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1988/15 Was bedeutet „Es gibt keinen Segen an einem leeren Ort“ in der Arbeit?

Der heilige Sohar (Truma, Blatt 170, und im Sulam Punkt 525) sagt Folgendes: „Dieser Tisch, der im Tempel steht, ist dazu da, dass sich auf ihm Speise befindet und dass man von ihm Speise nimmt. Darum darf er nicht einen einzigen Augenblick leer sein. Der andere Tisch, der der Sitra Achra (die andere Seite), ist ein Tisch der Leere, denn der Segen von oben befindet sich nicht an einem schlechten Ort und an einem Mangel. Dies ist der Tisch vor dem Schöpfer; und auch der Tisch, über den der Mensch vor dem Schöpfer den Segen spricht, darf nicht leer sein, denn es gibt keinen Segen an einem leeren Ort.“

Es ist zu verstehen, was der Grund dafür ist, dass der Segen nicht an einem leeren Ort sein kann. Und was bedeutet es in der heiligen Arbeit, dass ein Mensch, der vom Schöpfer Segen empfangen will, sich bemühen muss, etwas zu besitzen – denn nur auf diese Weise kann der Schöpfer ihm Segen geben?

Bekannt ist das Wort unserer Weisen: „Kein Verfluchter haftet am Gesegneten.“ Aus diesem Grund wollte Abraham die Tochter Eliesers, des Knechtes Abrahams, nicht nehmen. Wenn nun ein Mensch zum Schöpfer betet, dass Er ihm gebe, was er von Ihm verlangt, und wenn er ein wahres Gebet aus der Tiefe des Herzens spricht, dann fühlt er gewiss, dass er in einem Mangel (Chissaron) ist, und zwar in einem größeren Mangel als die ganze Welt. Andernfalls – wenn es noch andere Menschen gibt, denen ebenso fehlt wie ihm – wird es nach der Regel „Das Leid vieler ist halber Trost“ schon nicht mehr Gebet aus der Tiefe des Herzens genannt.

Sein Mangel entbehrt dann der Vollständigkeit des Mangels, denn es ist nur ein halber Mangel: Die Hälfte dessen, was ihm fehlt, ergänzen ihm die Vielen. Somit hat er nur ein halbes Kli (Gefäß), um Erfüllung zu empfangen – nämlich den Teil, den die Vielen ihm nicht geben können, weil sie ihn selbst nicht haben. Darum hat er nicht mehr als ein halbes Bedürfnis, Erfüllung zu empfangen.

Darum muss das Gebet, in dem der Mensch den Schöpfer bittet, ihm die Wünsche seines Herzens zu erfüllen, aus der Tiefe des Herzens kommen. Denn das Herz wird „Verlangen“ genannt; berührt das Verlangen nicht die Tiefe des Herzens – weil ihm das wahre Bedürfnis nach Erfüllung fehlt, wie gesagt –, so wird sein Gebet nicht angenommen.

Darum muss der Mensch erkennen, dass er schlechter ist als die ganze Welt. Dann lässt sich die Regel „Das Leid vieler ist halber Trost“ bei ihm nicht anwenden, denn er ist schlechter als die Allgemeinheit. Bekanntlich hängt die Zufriedenheit im Leben nicht allein davon ab, ob einem Dinge fehlen, die andere haben und er nicht. Es kann sein, dass ein Mensch mehr Auskommen hat als andere und sogar mehr angesehene Dinge besitzt als seine Umgebung, und dennoch findet er darin keine Befriedigung.

Stärker spürbar ist dies bei Frauen. Fehlt einer Frau etwas, so kann sie – selbst wenn sie weit mehr besitzt als ihre Freundinnen – sagen: „Mein Tod ist mir lieber als mein Leben“, sobald sie fühlt, dass ihr etwas fehlt; und sie kann sich nicht damit trösten, dass sie mehr hat als ihre Freundinnen. Wenn der Mangel ihr Herz berührt, sagt sie, dass sie sich unglücklicher fühlt als die ganze Welt.

Der Grund ist: Wenn ein Mensch einen wahren Mangel empfindet, kann er sich nicht damit trösten, dass dieselbe Sache auch den Vielen fehlt. Denn das Entscheidende ist das Empfinden der Leiden, die man durch die Nichterfüllung des Verlangens erleidet – ein Empfinden, das einen Menschen mitunter sogar dahin bringen kann, sich das Leben zu nehmen. Nur dies wird ein wahrer Mangel genannt.

Und hier, in der Arbeit: Sieht ein Mensch, dass es jemanden gibt, der ihm im Mangel an Spiritualität gleicht, so kann er schon Erfüllung erhalten nach dem Grundsatz „Das Leid vieler ist halber Trost“. Deshalb kann er in Verzweiflung geraten, denn er findet sich mit seiner Lage ab. Er sagt dann, dass jene Sache, die ihm – wie er erkennt – fehlt, unerreichbar ist; denn nach einigen Versuchen, in der Arbeit anzufangen, die ihm nicht gelangen, entscheidet er sofort, dass es zu schwer und nicht für ihn ist. Dass er sich so schnell entscheidet, kommt daher, dass das Verlangen nach dieser Sache in ihm erlahmt ist – weil er Erfüllung auf den halben Mangel erhalten hat nach dem Grundsatz „Das Leid vieler ist halber Trost“.

Dies gleicht einem Menschen, der einen Gegenstand verloren hat und ihn sucht. Es gibt eine Regel, wie viel Zeit er für die Suche aufwenden soll: Das hängt vom Wert des Gegenstands ab. Ist der Gegenstand viel wert, wendet er viel Zeit auf, ihn zu suchen; ist er weniger wert, wendet er weniger auf.

Ebenso hier in der Arbeit: Ist es ihm sehr wichtig, mit der Absicht zu geben (al menat lehashpia) zu arbeiten, so verzweifelt er nicht auf der Stelle, sondern sucht beständig nach Wegen, wie er dazu gelangen kann. Anders aber, wenn er sieht, dass es noch andere Menschen gibt, die sich nicht mit der Absicht der Tora und Mizwot befassen, um zum liShma (um ihretwillen) zu gelangen, sondern sich damit begnügen, Tora und Mizwot zu erfüllen. Wie der Rambam (Maimonides) sagt, offenbart man nicht allen das Geheimnis, dass man liShma arbeiten muss; und sie fühlen sich glücklich damit, dass sie Tora und Mizwot so erfüllen, wie man sie anfangs erzogen hat, und sie suchen nicht nach anderen Wegen – das ist ihr Gut.

Das ist der Grund, weshalb sie – selbst wenn sie ein Erwachen empfangen haben, die wahre Absicht von Tora und Mizwot zu suchen – doch nur einige Male nach dem Weg suchen, wie man den Weg des Gebens gehen soll, weil dieses Verlangen in ihren Augen nicht so wichtig ist. Und da man ihn nicht leicht findet und sie keinen wahren Mangel haben, beginnen sie zwar den Weg des liShma zu gehen, geben ihn dann aber auf und folgen den Vielen.

Doch ist die Aussage des Rambam zu verstehen, wo er sagt: „Bis ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen, offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach.“ Zu verstehen ist, was es bedeutet, dass man ihnen „dieses Geheimnis offenbart“. Anders gesagt: Welches Geheimnis offenbart man ihnen damit, dass man ihnen sagt, sie müssen liShma arbeiten? Wer wüsste denn nicht, dass man dem Schöpfer dienen muss, wie geschrieben steht: „Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen“?

Und dies sprechen wir viermal am Tag: das Shma-Lesen (Kriat Shma) der Opfer, das Shma-Lesen von Jozer Or, das Shma-Lesen des Abendgebets und das Shma-Lesen auf dem Bett. Sogar Kinder sprechen das Shma. Somit weiß jeder, dass man um des Himmels willen arbeiten muss. Welches Geheimnis offenbart man ihnen also jetzt, das man ihnen vorher nicht offenbaren durfte, „bis ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen“?

Auch ist zu verstehen, was das Maß für „ihr Verstand mehrt sich“ ist: Wie misst man ihren Verstand, damit wir wissen, dass man ihnen jetzt schon das Geheimnis des liShma offenbaren darf, vorher aber nicht? Und was bedeutet die Wendung „und sie erlangen größere Weisheit“? Zu verstehen ist, was „Weisheit“ ist und was „größere Weisheit“ ist.

Zu erklären ist: Weisheit und Verstand sind das, was sie zu Beginn des Lernens von den Lehrern empfangen haben, die sie im lo liShma (nicht um ihretwillen) anleiteten. Das heißt: Dadurch, dass sie an den Schöpfer und an den Glauben der Weisen glauben, werden sie würdig, Lohn zu empfangen; und wenn nicht, empfangen sie Strafe. So verstehen sie, dass Er uns Lohn geben wird, wenn wir Tora und Mizwot erfüllen und den Schöpfer „mit deinem ganzen Herzen“ lieben. Der Lohn besteht also darin, dass wir eine Gegenleistung dafür erhalten, dass wir alles erfüllen, was Er uns geboten hat. Mit anderen Worten: Damit beim Empfang des Genusses keine Scham entsteht, gab Er uns Mizwot zu erfüllen, und Er bezahlt uns für die Mühe. So empfangen sie nichts umsonst, sondern eine Bezahlung für die Mühe, mit der wir für Ihn arbeiten. Und dadurch entsteht keine Scham.

Nach dem Gesagten verstehen wir, was Verstand und Weisheit sind. Es ist das, was sie zu Beginn ihres Lernens empfingen, als sie nicht mehr verstehen konnten als den Lohn, der in den Gefäßen der Selbstliebe empfangen wird. Das heißt: Für etwas, das nicht dem eigenen Nutzen dient, hatten sie noch nicht Weisheit und Verstand, um zu begreifen, dass es sich lohnt, etwas zu tun – denn sie sahen nicht, was das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, davon gewinnen würde. Doch sie begriffen, dass es sich lohnt, Tora und Mizwot zu erfüllen, weil sie die Weisheit hatten, daran zu glauben, dass sie Lohn empfangen werden. Das ist die Weisheit und der Verstand, den sie erlangten: dass es sich lohnt, Tora und Mizwot zum eigenen Nutzen zu erfüllen.

Demnach ist die „größere Weisheit“, dass sie nun etwas Weiteres begreifen können, weil sie den Verstand dazu empfangen haben – und das wird „bis ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen“ genannt. Das heißt, sie verstehen jetzt, dass es sich lohnt, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten und nicht zum eigenen Nutzen. Vorher dagegen fehlte ihnen noch Weisheit und Verstand, um zu begreifen, dass es eine Möglichkeit gibt, nicht zum eigenen Nutzen zu arbeiten.

Aus dem Gesagten folgt: Dass man das Geheimnis des liShma zu Beginn ihres Lernens nicht offenbaren darf, bedeutet nicht, dass es verboten ist, sondern dass es unmöglich ist – weil sie nicht den Verstand hatten, dies zu begreifen. Daher muss man ihnen einen Grund geben, weshalb es sich für sie lohnt zu arbeiten.

Daher sind sie, „wenn ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen“, fähig, das Geheimnis zu hören, das man ihnen zuvor nicht sagen durfte. Das heißt: Selbst wenn man ihnen gesagt hätte, dass die wahre Arbeit die Arbeit des Gebens ist, wäre es für sie ein Geheimnis geblieben, weil es keinerlei Möglichkeit gab, so etwas zu begreifen.

Vielmehr: „Nachdem ihr Verstand sich mehrt, offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach.“ „Nach und nach“ bedeutet, dass sie allmählich zu begreifen beginnen, dass es sich lohnt, zum Wohl des Schöpfers zu arbeiten und nicht zum eigenen Nutzen. Daher ist „bis ihr Verstand sich mehrt“ so zu erklären, dass damit der Verstand der Tora gemeint ist, der das Gegenteil des Verstandes eines Hausherrn ist. Denn der Verstand eines Hausherrn besteht darin, so zu arbeiten, dass aller Gewinn unter seine eigene Verfügung gelangt – das heißt, er will Herr über all seine Handlungen sein, also alles zum eigenen Nutzen tun.

Das Gegenteil ist der Verstand der Tora, wie unsere Weisen sagten: „Die Tora besteht nur in dem, der sich für sie abtötet.“ Wir erklärten, dass damit gemeint ist, man muss seine Selbstheit – das Verlangen, für sich selbst zu empfangen – abtöten, um stattdessen an Ihm, dem Gesegneten, zu haften. Denn unsere Weisen erklärten: „Hafte an Seinen Eigenschaften: Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ Das heißt, der Mensch muss zur Stufe der Annullierung des Verlangens nach Selbstliebe gelangen, sodass sein ganzes Streben der Liebe zum Schöpfer gilt – sodass bei allem, was er tut, seine Absicht allein das Geben ist.

Und das ist es, was geschrieben steht: „bis ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen“ – dass sie schon fähig sind, das Geheimnis der Arbeit des Gebens zu hören. Denn sie können begreifen, dass diese Arbeit die wahre Arbeit ist, weil der Mensch ein Diener des Schöpfers sein will und nicht ein Diener seiner selbst.

Nun wollen wir erklären, was wir gefragt haben: Wie wissen wir, dass sie schon größere Weisheit besitzen, wie oben in der Aussage „bis ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen“? Wie mein Vater und Lehrer sagte, kommt ihnen dieses Wissen von Verstand und Weisheit von oben, als ein Erwachen von oben (Itaruta diLeMala). Aber woran erkennen wir dies?

Die Antwort lautet: Diese Menschen, die ein Erwachen von oben empfangen haben, können nicht in Ruhe leben, sondern suchen von Ort zu Ort, um jemanden zu finden, der sie anleiten kann, wie man zur Arbeit des Gebens gelangt. Dass sie einen Weg suchen, um vorwärtszukommen, und keine Befriedigung aus ihrer gewöhnlichen Arbeit ziehen, ist das Zeichen dafür, dass ein solcher Mensch Verstand und Erwachen von oben empfangen hat. Sagt man diesem Menschen, dass man zum Nutzen des Schöpfers arbeiten muss, so kann er dieses Geheimnis verstehen, denn er hat bereits die Stufe „bis ihr Verstand sich mehrt“. Weil er nun den Verstand hat, es zu begreifen, ist es für ihn schon kein Geheimnis mehr; denn „Geheimnis“ heißt etwas, solange man es nicht weiß – anders aber, wenn man es weiß.

Doch der Rambam sagt: „Und man offenbart ihnen dieses Geheimnis nach und nach.“ Dies ist so zu erklären, dass man nicht auf einmal begreifen kann, dass das Wesentliche der Arbeit das Arbeiten mit der Absicht zu geben ist; vielmehr gibt es in diesem Verständnis Abstiege und Aufstiege, weil diese Arbeit gegen die Natur ist. Darum begreift der Mensch einmal, dass man allein liShma arbeiten muss, und danach überwältigt ihn der Körper und behauptet, man muss zum eigenen Nutzen arbeiten und nicht zum Nutzen des Schöpfers – und das wird „nach und nach“ genannt. Das heißt: Dieses Wissen, das er ein für allemal wüsste, kommt nicht auf einmal, sondern nach und nach, eines nach dem anderen.

Um zur Arbeit des Gebens zu gelangen, ist der Mensch aus eigener Kraft nicht fähig; dazu braucht er die Hilfe des Schöpfers. Darüber sagten unsere Weisen: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“ Das bedeutet: Wer sich von den empfangenden Gefäßen reinigen und im Geben arbeiten will, empfängt Hilfe vom Schöpfer. Doch wer den Schöpfer um Hilfe bittet, dessen Gebet muss aus der Tiefe des Herzens kommen. Das heißt: Der Mangel, den er empfindet – dass er nichts zum Nutzen des Schöpfers tun kann, sondern nur zum eigenen Nutzen –, ist das Verlangen seines ganzen Herzens, und er bedarf der Hilfe des Schöpfers für nichts anderes als dafür. Denn er fühlt: Wenn er nicht zum Nutzen des Schöpfers arbeiten kann, sondern nur zum eigenen Nutzen, dann wird das bei ihm nicht Leben genannt.

In einem solchen Empfinden fühlt er, dass er der schlechteste und niedrigste Mensch der Welt ist. Und das ist, wie gesagt: Obwohl er sieht, dass es Menschen in der Welt gibt, die geachtet werden, weil sie viel Tora und viele gute Taten haben – auch wenn er nicht sieht, dass sie sich mit dem liShma befassen –, empfinden sie doch keinerlei Mangel an sich selbst. Darum kann er zum Schöpfer sagen, dass Er ihm helfen muss, zum liShma zu gelangen, weil er der schlechteste in der Welt ist.

Der Grund, weshalb er fühlen muss, dass seine Lage schlechter ist und er mehr Leiden empfindet als die ganze Welt, ist: Andernfalls hat er kein vollständiges Kli, das der Schöpfer füllen könnte – und das nennt man die Tiefe des Herzens. Da der Schöpfer vollkommen ist, muss auch das Kli vollständig sein, wenn Er dem Menschen in sein Kli gibt – das heißt ein vollständiges Verlangen, dem kein anderes Verlangen beigemischt ist.

Daher: Sieht ein Mensch, dass es noch andere Menschen gibt, die sich nicht mit dem liShma befassen und dennoch nicht empfinden, dass sie in einer so schlechten Lage sind, dann gilt „Das Leid vieler ist halber Trost“ – sie ergänzen ihm also mit ihrer eigenen Erfüllung den halben Mangel. Folglich bedarf er des Schöpfers nur für den halben Mangel; er hat somit nur ein halbes Kli. Der Schöpfer aber gibt Seine Erfüllung auf ein vollständiges Kli, das heißt auf einen vollständigen Mangel.

Darum: In dem Augenblick, in dem er sieht, dass es Menschen gibt, die weniger Leben haben als er, und er sieht, dass sie zu leben können, obwohl sie kein so großes Bedürfnis nach der Arbeit des Gebens haben, ist er folglich nicht schlechter als sie – und so wird sein Mangel durch die Vielen gefüllt.

Anders aber, wenn er sieht, dass er schlechter ist als sie, weil er sich nicht selbst täuschen und behaupten kann, er tue etwas zum Wohl des Schöpfers: Nur dann kann er keinerlei Hilfe von den Vielen erhalten und empfindet darum, dass er einen wahren Mangel hat – das heißt, dass er mehr Leiden hat als die ganze Allgemeinheit, weil ihm die Kraft fehlt, mit der Absicht zu geben zu arbeiten.

Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten (Pirkei Awot, Kapitel 1): „Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen, um eine Belohnung (Pras) zu empfangen.“

Dies ist so zu erklären: Wenn ihr betet, dass der Schöpfer euer Verlangen erfülle, soll euer Verlangen nicht darauf gerichtet sein, eine Belohnung zu empfangen – also eine halbe Erfüllung –, sodass ihr betet, Er möge euch nur den halben Mangel füllen, weil der halbe Mangel bereits durch die Vielen gefüllt ist nach dem Grundsatz „Das Leid vieler ist halber Trost“, wie gesagt, da er nicht fühlt, dass seine Lage schlechter ist als die ganze Welt.

Anders aber, wenn er sieht, dass seine Lage schlechter ist als die ganze Welt: Dann empfängt er von den Vielen keine Erfüllung, und wenn er betet, dass der Schöpfer sein Verlangen erfülle, hat er ein vollständiges Kli mit Mangel. Anders, wenn er von den Vielen eine Belohnung (Pras) empfängt – und Pras leitet sich von der Wendung ab: „eine halbe Portion (Pras) am Morgen und eine halbe Portion gegen Abend“. [Anm. d. Übers.: Das hebräische Pras (Belohnung) trägt die Wurzelbedeutung „Hälfte, halbe Portion“; eine Belohnung zu empfangen heißt darum, nur die Hälfte zu empfangen.]

Nach dem Gesagten können wir erklären, was wir gefragt haben: warum der Segen nicht an einem leeren Ort ruht. Der Grund ist, dass kein Verfluchter am Gesegneten haftet. Deshalb kann er keine Erfüllung auf sein Gebet empfangen, denn der Segen kann nicht an einen Ort des Fluches kommen, wie oben in den Worten des Sohar. Und nach dem, was wir erklärt haben, wird ein Gebet nur dann ein wahres Gebet genannt, wenn der Mensch fühlt, dass er der schlechteste Mensch der Welt ist und dass es niemanden sonst auf der Welt gibt, der so sehr unter dem Bösen in ihm leidet wie er. So wird er „verflucht“ genannt – und wie kann er Erfüllung auf seinen Mangel empfangen, wo doch „kein Gesegneter am Verfluchten haftet“?

Die Antwort ist: Das „Verfluchtsein“ gilt als das Gegenteil der Heiligkeit (Kedusha). Denn Heiligkeit ist Segen und Leben, im Mangel aber ist nichts, woraus auch nur ein wenig Leben käme; denn der Arme hat nichts, woraus er Leben empfangen könnte, wie unsere Weisen sagten: „Ein Armer gilt wie ein Toter.“ Darum sagten sie im Sohar, dass auch der Tisch, über den der Mensch vor dem Schöpfer den Segen spricht, nicht leer sein darf, denn es gibt keinen Segen an einem leeren Ort.

Doch wenn der Mensch bei sich Rechenschaft ablegt, ob es wirklich so ist, wie er empfindet – dass sein Unvermögen, irgendetwas um des Himmels willen zu tun, tatsächlich ein Zustand des Bösen und der Niedrigkeit ist, schlechter als der nichts sein kann –, dann stellt sich die Frage: Welcher Vorzug ist in ihm, dass er würdig wurde, die Wahrheit zu sehen, während die anderen es nicht wurden, sondern meinen, sie sind vollkommen?

Und obwohl auch sie fühlen, dass sie noch nicht die wahre Vollkommenheit besitzen, fühlen sie sich dennoch über der Allgemeinheit stehend, weil sie Menschen der Tora und der Arbeit sind; es fehlt ihnen nur ein wenig mehr an Quantität. Was die Qualität betrifft, so begreifen sie zwar, dass etwas hinzuzufügen ist, doch es ist nicht schlimm – es gibt schlechtere Menschen. Sie glauben zwar, dass es immer etwas hinzuzufügen gibt, doch sie können auch ohne Zusatz zu dem leben, was sie haben.

Warum aber fühlt dieser Mensch, dass er in Wahrheit gar nichts hat? Wer hat ihm das Geheimnis offenbart, dass man den Weg des liShma gehen muss und dass er davon noch weit entfernt ist? Darum hat er Leiden und fühlt sich wie ein Armer, der nichts besitzt, und oftmals kommen ihm auch Gedanken: „Mein Tod ist mir lieber als mein Leben.“

Er sieht doch, dass er nicht besser ist als die übrigen Menschen. Was ist also der Grund, dass er würdig wurde, die Wahrheit zu sehen? Er sagt, dieses Wissen ist ihm gewiss von oben gekommen und nicht aus eigener Kraft. Somit sieht er nun, dass der Schöpfer mit ihm tatsächlich mehr rechnet als mit anderen. In dieser Sache also – dass Er ihm von oben eine wahre Sache offenbarte – liegt das, was der Rambam sagt: dass man dieses Geheimnis erst offenbart, „bis ihr Verstand sich mehrt und sie größere Weisheit erlangen“.

Und der Mensch sieht nun, dass man ihm vom Himmel das Geheimnis offenbart hat, dass man liShma arbeiten muss. Darum betet er jetzt, dass der Schöpfer ihn näherbringe und ihm die Hilfe gebe, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“ Das heißt, er hat bereits etwas, sodass man nicht sagen kann, sein Tisch ist leer. Denn dass er kommt, sich zu reinigen – also dieses Wissen, dass er das Bedürfnis nach der Arbeit des liShma empfindet –, das selbst wird Segen genannt: dass er der Stufe wahren Wissens würdig wurde.

Und dafür, das heißt für dieses Wissen, muss der Mensch dem Schöpfer Dank sagen. Das wird Segen genannt, denn darauf kann Segen von oben kommen; es ist keine leere Sache, dass der Mensch des Wissens würdig wurde, dass man den Weg des Gebens gehen muss. Das heißt: Dass er den Weg des Gebens gehen will, empfindet er nicht als etwas Überflüssiges, also als eine bloße Zugabe zur Arbeit, sondern er empfindet es als das Wesentliche – denn das Wesentliche der Arbeit des Menschen ist es, dass Tora und Mizwot gegeben wurden, um durch sie Israel zu läutern. Und in dieser Läuterung sieht er nicht, dass er irgendeinen Fortschritt hätte, sondern im Gegenteil: Jedes Mal sieht er, wie weit er von der Arbeit des Gebens entfernt ist, und er sieht, dass er jetzt noch tiefer in der Selbstliebe versunken ist.

Aus dem Gesagten folgt, dass er nun in seinem Gebet etwas Lebendiges hat, das er von oben empfangen hat, und dafür muss er dem Schöpfer Dank sagen. Das nennt man, dass er bereits Segen hat und der höhere Segen schon etwas hat, worauf er ruhen kann, und es heißt schon nicht mehr eine leere Sache. Darauf lässt sich sagen: „Dient dem Ewigen in Freude.“

Es erhebt sich die Frage: Wie kann man in Freude sein, wo der Mensch doch ein Gebet aus der Tiefe des Herzens sprechen muss – was bedeutet, dass er gar nichts hat? Wie kann man da in Freude sein? Die Antwort ist wie oben: Wenn er glaubt, dass sein Gebet zum Schöpfer, ihn näherzubringen und ihn zu würdigen, um des Himmels willen zu arbeiten, das Wesentliche der Arbeit des Menschen ist und dass er dies von oben empfangen hat – dann kann dieses Wissen ihm die Möglichkeit geben, in Freude zu sein, weil er würdig wurde, die Wahrheit zu begreifen: was ihm fehlt und worum er beten soll.

Nach dem Gesagten sehen wir, dass der Mensch Leben aus der Gegenwart empfangen muss, also aus dem, was er jetzt hat. Das heißt, dass der Tisch, über den der Mensch vor dem Schöpfer den Segen spricht, nicht leer ist, wie oben in den Worten des Sohar. Er hat also etwas, woraus er Leben empfangen kann, wie geschrieben steht: „Leben und Segen.“ Worum er aber bittet, ist, dass er aus der Zukunft empfangen und genießen möchte. Das heißt: Der Mensch empfängt Leben aus dem, worüber er sich jetzt freuen kann, und das nennt man, dass er aus der Gegenwart lebt.

Das heißt: Wann kann man sagen, dass er Unterhalt aus der Gegenwart hat? Wenn er es zu schätzen weiß, dass der Schöpfer ihm das Wissen der Wahrheit gegeben hat. Dann sieht er, dass der Schöpfer tatsächlich mit ihm rechnet und über ihn wacht, damit er den Weg der Wahrheit gehe. Und wenn er daran glauben kann, hat er von selbst Unterhalt, denn er ernährt sich davon, dass er Leben hat. Das Maß seines Glaubens kann der Mensch daran erkennen, wie groß der Dank ist, den er dem Schöpfer dafür gibt. Das heißt: Wenn er dem Schöpfer für den Mangel, den dieser ihm zeigt, nicht danken kann, so hängt das mit einem Mangel an Glauben daran zusammen, dass der Schöpfer ihn durch individuelle Vorsehung (Hashgacha Pratit) lenkt.

Und frage nicht: Wenn er in Freude ist und glaubt, dass der Schöpfer ihn durch individuelle Vorsehung geleitet hat, wozu soll er dann noch zum Schöpfer beten? Und noch schwerer: Wenn er dem Schöpfer für den Mangel dankt, wie kann er danach aus der Tiefe des Herzens beten und sagen, er ist der Mensch, der am meisten unter seiner Entfernung vom Schöpfer leidet? Das eine widerspricht doch dem anderen: Wenn er Freude in der Gegenwart hat und daraus Leben empfängt, worum soll er dann für die Zukunft bitten, dass der Schöpfer seine Wünsche erfülle?

Die Antwort, die wir geben, lautet: Dass der Mensch in Freude ist, rührt daher, dass er zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt ist – dass er den Weg des Gebens, der das Wesentliche unserer Arbeit ist, noch nicht begonnen hat. Darum schmerzt es ihn, dass er entfernt ist. Und wenn er keine Leiden darüber empfände, dass er vom Schöpfer entfernt ist, und noch in der Selbstliebe versunken wäre – welche Wahrheit wäre das, dass wir dem Schöpfer dafür danken könnten, dass Er ihm die Wahrheit offenbart hat, dass er sich in der untersten Scheol befindet, dem Ort der Klipot (Schalen) und der Sitra Achra? Und durch dieses Wissen rettet der Schöpfer ihn vom Tod.

Und wenn er einwilligt, im Zustand der Trennung vom Schöpfer zu bleiben, und daraus Befriedigung zieht, dann befindet er sich noch im Zustand von „Verborgenem und Geheimnis“, wonach das lo liShma „Gift des Todes“ genannt wird. Er will ja in diesem Zustand bleiben. Somit ist auch der Dank, den er dem Schöpfer gibt, nicht wahr, weil er dieses Geheimnis noch nicht kennt: dass die Frevler zu ihren Lebzeiten „tot“ genannt werden, da sie in Trennung vom Leben des Lebens sind und im lo liShma bleiben wollen.

Vielmehr gerade in dem Maße, in dem er für die Zukunft bittet, dass der Schöpfer ihn aus der Herrschaft der Selbstliebe herausführe – da der Schöpfer ihm jetzt das Geheimnis kundgetan hat, dass das Wesentliche der Arbeit das liShma ist, und er darüber Leiden empfindet und will, dass der Schöpfer ihm so bald wie möglich helfe –, dann lässt sich sagen, dass er in Freude darüber ist, dass der Schöpfer ihm die Wahrheit offenbart hat. Darum sind hier zwei Gegensätze in einer Sache zu verstehen: Der eine liegt in der Gegenwart, nämlich dass er zur Erkenntnis des Bösen gelangt ist, einem Zustand, aus dem man fliehen muss; und die Füllung des Mangels liegt in der Zukunft.

So gibt es einen Segen am Anfang – dass er zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt ist, woraus er Freude in der Gegenwart empfangen soll, was „Dient dem Ewigen in Freude“ genannt wird –, und es gibt einen Segen danach, nämlich in der Zukunft, wenn er die Erfüllung empfangen wird, indem der Schöpfer ihm die Hilfe gibt, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“ Und das ist die Deutung: Wenn der Mensch zum Gebet schreitet, soll er nicht in der Stufe des „Verfluchten“ sein, sondern in der Stufe des „Gesegneten“.

Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „Stets ordne der Mensch das Lob des Schöpfers und bete danach“ (Brachot 32).

Das heißt, vor dem Gebet muss er darauf achten, dass kein leeres Kli vorliegt, sondern dass er Segen hat dadurch, dass er vom Schöpfer das Wissen der Wahrheit empfangen hat – dass man zum Wohl des Schöpfers arbeiten muss und nicht zum eigenen Nutzen. Und er dankt dem Schöpfer dafür, dass Er ihm jetzt zu wissen gegeben hat, worum er beten soll.

Und das ist es, was geschrieben steht: „ordne das Lob des Schöpfers“. Welches Lob aber soll er sprechen? Die Antwort: dafür, dass der Schöpfer ihm die Wahrheit offenbart – was ihm fehlt –, damit er sich nicht selbst täuscht, dass bei ihm alles in Ordnung ist, wie die Allgemeinheit meint, wie gesagt. Vielmehr hat der Schöpfer ihm offenbart, dass ihm etwas Grundlegendes fehlt. Wenn er nun darum betet – das heißt, wenn er das große Bedürfnis kennt, zu wissen, was ihm wahrhaft fehlt, wie er es jetzt begreift –, so hat er ein Kli, das der Schöpfer füllen kann, weil er nun ein Gebet aus der Tiefe des Herzens spricht, das ein vollständiges Kli genannt wird.

Denn der Mensch muss wissen, dass in Wahrheit nichts fehlt – nur dass der Mensch die Fähigkeit erlangt, alles um des Himmels willen zu tun. Denn nur dann kann er das Gute und den Genuss empfangen, da der Schöpfer die Welt allein zu diesem Zweck erschaffen hat: Seinen Geschöpfen wohlzutun.

Nach dem Gesagten lassen sich die Worte des Sohar erklären, wo er sagt: „Der andere Tisch, der der Sitra Achra, ist ein Tisch der Leere.“ Wie wir erklärt haben beim Tisch der Heiligkeit, der im Sohar genannt wird: „Und der Tisch, über den der Mensch vor dem Schöpfer den Segen spricht, darf nicht leer sein, denn es gibt keinen Segen an einem leeren Ort.“ Und das ist deshalb, weil kein Verfluchter am Gesegneten haftet. Der Tisch heißt der Ort, auf dem man den Segen des Schöpfers empfängt. Darum wird es Heiligkeit genannt, wenn er glaubt, dass der Schöpfer ihm das Wissen gegeben hat, worum er bitten soll, wie gesagt; und das ist ein großer Segen – wenn man die Ursache der Krankheit kennt. Anders bei der Sitra Achra: wenn der Mensch bittet, dass der Schöpfer seine Wünsche erfülle und ihm Segen sende, aber nicht glaubt, dass der Schöpfer ihm einen Ort zum Beten gegeben hat – das ist die Sitra Achra; bei der Heiligkeit ist es anders.

korrOp, EY, 16.7.2026, Ver3