1990/44 Was ist ein freiwilliger Krieg in der Arbeit? – 2
Rashi erklärt zum Vers „Wenn du in den Krieg gegen deine Feinde ziehst“, dass der Vers von einem freiwilligen Krieg spricht. Zu verstehen ist nun, was „Wenn du in den Krieg gegen deine Feinde ziehst“ als freiwilliger Krieg bedeutet: Was ist in der Arbeit ein freiwilliger Krieg, und was ist ein Krieg, der nicht unter diesen Begriff fällt?
Bekanntlich gibt es 248 Gebote des Tuns und 365 Verbote, die zusammen „613 Mizwot“ [Gebote] heißen. Man ist verpflichtet, sie in allen Einzelheiten und Feinheiten einzuhalten; tut man es nicht, so gilt das als „Übertretung“. Über sie heißt es: „Füge nichts hinzu und nimm nichts weg.“ Diese Pflicht betrifft die Handlung: Auf dem Menschen liegt die Pflicht, zu tun, was geboten ist, und zu unterlassen, was verboten ist.
Anders verhält es sich mit der Absicht. Die Absicht so auszurichten, dass man handelt, um zu geben – dieser Krieg ist ein freiwilliger. Mit anderen Worten: Diese Arbeit kommt nicht der ganzen Allgemeinheit zu, sondern nur den Menschen, die einen inneren Drang verspüren. Sie fühlen, dass das Erfüllen der Mizwot in der Weise, wie sie es tun, ihnen keine Verbindung zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer schafft. Zugleich erkennen sie: Obwohl der Mensch zur Liebe des Schöpfers gelangen sollte, haben sie bei allem, was sie tun, keine andere Absicht als ihren eigenen Nutzen. Ihnen kommt diese Arbeit zu, die „um zu geben“ heißt.
Der Allgemeinheit dagegen wurde dies nicht auferlegt. Deshalb heißt die Arbeit des Gebens „freiwilliger Krieg“ und nicht „Pflicht“. So sagt es Rambam [Maimonides] am Ende der Hilchot Teshuwa, und das sind seine Worte: „Wenn man daher Kinder, Frauen und das einfache Volk unterrichtet, lehrt man sie nur, aus Furcht zu dienen und um Lohn zu empfangen, bis ihr Verstand sich mehrt und sie eine größere Weisheit erlangen; dann offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach.“
Demnach kommt die Sache des liShma (um ihretwillen), die „um zu geben“ heißt, nicht der Allgemeinheit zu, sondern nur den Menschen, deren Verstand sich bereits gemehrt hat. Daraus folgt, dass die Arbeit des Gebens gerade jenen zukommt. Sie heißt deshalb „freiwilliger Krieg“ und nicht „Pflichtkrieg“, weil sie nicht der ganzen Allgemeinheit auferlegt ist, sondern, wie gesagt, nur jenen – „bis ihr Verstand sich mehrt und sie eine größere Weisheit erlangen; dann offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach“.
Zum Sinn des freiwilligen Krieges ist noch etwas hinzuzufügen: Die Anhaftung an den Schöpfer bedeutet, die eigene Herrschaft zu annullieren. Denn der Mensch wird von Natur aus so geboren, dass er nur die eigene Herrschaft spürt: Er ist der Hausherr und tut, was er will. Damit er aber weiß, dass es die Herrschaft des Schöpfers gibt, der die Welt lenkt, muss er glauben, dass der Schöpfer der König der Welt ist.
Der Mensch muss glauben, dass diese Verhüllung – dass er nicht spürt, dass es einen König der Welt gibt – vom Schöpfer bewirkt wurde; sie heißt „die Korrektur des Zimzum (Beschränkung)“. Er muss vielmehr glauben und große Mühe darauf verwenden, bis er in seinen Gliedern spürt, dass der Schöpfer die Welt lenkt. Nicht nur als Lenker: Er muss glauben, dass Seine Führung, gepriesen sei Er, gut und gütig ist. Dafür muss der Mensch alles tun, was in seiner Macht steht, bis er fähig ist, dies zu erlangen – denn es äußert sich auf zwei Weisen:
a. Der Mensch muss daran arbeiten, dass er den Willen und das Verlangen hat, seine Herrschaft zu annullieren – so wie unsere Weisen zum Vers „Ein Mensch, der im Zelt stirbt“ sagten: „Die Tora hat nur in dem Bestand, der sich für sie tötet.“ Gemeint ist, dass er sein Eigenes annullieren will. Der Mensch muss also dahin gelangen, dass er nur noch eine einzige Herrschaft hat: die Herrschaft des Schöpfers. Er tut dann keine Handlung mehr zum eigenen Nutzen, sondern sorgt einzig und allein um des Nutzens des Schöpfers willen. Das heißt „Herrschaft des Einen“. Er kämpft dafür mit sich selbst, und eben dieser Kampf wird in der Arbeit „freiwilliger Krieg“ genannt.
b. Nach all der Mühe, die der Mensch aufwendet, um diese Herrschaft zu erlangen, empfängt er eine „zweite Natur“. Statt des Verlangens zu empfangen, das er zuvor zum eigenen Nutzen hatte, wollte er diese Herrschaft annullieren und eine neue empfangen, nämlich das Verlangen, dem Schöpfer zu geben – und das ist die Sache der Anhaftung: So wie der Schöpfer der Gebende ist, so will auch der Mensch dem Schöpfer geben.
Doch es steht nicht in der Macht des Menschen, diese Herrschaft zu empfangen. Allein der Schöpfer kann es: So wie Er ihm zuvor die Herrschaft des Verlangens gab, zum eigenen Nutzen zu empfangen, so kann Er ihm auch eine andere Herrschaft geben – nämlich die Herrschaft des Einen, die dem Schöpfer gehört. Er gibt ihm damit eine „zweite Natur“: „das Verlangen, dem Schöpfer zu geben“.
Wenn der Mensch geboren wird, hat er demnach nur eine Herrschaft, nämlich seine eigene. Nimmt er danach das Königtum des Himmels auf sich, um Tora und Mizwot zu halten, gelangt er zu zwei Herrschaften: Er arbeitet nun mit der Absicht, Lohn zu empfangen – so wie Rambam sagt: „Man unterrichtet Kinder, Frauen und das einfache Volk, um Lohn zu empfangen.“
Danach beginnt die Arbeit als freiwilliger Krieg, nämlich die eigene Herrschaft zu annullieren, die „eigener Nutzen“ heißt, und sich danach zu sehnen, dass der Schöpfer ihm die Herrschaft des Einen gibt, nämlich die Herrschaft des Schöpfers. Der Mensch muss also der zweiten Natur gewürdigt werden, die „Verlangen zu geben“ heißt, sodass er den Wunsch hat, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.
Das ist es, was geschrieben steht: „Wenn du in den Krieg gegen deine Feinde ziehst“ – nämlich im freiwilligen Krieg, wie gesagt. Aus eigener Kraft ist es nicht möglich, den Feind zu bezwingen, der „Verlangen, für sich selbst zu empfangen“ heißt, also diese Herrschaft zu annullieren. Vielmehr verspricht uns der Vers: „Und der Schöpfer, dein Gott, gibt ihn in deine Hand.“ Der Schöpfer wird dir also diese Kraft geben, nämlich jene Herrschaft, die „Herrschaft des Einen“ heißt – Er wird dir eine „zweite Natur“ geben, wie gesagt.
Damit der Mensch aber bereit ist, um diese Herrschaft zu bitten, braucht es ein Gebet aus tiefstem Herzen. Er muss spüren, wie sehr ihm diese Kraft fehlt, die „Verlangen zu geben“ heißt. Dafür wurden uns die 613 Mizwot als Ratschläge (Ejtin) gegeben, die „613 Ratschläge“ heißen. Durch sie gewinnt der Mensch ein Mangelempfinden und spürt, wie nötig er das Verlangen zu geben hat – denn das allein hindert ihn daran, zur Vollkommenheit des Ziels zu gelangen.
Mehr noch: Auch dafür – dass er nämlich den wahren Mangel nicht spürt, weil er kein wahres Bedürfnis nach dem Verlangen zu geben hat – muss der Mensch beten: dass der Schöpfer ihm das Mangelempfinden für eben das gibt, was ihm fehlt, um das Verlangen zu geben zu erlangen.
In Wahrheit ist es so: Solange der Mensch Glauben an den Schöpfer hat und glaubt, dass Er ein großer König ist, muss er sich annullieren „wie eine Kerze vor einer Fackel“. Dann bleibt ihm keine Wahl, denn er annulliert sich von selbst. Sobald er aber beginnt, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, kommen ihm fremde Gedanken, und sein Glaube wird dadurch geschwächt. Dass der Mensch nicht mit der Absicht zu geben arbeiten kann, liegt demnach am Mangel an Glauben.
Das ist es, was geschrieben steht (Psalm 42): „Meine Träne wurde mir zu Brot bei Tag und bei Nacht, da man den ganzen Tag zu mir sagt: Wo ist dein Gott?“ Ihm kamen also Gedanken des Pharao, der sagte: „Wer ist der Schöpfer, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“ Der Mensch muss dann um zwei Dinge zugleich beten:
a. um den Glauben, dass der Schöpfer Sich nicht vor ihm verbirgt – wie geschrieben steht: „Verbirg Dein Angesicht nicht vor mir.“
b. darum, dass Er ihn nähert – dass Er ihm also die Kraft des Verlangens zu geben schenkt; denn durch dieses Verlangen nähert sich der Mensch dem Schöpfer, was „Gleichheit der Form“ heißt.
Der Grund, weshalb dem Menschen fremde Gedanken kommen, sobald er mit der Absicht zu geben arbeiten will, ist folgender: Solange der Mensch zum eigenen Nutzen arbeitet, widersetzt sich der Körper ihm nicht sonderlich, denn der Mensch verspricht ihm viel Lohn, sodass es sich lohnt, Tora und Mizwot zu halten – der Lohn versüßt die Mühe, wie bei jeder körperlichen Arbeit. Der Körper stellt daher keinerlei Fragen zu seiner Arbeit in Tora und Mizwot; der Mensch lebt in Ruhe und ist mit seiner Arbeit zufrieden, weil er glaubt, dass sein Lohn Tag für Tag wächst. So führt er ein ruhiges Leben und empfindet Seelenfrieden. Hat er obendrein Gelegenheit, die Mizwa „Du sollst deinen Nächsten zurechtweisen“ zu erfüllen, ist er erst recht zufrieden.
Anders verhält es sich, wenn der Mensch zu seinem Körper sagt: Bis jetzt habe ich zu deinem Vorteil gearbeitet. Bei allem, womit ich mich befasste – sei es in weltlichen Dingen, sei es in Tora und Mizwot –, ging es immer um die Absicht, dass es dir gut gehe. All meine Sorge galt also nur dem Verlangen, für sich selbst zu empfangen, das man „Selbstliebe“ oder „eigener Nutzen“ nennt.
Von nun an aber will ich nicht mehr zum Vorteil des Körpers arbeiten, sondern nur noch zum Nutzen des Schöpfers. Dann beginnt der Körper sich zu widersetzen und fragt: Warum stößt er mich weg? Er tut alles, was in seiner Macht steht, und bringt Einwände aus aller Welt vor. Das ist der Einwand des Pharao, der fragte: „Wer ist der Schöpfer, dass ich auf Seine Stimme hören sollte?“, und ebenso der Einwand des Bösen, der fragt: „Was soll euch dieser Dienst?“ Diese Gedanken erschweren dem Menschen die Arbeit so sehr, dass er oft aus dem Kampf fliehen will – wegen der Abstiege und Aufstiege, die er durchläuft, und weil er sieht, dass diese Arbeit kein Ende nimmt.
Alles, was der Mensch dem Körper entgegnen kann, ist, dass er in wahrer Ehrfurcht arbeiten will – im Sohar „weil Er groß ist und herrscht“ genannt. Es ist ihm ein großes Vorrecht, einem großen König zu dienen, und er will seinem Schöpfer Wohlgefallen bereiten. Das allein soll seine Sorge sein; um sich selbst will er sich nicht mehr sorgen.
Mit dem Gesagten verstehen wir, was geschrieben steht (Ki Tawo, dritter Abschnitt): „An diesem Tag gebietet dir der Schöpfer, dein Gott, diese Gesetze und Rechtsbestimmungen zu tun. Und du sollst sie halten und tun mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele.“ Rashi erklärt „an diesem Tag“ so: „An jedem Tag sollen sie in deinen Augen neu sein, als wären sie dir an eben diesem Tag geboten worden.“ Nun ist zu verstehen, was uns das bringt – was wir also damit gewinnen, dass wir uns bemühen müssen, jeden Tag so zu nehmen, als wäre er uns an eben diesem Tag geboten worden. Die Sache ist, wie gesagt, dass uns in der Arbeit zwei Weisen vorliegen:
a. um Lohn zu empfangen,
b. nicht um Lohn zu empfangen, sondern wegen der Größe des Schöpfers.
Diejenigen, deren Arbeit darin besteht, Lohn zu empfangen, brauchen nicht, „dass jeder Tag wie neu sei“. Denn wenn der Mensch glaubt, dass er als Gegenleistung für seine Arbeit Lohn empfängt, hat er bereits Kraft zur Arbeit, weil dieser Lohn der Beweggrund ist, Tora und Mizwot zu halten. Es macht für ihn also keinen Unterschied: Glaubt er an den Lohn, den uns die Tora versprochen hat, so braucht er das Gebot nicht jeden Tag zu erneuern – denn was würde ihm das bringen?
Anders bei jenen Menschen, die aus dem Grund „weil Er groß ist und herrscht“ arbeiten wollen, also wegen der Größe des Schöpfers: Für sie braucht es sehr wohl, dass es ist, „als wären sie dir an eben diesem Tag geboten worden“. Der Grund dafür ist: Wenn der Mensch sich mit Tora und Mizwot mit der Absicht zu geben befasst, muss er Tag für Tag prüfen, wie groß er den Schöpfer ermisst, für den es sich lohnt, Mühe aufzuwenden, um Ihm zu dienen.
Das ist im Sinne dessen, was im Sohar steht: „Ihr Gemahl ist bekannt in den Toren“ – „ein jeder nach dem, was er in seinem Herzen ermisst“. In der Arbeit des Gebens herrscht nämlich die Sache der Aufstiege und Abstiege, und so gleicht „kein Tag dem anderen“: Manchmal ermisst er, dass er einen großen König hat, und manchmal das Gegenteil. Deshalb muss jeder einzelne Tag „neu“ sein, „als wären sie dir an eben diesem Tag geboten worden“.
Die Kräfte der Mühe richten sich also danach, welchem König er gerade dient, einem großen oder einem kleinen. Hatte er gestern eine Vorstellung davon, dass Er ein großer König ist, und fehlt ihm heute diese Vorstellung, so wendet er nicht dieselbe Mühe auf wie gestern, sondern nur nach dem Maß seines heutigen Glaubens. Deshalb sagt uns der Vers: „An diesem Tag gebietet dir der Schöpfer, dein Gott.“ Der Mensch muss wissen, dass er an jedem einzelnen Tag ein anderes Maß des Glaubens an Ihn, gepriesen sei Er, hat.
Deshalb soll sich der Mensch nicht beirren lassen, wenn zur Zeit des Abstiegs manchmal nur ein kleiner König da ist – wenn sein Glaube sich also in Kleinheit befindet und ihn nicht dazu verpflichten kann, sich über seinen Körper zu erheben. Er unterwirft sich dann seinem Körper und denkt schon daran, den Kampf zu verlassen.
Vielmehr muss der Mensch glauben: Bei diesem Abstieg, in dem er keine Kraft zur Selbstüberwindung hat, wird der Schöpfer ihm helfen und ihn aus der Niedrigkeit herausführen, in der er sich befindet, und er wird danach einen noch größeren Glauben an den Schöpfer erlangen. Dann hat er gewiss Kräfte zur Arbeit, denn jeder Tag ist etwas Neues, nämlich ein neuer Glaube. Das ist es, was er sagt: „Als wären sie dir an diesem Tag geboten worden“ – alles entspricht dem Glauben, den er an jenem Tag hat; in diesem Maß arbeitet der Mensch.
Man muss wissen: Wenn der Mensch beginnt, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, und der Körper sich dem widersetzt, dann zieht der Körper ihn in die allerschlimmste Niedrigkeit hinab. Das Verlangen zu empfangen gewinnt die Oberhand über ihn und zieht ihn zu niedrigen Begierden hinab. Manchmal kommen ihm Gedanken und Begierden, an die er nie gedacht hat; sie kommen zu ihm wie ungebetene Gäste. Da wundert sich der Mensch und fragt: Was ist mit diesem Tag im Vergleich zu anderen Tagen? Wer hat mir diese Gedanken und Begierden verursacht? Hat etwa der Umstand, dass ich dachte, man müsse nur zum Nutzen des Schöpfers arbeiten, diese Gedanken bewirkt, die mich in eine solche Niedrigkeit geworfen haben? Es ist doch bekannt, dass „eine Mizwa die nächste nach sich zieht“ – warum hat dann das Verlangen, Gefäße des Gebens zu erlangen, bewirkt, dass der Mensch als Gegenleistung solche Gedanken empfängt? Und was kann der Mensch in solchen Lagen tun?
Vielmehr muss der Mensch wissen – wie mein Vater und Lehrer [Baal HaSulam] sagt (im Buch Shamati, Artikel Nr. 1 „Es gibt keinen außer Ihm“) –, dass der Schöpfer ihm diese Gedanken schickt, damit er eine solche Niedrigkeit nicht ertragen kann. Das bewirkt, dass er aus tiefstem Herzen zum Schöpfer betet, Er möge ihm statt der Gedanken, die Trennung und Entfernung vom Schöpfer verursachen, Kräfte der Annäherung geben. Dann liegt es dem Menschen ob, zum Schöpfer zu beten und zu rufen: „Wirf uns nicht von Dir weg und nimm uns nicht den Geist Deiner Heiligkeit“ – der Schöpfer möge ihm vielmehr die zweite Natur geben, nämlich das Verlangen zu geben. Er soll dann nur noch den Wunsch haben, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, und sich um sich selbst nicht sorgen. Von selbst gehen dann all jene Gedanken und Begierden von ihm fort, die das Verlangen zu empfangen herbeibringt.
Bei all jenen Gedanken, die das Verlangen zu empfangen herbeibringt, muss der Mensch glauben, dass man sie ihm vom Himmel schickt. Der Grund ist, dass er den Weg des Gebens gehen will, sich aber zugleich in der Arbeit träge zeigt. Weil der Mensch gebetet hat, der Schöpfer möge ihn nähern, sodass er an Ihn angehaftet ist – was die Sache der Gleichheit der Form ist –, schickt man ihm die fremden Gedanken, sobald man seine Trägheit in der Arbeit sieht. Der Mensch kann nicht hinnehmen, unter einer solchen Herrschaft zu stehen, und eben das gibt ihm den Anstoß, die Lage zu überwinden, in der er sich befindet.
Aus eben diesem Schlechten erwächst demnach der Nutzen: Der Mensch fühlt, dass er sich in einer derart niedrigen Lage befindet, wie er es sich nie hätte vorstellen können – dass er überhaupt unter einer solchen Herrschaft stehen kann. Gerade deshalb soll er sich nicht beirren lassen und nicht aus der Arbeit fliehen. Im Gegenteil: Er muss glauben, dass der Schöpfer Sich jetzt um ihn kümmert und ihn mit einem Zustand des Achoraim (Rückseite) näher zu Sich bringt.
Das ist im Sinne dessen, was im Buch „Pri Chacham“ steht (Teil 2, Blatt 77): „Zum Vers ‚Mein Geliebter gleicht einer Gazelle.‘ Wie die Gazelle, wenn sie flieht, ihr Gesicht nach hinten wendet, so wendet auch der Heilige, gepriesen sei Er, wenn Er Sich, Gott behüte, von Israel zurückzieht, Sein Gesicht nach hinten. Da wurde das Panim (Gesicht/Vorderseite) zu Achoraim (Rückseite). Das heißt, dass Er Sich danach sehnt und danach verlangt, wieder an Israel angehaftet zu sein. Und daraus werden auch in Israel Sehnsucht und Verlangen geboren, an den Schöpfer, gepriesen sei Er, angehaftet zu sein, wobei das Maß der Sehnsucht und des Verlangens in Wahrheit das Panim selbst ist.“
Das ist so zu erklären: Gemeint ist die Zeit, in der der Mensch sich in der Lage der Niedrigkeit befindet – was als ein Sich-Entfernen und Sich-Zurückziehen des Heiligen, gepriesen sei Er, von ihm gilt – und keinerlei Willen und Verlangen zur Arbeit hat. Der Heilige, gepriesen sei Er, gibt ihm dann eine Gestalt des Spirituellen, die keinerlei Geschmack hat; im Gegenteil, der Mensch will fliehen und die Arbeit ganz vergessen. Das nennt man, dass der Schöpfer ihm den Achoraim zeigt.
Denn das „Panim“ des Schöpfers ist Sein Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, während der „Achoraim“ genau das Gegenteil ist. Warum aber zeigt der Schöpfer dem Menschen den Achoraim? Es geschieht mit voller Absicht: Der Mensch soll dadurch einen Anstoß zur Anhaftung an den Schöpfer empfangen, denn in einer Lage der Niedrigkeit kann er nicht bleiben. So zeigt sich, dass im Achoraim innen ein Panim verborgen ist.
korrOp, EY, 26.07.2026, 22:08 Uhr, Ver4