1990/27 Was bedeutet „Jeder Grashalm hat einen Aufseher oben, der ihn schlägt und ihm sagt: Wachse!“ in der Arbeit?
Unsere Weisen sagten: „Es gibt keinen Grashalm hier unten, über dem nicht oben ein Aufseher steht, der ihn behütet, ihn schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“ Es heißt (Sohar und Bereshit Rabba, 10): „Rabbi Simon sagte: Es gibt keinen Grashalm, der nicht ein Gestirn am Himmel hat, das ihn schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“
Man muss verstehen, worauf dieser Ausspruch uns in der Arbeit hindeutet. Wir sehen in unserer Welt, dass alle Geschöpfe die Ruhe lieben, wie geschrieben steht (Talmud Esser haSefirot, S. 20, Punkt 19): „Es ist bekannt, dass die Natur eines jeden Zweiges seiner Wurzel gleich ist. Darum begehrt der Zweig auch all jene Dinge, die in der Wurzel üblich sind, liebt sie und sehnt sich nach ihnen. Und von all jenen Dingen, die in seiner Wurzel nicht üblich sind, entfernt sich auch der Zweig, er erträgt sie nicht und hasst sie. Deshalb ist uns alles angenehm, was in Ihm enthalten ist und in geradem Lauf von Ihm zu uns herabfließt. Das heißt, wir lieben die Ruhe, weil unsere Wurzel sich nicht bewegt.“
Demnach stellt sich die Frage: Warum tun wir etwas, das wir nicht lieben? Und wer zwingt uns, uns anzustrengen? Die Antwort ist: Oben gibt es einen Aufseher, der einen Stock in der Hand hält und den Geschöpfen Leiden zufügt. Und weil sie das Leiden nicht ertragen können, lassen sie die Ruhe und gehen an die Arbeit. So zeigt sich, dass diese Arbeit „Arbeit auf dem Weg des Zwanges“ genannt wird, denn der Mensch zwingt sich selbst, an die Arbeit zu gehen, wegen des Leidens, das der Aufseher ihm zufügt. Daher tun wir, was es heißt: „und sagt zu ihm: Wachse!“ Sonst würde der Mensch, sobald er geboren ist, an seinem Platz liegen bleiben, und es gäbe keinerlei Entwicklung, weder körperlich noch seelisch. Darum ist dieser Stock, den der Aufseher in der Hand hält und mit dem er auf die Geschöpfe einschlägt, die Ursache für die Entwicklung der Geschöpfe.
So zeigt sich: Dass wir die Genüsse empfangen, die durch die Entwicklung der Schöpfung kommen, hat seine Ursache darin, dass es oben einen Aufseher gibt, „der schlägt und sagt: Wachse!“, also damit jeder einzelne Grashalm wachse. Demnach gleichen die Menschen in der Welt den Gräsern des Feldes, deren jedes wachsen muss.
Man kann es auch im Sinne der spirituellen Arbeit auslegen: Der Aufseher schlägt auf die Geschöpfe ein. Und wenn die Geschöpfe das Leiden empfangen, sind sie gezwungen, voranzuschreiten. Sie können nicht im Zustand der Ruhe verharren, wie der Mensch ihn von Natur aus hat – einer Natur, die von seiner Wurzel herrührt, welche sich im Zustand vollkommener Ruhe befindet, wie oben gesagt. So zeigt sich, dass der ganze Antrieb zur Arbeit allein daher rührt, dass das Leiden ihn bewirkt hat.
Doch man muss verstehen: Wer ist der Aufseher, der einen Stock in der Hand hält und auf alle Geschöpfe einschlägt, damit sie nicht in der Ruhe verharren? Vielmehr ist jeder Einzelne, der „jeder einzelne Grashalm“ genannt wird, derjenige, auf den er einschlägt und zu dem er sagt: Wachse! Das ist der zweite Aspekt, den wir in unserer Wurzel zu unterscheiden haben.
Das heißt: Der Schöpfer, der unsere Wurzel ist, ist voller Genuss. Deshalb erzeugt das in uns Leiden, wenn wir keinen Genuss haben, wie oben gesagt. Denn was in der Wurzel ist, dem wollen die Zweige gleichen. Und das ist, wie oben gesagt (Talmud Esser haSefirot, Teil 1, S. 20): „Der Zweig begehrt all jene Dinge, die in der Wurzel üblich sind, liebt sie und sehnt sich nach ihnen.“
Deshalb gilt: Die Geschöpfe sehnen sich nach Genüssen und können ohne sie nicht leben, weil der Genuss in der Wurzel vorhanden ist – und das ist der Aufseher, der schlägt und sagt: Wachse! Und das ist, wie geschrieben steht (Punkt 21): „Doch auch leer von Besitz und Gutem zu bleiben, ist gleichfalls unmöglich. Darum wählt man die Last vielfältiger Bewegung, um die Fülle des Besitzes zu erlangen.“ So zeigt sich, dass dies das Leiden ist, das der Mensch vom Aufseher empfängt, der schlägt und sagt: Wachse!
Diese Sache gilt sowohl in körperlichen als auch in spirituellen Dingen. Der Unterschied ist nur, dass es in den körperlichen Dingen keine Verbergung gibt. Das heißt, bei den körperlichen Genüssen gilt: „Das Auge sieht und das Herz begehrt.“ So zeigt sich, dass das, was das Auge sieht, dem Menschen Leiden verursacht. Denn was er sieht – sei es mit den Augen, sei es mit dem geistigen Blick –, danach sehnt er sich, es zu erlangen. Und das Sehnen nach dieser Sache verursacht dem Menschen Leiden, solange er sie nicht erlangt.
Das Leiden bemisst sich nach dem Maß des Sehnens nach der Sache. So sehen wir es im Körperlichen: Manchmal nimmt sich der Mensch wegen einer enttäuschten Liebe das Leben. Und das geschieht wegen des vielen Leidens, das er dadurch hat, dass er nicht sieht, wie er die Sache erlangen könnte. Deshalb sagt er: „Besser ist mir mein Tod als mein Leben“, und nimmt sich das Leben. Doch das gilt nur in den körperlichen Dingen.
In den spirituellen Dingen aber geschah um der Korrektur willen eine Einschränkung und Verbergung, sodass der Mensch das Gute und den Genuss nicht sieht, die in Tora und Mizwot verhüllt sind. Und das geschah mit Absicht von vornherein, damit Raum entstünde, um des Himmels willen zu arbeiten. Sonst gäbe es keinerlei Möglichkeit der Wahl, dass im Menschen die Kraft sein könnte, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, und zwar aus dem oben genannten Grund: weil das Auge sieht und dann das Herz begehrt. Dann wäre er gezwungen zu handeln, also Tora und Mizwot zu erfüllen, weil der offenbare Genuss ihn zwingen würde zu empfangen, um sein Leiden an der Begierde zum Schweigen zu bringen, wie es bei den körperlichen Begierden üblich ist.
Doch nun, da er alles im Glauben über dem Verstand tun und sagen muss, dass Tora und Mizwot dem Aspekt „denn sie sind unser Leben“ entsprechen – und wie geschrieben steht: „die begehrenswerter sind als Gold und viel feines Gold und süßer als Honig und Wabenseim“ –: Wäre alles offenbar, dann würde sich das Verlangen zu empfangen gewiss nach dem Genuss sehnen, und dann gäbe es keinerlei Möglichkeit, dass irgendjemand Tora und Mizwot nicht erfüllen würde. Und da man, um der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt zu werden, mit der Absicht zu geben handeln muss, ruhen auf Tora und Mizwot Verhüllung und Verbergung. Deshalb lässt sich hier nicht sagen: „Das Auge sieht und das Herz begehrt.“
So zeigt sich, dass man im Spirituellen zuerst am Aspekt des Glaubens arbeiten muss, also an Lohn und Strafe glauben muss. Deshalb lässt sich nicht sagen: „Es gibt keinen Grashalm hier unten, über dem nicht oben ein Aufseher steht, der ihn schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“ Die Sache „er schlägt und sagt zu ihm: Wachse!“ meint demnach das Leiden, das der Mensch empfindet, weil er sieht, wie fern er dem Schöpfer ist. Er will und sehnt sich danach, dem Schöpfer anzuhaften, doch es gelingt ihm nicht, und darunter leidet er. Und dieses Leiden treibt ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht steht, einzig damit ihm die Anhaftung an den Schöpfer zuteilwerde.
Daraus folgt: Der Mensch kann über eine Sache, nach der er sich sehnt, nur in dem Maße Leiden empfinden, wie sie ihm wichtig ist. Daher stellt sich die Frage: Da der Mensch ohne Leiden keinerlei Fortschritt macht, aus dem oben genannten Grund, dass der Mensch die Ruhe will – woher soll der Mensch dann die nötige Wichtigkeit nehmen, um des Himmels willen zu handeln? Das heißt, sich danach zu sehnen, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Und wenn er sieht, dass es nicht in seiner Macht steht, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, dann soll er Leiden empfinden. Dieses Leiden treibt ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht steht, damit ihm die Kraft zuteilwerde, der Anhaftung an den Schöpfer in Wahrheit gewürdigt zu werden. Darüber sagt die Schrift (Psalm 94): „Wohl dem Mann, den Du, Jah, züchtigst und den Du aus Deiner Tora belehrst.“
Auf den ersten Blick muss man verstehen: Worin liegt das „Wohl dem“ darin, dass der Schöpfer ihm Leiden gibt? Man kann es wie oben auslegen: Der Schöpfer vermittelt ihm die Wichtigkeit der Tora, und er beginnt zu empfinden, dass die Tora dem Aspekt „die Tora und der Schöpfer sind eins“ entspricht. Das heißt, die Tora umfasst die Namen des Schöpfers. Und entsprechend der Wichtigkeit, die der Schöpfer ihm vermittelt, beginnt der Mensch Leiden zu empfinden, weil er von der ganzen spirituellen Sache fern ist.
Das heißt, er beginnt sich nach dem Spirituellen zu sehnen, dessen gewürdigt zu werden. Und jedes Mal, wenn er sieht, dass er fern ist, beginnt er Leiden zu empfinden. Und das Leiden treibt ihn an, alles zu tun, was in seiner Macht steht, weil er zu empfinden beginnt, dass ohne das Spirituelle das Leben keinen Sinn hat.
So zeigt sich, dass es auch im Spirituellen die Sache des Aufsehers gibt, der oben über ihm steht und auf ihn einschlägt. Das heißt, er gibt ihm Leiden, und dieses Leiden – nicht jeder wird gewürdigt, dass der Schöpfer ihm die Wichtigkeit vermittelt, die in der Tora liegt und die ihm dieses Leiden verursacht. Und damit lässt sich verstehen, was geschrieben steht: „Wohl dem Mann, den Du, Jah, züchtigst.“ Das bedeutet, der Schöpfer vermittelt ihm jene Wichtigkeit, sodass er sich danach sehnt. Und das ist das Leiden, wie oben gesagt, dass der Aufseher oben schlägt und sagt: Wachse! Und das gilt sowohl im Körperlichen als auch im Spirituellen.
Und das ist, was im heiligen Sohar steht (Kedoshim, S. 36, und im Sulam, Punkt 108): „Und es gibt nicht einmal einen kleinen Grashalm auf Erden, über dem nicht oben in den oberen Welten eine obere Kraft steht. Und alles, was an jedem Einzelnen getan wird, und alles, was jeder Einzelne tut, geschieht ganz durch das Übermächtigwerden der oberen Kraft, die oben über ihm gesetzt ist. Und alle Gepflogenheiten, die durch das Urteil festgelegt werden, ziehen nach dem Urteil aus, bestehen nach dem Urteil, und keiner tritt aus seinem Bestand heraus.“
Auch das lässt sich wie oben auslegen: Alles wird nach der individuellen Vorsehung gelenkt, und die Unteren haben keinerlei Wahl, aus den Gesetzen herauszutreten, die die Vorsehung auf sie wirken lässt. So zeigt sich, wenn man von der Arbeit spricht, dass jeder Mensch eine kleine Welt ist: „Es gibt keinen Grashalm, über dem nicht oben ein Aufseher steht.“ Die Auslegung ist, dass kein Verlangen und kein Gedanke zum Menschen kommt, der nicht nach den oberen Gesetzen käme. Daher rührt die ganze Schwere, die es in der Arbeit für den Schöpfer gibt, von den Widersprüchen her, auf die wir stoßen. Das heißt: Einerseits sagen wir, dass alles von der Arbeit des Menschen abhängt, wie unsere Weisen sagten, dass der Mensch sagen muss: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?“ Demnach liegt alles in der Hand des Menschen – das ist die Sache von Lohn und Strafe.
Andererseits muss man sagen, dass alles von oben kommt, wie oben in den Worten des heiligen Sohar, der sagt: „Es gibt nicht einmal einen kleinen Grashalm auf Erden, über dem nicht oben eine obere Kraft steht.“ Das bedeutet, dass alles nach der oberen Vorsehung geht und die Unteren keinerlei Möglichkeit haben, daran etwas zu ändern. Die Antwort auf diese zwei einander widersprechenden Dinge ist wie oben in den Worten des Rambam (angeführt in Artikel 25, 1990), der sagt, dass es nicht in unserer Macht liegt, dies zu verstehen, sondern dass wir glauben müssen, dass es so ist.
Und die Ordnung des Fortschreitens in der Arbeit, von der wir sagten, dass sie dadurch kommt, dass man die Wichtigkeit im Ziel erlangt, ist so, wie unsere Weisen sagten, dass sie durch die Tora kommt. Denn auch wenn er sieht, dass er nicht um ihretwillen (lo liShma) lernt, bringt ihn das Licht in der Tora dennoch zum Guten zurück. Das heißt, durch das Licht empfängt er die Wichtigkeit der Tora.
Und dann gelangt der Mensch zu jenem „Aufseher jedes einzelnen Grashalms, der schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“ Das heißt, er beginnt Leiden zu empfinden, weil er von der Anhaftung an den Schöpfer fern ist. Und dieses Leiden bewirkt, dass er alles tut, was in seinem Vermögen steht, um die Anhaftung an den Schöpfer zu erlangen.
Daraus folgt, dass der Mensch nicht um ihretwillen (lo liShma) beginnen muss. Denn um ihretwillen (liShma) zu handeln, dazu sieht der Mensch sich nicht fähig. Doch wenn er nicht um ihretwillen lernt – in dem Glauben, dass er dadurch zum Handeln um ihretwillen gelangen wird –, dann empfängt er das Licht der Tora. Und dadurch wird er gewürdigt, zum Handeln um ihretwillen zu gelangen.
Zur Sache des Leidens führe ich hier an, was im Sohar steht (Bereshit, Teil 3, S. 64, und im Sulam, Punkt 103): „Denn unsere Weisen sagten: Es gab vor Ihm keine Freude wie an dem Tag, an dem Himmel und Erde geschaffen wurden. Doch der Mensch kann an dieser Seiner großen Freude erst Anteil nehmen, nachdem er aus Liebe vollkommene Umkehr (Teshuwa) getan hat.
Doch zuvor freut er sich keineswegs an sich selbst und an den Geschöpfen der Welt. Im Gegenteil, vor sich empfindet er eine Welt voller Kummer und Schmerzen – sowohl körperliche Schmerzen als auch seelische Schmerzen, die in den Übertretungen bestehen, die er begeht. Und all das ist ihm widerfahren, weil die Welt nur im Geheimnis des Gebens erschaffen wurde, das heißt, um sich mit Tora und guten Werken zu beschäftigen, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten und nicht zur eigenen Lust.
Doch am Anfang gilt: ‚Als Wildesel wird der Mensch geboren.‘ Das heißt, sein ganzes Streben gilt der eigenen Lust. Und deshalb prägte der Schöpfer dem Menschen in der Sache des Empfangens für sich selbst – die ihm bei seiner Geburt eingeprägt ist – harte und bittere Leiden ein, sowohl körperliche Schmerzen als auch seelische Schmerzen. Auf dass er, wenn er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt, sei es auch nur zur eigenen Lust, dennoch durch das Licht darin die furchtbare Geringheit und Verderbtheit empfinde, die in der Natur des Empfangens für sich selbst liegt. Und dann nimmt er sich zu Herzen, sich von dieser Natur des Empfangens loszulösen, und gibt sich ganz hin, nur zu arbeiten, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Und dann öffnet der Schöpfer seine Augen, und er sieht vor sich eine Welt voll höchster Vollkommenheit.
In Bezug auf das körperliche und spirituelle Leiden, das er erlitt, bevor er Umkehr tat, gibt es zwei Wege:
Erstens den Aspekt ‚Alles, was der Barmherzige tut, tut Er zum Guten‘ (alles, was der Schöpfer tat, tat Er zum Guten). Denn er sieht mit eigenen Augen, dass er ohne jene furchtbaren Schmerzen, die er erlitt, weil er in der Natur des Empfangens für sich selbst versunken war, niemals der Umkehr gewürdigt worden wäre. Und deshalb segnet er über das Schlechte, so wie er über das Gute segnet. Das heißt, das Schlechte ist die Ursache des Guten.
Zweitens ‚Auch dies ist zum Guten.‘ Das heißt, die schlechten Dinge wurden nicht nur zu Ursachen des Guten, sondern die schlechten Dinge selbst verkehrten sich und wurden zu Gutem. Und das geschah durch sehr große Lichter, die der Schöpfer in all diese schlechten Dinge hineinleuchtet, bis sie sich verkehren und zu Gutem werden.“
So zeigt sich, dass jeder Fortschritt des Menschen gerade dann geschieht, wenn er Leiden empfindet in dem Zustand, in dem er sich befindet. Denn das gibt ihm den Antrieb, voranzuschreiten.
Mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was der heilige ARI sagt: dass „keine Stufe aufsteigt, außer durch den Aufstieg der weiblichen Wasser (Majin Nukwin)“ – wobei „weibliche Wasser“ einen Mangel bedeutet. „Himmel“ bedeutet den Aspekt Bina, die in sich den Aspekt Malchut aufnahm, und Malchut wird „Mangel“ genannt, vom Wort „Loch“ (Nekew). Deshalb ist der Obere gezwungen, dem Unteren zu geben, was ihm fehlt.
Und da es „kein neues Licht in der Welt gibt außer aus Ejn Sof“, steigt der Obere eine Stufe auf, um für den Unteren Fülle zu empfangen. Im Sinne der spirituellen Arbeit lässt sich auslegen, dass die Sache von Oberem und Unterem so zu verstehen ist: Der erste Zustand heißt „oberer“, und der zweite Zustand heißt „unterer“. Das heißt: Wenn der Mensch in dem Zustand, in dem er sich befindet, keinerlei Mangel empfindet, sondern Befriedigung hat, dann braucht er natürlich nicht in der Arbeit voranzuschreiten. Denn er sieht keinerlei Mangel, der ihm den Antrieb gäbe, voranzuschreiten.
Wenn der Mensch jedoch erfolgreich ist, entdeckt er einen Mangel in dem Zustand, in dem er sich befindet. Und das ist die Regel: „Jeder einzelne Zustand wird ‚oberer und unterer‘ genannt.“ So zeigt sich: In dem Augenblick, in dem er einen Mangel in seinem Zustand entdeckt, bewirkt der zweite Zustand, der „Zustand des Mangels“ genannt wird und dessen Mangel nun „unterer“ heißt, dass er den früheren Zustand verlässt und sich bemüht, den Mangel zu korrigieren, den er nun empfindet.
Das nennt man in der Arbeit, dass die weiblichen Wasser des Unteren einen Aufstieg in der Stufe für den Oberen bewirken – also für den früheren Zustand. Und das ist es, was der heilige ARI sagte, dass der Untere durch sein MaN einen Aufstieg für den Oberen bewirkt. So zeigt sich, wie oben gesagt, dass allein die Mängel, die „Leiden“ genannt werden, die Aufstiege bewirken, durch die man immer aufsteigt, um voranzuschreiten.
Mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was unsere Weisen sagten (Bereshit Rabba 92,1): Rabbi Jehoshua ben Levi sagte: „Jedes Leiden, das über den Menschen kommt und ihn von den Worten der Tora abhält, ist ein Leiden der Zurechtweisung. Doch das Leiden, das über den Menschen kommt und ihn nicht von den Worten der Tora abhält, ist ein Leiden der Liebe, wie geschrieben steht: ‚Denn wen der Ewige liebt, den weist Er zurecht.‘“
Auf den ersten Blick ist es schwer zu verstehen: Soll Er ihm etwa Leiden geben, weil der Schöpfer ihn liebt? Die Vernunft fordert das Gegenteil, wie wir sehen: Wenn ein Mensch seinen Freund liebt, gibt er ihm Geschenke, und nicht etwa, dass jemand, der den anderen liebt, ihm Leiden bereitet. Doch nach dem oben Gesagten gilt: Da der Mensch ohne Leiden im Zustand der Ruhe verharren will – weil unsere Wurzel sich im Zustand vollkommener Ruhe befindet –, sind allein durch den „Aufseher, der schlägt und zu ihm sagt: Wachse!“, also allein durch das Leiden, die Ursachen dafür gegeben, dass er den Genuss der Ruhe aufgibt und sich bemüht, neuen Besitz zu erwerben.
Hat er hingegen kein Leiden, so bleibt er in dem Zustand, in dem er sich befindet. Zum Beispiel ein Mensch, der in einem einzigen Zimmer wohnte und heiratete und der träge ist, also die Ruhe mehr als üblich liebt: Dann ist er einverstanden, in einem einzigen Zimmer zu wohnen, und obwohl er schon als Junggeselle in einem einzigen Zimmer wohnte, lebt er auch nach der Heirat weiterhin so.
Wenn ihm jedoch mehrere Kinder geboren werden, dann empfindet auch er die Enge im Haus und beginnt das Leiden darüber zu empfinden, dass er in einem einzigen Zimmer wohnt. Dann bewirkt das Leiden, dass er gezwungen ist, Überstunden zu arbeiten, das heißt, sich mehr anzustrengen als gewohnt, um eine Wohnung mit mehreren Zimmern zu erlangen.
In der Arbeit ist es dasselbe. Das heißt: Dem Menschen, der das Alter der Erziehung erreicht hat und den sein Vater dazu erzog, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen – soweit der Vater ihn verstehen ließ, was das Spirituelle ist, was „um des Himmels willen“ ist und dergleichen –, dem genügte das, um in die Arbeit zu gehen und Tora und Mizwot zu erfüllen. Doch wenn er herangewachsen ist, schon geheiratet hat und zu einem selbständigen Wesen geworden ist und schon Kinder hat und weiß, dass er sie erziehen und ihnen die Ehrfurcht vor dem Himmel vermitteln muss, dann macht er eine Abrechnung mit sich selbst: wie viel Verständnis und Empfindung er jetzt hat, mehr als damals, als er ein neunjähriger Junge war, der das Alter der Erziehung erreichte, oder als er Bar Mizwa wurde.
Dann sieht er, dass er keinerlei Fortschritt gemacht hat, sodass er jetzt sagen könnte: „Ich verstehe die Sache der Wichtigkeit von Tora und Mizwot, die ich nicht kannte, als ich ein Junge war.“ Und wenn er darüber Leiden zu empfinden beginnt – das heißt, wenn er sich als zurückgebliebenen Menschen sieht, der schon in die Jahre gekommen ist und dessen Verstand wie der eines Kindes ist, das heißt, dass er dasselbe Verständnis von Tora und Mizwot, das er hatte, auch jetzt noch hat und nicht so vorangeschritten ist, wie ein Mensch voranschreiten soll –, so zeigt sich, dass er sich wie ein kleines Kind fühlt. Dieses Leiden treibt ihn an, sich anzustrengen und einen Lehrer zu finden, der fähig ist, ihn anzuleiten, damit er heranwachse und zum Mann werde und nicht wie ein Kind in der Arbeit bleibe.
Mit dem Gesagten verstehen wir, was wir gefragt haben: Was es mit dem auf sich hat, was unsere Weisen über das Leiden sagten, in dem keine Versäumung der Tora liegt und das „Leiden der Liebe“ genannt wird. Die Auslegung ist, wie geschrieben steht: „Wen der Ewige liebt, den weist Er zurecht.“ Das heißt, dieses Leiden bringt dem Menschen das Bedürfnis, in Tora und Mizwot voranzuschreiten, also Tora und Mizwot nicht so zu verstehen, wie er es als Kind tat, sondern so, wie es einem erwachsenen Mann entspricht.
So zeigt sich, dass das Leiden ihn antrieb zu lernen und sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, wie es dem Aspekt „Mensch“ entspricht und nicht dem Aspekt „Kind“. Wie unsere Weisen sagten: „Ihr werdet ‚Mensch‘ genannt, und die Völker der Welt werden nicht ‚Mensch‘ genannt.“ Die Bedeutung von „Mensch“ ist, dass er dem Aspekt „Redender“ entspricht. Das heißt, dass er nicht die Nahrung der „Lebewesen“ zu sich nimmt, sondern Nahrung, die dem Aspekt „Redender“ entspricht. Das wird „Leiden der Liebe, in dem keine Versäumung der Tora liegt“ genannt, sondern im Gegenteil: das der Erlangung von Tora und Mizwot dient.
korrOp, EY, 25.07.2026, 03:58 Uhr, Ver3