1989/26 Was bedeutet “Wer sich selbst verunreinigt, wird von Oben verunreinigt” in der Arbeit?
Im Sohar (BeHaalotcha 23 und im Sulam, Punkt 67) heißt es, wörtlich: „Was bedeutet ‚auf einem weiten Weg‘? Es liegt daran, dass ein Mensch, der sich selbst verunreinigt, von Oben verunreinigt wird. So befindet er sich auf einem weiten Weg, fern von jenem Ort und jenem Weg, an dem der Same Israels haftet, denn er haftet an einem weiten Weg, der sich davon entfernt hat, sich euch, Israel, zu nähern; und damit ist die Sitra Achra gemeint, die fern von der Heiligkeit ist. Rabbi Jizchak sagte: Es steht doch geschrieben: ‚Wenn jemand durch einen Toten unrein ist oder auf einem weiten Weg‘, woraus hervorgeht, dass es zweierlei Dinge sind. Rabbi Jossi sagte: Hier, wenn es heißt ‚durch einen Toten unrein‘, ist die Auslegung: bevor man ihn von Oben verunreinigt hat. Und hier, wenn es heißt ‚auf einem weiten Weg‘, ist die Auslegung: nachdem man ihn von Oben verunreinigt hat und er auf einen weiten Weg gefallen ist, der die Sitra Achra ist. Und es geht hervor, dass sowohl auf dem einen als auch auf dem anderen die Heiligkeit von Oben nicht ruhen wird und dass sie das Pessach nicht zu der Zeit darbringen werden, in der Israel es darbringt“, so weit sein Wortlaut.
Und im Sohar (BeHar und im Sulam, Punkt 46) heißt es, wörtlich: „Und Sein Königreich herrscht über alles. Und deshalb wird die Shechina (göttliche Gegenwart) ‚Opfer für den Schöpfer‘, ‚Brandopfer für den Schöpfer‘ genannt; alles muss man dem Schöpfer und Seiner Shechina darbringen. Und danach verteilt die Shechina an alle. So steht es geschrieben: ‚Und sie gibt Nahrung ihrem Hause.‘ Und sogar die Nahrung der Tiere und sogar die der Hunde, alles verteilt sie, damit sich an ihr erfülle: ‚Und Sein Königreich herrscht über alles‘“, so weit sein Wortlaut.
Warum wird derjenige, der sich selbst verunreinigt, von Oben verunreinigt? Woran also ist der Mensch schuld, dass man ihn von Oben verunreinigt? Warum bestraft man ihn so, dass er das Pessach nicht darbringen kann? Denn der Sohar legt den Vers „Wenn jemand durch einen Toten unrein ist oder auf einem weiten Weg“ so aus: „Durch einen Toten unrein“ meint die Zeit, bevor man ihn von Oben verunreinigt hat, und „auf einem weiten Weg“ die Zeit, nachdem man ihn von Oben verunreinigt hat; und beide werden das Pessach nicht zu der Zeit darbringen, in der Israel es darbringt.
Zu verstehen ist auch: Wenn er sich selbst verunreinigt hat und das Pessach schon nicht mehr darbringen kann – wozu verunreinigt man ihn dann von Oben? Zu welchem Zweck? Und außerdem: Warum verunreinigt man ihn von Oben? An der Unreinheit, die man von Oben verursacht hat, ist er doch nicht schuld. Demnach ist Folgendes zu verstehen:
a. Zu welchem Zweck verunreinigt man ihn von Oben, wenn er das Pessach nicht darbringen kann, weil er unrein ist?
b. Warum verunreinigt man ihn? Die Wahl trifft doch der Mensch; da man ihn aber von Oben verunreinigt, kommt diese Unreinheit nicht durch seine Wahl zu ihm.
c. Ebenso ist zu verstehen, was der Sohar über den Vers „Und Sein Königreich herrscht über alles“ schreibt, dass die Shechina Nahrung an alle verteilt, an die Tiere und an das Vieh, und sogar an die Hunde und Esel, die die Klipot (Schalen) sind. Zu welchem Zweck muss die Shechina ihnen Nahrung beschaffen, wo sie doch ihre Widersacher und Feinde der Heiligkeit sind?
Um das Gesagte zu verstehen, müssen wir zuvor wissen, was es mit Heiligkeit und Unreinheit in der Arbeit auf sich hat. Auf der Ebene der Handlung ist bei Unreinheit und Reinheit klar, wie es in der Tora geschrieben steht oder was die Weisen (Chasal) zum Thema Unreinheit, Heiligkeit und Reinheit hinzugefügt haben. Doch was hat es auf dem Weg der Arbeit mit Unreinheit, Reinheit und Heiligkeit auf sich?
Vor allem müssen wir uns stets an die zwei Grundlagen erinnern, nach denen sich alle Ordnungen richten, die in der Welt herrschen. Aus ihnen erwachsen uns Ordnungen in der Arbeit für den Schöpfer, die uns oft als einander entgegengesetzt erscheinen:
a. Das Schöpfungsziel, das Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, weshalb Er in den Geschöpfen ein Verlangen und ein Begehren erschuf, sich nach Genüssen zu sehnen, was man Verlangen zu empfangen für sich selbst nennt. Und mit dieser Natur traten alle Geschöpfe hervor, die mit dem Namen „Etwas aus dem Nichts“ bezeichnet werden, womit jenes Verlangen gemeint ist, das erschaffen wurde und das ein Mangel ist. Und die Geschöpfe sehnen sich danach, diesen Mangel zu füllen. Dieses Gefäß kommt ohne Arbeit zum Menschen, da wir es dem Schöpfer zuschreiben. Wir haben auch keinerlei Arbeit, es zu erweitern: Überall, wo dieses Verlangen sieht und fühlt, dass es etwas zu empfangen gibt, woran es Genuss hat, läuft es sofort mit aller Kraft darauf zu. Und es scheint, als erfülle es damit das Verlangen des Schöpfers – denn der Schöpfer will, dass die Geschöpfe sich an dem Genuss erfreuen, den Er ihnen geben will.
b. Die Korrektur der Schöpfung. Damit es beim Empfangen der Genüsse keine Scham gibt – die bekanntlich daher rührt, dass jeder Zweig seinem Ursprung ähneln will –, wurde eine Korrektur vorgenommen, sodass der Mensch von seinem Verlangen zu empfangen her verzichten und keinerlei Genuss empfangen will, sondern die Genüsse aus dem Grund empfängt, dass der Schöpfer will, dass die Geschöpfe Gutes und Genuss empfangen, was das Schöpfungsziel war. Dann hat er keine Scham mehr, denn nun gibt es eine Angleichung der Form: So wie der Schöpfer geben will, so wollen die Geschöpfe Ihm geben, dass Er Sich daran erfreut, dass „Er sprach, und Sein Wille geschah“, und nur deshalb wollen sie Gutes und Genuss empfangen.
Doch dieses Gefäß, das „Empfangen um zu geben“ genannt wird, ist genau das Gegenteil jenes Gefäßes, das „Verlangen zu empfangen für sich selbst“ genannt wird. Dieses Gefäß schreiben wir dem Schöpfer zu, der es als Etwas aus dem Nichts erschuf. Wenn wir deshalb nur zum Nutzen des Schöpfers arbeiten wollen und nicht zum eigenen Nutzen, ist dies eine schwere Arbeit, denn wir müssen gegen das Gefäß kämpfen, das der Schöpfer erschuf. Aus dieser Arbeit erwuchsen uns all die Mängel, die wir lernen: das Verschwinden der Lichter, das Zerbrechen der Gefäße, Heiligkeit, Unreinheit, Sitra Achra und Klipot. Und all die Arten von Namen, die wir im Sohar und in den Büchern der Kabbala erklärt sehen, leiten sich allein von der Korrektur der Schöpfung ab. Und das rührt daher, dass wir die Gefäße der Korrektur der Schöpfung den Geschöpfen zuschreiben, wie es im „Baum des Lebens“ zu dessen Beginn geschrieben steht. Und wie es im Talmud Esser haSefirot (Lehre der zehn Sefirot) erklärt wird, sagte das erste Verlangen zu empfangen, das „Malchut de Ejn Sof“ genannt wird, dass es nicht empfangen will, um zu empfangen, sondern um zu geben.
Es versteht sich von selbst: Wenn wir gegen die Natur gehen wollen, die der Schöpfer erschuf – was etwas Entgegengesetztes ist –, kommt uns dies in schwerer Arbeit zu. Und in den höheren Welten verursachte dies das Verschwinden der Lichter und das Zerbrechen der Gefäße, sodass dann die Klipot hervortraten und der Abstand zwischen Heiligkeit und Unreinheit entstand. Denn „Heiligkeit“ wird die Angleichung der Form genannt, die eine Sache der Anhaftung (Dwekut) ist, wie es geschrieben steht: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich“, was bedeutet: So wie der Schöpfer Seinen Geschöpfen nur Gutes tun will, so müssen auch die Geschöpfe auf der Stufe sein, dem Schöpfer Gutes zu tun und nicht zum eigenen Nutzen.
Daraus folgt: Solange der Mensch noch nicht zur Korrektur der Schöpfung gelangt ist, sondern in der Selbstliebe versunken bleibt, ist er nicht fähig, das Gute und den Genuss zu empfangen, und die Einschränkung (Zimzum) und die Verhüllung ruhen auf ihm. Wir müssen also sagen: Alle Verhüllungen, die wir erleiden, rühren daher, dass so die Ordnung der Korrekturen verläuft, durch die alle Geschöpfe zum Ende der Korrekturen gelangen werden – nämlich dass alle Gefäße, die im Aspekt des Empfangens für sich selbst hervortraten, auf das Geben hin korrigiert werden und damit von selbst das Gute und den Genuss empfangen können. Beim Ende der Korrektur wird es dann keinen Bedarf mehr an der Einschränkung und der Verhüllung geben. Und das ist, wie es geschrieben steht: „Und dein Lehrer wird sich nicht mehr verhüllen.“
Aus dem Gesagten geht hervor, wie es mit der Ferne und der Nähe steht: Wenn der Mensch alles tut, um zu geben, ist er in einem Zustand der Nähe zur Heiligkeit, wie gesagt: „Heilig sollt ihr sein.“ Und wenn er alles zum eigenen Nutzen tut, ist er von der Heiligkeit entfernt.
Demnach ist zu fragen: Wenn das Gute und der Genuss wegen der Einschränkung in den Gefäßen des Empfangens nicht leuchten können – wie können dann die Geschöpfe in der Welt bestehen, bevor man ihnen die Gefäße des Gebens korrigiert hat? Woher können die Geschöpfe Genuss empfangen? Ohne Genuss ist es doch unmöglich zu leben, denn so war die Ordnung der Schöpfung.
Deshalb lernen wir, dass sofort nach der Einschränkung, die ein Verschwinden des Lichts war, Reshimot (Aufzeichnungen) übrig blieben, um die Gefäße am Leben zu erhalten. Die ersten Gefäße, aus denen sich das Licht zurückzog, werden „Gefäße der Igulim“ (Kelim de Igulim) genannt. Die Reshimo, die vom Licht übrig blieb, belebt die Gefäße. Das lässt sich jedoch nur von den Gefäßen der Heiligkeit sagen, wie es erklärt wird, dass in den Parzufim von Adam Kadmon die Reshimot nach dem Verschwinden der Lichter in den Gefäßen verblieben.
Anders ist es in der Welt Nekudim: Dort fielen die Gefäße zu den Klipot, nachdem die Lichter verschwunden waren. Da lernen wir, dass die Reshimot am Ort von Azilut verblieben, weil die Reshimot, die Teile des Lichts sind, nicht in die Klipot eintreten können. Sondern nur Funken fielen in die Gefäße, um sie zu beleben. Das heißt: Das ganze Leben der Gefäße, die zu den Klipot fielen, rührt nur daher, dass Funken der Heiligkeit in sie hineinfielen; daher rührt das ganze Leben der Klipot. So erklärt der heilige ARI, dass nur ein „feines Leuchten“, das im Vergleich zur Heiligkeit ein sehr feines Licht genannt wird, das ganze Leben ist, das in die materielle Welt fiel.
Das heißt: Das ganze Leben und die materiellen Genüsse, denen die ganze Welt nachläuft, um diesen Genuss zu erlangen – weil sie fühlen, dass dies ihr ganzes Leben ist –, sind nur ein im Vergleich zu den spirituellen Genüssen sehr feines Licht. Denn auf die spirituellen Genüsse zielte die Absicht des „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“, die „Schöpfungsziel“ genannt wird, wie gesagt.
Damit verstehen wir, warum die Heiligkeit den Klipot Nahrung geben muss. Andernfalls könnten sie nicht bestehen; denn das Verlangen des „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ bewirkt, dass die Geschöpfe kein Recht auf Existenz haben und sterben müssen, wenn sie nicht etwas Gutes und Genuss haben. Und da der Mensch, wenn er geboren wird, von seiner Natur her nur zum eigenen Nutzen empfängt, befindet er sich deshalb unter der Herrschaft der Klipot, und es ist dann unmöglich, Leben aus der Heiligkeit zu empfangen. Deshalb muss er, sogar wenn er beginnt, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, mit lo liShma beginnen, das heißt noch nicht um des Gebens willen, sondern zum eigenen Nutzen. Woher soll er dann aber Leben haben? Deshalb gibt die Heiligkeit den Klipot Nahrung, damit Leben und Nahrung von den Klipot kommen, die die Geschöpfe versorgen, solange sich diese unter ihrer Herrschaft befinden.
Nur durch das Licht in der Tora und den Mizwot, das ihn zum Guten zurückführt, gelangen sie zum liShma, das heißt zum Geben um des Gebens willen. Sobald sie Handlungen des Gebens vollbringen können, verschwindet die Verborgenheit und die Verhüllung von ihnen, die „Einschränkung“ genannt wird, und sie können ihr Leben aus der Heiligkeit empfangen, wo die wahren Genüsse offenbart sind – und nicht mehr nur ein „feines Leuchten“ aus der Heiligkeit, sondern wahres Licht der Heiligkeit.
Damit verstehen wir unsere Frage zu dem, was der Sohar sagt: „Und Sein Königreich herrscht über alles“ – dass die Shechina Nahrung an alle verteilt, an die Tiere und an das Vieh und sogar an die Hunde und Esel, die die Klipot sind. Zu verstehen war ja, zu welchem Zweck die Shechina sie versorgen muss.
Mit dem Gesagten verstehen wir es: Ohne Licht und Genuss ist es unmöglich zu bestehen, und es gibt keine andere Kraft in der Welt, die sie versorgen würde, wie geschrieben steht: „Es gibt nichts außer Ihm.“ Deshalb versorgt die Shechina sie und gibt ihnen Nahrung zu ihrem Bestehen. Und die Shechina verteilt die Nahrung an jeden nach seiner Stufe, wie er sagt, wörtlich: „Obwohl alle Opfer dem Schöpfer gehören, verteilt Er einen Teil davon an die Hunde, das sind die untauglichen Opfer, die Er an ‚Samael‘ gibt, der ‚Hund‘ genannt wird; und es gibt unter ihnen solche, die wie ‚dienende Engel‘ sind, und es gibt unter ihnen solche, die wie ‚Menschen‘ sind.“
Die Shechina verteilt also Nahrung an jeden nach seinem Aspekt: Es gibt Menschen, die im Aspekt von „Menschen“ sind, und es gibt solche, die im Aspekt von „reinen Tieren“ sind, und es gibt solche, die im Aspekt von „Hunden“ sind, und dergleichen. Allen gibt die Shechina Nahrung. Doch empfängt jeder seine Fülle nach dem Maß seiner Bemühung, in den Stufen der Heiligkeit aufzusteigen. Wenn der Mensch zu einer Stufe gelangt ist, auf der sein ganzer Genuss darin besteht, dass er dem König dient, empfängt er eine Fülle, die der Heiligkeit entspricht. Und wenn der Mensch nicht fähig ist zu arbeiten, sondern nur für sich selbst zu empfangen, empfängt er nach seinem Wert.
Jene Menschen, die auf dem Weg der Wahrheit gehen wollen, das Verlangen zu empfangen für sich selbst aber nicht überwinden können und Nahrung wollen, um es zu überwinden, empfangen deshalb aus der Heiligkeit, die „das Licht in ihr, das ihn zum Guten zurückführt“ genannt wird; sie empfangen Nahrung nach ihrer Vorbereitung. Leben empfangen sie also dadurch, dass sie Handlungen des Gebens vollbringen können. Anders steht es um jene Menschen, die noch im Aspekt von „Hunden“ sind: Im Sohar steht geschrieben, „dass sie wie ein Hund bellen: ‚Haw, Haw‘ (Gib, Gib)“ – sie müssen Leben in Gefäßen des eigenen Nutzens empfangen.
Anders verhält es sich mit jenen Menschen, die aus der Selbstliebe heraustreten wollen und manchmal Nahrung, das heißt Leben, dadurch empfangen, dass sie um zu geben handeln wollen. Doch sobald sie die empfangene Nahrung nicht für die Gefäße des Gebens schätzen, gibt man ihnen irgendein Gelüst, das ihnen zukommt, und sie beginnen, an den Genuss des Gelüstes zu denken. Dann vergessen sie die ganze spirituelle Arbeit und erleiden auf der Stelle einen Abstieg, bis sie schon nicht mehr fühlen, in welchem Zustand sie sich befinden. In Wahrheit befinden sie sich in einem Zustand der Bewusstlosigkeit: Es ist ihnen jetzt nicht mehr vertraut, dass es eine Sache der Spiritualität gibt, mit der sie sich zuvor von ganzem Herzen beschäftigten – und plötzlich ist ihnen das alles entfallen.
Bis sie wieder zu sich kommen und zu fühlen beginnen, dass sie sich im Aspekt des Abstiegs befinden. Aber das gleicht dem, als hätten sie, Gott behüte, einen Verkehrsunfall gehabt und wären ohne Bewusstsein geblieben. Und nachdem sie wieder zu sich gekommen sind, sehen sie, dass sie sich in einem Krankenhaus befinden. Ebenso ist es bei einem Menschen, der auf dem Weg ging, um zum Geben zu gelangen: Plötzlich traf ihn irgendein Gelüst und drang in sein Herz ein, und er befindet sich in der Bewusstlosigkeit – das heißt, er fällt in die materielle Welt. Erst nach einer Weile kommt er wieder zu sich: Er hat einen Ruf von Oben vernommen, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist.
Das Gelüst ist nicht bei jedem gleich. Manchmal geschieht es einem Menschen, dass ihn ein Gedanke trifft, dass es für ihn besser ist, zum eigenen Nutzen zu arbeiten und nicht um des Himmels willen. Dieser Gedanke, der ihn getroffen hat, wird bereits „Verkehrsunfall“ genannt, wenn er die Gefahr nicht zuvor gesehen hat – wenn er also noch Zeit gehabt hätte, den Gedanken zu überwinden, sodass er nicht in sein Herz eindringt. Doch die Form des Gelüstes ist nicht bei jedem dieselbe: Bei jedem Menschen kleidet sich das Gelüst in eine andere Form, und sogar bei ein und demselben Menschen sind nicht alle Zeiten gleich – das Gelüst kleidet sich bei ihm jedes Mal in eine andere Form, ganz nach der Zeit.
Das Gelüst gleicht einem Köder. Wir sehen: Wer Fische fangen will, hängt an die Angel ein Lebewesen oder ein Stück Fleisch; wenn der Fisch das Fleisch sieht, blickt er auf den Genuss, den er davon empfangen kann. Und wenn er auf den Genuss blickt, hat er keinerlei andere Gedanken; er hat dann nicht die Möglichkeit zu denken, dass er durch das Nehmen des Köders sterben wird, weil der Mensch ihn aus dem Wasser herausholen wird. Darüber nachzudenken hat er dann kein Interesse.
Ebenso ist es beim Menschen: Sobald er irgendein Gelüst sieht, ist dies ein Köder, der ihn verlockt, das Gelüst anzunehmen, und er hat dann keine Zeit zu denken, dass er dadurch der Spiritualität nach sterben wird. Denn was die ganze Arbeit betrifft, bei der er dachte, dass man alles um des Himmels willen tun müsse: Blickt er auf das Gelüst, so ist dieses der Köder, der ihn aus dem spirituellen Wasser herausholt, in dem er lebte. Und sobald der Köder ihn aus dem spirituellen Wasser herausholt, ist er der Spiritualität nach tot und bleibt ohne Bewusstsein. Er ist sich also nicht bewusst, dass er der Spiritualität nach schon tot ist, weil er sich überhaupt nicht mehr erinnert, dass es Spiritualität in der Welt gibt. Das alles ist ihm entfallen.
Sondern danach kommt ihm von Oben der Aspekt des Zusichkommens, und er sieht, dass er sich jetzt in einem Zustand des Abstiegs befindet. Zur Zeit des Aufstiegs blickte der Mensch nämlich auf alle Gelüste wie auf etwas von ihm Getrenntes: Er hat keinerlei Anziehung zu ihnen und fühlt im Innersten des Herzens eine abstoßende Kraft, sodass er nicht einmal an sie denken will. Und plötzlich empfängt er eine unmittelbare Beziehung zu ihnen – sie sind seinem Verstand und seinem Empfinden nahe –, sodass er zur Zeit des Zusichkommens nicht versteht, wie zwischen ihnen eine gemeinsame Beziehung entstand.
Doch es gibt eine Regel: „Wenn der Höhere zum Ort des Niederen herabsteigt, wird er wie dieser“. Es wird also so, als ob sie zusammen wären und zwischen ihnen keine Entfernung mehr bestünde – jene Entfernung, die zuvor bestand, als der Höhere an seinem Ort oben war. Und ebenso umgekehrt: Sobald der Niedere zum Ort des Höheren aufsteigt, empfängt er eine gemeinsame Beziehung, als wäre er immer am Ort des Höheren gewesen, und er empfängt den Aspekt der Entfernung vom Zustand des Niederen (nach der Regel „Wenn der Niedere zum Ort des Höheren aufsteigt, wird er wie dieser“).
Dieser Köder gleicht also dem „Sehen“. Denn „Sehen“ geschieht nicht ausschließlich mit den Augen; auch der Gedanke wird „Sehen“ genannt, nämlich das Sehen des Verstandes. Wenn also irgendein Gedanke der Sünde fällt, sei es im Aspekt des Gehirns, sei es im Aspekt des Herzens – es gilt ja die Regel „Das Auge sieht und das Herz begehrt“ –, so wird er durch das Sehen gewiss zum Begehren kommen. Und doch ist der Mensch über das Sehen nicht Herr: Wenn ihm irgendein Gedanke einfällt – woran ist er da schuld? Und wenn er plötzlich etwas mit den Augen sieht – was hätte er tun können?
Darauf antwortete mein Vater und Lehrer [Baal Sulam], indem er eine Schwierigkeit an dem Wort der Weisen aufwarf: „Ein Mensch sündigt nicht, es sei denn, in ihn ist ein Geist der Unvernunft eingedrungen“ (Sota 3). Und er fragte: Warum lässt man zu, dass ein Geist der Unvernunft in ihn eindringt und er sündigt? Wäre der Geist der Unvernunft nicht in ihn eingedrungen, hätte er nicht gesündigt. Woran also ist der Mensch schuld, dass ein Geist der Unvernunft in ihn eingedrungen ist? Und er antwortete: Es gilt doch die Regel „Das Auge sieht und das Herz begehrt“. Also ist der Mensch auch am Sehen nicht schuld. Doch wenn er für das Sehen keine Teshuwa (Umkehr) tut – obwohl er darin gleichsam unwissentlich handelt –, muss er zum Begehren kommen. Und Begehren ist bereits Sünde.
Damit zeigt sich: Dass ein Geist der Unvernunft in ihn eingedrungen ist, ist eine große Korrektur für den Menschen – er beeinträchtigt die Heiligkeit dadurch nicht so sehr. Denn zur Zeit der Sünde fühlt er schon nicht mehr die Bedeutung der Heiligkeit, weil bereits ein Geist der Unvernunft in ihm ruht; und so flieht die Heiligkeit von ihm. Hätte der Mensch sofort Teshuwa für das Unwissentliche getan, so wäre er nicht zur eigentlichen Sünde gekommen, die das Begehren ist. Tut er aber keine Teshuwa, dann kommt ein Geist der Unvernunft.
Mit dem Gesagten verstehen wir nun unsere Frage: Warum verunreinigt man einen Menschen, der sich selbst verunreinigt, von Oben, wie der Sohar zu dem Vers sagt: „Wenn jemand durch einen Toten unrein ist oder auf einem weiten Weg“? Die Antwort lautet: Weil er sich selbst in der Arbeit verunreinigt hat – auszulegen ist das als das Sehen – und weil er sich verunreinigt und keine Teshuwa getan hat, muss man ihn von Oben verunreinigen, das heißt, man lässt zu, dass ein Geist der Unvernunft in ihn eindringt.
Und das ist zum Wohle des Menschen, denn zu der Zeit, in der der Mensch ohne Erkenntnis handelt, gleicht es ein wenig dem, als ob er ohne die Absicht zu sündigen handelte, denn er hat keine Erkenntnis, sodass wir sagen könnten, dass er mit Absicht handelt. Deshalb gilt: Dass man ihn von Oben verunreinigt, ist eine Korrektur. Es besteht also keine Schwierigkeit mehr, warum man ihn verunreinigt, denn man tut ihm damit etwas Gutes. Und ob er nun allein durch das Sehen verunreinigt wurde, was gewiss als unwissentlich gilt, oder erst recht danach durch das Begehren – man zeigt damit bereits, dass sie der Heiligkeit nicht nahe sind.
Und obwohl das Sehen unwissentlich geschah, war jedenfalls noch kein Geist der Unvernunft in ihm – anders als zur Zeit des Begehrens, da bereits ein Geist der Unvernunft in ihm war. Zwar ließe sich fragen: Wenn man ihn von Oben verunreinigt, sind doch zwei Dinge in ihm, nämlich Sehen und Begehren. Möglicherweise will er damit sagen: Selbst wenn nur eines von beiden vorläge, wäre er schon nicht für die Annäherung tauglich.
korrOp, EY, 28.07.2026, 09:19 Uhr, Ver3