1988/05 Was bedeutet „Wenn Israel im Exil ist, ist die Shechina bei ihnen“ in der Arbeit?
Im Traktat Megilla (Blatt 29) heißt es wörtlich: „Es wurde gelehrt: Rabbi Shimon ben Jochai sagt: Komm und sieh, wie lieb Israel dem Schöpfer ist; denn an jedem Ort, wohin sie verbannt wurden, ist die Shechina (göttliche Gegenwart) bei ihnen, wie es heißt: ‚Und der Ewige, dein Gott, wird deine Gefangenschaft wenden‘ (5. Mose 30:3). Es heißt nicht ‚und Er wird zurückbringen‘ (weheschiw), sondern ‚und Er wird zurückkehren‘ (weschaw). Dies lehrt, dass der Schöpfer mit ihnen aus all ihren Exilen zurückkehrt.“ Soweit seine Worte. Und im Sinne der spirituellen Arbeit ist zu verstehen:
1.) Was gibt es uns in der Arbeit, wenn auch die Shechina im Exil ist? Worin also liegt der Nutzen, dass auch die Shechina im Exil ist, wie gesagt wurde: „Israel ist dem Schöpfer lieb, weil auch die Shechina im Exil ist“? Dann ist zu verstehen, was uns dies in der Arbeit hinzufügt, also welche Korrektur wir darin finden, dass auch die Shechina im Exil ist.
2.) Was bedeutet es, dass unsere Weisen sagten: „Der Kummer der Shechina besteht darin, dass sie im Exil ist“? Und unsere Weisen sagten: „Der Mensch muss am Kummer der Shechina Anteil nehmen.“ Wie kann man sagen, dass es oben einen Kummer gibt, sodass wir den Schöpfer bitten müssen, „die Shechina aus dem Staub zu erheben“? Das heißt, dass wir den Schöpfer bitten müssen, sie aus dem Staub aufzurichten.
3.) Was bedeutet es in der Arbeit, zu verstehen, dass die Shechina im Staub liegt, dass sie sich nicht selbst erheben kann, sondern der Schöpfer sie aufrichten muss?
4.) Damit der Schöpfer sie aufrichten kann, müssen wir darum beten. Es ist gleichsam so, als könnte der Schöpfer sie ohne unser Gebet nicht aus dem Staub holen.
Um all dies zu verstehen, müssen wir zunächst begreifen, welche Stufe wir „Schöpfer“ nennen und welche Stufe wir „Shechina“ nennen. Mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) gab eine schlichte Deutung zu dem, was im heiligen Sohar steht: „Er ist der Shochen (der Wohnende), und sie ist die Shechina (worin Er wohnt).“ Man muss wissen: Dass wir in den oberen Welten viele Stufen unterscheiden, rührt allein von den Empfangenden her. Vom Schöpfer her aber heißt es: „Ich, der Ewige, habe Mich nicht verändert.“ Deshalb unterscheidet man alle Welten in zwei Aspekte:
1.) Der Schöpfer, der der Shochen (der Wohnende) ist. Er wird „Licht“ genannt und „der Gebende“, „der Spender“ und „der Belebende“.
2.) Der Ort, an dem der Schöpfer offenbar ist – nämlich der Ort, an dem man Ihn empfindet und Ihn erlangt – im Maß des Kli (Gefäßes), das die Gleichheit der Form besitzt. Diese Korrektur entstand nach dem Zimzum (Einschränkung). Demnach, so sagte er, wird der Ort, an dem der Shochen offenbar ist, „Shechina“ genannt. Es sind also nicht zwei Dinge, sondern es sind Licht und Kli: Das Licht heißt „Shochen“, und das Kli, in das das Licht eingekleidet ist, heißt „Shechina“.
Nach seinen Worten lässt sich die ganze Arbeit deuten, die im Sinne der Korrektur der Schöpfung vor uns liegt und die allein eine Korrektur der Kelim ist. Gemeint ist: Es geht darum, dass die höhere Fülle – das, was Er Seinen Geschöpfen Gutes tun will – so beschaffen wird, dass die Kelim geeignet sind, die Fülle zu empfangen, und die Fülle nicht an die Äußeren geht. Nur das ist unsere Arbeit, mehr nicht.
Daraus folgt: Der Shochen will offenbar sein, das heißt, das Gute und der Genuss sollen den Geschöpfen offenbar werden. Vom Ausströmenden her schreiben wir Ihm nur den Aspekt des Gebenden und Schenkenden zu, denn das war das Schöpfungsziel.
Vonseiten der Unteren aber – das Kli, in dem das Gute und der Genuss offenbar werden sollen – sagte dieses, weil es nach der Gleichheit der Form mit seiner Wurzel verlangte, also ein Gebender zu sein wie die Wurzel, dass es nicht empfangen wolle, um zu empfangen. Darum vollzog es einen Zimzum.
Erst wenn die Fähigkeit besteht, die Absicht auf das Geben zu richten, wird das Kli das Gute und den Genuss empfangen. Dies geschieht in den oberen Welten, die als „Wurzeln der Seelen“ bezeichnet werden. Das heißt, auch die Seelen werden die Fülle nur unter solchen Bedingungen empfangen, die „um zu geben“ heißen. Dies bewirkt eine Verzögerung: Das Gute und der Genuss können sich nicht offenbaren, solange die Unteren nicht würdig sind, die Fülle zu empfangen.
Daraus folgt: Den Ort, an dem der Shochen offenbar sein soll – wenn die Unteren diesen Ort nicht bereitstellen, weil sie nicht die Kraft haben, die Absicht auf die Gabe zu richten, sodass das, was der Shochen gibt, in der Absicht zu geben empfangen wird –, nennt man „Kummer der Shechina“. Mit anderen Worten: Der Schöpfer kann das Gute und den Genuss nicht nach Seinem Willen geben, dessen Wunsch es ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Es zeigt sich also: „Kummer der Shechina“ bedeutet, dass der Schöpfer Kummer hat, weil Er das Gute und den Genuss nicht offenbaren kann – deshalb, weil die Geschöpfe nicht den Ort bereitstellen, der zum Empfangen geeignet ist. Denn gäbe Er ihnen das Gute und den Genuss, ginge alles an die Sitra Achra (die andere Seite). Deshalb kann Er das Gute nicht so geben, wie Er es will.
Daran verstehen wir, dass der Mensch am Kummer der Shechina Anteil nehmen muss. Wir fragten: Warum richtet der Schöpfer sie nicht selbst aus dem Staub auf, sondern braucht es, dass die Unteren in ihren Handlungen die Absicht ausrichten – das heißt, dass alles, was sie tun, in der Absicht geschehen soll, „die Shechina aus dem Staub zu erheben“?
Die Antwort ist: Alles, was der Schöpfer gibt, ist Gutes und Genuss, denn Sein Ziel ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Die Shechina aber „aus dem Staub aufzurichten“ – das heißt, dass es in der Hand des Schöpfers liege, die Fülle zu geben, ohne dass die Fülle an die Sitra Achra geht – das ist nur möglich, wenn die Unteren nicht zum eigenen Nutzen empfangen wollen, sondern in der Absicht zu geben.
Und das gehört zur Arbeit des Menschen, nicht zum Schöpfer. Dem Schöpfer kommt das Geben zu. Das Nichtgeben hingegen kommt nicht dem Schöpfer zu, sondern den Geschöpfen. Das heißt, dass die Geschöpfe nicht für sich selbst empfangen wollen, sondern allein unter der Bedingung, um zu geben. So sagten es unsere Weisen: „Alles ist in der Hand des Himmels, außer der Ehrfurcht vor dem Himmel.“
Mein Vater und Lehrer deutete: „Alles gibt der Schöpfer.“ Gemeint ist „alles“, nämlich alle guten Gaben gibt der Schöpfer. Und „Ehrfurcht vor dem Himmel“ – also nicht zum eigenen Nutzen zu empfangen – das allein muss der Mensch tun. Darum liegt es am Menschen, sich selbst zu korrigieren, damit es in der Hand des Schöpfers liege, das Gute und den Genuss zu geben.
Daraus ergibt sich die Frage: Worin liegt der Nutzen, wenn der Mensch zum Nutzen des Schöpfers arbeitet? Welcher Nutzen, das heißt, was fehlt dem Schöpfer, dass wir zum Nutzen des Schöpfers arbeiten sollen und der Schöpfer von der Arbeit des Menschen etwas empfängt? Man kann nur eines sagen: einen Ort, an dem es in Seiner Hand liege, dort das Gute und den Genuss zu geben, wie es Sein Wille bei der Erschaffung der Welt war, nämlich Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Wenn wir daher „Kummer der Shechina“ sagen, ist damit gemeint, dass der Schöpfer ihnen das Gute und den Genuss nicht offenbaren kann. Es gibt also gleichsam einen Kummer darüber, dass Er den Geschöpfen nichts Gutes tun kann. Das nennt man „Kummer der Shechina“: den Kummer, dass Er nicht in die Kelim geben kann, denn wie gesagt heißen die Kelim „Shechina“, weil dort der Shochen weilt.
Der Grund, dass wir bei all unseren Handlungen die Absicht auf den Kummer der Shechina richten sollen, ist: Wir müssen zur Gleichheit der Form gelangen, die „um zu geben und nicht zum eigenen Nutzen zu empfangen“ heißt. Es ist eine allgemeine Regel, dass der Mensch nicht ohne Ziel arbeiten kann. Also muss der Mensch sich vor Augen halten, was er mit seiner Mühe erreichen will – was er im Leben erwerben will, damit er weiß: Wenn er dies erlangt, wird er der glücklichste Mensch der Welt sein.
Darum sagt man ihm, dass es nichts Größeres und Wichtigeres gibt, als den Willen des Schöpfers zu erfüllen und nicht das Verlangen, für sich selbst zu empfangen. Dann muss der Mensch wissen, was im Haus des Königs fehlt, damit er diesen Mangel ausfüllen kann. Das heißt: Wovon lässt sich sagen, dass der Schöpfer darüber Kummer hat, weil es Ihm fehlt – sodass, gäbe man es Ihm, Freude vor Ihm wäre?
Darauf kommt die Antwort, dass der Mensch am Kummer der Shechina Anteil nehmen muss, wie gesagt: dass der Schöpfer gleichsam Kummer hat, weil Er den Geschöpfen das Gute und den Genuss nicht geben kann. So lautet das Gleichnis im Midrasch: Es gleicht einem König, der einen Turm voll allen Guten hat und keine Gäste.
Um das Gleichnis des Midrasch zu verstehen, kann man ein Gleichnis anführen: Es gleicht einem Menschen, der die Hochzeit seines Sohnes ausrichtete und in einem Saal fünfhundert Portionen bestellte, und aus irgendeinem Grund kam niemand. Mit Mühe brachte er einen Minjan (zehn Männer) für die Chuppa (Trauhimmel) zusammen. Welchen Kummer empfindet dieser Mensch, weil er fünfhundert Portionen für die Gäste hat und die Gäste nicht kommen! Und um dessentwillen muss der Mensch arbeiten: zu verdienen, dem Schöpfer Wohlgefallen (Nachat Ruach) zu bereiten, indem er von Ihm das Gute und den Genuss empfängt. Und der Mensch, der diese Stufe erreicht hat, ist der glücklichste Mensch der Welt.
Hält der Mensch dagegen Tora und Mizwot in der Absicht ein, dass der Schöpfer ihm Gutes in das Empfangsgefäß gebe – in der Absicht, sich selbst zu erfreuen –, so ist dieser Mensch von der Fülle entfernt. Denn die höhere Fülle kann nur in Gefäße des Gebens kommen. Darum muss der Grund, weshalb er Tora und Mizwot einhält, der sein, dass er dadurch zu den Menschen gehört, die den Schöpfer erfreuen wollen, wie oben im Gleichnis.
Da aber der Mensch mit einem Kli des selbstsüchtigen Empfangens geboren wird – wie kann er die Natur ändern und sagen, dass er sich um sich selbst in nichts sorgt? Was den Menschen schmerzt, worüber er Kummer empfindet, ist allein der Kummer der Shechina, der, wie gesagt, bedeutet: dass es oben gleichsam einen Kummer gibt, weil Er Seinen Willen nicht erfüllen kann.
Das heißt: Weil Sein Wille es ist, Gutes zu tun, und Er dieses Gute nicht in die Tat umsetzen kann, da die Geschöpfe keine geeigneten Kelim haben, um es zu empfangen – und weil der Mensch durch das Einhalten von Tora und Mizwot fähig wird, geeignete Kelim zu schaffen, wie unsere Weisen sagten: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen“ –, das ist der Grund, dass er mit aller Kraft arbeitet, um Tora und Mizwot einzuhalten. Denn durch das Einhalten von Tora und Mizwot tritt er aus der Selbstliebe heraus und wird der Gefäße des Gebens würdig. Dann wird er fähig sein, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, indem er von Ihm das Gute und den Genuss empfängt.
Damit verstehen wir die zweite Frage: Wie lässt sich sagen, dass es oben Kummer und einen Mangel gibt? Die Antwort: Weil Er den Geschöpfen alles Gute geben will und die Geschöpfe wegen der Verschiedenheit der Form nicht empfangen können. Und dass Er nicht an den Ort geben kann, an dem der Shochen offenbar sein soll – der „Shechina“ heißt –, das nennt man „Kummer der Shechina“. Gemeint ist der Kummer, dass es keinen Ort für das Weilen des Shochen geben kann. Denn „Shechina“ heißt das Kli, in dem das Licht offenbar wird.
Daran verstehen wir die dritte Frage, die wir stellten: Was bedeutet es in der Arbeit, dass die Shechina im Staub liegt und der Schöpfer es braucht, dass allein die Geschöpfe sie aus dem Staub aufrichten können, als ob Er es gleichsam selbst nicht könnte?
Dazu ist zu erklären: Der Ort, an dem der Shochen offenbar sein kann, besteht darin, dass im Kli die Absicht „um zu geben“ vorhanden ist. Bei den Geschöpfen, die mit dem Verlangen geboren wurden, für sich selbst zu empfangen, wird der Ort des Gebens „Geschmack von Staub“ genannt, weil er gegen ihre Natur ist. Darum empfinden sie jedes Mal, wenn sie die Absicht „um zu geben“ ausrichten wollen, dabei den Geschmack von Staub, weil das Geben, wie gesagt, gegen die Natur ist. Daher liegt es an den Geschöpfen, Handlungen und Mittel zu vollbringen, durch die sie den Ort korrigieren können, sodass er geeignet wird, das Gute und den Genuss zu empfangen.
Wenn man also von der Korrektur der Kelim spricht, heißt das, dass der Untere sich selbst korrigieren muss, um zum Empfangen geeignet zu sein. Dies entspricht der Regel, dass jeder darauf achten muss, in Ordnung zu sein und die Handlungen vollbringen zu können, die er vollbringen soll. Was der Gebende zu tun hat, kommt also dem Gebenden zu, und was der Empfangende zu tun hat, kommt dem Empfangenden zu. Das heißt, der Empfangende muss sich bemühen, geeignete Kelim zu haben, also dass die Klipot (Schalen) ihm nicht wegnehmen, was er empfängt. Mit anderen Worten: Der Empfangende muss sich bemühen, beim Empfangen die Absicht „um zu geben“ richten zu können; sonst kann das höhere Licht wegen der Verschiedenheit der Form nicht zu diesen Kelim gelangen. Daher liegt es am Unteren, das Maß des Gebens aufzurichten, um das höhere Geben zu empfangen.
Nun wollen wir das Gefragte erklären: Worin liegt der Gewinn in der Arbeit, dass unsere Weisen sagten: „Ist Israel im Exil, ist die Shechina bei ihnen“? Unsere Weisen sagten (Tanchuma, Nizawim 1): „Wenn die Leiden über Israel kommen, beugen sie sich und beten. Die Völker der Welt aber lehnen sich gegen sie auf und erwähnen den Namen des Schöpfers nicht.“
Dies ist auf den Weg der Arbeit zu deuten. Im Weg der Arbeit heißt „Leiden“ die Zeit, in der der Mensch in einen Zustand des Abstiegs gerät. Sein Leiden besteht darin, dass er keinen Geschmack und keine Lebendigkeit in Tora und Mizwot hat, dass die ganze Welt sich für ihn verfinstert und er keine Ruhe für seine Seele findet.
Er beginnt, auf die Vergangenheit zu blicken, also zu fragen, was der Grund ist, dass er in einen Zustand der Niedrigkeit geraten ist. Doch er findet bei sich nichts, woran er diesen Abstieg festmachen könnte. Noch schwerer fällt es ihm zu verstehen, warum er, ehe er in die Arbeit des Gebens eintrat, das Gefühl hatte, in einer Welt zu leben, die ganz gut ist, und es ihm eine große Arbeit war, das einzuhalten, was unsere Weisen sagten: „Sei überaus demütigen Geistes.“
Jetzt aber sieht er, dass er schlechter ist als die ganze Welt, denn er sieht, dass alle anderen leben und Freude daran haben, sich mit Tora und Mizwot zu befassen. Wenn sie beten, spüren sie bei jedem Wort, das sie aussprechen, dass es oben einen Eindruck hinterlässt. Und weil sie glauben, dass es oben einen Eindruck hinterlässt, hinterlässt dies auch unten einen Eindruck. Das heißt, jeder spürt in seinem Herzen, dass er heute etwas Großes getan hat, indem er betete oder Tora lernte. Und so wächst es bei ihm Tag für Tag weiter.
Er dagegen sieht sich selbst als schlechter denn die ganze Welt, weil sich die ganze Welt für ihn verfinstert hat. Das heißt, die Sonne, die der Welt leuchtet, leuchtet ihm nicht, und er sieht für sich keinerlei Daseinsberechtigung in der Welt. In diesem Zustand steht der Mensch vor einem Zwiespalt:
Entweder er sagt, dass er zum Aspekt „Israel“ gehört, und glaubt an den Schöpfer, dass alles unter Seiner Vorsehung steht. Das heißt, den Zustand, in dem er sich jetzt befindet, hat ihm der Schöpfer geschickt – diesen Abstieg. Und das Leiden, dass er sich in einem Zustand der Niedrigkeit befindet, kommt alles von Ihm. Das heißt, der Schöpfer wollte gewiss, dass er eine Stufe höher steige und nicht in einem Zustand bleibe, in dem seine ganze Arbeit dem eigenen Nutzen dient, wodurch er von der Anhaftung an den Schöpfer getrennt ist.
Vielmehr will der Schöpfer, dass der Mensch seinen wahren Zustand sieht – wie weit er davon entfernt ist, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten. Darum nahm ihm der Schöpfer den Geschmack, den er im „nicht um Ihretwillen“ (lo liShma) empfunden hatte. Deshalb blieb er ohne Leben. Es zeigt sich also, dass der Schöpfer Sich um ihn kümmert und ihn in die Heiligkeit hineinführen will.
Darum liegt es ihm jetzt ob, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm helfe, denn jetzt hat er Seine Hilfe nötig. Andernfalls sieht er, dass er gänzlich verloren ist. Dies gilt als ein Kli und ein Bedürfnis nach der Hilfe des Schöpfers, das er nun erlangt hat. Denn jetzt sieht er, dass er wahrhaft vom Schöpfer getrennt ist, weil er kein Leben hat; denn wer am Schöpfer anhaftet, hat Leben, wie es heißt: „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens.“
Und nun kann er gewiss ein Gebet aus der Tiefe des Herzens darbringen. Denn ein wahres Gebet heißt gerade ein Gebet aus der Tiefe des Herzens. Demnach muss er dem Schöpfer Dank sagen, dass Er ihm einen Ort gegeben hat, an dem er seinen wahren Zustand sieht. Jetzt sieht er, dass er den Schöpfer braucht, damit Er ihm die nötige Hilfe gebe, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“ Und der heilige Sohar fragt: „Womit hilft man?“ Und er antwortet: „Mit einer heiligen Seele.“
Nun hat der Schöpfer ihm also die Gelegenheit gegeben, den Aspekt der heiligen Seele zu erlangen. Wie glücklich muss er dann über den Zustand des Abstiegs und des Leidens sein, das er in diesem Zustand empfindet! Darum soll er sagen, dass er sich nicht in einem Zustand des Abstiegs befindet, sondern im Gegenteil in einem Zustand des Aufstiegs.
Damit lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „Wenn die Leiden über Israel kommen, beugen sie sich und beten.“ Das bedeutet: Wenn sie in einen Zustand des Abstiegs geraten, sehen sie ihren wahren Zustand, wie sehr sie in Niedrigkeit sind. Das heißt „sie beugen sich“ – weil sie ihren Zustand sehen, wie sie sich vom Leben des Lebens getrennt haben. Denn wer Anhaftung an den Schöpfer hat, lebt; er aber empfindet nur Leiden. Darum ist ihm klar, dass jetzt die Zeit des Gebets aus der Tiefe des Herzens ist. So heißt es: „Sie beugen sich und beten.“
Es lässt sich aber auch das Gegenteil sagen – ein Einwand, der zum Aspekt „Völker der Welt“ gehört und nicht zum Aspekt „Israel“. Das heißt, er glaubt nicht, dass der Schöpfer ihm diesen Zustand geschickt hat, in dem er sieht, dass er sich im Abstieg befindet; sein Empfinden ist, dass er jetzt keinen Geschmack an Tora und Mizwot hat. Vielmehr befindet er sich in einem Zustand des Leidens und hat überhaupt keinen Geschmack am Leben, und er „bereut nun das Frühere“ – das heißt, er bereut, dass er sich darauf eingelassen hat, den Weg des Gebens zu gehen.
Das heißt, er sagt: Ehe er in die Arbeit des Gebens eintrat, hatte er Freude an der Arbeit, sich mit Tora und Gebet und dem Tun der Mizwot zu befassen. Denn damals wusste er, dass er keinerlei Rechnungen anzustellen brauchte, und all seine Sorge galt der Frage, wie er die Menge mehre – also mehr Zeit für Gebet und Tora aufzuwenden. Auf die Qualität der Arbeit aber brauchte er nicht zu achten und nicht darüber nachzudenken, zu welchem Ziel er die heilige Arbeit verrichtet. Er stützte sich auf die Allgemeinheit, denn damals kam ihm nicht in den Sinn, dass man über den Grund nachdenken müsste, der ihn verpflichtet, sich mit Tora und Mizwot zu befassen. Darum fühlte er sich immer in vollkommener Vollendung.
Jetzt aber, da er begann, über den Grund nachzudenken, weshalb er Tora und Mizwot einhalten will, und da er um des Himmels willen arbeiten will – also in der Absicht zu geben und nicht in der Absicht, für sich selbst zu empfangen –, ist ihm die Arbeit schwerer geworden, und es fällt ihm schwerer, seinen bösen Trieb zu überwinden.
Er sagt: Wo er den Weg der Wahrheit gehen will, gäbe doch die Vernunft, dass der böse Trieb sich beugen und schwächer werden müsste. Jetzt aber ist es genau umgekehrt: Bei allem, was zur Heiligkeit gehört und was er in der Absicht zu geben tun will, gewinnt der böse Trieb die Oberhand über ihn, und es fällt ihm schwer, ihn zu überwinden. Und er fragt: Wo ist die Gerechtigkeit? Durch die viele Arbeit, dass er jedes Mal überwinden muss, gerät er in einen Abstieg.
Dann kommt er zum „Einwand der Kundschafter“ und sagt, dass ihm diese Arbeit zuwider ist. Und er flieht vom Schlachtfeld, denn er behauptet, dass er, statt voranzukommen, rückwärts geht. Darum „bereut er das Frühere“, wie gesagt, und lehnt diesen Weg ab, auf dem man an Absichten arbeiten muss und Handlungen nicht genügen, sondern die Hauptsache die Absicht ist, wie es heißt: „Besser wenig mit Absicht als viel ohne Absicht.“ Und er sagt, dass diese Arbeit nichts für ihn sei.
Damit lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „Die Völker der Welt aber lehnen sich, wenn die Leiden über sie kommen, gegen sie auf und erwähnen den Namen des Schöpfers nicht.“ Das bedeutet: Wenn das Leiden über ihn kommt – also wenn er beim Abstieg Leiden empfindet, weil er keinen Geschmack und keine Lebendigkeit in Tora und Arbeit spürt, und das Leiden so groß ist, dass sich die ganze Welt für sie verfinstert –, findet er bei sich keinen anderen Rat, als vom Schlachtfeld zu fliehen. Das nennt man „sie lehnen sich gegen sie auf“.
Und man muss wissen, dass diese Flucht nur aus einem einzigen Grund kommt, wie es heißt: „Die Völker der Welt aber lehnen sich gegen sie auf und erwähnen den Namen des Schöpfers nicht.“ Das bedeutet: Im Zustand des Abstiegs, in dem er Leiden empfindet, „erwähnen sie den Namen des Schöpfers nicht“ – nämlich zu sagen, dass der Schöpfer ihm diesen Zustand des Abstiegs geschickt hat, damit er seinen Zustand in völliger Klarheit erkenne, inwieweit er fähig ist, um des Himmels willen zu arbeiten, und damit er empfinde, dass er jetzt sieht: Ohne Seine Hilfe ist es unmöglich, der Herrschaft des Empfangens für sich selbst zu entkommen.
Und nun braucht er nicht mehr an die Worte unserer Weisen zu glauben, die sagten: „Der Trieb des Menschen gewinnt täglich die Oberhand über ihn, und hülfe ihm der Schöpfer nicht, käme er nicht gegen ihn an.“ Denn jetzt sieht er, dass er der Hilfe vom Himmel bedarf. Und jetzt ist die Zeit, in der er ein Gebet aus der Tiefe des Herzens darbringen kann. Denn ein wahres Gebet kommt gerade aus der Tiefe des Herzens, das heißt, sein Gebet von ganzem Herzen, wobei das Herz versteht, dass er ohne Hilfe von oben verloren ist.
Das Gebet, das aus der Tiefe des Herzens kommen muss – diese Sache erklärt mein Vater und Lehrer im Buch Pri Chacham (Frucht des Weisen, Teil 2, Blatt 161) mit folgenden Worten: „Es gibt keinen glücklicheren Zustand in der Welt des Menschen als die Stunde, in der er sich an den eigenen Kräften verzweifelt findet. Das heißt, er hat sich schon gemüht und alles getan, was in seiner Kraft vorstellbar war, und es gibt kein Heilmittel. Denn dann ist er zu einem vollkommenen Gebet um Seine Hilfe bereit, weil er mit Gewissheit weiß, dass seine eigene Arbeit ihm den Nutzen nicht bringen wird. Und solange er irgendeine Kraft der Arbeit von seiner eigenen Seite spürt, ist sein Gebet nicht vollkommen. Denn der böse Trieb kommt ihm zuvor und sagt ihm, dass er zuerst tun müsse, was in seiner Kraft steht, und danach werde er dem Schöpfer wohlgefällig sein.“
Zu erklären ist, was er sagt: „Denn der böse Trieb kommt ihm zuvor und sagt ihm, dass er zuerst tun müsse, was in seiner Kraft steht.“ Auf den ersten Blick scheint es, als spräche er wie ein Gerechter. Warum heißt es dann, dass der böse Trieb es ihm sagt?
Die Antwort ist: Der böse Trieb sagt ihm zwar gute Dinge. Doch was ist seine Absicht bei diesen schönen Reden? Dass er es nicht nötig habe, zum Schöpfer zu beten, dass er noch Zeit habe, den Schöpfer zu bitten. Hat er aber bereits getan, was in seiner Kraft stand, so kann der böse Trieb nicht mehr mit dem Einwand kommen, dass er noch Zeit habe, zum Schöpfer zu beten. Denn dann antwortet der Mensch dem bösen Trieb sofort: „Es gibt nichts mehr, was ich tun könnte und nicht schon getan hätte, und es hat mir nicht geholfen.“ Darum ist jetzt die geeignetste Zeit, zum Schöpfer zu beten.
Wenn der Mensch aber bereits getan hat, was in seiner Kraft stand, und der böse Trieb keine Reden mehr hat, dem Menschen zu sagen, dass er noch Zeit zum Beten habe, weil er noch etwas zu tun habe – da er ja schon alles getan hat, was in seiner Kraft stand –, dann hat der böse Trieb andere, schlimmere Reden, und das sind Reden mit mehr Gift und Todestrank.
Und das ist, wie gesagt: „Und sie erwähnen den Namen des Schöpfers nicht.“ Das heißt, er sagt nicht, dass der Schöpfer ihm den Zustand des Leidens geschickt hat, den er beim Abstieg empfindet. Vielmehr – was tut er beim Abstieg? Wie es heißt: „Die Völker der Welt aber lehnen sich beim Abstieg, wenn sie Leiden empfinden, gegen sie auf.“ Das heißt, sie verlassen das Schlachtfeld und fliehen vor der Arbeit des Gebens.
Damit verstehen wir die Frage, die wir stellten: Was bedeutet „Ist Israel im Exil, ist die Shechina bei ihnen“? Wie Rabbi Shimon ben Jochai sagte: „An jedem Ort, wohin sie verbannt wurden, ist die Shechina bei ihnen.“ Worin liegt der Gewinn in der Arbeit, dass er dazu sagt: „Wie lieb ist Israel dem Schöpfer“?
Es lässt sich, wie gesagt, so erklären: Wenn der Mensch empfindet, dass er sich im Exil befindet – also in der Arbeit den Geschmack des Exils schmeckt und aus dem Exil fliehen will –, dann muss der Mensch glauben, dass an jedem Ort, wohin sie verbannt wurden, „die Shechina bei ihnen“ ist. Nämlich: Die Shechina hat ihm den Geschmack des Exils zu schmecken gegeben. „Bei ihnen“ bedeutet, dass die Shechina mit ihnen verbunden ist und sie nicht im Aspekt der Trennung von der Shechina sind, sodass man sagen müsste, dies sei ein Aspekt des Abstiegs. Im Gegenteil: Die Shechina gibt ihm jetzt einen Anstoß, in den Stufen der Heiligkeit aufzusteigen, und kleidet sich selbst in ein Gewand des Abstiegs.
Wenn der Mensch dies weiß und glaubt, dass es so ist, gibt ihm das Ermutigung, dass er nicht vom Schlachtfeld flieht und nicht sagt, die Arbeit des Gebens sei nichts für ihn – weil er immer sieht, dass er sich ständig in einem Zustand von Aufstiegen und Abstiegen befindet, kein Ende dieser Zustände sieht und in Verzweiflung fällt.
Geht er hingegen die Wege des Glaubens und glaubt an die Worte unserer Weisen, so muss er das Gegenteil sagen. Wenn bei den übrigen Menschen die Ordnung ihrer Arbeit der Reihe nach verläuft – das heißt, dass sie sich als vollkommen empfinden, dass sie sehen: Gelobt sei der Schöpfer, sie halten die Mizwot, beten und lernen Tora, was fehlt ihnen also noch? –, so heißt das, dass sie von oben keine besondere Fürsorge auf Schritt und Tritt erhalten, die ihnen sagte, ob die Wege ihrer Arbeit in Ordnung sind oder nicht.
Das gleicht Menschen, die in einem Kollel (Lehrhaus für Tora-Studierende) lernen. Nehmen wir an, im Lehrhaus seien hundert Menschen. In irgendeiner Stadt braucht man einen Rabbiner. Die Einwohner der Stadt schicken ein Gesuch an den Leiter des Lehrhauses, ihnen einen Rabbiner zu senden. Da wählt der Leiter des Lehrhauses ein Gremium, das eine Prüfung abnimmt, wer von den Lernenden geeignet ist, dort Rabbiner zu sein. Die Ordnung ist, dass man aus den hundert Lernenden des Lehrhauses die Vorzüglichsten auswählt. Nehmen wir an, man nimmt fünf Menschen und prüft sie. In der Prüfung stellt man Fragen, die sie beantworten müssen. Sie müssen aber nicht alle Fragen beantworten; beantworten sie neunzig Prozent, so gelten sie bereits als würdig, aus dem Volk erwählt zu werden. Manche beantworten weniger als neunzig Prozent. Kann man nun sagen, dass jene Lernenden des Lehrhauses, die man heranzieht, um ihren Stand in Tora und Weisheit zu prüfen, einfache Menschen seien – wohingegen die neunundneunzig Lernenden des Lehrhauses, die man nicht prüft, um ihren Stand zu sehen, in Tora und Weisheit in Ordnung seien und man sie, weil sie größer sind, nicht zu prüfen brauche?
Ebenso gibt es hier in der Ordnung der Arbeit eine Regel. Sagen wir gleichnishaft, dass es neunundneunzig Prozent der Diener des Schöpfers sind, die man nicht prüft, ob sie in Ordnung sind. Man zeigt ihnen ihren Zustand also nicht, ob sie in ihrer Tora und Arbeit in Ordnung sind. Wenn man sie also nicht prüft, denkt gewiss jeder bei sich, dass er in Ordnung ist.
Sagen wir aber: Jene fünf Prozent, die geeignet sind, die Vollkommenheit zu erreichen, um sie in den Saal des Königs einzuführen – diese Menschen führt man zur Prüfung. Ihnen zeigt man von oben ihren wahren Zustand in Tora und Mizwot, damit sie wissen, was zu korrigieren ist. Diese Korrekturen heißen Glaube, Gebet, Mühe.
Das ist es, was mein Vater und Lehrer zum Vers sagte: „Und er sprach: Lass mich doch Deine Herrlichkeit sehen. Und der Ewige sprach: Siehe, ein Ort ist bei Mir.“ Unsere Weisen sagten: „‚Bei mir‘ (Iti) – die Anfangsbuchstaben von Glaube (Emuna), Gebet (Tefilla), Mühe (Jegia).“ Das heißt, durch diese Korrekturen kann man zur wahren Vollkommenheit gelangen.
Daraus sehen wir, was der wahre Weg in Tora und Mizwot ist. Der Weg besteht darin, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen, die „Gleichheit der Form“ heißt. Dadurch wird man des „Lebens“ würdig, wie es heißt: „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens.“ Aufstiege und Abstiege aber gibt man den Geeigneten, die eher fähig sind, in den Saal des Königs einzutreten.
Damit lässt sich das Gefragte erklären: Was fügt uns das Wissen in der Arbeit hinzu, dass auch der Schöpfer aus dem Exil zurückkehren wird wie Israel? Unsere Weisen deuteten den Vers „Und der Ewige, dein Gott, wird deine Gefangenschaft wenden“ und sagten: „Es heißt nicht ‚und Er wird zurückbringen‘, sondern ‚und Er wird zurückkehren‘ – das lehrt, dass der Schöpfer mit ihnen aus den Exilen zurückkehrt.“
Zunächst aber ist zu verstehen, wie sich beim Schöpfer von „Exil“ sprechen lässt. Denn „Exil“ bedeutet, dass jemand seinen Ort verlassen hat und gezwungen war, an fremde Orte zu gehen und unter der Herrschaft fremder Könige zu sein. Er hat keine Wahl, sondern ist gezwungen, jeden Willen eines jeden Herrschers, unter dessen Herrschaft er steht, zu tun und zu erfüllen. Wir aber müssen doch glauben, wie es heißt: „Die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit.“ Wie lässt sich dann beim Schöpfer von „Exil“ sprechen?
Ferner ist zu verstehen, im Verhältnis zu wem wir sagen, dass der Schöpfer Sich im Exil befindet. In Bezug auf Ihn selbst lässt es sich nicht sagen, denn wir kennen Seine Gedanken nicht wie es im heiligen Sohar heißt: „Kein Gedanke vermag Ihn überhaupt zu erfassen.“ Vielmehr ist alles, was wir vom Schöpfer sprechen, aus dem Aspekt „aus Deinen Werken haben wir Dich erkannt“. Wir müssen also sagen, dass der Schöpfer Sich im Exil befindet in Bezug auf Israel. Mit anderen Worten: Das Volk Israel sieht, dass der Schöpfer unter den Völkern im Exil ist. Daher ist zu verstehen, worin sich ausdrückt, dass Er dem Volk Israel als im Exil erscheint.
Ferner ist zu verstehen, was „Exil“ ist. Danach können wir verstehen, dass, wer sich im Exil befindet, den Geschmack des Exils schmeckt. Auch ist zu wissen, dass wir im Thema Exil zwei Aspekte finden:
1.) Das Volk Israel war im heiligen Land und hatte den Tempel. Da kam Nebukadnezar, zerstörte den Tempel und verbannte Israel aus dem Land, wie es heißt (Esther 2): „Ein jüdischer Mann war in der Festung Schuschan, sein Name war Mordechai, der aus Jerusalem verbannt worden war.“ Es zeigt sich also, dass „Exil“ heißt, dass man sie aus einem Ort des Glücks und der Ruhe verbannte, damit sie gingen und litten, ruhelos und umherirrend, ohne Ruhe für ihre Seele.
2.) Beim Exil in Ägypten finden wir, dass sie nicht aus einem Ort der Ruhe verbannt wurden, sondern an dem Ort, an dem sie waren, zu empfinden begannen, dass sie sich im Exil befinden. Sie sahen, dass sie dem Pharao, dem König von Ägypten, unterworfen waren. Das heißt, was der König von Ägypten von ihnen forderte – dabei hatten sie keine freie Wahl, sondern waren gezwungen, seinen Willen in allem zu erfüllen, was er von ihnen forderte.
Demnach – was bedeutet es, dass der Schöpfer aus Seinem Ort verbannt wurde? Es heißt doch: „Die ganze Erde ist erfüllt von Seiner Herrlichkeit.“ Wie lässt sich dann beim Schöpfer sagen, dass Er aus Seinem Ort an einen anderen Ort verbannt wurde? Und nach der zweiten Deutung des Exils, nach dem Vorbild des ägyptischen Exils, in dem der Pharao, der König von Ägypten, über die Kinder Israels herrschte und sie dadurch das Exil empfanden – wie lässt sich beim Schöpfer sagen, dass es jemanden gäbe, der über Ihn herrscht, sodass wir sagen könnten, der Schöpfer sei im Exil?
Doch gewiss ist das, was wir vom Exil beim Schöpfer sprechen, nur im Verhältnis zu den Geschöpfen. Nämlich: Gemäß der Erlangung der Geschöpfe verläuft es mit Exil und Erlösung. Denn manchmal erlangen sie den Schöpfer so, dass Er ein großer König ist, der in Seinem Palast thront und um den Seraphim, Chajot (Lebewesen) und heilige Ofanim (Räder) stehen. Manchmal erlangen sie Ihn so, dass Seine Gestalt einem König gleicht, den man aus seinem Palast verbannt hat und der gefangen unter der Herrschaft eines anderen Königs sitzt. Das gilt als der König, der sich im Exil befindet.
Demnach lässt sich erklären, dass das Volk Israel aus dem Land Israel zog und der Tempel zerstört wurde. Auf den Weg der Arbeit bezogen lässt sich erklären, dass das Volk Israel nach außen zog und keinen Geschmack an Tora und Mizwot empfindet, und ihr Herz, das ein Ort für das Empfinden der Heiligkeit war – „Tempel“ genannt –, dieser Ort wurde zerstört.
Und der zweite König, „der alte und törichte König“ genannt, eroberte ihr Herz. Alle Kelim der Heiligkeit nahm er von dort heraus. Das heißt, alle Gedanken der Heiligkeit, die in ihrem Herzen waren, nahm er von dort heraus und setzte ein Götzenbild in den Palast des Schöpfers. Das heißt, zuvor war dort Heiligkeit; er aber nahm alle Gedanken der Heiligkeit heraus – „Heiligkeit“ heißt Gedanken um des Himmels willen – und eroberte ihr Herz und setzte in ihr Herz Gedanken, die nur dem eigenen Nutzen dienen. Das gilt als: der alte und törichte König eroberte den Tempel und verbannte Israel aus ihrer Mitte. Mit anderen Worten: Der Aspekt „Israel“ befindet sich nicht mehr bei ihnen, in ihrem Körper.
Das ist es, wie geschrieben steht (Psalm 79, „Ein Psalm Asaphs“): „Gott, Völker sind in Dein Erbteil eingedrungen, sie haben den Tempel Deiner Heiligkeit verunreinigt, sie haben Jerusalem zu Trümmerhaufen gemacht.“ Das heißt, der Aspekt „Israel“ zog aus ihrem Herzen, und an ihre Stelle kamen Völker.
Demnach ist die Deutung, dass auch der Schöpfer mit ihnen verbannt wurde. Nämlich, dass Er Seinen Palast in Bezug auf Israel verließ – also dass sie so empfinden, dass Er nicht die Bedeutung hat, die sie empfanden, ehe sie aus dem Land Israel verbannt wurden. Worin liegt nun der Gewinn, dass auch der Schöpfer mit ihnen verbannt wurde? Das können wir verstehen, wie mein Vater und Lehrer zu dem sagte, was unsere Weisen sagten: „Der Mensch sündigt nur, wenn ein Geist der Torheit in ihn gefahren ist.“
Dazu fragen die Leute: Warum fährt ein Geist der Torheit in ihn, damit er sündigt? Und er sagte: Weil es die Regel gibt: „Das Auge sieht, und das Herz begehrt.“ Es zeigt sich also: Sieht jemand etwas Schlechtes – sei es ein Sehen mit den Augen oder ein Sehen im Gedanken –, so muss er ins Begehren geraten. Da es also nicht in seiner Hand liegt, dies vom Auge abzuwenden – denn sowohl im Gedanken als auch im Anblick kommt es ohne jede Vorbereitung –, gilt das noch nicht als Sünde. Doch daraus kommt man zur Sünde, die „Begehren“ heißt.
Tut der Mensch sofort Umkehr (Teshuwa) über das Gesehene, so gerät er gar nicht erst ins Begehren, und es ist keine Sünde in seiner Hand. Tut der Mensch hingegen nicht sofort Umkehr über das Gesehene, so muss er zur Sünde kommen, die „Begehren“ heißt.
Und von oben wurde eine Korrektur vollzogen, damit der Mensch die Herrlichkeit des Königs nicht beschädige: dass Er den Geist der Weisheit aus ihm herausnahm und einen Geist der Torheit in ihn hineingab. Wir sehen ja, dass man auch im irdischen Gericht dem Toren nicht die Strafe gibt, die man einem Menschen gibt, der bei klarem Verstand ist. So ist es auch hier: Völker sind in sein Herz eingedrungen, und er empfindet keinen Geschmack des Lebens in Tora und Mizwot. Bei ihm gilt, dass auch der Schöpfer im Exil ist. Denn in jenem Zustand hat er nicht den Glauben an den Schöpfer, den er hatte, ehe er den Abstieg empfing. Darum ist der Schaden nicht so groß.
Es gibt noch eine weitere Deutung dafür, dass auch der Schöpfer mit ihnen im Exil ist, wenn das Volk Israel im Exil ist. Wenn die Völker über sie herrschen, ist auch der Schöpfer im Exil. Darum bitten wir für den Schöpfer, dass Er aus dem Exil herauskomme. Denn wir müssen uns hüten, nicht für die Selbstliebe zu beten, sondern alles soll zum Nutzen des Schöpfers sein. Wenn er also den Schöpfer bittet, sein Volk aus dem Exil herauszuführen, zeigt sich, dass er zum Nutzen der Geschöpfe bittet und nicht zum Nutzen des Schöpfers.
Und weil wir glauben, dass auch der Schöpfer im Exil ist, darum bitten wir zum Nutzen des Schöpfers. Das heißt, wir beten um die Ehre des Himmels. So sagen wir im Tachanun (Bittgebet): „Erbarme Dich unser, Schöpfer; warum sollen die Völker sagen: Wo ist denn ihr Gott? Um Deinetwillen, erweise uns Gnade und säume nicht.“ Es zeigt sich also: Dadurch, dass man weiß, dass auch der Schöpfer unter dem Exil leidet, wird ihm ein Ort gegeben, zum Nutzen des Schöpfers zu beten und nicht zum eigenen Nutzen.
Doch wie können wir sagen, dass auch Er Sich im Exil befindet und die Völker gleichsam über Ihn herrschen, wie sie über das Volk Israel herrschen? Die Antwort ist wie gesagt: Weil das Schöpfungsziel es ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, und über dieses Gute, das die Geschöpfe empfangen sollen, eine Korrektur vollzogen wurde, dass sie die Absicht auf „um zu geben“ richten, darum sind die Geschöpfe, solange Israel unter den Völkern im Exil ist – was bedeutet, dass sie unter der Herrschaft des selbstsüchtigen Empfangens liegen –, nicht fähig, das Gute und den Genuss zu empfangen, das in Tora und Mizwot eingekleidet ist.
Darum können sie den Geschmack des Lebens, der in der Heiligkeit ist, nicht schmecken. Und weil das Exil der Völker der Welt auf ihnen lastet, werden sie bei allem, was sie empfangen, den Geschmack der Verhüllung des Angesichts schmecken. Und weil der Schöpfer das Bestehen der Welt will, ist Er gezwungen, Sich in Gewänder zu kleiden, die nicht der Heiligkeit angehören. Er gibt der Welt also Lebenskraft in Gewändern der Körperlichkeit; nur durch körperliche Dinge gibt Er der Welt Genüsse und Leben.
Das heißt, die Welt kann Freude und Genuss nur in Gewändern empfangen, die „Neid“, „Begierde“ und „Ehrsucht“ heißen. Das heißt, Er erleuchtet und belebt die Welt in Gewändern der Klipot, die Gewänder sind, die sie vom Schöpfer trennen; denn diese Genüsse kommen eingekleidet in Gefäße der Selbstliebe.
Es zeigt sich also: Der Schöpfer leidet darunter, dass sie sich in der Zeit des Exils befinden. Das heißt, in der Zeit, in der sie unter der Herrschaft der Völker der Welt liegen, ist der Schöpfer gezwungen, Sich vor Seinen Kindern zu verbergen, sodass sie Ihn nicht erkennen – dass Er es ist, der ihnen den Geschmack des Exils in Tora und Mizwot gibt und sie alles Leben in Gefäßen des Empfangens finden. Diese Korrektur – dass Genuss in den Empfangsgefäßen ist und sie den Geschmack in Tora und Mizwot nicht spüren können, hat der Schöpfer vollzogen, damit sie die Heiligkeit nicht beschädigen und nicht alles an die Klipot gehe. Das bedeutet, dass sie sich nicht weiter von der Heiligkeit entfernen, indem sie mehr Geschmack am selbstsüchtigen Empfangen empfänden. Denn überall, wo der Genuss größer ist, entfernt man sich weiter in das Empfangsgefäß hinein, und das trennt sie von der Heiligkeit.
Daraus folgt: Dadurch, dass der Mensch weiß, dass der Schöpfer im Exil ist, dass Er Sich verbergen muss und gleichsam im Exil ist, kann der Mensch erkennen, dass es keine Klipa (Schale) in der Welt gibt; vielmehr muss der Mensch um alles allein den Schöpfer bitten, und es gibt keine andere Kraft.
korrOp, EY, 16.7.2026, Ver4