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1989/04 “Was ist eine Wasserflut in der Arbeit?“

Im Sohar, Noah (Blatt 54, und im Sulam (Leiter-Kommentar) Punkt 148), wird der Vers ausgelegt: „Und siehe, Ich bringe die Wasserflut über die Erde.“ Und dies sind seine Worte: „Rabbi Jehuda eröffnete: ‚Das sind die Wasser von Meriwa (Streit), worüber die Kinder Israels stritten.‘ Und er fragt: Stritten die Kinder Israels nicht auch anderswo mit dem Schöpfer? Und er antwortet: Vielmehr waren dies gewiss die Wasser des Streites, die dem Ankläger Kraft und Stärke gaben, sich zu festigen. Denn es gibt süße Wasser und es gibt bittere Wasser – das ist das Geheimnis der Kedusha (Heiligkeit) und ihr Gegenüber auf der rechten Linie. Und es gibt klare Wasser und es gibt trübe Wasser – das ist das Geheimnis der Kedusha und ihr Gegenüber auf der linken Linie. Es gibt Wasser des Friedens und es gibt Wasser des Streites – das ist das Geheimnis der Kedusha und ihr Gegenüber auf der mittleren Linie. Und deshalb sagt der Vers: ‚Das sind die Wasser des Streites, worüber die Kinder Israels mit dem Schöpfer stritten‘, um zu lehren, dass es das Gegenüber der mittleren Linie ist, denn sie zogen auf sich jenes Wasser herab, das sie nicht hätten herabziehen sollen – nämlich das Gegenüber, das ‚Wasser des Streites‘ genannt wird –, und verunreinigten sich darin. Und das ist es, was gesagt wird: ‚Und Er heiligte Sich in ihnen.‘“

Und man muss die drei Arten von Wasser verstehen, von denen er sagt, dass sie den drei Linien entsprechen. Was bedeutet das auf dem Weg der Arbeit? Sicherlich spricht der Sohar von hohen Stufen, wo es drei Arten von Fülle gibt, die sich auf drei Weisen offenbaren. Und was haben wir daraus auf dem Weg der Arbeit zu lernen?

Zuallererst müssen wir wissen, was „Wasserflut“ in der Arbeit ist, denn diese Flut war der Verderber, der „alles Lebendige austilgte“. Bekanntlich wendet der Körper, sobald der Mensch beginnt, in der Arbeit des Gebens zu arbeiten, ein: Was soll diese Arbeit für euch? Welche Logik liegt darin, dass du nicht zu deinem eigenen Nutzen arbeiten willst? Du musst doch darauf bedacht sein, dass du das Leben genießt; und Geben heißt, dass du nicht für dich selbst arbeitest. Welcher Nutzen wird dir daraus erwachsen, dass du arbeitest, damit der Schöpfer Wohlgefallen daran hat, dass du Seine Tora und Mizwot erfüllst, die Er uns durch Moses, unseren Lehrer, geboten hat? Wird Er dir Lohn für deine Arbeit geben, dafür also, dass du dich in Tora und Mizwot abmühst?

Darauf antwortest du mir, dass du ohne Lohn arbeiten willst. Wie kann man so etwas verstehen – ohne Lohn zu arbeiten? Das ist doch gegen die Logik. Die Natur, in der wir geboren wurden, ist doch ein Verlangen, Freude und Genuss zu empfangen, und wenn wir uns um irgendeine Sache mühen, dann empfangen wir gewiss Freude und Genuss als Gegenleistung für die Mühe. Wenn dem so ist, dann ist dies gegen unsere Natur. Und das nennt man den „Was“-Einwand.

Doch es gibt noch einen weiteren Einwand, mit dem sich der Körper der Arbeit für den Schöpfer widersetzt, in der Zeit, in der der Mensch dem Körper sagt, dass wir an den Schöpfer glauben müssen, dass Er es ist, der die Welt beaufsichtigt und sie als der Gute, der Gutes tut, lenkt. Dann kommt der Körper zum Menschen und bringt den Einwand des Pharao vor, der sagte: „Wer ist der Schöpfer, dass ich auf Seine Stimme hören soll?“, das heißt, dass es ihm schwerfällt, an den Schöpfer zu glauben. Das heißt, er sagt, er ist fähig, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten, aber unter der Bedingung: Wenn er die Größe des Schöpfers spürte, würde er verstehen, dass es sich lohnt, für Ihn zu arbeiten.

So wie wir es in der Körperlichkeit sehen: Wenn ein Bedeutender kommt, von dem viele Menschen festgestellt haben, dass er bedeutend ist, und der Verstand es gebietet, der Meinung jener zu folgen, die sagten, dass er bedeutend ist – dann ist der Mensch gewiss, wie in der Körperlichkeit, fähig, für den Bedeutenden zu arbeiten und ihm zu dienen. Hätte er gewiss ein solches Empfinden für die Größe des Schöpfers, so könnte er ebenso für den Schöpfer arbeiten und Ihm dienen. Anders jedoch in Bezug auf den Schöpfer: Wir haben kein solches Empfinden, sondern, wie wir sehen, ist Er im Zustand der „Shechina (göttliche Gegenwart) im Exil“, und es gibt keinerlei Empfinden für die Größe des Schöpfers. Wenn dem so ist, wie kann er dann seinen eigenen Nutzen vor dem Nutzen des Schöpfers annullieren?

Deshalb, wenn diese beiden – nämlich „Mi und Ma“ (Wer und Was) – sich verbinden, entsteht die Buchstabenverbindung Majim (Wasser), und das ist es, was geschrieben steht: „die Wasserflut über die Erde“, durch die sie starben. Das heißt, dass der ganze Zustand der Spiritualität, der „Leben“ genannt wird, wegen der genannten Wasser verlorenging, die die beiden Fragen sind: Mi und Ma. Es entwich aus ihnen der Lebensgeist der Kedusha, und sie blieben tot zurück, wie geschrieben steht: „Die Frevler werden zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt.“ Und das nennt man die Flutwasser in der Arbeit, denn wegen dieser Wasser starben sie in der Arbeit und konnten die Arbeit für den Schöpfer nicht fortsetzen, aufgrund der Einwände von Ma und Mi, wie oben.

Und das ist es, was im Sohar geschrieben steht (Noah, Blatt 71, und im Sulam Punkt 200), und dies sind seine Worte: „Rabbi Jossi sagte: er sah den Todesengel, der mit den Flutwassern kam, und deshalb ging er in die Arche.“ Das heißt, dass der Verderber, der der Todesengel ist, in den Einwänden von Ma und Mi steckt, wie oben.

Die Rettung der Arche vor der Flut bedeutet in der Arbeit Folgendes: Es gibt den Bereich über dem Verstand, nämlich einen Zustand, in dem er mit geschlossenen Augen gehen will. Das heißt, obwohl die Logik und das Empfinden nicht verstehen, was unsere Weisen uns sagen, nehmen sie dennoch den Glauben an die Weisen auf sich und sagen, dass wir den Glauben an die Weisen auf uns nehmen müssen, wie geschrieben steht: „Und sie glaubten an den Schöpfer und an Moses, Seinen Knecht.“ Und ohne Glauben gibt es nichts, was sich in der Spiritualität erlangen ließe.

Und dieser Zustand wird Zustand der Bina genannt, das ist der Zustand der bedeckten Chassadim (Gnaden), der „weil er Gnade begehrt“ genannt wird. Das bedeutet: Er will nichts verstehen, und über alles sagt er, dass dies gewiss eine Chessed (Gnade) des Schöpfers ist, die Er an ihm tut. Und obwohl er die Chassadim nicht sieht, die der Schöpfer an ihm und an der ganzen Welt tut, glaubt er dennoch, dass der Schöpfer Seine Welt durch persönliche Vorsehung als der Gute, der Gutes tut, lenkt, wie geschrieben steht: „Und alle glauben, dass Er gut zu allen ist, der Gute, der den Bösen und den Guten Gutes tut.“

Und das sind bedeckte Chassadim, das heißt: Obwohl er nicht sieht, dass dies Chassadim wären, glaubt er dennoch über dem Verstand und sagt: „Augen haben sie und sehen nicht.“ Und das nennt man den Zustand der „Arche“, denn wer in den Zustand der bedeckten Chassadim eintritt und alles über dem Verstand annimmt, an diesem Ort hat die Sitra Achra (die andere Seite) keine Herrschaft, denn alle Fragen, die die Sitra Achra stellt, können nur innerhalb des Verstandes herrschen.

Anders jedoch über dem Verstand: Dieser Bereich gehört zur Kedusha, denn alle Fragen richten sich nur nach dem äußeren Verstand. Der innere Verstand hingegen kommt, nachdem der Mensch den Zustand der Angleichung der Form erlangt hat; dann erlangt er den inneren Verstand, und dann versteht er im inneren Verstand, und dann sieht er, dass all das, worüber der äußere Verstand verstand, dass er recht hat – nachdem er den inneren Verstand erlangt hat, sieht er, dass an all dem, was der äußere Verstand einwendet, nichts dran ist, wie mein Vater und Lehrer im Aufsatz von 1943 schrieb.

Und nach dem Gesagten – „dass der Verderber, der sich in den Wassern der Flut befindet, den Menschen tötet“ – bedeutet dies: dass er innerhalb der Wasser, die Mi und Ma sind – das heißt, mit diesen Einwänden –, die Menschen tötet. Und das ist es, was der Sohar sagt: „Rabbi Jossi sagte: er sah den Todesengel mit den Flutwassern kommen, und deshalb ging er in die Arche.“

Das heißt, dass er sah, dass ihm durch diese Einwände der Lebensgeist, den er hat, verlorengehen würde. Da trat er in den Zustand über dem Verstand ein, der der Zustand der Bina ist, der der Zustand „weil er Gnade begehrt“ ist, dessen Bedeutung ist, dass er nur Gebender sein und gar nichts empfangen will. Vielmehr freut er sich über seinen Anteil; soviel er versteht und etwas im Dienst des Schöpfers spürt, ist es ihm ein großer Gewinn. Und über all die Einwände, die er von Mi und Ma gehört hat, freut er sich darüber, dass er jetzt einen Ort hat, um über den Verstand zu gehen. Es zeigt sich, dass er dadurch vor der Wasserflut gerettet wird.

Und nach dem Gesagten können wir auslegen, was der Sohar sagt (Noah, Blatt 70, und im Sulam Punkt 196), und dies sind seine Worte: „Denn gewiss ist es so, dass der Mensch sich verbergen muss, damit er vor dem Verderber nicht gesehen wird, wenn dieser in der Welt waltet, damit er ihn nicht erblickt. Denn all jene, die sich vor ihm zeigen, hat er die Erlaubnis zu verderben.“

(Und in Punkt 200) sagt der Sohar im Sulam, und dies sind seine Worte: „Und deshalb wollte der Schöpfer Noah beschirmen, ihn vor dem spähenden Auge verbergen, um ihn vor dem Auge zu verbergen, wegen der Flutwasser, denn die Wasser drängten ihn zur Arche – das heißt, weil er die Flutwasser sah und sich vor ihnen fürchtete, und deshalb kam er zur Arche.“

Und man muss verstehen: Wie lässt sich in Bezug auf den verderbenden Engel sagen, dass, wenn Noah in die Arche eintritt, der Engel ihn dann nicht mehr sieht, weil er sich in der Arche befindet? Wie kann man das verstehen? Wenn der Schöpfer Noah den Rat gab, in die Arche zu gehen, damit ihn der verderbende Engel nicht sehe – wenn er die Arche gesehen hätte, was hätte er dann gedacht: dass dies eine leere Arche ohne Menschen wäre? Selbst wenn der verderbende Engel körperlich wäre, würde er gewiss sehen wollen, was in der Arche ist; und erst recht ein Engel – sieht er etwa nicht, was in der Arche ist? Ist das möglich?

Vielmehr ist es im Zustand der Arbeit auszulegen, wie oben: „der verderbende Engel“ – er sieht jene Menschen, die innerhalb des Verstandes gehen. Mit ihnen kann er sich mit den Einwänden von Mi und Ma auseinandersetzen, wie oben. Anders aber, weil der Schöpfer sagte, dass er in den Zustand der Bina eintreten soll, der „Alma de-Itkasja“ (verborgene Welt) genannt wird, dessen Bedeutung ist, dass er vor den Äußeren bedeckt ist. Das heißt: Jene Menschen, die mit dem äußeren Verstand gehen, kann der Verderber sehen, weil sie eine gemeinsame Sprache haben, nämlich im Zustand der Äußerlichkeit.

Anders aber jene, die über dem Verstand gehen – das heißt, dass sie alles aus dem Grund des Glaubens an den Schöpfer tun und durch den Glauben an die Gerechten, die die Anleitung geben, wie man gehen und zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen und den inneren Verstand erlangen soll, der „Verstand der Tora“ genannt wird. An diesem Ort wird festgestellt, dass der verderbende Engel keinerlei Mittel hat zu sehen, denn sein Sehen geschieht in Gefäßen des Empfangens.

Deshalb sagten unsere Weisen: „Sobald dem Verderber die Erlaubnis gegeben ist, unterscheidet er nicht mehr zwischen Gut und Böse.“ Und wir haben ausgelegt, dass damit gemeint ist: In der Zeit, in der dem Verderber die Erlaubnis gegeben ist, kann selbst gegen jene Menschen, die sich mit dem Empfangen befassen, um zu geben, und die „gute“ genannt werden, durch ihn eine Anklage entstehen – weil sie sich ja dennoch mit dem Empfangen befassen. Deshalb treten auch sie in den Zustand der Bina ein, der Gefäße des Gebens ist, in denen die Sitra Achra keinerlei Halt hat; das nennt man, „dass der verderbende Engel nicht sehen kann, wer sich in der Arche befindet“. Denn sein ganzer Halt ist nur in den Gefäßen des Empfangens. Dort kann er verleumden und anklagen.

Wer aber in die Arche eintritt, das heißt in den Zustand der Bina, das Gefäß des Gebens, den sieht die Sitra Achra nicht. Das heißt, sie haben keine gemeinsame Sprache, durch die es eine Möglichkeit gäbe zu verstehen, was die Sitra Achra gegen die Arbeit einwendet, wenn der Mensch den Weg des Gebens geht, der als über dem Verstand stehend gilt, der der Zustand des Glaubens ist. Denn bis zum Zustand des Glaubens hat die Sitra Achra die Fähigkeit, mit dem Menschen zu streiten. Aber in dem Augenblick, in dem der Mensch in die Arche des Glaubens eintritt, über dem Verstand, bleibt die Sitra Achra am Tor des Glaubens stehen und kann nicht weitergehen.

Und wie es im Talmud Esser haSefirot (Die Lehre der Zehn Sefirot) geschrieben steht (Teil 14, Blatt 531, Stichwort „Jedoch“), und dies sind seine Worte: „Vielmehr gilt diese Bina noch nicht als eine, der der Rosh (Kopf) fehlt (das heißt als Vollkommenheit), aus dem Grund, dass Bina keinerlei Kraft der Einschränkung erleidet.“

Dessen Bedeutung ist: Da Bina der Zustand „weil er Gnade begehrt“ genannt wird, ist sie ein Gefäß des Gebens, das für sich selbst gar nichts braucht. Und bei allem, was sie über dem Verstand tun kann, spürt sie in sich selbst, dass sie etwas zu geben hat. Das heißt: Die Einschränkung wird „Mangel“ genannt. Und der Mangel kommt immer dadurch, dass der Mensch etwas empfangen will. Und wenn er empfangen muss, und wenn es Hindernisse von irgendjemandes Seite gibt – das heißt, wenn der Geber sagt: „Ja, ich bin einverstanden, dir zu geben, aber nur nach den Bedingungen, die ich will; und wenn du diesen Bedingungen zustimmst, wirst du empfangen, andernfalls nicht“ –, hier ist Raum für Hindernisse.

Das heißt: Wenn der Empfänger nicht fähig ist, die Bedingungen zu erfüllen, die der Geber verlangt, so zeigt sich, dass der Empfänger dann im Zustand des Mangels ist. Die Bedingungen, die der Geber stellt, nennt man Beschränkungen und Einschränkungen, denn nicht immer ist der Empfänger bereit, diese Bedingungen zu erfüllen.

Anders jedoch, wenn er gar nichts vom Geber empfangen will: Was kümmert es ihn dann, dass der Geber nur nach den Beschränkungen geben will? Er hat doch nichts zu schaffen mit dem Geben des Gebers. Das nennt man den Zustand der Bina, das Gefäß des Gebens: Sie will geben und gar nichts empfangen.

Doch hier gibt es eine große Tiefe darin, dass Bina geben und gar nichts empfangen will. Denn auch hier gibt es eine Bedingung von Seiten des Unteren, des Gebenden. Das heißt: Wenn der Untere geben will, sagt der Untere: „Nur nach der Bedingung, die ich dir stelle, bin ich bereit, dir zu geben; andernfalls bin ich nicht fähig, dir irgendetwas zu geben.“ Und was ist die Bedingung? „Ich will sehen, ob du wirklich wichtig bist. Und nicht einfach wichtig, sondern damit ich fähig bin, dir alles zu geben und für mich gar nichts zurückzubehalten, sondern ‚mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele‘ zu erfüllen – das kann ich dir nur unter der Bedingung geben, dass ich deine Größe und Wichtigkeit spüre, dann bin ich zu allem bereit. Andernfalls steht es nicht in meiner Macht, dir zu geben, was du von mir verlangst.“

Es zeigt sich: In der Zeit, in der der Mensch die Größe des Schöpfers nicht spürt, kann sich der Körper nicht vor Ihm mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele annullieren. Doch in Wahrheit: Dass der Untere eine Bedingung stellt und sagt: „Ich bin nur unter der Bedingung bereit, für Dich zu arbeiten, dass ich Deine Wichtigkeit und Größe sehe“ – darin zeigt sich, dass er bereits vom Schöpfer empfangen will, nämlich die Größe des Schöpfers, andernfalls will er nicht mit ganzem Herzen arbeiten. Schon ist der Mensch begrenzt und steht unter der Herrschaft der Verhüllung, und er ist nicht frei zu sagen, dass er gar nichts will, sondern nur geben will – das ist nicht richtig, denn er will ja doch etwas, bevor er „dass alle deine Werke um des Himmels willen seien“ erfüllt; das heißt, dass er zuerst die Größe des Schöpfers empfangen will, und danach sagt der Mensch, dass er sich vor dem Schöpfer annullieren wird. Und gewiss wird dieser Zustand nicht der Zustand der Bina genannt, „weil sie Gnade begehrt“ und gar nichts will, denn so will sie es.

Und nach dem Gesagten ergibt sich, dass der Zustand der Bina, deren Eigenschaft „weil sie Gnade begehrt“ ist, gar nichts zu empfangen braucht; deshalb ist sie frei, denn nur, wer etwas empfangen muss, ist bereits begrenzt und von der Meinung anderer abhängig. Wer aber mit geschlossenen Augen geht und weder Größe noch sonst etwas braucht – das nennt man Freiheit.

Aber man muss wissen: Den Zustand der Bina zu erlangen ist eine große Arbeit, bis man diesen Zustand erreicht. Das heißt, dass er sich mit Wenigem begnügt, mit dem Empfinden, das er hat, und mit dem Verstand, den er hat; vielmehr freut er sich über seinen Anteil, über das, was er hat. Und dieser Mensch kann immer in Vollkommenheit sein, aus dem Grund, dass er sich über seinen Anteil freut.

Doch was hat der Mensch zu tun, der diesen Zustand noch nicht erreicht hat und sieht, dass er das Verlangen zu empfangen nicht überwinden kann? Dann muss er zum Schöpfer beten, dass der Schöpfer ihm hilft, dass er in der Lage ist, in der Arbeit mit geschlossenen Augen zu gehen und gar nichts zu brauchen, sondern dass es in seiner Macht liegt, alles um des Himmels willen zu tun, obwohl sich der Körper dem widersetzt.

Das heißt, dass er dem Schöpfer keine Ratschläge geben soll, wie Er ihm helfen soll. Vielmehr muss er sich selbst beugen und sich vor dem Schöpfer ohne irgendwelche Bedingungen annullieren. Vielmehr, da er seinen Körper nicht überwinden kann, deshalb bittet er den Schöpfer, ihm Hilfe zu geben, um die Kämpfe gegen den Trieb zu gewinnen, da er seine Niedrigkeit versteht.

Deshalb bittet er den Schöpfer, sich seiner zu erbarmen, da er schlechter ist als die übrigen Menschen, die durchaus Diener des Schöpfers sein können. Anders aber er, der schlechter ist als sie, weil er sieht, dass er ein Verlangen zu empfangen in Selbstliebe hat, mehr als alle. Deshalb schämt er sich vor sich selbst, dass er sich in solch einer Niedrigkeit befindet. Und deshalb bittet er den Schöpfer, sich seiner zu erbarmen, ihn aus der Herrschaft des bösen Triebes (Jezer haRa) herauszuführen – und nicht, weil er wichtiger ist als die übrigen Menschen, deshalb bittet er, dass Er ihm Hilfe gibt, sondern weil er schlechter ist als die übrigen Menschen, aus dem Grund, dass sein Verlangen zu empfangen stärker entwickelt ist und mit größerer Energie in ihm wirkt.

Doch er bittet nicht darum, dass Er ihm mehr Verstand und Erkenntnis über die Größe des Schöpfers gibt, sodass er die Fähigkeit hätte, aus der Herrschaft des Bösen herauszukommen. Obwohl das wahr ist, will er dem Schöpfer doch nicht sagen, dass er dem Schöpfer Bedingungen stellen will, dass er sich nur dann vor dem Schöpfer annulliert, wie oben. Vielmehr ist er einverstanden, in wenig Verstand und in wenig Empfinden zu bleiben, nicht mehr, als er jetzt hat. Vielmehr, da er keine Kraft der Überwindung hat, deshalb bittet er den Schöpfer, ihm Kraft der Überwindung zu geben, und nicht Gehirn, Verstand und Empfinden.

Denn alles, womit der Mensch dem Schöpfer Ratschläge gibt, sieht so aus, als ob er dem Schöpfer Bedingungen stellt, wie ein Mensch von Rang und wie ein Mensch von Verstand. Und das ist eine Anmaßung des Menschen, dem Schöpfer Bedingungen zu stellen und zu sagen: „Wenn Du mir zum Beispiel Geschmack an der Arbeit gibst, kann ich für Dich arbeiten, andernfalls bin ich nicht fähig.“ Vielmehr muss der Mensch sagen: „Ich will mich annullieren und mich ohne Bedingungen beugen. Vielmehr gib mir Kraft, dass ich wirklich aus der Selbstliebe herauskommen und den Schöpfer ‚mit deinem ganzen Herzen‘ lieben kann.“

Anders aber, wenn der Mensch Bedingungen stellt: Das zeigt nicht die Niedrigkeit des Menschen, sondern im Gegenteil, es zeigt, dass der Mensch sich für ein eigenständiges Wesen hält und hochmütig ist. Und das ist wie einer, der sagt: Die übrigen Menschen haben keinen Verstand, sie können für dich arbeiten, aber ich bin nicht wie die übrigen Menschen, ich verstehe mehr, was Judentum ist, was die Arbeit für den Schöpfer ist. Deshalb sagt er zum Schöpfer, dass der Schöpfer auf ihn Rücksicht nehmen muss, so wie der Mensch versteht, und nicht, wie der Schöpfer versteht.

Und nach dem Gesagten werden wir die drei Linien verstehen, zu denen der Sohar drei Zustände anführt.

a. Süße Wasser, und das Gegenüber der Kedusha sind bittere Wasser. Bekanntlich wird die rechte Linie Vollkommenheit genannt, wie im Aufsatz meines Vaters und Lehrers aus dem Jahr 1943 geschrieben steht, dass der Mensch über dem Verstand glauben muss, dass er vollkommen ist. Und das Gegenüber des Vollkommenen ist, dass die Sitra Achra kommt und ihm all die Mängel zeigt, wie er nicht auf dem Weg des Schöpfers geht, und den Menschen in einen Zustand der Niedergeschlagenheit stürzt, bis zu dem Grade, dass der Mensch dann von der Front fliehen will und dann nur die Zeit totschlagen will, und dann sieht er alles schwarz.

b. Die linke Linie. Sie ist, wenn der Mensch eine Selbstprüfung (Cheshbon haNefesh) innerhalb des Verstandes vornehmen will, um zu sehen, wie er wirklich nach dem Augenschein ist, ob er vollkommen oder mangelhaft ist. Und da er sich auf diese Klärung vorbereitet hat, ist er zur linken Linie übergegangen, weil er jetzt zum Schöpfer beten will, dass Er ihm hilft, dass er den Schöpfer mit Herz und Seele liebt – das nennt man „klare Wasser“, aus dem Grund, dass hier kein Abfall und keine Beimengung ist, sondern er will einen Ort sehen, an dem er zum Schöpfer beten kann. Anders aber das Gegenüber der Kedusha: Es kommt mit Einwänden und gibt ihm zu verstehen, dass er völlig in Ordnung ist und nichts hat, worüber er beten muss. Das nennt man „trübe Wasser“, denn „klar“ heißt, dass dort keine Beimischungen sind; das heißt, dass er die Wahrheit sieht, wie er nach seiner Meinung und nach seinem Verstand sieht, und er sieht, dass er nicht in Ordnung ist, und er hat Kraft und Verlangen, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm hilft, dass er es erlangt, den Schöpfer „mit deinem ganzen Herzen“ zu lieben. Da kommt das Gegenüber der Kedusha und mischt dort Lüge bei und sagt ihm, dass er doch in Ordnung ist und nichts hat, worüber er beten muss. Es zeigt sich, dass dies trübe Wasser sind, denn dort ist ein Zustand der Lüge beigemischt in dem, was sie sagen, dass sie in Ordnung sind und nichts haben, worüber sie beten müssen.

Und ebenso ist auszulegen, was der Sohar sagt: „Es gibt Wasser des Friedens und es gibt Wasser des Streites – das ist das Geheimnis der Kedusha und das Gegenüber der mittleren Linie.“ Denn es gilt als Regel, dass die mittlere Linie eine Verschmelzung der beiden Linien ist. Denn die rechte Linie der Kedusha ist der Zustand der Vollkommenheit, aus dem Zustand über dem Verstand; und die linke Linie ist das, wobei er innerhalb des Verstandes sieht, dass er nicht vollkommen ist, sondern im Gegenteil voller Mängel.

Deshalb ist die mittlere Linie aus zwei Linien gebaut. Das heißt, dass man nicht über den Verstand gehen kann, bevor man den Verstand hat, der ihm den Zustand zeigt, wie er in seinen Augen innerhalb des Verstandes erscheint. Dann lässt sich sagen, dass er nicht auf das schaut, was der Verstand ihn zu tun zwingt, sondern über den Verstand geht; er hält vielmehr am Glauben an die Weisen fest, an dem, was die Weisen ihm sagen, und benutzt seinen Verstand nicht.

Anders aber, wenn er keinen Verstand und keine Erkenntnis hat, die ihm irgendetwas sagen würden, lässt sich nicht sagen, dass er über den Verstand geht. Deshalb wird die mittlere Linie der Zustand des Friedens genannt, da er die beiden Linien braucht. Das heißt: dadurch, dass er zwei einander entgegengesetzte Linien hat und beide braucht. Und warum wird das Frieden genannt?

Es ist auszulegen: In der Zeit, in der er beide Linien zusammen hat, muss er dann die rechte Linie über die linke Linie erheben, wie im Sohar geschrieben steht. Dessen Bedeutung ist, dass die Linie der Vollkommenheit, die auf dem Über-dem-Verstand aufgebaut wird, auf der linken Linie, dass man dadurch den Zustand des Verlangens nach der Liebe zum Schöpfer erwirbt, was die Segula (besondere Eigenschaft) des Über-dem-Verstand ist. Wie mein Vater und Lehrer sagte: Dass der Schöpfer will, dass wir Ihm über dem Verstand dienen – diesen Weg hat der Schöpfer gewählt, da es der erfolgreichste Weg ist, dass die Geschöpfe den Zustand der Anhaftung (Dwekut) erlangen, und dann erlangt man den Zustand des Friedens. Wie geschrieben steht (Psalm 85): „Ich will hören, was Gott, der Schöpfer, reden wird, denn Er wird Frieden reden zu Seinem Volk und zu Seinen Frommen, dass sie nicht zur Unvernunft zurückkehren.“ Es zeigt sich, dass die Verschmelzung der beiden Linien Frieden genannt wird. Und das ist die mittlere Linie in der Kedusha.

Anders aber beim Gegenüber der Kedusha: Es wird „Wasser des Streites“ genannt, „denn sie zogen auf sich jenes Wasser herab, das sie nicht hätten herabziehen sollen, das ‚Wasser des Streites‘ genannt wird, und verunreinigten sich darin.“ Das bedeutet, dass das Gegenüber der Kedusha die linke Linie über die rechte Linie erhob, das heißt, dass sie genau das Gegenteil von der Kedusha sagten.

Der Weg der Kedusha ist dies: Dass man das Innerhalb-des-Verstandes braucht, das dem widerspricht, was das Über-dem-Verstand sagt, und dass man die linke Linie benutzen und sich mit ihr befassen muss – das geschieht nicht deshalb, weil sie in der linken Linie gehen und auf ihre Stimme hören wollen, sondern im Gegenteil: Sie müssen den Verstand benutzen und sich mit ihm befassen, damit sie einen Ort haben, um über den Verstand zu gehen. Und was tat das Gegenüber der Kedusha? Sie zogen die linke Linie herab, damit sie über die rechte Linie herrsche, das heißt, um innerhalb des Verstandes zu gehen.

Und das ist wahrhaftige Unreinheit (Tuma), denn Unreinheit in der Arbeit nennt man die Verstockung des Herzens. Das heißt, dass das Verlangen zu empfangen das Herz verschließt, sodass die Kedusha nicht in das Herz eintreten kann, aus dem Grund der Verschiedenheit der Form. Und von selbst entsteht ein Streit mit dem Schöpfer, warum der Schöpfer ihnen nicht Gutes und Genuss gibt, was das Gegenteil des Friedens ist. Deshalb muss man sich bemühen, im Zustand des Glaubens über dem Verstand zu gehen.

korrOp, EY, 27.07.2026, 07:27 Uhr, Ver4