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1990/27 Was bedeutet „Jeder Grashalm hat einen Aufseher oben, der ihn schlägt und ihm sagt: Wachse!“ in der Arbeit?

Unsere Weisen sagten: „Es gibt keinen Grashalm hier unten, über dem nicht oben ein Aufseher steht, der ihn behütet, ihn schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“ Es heißt (Sohar und BeReshit Rabba, 10): „Rabbi Simon sagte: Es gibt keinen Grashalm, der nicht ein Gestirn am Himmel hat, das ihn schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“

Man muss verstehen, worauf dieser Ausspruch uns in der Arbeit hindeutet. Wir sehen in unserer Welt, dass alle Geschöpfe die Ruhe lieben, wie geschrieben steht1: „Es ist bekannt, dass die Natur eines jeden Zweiges seiner Wurzel gleich ist. Darum begehrt der Zweig auch all jene Dinge, die in der Wurzel üblich sind, liebt sie und sehnt sich nach ihnen. Und von all jenen Dingen, die in seiner Wurzel nicht üblich sind, entfernt sich auch der Zweig, er erträgt sie nicht und hasst sie. Deshalb ist uns alles angenehm, was in Ihm enthalten ist und in geradem Lauf von Ihm zu uns herabfließt. Das heißt, wir lieben die Ruhe, weil unsere Wurzel sich nicht bewegt.“

Demnach stellt sich die Frage: Warum tun wir etwas, das wir nicht lieben? Und wer zwingt uns, uns anzustrengen? Die Antwort ist: Oben gibt es einen Aufseher, der einen Stock in der Hand hält und den Geschöpfen Leiden zufügt. Und weil sie das Leiden nicht ertragen können, lassen sie die Ruhe und gehen an die Arbeit. So zeigt sich, dass diese Arbeit „Arbeit auf dem Weg des Zwanges“ genannt wird, denn der Mensch zwingt sich wegen des Leidens, das der Aufseher ihm zufügt, selbst dazu, an die Arbeit zu gehen. Deshalb tun wir das, was mit „und er sagt zu ihm: Wachse!“ gemeint ist. Sonst würde der Mensch, sobald er geboren ist, an seinem Platz liegen bleiben, und es gäbe keinerlei Entwicklung, weder körperlich noch seelisch. Darum ist dieser Stock, den der Aufseher in der Hand hält und mit dem er auf die Geschöpfe einschlägt, die Ursache für die Entwicklung der Geschöpfe.

So zeigt sich: Dass wir die Genüsse empfangen, die durch die Entwicklung der Schöpfung kommen, hat seine Ursache darin, dass es oben einen Aufseher gibt, „der schlägt und sagt: Wachse!“, also damit jeder einzelne Grashalm wachse. Demnach gleichen die Menschen in der Welt den Gräsern des Feldes, deren jedes wachsen muss.

Man kann es auch im Sinne der spirituellen Arbeit auslegen: Der Aufseher schlägt auf die Geschöpfe ein. Und wenn die Geschöpfe das Leiden empfangen, sind sie gezwungen, voranzuschreiten. Sie können nicht im Zustand der Ruhe verharren, wie der Mensch ihn von Natur aus hat – einer Natur, die von seiner Wurzel herrührt, welche sich im Zustand vollkommener Ruhe befindet, wie oben gesagt. So zeigt sich, dass allein das Leiden den ganzen Antrieb zur Arbeit bewirkt hat.

Doch man muss verstehen: Wer ist der Aufseher, der einen Stock in der Hand hält und auf alle Geschöpfe einschlägt, damit sie nicht in der Ruhe verharren? Vielmehr ist jeder Einzelne, der „jeder einzelne Grashalm“ genannt wird, derjenige, auf den er einschlägt und zu dem er sagt: Wachse! Das ist der zweite Aspekt, den wir in unserer Wurzel zu unterscheiden haben.

Das heißt: Der Schöpfer, der unsere Wurzel ist, ist voller Genuss. Deshalb entsteht in uns Leiden, wenn wir keinen Genuss haben, wie oben gesagt. Denn was in der Wurzel ist, dem wollen die Zweige gleichen. Und das ist, wie oben gesagt2: „Der Zweig begehrt all jene Dinge, die in der Wurzel üblich sind, liebt sie und sehnt sich nach ihnen.“

Deshalb gilt: Die Geschöpfe sehnen sich nach Genüssen und können ohne sie nicht leben, weil der Genuss in der Wurzel vorhanden ist – und das ist der Aufseher, der schlägt und sagt: Wachse! Und das ist, wie geschrieben steht3: „Doch auch leer von Besitz und Gutem zu bleiben, ist gleichfalls unmöglich. Darum wählt man die Last vielfältiger Bewegung, um die Fülle des Besitzes zu erlangen.“ So zeigt sich, dass dies das Leiden ist, das der Mensch vom Aufseher empfängt, der schlägt und sagt: Wachse!

Das gilt sowohl in körperlichen als auch in spirituellen Dingen. Der Unterschied ist nur, dass es in den körperlichen Dingen keine Verbergung gibt. Das heißt, bei den körperlichen Genüssen gilt: „Das Auge sieht und das Herz begehrt.“ So zeigt sich, dass das, was das Auge sieht, dem Menschen Leiden verursacht. Denn was er sieht – sei es mit den Augen, sei es mit dem geistigen Blick –, das will er erlangen. Und das Sehnen danach verursacht dem Menschen Leiden, solange er es nicht erlangt.

Das Leiden bemisst sich nach dem Maß des Sehnens nach der Sache. So sehen wir es im Körperlichen: Manchmal nimmt sich der Mensch wegen einer enttäuschten Liebe das Leben. Und das kommt von dem großen Leiden, das ihm daraus erwächst, dass er keinen Weg sieht, die Sache zu erlangen. Deshalb sagt er: „Besser ist mir mein Tod als mein Leben“, und nimmt sich das Leben. Doch das gilt nur in den körperlichen Dingen.

In den spirituellen Dingen aber geschah um der Korrektur willen eine Einschränkung und Verbergung, sodass der Mensch das Gute und den Genuss nicht sieht, die in Tora und Mizwot verhüllt sind. Und das geschah mit Absicht von vornherein, damit Raum entstünde, um des Himmels willen zu arbeiten. Sonst gäbe es keinerlei Wahl und im Menschen keine Kraft, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, und zwar aus dem oben genannten Grund: weil das Auge sieht und dann das Herz begehrt. Dann wäre er gezwungen zu handeln, also Tora und Mizwot zu erfüllen, weil der offenbare Genuss ihn zwingen würde zu empfangen, um sein Leiden an der Begierde zum Schweigen zu bringen, wie es bei den körperlichen Begierden üblich ist.

Doch nun muss er alles im Glauben über dem Verstand tun und sagen, dass Tora und Mizwot dem Aspekt „denn sie sind unser Leben“ entsprechen, und wie geschrieben steht: „die begehrenswerter sind als Gold und viel feines Gold und süßer als Honig und Wabenhonig“. Wäre alles offenbar, dann würde sich das Verlangen zu empfangen gewiss nach dem Genuss sehnen, und dann gäbe es niemanden, der Tora und Mizwot nicht erfüllen würde. Und da man, um der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gewürdigt zu werden, mit der Absicht zu geben handeln muss, ruhen auf Tora und Mizwot Verhüllung und Verbergung. Deshalb lässt sich hier nicht sagen: „Das Auge sieht und das Herz begehrt.“

So zeigt sich, dass man im Spirituellen zuerst am Aspekt des Glaubens arbeiten muss, also an Lohn und Strafe glauben muss. Deshalb lässt sich nicht sagen: „Es gibt keinen Grashalm hier unten, über dem nicht oben ein Aufseher steht, der ihn schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“ Die Sache „er schlägt und sagt zu ihm: Wachse!“ meint demnach das Leiden, das der Mensch empfindet, weil er sieht, wie fern er dem Schöpfer ist. Er will und sehnt sich danach, dem Schöpfer anzuhaften, doch es gelingt ihm nicht, und darunter leidet er. Und dieses Leiden treibt ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht steht, einzig damit ihm die Anhaftung an den Schöpfer zuteil werde.

Daraus folgt: Der Mensch kann über eine Sache, nach der er sich sehnt, nur in dem Maße Leiden empfinden, wie sie ihm wichtig ist. Daher stellt sich die Frage: Da der Mensch ohne Leiden keinerlei Fortschritt macht, aus dem oben genannten Grund, dass er die Ruhe will – woher soll er dann die nötige Wichtigkeit nehmen, um des Himmels willen zu handeln? Das heißt, sich danach zu sehnen, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Und wenn er sieht, dass es nicht in seiner Macht steht, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, dann soll er Leiden empfinden. Dieses Leiden treibt ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht steht, damit ihm die Kraft zuteil werde, der Anhaftung an den Schöpfer in Wahrheit gewürdigt zu werden. Darüber sagt die Schrift4: „Glücklich ist der Mensch, den Du, Ewiger, zurechtweist und aus Deiner Tora unterweist.“

Auf den ersten Blick muss man verstehen: Worin besteht das „Glücklich“, wenn der Schöpfer ihm Leiden gibt? Man kann es wie oben auslegen: Der Schöpfer vermittelt ihm die Wichtigkeit der Tora, und er beginnt zu empfinden, dass die Tora dem Aspekt „die Tora und der Schöpfer sind eins“ entspricht. Das heißt, die Tora umfasst die Namen des Schöpfers. Und entsprechend der Wichtigkeit, die der Schöpfer ihm vermittelt, beginnt der Mensch Leiden zu empfinden, weil er von der ganzen spirituellen Sache fern ist.

Das heißt, er beginnt sich nach dem Spirituellen zu sehnen, dessen gewürdigt zu werden. Und jedes Mal, wenn er sieht, dass er fern ist, beginnt er Leiden zu empfinden. Und das Leiden treibt ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht steht, weil er zu empfinden beginnt, dass ohne das Spirituelle das Leben keinen Sinn hat.

So zeigt sich, dass es auch im Spirituellen die Sache des Aufsehers gibt, der oben über ihm steht und auf ihn einschlägt. Das heißt, er gibt ihm Leiden. Doch nicht jeder wird gewürdigt, dass der Schöpfer ihm die Wichtigkeit vermittelt, die in der Tora liegt und die ihm dieses Leiden verursacht. Und damit lässt sich verstehen, was geschrieben steht: „Glücklich ist der Mensch, den Du, Ewiger, zurechtweist.“ Das bedeutet, der Schöpfer vermittelt ihm jene Wichtigkeit, sodass er sich danach sehnt. Und das ist das Leiden, wie oben gesagt, dass der Aufseher oben schlägt und sagt: Wachse! Und das gilt sowohl im Körperlichen als auch im Spirituellen.

Und das ist, was im Heiligen Sohar steht5: „Und es gibt nicht einmal einen kleinen Grashalm auf Erden, über dem nicht oben in den oberen Welten eine obere Kraft steht. Und alles, was an jedem Einzelnen getan wird, und alles, was jeder Einzelne tut, geschieht ganz durch das Erstarken der oberen Kraft, die oben über ihn gesetzt ist. Und alle Gepflogenheiten, die durch das Urteil festgelegt werden, bewegen sich nach dem Urteil, bestehen nach dem Urteil, und keiner tritt aus seinem Bestand heraus.“

Auch das lässt sich wie oben auslegen: Alles wird nach der individuellen Vorsehung gelenkt, und die Unteren haben keinerlei Wahl, aus den Gesetzen herauszutreten, die die Vorsehung auf sie wirken lässt. So zeigt sich, wenn man von der Arbeit spricht, dass jeder Mensch eine kleine Welt ist: „Es gibt keinen Grashalm, über dem nicht oben ein Aufseher steht.“ Die Auslegung ist, dass kein Verlangen und kein Gedanke zum Menschen kommt, die nicht den oberen Gesetzen entsprächen. Daher rührt die ganze Schwere der Arbeit für den Schöpfer von den Widersprüchen her, auf die wir stoßen. Das heißt: Einerseits sagen wir, dass alles von der Arbeit des Menschen abhängt, wie unsere Weisen sagten: Der Mensch muss sagen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?“ Demnach liegt alles in der Hand des Menschen – das ist die Sache von Lohn und Strafe.

Andererseits muss man sagen, dass alles von oben kommt, wie oben in den Worten des Heiligen Sohar, der sagt: „Es gibt nicht einmal einen kleinen Grashalm auf Erden, über dem nicht oben eine obere Kraft steht.“ Das bedeutet, dass alles nach der oberen Vorsehung geht und die Unteren keinerlei Möglichkeit haben, daran etwas zu ändern. Die Antwort auf diese zwei einander widersprechenden Dinge ist wie oben in den Worten des Maimonides (angeführt in Artikel 25, 1990), der sagt, dass es nicht in unserer Macht liegt, dies zu verstehen, sondern dass wir glauben müssen, dass es so ist.

Und die Ordnung des Fortschreitens in der Arbeit, von der wir sagten, dass sie dadurch kommt, dass man die Wichtigkeit des Ziels erlangt, ist die, von der unsere Weisen sagten: Sie kommt durch die Tora. Denn auch wenn er sieht, dass er lo liShma (nicht um des Gebens willen) lernt, bringt ihn das Licht in der Tora dennoch zum Guten zurück. Das heißt, durch das Licht empfängt er die Wichtigkeit der Tora.

Und dann gelangt der Mensch zu jenem „Aufseher jedes einzelnen Grashalms, der schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“ Das heißt, er beginnt Leiden zu empfinden, weil er von der Anhaftung an den Schöpfer fern ist. Und dieses Leiden bewirkt, dass er alles tut, was in seinem Vermögen steht, um die Anhaftung an den Schöpfer zu erlangen.

Daraus folgt, dass der Mensch mit lo liShma beginnen muss, weil er erkennt, dass er noch nicht fähig ist, liShma (um des Gebens willen) zu handeln. Wenn er jedoch in lo liShma lernt und daran glaubt, dadurch zu liShma zu gelangen, empfängt er das Licht der Tora. Dadurch wird er schließlich würdig, liShma zu handeln.

Zur Sache des Leidens führe ich hier an, was im Sohar steht6: „Denn unsere Weisen sagten: Es gab vor Ihm keine Freude wie an dem Tag, an dem Himmel und Erde geschaffen wurden. Doch der Mensch kann an dieser Seiner großen Freude erst Anteil nehmen, nachdem er aus Liebe vollkommene Umkehr (Teshuwa) getan hat.

Doch zuvor freut er sich weder über sich selbst noch über die Geschöpfe der Welt. Im Gegenteil: Er erlebt die Welt als erfüllt von Kummer und Schmerzen – körperlichem wie seelischem Leid, wobei das seelische Leid in den Übertretungen besteht, die er begeht. Der Grund für all dies liegt darin, dass die Welt einzig nach dem Prinzip des Gebens erschaffen wurde: Der Mensch soll sich mit Tora und guten Taten beschäftigen, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, nicht um selbst Genuss zu empfangen.

Doch am Anfang gilt: ‚Als Wildesel wird der Mensch geboren.‘ Das heißt, sein ganzes Streben gilt der eigenen Lust. Und deshalb legte der Schöpfer harte und bittere Leiden in das Empfangen für sich selbst hinein, das dem Menschen bei seiner Geburt eingeprägt ist, sowohl körperliche als auch seelische Schmerzen. So sollte er, wenn er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt, sei es auch nur zur eigenen Lust, dennoch durch das Licht darin die furchtbare Niedrigkeit und Verderbtheit empfinden, die in der Natur des Empfangens für sich selbst liegt. Und dann nimmt er sich zu Herzen, sich von dieser Natur des Empfangens loszulösen, und gibt sich ganz hin, nur zu arbeiten, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Und dann öffnet der Schöpfer seine Augen, und er sieht vor sich eine Welt voll höchster Vollkommenheit.

In Bezug auf das körperliche und spirituelle Leiden, das er erlitt, bevor er Umkehr tat, gibt es zwei Wege:

Erstens den Aspekt ‚Alles, was der Barmherzige tut, tut Er zum Guten‘ (alles, was der Schöpfer tat, tat Er zum Guten). Denn er sieht mit eigenen Augen, dass er ohne jene furchtbaren Schmerzen, die er erlitt, weil er in der Natur des Empfangens für sich selbst versunken war, niemals der Umkehr gewürdigt worden wäre. Und deshalb spricht er über das Schlechte den Segen ebenso wie über das Gute. Das heißt, das Schlechte ist die Ursache des Guten.

Zweitens ‚Auch dies ist zum Guten.‘ Das heißt, die schlechten Dinge wurden nicht nur zu Ursachen des Guten, sondern die schlechten Dinge selbst verkehrten sich und wurden zu Gutem. Und das geschah durch sehr große Lichter, die der Schöpfer in all diese schlechten Dinge hineinleuchtet, bis sie sich verkehren und zu Gutem werden.“

So zeigt sich, dass jeder Fortschritt des Menschen gerade dann geschieht, wenn er Leiden empfindet in dem Zustand, in dem er sich befindet. Denn das gibt ihm den Antrieb, voranzuschreiten.

Mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was der heilige ARI sagt: „Keine Stufe steigt auf, außer durch den Aufstieg des von unten aufsteigenden Mangels (Majin Nukwin).“ Nukwin ist der Plural von Nukwa („weiblich“) und bezeichnet hier einen Mangel. „Himmel“ bezeichnet Bina, die Malchut in sich aufgenommen hat. Malchut wird „Mangel“ genannt, vom Wort Nekew („Loch“) [Nukwa und Nekew beruhen auf derselben Wortwurzel]. Deshalb ist der Obere gezwungen, dem Unteren zu geben, was ihm fehlt.

Und da es „kein neues Licht in der Welt gibt außer aus Ejn Sof“, steigt der Obere eine Stufe auf, um für den Unteren Fülle zu empfangen. Im Sinne der spirituellen Arbeit lässt sich auslegen, dass die Sache von Oberem und Unterem so zu verstehen ist: Der erste Zustand heißt „oberer“, und der zweite Zustand heißt „unterer“. Das heißt: Wenn der Mensch in dem Zustand, in dem er sich befindet, keinerlei Mangel empfindet, sondern Befriedigung hat, dann braucht er natürlich nicht in der Arbeit voranzuschreiten. Denn er sieht keinerlei Mangel, der ihm den Antrieb gäbe, voranzuschreiten.

Wenn der Mensch daher erfolgreich ist, entdeckt er einen Mangel in dem Zustand, in dem er sich befindet. Und das ist die Regel: „Jeder einzelne Zustand wird ‚oberer und unterer‘ genannt.“ So zeigt sich: In dem Augenblick, in dem er einen Mangel in seinem Zustand entdeckt, bewirkt der zweite Zustand, der „Zustand des Mangels“ genannt wird und dessen Mangel nun „unterer“ heißt, dass er den früheren Zustand verlässt und sich bemüht, den Mangel zu korrigieren, den er nun empfindet.

Das nennt man in der Arbeit, dass die weiblichen Wasser des Unteren einen Aufstieg in der Stufe für den Oberen bewirken – also für den früheren Zustand. Und das ist es, was der heilige ARI sagte, dass der Untere durch sein MaN einen Aufstieg für den Oberen bewirkt. So zeigt sich, wie oben gesagt, dass allein die Mängel, die „Leiden“ genannt werden, die Aufstiege bewirken, durch die man immer aufsteigt, um voranzuschreiten.

Mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was unsere Weisen sagten7: Rabbi Yehoshua ben Levi sagte: „Jedes Leiden, das über den Menschen kommt und ihn von den Worten der Tora abhält, ist ein Leiden der Zurechtweisung. Doch das Leiden, das über den Menschen kommt und ihn nicht von den Worten der Tora abhält, ist ein Leiden der Liebe, wie geschrieben steht: ‚Denn wen der Ewige liebt, den weist Er zurecht.‘“

Auf den ersten Blick ist es schwer zu verstehen: Soll Er ihm etwa Leiden geben, weil der Schöpfer ihn liebt? Die Vernunft fordert das Gegenteil, wie wir sehen: Wenn ein Mensch seinen Freund liebt, gibt er ihm Geschenke; niemand aber, der einen anderen liebt, bereitet ihm Leiden. Doch nach dem oben Gesagten gilt: Da der Mensch ohne Leiden im Zustand der Ruhe verharren will – weil unsere Wurzel sich im Zustand vollkommener Ruhe befindet –, ist es allein der „Aufseher, der schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“, also allein das Leiden, das ihn dazu bringt, den Genuss der Ruhe aufzugeben und sich um neuen Besitz zu bemühen.

Hat er hingegen kein Leiden, so bleibt er in dem Zustand, in dem er sich befindet. Zum Beispiel ein Mensch, der in einem einzigen Zimmer wohnte und dann heiratete und der träge ist, also die Ruhe mehr als üblich liebt: Er ist damit einverstanden, in einem einzigen Zimmer zu wohnen; wie er schon als Junggeselle in einem einzigen Zimmer wohnte, so lebt er auch nach der Heirat weiter.

Wenn ihm jedoch mehrere Kinder geboren werden, dann empfindet auch er die Enge im Haus und beginnt das Leiden darüber zu empfinden, dass er in einem einzigen Zimmer wohnt. Dann bewirkt das Leiden, dass er gezwungen ist, Überstunden zu arbeiten, das heißt, sich mehr anzustrengen als gewohnt, um eine Wohnung mit mehreren Zimmern zu erlangen.

In der Arbeit ist es dasselbe. Das heißt: Dem Menschen, der das Alter der Erziehung erreicht hat und den sein Vater dazu erzog, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen – soweit der Vater ihn verstehen ließ, was das Spirituelle ist, was „um des Himmels willen“ ist und dergleichen –, dem genügte das, um in die Arbeit zu gehen und Tora und Mizwot zu erfüllen. Doch wenn er herangewachsen ist, schon geheiratet hat und selbständig geworden ist und schon Kinder hat und weiß, dass er sie erziehen und ihnen die Ehrfurcht vor dem Himmel vermitteln muss, dann macht er eine Abrechnung mit sich selbst: um wie viel mehr Verständnis und Empfindung er jetzt hat als damals, als er ein neunjähriger Junge war, der das Alter der Erziehung erreichte, oder als er Bar Mizwa wurde.

Dann sieht er, dass er keinerlei Fortschritt gemacht hat, sodass er jetzt sagen könnte: „Ich verstehe die Sache der Wichtigkeit von Tora und Mizwot, die ich nicht kannte, als ich ein Junge war.“ Und wenn er darüber Leiden zu empfinden beginnt – das heißt, wenn er sich als zurückgebliebenen Menschen sieht, der schon in die Jahre gekommen ist und dessen Verstand wie der eines Kindes ist, das heißt, dass er dasselbe Verständnis von Tora und Mizwot, das er hatte, auch jetzt noch hat und nicht so vorangeschritten ist, wie ein Mensch voranschreiten soll –, so zeigt sich, dass er sich wie ein kleines Kind fühlt. Dieses Leiden treibt ihn an, sich anzustrengen und einen Lehrer zu finden, der fähig ist, ihn anzuleiten, damit er heranwachse und zum Mann werde und nicht wie ein Kind in der Arbeit bleibe.

Mit dem Gesagten verstehen wir, was wir gefragt haben: was es damit auf sich hat, dass unsere Weisen das Leiden, in dem keine Versäumung der Tora liegt, „Leiden der Liebe“ nannten. Die Auslegung ist, wie geschrieben steht: „Wen der Ewige liebt, den weist Er zurecht.“ Das heißt, dieses Leiden weckt im Menschen das Bedürfnis, in Tora und Mizwot voranzuschreiten, also Tora und Mizwot nicht so zu verstehen, wie er es als Kind tat, sondern so, wie es einem erwachsenen Mann entspricht.

So zeigt sich, dass das Leiden ihn antrieb zu lernen und sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, wie es dem Aspekt „Mensch“ entspricht und nicht dem Aspekt „Kind“. Wie unsere Weisen sagten: „Ihr werdet ‚Mensch‘ genannt, und die Völker der Welt werden nicht ‚Mensch‘ genannt.“ Die Bedeutung von „Mensch“ ist, dass er dem Aspekt „Redender“ entspricht. Das heißt, dass er nicht die Nahrung der „Lebewesen“ zu sich nimmt, sondern Nahrung, die dem Aspekt „Redender“ entspricht. Das wird „Leiden der Liebe“ genannt, in dem keine Versäumung der Tora liegt, sondern das im Gegenteil der Erlangung von Tora und Mizwot dient.

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. Talmud Esser haSefirot, S. 20, Punkt 19. 

  2. Talmud Esser haSefirot, Teil 1, S. 20. 

  3. Punkt 21. 

  4. Psalm 94. 

  5. Kedoshim, S. 36, und im Sulam, Punkt 108. 

  6. Bereshit, Teil 3, S. 64, und im Sulam, Punkt 103. 

  7. Bereshit Rabba 92,1.