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Kabbala Bibliothek Startseite / Rabash / Artikel / 1985/38 Ein Gerechter, der glücklich ist – ein Gerechter, der leidet

Ein Gerechter, dem es gut geht – ein Gerechter, dem es schlecht geht (Tzadik ve-tov lo, tzadik ve-ra lo)

1985, Artikel 38

1985 – Artikel 38 – Ein Gerechter, dem es gut geht – ein Gerechter, dem es schlecht geht

Der heilige Sohar erklärt die Frage des „Gerechten, dem es gut geht, und des Gerechten, dem es schlecht geht“ (Ki Teze, Blatt 4, Abschnitt 13, im Sulam-Kommentar). Dort heißt es: „Und wer ist ‚ein Gerechter, dem es schlecht geht‘? Das ist derjenige, der vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse stammt, denn das Böse ist bei ihm. Es gibt keinen Gerechten, der sich an diesem Bösen nicht verfehlte, da es bei ihm ist. ‚Ein Frevler, dem es gut geht‘ ist der, bei dem der böse Trieb über seinen guten Trieb die Oberhand gewonnen hat; und davon sagten sie ‚dem es gut geht‘, weil das Gute unter der Herrschaft des Frevlers steht. Und weil das Böse über das Gute herrscht, ist er ein Frevler – denn wer die Oberhand gewinnt, dem gehört der Name. Gewinnt das Gute über das Böse die Oberhand, so nennt man ihn ‚einen Gerechten, dem es schlecht geht‘, denn das Böse steht unter seiner Herrschaft. Gewinnt aber das Böse über das Gute die Oberhand, so nennt man ihn ‚einen Frevler, dem es gut geht‘.“ So weit seine Worte.

Um die Frage von Gut und Böse im Allgemeinen zu verstehen, müssen wir wissen: Die Wurzel der Geschöpfe geht von der Sefira Malchut aus. Und Malchut wird ihrer Wurzel nach „das Empfangende, das empfängt, um zu empfangen“ genannt. Das ist die Wurzel alles Bösen, das sich in den Geschöpfen findet, denn dieses Verlangen trennt uns von der Wurzel. Denn wir lernen: Der Schöpfungsgedanke – nämlich Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – erschuf aus dem Nichts einen Mangel, der „Verlangen, Freude und Genuss zu empfangen“ genannt wird.

Da in der Spiritualität Anhaftung (Dwekut) und Trennung eine Frage der Angleichung der Form sind, und da der Schöpfer der Gebende ist und die Geschöpfe die Empfangenden sind, besteht zwischen ihnen eine Verschiedenheit der Form. Und diese Verschiedenheit der Form trennt uns vom Schöpfer. Damit sind wir nicht fähig, das Gute und den Genuss zu empfangen, die Er uns geben wollte – und das war der Grund der Schöpfung. Um das Gute zu empfangen, fehlt uns daher die Eignung der Gefäße, dass sie auf das Geben ausgerichtet sind; dann werden wir das Gute empfangen.

Daraus ergibt sich: Was ist unser Böses, dessentwegen wir kein Gutes und keinen Genuss haben? Man muss sagen: Es ist nichts anderes als die Selbstliebe in uns, die uns daran hindert, das Gute und den Genuss zu empfangen. Sie ist es, die uns den Tod bringt, denn sie trennt uns vom Leben der Leben. Darum werden wir „Tote“ genannt, wie unsere Weisen sagten: „Die Frevler werden schon zu Lebzeiten Tote genannt.“

Wenn wir unser Böses betrachten – wie es mit uns spricht und uns beherrschen will und mit welcher Kraft es an uns herantritt –, dann müssen wir, um auf seine Einwände zu hören, hier vier Unterscheidungen treffen:

1. Man kann es mit der Umkehr aus Liebe (Teshuwa me-Ahava) vergleichen und ihr zuordnen (obwohl die Umkehr aus Liebe eine große Sache ist – hier sprechen wir nur von der Zuordnung).

2. Es ungefähr mit der Umkehr aus Ehrfurcht (Teshuwa mi-Jira) zu vergleichen.

3. Dass er sich nicht überwinden und keine Umkehr vollziehen kann, aber dennoch gebrochen und zerschlagen bleibt, weil er die Umkehr nicht vollbringen kann.

4. Dass es ihn nicht berührt, dass er das Böse nicht überwinden und keine Umkehr vollziehen kann.

Wir wollen sie eine nach der anderen erklären. Bekanntlich tritt, wenn der Mensch den Weg gehen will, alles um des Himmels willen zu tun – denn bei allem, was er tut, überlegt er, welchen Nutzen der Schöpfer davon hat, und denkt nicht an seinen eigenen Nutzen –, der Körper mit Einwänden an ihn heran und beginnt, über diesen Weg, den „Weg des Gebens und nicht des Eigennutzes“, üble Nachrede zu führen. Er bringt den „Einwand Pharaos“ und den „Einwand des Bösen“ vor, die den Aspekten von Verstand und Herz (Mocha we-Liba) entsprechen, also „Wer?“ und „Was?“.

Wenn der Mensch beginnt, auf ihre Einwände zu hören, gerät er ins Staunen, denn nie zuvor hat er von seinem Körper so starke Einwände gehört wie jetzt. Er hatte gedacht: Wenn er die Arbeit beginnt, müsse er sich jedes Mal weiter dem Ziel nähern – das heißt, er müsse jedes Mal aufs Neue begreifen, dass es sich lohnt, um des Himmels willen zu arbeiten.

Doch plötzlich sieht er: Statt dass er mehr Verlangen nach der Arbeit für den Schöpfer hätte, hört er Widerstand vonseiten des Körpers, der nun zu ihm sagt: „Warum willst du nicht in derselben Spur gehen wie die ganze Welt? Dort kommt es vor allem darauf an, die Handlungen in all ihren Einzelheiten und Feinheiten genau zu befolgen, und was die Absicht betrifft, soll man sagen: ‚Es sei Sein Wille, als hätte ich die rechte Absicht gehabt.‘ Jetzt aber“, sagt der Körper, „sehe ich, dass du dein Augenmerk gerade auf die Absichten richtest – dass du es so ausrichten willst, dass alles um des Himmels willen geschieht und nicht zum eigenen Nutzen. Wie kommst du dazu, eine Ausnahme zu sein? Du willst nicht gehen wie die Allgemeinheit, die sagt, dies sei der sicherste Weg. Und der Beweis dafür: Sieh dir die Vielen an, wie sie es halten.“

Dann beginnt eine Arbeitsordnung der Überwindung. Das heißt, er muss ihre Einwände überwinden und darf dem nicht nachgeben, was sie von ihm fordern. Gewiss muss er ihnen klare Antworten geben auf das, was sie ihm zu verstehen geben: dass nämlich sein Wunsch, alle seine Handlungen allein auf das Geben und nicht auf den eigenen Nutzen auszurichten, gegen den Verstand sei. Denn der Verstand fordert: Da der Mensch mit dem Verlangen geschaffen wurde, Freude und Genuss zu empfangen, und die Natur verlangt, dieses Verlangen zu erfüllen – wozu sonst bräuchte er das ganze Leben, wenn nicht, um es zu genießen und die Forderungen des Körpers zu erfüllen? Und der Körper gibt ihm zu verstehen, dass dies dem Verstand nach hundertprozentig stimme und es keinerlei Entgegnung auf seine Einwände gebe.

Die klare Antwort aber muss lauten: Wir glauben den Worten der Weisen, die uns lehrten, dass wir über den Verstand hinausgehen müssen. Das heißt, der wahre Glaube ist gerade über dem Verstand, und nicht alles ist richtig, was der Verstand begreift; denn vom Schöpfer lernen wir, wie geschrieben steht: „Denn Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und Meine Wege nicht eure Wege.“

Und hier beginnen die Unterscheidungen in der Arbeitsordnung:

Die erste Stufe ist, dass er zu seinem Körper sagt: „All die Einwände, die ihr mir vorbringt – dass ihr dem Verstand nach im Recht seid –, auch ich stimme eurer Ansicht zu. Doch wisst: Da der wahre Weg, wie ich ihn aus dem Glauben an die Weisen (Emunat Chachamim) empfangen habe, über dem Verstand liegt, hatte ich bisher keine Gelegenheit, mir diesen meinen Weg vor Augen zu führen – dass es wirklich so ist, dass ich über dem Verstand gehe.

Jetzt aber, da du mit deinen Einwänden zu mir kommst, dass man innerhalb des Verstandes gehen müsse, und üble Nachrede über den Weg des Gebens und des Glaubens führst – jetzt bin ich zufrieden, dass du mit deiner üblen Nachrede zu mir kommst. Denn nun kann ich meine Gedanken offenlegen: dass das ganze Fundament, auf dem ich die Arbeit für den Schöpfer errichtet habe, auf dem Weg der Wahrheit ruht. Das heißt, jetzt kann ich sagen, dass ich über dem Verstand gehe – während ich, bevor du zu mir kamst, keine Gelegenheit hatte, meinen Weg offenzulegen.

Deshalb liebe ich deine Einwände, denn du hast mir einen großen Dienst erwiesen, indem du mir üble Nachrede gesagt hast. Das heißt: Die üble Nachrede, die ich von dir gehört habe, hat bewirkt, dass ich jetzt Umkehr vollziehe; denn nun bin ich gezwungen, mich mit dem Aspekt des Über-dem-Verstand zu überwinden. Es zeigt sich: Wer hat bewirkt, dass ich jetzt das Joch des Königtums des Himmels (Ol Malchut Shamajim) im Aspekt des Gebens und über dem Verstand auf mich nehmen muss? Allein deine üble Nachrede. Wärst du nicht mit Einwänden zu mir gekommen, hätte ich es nicht nötig gehabt, das Gebot des Glaubens auf mich zu nehmen. Jetzt aber muss ich Umkehr vollziehen.“ Somit grollt er nicht über die üble Nachrede, die er gehört hat.

Dies kann man dem Verhältnis nach mit der Umkehr aus Liebe vergleichen (und in Wahrheit sind Umkehr aus Liebe und Umkehr aus Ehrfurcht zwei große Stufen), wie unsere Weisen sagten: „Bei der Umkehr aus Liebe werden ihm die mutwilligen Sünden zu Verdiensten.“ Ebenso lässt sich auch hier erklären, dass ihm die mutwilligen Sünden zu Verdiensten werden. Doch ist zu verstehen: Wie werden aus mutwilligen Sünden Verdienste? Denn bei mutwilligen Sünden grollt der Mensch darüber, dass ihm Sünden zugestoßen sind; Verdienste hingegen sind gerade etwas, woran der Mensch sich erfreut, dass sie ihm zuteilwurden. Wie kann man da sagen, dass aus Sünden Verdienste werden? Worin besteht denn hier die Sünde? Dass der Körper mit seinen Einwänden gegen den Glauben kommt, den er über dem Verstand auf sich genommen hat. Und welche Sünde könnte größer sein als die dessen, der gegen den heiligen Glauben übel redet?

Wenn er aber Umkehr aus Liebe vollzieht – das heißt, wenn er jetzt umkehrt und bei klarem Verstand den Glauben über dem Verstand auf sich nimmt –, dann entscheidet er sich, gerade den Weg des Glaubens zu gehen. Denn nun liegen zwei Wege vor ihm, und er entscheidet; also hat er Raum für die Wahl. Bevor aber der Körper mit der üblen Nachrede zu ihm kam, war es – obwohl er den Aspekt des Glaubens über dem Verstand auf sich genommen hatte – noch nicht so deutlich, dass zwei Wege vor ihm liegen. Jetzt hingegen trifft er eine wirkliche Wahl, indem er sich entscheidet, dass man gerade im Glauben über dem Verstand gehen muss.

Demnach ist er mit der üblen Nachrede, die er gehört hat, zufrieden und liebt ihr böses Reden über den Glauben, obwohl es mutwillige Sünden sind. Und da sie ihm einen Raum für die Wahl verschafft haben, sodass ihm offenbar wurde, dass er wirklich den Weg des Glaubens über dem Verstand gehen will, gelten ihm diese Sünden so viel wie Verdienste; denn ohne sie hätte er keinen Raum für die Wahl gehabt. Es zeigt sich: Wenn er mit der Umkehr, die er jetzt vollzieht, und mit der Arbeit, die sich ihm jetzt bot, zufrieden ist, dann nennt man dies ein Verhältnis zur Umkehr aus Liebe – das heißt, er liebt den Akt der Umkehr, den er jetzt vollzogen hat. Damit gelten ihm dann von selbst ihre Ursachen, nämlich die Sünden, als Verdienste; das heißt, er liebt sie wie Verdienste, denn das eine geht nicht ohne das andere. Sie stehen für ihn im Verhältnis von Licht und Gefäß: Der Mangel, den ihm die Sünden verursacht haben, heißt „Gefäß“ (Kli), und die Umkehr, in der er die Wahl getroffen hat, gleicht dem Verhältnis des Lichts. Und das ist die erste Stufe in der Arbeitsordnung.

Die zweite Stufe ist: Obwohl er die üble Nachrede überwindet, die der Körper gegen den Weg der Wahrheit führt – den Aspekt von Geben und Glauben – und Umkehr vollzieht, indem er dem Körper antwortet: „Alles, was ich von dir höre, ist nur das, was du sagst, dass der Verstand es fordere. Ich aber gehe nach dem, was ich gehört habe: dass die eigentliche Grundlage der Arbeit für den Schöpfer der Aspekt des Glaubens über dem Verstand ist. Das heißt, ich gehe nicht nach dem, was der Verstand fordert, sondern über dem Verstand.“ – wenn dem so ist, ist dies eine wahre Umkehr.

Doch er sagt, er wäre zufriedener gewesen, hätte er ihre üble Nachrede nicht gehört, denn er war in Gefahr, vielleicht keine Wahl treffen zu können. Es zeigt sich, dass diese Umkehr aus Ehrfurcht erfolgt. Das heißt, er fürchtet die Arbeit der Überwindung, denn das ist eine schwere Arbeit; denn wenn der Mensch vor einer Prüfung steht, ist es sehr schwer, das Gute zu wählen.

Es zeigt sich, dass diese Umkehr ein Verhältnis zur Umkehr aus Ehrfurcht hat, bei der ihm die mutwilligen Sünden zu versehentlichen Verfehlungen werden. Da er über die Sünden Umkehr vollzogen hat, werden sie zu versehentlichen Verfehlungen – aber nicht zu Verdiensten. Denn „Verdienste“ meint, dass es Verdiensten gleicht: So wie der Mensch sich nach Verdiensten sehnt, so freut er sich über seine Arbeit, dass ihm die Gelegenheit zur Wahl gegeben wurde. Wenn er sich aber vor der üblen Nachrede fürchtet, sagt er selbst, dass dies keine Verdienste sind, sondern dass es versehentlichen Verfehlungen gleicht.

Es zeigt sich: Obwohl er das Böse zur Heiligkeit (Kedusha) erhoben – das heißt das Böse korrigiert hat, indem er Umkehr vollzog –, ist diese Stufe doch niedriger als die Umkehr aus Liebe, denn er selbst macht sie nicht zu Verdiensten. Darum wird dies als zweite Stufe in der Arbeit gewertet.

Die dritte Stufe, die in der Arbeitsordnung zu unterscheiden ist, besteht darin: Wenn der Körper mit den bekannten Einwänden zu ihm kommt und über den Aspekt von Verstand und Herz üble Nachrede führt, unterliegt er ihnen und kann sie nicht überwinden. Danach muss er von seiner Stufe herabsteigen. Das heißt: Wo er zuvor dachte, er zähle bereits zu den Dienern des Schöpfers, sieht er nun, dass er davon weit entfernt ist. Denn bevor der Körper mit seinen bekannten Einwänden zu ihm kam, dachte er von sich, er sei bereits in Ordnung – das heißt, er habe keinerlei Begierden der Selbstliebe, sondern alles, was er sei, sei gewiss auf das Geben ausgerichtet.

Jetzt aber sieht er, wie er seine Einwände nicht überwinden kann – obwohl er gegenwärtig nicht vor einer tatsächlichen Prüfung steht, denn alle Auseinandersetzungen finden jetzt nur theoretisch statt. Und dennoch sieht er, dass er seinen Einwänden unterliegt und jetzt nicht den Aspekt des Glaubens über dem Verstand auf sich nehmen und sagen kann: „Ich will nur den Weg des Gebens gehen.“

Nun sitzt der Mensch da und staunt über sich selbst, wie sich die Lage gewendet hat. Es kommt ihm vor wie ein Rad, das sich in der Welt dreht: In das, worauf er immer als Niedrigkeit herabgesehen hatte, ist er selbst hineingefallen, und er kann diesen Ort nicht verlassen – obwohl er sich erinnert, wie sehr es ihm zuwider war und wie er auf jene Menschen als kleine Leute herabsah, die sich kindisch verhalten, und sich immer von ihnen fernhielt. Jetzt befindet er sich selbst dort und kann aus eigener Kraft nicht von dort heraus.

Jetzt sieht er etwas Ähnliches wie die Geschichte, die man von Rabbi Jonatan, seligen Andenkens, erzählt: Er hatte einen Streit mit einem Priester. Der Priester behauptete, man könne die Natur verändern, und Rabbi Jonatan sagte, die Natur, die der Schöpfer geschaffen hat, könne man nicht verändern. Nur der Schöpfer selbst kann sie verändern, der Mensch aber ist aus eigener Kraft dazu nicht fähig.

Was tat der Priester? Er nahm einige Katzen und brachte ihnen bei, Kellner zu sein, kleidete sie in Kellnergewänder, ging zum König und erzählte ihm die ganze Sache, die er mit Rabbi Jonatan gehabt hatte. Der Priester richtete ein Festmahl aus und lud den König und die Fürsten ein. Vor dem Mahl kam der Priester noch einmal auf die Frage der „zweiten Natur“ zurück, ob man sie verändern könne. Und Rabbi Jonatan sagte, nur der Schöpfer könne verändern, nicht der Mensch.

Danach gab der Priester einen Befehl und sagte: „Zuerst wollen wir das Mahl einnehmen, und danach bringen wir unseren Streit zu Ende.“ Sofort traten die Kellner ein – also die Katzen –, die genau wie echte Kellner gekleidet waren. Sie deckten den Tisch und trugen einem jeden die Speisen auf. Der Priester, der König und die Fürsten sahen es und staunten über die wunderbaren Leistungen der Kellner. Und alle sahen nun, dass es keinen Anlass mehr gab, den Streit nach dem Mahl überhaupt fortzusetzen. Alle wunderten sich über Rabbi Jonatan, wie er so gelassen dasaß und sich von dem Vorgang nicht beeindrucken ließ, der schwarz auf weiß bewiesen hatte, dass es sehr wohl in der Hand des Menschen liege, die Natur zu verändern.

Und man erzählt, was Rabbi Jonatan daraufhin tat. Nachdem sie das Mahl beendet hatten und die Kellner bereitstanden, um der Gesellschaft aufzuwarten, zog Rabbi Jonatan eine Tabaksdose hervor. Alle dachten, er wolle Tabak schnupfen. Als er aber die Dose öffnete, kamen daraus einige Mäuse hervor. Und als die Kellner sahen, wie die Mäuse aus der Dose liefen und davonhuschten, ließen die Kellner sofort die Gäste stehen und liefen den Mäusen nach, wie es ihrer Natur entsprach. Da sahen alle, dass Rabbi Jonatan recht hatte.

Ebenso ist es bei uns: In dem Augenblick, da der Körper kommt und mit seiner üblen Nachrede beginnt und ihm den Geschmack der Selbstliebe ganz greifbar vor Augen führt, lässt der Mensch sofort die Tora, die Arbeit und den Herrn der Welt fahren und läuft der Selbstliebe nach – jenem Genuss an der Sache, den der Körper ihm zeigt. Dann sieht er, dass er keinerlei Kraft hat, aus der Selbstliebe herauszukommen.

Es zeigt sich: Hier, in diesem Zustand, in dem er nun sieht, wie er kraft unserer Natur in der Selbstliebe versunken ist, gilt dies als das Erreichen einer gewissen Stufe in der Arbeit. Das heißt, er ist zur Stufe der Wahrheit gelangt, die „Erkenntnis des Bösen“ genannt wird. Und er weiß nun, dass er seine Arbeit von Neuem beginnen muss. Denn bis jetzt ging er einen Weg, auf dem er sich selbst betrog: Er hielt sich für einen, der über dem Volk steht. Jetzt aber sieht er seinen wahren Zustand.

Darum hat er jetzt einen Ort des Mangels, um aus der Tiefe des Herzens zum Schöpfer zu beten. Denn nun sieht er ganz schlicht, wie weit er von der Arbeit des Gebens entfernt ist – dass es nicht in der Hand des Menschen liegt, herauszukommen, sondern allein der Schöpfer dabei helfen kann. Und das ist die dritte Stufe, die niedriger ist als die beiden vorangegangenen.

Die vierte Stufe, die von allen drei ersten Stufen die niedrigste ist, besteht darin: Manchmal kommt der Körper mit all seinen Einwänden zu ihm. Und er hört zu und antwortet ihm nichts, sondern nimmt seine Einwände ernst. Auch sieht er, dass es natürlich ist, dass es nicht in seiner Hand liegt, Handlungen des Gebens zu vollbringen. Und er bleibt in der Selbstliebe, ganz gewöhnlich, ohne jede Erschütterung, und nimmt das alles in aller Gelassenheit hin. Dabei vergisst er seinen Ort und Zustand, in dem er einen Augenblick zuvor war – nämlich bevor der Körper mit seinen Fragen zu ihm kam, als er von sich dachte, er gleiche nicht den übrigen Menschen, deren ganze Arbeit auf der Selbstliebe beruht. Jetzt aber fühlt er bei sich, dass dies ein Weg der Arbeit sei – so, wie die ganze Allgemeinheit arbeitet.

Es zeigt sich: Alle Fragen, die an ihn herantraten, waren gewiss ein Aufruf von oben, um ihn dahin zu bringen, dass er die Gelegenheit zum Aufstieg auf eine höhere Stufe erhält – sei es wie der erste Aspekt, der der Umkehr aus Liebe gleicht, oder wie der zweite, der der Umkehr aus Ehrfurcht gleicht, oder wie der dritte, der darin besteht, dass er einen Ort des Mangels habe – das heißt, dass ihm noch ein Ort bleibe, um zum Schöpfer zu beten –, da er nun sieht, dass es keine Möglichkeit gibt, dass der Mensch sich aus eigener Kraft selbst helfen könnte.

Und nun gelangt er in einen Zustand, in dem er glaubt und sieht, was unsere Weisen sagten (Sukka 52): „Rabbi Shimon ben Lakish sagte: Der Trieb des Menschen überwältigt ihn täglich und sucht, ihn zu töten, wie es heißt: ‚Der Frevler lauert dem Gerechten auf und sucht ihn zu töten.‘ Und ohne den Schöpfer, der ihm hilft, würde er ihm nicht standhalten, wie es heißt: ‚Der Schöpfer wird ihn nicht in seiner Hand lassen und ihn nicht für schuldig erklären, wenn er gerichtet wird.‘“

Und er sieht, dass der Körper ihn tatsächlich zu töten sucht – das heißt, mit seinen Einwänden will er ihn vom Leben der Leben trennen. Er sieht nun, dass es nicht in seiner eigenen Kraft steht, sich zu überwinden, sondern er wartet darauf, dass der Schöpfer ihm hilft. Es zeigt sich: Die Fragen, die an ihn herantraten, waren nicht umsonst, sondern gaben ihm einen Ort des Gebets aus der Tiefe des Herzens. Anders auf der vierten Stufe, wo er alles gelassen hinnimmt: Da sind die Fragen gleichsam umsonst zu ihm gekommen, ohne jeden Nutzen.

Doch man muss wissen: Bei einem Menschen, der begonnen hat, den Weg des Gebens und des Glaubens zu gehen, geht nichts verloren. Vielmehr erholt er sich danach, nach Tagen oder Stunden, von dem Zustand, in dem er sich befand, nachdem er die üble Nachrede gehört hatte. Und dann sieht er etwas Neues: wie der Mensch von einer hohen Stufe auf eine Stufe fallen kann, die im Vergleich zu seinem früheren Zustand die äußerste Niedrigkeit ist. Und dennoch hatte er keinerlei Empfindung davon, sondern fühlt sich, als wäre nichts geschehen; er nimmt alles ruhig und gelassen hin, ist einverstanden, im gegenwärtigen Zustand zu bleiben, ist gelassen und in nicht schlechter Stimmung – dort, wo er zuvor dachte, wenn er im Spirituellen keinen Fortschritt habe, sei ihm der Tod lieber als das Leben. Immer hatte er gezittert und gebebt, wie er vorankäme, und immer blickte er auf Menschen, die gelassen sind, während sie sich mit Tora und Mizwot in trockener Weise beschäftigen – das heißt ohne jeden Gedanken, sondern nur wie ein angelerntes Gebot der Menschen.

Jetzt aber fühlt er nicht, dass er irgendeine Stütze von irgendwem brauchte, um zu spüren, dass ihm nichts fehlt. Vielmehr ist es ganz natürlich, dass der Mensch in Ruhe leben will und nicht nach Mängeln an sich sucht, sondern sich zu seinen Gunsten beurteilt. Das heißt: Für alles, was er für einen Mangel hält, hat er sofort viele Ausreden. Und vor allem will er ohne jedes Leid leben, denn er erinnert sich, dass er einst, als er noch an das Spirituelle dachte, voller Leiden und immer voller Sorgen war. Jetzt aber hat er, dem Schöpfer sei Dank, keine Sorgen um das Spirituelle, sondern lebt wie alle Menschen.

Wenn ihm aber danach ein Erwachen von oben zuteilwird, beginnt er erneut, sich um das Spirituelle zu sorgen. Dann sieht er etwas Neues: dass der Mensch nicht Herr über sich selbst ist, sondern sich in der Schleuder befindet – dass man ihn von oben wirft, wie man will, und er in den Händen der Oberen ist. Das heißt: Einmal gibt man ihm Gedanken ein, alle materiellen Dinge, die dem eigenen Nutzen dienen, von sich zu werfen; ein andermal wirft man ihn hinab in die materielle Welt – das heißt, er vergisst alle spirituellen Dinge.

Demnach ist sogar die vierte Stufe eine Stufe, die ihm die Gelegenheit gibt, daraus die Wahrheit zu erkennen – wodurch er dazu gelangen kann, sich an den Schöpfer anzuhaften: dadurch, dass er sieht, dass er von der Hand des Schöpfers abhängt. Dann wird er erwachen, um den Schöpfer zu bitten, dass Er ihm helfe, aus der Selbstliebe herauszukommen und zur Liebe des Schöpfers zu gelangen.

Doch dies ist ein langer Weg. Die rechte Ordnung aber ist, wie mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam), seligen Andenkens, sagte: Der Mensch muss sprechen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?“ Der Mensch muss sagen, dass alles am Menschen liegt; denn die ganze Wahl ist in die Hand des Menschen gegeben, dass er sie treffe, und er soll nicht warten, bis ihm ein Erwachen von oben zuteilwird.

Und nach der Tat muss er glauben, dass alles unter der persönlichen Vorsehung (Hashgacha Pratit) steht und der Mensch seiner Arbeit nichts hinzufügen kann; vielmehr muss er so handeln, wie man es von oben will, und hat keinerlei Wahl. Und das ist der kürzeste und erfolgreichste Weg, denn man spart Zeit und Leid, das man durch die Länge der Zeit sonst erleidet.

Es zeigt sich: In der Arbeitsordnung des Gebens und des Glaubens finden wir, wenn der Mensch beginnt, sie zu gehen, hier vier Aspekte:

1. In dem Augenblick, da der Körper mit den Einwänden seiner üblen Nachrede zu ihm kommt, nimmt er sie mit Liebe an und sagt: „Jetzt habe ich die Gelegenheit, das Gebot des Glaubens über dem Verstand zu erfüllen, denn andernfalls würde ich nur innerhalb des Verstandes arbeiten.“ Und dies hat ein Verhältnis zur Umkehr aus Liebe – das heißt, er liebt diese Umkehr.

2. In dem Augenblick, da der Körper mit den Einwänden seiner üblen Nachrede zu ihm kommt, überwindet er sie zwar, liebt diese Arbeit aber nicht; denn es ist eine schwere Arbeit, sich zu überwinden, während man üble Nachrede hört. Dies gleicht der Umkehr aus Ehrfurcht, bei der ihm die mutwilligen Sünden zu versehentlichen Verfehlungen werden – wie oben gesagt, weil er froher wäre, wenn sie nicht zu ihm kämen.

3. In dem Augenblick, da der Körper mit den Einwänden seiner üblen Nachrede zu ihm kommt, unterliegt er seinen Einwänden und hat nicht die Kraft, sich zu überwinden. Dann fühlt er sich schlecht, weil er zuvor dachte, er zähle bereits zu den Dienern des Schöpfers; jetzt aber sieht er, dass er nichts hat. Er bekümmert sich darüber, kann sich aber nicht helfen. Es zeigt sich, dass ihm der Zustand, in dem er sich befindet, schlecht ist.

4. In dem Augenblick, da der Körper mit den Einwänden seiner üblen Nachrede zu ihm kommt, kauert er unter seiner Last, erfüllt alles, was der Körper ihm sagt, und nimmt alles gelassen hin. Sofort an Ort und Stelle vergisst er, dass er je ein Diener des Schöpfers war, und fühlt sich wohl, als wäre nichts geschehen; er genießt vielmehr seinen Zustand, denn jetzt hat er kein Leid – dadurch, dass er nicht an die Dinge der Arbeit für den Schöpfer denkt –, und er möchte sein ganzes Leben in der Fortdauer dieses Zustands verbringen. Und manchmal denkt er nicht einmal daran; das heißt, er denkt überhaupt nicht an einen Lebenszweck, sondern es ist ihm einfach so wohl.

Und diese vier Zustände sind mit den vier Stufen zu vergleichen, von denen unsere Weisen sprachen:

1. Ein Gerechter, dem es gut geht.

2. Ein Gerechter, dem es schlecht geht.

3. Ein Böser, dem es schlecht geht.

4. Ein Böser, dem es gut geht.

Und obwohl unsere Weisen von hohen Stufen sprechen, lässt sich dem Verhältnis nach dennoch ein Vergleich ziehen.

Den ersten Zustand, der der Umkehr aus Liebe gleicht, nennen wir „ein Gerechter, dem es gut geht“. Das bedeutet, dass er gar kein Böses hat, weil ihm die mutwilligen Sünden zu Verdiensten geworden sind.

Den zweiten Zustand, der der Umkehr aus Ehrfurcht gleicht, nennen wir „ein Gerechter, dem es schlecht geht“, wie der Sohar oben (auf Blatt 1) erklärt: „Ein Gerechter, dem es schlecht geht – denn das Böse steht unter seiner Herrschaft“, das heißt, er herrscht über es; denn er hat Umkehr über die üble Nachrede vollzogen, die er von seinem Körper gehört hat. Und da die mutwilligen Sünden nicht zu Verdiensten geworden sind, hat er zwar Sünden, doch sie sind wie versehentliche Verfehlungen, weil das Böse unter der Herrschaft des Guten steht. Es zeigt sich, dass er noch Böses hat, aber das Gute über es herrscht.

Den dritten Zustand – in dem er, während er vom Körper üble Nachrede hört, dem Bösen unterliegt und nicht die Kraft hat, über die üble Nachrede Umkehr zu vollziehen, und die üble Nachrede annimmt, sich aber darüber bekümmert, dass er es nicht überwinden kann – können wir „ein Böser, dem es schlecht geht“ nennen. Obwohl er ein Böser ist – das heißt, keine Umkehr vollzieht –, empfindet er doch ein Unbehagen über diesen Zustand, und das nennt man „dem es schlecht geht“, weil er nicht die Kraft zur Überwindung hatte.

Den vierten Zustand – in dem er die üble Nachrede gelassen hinnimmt und nicht einmal fühlt, dass er soeben üble Nachrede gehört hat – können wir „ein Böser, dem es gut geht“ nennen. Das heißt: Obwohl er ein Böser ist, ist ihm dennoch wohl, wie er ist, und er nimmt an sich selbst keinerlei Mangel wahr.

EY, 11.07.2026, Ver3