1986/34 Richter und Aufseher
Es steht geschrieben: „Richter und Polizisten sollst du dir in allen deinen Toren setzen, die der Ewige, dein Gott, dir gibt.“ Um dies zu verstehen, gehen wir vom Grundsatz aus, dass die Tora ewig ist und in allen Generationen gilt. Also muss sich dieser Vers auch auf unsere Generation deuten lassen. Deshalb braucht jedes einzelne Wort eine eigene Erklärung:
1. Was sind Richter?
2. Was sind Polizisten?
3. „Du sollst dir setzen“ steht in der Einzahl. Das bedeutet: Jeder Einzelne muss Richter und Polizisten einsetzen. Ist es denn möglich, dass jeder Einzelne so verfahren soll?
4. „In allen deinen Toren.“ Hier müssen wir verstehen, was das Wort „Tor“ in unserer Generation bedeuten soll. Und worauf deutet „in allen deinen Toren“ hin? Es klingt so: Sobald sich ein Tor findet, muss man sich sofort bemühen, dort Richter und Polizisten einzusetzen.
5. Vor allem: Worauf deutet die Aussage „die der Ewige, dein Gott, dir gibt“? Was soll damit angedeutet werden? Gibt es etwa – Gott behüte – einen anderen, der dem Volk Israel gibt, außer dem Schöpfer?
Um dies zu verstehen, müssen wir vorausschicken, was wir in den früheren Artikeln gesagt haben:
1. Das Ziel der Schöpfung vonseiten des Schöpfers.
2. Das Ziel unserer Arbeit beim Einhalten von Tora und Mizwot – nämlich welche Stufe wir durch das Einhalten von Tora und Mizwot erreichen sollen.
Bekanntlich besteht das Ziel der Schöpfung darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Die Geschöpfe sollen also von Ihm das Gute und den Genuss empfangen, nach Seinem ganzen Vermögen und ohne jede Begrenzung. Doch weil Er wollte, dass Seine Werke vollkommen sind – dass es also kein Brot der Schande (Nahama deKisufa) gibt –, geschah eine Einschränkung (Zimzum) und eine Verhüllung. Das heißt: In den Gefäßen, die mit der Absicht zu empfangen arbeiten, gibt es keine Offenbarung des Lichts. Erst nachdem das Gefäß, das „Verlangen zu empfangen“ genannt wird, die Korrektur „um zu geben“ empfangen hat, offenbart sich die Fülle – und zwar entsprechend seiner Fähigkeit, die Absicht zu geben auszurichten. Vorher aber sehen sie das Gegenteil der Offenbarung; sie spüren nur Verbergung und Verhüllung.
Daraus folgt: Hier, also nachdem die Einschränkung (Zimzum) geschehen ist, beginnt die Arbeit der Unteren. Ihr Ziel muss sein, dass all unsere Gedanken und Handlungen nur einer einzigen Absicht dienen – der Absicht, zu geben.
Doch es erhebt sich die Frage, wie eine solche Wirklichkeit überhaupt möglich ist. Denn der Mensch wird seiner Geburt nach „als Wildesel geboren“. Woher soll er die Kräfte nehmen, um aus der Natur herauszutreten, in der er erschaffen wurde?
Zu diesem Zweck wurde uns die Arbeit beim Einhalten von Tora und Mizwot gegeben. Der Mensch soll beim Einhalten von Tora und Mizwot die Absicht haben, dass ihm dies die Kraft bringt, sich umzustellen. Dann kann er all seine Begierden und Wünsche so wenden, dass sie sich einzig darauf richten, wie und womit er seinem Schöpfer Wohlgefallen bereiten kann.
Bevor er in die Arbeit des Gebens eintrat, dachte er, das Einhalten von Tora und Mizwot bringe ihm Erfolg und Segen, sodass er seinem Körper Genuss verschaffen kann. Durch das Wahren von Tora und Mizwot erhalte der Körper also diese Welt und die kommende Welt. Das war seine Grundlage, und darauf baute er sein Fundament. Dieses Fundament war für ihn der Grund, der ihn verpflichtete, Tora und Mizwot in allen Einzelheiten und Feinheiten einzuhalten. Und er hatte die Kraft, die Trägheit seines Körpers zu überwinden – er überwand sie, um den Lohn zu erlangen.
Es ist wie bei Menschen, die in der Körperlichkeit arbeiten, um ihr Brot zu verdienen. Auch gegen körperliche Arbeit sträubt sich der Körper, denn er zieht die Ruhe vor. Doch der materielle Lohn, von dem er sieht, dass er seinem Körper zugutekommt, gibt ihm die Kraft, sich zu überwinden. Ebenso hat er, wenn der Ertrag der Arbeit ein Lohn für den eigenen Körper ist, die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden, die ihm im Weg stehen. Denn der erhoffte Lohn dient nur seinen eigenen Bedürfnissen, und dagegen sträubt sich der Körper nicht.
Zwar genießt der Körper die Ruhe. Doch sagt man ihm: „Verzichte auf den Genuss deiner Ruhe, und du wirst einen Genuss haben, der größer ist als die Ruhe – einen Genuss, den du durch die Arbeit empfängst. Oder der Genuss, den du durch den Verzicht auf die Ruhe empfängst, ist dir nötiger als der Genuss, den du in der Ruhe findest, denn durch solche Genüsse kannst du in der Welt bestehen, sonst hast du kein Recht zu bestehen.“ In all diesen Dingen hat der Körper die Kraft, sich zu überwinden und auf kleine Genüsse zu verzichten, um einen größeren Lohn zu erlangen, als seine Arbeit es wert wäre. Der Lohn entschädigt ihn also für alle Zugeständnisse, die er seinem Körper abverlangt, damit es ihm besser geht als jetzt, bevor er auf die Genüsse verzichtet hat.
Anders verhält es sich, wenn man dem Körper sagt: „Verrichte eine Arbeit des Gebens“ – das heißt, durch das Einhalten von Tora und Mizwot darf er den Schöpfer erfreuen. Man sagt dem Menschen also: „Verzichte auf deine Selbstliebe.“ Und was ist der Ertrag? Dass der Schöpfer Freude an der Arbeit des Einhaltens von Tora und Mizwot hat. Sofort tritt der Körper auf und bringt das Argument „Wer und was?“ vor. Das heißt: „Was gewinne ich dadurch, dass der Schöpfer Sich an meiner Arbeit erfreut? Wie kann man überhaupt ohne Lohn arbeiten?“ Das ist das Argument des „Wer“, das nicht arbeiten will. Der Körper sagt ja: „Ich bin bereit zu arbeiten wie alle anderen, aber nicht zu solchen Bedingungen – nämlich dass ich auf meine Selbstliebe verzichte und alles tue, damit der Schöpfer Freude hat. Was ist denn mein Gewinn aus dieser Arbeit?“
Wenn der Mensch nun alle Argumente des Körpers überwindet und meint, er hat bereits die Kraft, die Natur des Körpers zu bezwingen – er hat jetzt also das Gefühl, alle seine Gedanken einzig auf das Geben ausrichten zu können –, dann kommt der Körper plötzlich mit neuen Argumenten: „Es ist ja richtig von dir, dass du um des Himmels willen arbeiten willst und nicht wie üblich, wo alle arbeiten, um Lohn zu empfangen. Aber gut wäre es, wenn du nach einiger Zeit des Einsatzes Kraft von oben empfangen hättest, um den Weg des Gebens gehen zu können. Doch du siehst: Du hast viel Mühe aufgewandt und dich kein Haar breit bewegt. Also siehst du selbst, dass du diesen Weg nicht gehen kannst. Schade um deine Mühe, du plagst dich umsonst. Verlass also diesen Weg, flieh aus der Schlacht.“
Und wenn der Mensch auch all diese Argumente des Körpers überwindet, kommt der Körper und offenbart ihm neue Dinge, auf die der Mensch keine Antwort mehr hat. Damit will er ihn von seiner ganzen Arbeit losreißen. Der Körper sagt ihm: „Bekanntlich macht ein Mensch, der eine Wissenschaft zu erlernen beginnt, jedes Mal Fortschritte. Ist er begabt, kommt er schneller voran; ist er weniger begabt, langsamer. Sieht ein Mensch aber, dass er in einer Wissenschaft gar keine Fortschritte macht, so sagt man ihm: Diese Wissenschaft ist nichts für dich. Du solltest lieber einen Beruf erlernen, denn zum Studium der Wissenschaften bist du nicht geeignet. Und wir sehen, dass es in der Welt so üblich ist – und das leuchtet ein.“
Und hier wendet der Körper ein: „Sieh doch, gemessen an der Mühe, die du in die Arbeit des Gebens gesteckt hast – du bist nicht nur keinen Schritt vorangekommen, sondern im Gegenteil.“ Das heißt: Bevor er die Arbeit des Gebens begann, war er nicht so sehr in die Selbstliebe versunken. Jetzt aber, nachdem er sich angestrengt hat, die Selbstliebe zu überwinden, ist sein Verlangen gewachsen, und er spürt, dass er nun tiefer in die Selbstliebe versunken ist.
Somit sieht man in dieser Arbeit, dass man rückwärtsgeht und nicht vorwärts. Und der Mensch erkennt und fühlt das ganz unmittelbar. Früher, bevor er begann, die Selbstliebe zu überwinden, hielt er es für eine Kleinigkeit, auf die Selbstliebe zu verzichten, um Spiritualität zu erlangen. Denn sein Denken war immer: Wie finde ich einen Weg, den ich gehen kann und durch den ich ein wenig Spiritualität erlange? Doch nie dachte er daran, dass er sich sorgen müsse, wie er aus der Selbstliebe herauskommt – das schien ihm gewiss keiner Überlegung wert. All seine Sorge galt vielmehr nur dem, den richtigen Weg zu finden, der den Menschen in den Palast des Königs führt und ihn das Ziel erlangen lässt, für das er erschaffen wurde.
Nun aber gerät er in einen Zustand, von dem er nie geträumt hätte: dass die Selbstliebe ein Stolperstein sein könnte, der ihn daran hindert, die Wahrheit zu erreichen. Immer hatte er gedacht, er sei bereit, sich selbst zu opfern, um die Wahrheit zu erreichen. Jetzt aber sieht er, dass er zehn Stufen rückwärtsgegangen ist – dass er nämlich nicht bereit ist, irgendetwas von seiner Selbstliebe für die Heiligkeit (Kedusha) aufzugeben.
Und wenn der Körper mit solchen Argumenten zu ihm kommt, „liegt er unter seiner Last“ darnieder. Er gerät dann in einen Zustand der Verzweiflung und Trägheit und will aus der Schlacht fliehen, weil er nun sieht, dass alle Argumente des Körpers wahr sind.
Doch die Wahrheit ist, wie wir schon oft davon gesprochen haben – und wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte –, dass es ein Fortschreiten zur Wahrheit gibt. Bevor er die Arbeit des Gebens begann, war er von der Wahrheit entfernt, das heißt vom Maß, in dem er sein eigenes Böses empfindet. Doch danach, nachdem er Mühe in die Überwindung der Selbstliebe gesteckt hat, schreitet er zur Wahrheit voran: Jedes Mal sieht er deutlicher, wie sehr er von Kopf bis Fuß im Bösen versunken ist.
Allerdings muss man verstehen, wozu das alles gut ist. Warum spürte er, bevor er die Arbeit des Gebens begann, das Böse nicht in großem Maß? Sobald er aber Kräfte in die Überwindung steckt, wird das Böse in ihm stärker spürbar. Und warum wurde ihm nicht sofort alles offenbart, was sich später offenbart, sondern es zeigt sich in Stufen, nacheinander, jedes Mal ein wenig?
Es verhält sich so: Die Überwindung verläuft der Ordnung nach und stufenweise – wie bei jemandem, der sich daran gewöhnt, Gewichte zu heben. Er beginnt, sagen wir, mit fünfzig Kilo und steigert sich nach und nach, denn durch Übung kann er jedes Mal mehr heben. So ist es auch im Dienst am Schöpfer. Deshalb gibt man ihm anfangs keinen großen Geschmack an der Selbstliebe, denn er könnte sie gewiss nicht überwinden. Vielmehr fügt man ihm jedes Mal Geschmack an der Selbstliebe hinzu, je nach dem Wert seiner Arbeit. In dem Maß also, in dem man sieht, dass er fähig ist, sich zu überwinden, fügt man ihm Geschmack und Genuss an der Selbstliebe hinzu, damit er die Kraft zur Überwindung hat. So verstehen wir, was unsere Weisen sagten (Traktat Sukka 52): „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Trieb ist größer als er.“
Es erhebt sich die Frage, warum das so ist. Nach dem Gesagten ist es einfach: So ist die Ordnung auch in der Körperlichkeit, wo man vom Leichten zum Schweren fortschreitet. Bevor der Mensch die Arbeit der Überwindung beginnt, gibt man ihm darum keine große Kraft in der Selbstliebe, die er nicht überwinden könnte – denn er hat die Arbeit der Überwindung noch nicht begonnen. Deshalb spürt er keinen großen Geschmack an der Selbstliebe.
Sobald er aber zu überwinden beginnt, gibt man ihm größeren Genuss und größere Wichtigkeit in der Selbstliebe, damit er etwas hat, das er überwinden kann. Und wenn er die Selbstliebe in gewissem Maß überwunden hat, gibt man ihm ein noch größeres Maß an Wichtigkeit der Selbstliebe. Auf diese Weise gewöhnt er sich nach und nach daran, Genüsse zu überwinden, sodass er sagen kann, alles, was er empfängt, sei einzig dazu da, zu geben.
Somit wird die Selbstliebe für ihn jedes Mal schwerer zu überwinden, weil man seinem Verlangen zu empfangen jedes Mal mehr Wichtigkeit verleiht, damit er immer ein Arbeitsfeld zur Überwindung hat. Doch man muss verstehen: Warum muss man ihm von oben mehr Wichtigkeit und mehr Genuss geben, sodass es ihm schwerfällt, sich zu überwinden? Diese Überwindung des Körperlichen gelänge besser, wenn man ihm nicht so viel Wichtigkeit gäbe. Die Wichtigkeit, die er an der Selbstliebe zu Beginn seiner Arbeit spürte, würde ihm genügen, um das Körperliche zu überwinden, und er könnte sofort in die spirituelle Arbeit eintreten. Wozu also diese vergebliche Arbeit, dass er die Selbstliebe in körperlichen Dingen überwindet? Zwar wird seine Überwindung jedes Mal größer – doch wozu muss er überhaupt an der Selbstliebe arbeiten, soweit sie das Körperliche betrifft?
Doch dies ist eine große Korrektur. Bekanntlich ist die ganze Fülle der Genüsse, die man in den körperlichen Genüssen empfindet, nur ein „dünnes Licht“ (Nehiru Dakik) im Vergleich zu dem, was in den spirituellen Genüssen liegt. Daraus folgt: Selbst nachdem der Mensch die Prüfung bestanden hat, körperliche Genüsse zu überwinden und sie nur um des Gebens willen zu empfangen, reicht diese Prüfung nur für kleine Genüsse, die er überwinden kann, sodass er sie nur unter der Bedingung empfängt, die Absicht zu geben ausrichten zu können. Für große Genüsse reicht sie nicht. Und man kann dem Menschen keine spirituellen Genüsse geben, denn er würde sie gewiss empfangen, um zu empfangen.
Deshalb muss er zuvor die Arbeit an den körperlichen Genüssen durchlaufen. Dort lässt man ihn jedes Mal einen größeren Geschmack kosten als zu Beginn der Arbeit. Denn bevor er die Arbeit begann, konnte er den Geschmack des Genusses so kosten, wie er den körperlichen Genüssen fest zugeteilt ist. Anders aber bei dem, der in die Arbeit des Gebens eingetreten ist und Spiritualität erlangen will: Ihm fügt man mehr Geschmack des Genusses am Körperlichen hinzu als gewöhnlich. Das geschieht mit Absicht, damit er sich daran gewöhnt, größere Genüsse zu überwinden, als sie in den körperlichen Genüssen liegen. Denn dies ist eine Vorbereitung, um in der Arbeit der Überwindung gegen die großen Genüsse gewappnet zu sein, die in der Spiritualität liegen.
Aus dem Gesagten sehen wir, dass denen, die die heilige Arbeit verrichten wollen, ein Zusatz gegeben wird: Man fügt ihnen mehr Geschmack an der Selbstliebe hinzu. Bei Menschen, die kein Interesse daran haben, die Wege des Gebens zu gehen, findet sich das nicht. Das ist es, was unsere Weisen sagten: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Trieb ist größer als er.“ Und der Grund dafür ist, dass sie sich an die Arbeit der Überwindung gewöhnen sollen. Denn für die vielfältigen Genüsse, die in den spirituellen Freuden liegen, würde ihm das nicht genügen, woran er sich beim Überwinden der körperlichen Genüsse gewöhnt hat – so wie der Genuss in ihnen fest bemessen ist. Vielmehr fügt man jedes Mal mehr Geschmack und Wichtigkeit hinzu, damit sie sich jedes Mal an eine größere Überwindung gewöhnen.
Aus dem Gesagten verstehen wir nun, was wir zu dem Vers gefragt haben: „Richter und Polizisten sollst du dir in allen deinen Toren setzen.“ Wie lässt sich das Einsetzen von Richtern und Polizisten auf die heutige Zeit übertragen? Wenn ein Mensch in den Dienst am Schöpfer eintreten will, sind zwei Aspekte zu unterscheiden:
1. Der Aspekt des Möglichen. Zuerst macht er sich einen Plan, was er tun soll und was nicht – das ist die Klärung von Gut und Böse. Was er so im Möglichen vollzieht, wird „Richter“ genannt, der sagt, was zu tun ist.
2. Danach muss man ins Werk setzen, was im Möglichen war. Das Verwirklichte wird bereits „Polizist“ genannt.
Und weil die Arbeit nicht das Werk eines einzigen Tages ist, sondern er sich Tag für Tag in ihr anstrengen muss, gebraucht der Vers die Mehrzahl: „Richter und Polizisten.“
Und dass es in der Einzahl heißt „du sollst dir setzen“, will uns sagen, dass diese Arbeit jeden Einzelnen betrifft.
Und die Aussage „in allen deinen Toren“ ist nach ihrem einfachen Sinn zu deuten: Ein „Tor“ ist ein Ort des Eingangs. Das bedeutet: Immer wenn der Mensch in den Dienst am Schöpfer eintreten will, muss er den Ablauf der Arbeit in zweierlei Hinsicht ordnen – im Möglichen und in der Tat –, was den Aspekten von Richtern und Polizisten entspricht.
Doch die Aussage „in allen deinen Toren“ lässt sich auch danach deuten, was wir sehen: dass es hier bei uns in dieser Welt zwei Arten von Leben gibt:
1. das körperliche Leben.
2. das spirituelle Leben.
Daraus folgt, dass wir zwei Tore haben:
1. Ein Tor, das dem Tor eines Gefängnisses gleicht. So steht es geschrieben (im Gebet Hodu, das wir am Vorabend des Schabbat (Sabbat) im Nachmittagsgebet sprechen): „Die in Finsternis und Todesschatten sitzen, gefangen in Elend und Eisen.“ Und der Kommentar Metzudat David erklärt dort: Die Menschen, die an einem Ort der Finsternis sitzen, sind durch quälende Fesseln und eiserne Ketten gebunden.
2. Ein Tor, das dem Tor des Königs gleicht. So steht es geschrieben: „Und Mordechai saß im Tor des Königs.“
An jedem Tor stehen Wächter auf ihrem Posten. Doch jeder der Wächter hat eine entgegengesetzte Aufgabe. Die Wächter des Gefängnisses achten darauf, dass keiner der Gefangenen aus dem Gefängnis hinausgelangt. Die Wächter dagegen, die am Tor des Königs sitzen, achten darauf, dass niemand durch das Tor des Königs hineingelangt.
Es verhält sich so: Jene Menschen, die in die Selbstliebe versunken sind und über die körperlichen Genüsse hinaus kein Verständnis und kein Gefühl haben, werden „die im Gefängnis Befindlichen“ genannt. Die Wächter lassen sie nicht hinaus. Mit welcher Kraft halten sie sie fest, sodass sie sie nicht hinauslassen? Sobald der Wächter sieht, dass einer aus der Selbstliebe heraustreten und in die Arbeit des Gebens eintreten will, fügen sie ihm mehr Genuss an der Selbstliebe hinzu. Damit fesseln sie ihn mit eisernen Ketten, sodass er nicht von dort fortgehen will.
Und nach all den Überwindungen – wenn die Wächter sehen, dass die Gefangenen aus der Selbstliebe fliehen und in die Liebe zum Schöpfer eintreten wollen – fügen sie ihnen sofort mehr Geschmack und mehr Wichtigkeit hinzu, und zwar in einem Maß, dass ein Mensch nie gedacht hätte, es lohne sich so sehr, in der Selbstliebe zu bleiben. Er spürt jetzt, dass die Selbstliebe keine so einfache Sache ist – wie bereits erwähnt: „Wer größer ist als sein Nächster, dessen Trieb ist größer als er.“ Darin liegt die Kraft der Wächter, sodass sie darüber wachen, dass niemand aus dem Gefängnis flieht.
Doch die Wächter, die am Tor des Königs auf ihrem Posten stehen, haben die Aufgabe, niemanden durch das Tor des Königs zu lassen. Und worin besteht ihre Kraft, mit der sie jene Menschen bezwingen können, die sehr wohl in den Palast des Königs eintreten wollen? Es ist, wie es in der „Einführung in den Talmud Esser haSefirot“ (Abschnitt 133) geschrieben steht, und dies sind die Worte: „Die Sache gleicht einem König, der sich alle, die ihn lieben – die ihm Treuesten im Land –, auswählen und sie in seinen Dienst ins Innere des Palastes holen wollte. Was tat er? Er erließ einen offenen Befehl im Land, dass jeder, der wollte, ob klein oder groß, zu ihm komme, um sich mit den inneren Arbeiten seines Palastes zu beschäftigen. Doch er stellte viele seiner Diener als Wächter an den Eingang des Palastes und befahl ihnen, alle, die sich seinem Palast näherten, mit List in die Irre zu führen. Natürlich begannen alle Bewohner des Landes, zum Palast des Königs zu eilen; doch sie wurden durch die List der eifrigen Wächter zurückgewiesen. Viele von ihnen überwanden die Wächter, bis es ihnen gelang, sich dem Eingang des Palastes zu nähern. Aber die Wächter des Eingangs waren überaus gewieft, und wer sich dem Eingang näherte, den verleiteten und stießen sie mit großer Hinterlist zurück, bis er umkehrte, wie er gekommen war. So kehrten sie wieder, kamen und gingen abermals. Nur die Helden unter ihnen, deren Maß an Geduld ihnen beistand, besiegten jene Wächter und öffneten den Eingang. Ihnen wurde sogleich zuteil, das Angesicht des Königs zu empfangen, der einen jeden auf seinen Posten setzte.“
Daraus folgt: Die Wächter, die am Tor des Königs stehen, hindern die Menschen mit allerlei Argumenten – „das ist nichts für dich“ – daran, den Palast des Königs zu betreten. Für jeden einzelnen denken sie sich Begründungen aus, damit diese Menschen einsehen, es lohne sich nicht, ihre Mühe vergeblich aufzubringen. Vor allem haben sie die Kraft, sie mit allerlei Argumenten abzubringen und von der Schlacht der heiligen Arbeit zurückzudrängen. Das ist die Bedeutung von „in allen deinen Toren“ – nämlich das Tor des Gefängnisses und das Tor des Königs.
Nun wollen wir das Ende des Verses erklären, der mit den Worten schließt: „die der Ewige, dein Gott, dir gibt.“ Wir fragten: Was will uns das sagen? Es ist doch bekannt, dass alles vom Schöpfer kommt. Doch wie wir oben erklärt haben, gibt es für den Menschen, der vor all diesen Argumenten der Wächter gerettet werden will, nur einen Rat: den Glauben über dem Verstand. Das bedeutet: In allem, was die Wächter sagen, haben sie recht. Aber der Schöpfer ist barmherzig und gnädig und erhört das Gebet eines jeden Mundes; Er gibt die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden.
Doch es gilt der Grundsatz, dass der Mensch sagen muss: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?“ Der Mensch darf also nicht warten, bis der Schöpfer ihm hilft, sich zu überwinden. Vielmehr muss er sich selbst überwinden und alles tun, was in seiner Hand liegt; und er soll nur darum bitten, dass der Schöpfer ihm hilft, sich überwinden zu können – dass Er ihm also beisteht. Und wenn der Mensch sich mit allem bemüht, was in seiner Hand liegt, dann muss er den Schöpfer bitten, dass sein Bemühen Frucht trägt. Doch der Mensch darf nicht sagen, der Schöpfer solle für ihn arbeiten, sondern nur, der Schöpfer solle ihm in seiner Arbeit helfen, sodass es ihm gelingt, das Gute zu erwerben.
Daraus folgt: Da der Mensch der Arbeitende ist und der Schöpfer ihm nur hilft, zieht der Mensch für sich Bilanz, warum gerade er die Annäherung an den Schöpfer mehr als andere erlangt hat. Der Grund ist, dass andere Menschen nicht fähig waren, so viel Arbeit in den Glauben über dem Verstand zu stecken und auf kein Argument des Körpers zu achten – so wie er sich jedes Mal in seiner Arbeit überwand und nie auf seine Gedanken der Verzweiflung achtete, mit denen der Körper ihn zu Fall bringen wollte. Dann besteht also Anlass, dass der Mensch sagt: „Meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir diesen Reichtum verschafft.“
Dem begegnet der Vers: Er soll wissen, dass „der Ewige, dein Gott, dir gibt“ – dass dies nichts anderes ist als ein Geschenk Gottes. Das heißt: Dass du die Kraft hattest, Richter und Polizisten in allen deinen Toren einzusetzen, war allein ein Geschenk Gottes.
korrOp, EY, 03.08.2026, 04:08 Uhr, Ver5