1989/15 Was bedeutet „Die Gerechten werden durch die Frevler erkannt“ in der Arbeit?
Im Sohar (Schemot [2. Mose], Blatt 117, und im Sulam [Leiterkommentar zum Sohar] Punkt 370) steht geschrieben, und dies sind seine Worte: „‚Mein Geliebter ist mein, und ich bin Sein, der unter den Rosen weidet.‘ Was sind die Rosen? Dornen finden sich zwischen ihnen. So führt auch der Schöpfer Seine Welt mit Gerechten und Bösen. Was sind die Rosen? Ohne die Dornen würden die Rosen nicht bestehen; so würden auch ohne die Bösen die Gerechten nicht erkannt.“ So weit seine Worte.
Hier ist zu verstehen: Daraus geht hervor, dass wir die Bösen nur deshalb brauchen, damit die Gerechten erkannt werden. Die Frage ist, für wen wir dieses Erkennen brauchen. In Bezug auf den Schöpfer kann man das nicht sagen, denn Er kennt ja alle verborgenen Dinge. Und auch in Bezug auf die Welt nicht, denn es steht geschrieben: „Wandle demütig mit dem Ewigen, deinem Gott“, das heißt, der Mensch soll sein Handeln vor den Menschen verbergen. Also bezieht es sich auf den Menschen selbst. Es stellt sich die Frage: Wozu braucht der Mensch ein Erkennen der Gerechten durch die Bösen? Wozu brauche ich dieses Erkennen? Was also wird dadurch bewirkt, dass er den Unterschied zwischen Gerechten und Bösen kennt und erkennt? Es genügt also nicht, dass er Taten von Gerechten vollbringt; er muss das Erkennen der Gerechten gerade durch die Bösen erfahren, als wäre es andernfalls unmöglich, gerecht zu sein.
Bekanntlich ist auf dem Weg der Arbeit stets von einem einzigen Körper die Rede, das heißt, sowohl die Bösen als auch die Gerechten befinden sich beide in ein- und demselben Körper. Wozu also braucht man Böse und Gerechte in einem Körper, wenn der Sohar sagt, dass der Schöpfer Seine Welt mit Gerechten und Bösen führt? Da nun jeder Mensch eine kleine Welt ist, wäre es gewiss besser, wenn Er Seine Welt allein durch Gerechte führen würde. Wozu brauche ich die Bösen? Und die Antwort lautet: damit die Gerechten erkannt werden. Dann bleibt zu verstehen, welchen Nutzen es bringt, dass die Gerechten durch die Bösen erkannt werden, das heißt, was man durch dieses Erkennen gewinnt.
In Wahrheit ist es so: Bekanntlich gibt es die Ausführung der Mizwot [Gebote] und die Absicht der Mizwot. Die Absicht ist das, was er für seine Arbeit will, wenn er sich in der Erfüllung von Tora und Mizwot müht. Und wir haben gelernt, dass es dafür Lohn auf zweierlei Weise gibt:
Erstens: das, was „lo liShma [nicht um Ihretwillen]“ genannt wird.
Zweitens: das, was „liShma [um Ihretwillen]“ genannt wird.
Lo liShma nennt man es, wenn man für seine Arbeit Lohn empfangen will, sowohl in dieser Welt als auch in der kommenden Welt. Und wie der Sohar sagt, gilt diese Arbeit nicht als das Wesentliche. Der Sohar sagt dazu („Einführung in das Buch des Sohar“, Blatt 185, und im Sulam Punkt 190): „Die Ehrfurcht des lo liShma ist nicht die wesentliche Ehrfurcht.“ Und in Punkt 191 sagt er: „Die Ehrfurcht, die das Wesentliche ist, besteht darin, dass der Mensch sich vor seinem Herrn fürchtet, weil Er groß und herrschend ist und alles vor Ihm als Nichts gilt, und dass er sein Verlangen auf jenen Ort richtet, der ‚Ehrfurcht‘ genannt wird.“
Daraus ergibt sich, dass es bei der Ausführung der Handlungen zwei Arten von Absichten gibt, sowohl beim Lernen der Tora als auch bei der Ausführung der Mizwot. Die Arbeit der Allgemeinheit zielt darauf, Lohn zu empfangen. Und die Arbeit des Einzelnen geschieht um des Himmels willen, und dies ist ihr Lohn: dass sie dem König dienen können. Ihr ganzer Genuss, der ihnen den Treibstoff für die Arbeit des Gebens liefert, besteht darin, dass sie fühlen, wie sie dem König Wohlgefallen bereiten – und dass sie dem König Lob und Dank dafür darbringen, dass Er ihnen Gedanke und Verlangen gegeben hat, für Ihn zu arbeiten, und nicht, um anderen Lohn als Gegenleistung für ihre Arbeit zu empfangen.
Denn um Lohn zu empfangen, sagen sie, brauche man die Größe des Königs nicht zu fühlen; man müsse vielmehr auf die Größe und Bedeutung des Lohnes blicken, den sie als Gegenleistung empfangen werden, wenn sie Tora und Mizwot erfüllen. Der Schöpfer aber kann bei ihnen in derselben Größe und Bedeutung bleiben, wie Er es zu Beginn ihrer Arbeit war.
Anders verhält es sich, wenn ihre Absicht ist, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Dann müssen sie, wenn sie an Arbeit hinzufügen wollen, auch an der Größe des Schöpfers hinzufügen; denn in dem Maß, in dem Er groß ist, können sie sich vor Ihm annullieren und all ihre Taten nur um des Himmels willen tun. So sagt es der Sohar zum Vers „Ihr Mann ist bekannt in den Toren“: Ein jeder erkennt „nach dem Maß, das er in seinem Herzen ermisst“.
Deshalb müssen jene Menschen, die um des Himmels willen arbeiten wollen, sich jeden Tag bemühen, die Stufe des Glaubens an die Größe des Schöpfers zu erlangen, damit sie Treibstoff für die Arbeit haben; denn es ist diese Größe des Schöpfers, die sie verpflichtet, für Ihn zu arbeiten. Und das ist der ganze Genuss, den sie an ihrer Arbeit haben.
Daher gibt es Menschen, die manchmal meinen, das Maß an Glauben an den Schöpfer, das sie haben, genüge ihnen; sie sehen sich schon als Gerechte und finden es nicht nötig, den Glauben an die Größe des Schöpfers zu mehren. Und wenn der Schöpfer mit ihnen in der Weise von Gerechten umgeht, das heißt, ihnen ein wenig Annäherung gibt, sodass sie Verlangen, Lust und Geschmack an der Arbeit empfangen, so halten sie sich für bereits vollkommene Menschen, denen es nicht an Glauben fehlt, um an die Größe des Schöpfers zu glauben. Voranschreiten müssten sie nach ihrer Meinung nur noch in den Taten. Und an der Größe des Schöpfers genügt ihnen, was sie haben. Das wird so genannt, dass „der Schöpfer mit ihnen in der Weise von Gerechten umgeht“.
Damit der Mensch nun auf dem Weg des Schöpfers voranschreitet und dazu gelangt, dass all seine Taten um des Himmels willen geschehen, führt der Schöpfer Seine Welt mit Bösen. Der Mensch fühlt jetzt nämlich, dass er sich in einem Zustand des Aufstiegs befindet – was bleibt ihm da noch zu tun? Das heißt, der Schöpfer gibt ihm dann Gedanken von Bösen, nämlich dass es sich nicht lohnt, für Ihn zu arbeiten, sondern nur für sich selbst. Dadurch empfängt er einen Abstieg. Und der Mensch denkt dann, dieser Abstieg sei ihm nicht deshalb gegeben worden, damit er auf dem Weg des Schöpfers voranschreitet und die Stufe der Erkenntnis der Kedusha [Heiligkeit] zu verdienen. Vielmehr denkt er, er sei zurückgefallen, weil er nicht fähig ist, in der Weise des Einzelnen zu arbeiten, sondern in der Weise der Allgemeinheit arbeiten muss. Und da er die Allgemeinheit verlassen hat, steht er hier wie dort mit leeren Händen, weil er nicht fähig ist, wieder in die Allgemeinheit einzutreten.
Deshalb befindet sich der Mensch dann in einem Zustand zwischen Himmel und Erde. Er fühlt, dass es ihm schlechter geht als allen übrigen Menschen. Und dann kann er den Schöpfer von ganzem Herzen bitten und ein Gebet darbringen, wie geschrieben steht: „Sei mir gnädig, Ewiger, denn ich bin elend; heile mich, Ewiger, denn meine Gebeine sind erschrocken. Und Du, Ewiger, wie lange noch?“ Das heißt: Wie lange soll ich in einem Zustand bleiben, in dem ich fühle, dass es mir schlechter geht als jedem anderen Menschen und ich keinerlei Halt in der Spiritualität habe?
Deshalb bleibt ihm kein anderer Rat, als an das zu glauben, was geschrieben steht: „Denn Du erhörst das Gebet eines jeden Mundes.“ Und mein Herr, Vater und Lehrer [Baal HaSulam] erklärte: Der Mensch muss glauben, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes erhört – sogar des schlechtesten Mundes auf der Welt, so niedrig und schlecht, dass es keinen niedrigeren geben kann; dennoch erhört ihn der Schöpfer. So sagten unsere Weisen: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“
Und dazu erklärt der Sohar, dass „man ihm eine heilige Seele gibt“. Daraus folgt: Der Schöpfer gibt ihm die Gedanken der Bösen, damit er einen Anlass hat, um Hilfe zu bitten; andernfalls wäre er in dem Zustand geblieben, in dem er zu Beginn seiner Arbeit war, und hätte alle Tage seines Lebens darin verharrt.
Damit lässt sich erklären, was wir gefragt haben: Was bedeutet „ohne die Bösen werden die Gerechten nicht erkannt“? Wir fragten, bei wem die Gerechten erkannt werden müssen und wozu man dieses Erkennen braucht. Die Antwort lautet: Weil der Schöpfer „Seine Welt mit Gerechten und Bösen führt“. Auch dazu ist zu fragen: Wozu muss Er Seine Welt mit Gerechten und Bösen führen? Es hätte ja genügt, wenn Er Seine Welt allein mit Gerechten führen würde, um das Schöpfungsziel ans Licht zu bringen, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Denn der Verstand verlangt es: Würde Er Seine Welt allein mit Gerechten führen, wäre es leichter, das Schöpfungsziel hervorzubringen, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Wozu also brauche ich die Bösen?
Die Antwort darauf lautet: „Ohne die Bösen werden die Gerechten nicht erkannt.“ Das bedeutet, dass an den Gerechten weder die Vollkommenheit und Größe, die in ihnen ist, erkannt würde noch die Stufe, die sie erreichen. Vielmehr wären die Gerechten auf der Stufe des Beginns ihrer Arbeit geblieben und in der Stufe der Gerechten nicht vorangeschritten. Damit nun die Vorzüge und die Größe der Gerechten erkannt werden, war es notwendig, Seine Welt mit Gerechten und Bösen zu führen; denn dadurch sendet der Schöpfer dem Menschen die Stufe von Gerechten, das heißt, Er bringt ihn der Arbeit für den Schöpfer näher.
Hätte der Mensch keinen Abstieg, so wäre er gezwungen, alle Tage seines Lebens auf dieser Stufe zu bleiben, und er käme nicht voran zur Stufe des Verstehens der Tora, wo das Gute und der Genuss verborgen sind, die im Schöpfungsziel lagen. Und der Vorzug der Gerechten wäre nicht erkannt, denn wozu bräuchte er eine höhere Stufe? In Wahrheit muss man wissen, worin der Vorzug der Gerechten besteht, wie unsere Weisen sagten (am Ende von Uktzin): „In Zukunft wird der Schöpfer jedem einzelnen Gerechten 310 Welten zum Erbe geben, wie gesagt ist: ‚Um denen, die Mich lieben, Bestand zu vererben, und ihre Schatzkammern werde Ich füllen.‘“
Damit sie das Bedürfnis haben, die Stufe der Gerechten zu erlangen, und damit ihr Vorzug erkannt wird, wie gesagt, war es nötig, Seine Welt mit Gerechten und Bösen zu führen. Damit ist erklärt, was es heißt: „Damit die Gerechten erkannt werden, braucht man auch die Bösen.“ Denn gerade dadurch, dass Er Seine Welt auch mit Bösen führt, gibt Er dem Menschen den Gedanken und das Verlangen der Bösen, so wie Er dem Menschen die Stufe von Gerechten gibt; das heißt, Er gibt ihm die Stufe des Verlangens nach Selbstliebe.
Und das geschieht von vornherein mit Absicht, damit der Mensch weiß, dass der Schöpfer nicht will, dass er in dem Zustand bleibt, in dem er nach seinem damaligen Verstand begriff, was die Arbeit für den Schöpfer ist – zu Beginn seines Eintritts in die Arbeit des Einzelnen, als er bei sich selbst ermaß, was die Stufe eines Gerechten ist. Und wäre der Schöpfer nicht in der Weise von Bösen mit ihm umgegangen, das heißt, hätte Er ihm nicht Gedanke und Verlangen gegeben, die gegen Verstand und Herz sind, so hätte er geglaubt, sich bereits auf der Stufe eines Gerechten zu befinden, und die Stufe eines Gerechten wäre bei ihm in äußerster Niedrigkeit geblieben, da er weiß, dass er nichts hinzuzufügen hat.
Und davon heißt es, dass „der Schöpfer Seine Welt mit Gerechten führte“: Er gab dem Menschen nur die Stufe eines Gerechten, und dieser fühlte keinerlei Mangel, sodass der Schöpfer ihm eine höhere Stufe im Verständnis von „Gerechtem“ hätte geben müssen. Und das bezeichnet man so, dass die Gerechten nicht erkannt wären, wie gesagt; denn den Vorzug eines Gerechten – dass er 310 Welten erlangen soll – würde er gar nicht brauchen.
Und es ist unmöglich, eine Füllung ohne Mangel zu geben; denn der Mensch wüsste sie nicht davor zu bewahren, dass die Klipot [Schalen] sie in ihre Herrschaft nehmen. Daraus könnten nur die Klipot Gewinn ziehen, und das würde der Kedusha Schaden zufügen, wie unsere Weisen sagten: „Zor [Tyrus] wurde nur aus dem Untergang Jerusalems erbaut.“ Deshalb weiß er sich gerade dann, wenn ein Mangel besteht und man ihm eine Füllung auf den Mangel gibt, davor zu hüten, dass den Äußeren daraus ein Gewinn zufällt.
Daraus ergibt sich, dass der Mensch sich auf den Glauben an die Weisen stützen muss in dem, worin sie uns anleiten, und ihren Worten glauben muss. Und der Mensch soll nicht sagen, dass er jedes Mal deshalb Abstiege empfängt, weil er nicht würdig ist, die Vollkommenheit zu erreichen. Vielmehr kommen alle Abstiege von oben zu ihm. Und das geschieht, damit der Mensch das Bedürfnis hat, alle Stufen NaRaNChaY [Nefesh, Ruach, Neshama, Chaja, Yechida] seiner Seele zu erlangen. Man bedarf einer großen Überwindung und muss sich sagen, dass der Schöpfer ihm Abstiege schickt, damit er sich überwinde und unter Zwang arbeite. Und das nennt man: „Man zwingt ihn, bis er – zum Schöpfer – sagt: ‚Ich will‘“, wie mein Herr, Vater und Lehrer erklärte.
korrOp, EY, 27.07.2026, 11:14 Uhr, Ver4