1987/22 Welches Geschenk erbittet der Mensch vom Schöpfer?
Im Sohar, Wochenabschnitt Pinchas (Blatt 63, im Sulam Punkt 180), heißt es: „Es steht geschrieben: ‚Rette Deinen Diener, Du, mein Gott‘, ‚Erfreue die Seele Deines Dieners‘, ‚Gib Deinem Diener Deine Kraft.‘ Dreimal wird David in diesem Lobgesang zum Diener, entsprechend den drei Malen, die die Verfasser der Mishna festgelegt haben: dass der Mensch im Gebet ein Diener sein soll. Bei den ersten Segenssprüchen soll er wie ein Diener sein, der seinem Herrn Lobpreis darbringt. Bei den mittleren wie ein Diener, der seinen Herrn um ein Geschenk bittet. Bei den letzten Segenssprüchen wie ein Diener, der seinem Herrn für das Geschenk dankt, das er von ihm empfangen hat, und dann geht.“
Man muss verstehen, warum sie das Gebet des Menschen mit einem Diener verglichen haben, der ein Geschenk von seinem Herrn empfängt, und nicht mit Almosen (Zedaka) oder anderen Dingen. Was will uns das für den Weg der Arbeit lehren?
Bekanntlich kommen uns vom Schöpfer auf direktem Weg zwei Dinge zu:
1. das Licht;
2. das Gefäß (Kli), um das Licht zu empfangen.
Erstens: Wir haben gelernt, dass das Ziel der Schöpfung Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Daraus folgt: Der Schöpfer wollte aus Sich selbst heraus, ohne ein Erwachen der Unteren, den Geschöpfen Gutes tun. Diese gab es in der Welt noch gar nicht, sodass Er von ihnen kein Erwachen empfangen konnte. Das gilt als das Licht, das vom Schöpfer kommt, und der Untere hat daran keinen Anteil.
Zweitens: Der Schöpfer erschuf etwas aus dem Nichts (Jesch miAjin) – ein Gefäß, genannt „Verlangen und Sehnsucht, Genuss und Vergnügen zu empfangen“. Das heißt: Nach dem Grundsatz „Aus Deinen Taten erkennen wir Dich“ sprechen wir nur von dem, was wir in der Natur der Schöpfung sehen. Und wir sehen, dass man nichts genießen kann, was es auch sei, wenn nicht eine Sehnsucht danach besteht. Daraus haben wir gelernt: Von Seiten des Lichts, das dieses Gefäß – das „Verlangen zu empfangen“ – erschuf, durchlief das Gefäß vier Stufen (Bchinot), bis das Verlangen zu empfangen die endgültige Form der Sehnsucht annahm. Nachdem das Licht es erschaffen hatte, empfing dieses Gefäß das Gute und das Vergnügen, das Er ihm geben wollte. Diese beiden Dinge – das Licht und das Gefäß – gehören zum Schöpfer. Und von dieser Seite her, so lernen wir, herrschte vollkommene Vollständigkeit, an der nichts hinzuzufügen ist.
Doch danach entstand etwas Neues, das wir dem Geschöpf zuschreiben und nicht dem Schöpfer. Das Geben nämlich schreiben wir dem Schöpfer zu, denn Er ist der Gebende: Sein Verlangen ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, ihnen alles Gute zu geben und nichts von ihnen zu empfangen. Danach jedoch trat etwas Neues ein, wie es im TES (Teil 1) steht: Der erste Empfänger, genannt „Malchut der Unendlichkeit (Malchut de Ejn Sof)“, sehnte sich nach einer Verzierung – der „Verzierung im Punkt des Verlangens“ –, um Übereinstimmung der Form zu erlangen, die man Anhaftung (Dwekut) nennt. Aus diesem Grund geschah die Einschränkung (Zimzum): Malchut verringerte ihr Verlangen zu empfangen im Gefäß, das „Verlangen zu empfangen“ heißt, und so zog sich das Licht zurück.
Und Malchut brachte ein neues Gefäß hervor, das „Verlangen zu geben“. Das heißt, sie empfing Genuss und Vergnügen nicht im Maß ihrer Sehnsucht nach dem Licht, sondern nur im Maß ihres Verlangens zu geben. Malchut stellte also eine Rechnung auf, wie viel Prozent der Fülle sie mit der Absicht zu geben empfangen könne. Den Teil aber, dessen Empfang ein Empfangen um des Empfangens willen wäre, den würde sie nicht empfangen.
So zeigt sich: Dieses Gefäß, das der Untere beisteuert, schreiben wir dem Unteren zu. Denn die Gefäße des Oberen – das, was der Obere geschaffen hat, damit der Untere das Licht genießen kann – sind allein das Verlangen zu empfangen. Und dieses Gefäß wird niemals annulliert, denn was der Schöpfer erschaffen hat, muss beständig bestehen.
Der Untere kann dem Gefäß des Schöpfers nur etwas hinzufügen. So steht geschrieben: „Was der Schöpfer erschuf, um zu wirken.“ Das bedeutet: Der Schöpfer erschuf das Gefäß, genannt „Verlangen, Vergnügen zu empfangen“, und der Mensch muss eine Korrektur hinzufügen, die „Absicht, um zu geben“ heißt – wie oben gesagt, dass Malchut der Unendlichkeit sich im Punkt des Verlangens schmückte. Ihre Verzierung bestand also darin, dass sie dem Verlangen zu empfangen die Absicht zu geben hinzufügte.
Dort, in Malchut der Unendlichkeit, war nur die Wurzel. Von ihr aus zog es sich zu den Unteren herab, sodass es schon verboten ist, um des Empfangens willen zu empfangen – nach dem Grundsatz: „Was im Oberen ein Verlangen ist, wird im Unteren zum verbindlichen Gesetz.“ Von dieser Stufe aus zog es sich weiter herab, bis die andere Seite (Sitra Achra) entstand, das Gegenteil der Heiligkeit (Kedusha). In der Heiligkeit gilt allein das Verlangen zu geben, das ist Anhaftung; wer hingegen um des Empfangens willen empfangen will, wird vom Leben des Lebens entfernt und getrennt. Darum sagten die Weisen im Sohar: „Die Frevler heißen schon zu Lebzeiten tot.“ Den Vers „Doch die Gnade der Völker ist Sünde“ deuteten sie auf die Bösen: „Alles Gute, das sie tun, tun sie für sich selbst.“
Aus dem Gesagten folgt: Auf direktem Weg gibt der Schöpfer zwei Dinge:
1. das Gute und das Vergnügen;
2. das Verlangen, sich nach Vergnügen zu sehnen.
Auf indirektem Weg aber geht vom Schöpfer ein Unbehagen aus, das „Scham“ genannt wird. Denn das Verlangen des Schöpfers ist, dass der Untere Genuss empfange und kein Leid. Denn der Obere, der Gebende, will nicht, dass der Untere beim Empfangen des Genusses Scham empfindet.
Deshalb wurde die Korrektur der Einschränkung vorgenommen, wie oben gesagt. Wegen der Einschränkung kommt die Fülle nicht in die Gefäße, die der Schöpfer gemacht hat – es sei denn, das Geschöpf hat am Gefäß eine Korrektur vorgenommen, nämlich die Absicht, um zu geben. Hat der Mensch dieses Gefäß nicht, bleibt er im Dunkeln ohne Licht, und der Name „der Gute, der Gutes tut“ bleibt ihm verborgen, weil ihm die Gefäße fehlen, die zum Empfangen der Fülle passen – die sogenannte Übereinstimmung der Form.
So zeigt sich: Die ganze Neuerung nach der Einschränkung ist allein, dass die Absicht zu geben fehlt. Die beiden Stufen aber, die sich schon vor der Einschränkung herabzogen, haben sich nicht verändert. Die erste Stufe – Sein Verlangen, Gutes zu tun – hat sich nicht verändert, Gott behüte. Auch nach der Einschränkung will Er ebenso Gutes und Vergnügen geben. Und auch die zweite Stufe – das Verlangen zu empfangen – hat sich nicht verändert. Wie wir lernen, gibt es im Spirituellen keine Veränderungen, sondern nur Hinzufügungen. Daraus folgt: Nach der Einschränkung kann man keine obere Fülle empfangen, wenn man dem Verlangen zu empfangen nicht die Absicht zu geben hinzufügt. Und das ist unsere ganze Arbeit in Tora und Mizwot: die Gefäße des Gebens zu erlangen.
Dazu sagten unsere Weisen (Kiddushin 30): „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Bekanntlich heißt das Verlangen zu empfangen „böser Trieb (Jezer haRa)“, weil es die Entfernung vom Schöpfer verursacht, da es in seiner Form vom Schöpfer abweicht. Denn die Absicht des Schöpfers ist zu geben, der böse Trieb hingegen will einzig empfangen. Aus diesem Grund bleibt ihm alles Gute und Vergnügen, das im Schöpfungsgedanken liegt, verborgen.
Doch wie kann man diese Gefäße erlangen, wo dies doch gegen unsere Natur ist?
Die Antwort: Dafür wurden uns Tora und Mizwot gegeben, durch die wir diese Gefäße erlangen können. Aber warum erlangen nicht alle durch Tora und Mizwot die Gefäße des Gebens? Der Grund ist, wie bekannt: Es gibt kein Licht ohne Gefäß. Wenn ein Mensch also nicht zu hundert Prozent weiß, dass uns allein diese Gefäße fehlen, hat er noch keine wahren Gefäße – das heißt, er hat kein Bedürfnis nach diesen Gefäßen. In Tora und Mizwot ist zwar das Licht enthalten, dessen besondere Kraft darin besteht, dem Menschen zum Erlangen dieser Gefäße zu helfen; doch er hat kein wahres Bedürfnis, dass man sie ihm gibt.
Und wenn wir etwas tiefer blicken, also eine gründliche Prüfung bei denen vornehmen, die Tora und Mizwot halten: Wollen sie, dass man ihnen die Gefäße des Gebens gibt, und sind sie bereit, dafür im Gegenzug das Verlangen zu empfangen herzugeben? Die große Mehrheit dieser Arbeitenden würde sagen, dass sie darauf verzichten und Tora und Mizwot lieber um des Empfangens willen erfüllen wollen. Sie haben also kein Bedürfnis nach Gefäßen des Gebens. Wie können sie dann sagen, dass die Tora und Mizwot, in die sie ihre Mühe stecken, ihnen etwas zum Lohn geben sollen, das sie gar nicht brauchen? Im Gegenteil: Sie fürchten, sie könnten, Gott behüte, das Gefäß des Empfangens verlieren, das „Selbstliebe“ heißt.
So sagt Maimonides (am Ende der Hilchot Teshuwa, der Gesetze der Umkehr): „Und die Weisen sagten: Stets befasse sich der Mensch mit der Tora, sei es auch nicht um ihretwillen (lo liShma), denn aus dem Nicht-um-ihretwillen kommt das Um-ihretwillen (liShma). Wenn man daher die Kinder, die Frauen und das einfache Volk unterrichtet, lehrt man sie nur, aus Ehrfurcht und um Lohn zu empfangen zu dienen – bis ihr Verstand wächst und sie größere Weisheit erlangen. Dann enthüllt man ihnen dieses Geheimnis nach und nach und gewöhnt sie behutsam daran, bis sie Ihn erfassen und Ihm aus Liebe dienen.“
Aus dem Gesagten folgt: Der Mensch muss sich danach sehnen, die Gefäße des Gebens zu erlangen. Auch wenn er sieht, dass das Verlangen zu empfangen damit nicht einverstanden ist – dass es ihn also nicht beten lässt, der Schöpfer möge ihm diese Gefäße geben –, muss er auch darum zum Schöpfer beten: dass Er ihm das Verlangen gebe, die Notwendigkeit dieser Gefäße einzusehen. Und er bittet den Schöpfer um die Kraft, das Verlangen des Körpers zu überwinden, der gerade in den Gefäßen des Empfangens bleiben will. Mehr noch: Sobald der Körper sieht, dass daraus ein Verlangen erwachsen könnte – dass der Mensch danach zu den Gefäßen des Gebens gelangen will –, spürt er es sofort und beginnt augenblicklich, sich zu widersetzen.
Doch der Mensch sieht nicht leicht ein, dass er nicht um des Gebens willen arbeiten kann. Vielmehr denkt er: Jetzt habe ich noch kein Verlangen zu geben, aber sobald ich um des Gebens willen arbeiten will, liegt die Wahl bei mir – das heißt, ich werde dann die Fähigkeit haben, um des Gebens willen zu arbeiten. Dieser Gedanke beruhigt ihn, sodass es ihn nicht beunruhigt, dass er sich nicht mit der Arbeit des Gebens befasst; denn sobald er will, liegt es ja in seiner Hand. Deshalb macht er sich keine Sorgen darüber.
Doch in Wahrheit liegt das nicht in der Hand des Menschen, weil es gegen seine Natur ist. Dazu sagten unsere Weisen: „Der Trieb des Menschen wird täglich stärker als er, und hülfe ihm der Schöpfer nicht, käme er nicht gegen ihn an.“ Um aber Hilfe zu empfangen, muss der Mensch erkennen und sich darum bemühen, dass er die Hilfe des Schöpfers, gepriesen sei Er, wirklich braucht. Darum sagten sie: „Wer kommt, um sich zu reinigen“ – dem hilft der Schöpfer danach.
Und wir fragten: Warum muss der Mensch mit der Arbeit beginnen, und erst danach gibt ihm der Schöpfer Hilfe? Warum gibt ihm der Schöpfer diese Kraft nicht sofort – also schon, sobald er die Arbeit für den Schöpfer begonnen hat, selbst wenn der Mensch gar nicht um Hilfe bittet? Doch wie oben gesagt, gilt der Grundsatz „Kein Licht ohne Gefäß“, darum muss der Mensch beginnen. Und wenn er sieht, dass er es nicht kann, hat er das Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm hilft. Gerade dann also, wenn der Mensch mit der Arbeit begonnen hat und sieht, dass er es in diesem Zustand nicht schafft, empfängt er das Gefäß, sodass der Schöpfer ihm diese Kraft gibt, die „Verlangen zu geben“ heißt.
Doch gewöhnlich, wenn der Mensch die Arbeit des Gebens beginnt und sieht, dass es ihm schwerfällt – und meint, er habe den Schöpfer schon oft um Hilfe gebeten, ohne sie zu empfangen –, dann flieht er aus dem Kampf und sagt, diese Arbeit sei nichts für ihn. In Wahrheit aber ist gerade dieser Ort – wo er zu dem Schluss kommt, dass es aus eigener Kraft zu schwer ist und allein der Schöpfer helfen kann – der richtige. Der Mensch muss dann auf den Schöpfer vertrauen, dass Er ihm wirklich hilft. Nur ist das Gefäß noch nicht vollendet, also das Bedürfnis nach der Hilfe des Schöpfers, gepriesen sei Er. Jedes Mal, wenn er um Hilfe bittet und die Hilfe des Schöpfers noch nicht spürt, muss er über dem Verstand glauben, dass der Schöpfer ihm sehr wohl hilft. Dass er sie noch nicht sehen darf, hat einen Grund: Erst so bildet sich in ihm das wahre Bedürfnis nach dieser Sache heraus.
Im Gesagten lässt sich auch der Vers deuten: „Denn die Wege des Schöpfers sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Frevler aber straucheln an ihnen.“ Genau an diesem Punkt nämlich, wo der Mensch zu dem Schluss kommt, dass es nicht in seiner Hand liegt, zu den Gefäßen des Gebens zu gelangen – weil er sieht, dass kein Glied seines Körpers dem zustimmt –, ist er nun zum Punkt der Wahrheit gelangt. Jetzt müsste er ein wahres Gebet sprechen, dass der Schöpfer ihm helfe. Und sicher würde er die Hilfe vom Schöpfer empfangen, der dasitzt und darauf wartet, dass der Mensch Ihm das Gefäß gibt, also das Bedürfnis danach. Doch gerade hier flieht der Mensch aus diesem Zustand – obwohl gerade jetzt der Ort ist, an dem ihm die Hilfe zukommen könnte. Er flieht aus dem Kampf, und darum wird er „Frevler“ genannt.
Der Gerechte hingegen verzweifelt nicht, denn gerade jetzt wird er der Gefäße des Gebens würdig. So zeigt sich: An demselben Ort, an dem „die Gerechten gehen“, also einen Aufstieg in der Stufe empfangen, „straucheln die Frevler“ – gerade an dem Ort, an dem sie die Hilfe empfangen sollten, straucheln sie und fliehen aus dem Kampf.
Aus all dem folgt: Der Mensch muss den Schöpfer um eine Gabe bitten – dass der Schöpfer ihm die Gefäße des Gebens als Geschenk gibt, so wie Er ihm das Gefäß gab, das „Verlangen zu empfangen“ heißt. Einerseits sagen wir also, dass der Schöpfer das Gefäß und das Licht gegeben hat – sowohl das Verlangen und die Sehnsucht, das Vergnügen zu empfangen, als auch das Vergnügen selbst. Nur die Hinzufügung zum Gefäß, das Verlangen zu geben, schreiben wir den Geschöpfen zu, wie oben gesagt: „Was der Schöpfer erschuf, um zu wirken.“ „Was Er erschuf“ meint das Verlangen zu empfangen, das „erschaffen“ heißt, weil es etwas aus dem Nichts ist, was man „Schöpfung“ nennt. Daran muss der Mensch die Absicht, um zu geben, anlegen. Das also gehört wirklich den Geschöpfen und nicht dem Schöpfer.
Doch in Wahrheit muss auch dieses Gefäß, die „Hinzufügung“, der Schöpfer geben. Wenn wir sagen, es gehöre den Geschöpfen, meinen wir: Der Mensch muss den Schöpfer bitten, ihm dieses Gefäß zu geben, das „Absicht zu geben“ heißt. Nur den Mangel also – dass ihm das Verlangen zu geben fehlt – muss der Untere sich anzueignen suchen. Beim Verlangen zu empfangen hingegen kann man nicht sagen, dass es dazu ein Erwachen der Unteren gebe. Denn solange das Verlangen zu empfangen noch nicht in der Welt ist, wer sollte da bitten, man möge ihm ein Verlangen geben, mit dem er Vergnügen empfangen will? Man kann ja nicht sagen, dass der Mensch schon vor seiner Geburt etwas will. Darum sagt man: Das Verlangen zu empfangen gehört ganz dem Schöpfer.
Anders ist es, nachdem das Verlangen, Vergnügen zu empfangen, geboren ist. Dann kommt die Zeit, da der Mensch spürt, dass dieses Verlangen zu empfangen – ohne Hinzufügung, so wie es von Natur aus kommt – schlecht ist. Denn mit diesem Verlangen kann er kein wahres Vergnügen empfangen, sondern nur ein schwaches Leuchten (nehiru dakik), das der Schöpfer den Klipot (Schalen) gab, damit sie nicht vergehen. Kommt der Mensch zu dieser Erkenntnis, dann empfängt er das Bedürfnis, die Fähigkeit zu besitzen, mit der Absicht zu geben auszurichten. Bevor er dieses Bedürfnis hat, kann man ihm das Gefäß nicht geben, wie oben gesagt: „Kein Licht ohne Gefäß.“ Ein Gefäß bedeutet „Bedürfnis, Mangel“; und dieser Mangel gilt erst dann als wirklicher Mangel, wenn der Mensch Leid und Schmerz empfindet, weil er die Sache braucht und sie nicht hat.
Ein gewöhnlicher Mangel ist, wenn der Mensch sieht, dass ihm etwas fehlt, von dem er versteht, dass es ihm fehlt. Weiß er aber, dass er auch ohne es leben kann, so kann man noch nicht von einem wahren Mangel sprechen. Ein wahrer Mangel heißt: wenn er weiß, dass er ohne das, was ihm fehlt, sein Leben nicht fortsetzen kann. Das nennt man ein wahres Bedürfnis.
Ebenso in der Arbeit: Oft weiß, versteht und spürt der Mensch, dass ihm das Verlangen zu geben fehlt. Er bittet den Schöpfer, ihm die Fähigkeit zu geben, den Körper – das „Verlangen zu empfangen“ – zu überwinden. Und er weiß von sich selbst, dass er den Schöpfer schon mehrmals gebeten hat und der Schöpfer nicht auf ihn hören will. Dass er sieht, diese Kraft vom Schöpfer noch nicht empfangen zu haben, stößt ihn ab: Er hat keinen Mut mehr, den Schöpfer erneut um sein Anliegen zu bitten, weil er sieht, dass der Schöpfer nicht auf ihn hört; und so bleibt ihm kein Ort mehr, an dem er zum Schöpfer beten könnte.
Doch in Wahrheit muss man, wie oben gesagt, feststellen: Der Mensch hat noch kein wahres Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm hilft. Denn das Bedürfnis, das der Mensch hat, wenn er sieht, dass er nicht mit der Absicht zu geben ausrichten kann, ist noch kein wahres Bedürfnis. Ein wahres Bedürfnis heißt vielmehr, wie oben gesagt: wenn er sieht, dass er kein Existenzrecht in der Welt hat, falls ihm das Fehlende nicht zuteilwird. Das nennt man einen wahren Mangel.
Wenn der Mensch daher zu der Erkenntnis kommt, dass er – erlangt er das Verlangen zu geben nicht – von der Heiligkeit getrennt ist und keine Hoffnung hat, je das Spirituelle zu erlangen, das „Anhaftung an den Schöpfer“ heißt; dass er, solange er in der Selbstliebe versunken ist, keine Aussicht hat, in die Heiligkeit einzutreten, sondern in den Klipot bleibt. Das schmerzt ihn, und er sagt: „Wenn dem so ist, ist mir mein Tod lieber als mein Leben.“ Dann ist das ein wahres Bedürfnis. Und wenn der Mensch dann betet, dass der Schöpfer ihm die Gefäße des Gebens gebe, ist das ein wahres Bedürfnis. Nur dies können wir den Unteren zuschreiben: den Mangel, dass ihm die Gefäße des Gebens fehlen. Das heißt „Gefäß“, also Bedürfnis.
Und die Füllung dafür, das Verlangen zu geben, gehört dem Schöpfer. So wie der Schöpfer das erste Gefäß gab, das „Verlangen zu empfangen“, so gibt Er auch das Gefäß, das „Verlangen zu geben“ heißt. Der ganze Unterschied zwischen dem ersten Gefäß, dem „Verlangen zu empfangen“, und dem Gefäß „Verlangen zu geben“ liegt darin: Das erste Gefäß entstand ohne ein Erwachen des Unteren – denn bevor er geboren war, wer hätte da bitten sollen? Danach aber, als das Verlangen zu empfangen geboren war, begann der Mensch zu spüren, was dieses Verlangen zu empfangen ihm antut. Und in dem Maß, in dem er das Bedürfnis nach den Gefäßen des Gebens versteht, erwacht in ihm das Gefühl für dieses Bedürfnis. Nur das Bedürfnis nach den Gefäßen des Gebens schreiben wir den Geschöpfen zu.
Im Gesagten lässt sich deuten, was wir sprechen und erbitten: „Und aus dem Schatz des unentgeltlichen Geschenks begnade mich.“ Auf den ersten Blick ist das schwer zu verstehen: Wir sollen dem Schöpfer doch dienen, ohne Lohn zu empfangen – und erst recht nicht um ein unentgeltliches Geschenk bitten. Warum heißt es dann (im Gebet „Möge es Dein Wille sein“ vor dem Sprechen der Psalmen): „Und aus dem Schatz des unentgeltlichen Geschenks begnade mich“?
Die Bedeutung ist: Gib uns ein unentgeltliches Geschenk, begnade uns. Das heißt: Gib uns das Geschenk, das Gefäß des Gebens, so wie Du uns das Gefäß des Verlangens zu empfangen gegeben hast. Wir bitten Dich darum, weil wir das Bedürfnis nach dem Gefäß des Gebens spüren. Und was ist das Gefäß des Gebens? Dass wir umsonst arbeiten können, ohne jeden Lohn – sodass unsere ganze Arbeit einzig dem Geben dient. Mit dem ersten Gefäß nämlich, dem „Verlangen zu empfangen“, kann der Mensch nur gegen Lohn arbeiten; dieses Gefäß heißt „neues Gefäß“, eine neue Schöpfung, die es vor ihrer Erschaffung nicht gab.
Und gib uns jetzt ein Gefäß, also ein Verlangen aus Deinem Schatz. Und was ist das Verlangen zu geben? Es war schon da, bevor Er das Verlangen zu empfangen erschuf, denn das Verlangen zu geben ist die Ursache des Verlangens zu empfangen. Das Verlangen zu geben heißt „etwas aus etwas (Jesch miJesch)“; das Verlangen zu empfangen dagegen „etwas aus dem Nichts“, denn bekanntlich gibt es im Schöpfer kein Verlangen zu empfangen – „von wem auch sollte Er empfangen?“. Darum bitten wir: „Und aus dem Schatz des unentgeltlichen Geschenks“ – also aus Deinem Schatz, in dem Du ein Verlangen zu geben hast und es unentgeltlich gibst. Gib es auch uns, damit auch wir umsonst arbeiten können, ohne Lohn zu empfangen.
Damit versteht sich unsere Frage, wie wir bitten können, dass der Schöpfer uns ein unentgeltliches Geschenk gebe. Die Bedeutung ist: Wir bitten den Schöpfer, dass Er uns gebe, Ihm umsonst dienen zu können. Das Gefäß des Gebens, das der Mensch empfängt, heißt also „unentgeltliches Geschenk“. Demnach: Welches ist das Geschenk, das der Mensch vom Schöpfer erbitten soll? Und wir fragten: Wie kann man um Geschenke bitten? Bekanntlich bittet man um Almosen – aber wer bittet um Geschenke? Es ist Brauch in der Welt, dass man dem, den man liebt, Geschenke gibt.
Die Antwort: Da der Mensch den Schöpfer lieben will und das Verlangen zu empfangen ihn dabei stört, bittet er um dieses Geschenk, das „Gefäß des Gebens“ heißt. Durch dieses Geschenk, das er vom Schöpfer empfängt, wird der Mensch der Liebe zum Schöpfer würdig und nicht der Selbstliebe. Darum heißt es „Geschenk“, und darum liegt es am Menschen, darum zu bitten.
Und das war unsere Frage: Welches Geschenk soll der Mensch vom Schöpfer erbitten, das zu erbitten erlaubt ist? Auf dieser Bitte beruht unsere Arbeit in Tora und Mizwot: Durch ihre Erfüllung empfangen wir das Bedürfnis nach dieser Bitte, sodass wir verstehen, „dass sie unser Leben und die Länge unserer Tage sind“. Dieses Bedürfnis besteht darin, dass uns die Anhaftung an den Schöpfer fehlt – die „Übereinstimmung der Form“ –, durch die wir am Leben des Lebens anhaften können. Und wenn wir, Gott behüte, die Anhaftung nicht erlangen und in der Selbstliebe bleiben, sind wir vom Leben des Lebens getrennt – das ist die Bedeutung von „Die Frevler heißen schon zu Lebzeiten tot“, wegen der Trennung, die zwischen ihnen besteht.
Bei der Bitte um das Geschenk ist die Hauptsache das Bedürfnis nach der Sache. Durch Tora und Mizwot empfangen wir ein Bedürfnis, und durch das Bedürfnis gibt es Raum, um dieses Geschenk zu bitten – dass Er uns das Gefäß gebe, das „Verlangen, dem Schöpfer zu geben“ heißt.
So steht geschrieben (Chagiga 7): „Wie ich umsonst, so auch ihr umsonst.“ Das heißt: Der Mensch soll sich bemühen, um zu geben zu arbeiten, und keinerlei Gegenleistung empfangen wollen. Zwar legt die Gemara dies dort anders aus, doch ist auch dies dort angedeutet, und es heißt „Anhaftung“.
Im Gesagten lässt sich deuten, was wir im Tischsegen sprechen – sogar am Shabbat (Sabbat), an dem es verboten ist, über weltliche Dinge zu reden, bitten wir den Schöpfer: „Und lass uns nicht auf das Geschenk von Fleisch und Blut angewiesen sein.“ Ein solches Gebet passt an Wochentagen, an denen man um Lebensunterhalt bittet, aber nicht am Shabbat.
Zu deuten ist, was wir am Shabbat bitten: „Und lass uns nicht auf das Geschenk von Fleisch und Blut angewiesen sein.“ Gemeint sind die Gefäße aus Fleisch und Blut, deren sich Fleisch und Blut bedienen, nämlich die Gefäße des Empfangens. Wir bitten den Schöpfer, uns zu helfen, dass wir uns nicht ihrer Gefäße bedienen müssen, sondern der Gefäße des Schöpfers, der Gefäße des Gebens; und um diese Gefäße bitten wir den Schöpfer, denn sie sind Gefäße des unentgeltlichen Geschenks.
korrOp, EY, 12.7.2026, Ver4