1990/20 Was ist ein halber Schekel in der Arbeit? – 2
Der Vers sagt: „Wenn du das Haupt der Kinder Israel erhebst, soll jeder dem Schöpfer ein Lösegeld für seine Seele geben, damit keine Plage unter ihnen sei, wenn man sie zählt. Das sollen sie geben, jeder, der zu den Gezählten übergeht: einen halben Schekel nach dem Schekel der Heiligkeit. Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger als einen halben Schekel geben, um die Hebe des Schöpfers zu entrichten, um eure Seelen zu sühnen.“
Es ist zu verstehen, was uns im Sinne der Arbeit gerade ein halber Schekel andeutet und nicht ein Viertel oder drei Teile eines Schekels, wo doch die ganze Sache darin liegt, die Zahl Israels zu erfahren. Was deutet uns also gerade die Hälfte an? Und ebenso: „Der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger geben“ – wozu muss man uns das mitteilen? Denn sogar ein kleines Kind versteht: Wenn wir von jemandem weniger oder mehr nehmen, werden wir die Zahl Israels nicht erfahren. Und was bedeutet auch: „damit keine Plage unter ihnen sei“?
Es ist bekannt, dass der Zweck der Erschaffung der Welt darin lag, dass Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Damit aber dieses Gutestun Vollkommenheit in sich trage, das heißt, dass darin kein Anflug von Scham beim Empfangen des Guten und des Vergnügens liege, wurde eine Korrektur geschaffen, die Zimzum (Beschränkung) und Verhüllung genannt wird. Das bedeutet: Bevor der Mensch seine Handlungen darauf ausrichten kann, dass sie auf das Geben gerichtet sind, wird er das Gute und das Vergnügen nicht empfinden, sondern nur dann, wenn er sich mit Tora und Mizwot in der Absicht befasst, dass dem Schöpfer daraus eine Freude entstehe.
Danach, wenn er bereits Gefäße des Gebens hat, offenbart sich ihm das Gute und das Vergnügen, die als Hinterlegung (Pikadon) in Tora und Mizwot liegen. Und dann empfängt er das Gute und das Vergnügen, das im Gedanken der Schöpfung lag, weswegen Er die Welt erschuf.
Und da der Mensch von Natur aus so erschaffen wurde, dass er sich einzig und allein nach dem eigenen Nutzen sehnt, woher kann der Mensch dann an der Absicht arbeiten, dem Schöpfer zu geben? Das bedeutet, dass der Mensch sich in allen möglichen Arbeiten abmüht, damit der Schöpfer daran Freude habe. Denn dann fragt der Körper: Was hast du davon, dass der Schöpfer Freude hat? Du musst doch Handlungen vollbringen, an denen du selbst Freude hast. Und warum haben unsere Weisen uns auf einmal gesagt: „Alle deine Handlungen sollen um des Himmels willen sein“? Wie kann man etwas gegen die Natur tun?
Und der Körper fragt weiter: Was kümmert es denn den Schöpfer, dass die Geschöpfe zu ihrem eigenen Wohl handeln, das heißt, dass sie selbst Freude haben? Sein Verlangen ist doch, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Es zeigt sich: Einerseits ist dem Menschen gegeben, das Leben zu genießen, das heißt, zu seinem eigenen Wohl zu arbeiten, was natürlich ist; andererseits sagt man, dass der Mensch nicht nach der Natur gehen soll, in der er geboren wurde, sondern zum Nutzen des Schöpfers arbeiten soll.
Und so sehr man es auch mit vielerlei Erklärungen verständlich zu machen sucht, der Körper kann das nicht verstehen. Zwar stimmt der Körper manchmal zu, dass es sich lohnt, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten; aber wenn es zur Tat kommt, das heißt, wenn etwas vor ihm steht, woran der Körper Freude hätte, und er soll darauf verzichten, weil daraus kein Nutzen entstünde (sondern nur) für den Schöpfer, dann wählt der Körper den eigenen Nutzen und verzichtet auf den Nutzen des Schöpfers.
Daraus ergeben sich für uns zwei Dinge:
1. Da wir an die Worte unserer Weisen glauben müssen, dass wir alles um des Himmels willen tun müssen, obwohl der Körper das nach allen Erklärungen, die man ihm gibt, nicht versteht, sagten unsere Weisen – und so entschied auch Maimonides für die Praxis (Hilchot Teshuva, Kapitel 10), und dies sind seine Worte: „Wenn man daher die Kleinen, die Frauen und das gemeine Volk unterrichtet, so unterrichtet man sie nur, aus Ehrfurcht zu dienen und um Lohn zu empfangen, bis sich ihr Verstand mehrt und sie überreiche Weisheit erlangen; dann offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach.“
Und es stellt sich die Frage: Was bedeutet „bis sich ihr Verstand mehrt und sie überreiche Weisheit erlangen“? Das heißt, was wird „Weisheit“ genannt und was „überreiche Weisheit“, sodass wir zu unterscheiden wissen, wann es bereits erlaubt ist, ihm dieses Geheimnis nach und nach zu offenbaren?
Doch am Anfang der Arbeit des Menschen, wenn er die Arbeit beginnt, muss man zum Körper sprechen, dass es sich lohnt, auf körperliche Vergnügen zu verzichten, die nur ein „winziges Leuchten“ (Nehiru dakik) sind im Verhältnis zu dem Guten und dem Vergnügen, das in Tora und Mizwot liegt. Es zeigt sich: In dem Maße, in dem er glaubt und der Glaube ihm leuchtet, stimmt der Körper zu, ein kleines Vergnügen gegen ein großes einzutauschen. So wie im Körperlichen, wo der Mensch seine Mühe gibt – den Lohn, den er für seine Mühe erworben hat –, und er gibt ihn dahin, um Nahrung für den Unterhalt seines Hauses zu beschaffen, weil er mehr Freude daran hat, mit dem durch die Mühe erworbenen Geld die Bedarfsgüter für sein Haus zu kaufen.
Und ebenso: In dem Maße, in dem der Glaube ihm leuchtet und er spürt, dass er durch die Beschäftigung mit Tora und Mizwot ein größeres Vergnügen haben wird, ist er fähig, auf körperliche Vergnügen zu verzichten, um größere Vergnügen zu erlangen. Doch manchmal geschieht es, dass der Mensch einen Abstieg im Glauben erleidet, dass er Lohn empfangen werde. Dann fällt es ihm gewiss schwer, auf körperliche Vergnügen zu verzichten. Wenn er sich aber hütet und sich in einer guten Umgebung befindet, sträubt sich der Körper nicht gegen diese Arbeit, weil dies nicht „gegen die Natur“ genannt wird – denn er sagt sich, dass er einen größeren Lohn empfangen werde, also eine größere Freude daraus, dass er Tora und Mizwot erfüllt. Es zeigt sich, dass dieser Grund ein starker Grund ist, der den Menschen dazu verpflichten kann, auf die körperlichen Vergnügen zu verzichten, die die Tora verboten hat. Und all das, um größere Vergnügen zu empfangen.
2. Da der Mensch dahin gelangen muss, dass „alle deine Handlungen um des Himmels willen sein sollen“, also gegen die Natur, und dies geschieht um der Korrektur der Schöpfung willen, die darin besteht, dass die Geschöpfe das Gute und das Vergnügen ohne einen Anflug von Scham empfangen können, wurde eine Korrektur gegeben: Der Mensch muss darauf abzielen, dass alles, woran er Freude hat, nur um des Nutzens des Schöpfers willen geschehe. Das heißt, dass der Schöpfer daran Freude hat, dass die Geschöpfe Freude haben, denn das war der Zweck der Schöpfung. Doch manchmal empfindet der Körper, dass es nicht sein kann, dass er die ganze Zeit in demselben Verstand und Verständnis bleibt, das er hatte, als er die heilige Arbeit zu verrichten begann, und keinerlei Fortschritt hat, sondern nur der Menge nach.
Und wenn er beginnt, in dieser Sache Fragen zu stellen, so ist das eben das, wonach wir fragten: Was ist „Weisheit“ und was ist „überreiche Weisheit“? „Weisheit“ wird genannt, dass er bereits Tora und Mizwot erfüllt. Und „überreiche Weisheit“ wird genannt, dass er das Wesen von Tora und Mizwot verstehen will – zu welchem Zustand sie den Menschen bringen sollen. Das wird „Absicht“ genannt, nämlich dass er mit dem Tun von Tora und Mizwot darauf abzielt, dass es ihn zu einer bestimmten Stufe bringen soll. Und das wird „überreiche Weisheit“ genannt. Und dann beginnt man, ihm dieses Geheimnis zu offenbaren, nämlich was die Arbeit liShma (um ihretwillen) ist. Das heißt, man beginnt ihm verständlich zu machen, dass er arbeiten muss „nicht um eine Belohnung zu empfangen“, sondern alles nur zum Nutzen des Schöpfers.
Und sobald er überreiche Weisheit erlangt hat, also zu verstehen beginnt, dass in Tora und Mizwot gewiss etwas liegt, worüber gesagt wurde „denn dies ist eure Weisheit und euer Verstand in den Augen der Völker“, dass aber darüber eine Verbergung liegt, sagt man ihm, dass dies richtig ist: Darüber liegt eine Verhüllung um der Korrektur willen. Denn das Ziel ist, dass der Mensch zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen muss. Und dies erlangt man durch die Angleichung der Form, die genannt wird „dass alle seine Handlungen auf das Geben gerichtet seien“.
Und hier beginnt der Mensch, ein Diener des Schöpfers zu werden, denn in der Arbeit bedeutet das: ein Diener des Schöpfers, das heißt, dass er zum Nutzen des Schöpfers arbeitet und nicht zu seinem eigenen Nutzen. Dann ist die Arbeit, die er verrichtet – also dass er zum Nutzen des Schöpfers arbeiten will und nicht zu seinem eigenen Nutzen –, der Anfang, an dem der Mensch beginnt, ins Exil unter die Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, einzutreten.
Und er hat keinerlei Hoffnung, aus diesem Exil herauszukommen, sondern er bedarf des Erbarmens des Himmels. Das heißt, dass der Schöpfer ihn selbst aus dem Exil herausführt, so wie es in Ägypten war, wovon (in der Haggada) geschrieben steht: „Und der Schöpfer führte uns aus Ägypten heraus, nicht durch einen Engel, sondern der Heilige, gepriesen sei Er, in Seiner Herrlichkeit und Selbst.“ Doch dass der Mensch spürt, dass er im Exil unter der Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, ist – das kann der Mensch nicht auf einmal spüren, also in dem Augenblick, da er zu arbeiten beginnt, um aus dieser Herrschaft herauszukommen.
Vielmehr erwirbt der Mensch dieses Gefäß, das „Mangel“ genannt wird – nämlich der Mangel an Kraft, sein Gefäß des Empfangens zu überwinden –, nicht auf einmal, sondern dazu braucht es Zeit und Mühe. Denn dann, durch das Verstreichen vieler Zeit, ist Raum für den Menschen, zu spüren, dass es nicht in seiner Hand liegt, von selbst herauszukommen; vielmehr bewirkt die Zeit beim Menschen ein Bedürfnis und Leiden, sodass er spürt, wie gut es ihm wäre, wenn es in seiner Hand läge, aus dem Exil herauszukommen, und wie schlecht, wenn er im Exil ist.
Und aus diesem Grund werden dem Menschen Aufstiege und Abstiege gegeben. Und der Mensch muss glauben, dass ihm sowohl die Aufstiege als auch die Abstiege von oben kommen. Und zugleich muss der Mensch zur Zeit der Arbeit sagen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?“ Und sobald der Mensch in einen Zustand kommt, in dem sein Mangel bereits ein vollständiger Mangel ist, wird das so angesehen, dass er bereits ein Gefäß hat, um die Füllung zu empfangen, um seinen Mangel zu füllen. Dann kommt die Zeit, da der Höhere sein Gefäß füllt.
Es ist bekannt, dass es kein Licht ohne Gefäß gibt, so wie es keine Füllung ohne Mangel gibt. Demnach ergibt sich, dass eine vollständige Sache „Licht und Gefäß“ genannt wird, die sich in zwei Hälften teilen:
Die erste Hälfte ist das Gefäß, nämlich der Mangel.
Die zweite Hälfte ist das Licht, nämlich die Füllung.
Demnach zeigt sich: Wenn der Mensch zum Schöpfer betet, Er möge seinen Mangel füllen, wird das „Hälfte“ genannt, nämlich das Bewirken eines Mangels, der das Gefäß ist, damit der Schöpfer seinen Mangel fülle. Und das ist es, was unsere Weisen sagten (Wajikra Rabba 18): „Das Gebet bewirkte die Hälfte“, was zu deuten ist: „Gebet“ – dass der Mensch zum Schöpfer betet, Er möge ihm füllen, was ihm fehlt – das wird bereits „Hälfte“ genannt, nämlich die erste Hälfte, die in der Hand des Menschen liegt; und die zweite Hälfte liegt in der Hand des Heiligen, gepriesen sei Er, das heißt, dass der Schöpfer das Licht geben muss, und dann wird es eine vollständige Sache sein.
Doch für „Licht und Gefäß“ gibt es viele Deutungen. Und wollte man bestimmen, was ein Gefäß ist, so könnte man sagen: ein Mangel, wobei es nicht wichtig ist, woran es mangelt. Zum Beispiel spürt der Mensch manchmal, dass ihm ein Gefäß fehlt, um Fülle (Schefa) zu empfangen, weil die Fülle nicht in ein Gefäß gelangen kann, das nicht auf das Geben auszurichten ist. Und da er spürt, dass er sich unter der Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, befindet, zeigt sich demnach, dass ihm ein Gefäß fehlt, das Fülle empfangen könnte.
Es zeigt sich, dass er nicht darum betet, dass man ihm Fülle gebe, sondern dass er darum betet, dass man ihm ein Gefäß gebe, das „Verlangen zu geben“ genannt wird. Es zeigt sich, dass „das Gebet bewirkte die Hälfte“ hier zu deuten ist: dass das Gebet eine Gefäßhälfte bewirkte und der Schöpfer die zweite Hälfte des Gefäßes geben muss. Es zeigt sich, dass diese beiden Hälften in Wahrheit ein vollständiges Gefäß sind und nicht Licht.
Und andererseits muss man sagen, dass der Mangel in der Hand des Menschen liegt – das wird „die erste Hälfte des Gefäßes“ genannt. Und die Füllung des Gefäßes, nämlich dass er das Verlangen zu geben hat – das wird „die zweite Hälfte des Gefäßes“ genannt –, gilt als Licht, weil das Verlangen zu geben, das der Höhere ihm gibt, eine Füllung über einem Mangel ist, und jede Füllung wird gegenüber dem Mangel „Licht“ genannt.
Und nach dem Gesagten lässt sich deuten, wonach wir fragten: Was deutet uns der halbe Schekel an, dass die Tora ausdrücklich die Hälfte nannte, „der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger geben“? Und die Sache ist die, dass man den Vers „Wenn du das Haupt der Kinder Israel erhebst“ so deuten kann: Denn unter „Haupt“ ist eine Stufe (Bechina) zu verstehen, wie geschrieben steht: „Möge es Sein Wille sein, dass wir zum Haupt werden und nicht zum Schwanz.“ Das heißt, dass sie die Stufe Israels (Israel) seien, welche die Buchstaben Li-Rosch (mir ein Haupt) sind.
Und das ist „jeder soll ein Lösegeld für seine Seele geben“. Das heißt, der Mensch muss aus dem Exil herauskommen – das wird „ein Lösegeld für seine Seele“ aus der Hand der Sitra Achra (der anderen Seite) genannt. Deshalb steht geschrieben: „Das sollen sie geben, jeder, der zu den Gezählten übergeht.“ Das bedeutet: jene, die spüren, dass sie die Gebote der Tora übertreten, weil sie unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen liegen. „Einen halben Schekel“ – das heißt, dass sie ein Gebet entrichten müssen, damit der Schöpfer sie aus dem Exil herausführt.
Und „das Gebet bewirkte die Hälfte“ – das heißt, dass das Gefäß und das Verlangen nach dieser Sache „Hälfte“ genannt werden, wie oben, sodass sie dadurch eine vollständige Sache haben werden, nämlich dass sie des Schekels der Heiligkeit gewürdigt werden. Das heißt, dass sie die Stufe eines halben Schekels haben werden, der das Gefäß ist, und darauf gibt der Schöpfer das Licht, woraufhin es bereits „eine vollständige Sache“ genannt wird. Und das ist es, was geschrieben steht: „Das sollen sie geben, jeder, der zu den Gezählten übergeht.“ Das heißt: jene, die bei sich selbst spüren, dass sie die Gebote der Tora übertreten, und die ein Lösegeld für ihre Seele geben wollen, damit ihre Seele in die Heiligkeit (Kedusha) eintrete, also damit sie die Kraft haben, alles um des Himmels willen zu tun – sie sollen einen halben Schekel geben.
Das heißt, wie oben, ein Gebet – das bedeutet, dass sie ein Gebet entrichten und nicht vom Beten ablassen müssen, bis ein vollständiges Maß an Mangel und Verlangen da ist, aus dem Exil herauszukommen, in dem sie unter der Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, liegen. Dadurch, dass sie ihre Hälfte geben, werden sie des Schekels der Heiligkeit gewürdigt, sodass die zweite Hälfte, die die Füllung des Gebets ist, zusammen den Schekel der Heiligkeit bilden wird, das heißt, dass es ein ganzer Schekel der Heiligkeit sein wird.
Und damit verstehen wir, wonach wir fragten: Was teilt es uns mit, dass gesagt wird „der Reiche soll nicht mehr und der Arme nicht weniger geben“? Versteht doch schon ein kleines Kind: Wenn man die Zahl einer Sache erfahren will, muss gewiss jeder Einzelne denselben Betrag geben. Und im Sinne der Arbeit lässt sich das so deuten, dass die Tora uns hier eine große Sache mitteilt, die man wissen muss: Beim Heiligen, gepriesen sei Er, sind Klein und Groß gleich, wie geschrieben steht (im Piyyut „Alle glauben“): „Er, der Klein und Groß gleichmacht und gleich behandelt.“
Das bedeutet: Der Mensch hält sich selbst für reich an guten Taten, weshalb es ihm zustehe, dass der Schöpfer ihm helfen müsse, und er nicht so lange zu beten brauche, bis der Schöpfer seinen Mangel fülle. Wenn er also bereits gebetet hat, und zwar nach dem Maß seiner Vorzüge, die er hat, dann hätte der Heilige, gepriesen sei Er, ihm sofort geben müssen, worum er bat. Und wenn der Heilige, gepriesen sei Er, ihm nicht sofort nach seinem Verständnis hilft, dann hört er auf zu beten und sagt: Die übrigen Menschen, die unter seinem Rang stehen, sie müssen viele Gebete entrichten, damit der Schöpfer ihnen hilft. Deshalb flieht er aus der Schlachtreihe.
Deshalb steht geschrieben: „Der Reiche soll nicht mehr geben“ – was bedeutet, dass der Reiche nicht denken soll, dass er, nach seinem Verständnis, allzu viel betet. Vielmehr gibt es ein bestimmtes Maß an Mangel und Bedürfnis, und gerade dadurch, dass der Mensch viel betet, empfängt er einen größeren Mangel, als er hat. Das heißt: Da ein großes Licht einen großen Mangel braucht, also dass er das Gefühl des Mangels habe – darin, dass er im Exil unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen ist und nicht herauskommen kann.
Und solange er kein wahrhaftiges Leiden hat, wird es noch nicht „wahrhaftiger Mangel“ genannt, der als „Gebet, das als halber Schekel gilt“ angesehen würde. Denn man muss wissen: Im Sinne der Arbeit wird das Gebet „Mangel“ genannt, das heißt, was der Mensch in seinem Herzen empfindet, dass es ihm fehlt – das wird „Gebet“ genannt, und nicht, was er mit dem Mund spricht. Denn das ist es, was unsere Weisen sagten, dass das Gebet die Arbeit im Herzen ist, nämlich das, was das Herz empfindet, dass es ihm fehlt. Und je nachdem, wie das Herz den Mangel an dem empfindet, was es nicht hat, danach misst man die Größe des Gebets.
Und die Sache des Schekels deuteten sie im Sohar so, dass es sich um die Sache des Gewichts der Waage handelt, auf der man die Mängel und die Füllungen wägt, weil sie als Licht und Gefäß gelten. Deshalb kann das Licht nur zu dem ihm entsprechenden Gefäß kommen, weil der Mangel nach der Füllung im Herzen liegt. Deshalb kommt auch das Licht in das Empfinden des Herzens, und es hat keinerlei Beziehung dazu, was der Mund spricht, während er betet.
Es zeigt sich, dass der Schöpfer dadurch, dass der Mensch seine Hälfte im Gebet gibt – nämlich das Empfinden des Mangels im Herzen –, das Licht gibt, das Heiligkeit ist. Und aus beiden, also aus dem Mangel und dem Licht, wird ein Schekel der Heiligkeit. Und das ist es, was geschrieben steht: „ein halber Schekel“, denn dann ist diese Hälfte noch nicht heilig. Sondern erst in dem Augenblick, da der Schöpfer ihm das Licht aus dem Aspekt „das Leuchten darin bringt ihn zum Guten zurück“ gibt, werden die beiden Hälften zu einem Schekel der Heiligkeit. Und das ist es, was geschrieben steht: „nach dem Schekel der Heiligkeit“.
Und nach dem Gesagten verstehen wir, was geschrieben steht: „und der Arme soll nicht weniger geben“. Das heißt: derjenige, der sich selbst für arm an Begabung und guten Eigenschaften hält und der in dem Sinne arm ist, dass er schwach im Charakter ist – wenn er also betet, dass der Schöpfer ihm helfe und ihm die Kraft gebe, dass er das Schlechte in sich überwinden könne und dass er die Kraft habe, auf das Geben hin zu arbeiten, dann beurteilt er den Schöpfer zum Guten, wenn der Schöpfer sein Gebet nicht annimmt – nämlich, dass dies daran liege, dass er arm ist.
Was soll er dann tun? Nichts, als aus der Schlachtreihe zu fliehen und zu sagen, dass dieser Weg nur für die Reichen ist. Davor warnt uns der Vers: „der Arme soll nicht weniger geben“ – das heißt, wie oben, dass bei der Sache „jeder soll ein Lösegeld für seine Seele geben“, um aus dem Exil herauszukommen und der Erlösung gewürdigt zu werden, beim Schöpfer alle gleich sind, wie oben, wie geschrieben steht: „Und alle glauben, dass Er leicht zu versöhnen ist, der Klein und Groß gleichmacht und gleich behandelt.“
Das heißt: Beim Schöpfer gibt es keinerlei Bevorzugung, sondern Er antwortet allen. Doch alle müssen zum Empfinden des Mangels gelangen, erfahren, was ihnen fehlt, und darüber beten. Und das Gebet selbst vergrößert den Mangel und den Schmerz darüber, dass er vom Schöpfer entfernt ist. Und wenn der Mensch alle Gebete, die er offenbaren muss, offenbart, dann empfängt er die „zweite Hälfte des Schekels“, der dann bereits ganz heilig ist, wie geschrieben steht: „nach dem Schekel der Heiligkeit“.
Und dann wird keine Plage unter ihnen sein – was bedeutet: Da die Bösen zu ihren Lebzeiten „tot“ genannt werden, wie es in der „Lehre der zehn Sefirot“ angeführt wird, und der Grund dafür das Verlangen zu empfangen ist, das in der Formverschiedenheit vom Schöpfer steht, und die Formverschiedenheit eine Trennung bewirkt, deshalb sind sie vom Leben des Lebens getrennt; deshalb werden sie „tot“ genannt. Es zeigt sich, dass durch das Gebet, das der halbe Schekel ist, den der Mensch geben muss – und wenn das Geben in Vollkommenheit geschieht –, der Schöpfer die zweite Hälfte gibt, nämlich das Licht, wodurch der Mensch bereits auf das Geben hin arbeiten kann; das wird so angesehen, dass er der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt wird, sich an das Leben des Lebens anzuhaften.
Und nach dem Gesagten ergibt sich, dass es zwei Weisen gibt, die bewirken, dass der Mensch aus der Schlachtreihe flieht, selbst dann, wenn er in die Arbeit eintritt, um dessen gewürdigt zu werden, an den Schöpfer angehaftet zu sein. Denn nachdem der Mensch beginnt, auf dem Weg der Wahrheit zu gehen, offenbart man ihm von oben seine Niedrigkeit. Das heißt, je mehr er sich überwindet, desto mehr empfängt er von oben die Sache der Verhärtung des Herzens, aus dem Grund, wie geschrieben steht: „damit Ich diese Meine Zeichen in seinem Inneren setze“. Das bedeutet, dass dadurch Raum entsteht für die Offenbarung des Lichts der Tora, das „Buchstaben“ genannt wird, das ihn zum Guten zurückbringt. Das heißt, es gibt kein Licht ohne Gefäß; deshalb offenbart sich durch die Verhärtung des Herzens der Mangel in seinem ganzen Maß. Und das Maß, wann er bereits in seinem ganzen Maß ist – das weiß der Schöpfer, wann das Gefäß vollendet ist.
Deshalb flieht der Mensch manchmal aus der Schlachtreihe, wenn er sieht, dass er seiner Meinung nach bereits viel gebetet hat und der Schöpfer nicht auf ihn achtet. Dann beurteilt der Mensch den Schöpfer manchmal zum Guten dafür, dass der Schöpfer sich seinem Gebet nicht zuwendet. Und er sagt, dass dies daran liege, dass er in jeder Hinsicht schwach im Charakter ist, sowohl an Begabung als auch an Eigenschaften und dergleichen.
Und darüber wurde gesagt: „und der Arme soll nicht weniger geben“ – was bedeutet, dass der Mensch sich nicht selbst geringachten und sagen soll, dass der Schöpfer einem so niedrigen Menschen wie ihm nicht helfen könne; denn darüber wurde gesagt: „Erhaben ist der Schöpfer, und doch sieht Er den Niedrigen.“ Und manchmal verlässt der Mensch die Schlachtreihe aus dem Grund, dass er weiß, dass er reich ist, das heißt, er hat viel Tora, viele gute Taten, und er weiß, dass er sich über das Volk erhebt. Wenn er also vom Schöpfer erbittet, ihm zu helfen, dass er die Kraft habe, alles auf das Geben hin zu tun – und warum wendet sich der Schöpfer ihm nicht zu? Denn er weiß, dass er bereits viele Gebete darüber entrichtet hat; deshalb sagt er, dass der Schöpfer ihm nicht antworten will, und deshalb flieht er.
Vielmehr muss der Mensch sich immer überwinden.
korrOp, EY, 24.07.2026, 18:16 Uhr, Ver3