in vollkommener Einfachheit zu vollziehen, ohne jede Absicht, einzig um Tora zu lernen – denn die ganze Tora ist nichts anderes als die Namen des Schöpfers. Und das gilt unabhängig davon, ob er versteht, welche Verbindung das Gelernte mit ihm selbst hat.
Das heißt: Er soll nicht fragen, was ihn dies denn lehren solle. Vielmehr ist jedes einzelne Wort, das er lernt, von großem Nutzen für seine Seele. Und auch wenn er es nicht versteht, soll er im Glauben an die Weisen (Emunat Chachamim) darauf vertrauen, dass sie uns so angeleitet haben.
Ebenso beim Gebet: Er soll wissen und glauben, dass jedes einzelne Wort, das unsere Lehrer für uns festgelegt haben, ganz aus geistiger Erlangung (Ruach haKodesh) gesprochen wurde. Deshalb soll man jedes Wort für wichtig halten. Er hat ja das Vorrecht, dass der Schöpfer ihm Gedanke und Verlangen gegeben hat, Seine Mizwot zu erfüllen; und dafür soll er dem Schöpfer danken, wie gesagt. Er soll glauben, dass alles, womit er sich im Spirituellen befasst, ein Vorrecht ist, das andere Menschen nicht haben: Der Schöpfer hat gerade ihn erwählt und ihm einen Dienst übertragen, dass er Ihm diene.
Diese Selbstprüfung soll der Mensch anstellen: wie der König ihn ruft und ihm ein wenig Einsicht schenkt, wenigstens Seine Mizwot zu wahren, damit der Mensch ein wenig Berührung mit dem Schöpfer bekommt. Er male sich, wie gesagt, die Größe des Königs aus, so gut er kann, und schöpfe daraus Freude und spirituellen Aufschwung. Das ist der wahre Weg.
Das heißt: Wir müssen an die Wichtigkeit des Schöpfers glauben – auch wenn der Körper noch nicht in dem Maß ergriffen ist, wie er es wäre, wenn er einem König aus Fleisch und Blut diente. Denn dort, wie gesagt, achten die Vielen den König, und der Einzelne lässt sich von den Vielen mitreißen. Im Spirituellen ist es anders: Da kann der Mensch nicht sehen, wie die Vielen den Schöpfer achten und dass es sich lohnt, sich vor Ihm auszulöschen – das bleibt uns verborgen. Wir müssen vielmehr glauben, dass es so ist. Und das nennt man die „rechte Linie“: nämlich ohne jede Absicht. Selbst wenn er sich nur mit dem allerkleinsten Verständnis befasst, soll es ihm so viel bedeuten, als erwiese er einen großen Dienst.
Und das entspricht dem, was die Weisen sagten (Awot [Sprüche der Väter], Kapitel 2, Mischna 1): „Sei bei einer leichten Mizwa so achtsam wie bei einer schweren, denn du kennst den Lohn der Mizwot nicht.“ Das bedeutet: Es kommt nicht darauf an, mit welchem Dienst wir dem König dienen, mit welchem Dienst wir Ihm Wohlgefallen bereiten. Wir haben nur einen einzigen Gedanken: dass dem Schöpfer Wohlgefallen daraus entsteht, dass ich es tue.
Was kommt es also darauf an, ob diese Arbeit wichtig ist oder unwichtig? Ich habe ja keine Rechnung mit mir selbst aufzumachen. Es mag sogar eine wenig angesehene Arbeit sein, um die sich kaum jemand reißt – gerade deshalb will er sie tun, weil sie nötiger ist als eine angesehene Arbeit, um die sich viele drängen.
Allerdings stellt sich die Frage: Warum kann der Mensch das Licht, das in Tora und Mizwot leuchtet, nicht gleich zu Beginn seines Tuns spüren? Stattdessen muss er glauben, dass dort ein verborgenes Licht ist, das er nicht sehen kann. Gewiss wäre es besser, läge die Wichtigkeit, die darin steckt, offen für alle zutage – dann könnten alle Tora und Mizwot erfüllen.
Und warum wurden Tora und Mizwot derart verhüllt und verborgen, dass jeder Einzelne arbeiten, sich mühen und allerlei tun muss, um schließlich sagen zu können, dass die ganze materielle Welt Tora und Mizwot nicht aufwiegt? So sagten die Weisen (Awot, Kapitel 4, 22): „Schöner ist eine Stunde der Umkehr (Teshuwa) und der guten Taten in dieser Welt als das ganze Leben der kommenden Welt; und schöner ist eine Stunde der Genugtuung in der kommenden Welt als das ganze Leben dieser Welt.“
Doch diese Verborgenheit wurde uns gegeben, damit der Mensch einen Raum für die Arbeit der freien Wahl hat – damit es in seiner Kraft liegt, Tora und Mizwot um des Himmels willen zu erfüllen, also um zu geben. Andernfalls, läge das verborgene Licht von Tora und Mizwot offen, würde er allein aus Selbstliebe handeln. Dann gäbe es für den Menschen keine Möglichkeit, sich selbst zu prüfen, ob seine Absicht das Geben ist oder der eigene Nutzen.
So aber, da es uns gegeben ist, Tora und Mizwot in der Zeit der Verborgenheit zu erfüllen, kann der Mensch sie in vollkommener Einfachheit halten und sagen: „Wenn meine Absicht das Geben ist, was kommt es mir dann darauf an, welchen Geschmack ich empfinde?“ Will der Mensch also etwas erlangen, muss er es auf sich nehmen, Tora und Mizwot in vollkommener Einfachheit zu wahren, wie gesagt.
korrOp, EY, 03.08.2026, 01:39 Uhr, Ver7