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1989/30 Was bedeutet das Anzünden der Menora in der Arbeit?

Zu dem Vers „Wenn du die Lichter aufsteigen lässt“ erklärt Rashi: Es heißt „aufsteigen lassen“, weil das Herz aufsteigt. Beim Anzünden steht ein Ausdruck des Aufsteigens, denn man muss so lange anzünden, bis die Flamme von selbst aufsteigt. „Vorne, der Menora zugewandt, sollen die sieben Lichter leuchten.“

Was „die Vorderseite der Menora“ bedeutet, dafür gibt es viele Erklärungen. Dem schlichten Wortlaut nach heißt es, dass alle sieben Lichter zur Vorderseite der Menora hin leuchten sollen. Wer also ist die Vorderseite der Menora? Was es mit der Menora auf sich hat, will in der Arbeit verstanden sein.

Es heißt: „Die Mizwa ist eine Kerze und die Tora ist Licht.“ Durch die Tora also zündet man die Kerze an. Ebenso heißt es: „Die Kerze des Schöpfers ist die Seele des Menschen.“ Im Materiellen sehen wir, dass man nur dort, wo Finsternis herrscht, ein Licht anzünden muss, das leuchtet, wie geschrieben steht: „denn der Vorzug des Lichts kommt aus der Finsternis.“ Das bedeutet, dass es „kein Licht ohne Gefäß“ gibt, und ein Gefäß heißt „Mangel und Bedürfnis“. Ein Gefäß ist nicht einfach etwas Leeres, worin nichts ist; das heißt noch nicht „Mangel“. Ein Gefäß, das eine Erfüllung aufnehmen soll, muss der Mangel an eben dieser Erfüllung sein. Das bedeutet, dass alles, was der Mensch empfangen will, dazu da ist, dass er Freude daran hat, diese Sache zu empfangen.

Andernfalls – obwohl er etwas auch ohne Mangel empfangen kann – hängt die Freude an einer Sache vom Maß der Sehnsucht nach dem ab, was ihm fehlt, und die Sehnsucht bestimmt das Maß des Genusses. Um also Freude an dem leuchtenden Licht zu haben, muss der Mensch in sich einen Mangel und eine Sehnsucht nach dem Licht hervorrufen. Das gelingt nicht ohne ein Bedürfnis. Und um ein Bedürfnis hervorzurufen, hilft nur eines: Der Mensch denkt über das Schöpfungsziel nach – wozu der Schöpfer die Geschöpfe erschaffen hat und was die Geschöpfe tun sollen, damit das Verlangen des Schöpfers erfüllt wird.

Der Mensch glaubt an das Schöpfungsziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Nun legt er für sich Rechenschaft ab und will sehen, wie viel Gutes und Genuss er den ganzen Tag über empfindet. Dafür müsste er dem Schöpfer danken, denn er empfängt von Ihm nur Gutes und Genuss; er müsste imstande sein, dem Schöpfer „Gepriesen sei Er, der sprach und die Welt entstand“ zu sagen, weil er die Welt so sehr genießt. Doch dann beginnt er zu sehen, wie gering und schlecht all seine Tage sind. Und manchmal ist sein Leben wie ein Nichts, und statt „Gepriesen sei Er, der sprach und die Welt entstand“ zu sagen, sagt der Mensch manchmal: „Besser wäre es, nicht erschaffen worden zu sein, als erschaffen zu sein.“

Glaubt der Mensch an das Schöpfungsziel, Gutes zu tun, so beginnt er zu fragen, warum er das Gute und den Genuss nicht sieht, die doch für alle offenbar sein sollten. Will er den Grund erkennen, weshalb Verhüllung und Verbergung über dem Guten und dem Genuss liegen, so braucht er auch den Glauben an die Weisen (Emunat Chachamim) und muss annehmen, was sie gesagt haben: dass es eine Korrektur am Schöpfungsziel gab. Das heißt: damit das Schöpfungsziel seine Vollkommenheit erreicht, ohne ein Element der Scham. Denn bekanntlich liegt es in der Natur, dass jeder Zweig seiner Wurzel gleichen will.

Da also der Schöpfer der Gebende ist, empfindet der Mensch Unbehagen, wenn er für sich selbst empfangen muss. Um dies zu korrigieren, entstand eine Einschränkung (Zimzum) sowie Verhüllung und Verbergung, damit Raum für die freie Wahl bleibt. Verhüllung und Verbergung schaffen einen Raum zu arbeiten, wenn der Mensch um des Gebens willen arbeiten will. In diesem Raum wird er durch seine Arbeit fähig, um des Gebens willen zu empfangen – das nennt man „Angleichung der Form“.

Anders wäre es, wenn das Gute und der Genuss offenbar wären, die in Tora und Mizwot eingekleidet sind. So steht im Heiligen Sohar, dass es 613 Ratschläge (Ejtin) gibt. Das gilt für die Zeit der Verhüllung und Verbergung: Wenn man die Tora und Mizwot als Ratschläge erfüllt, gelangt man danach zu den 613 Pikudin (Hinterlegungen). Im Sulam (Leiter-Kommentar) steht dazu: Nachdem man den Weg der 613 Ratschläge gegangen ist, gelangt man zu den 613 Pikudin; sie sind 613 Lichter und liegen als Hinterlegung in den 613 Mizwot. Denn erst dann offenbart sich, was im Inneren von Tora und Mizwot liegt, das als „die heiligen Namen“ bezeichnet wird. Das sind die Einzelheiten, die den umfassenden Namen des Schöpfers offenbaren, der „der Gute, der Gutes tut“ genannt wird. Und das heißt in der Sprache des Heiligen Sohar: „die Tora, der Heilige, gepriesen sei Er, und Israel sind eins.“

Daraus versteht sich, worin die Arbeit des Menschen besteht: was er tun soll, damit sich das Schöpfungsziel des Schöpfers erfüllt – damit also die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen können und Einschränkung und Verbergung aufgehoben werden.

Es geht um eine einzige Sache: um das, was „Anhaftung“ (Dwekut) und „Angleichung der Form“ heißt. Darin besteht die ganze Korrektur, die die Geschöpfe vollbringen müssen. Alles Böse in uns, das uns hindert, das Gute und den Genuss zu empfangen – wegen des Unterschieds der Form, den man „Trennung“ nennt –, gilt es zu korrigieren. Dann fügt sich alles in Frieden an seinen Platz.

Die Natur, mit der wir geboren wurden, ist aber gerade das Verlangen zu empfangen zum eigenen Nutzen, nicht das Geben. Deshalb widersetzt sich der Körper mit aller Kraft, sobald der Mensch den Weg der Arbeit gehen und zur Wahrheit gelangen will – sobald er also das Verlangen sucht, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten statt dem eigenen Nutzen zu dienen.

Der Mensch sagt zu seinem Körper: Wisse, du willst in der Welt nur zu deinem eigenen Vorteil bestehen. An nichts sonst bist du interessiert. Bei allem, was du tust, schaust du nur darauf, wie viel das Verlangen zu empfangen daran gewinnt, dass du jetzt Handlungen des Gebens vollbringst – an den Nutzen des Schöpfers willst du nicht einmal denken. So stehst du dem Schöpfungsziel im Weg: Was der Schöpfer den Geschöpfen geben will, das Gute und den Genuss – daran bist du das Hindernis. Und da ich deine Meinung nicht beseitigen kann, aber an die Worte unserer Weisen glaube, die gesagt haben, der Schöpfer hat gesprochen: „Ich habe den bösen Trieb (Jezer haRa) erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen“, deshalb will ich Tora und Mizwot erfüllen, um dich vollständig zu beseitigen. Und ich will erfüllen, was unsere Weisen gesagt haben: „Die Tora hat nur bei dem Bestand, der sich für sie tötet.“ Deshalb will ich dich mit dem Heilmittel töten, das „Tora“ heißt.

So sagt er zu seinem Körper: Lass mich in Ruhe mit deinen Meinungen, denn ich will Tora lernen, um dich töten zu können. Gewiss widersetzt sich der Körper dann mit aller Kraft; er erfüllt dabei den Ausspruch: „Wer kommt, um dich zu töten, dem komme zuvor und töte ihn.“ Deshalb müht sich der böse Trieb mit aller Kraft, ihn daran zu hindern, Tora und Mizwot mit dieser Absicht zu erfüllen – sei es, dass er ihn bei der Handlung hindert, sei es, dass er ihn mit Fragen und fremden Gedanken hindert, die er ihm jedes Mal bringt, um ihn von seiner Arbeit, der heiligen Arbeit, abzuhalten.

Daraus folgt: Wer den Weg der Wahrheit gehen will, um das Verlangen zu empfangen für sich selbst aufzuheben und alles um des Himmels willen zu tun, hat immer wieder Aufstiege und Abstiege. Anders ist es bei Menschen, die Tora und Mizwot erfüllen, um Lohn zu empfangen: Sie haben nicht so viele Abstiege, weil sie nicht gegen die Natur gehen, die gegen den bösen Trieb ist. Doch da man „aus dem ‚nicht um ihretwillen‘ zum ‚um ihretwillen‘ gelangt“, haben manchmal auch diese Menschen Abstiege.

Bei Menschen jedoch, die den bösen Trieb annullieren wollen und sich deshalb mit Tora und Mizwot befassen, ist es ein täglicher Kampf. Das heißt: Manchmal empfängt der Mensch Hilfe von oben, wie geschrieben steht: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man“, und er denkt, dass er nun schon im Sattel sitzt, dass er nun vorankommt und in der Stufe der Heiligkeit (Kedusha) aufsteigt. Plötzlich fällt er nach unten. So ist die Ordnung im Kampf gegen den bösen Trieb, bis er den Zustand erreicht, in dem er den Glauben in Beständigkeit erlangt, was man „er erlangt das Öffnen der Augen in der Tora“ nennt.

So schreibt er in der Einführung zum Talmud Esser haSefirot, Punkt 98: „Denn jeder Mensch kann sich in der Tora mühen, bis er die Erlangung Seiner offenbaren Vorsehung, gepriesen sei Er, findet. Und wenn er die offenbare Vorsehung erlangt, fließt ihm die Liebe schon von selbst durch die natürlichen Kanäle zu. Und wer nicht glaubt, dass er durch seine Mühe dazu gelangen kann, dem liegt es daran, dass er notwendigerweise – Gott behüte – nicht an die Worte unserer Weisen glaubt: ‚Ich habe mich gemüht und gefunden‘, sondern sich einbildet, dass die Mühe nicht für jeden Menschen ausreicht.“

Damit lässt sich die Menora in der Arbeit erklären. Rashi nennt den Grund, warum es „Wenn du aufsteigen lässt“ heißt: weil die Flamme aufsteigt. Beim Anzünden steht ein Ausdruck des Aufsteigens, denn man muss so lange anzünden, bis die Flamme von selbst aufsteigt.

Erklären lässt sich das so: Das Schöpfungsziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, ist das Licht; die Geschöpfe sind die Gefäße, die das Licht empfangen. Doch die Gefäße müssen tauglich, also rein sein, damit sie das Licht, das in sie fließt, nicht verderben. Und da das eigentliche Geschöpf, wie wir gelernt haben, „das Verlangen zu empfangen für sich selbst“ genannt wird, so wie es aus dem Ejn Sof, gepriesen sei Er, hervorging, war diesem Gefäß, so wie es war, die Korrektur noch nicht zuteilgeworden.

Zwar erschuf der Schöpfer das Verlangen zu empfangen, damit es Verlangen und Begierde nach dem Guten und dem Genuss hat, die Er geben will. Dennoch fehlte Seinen Handlungen die Vollständigkeit – wegen der Scham, die die Unteren beim Empfang der Fülle empfanden. Daher die „Korrektur der Gefäße“: Das Böse heißt „Trennung“, weil zwischen Empfangendem und Gebendem ein Unterschied der Form besteht. Dieses Böse, das „Verlangen zu empfangen für sich selbst“ genannt wird, muss gereinigt werden. Und wenn das Gefäß rein vom Verlangen zu empfangen für sich selbst ist, dann ist das Gefäß tauglich, die Fülle zu empfangen, die „Gutes und Genuss“ genannt wird. Es ist wie im Materiellen: Der Mensch gießt keinen Wein in ein Gefäß, das mit Bodensatz verschmutzt ist, denn der Bodensatz verdirbt den Wein. Deshalb muss man das Gefäß zuerst reinigen, und dann ist das Gefäß tauglich, irgendein Getränk und dergleichen in sich aufzunehmen, aber nicht vorher.

Eben das geschah bei der Menora, wenn die Lichter gereinigt wurden: Man reinigte die Menora von den Resten des Öls und der Kohle, und nach ihrer Reinigung gab man Öl in sie. In der Arbeit deutet das darauf hin, dass wir unseren Körper vom Bodensatz reinigen müssen, der sich in ihm befindet – nämlich vom „Verlangen zu empfangen für sich selbst“ –, und danach wird der Körper tauglich sein, das Licht der Tora zu empfangen. Doch bevor der Körper rein ist, ist er nicht tauglich, dass das Licht der Tora in ihm wohnt.

Es ist jedoch sehr schwer, den Körper vom Verlangen zu empfangen für sich selbst zu reinigen, sodass alle seine Handlungen einzig um des Himmels willen geschehen, da dies gegen die Natur ist, in der der Körper geboren wurde. Uns wurden Tora und Mizwot gegeben; durch sie lässt sich das Böse in ihm reinigen, damit er tauglich wird, das Licht des Schöpfers zu beherbergen. So sagten unsere Weisen: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Doch die Erfüllung von Tora und Mizwot allein reicht noch nicht aus, um das Verlangen zu empfangen zu reinigen; es braucht auch das Gebet.

Beim Gebet geht es darum, dass er weiß: Tora und Mizwot, die er erfüllt, geschehen nicht zum Nutzen des Schöpfers, sondern zum Nutzen des Geschöpfs. Das heißt: Da er sein Herz reinigen will, wie geschrieben steht „Und reinige unser Herz, Dir in Wahrheit zu dienen“, so wird er durch das Gebet – wenn der Mensch um die Reinigung des Herzens betet – daran erinnert, dass die Tora und Mizwot, die der Mensch erfüllt, zum Nutzen des Menschen geschehen. Dann sieht er, wie das Böse über den Menschen herrscht, sodass er dessen Herrschaft nicht entkommen kann. So bringen ihm die Erfüllung von Tora und Mizwot und das Gebet die Reinigung des Herzens.

Anders war es, bevor der Mensch über die Reinigung des Herzens nachzudenken begann: Da meinte er, alles liege in seiner Hand. Er meinte, es stehe bei ihm, nur solche Handlungen zu vollbringen, die dem Schöpfer und nicht dem eigenen Nutzen dienen, und die eigenen Verlangen einfach nicht zu gebrauchen. Das kam daher, dass er das Böse in seinem Körper nicht einzuschätzen vermochte. Und dies offenbart sich nach und nach – das heißt, nach Maßgabe der Arbeit des Menschen, der das Böse in sich annullieren will: In diesem Maße offenbart man ihm das Böse in seinem Inneren, bis er zu der Empfindung gelangt, dass er verloren ist, wenn der Schöpfer ihm nicht hilft.

Dann beginnt der Mensch zu fragen, warum der Schöpfer es so gemacht hat. Einerseits sagt Er uns, wir müssten wählen: das Böse verschmähen, das Verlangen zu empfangen für sich selbst, und das Gute wählen, das Verlangen, dem Schöpfer zu geben. Andererseits sehe ich, dass ich der Herrschaft des Verlangens zu empfangen für sich selbst nicht entkommen und nicht um des Gebens willen handeln kann.

Die Antwort lautet: Erst wenn der Mensch dahin gelangt, dass er sagt „Vergeblich ist die Rettung durch den Menschen“ – wenn er also nicht fähig ist, sich selbst zu helfen und das Gute zu wählen –, erst wenn er sieht, dass die Sache von allen Seiten schwer ist, kommt ihm die Hilfe von oben. Dann erfüllt sich: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Das bedeutet: Wenn der Mensch kommt, um sich zu reinigen, und beginnt, den Weg zu gehen, um zum Geben zu gelangen und das Böse aus seinem Inneren auszumerzen, und sieht, dass es nicht in seiner Hand liegt, dann ist das Gefäß von Seiten des Menschen vollendet – nämlich der Mangel, sodass er des Schöpfers bedürftig wird, dass Er ihm hilft, aus der Herrschaft des Bösen herauszukommen.

Zuvor war es anders: Da meinte er, er könne das Böse in sich aus eigener Kraft besiegen; er bedurfte des Schöpfers nicht und wollte die Reinigung vom Verlangen zu empfangen selbst zustande bringen. In diesem Zustand hätte er die Anhaftung an den Schöpfer nicht so geschätzt, wie sie geschätzt sein will – und das gälte als Makel.

Und das gleicht einem Menschen, dem man ein Gefäß aus Gold gibt, und er schätzt es wie ein Gefäß aus Kupfer ein. Und er dankt dem Menschen dafür, wie man für ein Gefäß aus Kupfer dankt. Welchen Kummer bereitet dieser Mensch dem Geber! Zwar braucht der Geber den großen Dank nicht, den jener ihm für das Geschenk schuldet. Vielmehr besteht der Kummer des Gebers darin, dass der Geber will, dass der Empfänger eine große Freude hat. Und daraus, dass der Empfänger eine große Freude hat, entsteht die Freude des Gebers. Kann der Empfänger den Wert des Geschenks also nicht einschätzen und freut sich darum nicht so, wie der Geber es gedacht hatte, dann hat der Geber Kummer.

Das Gleichnis meint: Gibt der Schöpfer dem Menschen etwas, so soll er daran Freude haben. Doch der Mensch kann eine Sache nicht nach ihrem wahren Wert einschätzen, sondern nur so, wie er selbst als Empfänger sie einschätzt. Und darüber steht geschrieben: „denn der Vorzug des Lichts kommt aus der Finsternis.“ Das heißt: Die Finsternis entspricht dem, wie der Mensch den Mangel in sich empfindet, und nach Maßgabe der Empfindung des Mangels kann er danach am Licht Freude haben.

Ich habe einmal gesagt: Wir können es an uns selbst sehen – gepriesen sei der Schöpfer, dass wir auf unseren Beinen gehen. Gewiss freuen wir uns, dass wir Hände und Beine gebrauchen können. Aber wo ist unsere Freude, dass wir in Freude sein sollten, weil wir so wichtige Dinge haben, die wir gebrauchen können, wie Hände und Beine?

Wenn wir zum Beispiel in ein Krankenhaus kämen, in dem es Menschen gibt – möge es uns erspart bleiben –, die an der Krankheit der Lähmung leiden, dieser am Bein, jener an der Hand oder an beiden zugleich, und wenn wir ihnen sagen würden: Wir haben ein Heilmittel, sodass ihr, sobald ihr dieses Heilmittel erhaltet, euch sofort selbst bedienen könnt, das heißt, dass ihr auf den Beinen gehen und die Hände gebrauchen könnt – stellen wir uns vor, welche Freude sie davon hätten. Wir könnten nicht einmal das wahre Maß der Freude einschätzen, die sie dann hätten.

Was also fehlt uns, dass wir so froh wären wie sie? Nur die Finsternis. Das heißt: Wenn wir die Finsternis empfinden würden wie sie, dann wären auch wir so froh wie sie. Nun stellt sich die Frage: Was ist es wirklich – ist das, dass wir die Hände und Beine gebrauchen können, etwas, worüber man sich freuen soll, das heißt, ist es wirklich eine wichtige Sache, und lohnt es sich, dem Schöpfer dafür zu danken und sich darüber zu freuen?

Oder sagen wir, es sei in Wahrheit eine Kleinigkeit, über die zu freuen sich nicht lohnt, und wir sagen wie gewohnt: So muss es eben sein. Dann wären wir nicht verpflichtet, uns darüber zu freuen, weil wir die Wichtigkeit der Sache nicht empfinden. Oder doch nicht – dass wir in Wahrheit sehr wohl dem Schöpfer danken müssen, gepriesen sei der Schöpfer, dass wir nicht gelähmt sind, und daraus Freude schöpfen sollen.

Doch selbst wenn wir Rechenschaft ablegen und dem Schöpfer danken, schöpfen wir daraus keine Freude – aus dem genannten Grund: „denn der Vorzug des Lichts kommt aus der Finsternis.“ Daran sehen wir, warum die Wahl – das Gute zu wählen, nämlich das Verlangen zu geben, und das Böse zu verschmähen – so schwer ist: weil wir den Geschmack der Finsternis kosten müssen. Doch es ist nicht erlaubt, uns die Finsternis so zu zeigen, wie sie in ihrer wahren Gestalt ist, denn wenn der Mensch das Maß des Bösen in sich sähe, würde er sofort vor der Arbeit fliehen, und folglich würde er keine Finsternis empfinden. Da es ihn nicht interessiert, dass das Verlangen zu empfangen für sich selbst herrscht, würde es bei ihm nicht als Finsternis empfunden. Denn nur wer sich müht und so viel Arbeit gibt, wie er kann, und Aufstiege und Abstiege hat, von dem lässt sich sagen, dass er den Geschmack der Finsternis kostet, dadurch, dass er das Verlangen zu empfangen für sich selbst nicht überwinden kann.

Diese Abstiege, die der Mensch auf dem Weg der Wahrheit erfährt, sind demnach Gefäße für die Empfindung der Hilfe, die er empfangen wird. Und wir müssen an die Worte unserer Weisen glauben, die gesagt haben: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Der Mensch darf nicht aus dem Kampf fliehen, wenn er sieht, dass er nicht vorankommt. Und manchmal kommen ihm Gedanken der Kundschafter, die sagten, dass diese Arbeit nicht für uns ist, sondern dass es besondere Menschen braucht, die fähig sind, den Weg der Überwindung zu gehen.

All das kommt daher, dass der Mensch meint, er müsse jedes Mal sehen, wie er vorankommt. Doch es kommt ihm nicht in den Sinn, dass er im Erlangen der Finsternis vorankommen muss; denn nur dies ist das Gefäß, das er erlangen muss – ein Gefäß heißt ja „Bedürfnis nach der Erfüllung“. Das heißt: Wenn er die Erfüllung für den Mangel nicht hat, empfindet er, dass er sich in Finsternis befindet. Deshalb soll der Mensch nicht sagen, dass er in der Arbeit nicht vorankommt.

Deshalb will er aus dem Kampf fliehen. Doch das ist nicht richtig. Denn gerade dadurch, dass er jedes Mal sieht, wie weit er davon entfernt ist, das Licht zu erlangen – das heißt, dass der Schöpfer ihm das Gefäß gibt, das „Verlangen zu geben“ genannt wird, und er nicht fähig ist, das Verlangen zu geben aus eigener Kraft zu erlangen, sodass er zu der Empfindung gelangt, die Welt habe sich für ihn verfinstert –, gerade dadurch kommt das Licht, also die Hilfe von oben, wie gesagt: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“

Daraus folgt: Die Menora deutet in der Arbeit auf den Körper. Man muss den Körper anzünden, damit er leuchtet, wie geschrieben steht „Die Kerze des Schöpfers ist die Seele des Menschen“ – das heißt, dass der Körper die Seele erlangen muss. Dann wird der Name des Schöpfers über dem Menschen genannt: „die Kerze des Schöpfers“.

Wann ist der Körper eine „Kerze des Schöpfers“? Dann, wenn man ihn anzünden muss, damit er leuchtet. Das geschieht, wenn der Mensch die Seele erlangt, also das Verlangen zu geben; eben dies gilt als Seele. Der Heilige Sohar sagt dazu: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Und der Heilige Sohar fragt: „Womit hilft man ihm?“ Und er antwortet: „Mit einer heiligen Seele“, das heißt, dass man ihm von oben eine Seele gibt. Und dann wird der Körper „Kerze des Schöpfers“ genannt, weil die Seele des Schöpfers im Körper eingekleidet ist. Das heißt: Bevor die Hilfe von oben kam, war das Verlangen zu empfangen für sich selbst im Körper eingekleidet, und nun ist das Verlangen zu geben im Körper eingekleidet.

Doch bis man die Hilfe von oben erlangt, befindet sich der Mensch in Finsternis. Jedes Mal, wenn er sich überwindet und die Menora anzündet – also den Körper, damit „alle deine Handlungen um des Himmels willen“ seien –, geschieht es in Aufstiegen und Abstiegen. Deshalb bezeichnet die Schrift das Anzünden der Menora mit „Wenn du die Lichter aufsteigen lässt“, da die Flamme nicht auf einmal aufsteigt, wenn man sie anzündet – das heißt, wenn man sich überwindet und den Körper anzündet und beginnt, die heilige Arbeit zu verrichten, doch danach steigt er von seiner Stufe herab.

Befasst sich der Mensch mit „dem Anzünden der Menora“ – der Körper soll seinem Schöpfer Wohlgefallen bereiten, und er soll die Liebe zum Schöpfer haben wie Funken des Feuers, eine Flamme des Schöpfers –, dann liegt Folgendes nahe: Er hat sich überwunden und begonnen, alles um des Gebens willen zu tun. Mitten in der Arbeit aber erhält er einen Abstieg und fällt wieder in das Gefäß des Empfangens. Nach einer Weile empfängt er erneut Verlangen und Begierde, um des Gebens willen zu arbeiten – und fällt doch wieder von seiner Stufe.

So wiederholt es sich immer wieder, und er sieht, dass die Sache kein Ende hat. Deshalb sagt er sich: Das Vorankommen in der Arbeit müsste einer bestimmten Ordnung folgen; daran wäre zu erkennen, dass diese Arbeit die seine ist und dass er vollenden wird, was er will – alles um des Himmels willen zu tun. Doch er sieht das Gegenteil. Deshalb will der Mensch sagen: Dass ich die Menora, das heißt den Körper, anzünden will – das ist nicht für mich, sonst hätte ich nicht so viele Abstiege in der Arbeit.

Deshalb kommt die Schrift und sagt uns „Wenn du aufsteigen lässt“ und nicht „Beim Anzünden“, um uns zu verkünden: Was immer sich dem Menschen zeigt, während er sich mit dem Anzünden der Menora befasst – alles, das heißt alle Zustände, sind Aufstiege. Selbst die größten Abstiege, die er mitten in der Arbeit empfängt, gehören demnach zu den Aufstiegen – aus dem Grund „denn der Vorzug des Lichts kommt aus der Finsternis“.

Der Mensch kann also nicht sagen, diese Arbeit des Gebens sei nichts für ihn, nur weil er es nach seinen Abstiegen so sieht. Darüber sagt die Schrift „Wenn du die Lichter aufsteigen lässt“. Das verkündet uns, dass alles zum Aufstieg gehört. Deshalb soll der Mensch nicht sagen, dass dies nicht für ihn ist, sondern für Menschen, die tauglicher sind als er. Und um noch mehr zu wissen, dass dies die Ordnung der Arbeit des Gebens ist, kommt die Schrift und sagt: „Und dies ist die Machart der Menora: getrieben.“

Im Midrash (zu Beha’alotcha) steht: „Wie war die Machart der Menora? Als Mose hinaufstieg, zeigte ihm der Schöpfer auf dem Berg, wie er das Heiligtum machen solle. Als ihm der Schöpfer die Machart der Menora zeigte, fiel sie Mose schwer. Da sprach der Schöpfer zu ihm: Siehe, Ich mache es vor dir. Und dennoch fiel sie Mose schwer. Und er sprach: Aus getriebenem Werk soll die Menora gemacht werden. Das heißt: Wie schwer ist sie zu machen. Da sprach der Schöpfer zu ihm: Wirf das Gold ins Feuer, und die Menora wird von selbst entstehen, wie gesagt ist: Aus getriebenem Werk soll die Menora gemacht werden.“

Rashi erklärt zu dem Vers „So machte er die Menora“: Durch den Schöpfer wurde sie von selbst gemacht. Es bleibt zu verstehen, worauf uns in der Arbeit hindeutet, dass die Menora schwer zu machen war. Vielmehr gilt das schon Gesagte: Die Menora deutet auf den Körper. Man muss den Körper anzünden, damit er die heilige Arbeit verrichtet – so, wie man eine Menora anzündet, damit sie im Materiellen ihren Dienst tut.

Doch das ist sehr schwer, weil es gegen die Natur geht, um des Himmels willen statt zum eigenen Nutzen zu arbeiten. Deshalb fiel es Mose schwer. Wie soll er der ganzen Versammlung Israels sagen, sie solle die Arbeit der Menora verrichten, die zur Vorderseite der Menora hin leuchten muss – und der Menora gegenüber steht der Schöpfer? Der Schöpfer steht dem Menschen also gegenüber, wie geschrieben steht „Ich habe den Schöpfer mir stets gegenwärtig gehalten“, und der Körper, den man anzündet, muss nicht zum eigenen Nutzen leuchten. Vielmehr ist das, dass der Körper leuchten muss, zum Nutzen des Schöpfers. Das heißt „Vorne, der Menora zugewandt, sollen die sieben Lichter leuchten“, wobei „die sieben Lichter“ die sechs Werktage und der Shabbat (Sabbat) sind. Der Körper muss also vom Licht der Seele leuchten, im Geheimnis von „Die Kerze des Schöpfers ist die Seele des Menschen“, dass alles „der Menora zugewandt“ sein muss – das heißt, dass alles nicht zum eigenen Nutzen, sondern zum Nutzen des Schöpfers sein muss.

Damit lässt sich erklären, was in Wahrheit schwer ist: Warum sagte der Schöpfer „Und dies ist die Machart der Menora: getriebenes Gold“? Das heißt: Warum sagte der Schöpfer „getrieben“ (Miksha), was darauf hindeutet, dass die Machart der Menora schwer (Kasha) sein muss? Erklären lässt sich das mit dem, was unsere Weisen sagten: „Als ihm der Schöpfer die Machart der Menora zeigte, fiel sie Mose schwer“ – das heißt, er fragte, warum der Schöpfer es so gemacht hat, dass es schwer ist. Darauf lässt sich antworten wie zuvor: „denn der Vorzug des Lichts kommt aus der Finsternis.“ Deshalb machte Er es mit Absicht von vornherein so, dass es schwer sei, damit sie einen Geschmack der Finsternis kosten, und dann werden sie den Wert der Annäherung an den Schöpfer erkennen, dadurch, dass Er ihnen Gefäße des Gebens gibt.

Mose jedoch fragte: Es stimmt, dass es Finsternis geben muss, damit es die Unterscheidung zwischen Licht und Finsternis gibt, doch sie haben nicht die Kraft, aus der Herrschaft des Verlangens zu empfangen herauszukommen – was ist also der Nutzen, dass es schwer ist? Es stimmt, die Finsternis werden sie kosten, aber niemals werden sie zum Licht gelangen können. Dann werden sie also niemals den Vorzug des Lichts aus der Finsternis erlangen. Das heißt: Sie werden die Finsternis empfangen, aber wie soll es eine Möglichkeit geben, dazu zu gelangen, das Licht zu erlangen – nämlich, dass sie Gefäße des Gebens erlangen?

Darauf kam die Antwort des Schöpfers: „Da sprach der Schöpfer zu ihm: Wirf das Gold ins Feuer, und die Menora wird von selbst entstehen.“ Das bedeutet: Der Schöpfer gab Mose recht – aus eigener Kraft gelangt der Mensch nicht zu den Gefäßen des Gebens. Auf deine Frage aber, wie sie dann die Gefäße des Gebens erlangen sollen, sage ihnen: „Wirf das Gold [Sahav] hin“. Gemeint ist das Verlangen zu empfangen, das „se-hav“ (zerlegt aus Sahav = Gold) genannt wird, also „dies gib“ (se hav). Das heißt: Nur wenn sie das Verlangen zu empfangen für sich selbst wegwerfen wollen, wird die Menora – das heißt der Körper – zur Vorderseite der Menora hin leuchten, wobei der Menora gegenüber der Schöpfer ist. Das bedeutet: Die Menora wird von selbst entstehen.

Und folglich kann der Schöpfer dem Menschen gewiss Gefäße des Gebens geben, so wie Er dem Menschen Gefäße des Empfangens gegeben hat. Eben das erklärt Rashi zu dem Vers „So machte er die Menora“: Wer machte die Menora? Durch den Schöpfer wurde sie von selbst gemacht. Daraus folgt, dass der Mensch nicht darauf schauen soll, dass er Abstiege hat, sondern dass alles im Sinne von Aufstiegen ist, wie geschrieben steht: „Wenn du aufsteigen lässt“.

korrOp, EY, 28.07.2026, 11:34 Uhr, Ver5