1990/06 Wann sollte der Mensch Stolz in der Arbeit einsetzen
Es heißt in der Schrift (2. Chronik 17): „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Ewigen.“ In der Mischna aber (Awot 4,4) heißt es: „Sei sehr, sehr demütigen Geistes.“ Das widerspricht dem, was geschrieben steht: „Und sein Herz erhob sich.“
Der Sohar (WaJera 6, im Sulam Abschnitt 17) fragt zu dem Vers „Und der Ewige erschien ihm bei den Eichen Mamres“: Warum bei den Eichen Mamres und nicht anderswo? Weil Mamre ihm zur Beschneidung geraten hatte. Denn als der Schöpfer zu Abraham sagte, er solle sich beschneiden, ging Abraham, um sich mit seinen Freunden zu beraten. Aner sagte zu ihm: „Du bist schon über neunzig Jahre alt – und willst dir solche Schmerzen zufügen?“
Mamre sagte zu ihm: „Denk an den Tag, als die Chaldäer dich in den Feuerofen warfen, an die Hungersnot, die über die Welt kam, und an die Könige, die deine Leute verfolgten und die du schlugst – aus all dem hat der Schöpfer dich gerettet. Steh auf und erfülle das Gebot deines Herrn.“ Da sagte der Schöpfer zu ihm: „Mamre, du hast ihm zur Beschneidung geraten – bei deinem Leben: Ich werde Mich ihm nur in deinem Palast offenbaren.“
Das ist schwer zu verstehen. Wenn der Schöpfer ihm geboten hatte, sich zu beschneiden – geht er dann zu seinen Freunden, um zu fragen, ob er auf die Stimme des Schöpfers hören soll? Und hätte er, wenn Mamre anders geraten hätte, auf Mamre gehört und nicht auf den Schöpfer? Kann man so etwas sagen? Schwer zu verstehen ist auch, was Mamre ihm sagte: Es lohne sich, auf die Stimme des Schöpfers zu hören, denn Er werde ihn gewiss retten, so wie Er ihn aus dem Feuerofen gerettet hat. Mamres Rat gründete sich also darauf, dass der Schöpfer ihn retten werde wie damals aus dem Feuerofen – andernfalls müsse er nicht hören.
Dasselbe sehen wir in dem, was unsere Weisen sagten (Rashi bringt ihre Auslegung, Noach, siebter Abschnitt): „‚Vor dem Angesicht seines Vaters Terach‘ – zu Lebzeiten seines Vaters. Manche sagen, dass sein Vater seinetwegen starb. Denn Terach hatte seinen Sohn Abram bei Nimrod angeklagt, weil dieser seine Götzenbilder zerschlagen und in den Feuerofen geworfen hatte. Und Haran saß und sprach bei sich: ‚Wenn Abram siegt, bin ich auf seiner Seite; und wenn Nimrod siegt, bin ich auf seiner Seite.‘“ Als Abram gerettet wurde, fragten sie Haran: „Auf wessen Seite bist du?“ Haran antwortete: „Ich bin auf Abrams Seite.“ Da warfen sie ihn in den Feuerofen, und er verbrannte.
Bei Haran sehen wir: Er verbrannte, weil er nur bereit war, sich zu opfern, unter der Bedingung, dass der Schöpfer ihn rette. Wie verhält es sich dann bei Abram, wenn Mamre zu ihm sagte: „Du musst auf die Stimme des Schöpfers hören“, weil Er Abram aus dem Feuerofen gerettet habe – den Abram von gestern, um es bildlich zu sagen –, und Er werde auch den Abram von heute retten, wenn dieser sich beschneidet? Dann wäre das genau wie bei Haran und Abram im Feuerofen. Der einzige Unterschied ist, dass es hier um dieselbe Person geht, nur in zwei Zuständen.
Im einfachen Sinn sehen wir: Bei Haran und Abram im Feuerofen ging es um die Heiden – die Fremden wollten, dass weder Abram noch Haran auf die Stimme des Schöpfers hörten. Bei der Beschneidung war es anders, denn da sprach der Schöpfer selbst zu ihm. Es macht also einen Unterschied, ob Fremde einem sagen, man solle nicht auf die Stimme des Schöpfers hören, oder ob der Schöpfer sagt, man solle auf Seine Stimme hören.
Daher ist zu sagen: Wenn Fremde wollen, dass der Mensch Götzendienst treibt und sich vom Glauben an den Schöpfer losreißt, muss er sich bedingungslos hingeben. Darum war Harans Bereitschaft, sich zu opfern – aber nur unter der Bedingung, am Leben zu bleiben wie Abraham –, keine wahre Hingabe; deshalb verbrannte er im Feuerofen.
Hier ist es anders: Als der Schöpfer ihm gebot, sich zu beschneiden, und er sich mit seinen Freunden beriet, muss man es anders auslegen. Er dachte nämlich: Dass der Schöpfer ihm die Beschneidung gebietet, bedeutet eine hohe Stufe, deren er noch nicht würdig ist. Und er fürchtete: Wenn der Schöpfer ihm die Beschneidung gebietet, er ihrer aber noch nicht würdig ist, könnte er sogar aus seinem jetzigen Zustand fallen – denn er wusste, dass er sich in Niedrigkeit befand, wie geschrieben steht: „Und ich bin Staub und Asche.“ Deshalb beriet er sich, ob es ihm schon erlaubt sei, diese hohe Stufe zu betreten und sich zu beschneiden, oder ob er warten müsse, bis er ihrer würdig sei.
Daher sagte Aner zu ihm: Du bist schon über neunzig Jahre alt – und willst dir Schmerzen zufügen, indem du jetzt beginnst, zu höheren Stufen aufzusteigen und größere Arbeit zu leisten, um dich der Beschneidung würdig zu machen? Du bist zu alt, um jetzt noch große Mühe für höhere Stufen aufzuwenden. Das passt zu einem jungen Menschen, der eine große Zukunft vor sich hat, nicht zu dir, der du schon über neunzig bist. Deshalb ist das nichts für dich.
Als er aber Mamre fragte, antwortete dieser ihm: Siehst du nicht, dass der Schöpfer nicht auf deine Niedrigkeit schaut? Er sagt nicht: Erst wenn du würdig bist, kann Ich dir helfen – wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Gerade weil du fühlst, dass du Staub und Asche bist, kann der Schöpfer dir nicht helfen. Doch siehst du nicht, dass Er dir damals, als man dich in den Feuerofen warf, dennoch half – weil Er barmherzig und gnädig ist?
Ebenso sagten unsere Weisen zu dem Vers: „‚Und Ich will verzeihen, wem Ich verzeihe‘ – obwohl er dessen nicht würdig und nicht geeignet ist.“ So will der Schöpfer auch hier, beim Gebot der Beschneidung, dass du eine höhere Stufe betrittst, obwohl du nicht würdig und nicht geeignet bist. Darum geh und erfülle das Gebot deines Herrn und schau nicht auf deine Niedrigkeit.
Und das ist so, wie mein Vater und Lehrer über den Ausspruch des Schöpfers sagte: „Denn jetzt weiß Ich, dass du Gott fürchtest.“ Die bekannte Schwierigkeit dabei: Kennt der Schöpfer die Zukunft denn nicht, dass Er sagt „jetzt weiß Ich“? Er erklärte: „Denn jetzt weiß Ich“ bedeutet, dass nun bereits Abraham selbst weiß, dass er Gott fürchtet.
Und es fragt sich: Wozu muss Abraham das wissen? Die Antwort: Da er nun weiß, dass er Gott fürchtet, kann er bereits auf eine höhere Stufe gehen, ohne zu fürchten, sie sei zu hoch für ihn. Er kann nun immer höher steigen.
Ähnlich lässt sich auslegen, was Rawa sagte (Berachot 61): „Der Mensch soll bei sich selbst wissen, ob er ein vollkommen Gerechter ist oder nicht.“ Auch hier fragt sich: Wozu muss er das wissen? Wie gesagt: damit er sich bemüht, höhere Stufen zu gehen, und nicht denkt, sie seien zu hoch für ihn. Deshalb riet ihm Mamre, nicht auf seine gefühlte Niedrigkeit zu schauen, dass er Staub und Asche sei; denn der Schöpfer will, dass er durch das Gebot der Beschneidung aufsteigt – geh und erfülle es und schau auf nichts. So steht geschrieben: „Erhaben ist der Ewige, und dennoch sieht Er den Niedrigen an“, und ebenso: „Der Ewige erhebt die Niedrigen“.
Damit verstehen wir, was wir gefragt haben: warum Abraham seine Freunde fragte, ob er auf die Stimme des Schöpfers hören solle. Gemeint ist: ob er warten und sich tauglich machen müsse, um auf die hohe Stufe zu gelangen, die er nach der Beschneidung erlangen wird, oder ob er sie sofort erfüllen und nicht auf seine gefühlte Niedrigkeit schauen soll, dass er Staub und Asche sei. Darüber holte er den Rat seiner Freunde ein – nicht etwa, ob er das Gebot des Schöpfers überhaupt erfüllen solle.
So verstehen wir auch, warum er damals, als man ihn in den Feuerofen warf, nicht erst seine Freunde um Rat fragte, sondern einwilligte, hineingeworfen zu werden, um den Namen des Himmels zu heiligen. Denn das ist der Zustand des Glaubens, für den man sich bedingungslos hingeben muss. Da darf man nicht sagen: Ich bin zu niedrig, deshalb will ich mich nicht opfern.
Beim Götzendienst gilt nämlich das Gesetz: „Er werde getötet und übertrete nicht.“ Darum ist bei Haran, der den Schöpfer nur unter der Bedingung heiligen wollte, am Leben zu bleiben wie Abram, von selbst klar, dass dies nicht „Er werde getötet und übertrete nicht“ heißt. Denn er willigte nur ein, in den Feuerofen geworfen zu werden, sofern er nicht getötet würde. So erfüllte er das Gebot des Götzendienstes „Er werde getötet und übertrete nicht“ gar nicht – und deshalb verbrannte er. Bei Abram dagegen war die Absicht ganz im Sinne von „Er werde getötet und übertrete nicht“; darum wurde er durch das Verdienst dieses vollständigen Gebots aus dem Feuerofen gerettet. Und dort waren es die Heiden, die zu ihm sprachen, denn sie verlangten von ihm Götzendienst.
Beim Gebot der Beschneidung ist es anders: Da sprach der Schöpfer selbst zu ihm, er solle sich beschneiden, und verlangte damit gewiss von Abram, dass er in seiner Stufe aufsteige. Denn was wollte der Schöpfer von Abraham, nachdem dieser Ihn bei Nimrod geheiligt hatte? Gewiss, dass er höher steige. Darüber dachte Abraham nach: Vielleicht sei er einer so hohen Stufe noch nicht würdig. Deshalb fragte er seine Freunde, was zu tun sei – denn er fühlte, dass er dieser Gadlut (Erwachsensein), die ihm die Beschneidung bringen würde, noch nicht würdig war. Hier liegt also eine ganz andere Sache vor.
Damit sehen wir, dass es in der Arbeit zwei Zustände gibt:
1) den Zustand des Glaubens,
2) den Zustand der Tora.
Im Zustand des Glaubens kann man nicht sagen, man sei zu niedrig und könne deshalb das Gebot der Heiligung des Schöpfers nicht erfüllen – ein Gebot, das in ganz Israel selbstverständlich ist, sogar unter einfachen Menschen, von denen wir gehört haben, dass sie ihr Leben für die Heiligung des Namens gaben.
Wenn der Mensch also beginnt, auf dem Weg der Wahrheit in die Arbeit des Schöpfers einzutreten, muss er das Joch des Glaubens über dem Verstand auf sich nehmen, auch wenn alle Völker der Welt in seinem Körper ihn auslachen. Er muss den Schöpfer vor diesen Heiden in seinem Körper heiligen und sagen, dass er an den Schöpfer glaubt und Ihm mit ganzem Herzen und ganzer Seele dienen will. Und selbst wenn sie ihm nicht zustimmen, kann er sagen, dass er es auf sich nimmt, den Schöpfer zu lieben. Selbst wenn er nichts von dem empfindet, was er mit dem Mund sagt, soll er sich nicht davon beeindrucken lassen, dass seine Glieder ihm nicht zustimmen; sondern was er tun kann, das tut er – nämlich im Reden. Und tatsächlich kann er die Sache durch Zwang tun. Und obwohl er nichts dabei empfindet, tut er es dennoch aus der Erweckung von unten (Itaruta deLetata).
Darüber heißt es: „Und Ich werde dich segnen in allem, was du tust.“ Das bedeutet: Der Schöpfer wird ihm danach einen Segen auf sein Werk senden. Und wenn er nach der Überwindung sieht, dass er keinen Segen empfangen hat – dass er sich dem Schöpfer also nicht näher fühlt als zuvor –, fragt ihn der Körper: Du hast mir gesagt, wenn du deinen Verstand und deine Vernunft überwindest, werde der Schöpfer dir einen Segen geben, sodass du die Wichtigkeit der Spiritualität fühlst. Nun aber siehst du, dass du im selben Zustand bist wie vor der Arbeit, als du dich mühtest, die Taten unter Zwang zu vollbringen.
Darauf lautet die Antwort: Würde ich den Segen sofort fühlen, so zeigte sich, dass ich die Tat getan habe, um Lohn zu empfangen. Das gliche Haran, der sagte: Wenn ich sehe, dass Abraham aus dem Feuerofen gerettet wird, bin ich auf seiner Seite. So ist es auch hier, wenn jemand sagt: Ich bin bereit, mich zu zwingen und gute Taten gegen das Verlangen des Körpers zu tun – aber nur unter der Bedingung, danach eine gute Empfindung zu empfangen, nämlich zu spüren, wie lohnend es ist, dem Schöpfer zu dienen; also um Lohn zu empfangen, nämlich eine gute Empfindung.
Wenn der Mensch also gleich nach der erzwungenen Arbeit Lohn empfangen will, ist es, als wäre der Zwang von Anfang an nur dazu da gewesen, dass er danach nicht mehr unter Zwang arbeiten müsse. Es zeigt sich, dass er im Augenblick, da er den Glauben annimmt, Bedingungen stellt. Doch der Glaube bei der Annahme des Königreichs des Himmels muss eine bedingungslose Unterwerfung sein. Deshalb kann man beim Glauben nicht sagen, man fühle sich zu niedrig, um das Joch des Königreichs des Himmels auf sich zu nehmen. Und man darf nicht sagen: Jetzt bin ich nicht in der rechten Stimmung; ich warte, bis ich eine gute Stimmung habe, dann nehme ich das Joch des Königreichs des Himmels auf mich. Vielmehr muss jeder Mensch das Joch des Königreichs des Himmels auf sich nehmen, an jedem Ort und zu jeder Zeit.
Anders ist es, wenn von der Tora die Rede ist: Dann muss der Mensch seine Niedrigkeit fühlen. Denn unsere Weisen sagten: „Es ist verboten, einen Götzendiener Tora zu lehren, sondern nur den, der im Zustand Israels ist.“ Darum muss er zuerst prüfen, ob er wirklich im Zustand Israels ist, also ob er würdig ist, Tora zu lernen. Sieht er, dass er es noch nicht ist, muss er sich mühen, es zu werden – und dann wird er Tora lernen können.
Und wie macht sich der Mensch tauglich, würdig zu werden? Der Rat dazu lautet, wie unsere Weisen sagten: „Der Schöpfer sagte: Ich habe den bösen Trieb (Jezer haRa) erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Der Mensch muss also zuerst Tora lernen, damit die Tora ihn in den Zustand Israels bringt. Ist er dann im Zustand Israels, steigt er zu der Stufe auf, auf der er Tora lernt, die dann „Tora des Schöpfers“ heißt, im Sinne der Namen des Schöpfers. Bevor er aber gewürdigt wird, Israel zu sein, muss er sich mühen, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, was ihn in den Zustand Israels bringt. Und dann ist die Zeit gekommen, zur Vollkommenheit zu gelangen, die man das Schöpfungsziel nennt: Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Doch bei der Beschäftigung mit Tora und Mizwot muss der Mensch auf zwei Linien gehen, rechts und links – es gibt also eine Zeit der Vollkommenheit und eine Zeit des Mangels. Einerseits müssen wir dem Schöpfer danken, und wer fühlt, dass er viel Gutes vom Schöpfer empfangen hat, kann Ihm gewiss größeren Dank erweisen. Deshalb ist die Zeit, in der sich der Mensch mit Tora und Mizwot beschäftigt, die Zeit der Vollkommenheit – so, als hätte ihn der Schöpfer herangezogen, zu denen zu gehören, die dem König dienen. Doch der Mensch darf sich nicht selbst belügen und behaupten, er fühle, dem König zu dienen, wenn er es gar nicht fühlt. Denn wie könnte er Ihm großen Dank dafür erweisen, dass Er ihn herangezogen hat, wenn er es nicht empfindet?
Vielmehr muss der Mensch dann sagen: Er befindet sich zwar in äußerster Niedrigkeit, ist noch in der Selbstliebe versunken und noch unfähig, irgendetwas über dem Verstand zu tun. Dennoch hat der Schöpfer ihm einen Gedanken und ein Verlangen gegeben, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen. Und Er gab ihm auch ein wenig Kraft, den Zustand der Kundschafter zu überwinden, die zu ihm sprechen und seinen Kopf mit ihren Einwänden durchbohren – und dennoch hat er ein wenig Halt in der Spiritualität.
Dann muss der Mensch darauf achten und glauben, dass der Schöpfer sich um ihn kümmert und ihn auf dem Weg führt, der zum Palast des Königs leitet. So muss er sich darüber freuen, dass der Schöpfer über ihn wacht und ihm auch die Abstiege gibt. Der Mensch kann verstehen, dass der Schöpfer ihm die Aufstiege gibt. Denn er kann gewiss nicht sagen, dass er sie von selbst empfängt; vielmehr will der Schöpfer ihn heranziehen und gibt sie ihm deshalb.
Und ebenso muss der Mensch glauben, dass der Schöpfer ihm auch die Abstiege gibt, weil Er ihn heranziehen will. Deshalb muss er jede Tat, die in seiner Macht steht, so verrichten, als befände er sich im Aufstieg. Und wenn er sich während des Abstiegs ein wenig überwindet, nennt man das Erweckung von unten. Durch jede Handlung, die er im Glauben tut, dass sie der Wille des Schöpfers ist, wird er einer größeren Annäherung gewürdigt – das heißt, der Mensch selbst beginnt zu fühlen, dass der Schöpfer ihn herangezogen hat.
Mein Vater und Lehrer sagt: Wenn der Mensch in Freude ist, wird er „gesegnet“ genannt. Er fühlt dann nämlich, dass ihm ein Verdienst zukam, weil er ein wenig Halt in der Spiritualität hat. „Und der Gesegnete haftet am Gesegneten.“ Der Mensch beginnt also zu fühlen, dass der Schöpfer ihn jetzt segnet, und er empfindet keinerlei Mangel. Doch das gilt gerade dann, wenn er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt.
Doch der Mensch muss auch ein wenig Zeit für die Arbeit der linken Linie aufwenden, denn das gibt ihm Raum, über seine Mängel zu beten. Und das ist nötig: In der Zeit der Vollkommenheit, in der er dem Schöpfer dafür dankt, dass Er ihn ein wenig herangezogen hat, empfängt er die Erfüllung für die Mängel, die er fühlte, als er sich mit der linken Linie beschäftigte.
Es zeigt sich, dass die Erhörung des Gebets nicht in dem Augenblick geschieht, in dem er betet, denn da ist er im Zustand des „Verfluchten“, also dessen, der Mangel hat. Und der Vollkommene verbindet sich nicht mit dem, der Mangel hat. Doch der Mensch kann sich auch auf andere Weise als vollkommen fühlen: nicht, weil er wüsste, dass er Vollkommenheit besitzt, sondern weil er sich als niedrig empfindet. Jeder noch so geringe Halt in der Spiritualität gilt ihm dann als großer Reichtum, und daraus schöpft er Vollkommenheit, indem er sagt, auch das sei nichts wert. Dann ist die Zeit gekommen, da er die Erfüllung empfangen kann, die er fühlte, als er sich mit der linken Linie beschäftigte.
Und damit verstehen wir unsere Frage. Einerseits sagten sie: „Sei sehr, sehr demütigen Geistes“, andererseits steht geschrieben: „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Ewigen“ – zwei Gegensätze in derselben Sache. Die Antwort: Es sind zwei Gegensätze in derselben Sache, aber zu zwei verschiedenen Zeiten.
Das heißt: Der Mensch beschäftigt sich mit dem Königreich des Himmels, um den Glauben über dem Verstand auf sich zu nehmen. Der Körper aber stimmt dem nicht zu: Er liefert ihm viele Ausreden, jetzt sei nicht die Zeit dafür, und führt ihm andere Menschen als Beweis an, die dieser Arbeit des Glaubens über dem Verstand keine Beachtung schenken. Dann muss er sagen: „Und sein Herz erhob sich auf den Wegen des Ewigen.“ Er schaut auf niemanden, sondern steht fest darin, dass dies der Weg der Wahrheit ist. Er hat auf niemanden zu hören, auch nicht auf das, was der Körper ihm einredet: Geh und schau auf die angesehenen Leute, die verstehen, was die Arbeit des Schöpfers ist. Darüber sagten sie: „Und sein Herz erhob sich“ – nämlich stolz darauf zu sein, dass er mehr versteht als alle anderen.
Wenn er sich aber mit Tora und Mizwot beschäftigt und sieht, dass er nichts von dem begreift, was er lernt oder betet, dann darf er nicht stolz sein und sagen: Wenn ich ohnehin nichts verstehe, wozu soll ich überhaupt in die Bücher schauen? Dann muss er demütig sein, wie unsere Weisen sagten: „Sei sehr, sehr demütigen Geistes.“ Der Mensch muss also demütig sein und sagen: Wie wenig Halt ich auch habe, ich bin in Freude – denn ich sehe, dass es Menschen gibt, die gar keinen Halt in der Spiritualität haben. Deshalb muss er hier fühlen, dass ihm nichts zusteht, und dennoch in Freude sein.
korrigiert, EY, CO4.8, 06.07.2026, 03:32 Uhr, Ver7