1985/30 Drei Gebete
Im Sohar (dem Buch des Glanzes; Balak, Punkt 187, im Sulam [Leiter-Kommentar], Blatt 71) steht geschrieben: „Drei sind es, die ‚Gebet‘ genannt werden: ‚ein Gebet des Moses‘, ‚ein Gebet Davids‘ und ‚ein Gebet des Armen‘. Welches von diesen dreien ist das wichtigste? Das ‚Gebet des Armen‘. Dieses Gebet geht dem Gebet des Moses und dem Gebet Davids voraus. Man fragt: Was ist der Grund? Und man antwortet: Weil der Arme ein zerbrochenes Herz hat, und es steht geschrieben: ‚Der Schöpfer ist denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind.‘ Und der Arme hadert immer mit dem Schöpfer, und Er lauscht und erhört seine Worte: ‚Ein Gebet des Armen, wenn er verhüllt (verzagt).‘ Es hätte ‚wenn er sich verhüllt‘ heißen müssen; was bedeutet also die aktive Form ‚wenn er verhüllt‘ [hier: andere Gebete aufhält]? Die Deutung ist: Er bewirkt einen Aufschub, der alle Gebete der Welt aufhält, die nicht eintreten, bis sein Gebet eingetreten ist. Und der Schöpfer vereinigt Sich allein mit diesen Klagen, wie geschrieben steht: ‚Und vor dem Schöpfer schüttet er seine Klage aus.‘ Alle Heerscharen des Himmels fragen einander: Womit befasst Sich der Schöpfer, worum müht Er Sich? Man sagt ihnen: Er vereinigt Sich voller Verlangen mit Seinen Gefäßen (Kelim), das heißt mit den zerbrochenen Herzen. Und dies ist das Gebet, das alle Gebete der Welt aufschiebt und aufhält.“
Bei diesen drei Gebeten gilt es zu verstehen, worin der Unterschied zwischen den Gebeten von Moses, David und dem Armen besteht. Und worin die Wichtigkeit des Armen liegt, dass er Klagen gegen den Schöpfer hat und deshalb alle Gebete aufhält. Auch gilt es zu verstehen, was es bedeutet, dass er alle Gebete der Welt aufhält: Kann der Schöpfer denn nicht alle Gebete auf einmal beantworten, sondern es muss Zeit verstreichen, als müsste man – Gott behüte – eines nach dem anderen in einer Schlange anstehen?
Deuten wir es auf dem Weg der Arbeit, sodass all diese Gebete in ein und demselben Menschen gelten. Es sind drei Zustände, die in der Ordnung der Arbeit nacheinander folgen.
Und wir finden drei Mängel, um die der Mensch den Schöpfer bitten muss, damit Er sie ihm erfüllt:
a) der Aspekt der Tora, der „Moses“ genannt wird;
b) der Aspekt des Königtums des Himmels;
c) der Arme, der den Aspekt des zerbrochenen Herzens hat, was, wie gesagt, der Aspekt Seiner Gefäße genannt wird.
Es gilt zu verstehen, was gemeint ist mit „Der Schöpfer ist denen nahe, die zerbrochenen Herzens sind“ – dass dies „nahe“ genannt wird; denn von „nahe“ lernen wir, dass es Angleichung der Form bedeutet. Wie aber kann man von einer Angleichung der Form an den Schöpfer sprechen, wenn er zerbrochenen Herzens ist? Und noch etwas ist zu verstehen: Wir lernen „nahe ist Er allen, die Ihn in Wahrheit rufen“ – daraus geht hervor, dass „Wahrheit“ als „nahe“ gilt, nicht aber ein zerbrochenes Herz. Und weiter ist zu verstehen, was es mit der Klage auf sich hat, die der Arme gegen den Schöpfer hat, sodass der Schöpfer gleichsam sagt, der Arme sei im Recht; denn wir sehen, dass Er um dieser Klagen willen mehr auf ihn hört als auf andere, wie es oben in den Worten des heiligen Sohar heißt.
Nun steht im Sohar (Einführung zum Sohar, Blatt 171, Punkt 174) geschrieben: „Rabbi Shimon eröffnete: Wer sich an den Festtagen freut und dem Schöpfer nicht Seinen Anteil gibt …“ Und im Sohar mit dem Sulam (Punkt 175) wird erklärt, was der Anteil des Schöpfers ist: „Der Anteil des Schöpfers ist es, die Armen zu erfreuen, so viel man vermag; denn an diesen Tagen, den Festtagen, kommt der Schöpfer, um diese Seine zerbrochenen Gefäße anzusehen.“
Und der Sulam erklärt dort, warum der Anteil des Schöpfers die Armen sind: Gemeint ist das Zerbrechen der Gefäße, das vor der Erschaffung der Welt geschah. Mit seinen Worten: „Denn durch das Zerbrechen der Gefäße der Heiligkeit (Kedusha) und ihren Fall in das getrennte BYA (Brija, Yezira, Assija – die drei unteren spirituellen Welten) fielen mit ihnen heilige Funken in die Klipot (Schalen, die unreinen Hüllen); aus ihnen kommen Genüsse und Begierden aller Arten in den Herrschaftsbereich der Klipot, und diese leiten sie weiter, damit der Mensch sie empfängt und genießt. Dadurch verursachen sie allerlei Übertretungen, wie Diebstahl, Raub und Mord.“
Demnach lässt sich deuten, was der Arme ist, dessen Einwand in einer Klage besteht. Denn er sagt: „Was ist meine Schuld, dass Er mich aus den zerbrochenen Gefäßen erschaffen hat, sodass deshalb alle bösen Begierden und bösen Gedanken in mir sind? All das kam mir nur daher, dass ich aus dem Zerbrechen der Gefäße stamme – dort war der erste Ort, an dem man die höhere Fülle in die Gefäße des Empfangens ziehen wollte, in der Absicht zu empfangen, und gar nicht in der Absicht zu geben. Darum wurde in mir die Eigenliebe verankert, und deswegen bin ich von allem Spirituellen entfernt und habe keinen Anteil an der Heiligkeit, deren Grundlage allein Gefäße sind, die die Absicht zu geben haben. Es ergibt sich also: All mein Leid – dass ich keinen Zugang zur Heiligkeit habe und sehe, dass ich durch die Veränderung der Form von Dir entfernt bin, die aus der Eigenliebe stammt, die der eigentliche Feind in meinem Herzen ist und alle meine schlechten Zustände verursacht –, all das kommt davon, dass Du mich so erschaffen hast.“
Und darum kommt er mit Klagen und sagt: „Ich vermag die Natur, mit der Du mich erschaffen hast, nicht zu ändern; vielmehr will ich von Dir: So wie Du mich mit Eigenliebe erschaffen hast, gib mir jetzt eine zweite Natur, wie Du mir die erste gegeben hast, nämlich ein Verlangen zu geben; denn ich vermag nicht gegen die Natur zu kämpfen, die Du mir eingeprägt hast. Und ich habe einen Beweis dafür, dass Du es bist, der ‚schuld‘ ist – dass nämlich in meiner Hand nicht die Kraft ist, mich zu überwinden –, wie unsere Weisen sagten (Kidushin 30, Talmud-Traktat): ‚Rabbi Shimon ben Lewi sagte: Der böse Trieb des Menschen gewinnt jeden Tag die Oberhand über ihn und sucht ihn zu töten, wie es heißt: Der Frevler lauert auf den Gerechten und sucht ihn zu töten; und ohne die Hilfe des Schöpfers könnte er ihn nicht überwinden, wie es heißt: Gott wird ihn nicht in seiner Hand lassen.‘“
Die Klagen des Armen sind demnach berechtigt. Das heißt: In seiner Hand ist nicht die Kraft, ihn – den bösen Trieb – zu überwinden, es sei denn, der Schöpfer hilft ihm, wie es die Weisen auslegen. Also kommt er mit dem Einwand an den Schöpfer, dass nur Er helfen kann und kein anderer; denn aus der Auslegung der Weisen geht hervor, dass der Schöpfer dies mit Absicht so eingerichtet hat, damit ein Gebet nötig sei – denn „der Schöpfer harrt des Gebets der Gerechten“, das heißt derer, die beten und Gerechte sein wollen. Und der Grund dafür wurde in den vorigen Artikeln im Namen meines Vaters und Lehrers (Baal HaSulam) erklärt.
Seine Klage gegen den Schöpfer, der ihn in solcher Niedrigkeit erschaffen hat, ist demnach berechtigt – das heißt, der Schöpfer hat selbst es so gefügt, dass keine Hilfe zu erwarten ist als nur vom Schöpfer. Darum heißt das Gebet des Armen „zerbrochenen Herzens“, weil es, wie gesagt, aus dem Aspekt des Zerbrechens der Gefäße kommt. Daraus folgt: Der Einwand des zerbrochenen Herzens ist ein Einwand der Wahrheit. Und Wahrheit heißt „nahe“, weil sie Angleichung der Form an den Schöpfer ist. Darum wird dieses Gebet zuerst angenommen, denn hier beginnt die Ordnung der Arbeit.
Damit verstehen wir, was wir fragten: Hier heißt es, dass „nahe“ das zerbrochene Herz bezeichne, dort aber lernten wir, dass „nahe“ die Wahrheit sei, wie geschrieben steht: „Der Schöpfer ist nahe allen, die Ihn in Wahrheit rufen.“ Und die Antwort: Der Einwand des zerbrochenen Herzens ist ein Einwand der Wahrheit. Beides ist demnach dasselbe; und das bedeutet: Man muss wissen, dass man, wenn man kommt, um zum Schöpfer zu beten, zu Ihm Worte der Wahrheit sprechen muss.
Und das ist, wie wir im vorigen Artikel (29, 1985) erklärten: Wenn er kommt, um zum Schöpfer zu beten, muss er zum Schöpfer sprechen, dass Er ihm helfe: „Ich befinde mich wahrhaftig im schlechtesten Zustand der ganzen Welt; denn obwohl es sein mag, dass es Menschen gibt, die unter mir stehen, sowohl in der Tora als auch in der Arbeit, so spüren sie doch die Wahrheit nicht so, wie ich meinen Zustand sehe; darum haben sie noch nicht den Mangel, den ich habe, und bedürfen Deiner Hilfe nicht so sehr. Ich aber sehe meinen wahren Zustand: dass ich nach all der Arbeit, die ich aufgewendet habe, an Zeit und an Kräften, keinerlei Anteil am Spirituellen habe. Und dennoch sehe ich heute, ‚wie die früheren Tage besser waren als diese‘; und so sehr ich mich mühe, vorwärtszugehen, spüre ich, dass ich rückwärts gehe.“ Das nennt man einen „Einwand der Wahrheit“, und auf ihn lässt sich anwenden: Die Angleichung der Form an den Schöpfer besteht darin, dass er einen Einwand der Wahrheit vorbringt.
Damit verstehen wir die Frage, warum das Gebet des Armen alle Gebete aufhält – kann der Schöpfer denn nicht alle Gebete auf einmal beantworten? Vielmehr haben wir alle drei Gebete auf ein und denselben Körper zu beziehen. Und die Deutung ist: Man kann dem Menschen das, worum er bittet, nicht beantworten, außer gemäß der Ordnung der Stufe, gemäß dem, was der Mensch empfangen kann – also so, dass es ihm zum Guten gereiche, wenn er es empfängt. Würde er hingegen eine Erfüllung empfangen, um die er bittet, und wäre sie ihm zum Schaden, so würde man ihm seinen Wunsch gewiss nicht erfüllen, weil der Schöpfer ihm wohltun und nicht schaden will.
Daher muss der Untere von oben gemäß dem empfangen, was ihm nach der Wahrheit des Unteren fehlt. Darum muss er über seine Armut beten; er hat ja die Klage, dass Er ihn mit dem Verlangen zu empfangen erschaffen hat, das er als das ganze Böse in sich empfindet, das ihm alle Nöte bereitet. Und danach kann er bitten, dass man ihm das Königtum des Himmels gebe, da man ihm bereits Gefäße des Gebens gegeben hat und er bereits den Aspekt des Glaubens empfangen kann, der „Königtum des Himmels“ genannt wird. Das heißt: Der Mensch kann das Joch des Königtums des Himmels, das „Glaube“ genannt wird, nicht erlangen, bevor er Gefäße des Gebens hat – wie es im Sulam heißt (Einführung zum Buch Sohar, Blatt 138, im Abschnitt „Denn es ist ein Gesetz“): „Denn es ist ein Gesetz, dass das Geschöpf von Ihm nicht offenbar Böses empfangen kann; denn das wäre – Gott behüte – ein Makel an Seiner Herrlichkeit, dass das Geschöpf Ihn als einen wahrnähme, der Böses wirkt, denn das ziemt sich nicht für den vollkommenen Wirkenden. Darum lagert auf dem Menschen – Gott behüte – in eben dem Maß, in dem er Böses empfindet, ein Unglaube an Seine Vorsehung, und der Wirkende ist vor ihm verborgen.“
Daher muss der Mensch zuerst von oben einen Aspekt der Kraft empfangen, sodass er eine zweite Natur hat, nämlich ein Verlangen zu geben. Und danach kann er um eine zweite Stufe bitten, die der Aspekt „David“ ist, das heißt der Aspekt „Königtum des Himmels“. Daraus folgt, dass das Gebet des Armen alle Gebete aufhält – das heißt: Bevor der Arme sein Begehrtes empfangen hat, kann er keine höheren Stufen empfangen. Darum steht geschrieben: „Ein Gebet des Armen, wenn er verhüllt (verzagt)“, wie gesagt.
Und danach kommt das zweite Gebet, das „Gebet Davids“ ist, welches der Aspekt des Königtums des Himmels ist: dass er darum bittet, Glauben zu haben, sodass er den Wirkenden spürt – das, was Er mit Seiner Vorsehung über die ganze Welt wirkt. Denn jetzt kann er den Schöpfer bereits als einen erfassen, der Gutes wirkt, wie es oben aus dem Sulam angeführt wurde, da er bereits Gefäße des Gebens hat; dann kann er bereits sehen, wie Er Gutes wirkt.
Somit kann man den Glauben, der das Königtum des Himmels ist, nicht erlangen, bevor man zuvor den Aspekt der Korrektur der Eigenschaften erlangt hat – man muss nämlich immer bereit sein zu geben und nicht zu empfangen, um zu empfangen. Andernfalls lässt man ihn vom Himmel den Aspekt des Glaubens nicht erlangen. Und das ist damit gemeint, dass das Gebet des Armen alle Gebete aufhält. Das heißt, wie gesagt: Bevor der Mensch seinen Mangel offenbart – dass er in der Eigenliebe versunken ist und aus ihr herauskommen will –, hat er nicht um die übrigen Dinge zu bitten.
Und danach kommt die Zeit für das „Gebet des Moses“, das der Aspekt der Tora ist; denn man kann den Aspekt der Tora nicht erlangen, bevor man den Aspekt des Glaubens erlangt hat, weil es „verboten ist, einen Götzendiener Tora zu lehren“, wie es heißt: „Und dies ist die Tora, die Moses den Kindern Israels vorlegte.“ Und wie es im Sohar heißt: „Es ist verboten, einen Götzendiener Tora zu lehren“; und ebenso ist einer, der sich beschnitten hat, aber die Mizwot (Gebote) der Tora nicht hält, einem gleich, der nicht beschnitten ist, wie geschrieben steht (Jitro): „Und wenn du Mir einen Altar aus Steinen machst, so baue ihn nicht aus behauenen Steinen; denn schwingst du dein Schwert (Meißel) darüber, so entweihst du ihn.“ „Schwingst du dein Schwert darüber“ – das heißt, dass er sich beschnitten hat; „so entweihst du ihn“ aber bedeutet, dass er die Beschneidung entweiht hat.
Daraus geht hervor: Selbst wer beschnitten ist und jüdische Eltern hat, wird im Blick auf die Tora noch nicht als „Israel“ angesehen, sodass es erlaubt wäre, mit ihm Tora zu lernen, wenn er die Mizwot der Tora nicht hält. So geht es aus den genannten Worten des Sohar hervor.
Im Sohar (Pinchas, Blatt 24, im Sulam, Punkt 68) heißt es: „‚Und Wein erfreut das Herz des Menschen‘ – das ist der Wein der Tora; denn ‚Wein‘ (Jajin) ergibt im Zahlenwert dasselbe wie ‚Geheimnis‘ (Sod). Und wie der Wein verborgen und versiegelt sein muss, damit er nicht zum Götzendienst ausgegossen werde, so muss auch das Geheimnis der Tora verborgen und versiegelt sein; und alle ihre Geheimnisse werden nur denen gegeben, die Ihn fürchten.“
So ist der Aspekt „Gebet des Moses“, der der Aspekt der Tora ist, eine Stufe, die nach dem Aspekt des Königtums des Himmels kommt, das „Ehrfurcht“ genannt wird; und darum wurde die Tora eigens denen übergeben, die Ihn fürchten. Und darauf bezieht sich, was unsere Weisen sagten: „Die Hand-Tefillin (Gebetskapsel am Arm) geht der Kopf-Tefillin voraus“, weil geschrieben steht: „Und binde sie als Zeichen auf deine Hand“, und danach: „und sie sollen als Stirnband zwischen deinen Augen sein.“
Der heilige Sohar deutet: Die Hand-Tefillin ist Malchut (Königreich), und die Kopf-Tefillin ist der Aspekt Seir Anpin. Die Hand-Tefillin muss bedeckt sein, weil geschrieben steht: „Und es sei dir zum Zeichen auf deiner Hand“, und sie deuteten: „dir zum Zeichen und nicht anderen zum Zeichen“. Mein Vater und Lehrer sagte, dass Malchut „Glaube“ genannt wird; darum muss sie im Verborgenen sein. Das bedeutet: Weil Malchut der Aspekt des Glaubens über dem Verstand ist, wird sie der Aspekt „Verbergung“ genannt. Darum kann man, nachdem man den Aspekt des Glaubens empfangen hat, der „Königtum des Himmels“ genannt wird, den Aspekt der Tora erlangen, der der Aspekt Seir Anpin genannt wird und auf die Kopf-Tefillin hinweist, wo es bereits den Aspekt der Offenbarung der Tora gibt. Darum sagten unsere Weisen zum Vers „Und alle Völker der Erde werden sehen, dass der Name des Schöpfers über dir ausgerufen ist, und sie werden sich vor dir fürchten“, dass dies der Aspekt der Kopf-Tefillin ist, wo der Aspekt des Sehens zutrifft.
korrOp, EY, 10.08.2026, 02:50 Uhr, Ver5