Und es war Abend und es war Morgen
1985, Artikel 36
Zum Vers „Und es war Abend, und es war Morgen“ sagt der Sohar (Bereschit 3, Blatt 96, im Sulam Punkt 151): „‚Und es war Abend‘, wie der Vers sagt, geht von der Seite der Finsternis aus, nämlich von Malchut. ‚Und es war Morgen‘ geht von der Seite des Lichts aus, das Seir Anpin ist. Darum steht bei ihnen geschrieben ‚ein Tag‘ – um zu lehren, dass Abend und Morgen wie ein einziger Körper sind und beide zusammen den Tag bilden. Rabbi Jehuda sagte: Was ist der Grund? Er fragt: Da ‚und es war Abend, und es war Morgen‘ auf die Vereinigung von SoN (Seir Anpin und Nukwa) hinweist – denn aus beiden geht das Tageslicht hervor –, weshalb steht es dann, nachdem der Vers dies schon am ersten Tag mitgeteilt hat, an jedem einzelnen Tag geschrieben: ‚und es war Abend, und es war Morgen‘? Und er antwortet: Um zu wissen, dass es keinen Tag ohne Nacht gibt und keine Nacht ohne Tag und dass sie nicht voneinander getrennt werden. Darum wiederholt der Vers es, um es uns an jedem Tag mitzuteilen – um zu lehren, dass es niemals geschehen kann, dass Tageslicht da ist, ohne dass ihm die Finsternis der Nacht vorausgeht. Und ebenso wird keine Finsternis der Nacht eintreten, der nicht das Tageslicht folgt, denn sie werden sich niemals voneinander trennen.“ So weit seine Worte.
Dies gilt es auf dem Weg der (spirituellen) Arbeit zu verstehen: Was bedeutet „Licht“ und was bedeutet „Finsternis“? Und warum kann ein Tag nur aus beiden zusammen entstehen – das heißt, aus Licht und Finsternis ergibt sich uns ein Tag, aus beiden wird ein Tag gebaut? Daraus geht hervor, dass der Tag beginnt, sobald die Finsternis einsetzt; dann beginnt bereits die Ordnung, in der ein Tag geboren wird. Und es ist zu verstehen: Wie lässt sich das Wort „Tag“ auf die Finsternis anwenden – sodass ich, sobald die Finsternis beginnt, bereits anfangen kann, die Zeit des Tages zu zählen?
Nun ist bekannt: Nach den Einschränkungen (Zimzumim) und dem Entweichen des Lichts, das in den oberen Welten war, und nach dem zweiten Zimzum und nach dem Zerbrechen (Schwirat haKelim) trat das System der Klipot (Schalen) hervor – bis der Ort von BJA (Brija, Yezira, Assija) sich in zwei Teile teilte: Von seiner Mitte aufwärts war BJA der Heiligkeit, und von seiner Mitte abwärts entstand der Ort, an dem die Klipot fest angesiedelt sind, wie im Talmud Esser haSefirot (Teil 16, Blatt 1938, Punkt 88) erklärt.
Und von dort wirkt es herab in diese Welt: Der Mensch wird „als Wildeselfüllen“ geboren („als Wildeselfüllen wird der Mensch geboren“), und er hat keinerlei Mangel nach dem Spirituellen. Demnach: Woher kommt dem Menschen die Empfindung und der Mangel nach dem Spirituellen, sodass wir sagen könnten, er habe eine Empfindung der Finsternis – die bei ihm Nacht genannt wird –, dadurch, dass er empfindet, vom Schöpfer entfernt zu sein? Denn wir müssen wissen: In dem Augenblick, da er beginnt zu empfinden, dass er vom Schöpfer entfernt ist, beginnt er bereits, im Geringsten an die Existenz des Schöpfers zu glauben. Sonst – wie ließe sich sagen, dass er von etwas entfernt ist, das in der Welt gar nicht existiert? Vielmehr muss man sagen, dass ihm aus der Ferne ein gewisses Leuchten leuchtet, in dem Maße, dass er empfindet, vom Schöpfer entfernt zu sein.
Demnach: Sobald die Finsternis beginnt – nämlich das Empfinden, dass Finsternis vorhanden ist –, beginnt sofort das Licht im Geringsten zu leuchten. Und das Maß des Leuchtens des Tages ist nur von der Seite der Verneinung her erkennbar. Das heißt: Er empfindet einen Mangel, dass ihm das Licht des Schöpfers fehlt, das ihm auf bejahende Weise leuchten würde. Vielmehr leuchtet ihm das Licht auf die Weise des Mangels – dass er nun zu empfinden beginnt, dass ihm das Licht des Schöpfers fehlt, das „Tag“ genannt wird.
Anders, wem das Tageslicht nicht leuchtet: Der weiß überhaupt nicht, ob es eine solche Wirklichkeit gibt, dass der Mensch einen Mangel am Licht des Schöpfers empfinden müsste, das „Tag“ genannt wird. Sagen wir nun von einem einzigen Menschen, das heißt in einem einzigen Körper: Mitunter empfindet er die Eigenschaft der Finsternis – nämlich, dass er vom Schöpfer entfernt ist –, und er sehnt sich, dem Schöpfer nahezukommen, und empfindet Leiden darüber, dass er vom Schöpfer entfernt ist.
Und die Frage ist: Wer bewirkt, dass er sich um das Spirituelle sorgt? Und mitunter empfindet er Finsternis und Leiden, weil er sieht, dass der andere im Materiellen Erfolg hat – an Besitz und an Lebenskraft –, während ihm beides fehlt, sowohl der Lebensunterhalt als auch die Ehre. Und er sieht an sich selbst: In Wahrheit ist er fähiger als der andere, sowohl an Begabung als auch an Familienherkunft, ihm gebührte mehr Ehre – und tatsächlich steht er viele Stufen tiefer als der andere, und das schmerzt ihn am meisten.
Und er hat dann keinerlei Bezug zum Spirituellen. Er erinnert sich nicht einmal daran, dass es einst eine Zeit gab, in der er selbst auf all die Freunde herabsah, mit denen er in der Jeschiwa lernte. Wenn er sie damals sah – ihr Leiden, worum sie sich sorgten, um zur Vollkommenheit im Leben zu gelangen –, erschienen sie ihm wie kleine Kinder, die keine auf das Endziel gerichtete Rechnung anstellen können, sondern sich nach allem sehnen, was ihre Augen sehen: Einmal meinten sie, das Wesentliche des Lebens sei Geld, ein andermal meinten sie, das Wesentliche des Lebens sei, eine Stellung der Ehre unter den Menschen zu erlangen, und dergleichen. Und nun befindet er sich genau bei den Dingen, über die er gelacht hat, und empfindet jetzt, dass er keinen Geschmack am Leben hat – außer dass er die Vollkommenheit, die Hoffnung und die Ruhe des Lebens auf eben jener Stufe ansetzt, die sie festgesetzt haben und die als Ziel des Lebens gilt.
Und was ist die Wahrheit? Vielmehr hat Sich nun der Schöpfer seiner erbarmt und ihm die Eigenschaft des Tages leuchten lassen – jenes Tages, der von der Seite der Verneinung beginnt. Das heißt: Dass in seinem Herzen die Eigenschaft der Finsternis zu leuchten beginnt, wird der Beginn des Aufgehens des Tages genannt. Und dann beginnen sich in ihm Gefäße (Kelim) zu bilden, die geeignet sind, dass in ihnen der Tag auf bejahende Weise leuchte – das ist das Licht des Schöpfers –, sodass er beginnt, die Liebe zum Schöpfer zu empfinden, und beginnt, den Geschmack der Tora und den Geschmack der Mizwot zu empfinden.
Daraus verstehen wir die obigen Worte des Sohar, dass gerade aus beiden zusammen ein Tag hervorgeht, wie geschrieben steht: „Darum steht bei ihnen geschrieben ‚ein Tag‘ – um zu lehren, dass Abend und Morgen wie ein einziger Körper sind und beide zusammen den Tag bilden.“ Und ebenso, was Rabbi Jehuda sagte: dass der Vers es darum an jedem einzelnen Tag wiederholt, um zu lehren, dass es niemals geschehen kann, dass Licht da ist, ohne dass ihm die Finsternis der Nacht vorausgeht, und ebenso, dass keine Finsternis der Nacht eintritt, der nicht das Tageslicht folgt, denn sie werden sich niemals voneinander trennen.
Und das ist, wie gesagt:
a) nach der Regel, dass es kein Licht ohne Gefäß (Kli) gibt;
b) um ein Gefäß zu schaffen, braucht man ebenfalls ein Licht, das „Tag“ genannt wird.
Doch es gilt zu verstehen: Warum, wenn der Mensch bereits ein wenig vom Tag in der Weise der Verneinung erlangt hat – das heißt, er empfindet, dass sein ganzes Leben nur darin besteht, der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gewürdigt zu werden, und darum beginnt er Leiden zu empfinden, weil er vom Schöpfer entfernt ist, wie gesagt –, wer ist es dann, der bewirkt, dass er von seinem Zustand des Aufstiegs fällt? Nämlich von dem Zustand, in dem das ganze Leben nur ein spirituelles Leben sein soll und dies seine ganze Hoffnung ist – und plötzlich fiel er in den Zustand der Niedrigkeit, in den Zustand, über den er immer gelacht hatte: über jene Menschen, deren ganze Lebenshoffnung darin besteht, die Erfüllung tierischer Gelüste zu erlangen. Und nun befindet er sich selbst bei ihnen, in ihrem Bereich, und nährt sich von derselben Nahrung, von der sie sich nähren.
Und noch mehr ist zu staunen: Wie konnte aus seinem Herzen entschwinden, dass er einst im Zustand des Aufstiegs war, wie gesagt? Dass er nun in einem Zustand des Vergessens ist, in solchem Maße, dass ihm nicht in den Sinn kommt, dass er einst auf jene Menschen herabsah, unter denen er sich jetzt befindet – das heißt, dass er nun nur ihre Bestrebungen auf so niedrigem Niveau hat. Und er schämt sich nicht vor sich selbst, wie sein Herz es zuließ, in eine solche Luft einzutreten, vor der er immer geflohen war – nämlich diese Luft, die sie in vollen Zügen atmen und von der er immer sagte, sie sei eine Luft, die die Heiligkeit erstickt. Und nun befindet er sich mitten unter ihnen und empfindet bei ihnen keinerlei Mangel.
Und die Antwort ist: Der Vers sagt (Psalm 1): „Wohl dem Mann, der nicht im Rat der Frevler wandelt.“ Und es gilt zu verstehen: Was ist der „Rat der Frevler“? Bekannt ist, dass die Frage des Frevlers, die in der Haggada angeführt wird, lautet: „Was bedeutet euch dieser Dienst?“ Und mein Vater und Lehrer seligen Andenkens (Baal HaSulam) erklärte den Sinn: Wenn der Mensch beginnt, um des Gebens willen zu arbeiten, kommt die Frage des Frevlers und fragt: Was wirst du davon haben, dass du nicht zum eigenen Nutzen arbeitest?
Und wenn der Mensch eine solche Frage erhält, beginnt er nachzusinnen: Vielleicht hat er wirklich recht. Da fällt er in dessen Netz. Demnach ist auszulegen: „Wohl dem Mann, der nicht im Rat der Frevler wandelt“ – das heißt, dass er, wenn die Frevler zu ihm kamen und ihm rieten, es lohne sich nicht zu arbeiten, sofern er nicht sieht, dass ihm daraus ein Gewinn zum eigenen Nutzen erwächst, nicht auf ihre Stimme hört, sondern sich in der Arbeit stärkt und sagt: Nun sehe ich, dass ich auf dem Weg der Wahrheit gehe, und sie wollen mich verwirren. Demnach ist dieser Mensch, wenn er sich überwindet, glücklich.
Und danach sagt der Vers: „und nicht auf dem Weg der Sünder steht.“ Es gilt auszulegen, was der „Weg der Sünder“ ist, von dem er sagt, er stehe nicht darauf. Die Sache der Sünde ist, wie wir im vorigen Artikel (35, 1985) erklärt haben: Die Sünde ist, wenn er das Gebot „Du sollst nicht hinzufügen“ (Bal Tossif) übertritt – nämlich, dass der wahre Weg ist, über dem Verstand zu gehen, was die Eigenschaft des Glaubens genannt wird, und das Gegenteil davon die Eigenschaft des Wissens ist, mit der der Körper begreift, dass er nur so lange im Glauben über dem Verstand bleibt, wie er keine andere Wahl hat.
Darum, sobald er einen gewissen Geschmack an der Arbeit empfindet und dies als Stütze nimmt und sagt: Nun brauche ich die Eigenschaft des Glaubens nicht mehr, da ich bereits eine Grundlage habe – fällt er sofort von seiner Stufe. Und der Mensch, der sich hierin in Acht nimmt und nicht einmal einen kurzen Augenblick innehielt, um zu schauen, ob es sich lohnt, seine Grundlage auszutauschen – der wird glücklich genannt, weil er nicht auf dem Weg der Sünder stand, um auf ihren Weg zu schauen.
Und danach sagt der Vers: „und nicht im Sitz der Spötter sitzt.“ Es gilt zu wissen, was der „Sitz der Spötter“ ist. Nämlich jene Menschen, die ihre Tage mit nichts vertun, die ihr Leben nicht ernst nehmen – sodass ihnen jeder Augenblick kostbar wäre –, sondern dasitzen und über andere nachdenken: ob andere Menschen in Ordnung sind und inwieweit die anderen ihre Taten verbessern müssten. Um sich selbst aber sorgen sie sich nicht, dass sie sich um ihr Leben kümmerten – und das verursachte ihnen all die Abstiege. Und der RaDaK (Rabbi David Kimchi) erklärt: Die Spötter sind die, die im Denken auf Böses aus sind, an den Menschen Tadel und Makel finden und einer dem andern dies verraten; und diese Sache ist Sache müßiger Menschen, der Müßiggänger an den Straßenecken. Darum sagte er: „und nicht im Sitz der Spötter sitzt.“ Und das ist die Ursache der Abstiege.
EY, 11.07.2026, Ver4