1991/15 Was bedeutet der Segen „Der für mich an diesem Ort ein Wunder vollbracht hat“ in der Arbeit?
Unsere Weisen sagten (Traktat Berachot 54): „Über eine Person, der ein Wunder widerfahren ist, wie zum Beispiel, dass sie von einem Löwen gerettet wurde. Raba sagte zu ihm: ‚Jedes Mal, wenn du an diesen Ort kommst, segne: ‚Gepriesen sei Er, der an diesem Ort ein Wunder für mich vollbracht hat.'" Wir sollten verstehen, was uns das in der Arbeit lehren soll.
Es ist bekannt, dass das Schöpfungsziel darin bestand, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Zu diesem Zweck schuf Er in den Geschöpfen ein Verlangen und eine Sehnsucht, Freude und Genuss zu empfangen. Wenn kein Verlangen nach dem Genuss vorhanden ist, kann der Mensch nicht genießen, so wie wir in der Natur sehen können, dass ein Mensch, der kein Verlangen nach etwas hat, nicht genießen kann. Wenn ein Mensch zum Beispiel keinen Hunger hat, kann er das Essen nicht genießen, usw. Deshalb sehen und sagen wir, dass der Schöpfer in unserer Natur ein Verlangen erschaffen hat, Freude und Genuss zu empfangen.
Wir sollten nicht fragen: Warum hat der Schöpfer eine solche Natur erschaffen? Denn unsere Weisen sagten (Traktat Chagiga 11): „Ein Mensch könnte etwas über die Zeit vor der Erschaffung der Welt fragen. Darüber sagt uns die Schrift: ‚Vom Tag an, an dem Gott den Menschen auf der Erde erschaffen hat'" (Dwarim 4,32). Das bedeutet, dass wir nicht danach fragen können, warum Er die Welt ausgerechnet mit der Natur, die wir sehen können, erschaffen hat. Er hätte ja auch eine andere Natur erschaffen können. Wir können nicht danach fragen, aber wir lernen alles aus dem Aspekt „An Deinem Handeln erkennen wir dich." Das heißt, wir lernen von den Handlungen, die wir sehen können, und nicht vorher.
Wir können auch eine zweite Natur sehen, nämlich dass der Zweig seiner Wurzel ähneln will. Das heißt, so wie die Eigenschaft der Wurzel der Geschöpfe, die der Schöpfer ist, darin besteht, zu geben und nichts zu empfangen, so schämt sich der Mensch, wenn er das Brot der Gnade essen muss. In der Sprache des Sohar wird dies „Brot der Scham" (nahama de'kissufa) genannt. Daraus folgt, dass wenn der Mensch vom Schöpfer innerhalb seiner Gefäße des Empfangens empfängt, was der Eigenschaft des Schöpfers, der der Gebende ist, widerspricht, der Mensch sich unangenehm fühlt. Denn es gab eine Korrektur, die „Zimzum [Einschränkung] und Verhüllung" genannt wurde. Das heißt, solange ein Mensch keine Gleichheit der Form hat, die „Verlangen zu geben" genannt wird, wird er unter die Verhüllung der Kedusha [Heiligkeit] gestellt. Wir sollten auch nicht fragen, warum der Schöpfer eine Natur der Scham erschaffen hat. Und warum Er dafür gesorgt hat, dass der Zweig seiner Wurzel ähneln will? Aus dem oben genannten Grund können wir nicht nach dem Zustand vor der Schöpfung fragen.
Das Kli der Geschöpfe ist das Verlangen, Genuss zu empfangen. Bevor das Verlangen zu empfangen erschaffen wurde, haben wir nichts, worüber wir sprechen können. Wir schreiben dieses Kli [Gefäß] dem Schöpfer zu, das heißt, wir müssen an diesem Kli nicht arbeiten, sondern bei jedem Menschen, sofern er es nicht verdorben hat, ist dieses Kli in Vollkommenheit. Das heißt, wo immer das Verlangen zu empfangen einen Ort sieht, von dem man Genuss ableiten kann, läuft es sofort dorthin.
Anders verhält es sich mit dem Kli, das „Verlangen zu geben" genannt wird, weil der Mensch die Gleichheit der Form anstrebt. Da wir dieses Kli dem Geschöpf zuschreiben – das heißt, der Mensch muss dieses Kli machen, weil das Geschöpf die Gleichheit der Form anstrebt –, deshalb liegt es am Menschen, dies zu tun.
Und so sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam), seligen Angedenkens, über das, was geschrieben steht: „was Gott erschaffen hat, um zu tun". Das bedeutet: „Erschaffen hat" bezieht sich auf das Kli, das „Verlangen zu empfangen" genannt wird; „zu tun" bezieht sich auf die Geschöpfe, die das Kli, das „Verlangen zu geben" genannt wird, machen müssen. Und dies geschieht nicht aus der Natur, die der Schöpfer geschaffen hat. Vielmehr begann Er die Schöpfung mit dem Aspekt des Verlangens zu empfangen; und ihr, das heißt die Geschöpfe, müsst das Verlangen zu geben machen. Wenn der Mensch deshalb in der Absicht zu geben (be-al-menat lehashpia) arbeiten muss, ist dies eine andere Natur als die, mit der der Mensch erschaffen wurde.
Aus diesem Grund besteht die gesamte Arbeit, die der Mensch in der Arbeit des Schöpfers verrichten muss, darin, das Kli zu machen, das eine entgegengesetzte Handlung zu jenem Kli ist, mit dem der Mensch erschaffen wurde. Wenn der Mensch mit der Arbeit des Gebens beginnt, spürt er noch nicht, wie sehr sein Verlangen zu empfangen ihn in der Arbeit des Gebens stört. Dies ist eine Korrektur, damit der Mensch die Wahrheit – das Maß des Bösen, das in ihm ist – nicht sieht. Denn würde er das Böse in sich sehen, liefe er gewiss vor der Arbeit davon und wollte diese Arbeit nicht einmal beginnen. Deshalb sagt Maimonides, dass man den Menschen zuerst an Lo liShma [nicht um Ihretwillen] gewöhnen muss, „bis er Wissen erlangt und viel Weisheit erworben hat"; dann offenbart man ihm die Angelegenheit von liShma [um Ihretwillen], die „in der Absicht zu geben" genannt wird.
Und man sollte wissen: Wenn der Mensch unter der Herrschaft des Verlangens steht, für sich selbst zu empfangen, wird dies „Exil in Ägypten" genannt. Denn wenn der Mensch in diese Arbeit eintritt, wird ihm allmählich von oben das Ausmaß der Herrschaft des Bösen in ihm offenbart, wie geschrieben steht: „Und die Kinder Israels seufzten von der Arbeit." Das heißt: Bei der Arbeit des Gebens, die sie begonnen hatten, sahen sie, dass sie nicht in der Lage waren, diese Arbeit auszuführen, weil die Ägypter über sie herrschten. Und sie sahen damals, dass sie nicht aus eigener Kraft aus dem ägyptischen Exil herauskommen konnten, sondern dass nur der Schöpfer sie herausführen kann. Dies wird „Wunder" genannt: alles, was der Mensch nicht aus eigener Kraft tun kann, sondern nur durch Hilfe von oben, heißt „Wunder". Und dies ist das Wunder des Auszugs aus Ägypten.
Und man sollte wissen: Wenn der Mensch zur Dwekut [Anhaftung] an den Schöpfer gelangen will, hat er Auf- und Abstiege. Und die Ordnung ist, dass beim Abstieg, wenn der Mensch in einen Zustand der Verzweiflung gerät, er manchmal in einen Zustand kommt, in dem er „all die Mühe bereut, die er umsonst aufgewendet hat" – was „das Frühere bereuen" genannt wird – und überhaupt von der Arbeit des Schöpfers fliehen will. Doch plötzlich empfängt er eine Erweckung von Oben, erhält Lebenskraft und Begeisterung für die Arbeit und vergisst völlig, dass er je einen Abstieg hatte; vielmehr ist er mit dem Aufstieg zufrieden. Dann aber kann der Mensch den Aufstieg nicht in höherem Maß genießen, als er während des Abstiegs unter der Herrschaft des Bösen gelitten hat.
Und man sollte wissen: Das Exil, das der Mensch empfindet – dass er sich im Exil befindet –, bemisst sich nicht am Exil selbst, sondern an der Empfindung des Bösen und der Leiden, die er deswegen erleidet, weil er sich im Exil befindet. Und wenn er dann Leiden hat, weil er unter der Herrschaft der Antreiber steht, alles tun muss, was sie von ihm verlangen, und kein Recht hat zu tun, was er will, sondern alles bedienen und ausführen muss, was die Völker der Welt – die sich im Körper des Menschen befinden – verlangen, und er keine Kraft hat, ihnen den Rücken zu kehren, dann kann er in dem Maß, wie er Schmerzen empfindet und ihnen entfliehen will, die Erlösung genießen.
Und wie wir es bei dem hebräischen Sklaven sehen, wo geschrieben steht (2. Mose 21,2 / Mishpatim 1): „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre dienen, und im siebten Jahr soll er umsonst zur Freiheit ausziehen." Sicherlich sollte der Sklave darüber froh sein, dass er in die Freiheit ausgeht, sich nun in eigenem Recht befindet und keinen Herrn mehr über sich hat. Dennoch sehen wir, was die Tora sagt: „Und wenn der Sklave ausdrücklich sagt: ‚Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder, ich will nicht frei ausziehen.'" Wir sehen, dass es vorkommt, dass ein Mensch Sklave bleiben will. Und zugleich steht geschrieben (5. Mose 16,12): „Erinnere dich, dass du ein Sklave in Ägypten warst."
Das heißt: Sklave-Sein ist etwas Übles, und doch gibt es manchmal den Fall, dass der Mensch Sklave bleiben will. Wenn dem so ist, was bedeutet dann „Erinnere dich, dass du ein Sklave in Ägypten warst"? Und wer sagt überhaupt, dass Sklave-Sein so schlimm ist? Es gibt doch Menschen, die Sklaven sein wollen, wie oben gesagt, da der Sklave sprach: „Ich liebe meinen Herrn." Vielmehr ist es, wie oben gesagt: Die Sache des Exils richtet sich nach dem Maß der Leiden und Schmerzen, die man im Exil empfindet, und in diesem Maß kann man Freude aus der Erlösung empfangen. Das gleicht Licht und Kli: Die Leiden, die man wegen einer Sache erleidet, sind das Kli, das Licht empfangen kann, wenn man sich von den Leiden befreit.
Daher heißt es im Hinblick auf das Exil in Ägypten, wo die Schrift sagt: „Erinnere dich, dass du ein Sklave in Ägypten warst", dass Sklave-Sein etwas zutiefst Übles ist – und zwar deshalb, weil das Volk Israel dort in Ägypten Leiden empfand. Deshalb sagt die Schrift „Erinnere dich", das heißt, man muss sich an die dort erlittenen Leiden erinnern. Erst dann gibt es Raum, sich über die Erlösung aus Ägypten zu freuen.
Und dort in Ägypten sagt die Schrift: „Auch Ich habe das Stöhnen der Kinder Israels gehört, die die Ägypter zur Arbeit zwangen, und Ich gedachte Meines Bundes." Es zeigt sich also, dass in Ägypten, als sie Sklaven waren – wie geschrieben steht: „Sklaven waren wir dem Pharao in Ägypten" –, sie deshalb litten; und ebenso heißt es: „Und die Kinder Israels seufzten unter der Arbeit." Deshalb wurde uns die Mizwa des „Erinnerns an Ägypten" gegeben, wie geschrieben steht: „damit du des Tages deines Auszugs aus dem Land Ägypten gedenkst alle Tage deines Lebens".
Aus dem Gesagten ergibt sich – gemäß der Regel „Es gibt kein Licht ohne Kli, keine Füllung ohne Mangel" –, dass wir uns, obwohl wir bereits aus Ägypten ausgezogen sind, über die Erlösung aus Ägypten freuen sollen. Deshalb obliegt es uns, an das Exil in Ägypten zu erinnern, das heißt, uns zu erinnern und uns vorzustellen, wie das Volk Israel im ägyptischen Exil gelitten hat. Dann können wir auch heute die Erlösung aus Ägypten genießen.
Andernfalls könnten wir uns nicht über die Erlösung aus Ägypten freuen, aus dem oben genannten Grund: dass die Leiden Kelim [Gefäße] genannt werden, in denen man Freude empfangen kann. Deshalb sehen wir am hebräischen Sklaven, dass er nicht in die Freiheit ausziehen will. Und man darf nicht fragen, wie es jemanden geben kann, der nicht in die Freiheit ausziehen will. Die Antwort ist, wie oben gesagt: Da er als Sklave keine Leiden empfindet, will er folglich nicht in die Freiheit. Wie der Grund erklärt wird, wenn er sagt: „Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder; ich will nicht frei ausziehen." Im Gegensatz dazu steht beim ägyptischen Exil geschrieben: „damit du des Tages deines Auszugs aus dem Land Ägypten gedenkst", denn dort litten sie, wie geschrieben steht: „Und die Kinder Israels seufzten unter der Arbeit."
Mit dem Gesagten verstehen wir, was wir gefragt haben: was es in der Arbeit bedeutet, dass der Mensch einen Segen an dem Ort sprechen muss, an dem ihm ein Wunder geschah. Die Sache ist, wie oben dargelegt: Wenn der Mensch beginnt, in die Arbeit des Gebens einzutreten, gerät er in Zustände von Aufstiegen und Abstiegen. Die Sache des Aufstiegs ist Folgendes: Der Mensch stand zuvor unter der Herrschaft des Willens zu empfangen und war ihm versklavt, sodass er all seine Wünsche erfüllen musste; er wollte ihn überwinden und nicht auf seine Stimme hören, doch der Wille zu empfangen war stärker als er, und der Mensch litt darunter, vom Schöpfer entfernt zu sein.
Danach empfing er eine Erweckung von oben und begann wieder, eine gewisse Erhebung der Kedusha zu spüren. Dann will der Mensch sich vor Ihm – gepriesen sei Er – annullieren „wie eine Kerze vor einer Fackel", und der Mensch genießt den Zustand des Aufstiegs. Doch der Mensch ist nicht in der Lage, aus dem Aufstieg einen Fortschritt in der Arbeit zu gewinnen, weil er die Annäherung, die er jetzt vom Schöpfer empfangen hat, nicht zu würdigen weiß; und zwar deshalb, weil ihm die Kelim fehlen. Das heißt, im Aufstieg hat er bereits vergessen, dass er einmal einen Abstieg hatte. Auch wenn er also spürt, dass er dem Schöpfer jetzt nahe ist, und dies zu schätzen weiß, vergisst er es im selben Augenblick. Folglich hat er kein Kli mehr – das heißt keinen Mangel –, mit dem er es würdigen könnte, gemäß dem geschriebenen Wort: „der Vorteil des Lichts aus der Dunkelheit". Deshalb kommt er beim Aufstieg nicht so voran, wie er sollte.
Deshalb muss er sich während des Aufstiegs erinnern und sagen: „An diesem Ort, an dem ich jetzt einen Aufstieg habe, hatte ich einen Abstieg, und der Schöpfer hat mich gerettet und aus der tiefsten Unterwelt erhoben; ich bin aus dem Aspekt des Todes herausgekommen, der ‚Entfernung vom Schöpfer' genannt wird, und wurde mit einem gewissen Maß an Annäherung an den Schöpfer belohnt, das ‚in einem gewissen Maß an dem Leben der Lebenden (chej ha-chajim) anhaften (Dwekut)' genannt wird."
Hierfür muss der Mensch dem Schöpfer einen Dankessegen geben, denn dadurch, dass er jetzt in einen Zustand eingetreten ist, in dem er zuvor Leiden hatte, und nun – Gott sei Dank – in einer Stimmung des Guten und des Genusses ist, weil der Schöpfer ihn nähergebracht hat, hat er neue Kelim des Mangels erlangt, die er mit dem Zustand des Aufstiegs füllen kann, in dem er sich jetzt befindet.
Es zeigt sich, dass er Licht der Freude in die neuen Kelim zieht, die er jetzt erlangt hat, indem er auf das Wunder blickt, das ihm geschah – dass der Schöpfer ihn gerettet hat. Wenn er deshalb auf die Leiden blickt, ist es, als sei er jetzt der Empfänger der Leiden, und nun füllt er sie mit Genuss.
Es zeigt sich, dass die Vorstellung des Zustandes des Abstiegs bei ihm bewirkt, dass der jetzt empfangene Aufstieg sich in neuen Kelim ausbreitet, gemäß der Regel „Es gibt kein Licht ohne ein Kli." Wenn er also im Aufstieg beginnt, über den Zustand des Abstiegs, den er hatte, nachzudenken, werden die Leiden des Abstiegs als Kelim betrachtet, in denen sich das Licht des Aufstiegs ausbreiten kann.
Und dies gleicht dem, was oben über Exil und Erlösung gesagt wurde: Im Verhältnis der Leiden, die er im Exil empfindet, kann man die Erlösung genießen. Das heißt: Das Exil ist das Kli der Erlösung. Anders gesagt: Die Erlösung kann nicht mehr füllen, als sie an Kelim aus dem Exil besitzt. Und das ist es, was in der Arbeit gemeint ist, wenn der Mensch sich den Zustand des Abstiegs vorstellt, das, was unsere Weisen sagten: dass der Mensch segnen muss: „Gepriesen sei Er, der mir an diesem Ort ein Wunder vollbracht hat."
In der Vorstellung der Leiden gibt es viele Möglichkeiten. Nehmen wir als Beispiel einen Menschen, der vor Tagesanbruch aufstehen will und einen Wecker gestellt hat. Wenn der Wecker klingelt, will der Körper nicht aufstehen, und er empfindet Leiden, wenn er jetzt aus dem Bett aufstehen muss. Dennoch überwindet er sich nur mühsam und kommt zum Lehrhaus. Wenn er dort sieht, dass Menschen sitzen und lernen, erhält er Verlangen und Begehren, am Unterricht teilzunehmen; er empfängt Freude und ist in gehobener Stimmung und vergisst dann, wie er aus dem Bett gestiegen und ins Lehrhaus gekommen ist. Will der Mensch neue Kelim erlangen, in denen Freude wohnt, dann muss er sich vor Augen führen, auf welche Weise er aus dem Bett aufstand – das heißt, mit welcher Lust er damals war – und in welcher Stimmung er jetzt ist. Dann kann auch er sagen: „Gepriesen sei Er, der mir an diesem Ort ein Wunder vollbracht hat" – nämlich, wie der Schöpfer ihm jetzt Annäherung an Sich geschenkt hat. Daraus empfängt er neue Kelim, in denen sich die Freude darüber ausbreiten kann, dass der Schöpfer ihn an sich gezogen hat, wie oben gesagt.
Und so muss sich der Mensch in jeder einzelnen Sache angewöhnen, einen Vergleich zwischen der Zeit des Leidens und der Zeit des Genusses anzustellen und für das Wunder zu segnen, das ihn aus dem Leid in einen Zustand des Genusses geführt hat. Dadurch wird er die Fähigkeit haben, dem Schöpfer zu danken und Genuss in den neuen Kelim zu empfangen, die ihm jetzt hinzugefügt wurden, sobald er die beiden Zeiten gegeneinander wiegt. Auf diese Weise kann der Mensch in der Arbeit voranschreiten.
Und das ist, wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam), seligen Angedenkens, sagte: Es ist nicht wichtig, was der Mensch vom Schöpfer empfängt – ob etwas Großes oder etwas Kleines. Wichtig ist, in welchem Maß der Mensch dem Schöpfer dankt. Im Maß des Dankes, den der Mensch gibt, wird auch das Geben des Schöpfers größer. Deshalb obliegt es dem Menschen, darauf zu achten, viel zu danken, das heißt, Seine Gabe – gepriesen sei Er – zu würdigen, damit er sich dem Schöpfer nähern kann. Wenn der Mensch deshalb im Aufstieg stets darauf blickt, in welchem Zustand er beim Abstieg war – das heißt, welche Empfindung er beim Abstieg hatte –, kann er bereits den Aspekt „der Vorteil des Lichts aus der Dunkelheit" unterscheiden und hat bereits neue Kelim, um Freude zu empfangen und dem Schöpfer zu danken. Und das ist es, was geschrieben steht, dass der Mensch segnen muss: „Gepriesen sei Er, der mir an diesem Ort ein Wunder vollbracht hat", das heißt, an dem Ort, an dem er sich jetzt im Aufstieg befindet; denn ohne einen vorhergehenden Zustand des Abstiegs kann es keinen Aufstieg geben.
Doch wie kann es einen Abstieg geben, wenn der Mensch nicht zuvor im Aspekt eines Aufstiegs war und davon abgestiegen ist? Die Antwort ist: In der Regel denkt jeder Mensch, wie er auch sei, dass er in Ordnung ist. Das heißt, der Mensch sieht nicht, dass er schlechter ist als die übrigen Menschen seiner Umgebung. Deshalb geht er mit dem Strom der ganzen Welt: ein wenig lernen, ein wenig beten, ein wenig sich der Wohltätigkeit und der guten Taten widmen und Ähnliches. Und das Hauptanliegen des Menschen besteht darin, ein Auskommen in Würde, eine angemessene Wohnung, schöne Geräte und dergleichen zu haben.
Denn der Mensch empfindet bei sich Folgendes: Wenn er sich mit dem Schöpfer eine Ordnung gesetzt hat, wie viel Zeit er für Ihn arbeiten muss, und wenn er alle Ordnungen, zu denen er sich im Spirituellen verpflichtet hat, eingehalten hat, fühlt er sich als vollkommener Mensch – und es ist ihm dann erlaubt, sich um die Verbesserung seines materiellen Zustands zu sorgen. Und der Mensch sieht stets, dass er – so sehr er sich auch bemüht, in vollkommener Weise Materialität zu erlangen – im Vergleich zu anderen einen Mangel hat. Das wird so angesehen, als befände sich der Mensch im Zustand der Vollkommenheit.
Wenn er jedoch mit der Arbeit des Gebens beginnt, gerät er in einen Zustand des Abstiegs. Denn er sieht, wie weit er von der Angelegenheit „um des Himmels willen" entfernt ist. Es zeigt sich nun, dass er aus seinem früheren Stand herabgestiegen ist, in dem er meinte, er müsse nur Tora und Mizwot [Gebote] einhalten und auf die Absicht des Gebens nicht achtete. Danach empfängt er eine Erweckung von oben und gerät in den Aspekt der Selbstaufhebung vor Ihm – gepriesen sei Er – „wie eine Kerze vor einer Fackel" und vergisst den Zustand des Abstiegs, den er hatte. Dann obliegt es dem Menschen, jetzt, im Aufstieg, sagen zu können: „Gepriesen sei Er, der mir an diesem Ort ein Wunder vollbracht hat." Das heißt: Vorher war er in einem Zustand, in dem ihm so etwas wie ein Verkehrsunfall widerfuhr, sodass er ohne Bewusstsein für das spirituelle Leben blieb. Das heißt, er vergaß die Sache überhaupt, dass man in der Absicht zu geben arbeiten muss; und danach half ihm der Schöpfer, und er wurde zum Leben erweckt, das heißt, er hat wieder eine Verbindung mit dem Schöpfer. Durch diese Vorstellung kann er neue Kelim empfangen, in denen er Fülle der Freude darüber aufnehmen kann, dass der Schöpfer ihm geholfen hat.
Doch man muss wissen: Wenn der Mensch den Schöpfer darum bittet, ihn Seiner Arbeit näher zu bringen – das heißt, die heilige Arbeit um des Himmels willen zu verrichten –, und der Mensch denkt, der Schöpfer höre sein Gebet nicht (er hat schon viele Male gebetet, und es scheint – Gott bewahre –, dass der Schöpfer sein Gebet nicht erhört), so sagte hierzu mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam), seligen Angedenkens: Der Mensch muss glauben, dass er nicht sagen darf, er habe sich aus eigener Kraft erweckt, um zu beten, dass der Schöpfer ihn näher bringe; vielmehr hat der Schöpfer sein Gebet schon beantwortet, bevor er zum Gebet ging. Das bedeutet: Der Mensch muss es wertschätzen, dass er jetzt zum Schöpfer beten kann – das gilt als Verbindung mit dem Schöpfer, und das ist eine sehr wichtige Sache; und er muss sich darüber freuen, dass der Schöpfer ihm das Verlangen und die Sehnsucht gegeben hat, zu Ihm zu beten.
Mit dem Gesagten lässt sich auslegen, was unsere Weisen gesagt haben (Traktat Megilla 29): „Rabbi Shimon Bar Yochai sagt: ‚Komm und sieh, wie geliebt Israel vor dem Schöpfer ist, denn überall, wohin sie ins Exil gingen, ist die Shechina [Göttliche Gegenwart] mit ihnen.'"
Das ist so auszulegen: Die Sache des „Exils Israels" bedeutet, dass der Aspekt Israels im Menschen sich vom Schöpfer entfernt hat. Das heißt, der Mensch empfindet Leiden dadurch, dass der Aspekt Israels in ihm – nämlich das Verlangen von Yashar-El [„direkt zum Schöpfer"], also dass der Mensch alles um des Himmels willen tun soll – sich im Exil unter der Herrschaft der Begierden der Völker der Welt befindet; und darüber ist er betrübt.
Und es ist zu fragen: Warum spürt er gerade jetzt, dass er vom Schöpfer entfernt ist? Vor diesem Zustand fühlte der Mensch sich nur „entfernt" davon, eine geräumigere Wohnung oder schönere Möbel zu kaufen und Ähnliches – und plötzlich empfängt er Leiden aus einer anderen Entfernung, nämlich dass er fern vom Schöpfer ist. Die Antwort lautet: „Die Shechina ist mit ihnen", das heißt, die Shechina gab ihm diese Empfindung, dass er vom Schöpfer entfernt ist. Und das ist es, wie oben gesagt: Bevor der Mensch zum Schöpfer betet, gibt ihm der Schöpfer Verlangen und Sehnsucht zu beten.
EY op, 3.05.2026