1986/24 Der Unterschied zwischen Wohltätigkeit und Geschenk
Es steht geschrieben (Sprüche 15:27): „Wer Geschenke hasst, wird leben.“ Daraus lässt sich folgern, dass man keine Geschenke annehmen darf, weil dies sonst das Gegenteil von Leben bewirkt. Wie aber kann es dann sein, dass die Menschen überall Geschenke voneinander annehmen? Eine weitere Frage stellt sich zu dem, was der Schöpfer zu Moses sagte: „Ich habe ein gutes Geschenk in meiner Schatzkammer, und sein Name ist Shabbat. Ich möchte es Israel geben – geh und teile es ihnen mit“ (Talmud, Traktat Beiza, Blatt 16).
In der Welt ist es üblich, dass ein Mensch einen anderen um Almosen bitten kann. Doch wir haben noch nie gesehen, dass jemand einen anderen um ein Geschenk bittet. Ein Beispiel: Manchmal muss sich jemand vor dem Pessachfest Mazzot (ungesäuertes Brot) und Wein und Ähnliches dafür beschaffen. Dann geht er zum Almosenverwalter oder zu einem Wohlhabenden und bittet um Hilfe bei der Beschaffung des Nötigen für Pessach. Er schildert ihm seine bedrängte Lage – und er bekommt, worum er bittet.
Aber wir haben noch nie erlebt, dass jemand zu seinem Freund geht und ihn um ein Geschenk bittet. Ein Beispiel: Vor Pessach wünscht sich seine Frau von ihm einen Diamantring, der mindestens zweihundert Dollar wert sein soll. Er geht zu seinem Freund und erklärt ihm, dass er gerade in einer bedrängten Lage ist und den gewünschten Ring nicht kaufen kann. Deshalb möchte er, dass sein Freund ihm das Geld als Geschenk gibt, um seiner Frau den Ring zum Pessachfest zu kaufen.
Auch haben wir nie gehört, dass es in einer Stadt einen Verwalter für Geschenke gäbe – also dass es dort neben dem Almosenverwalter ebenso einen Geschenkverwalter gäbe. In der Welt ist es vielmehr so, dass man Geschenke gibt und nicht um sie bittet. Wer einen anderen liebt, in dem regt sich der Wunsch, ihm eine Freude zu bereiten, und deshalb gibt er ihm ein Geschenk. Man kann hier also nicht sagen, dass man um Geschenke bittet oder dass es in der Stadt einen eigenen Ort gäbe, an dem Geschenke ausgegeben werden.
Doch wir müssen den wahren Grund verstehen, warum man nicht um Geschenke bittet, um Almosen hingegen schon. In jeder Stadt gibt es eine Einrichtung, die allen Bedürftigen hilft, damit sie ihren Lebensunterhalt haben und in der Welt bestehen können. Auch heute gibt es in jedem Land eine Behörde, die sich um die Bedürftigen kümmert.
Der Grund ist sehr einfach: Es besteht ein Unterschied zwischen dem Notwendigen und dem Luxus. Notwendig ist das, was ein Mensch erhalten muss, um in der Welt bestehen zu können; erhält er die nötige Hilfe nicht, so kann er in der Welt nicht bestehen. Dazu sagten unsere Weisen (Sanhedrin 37): „Wer eine einzige Seele aus Israel am Leben erhält, dem wird es angerechnet, als hätte er eine ganze Welt am Leben erhalten.“ Gemeint ist das Notwendige, ohne das er nicht bestehen kann. Darauf kann ein Mensch nicht verzichten und auch nicht darauf, um Hilfe zu bitten, denn „alles, was ein Mensch hat, gibt er für sein Leben hin.“
Deshalb schämt sich ein Mensch nicht, um Almosen zu bitten, denn es geht mehr oder weniger um Leben und Tod. Auch der andere, der Geber, sieht ein, dass es richtig ist, ihm das Erbetene zu geben. Je näher die Sache an Leben und Tod heranreicht, desto offener fordert der Empfänger, und desto stärker nimmt der Geber an seiner Lage Anteil. Je weiter sie davon entfernt ist, desto kühler kümmert sich der Geber um die Lage des Empfängers. Doch all das bewegt sich auf der Bahn des Notwendigen.
Beim Luxus ist es anders. Wer um Luxus bittet, schämt sich. Und auch der Geber hört nicht auf den, der um Luxus bittet. Darum müssen wir zwischen Almosen und Geschenk unterscheiden. Beim Almosen erfolgt die Antwort auf die Forderung des Empfängers: Bittet der Almosenempfänger, so gibt man ihm. So kommt das Almosen durch ein Erwachen des Niederen zustande, weil dieser seinen Mangel spürt. Sobald er nämlich sieht, dass er ohne die Hilfe des Gebers in der Welt nicht bestehen kann, schämt er sich nicht, sondern erniedrigt sich sogar vor dem Geber – und zwar deshalb, weil ihm keine andere Wahl bleibt.
Ein Geschenk dagegen geht ganz vom Geber aus. Wenn im Geber das Verlangen erwacht, seinem geliebten Menschen die Liebe zu zeigen, dann schickt er ihm ein Geschenk. Demnach kommt ein Geschenk durch das Erwachen des oberen Gebenden, während das Almosen durch das Erwachen des Empfängers kommt. Der Almosenempfänger muss zum Geber gehen und ihm den Bedarf an dem Almosen verständlich machen, das er von ihm fordert. Und in dem Maße, wie er ihm begreiflich machen kann, dass er diese Hilfe dringend braucht und dass die Sache äußerst notwendig ist, in dem Maße erhält er vom Geber, worum er bittet.
Der eigentliche Grund ist jedoch, wie wir lernen, folgender: Wenn wir etwas gebrauchen müssen, das nicht in der Wurzel vorhanden ist, empfinden wir dabei ein Unbehagen. So heißt es in Talmud Esser haSefirot (Teil 1, Histaklut Pnimit, Punkt 19): „Bekanntlich gleicht die Natur jedes Zweiges seiner Wurzel. Darum begehrt der Zweig alles, was in der Wurzel üblich ist, liebt es und sehnt sich danach. Und von allem, was in der Wurzel nicht üblich ist, hält sich auch der Zweig fern; er erträgt es nicht und hasst es.“
Das Empfangen ist in unserer Wurzel also nicht üblich. Wenn ein Mensch daher empfangen muss, empfindet er Scham, und diese ist ein Unbehagen, weil das Empfangen in unserer Wurzel nicht üblich ist. Braucht jemand die Hilfe seines Nächsten und handelt es sich um etwas Notwendiges, so sagt man: Es bleibt keine Wahl, denn nichts kann der Lebensrettung im Wege stehen. Doch bei der Lebensrettung gibt es viele Abstufungen. Bei allem, was notwendig ist, erträgt man also die Scham und bittet um Hilfe. Und was notwendig ist, ist nicht bei jedem gleich, sondern jeder Mensch hat ein anderes Maß. Das heißt: Was dem einen als Luxus gilt, kann für den anderen notwendig sein.
Darum lässt sich die Grenze schwer ziehen zwischen dem, was „Luxus“, und dem, was „Notwendigkeit“ heißt. Man könnte zwar sagen: Ein Ding, ohne das man leben kann, ist Luxus, und eines, ohne das man nicht leben kann, ist notwendig. Doch auch das lässt sich nicht zu hundert Prozent abmessen.
Ein Beispiel finden wir bei unseren Weisen (Ketubot 67b): „Jemand kam zu Rabbi Nechemia. Dieser fragte ihn: Wovon ernährst du dich? Er antwortete: Von fettem Fleisch und altem Wein. Da sagte er zu ihm: Willst du dich nicht wie ich mit Linsen begnügen? Er begnügte sich mit Linsen – und starb.“ Wir sehen aus dieser Begebenheit: Obwohl fettes Fleisch und alter Wein nach allgemeiner Auffassung gewiss Luxus sind, waren sie für diesen Menschen notwendig – so sehr, dass er aus diesem Grund starb.
Weiter sehen wir dort die Worte unserer Weisen: „Die Weisen lehrten: ‚Genug für seinen Mangel, woran es ihm fehlt‘ (Deuteronomium 15). ‚Genug für seinen Mangel‘ – du bist verpflichtet, ihn zu versorgen, aber nicht verpflichtet, ihn reich zu machen. ‚Woran es ihm fehlt‘ – sogar ein Pferd zum Reiten und einen Knecht, der vor ihm herläuft. Von Hillel dem Älteren erzählte man, dass er für einen verarmten Mann aus gutem Hause ein Pferd zum Reiten und einen Knecht besorgte, der vor ihm herlaufen sollte. Einmal fand er keinen Knecht, der vor ihm herlief, und so lief er selbst drei Meilen vor ihm her.“
Daran können wir nach der Auslegung unserer Weisen zum Vers „woran es ihm fehlt“ erkennen: Sogar ein Pferd zum Reiten und ein Knecht, der vor ihm herläuft, fallen unter den Begriff des Mangels und nicht unter den des Luxus. Denn hier ist von einem Armen die Rede, wie die Gemara berichtet, dass Hillel sich eines verarmten Mannes aus gutem Hause annahm. Und was man einem Armen gibt, heißt gewiss „Almosen“, also Notwendigkeit. Und selbst das Pferd zum Reiten und der vorauslaufende Knecht gelten demnach ebenfalls als „notwendig“. Wir können also keine Grenze ziehen und sagen: Bis hierher heißt es „notwendig“ und von da an „Luxus“.
Demnach kann der Arme als Almosen etwas verlangen, was bei anderen „Luxus“ heißt. Wie gesagt: Der Arme bittet um Almosen, ohne sich allzu sehr zu schämen, weil das Almosen für ihn notwendig ist. Doch wir können nicht allgemein zwischen Almosen und einem als „Luxus“ geltenden Geschenk unterscheiden, denn das hängt vom Charakter des Menschen ab. Jeder hat sein eigenes Maß dafür, was er „notwendig“ und was er „Luxus“ nennt. Ist es etwas, ohne das man leben kann, und fehlt dem Armen der Mut, einen anderen darum zu bitten, dann fällt es unter den Begriff des Geschenks – und ein solches kommt nur durch das Erwachen des Gebers zustande.
Wer aber kann bestimmen, ob das, worum ein Mensch seinen Nächsten bittet, unter den Begriff des Almosens oder des Geschenks fällt? Nur der Schöpfer kennt das Maß eines Menschen, um zu sagen: Bis hierher heißt es „notwendig“ und von da an „Luxus“.
Nun wollen wir dieselben Begriffe auf die innere Arbeit anwenden. Beim Gebet, wenn ein Mensch den Schöpfer um Hilfe in der Arbeit bittet, müssen wir unterscheiden, ob er den Schöpfer um Almosen bittet, also um das Notwendige. Ohne dieses, so sagt er zum Schöpfer, hat sein Leben keinen Sinn. Er fühlt sich nämlich nackt und von allem entblößt, sowohl an Tora als auch an Mizwot. Er spürt, dass kein Funke Wahrheit in ihm ist und dass alle seine Handlungen auf Heuchelei und Lüge gebaut sind. Das ganze Fundament, auf dem er sein Gebäude der Heiligkeit (Kedusha) errichtet, ruht also auf der Selbstliebe.
Und er hat das Gefühl, jeden Tag zurückzufallen, statt voranzukommen. Er erlebt das Gegenteil dessen, was er erwartet hatte: Als er die heilige Arbeit aufnahm, empfand er Tora und Arbeit als wichtiger. Eben deshalb hatte er Tora und Arbeit auf sich genommen – weil es sich lohnt, sich von den Nichtigkeiten dieser Welt zurückzuziehen und an Tora und Mizwot zu haften, was ihm Glück und Sinn im Leben bringen sollte. Seine Begeisterung war damals groß.
Jetzt versteht er nicht, woher er damals diese Kräfte nahm. Käme heute jemand zu ihm und sagte: „Lass alles los, zieh dich von den Nichtigkeiten dieser Welt zurück und nimm die heilige Arbeit auf“, so könnte er in seinem jetzigen Zustand gewiss nicht auf ihn hören – weder mit dem Verstand noch mit dem Gefühl.
Gewiss muss er sich sagen, dass er damals Glaube und Vertrauen hatte, jetzt aber von all dem weit entfernt ist. Damals war es so, dass er sich die ganze Zeit, in der er sich mit der Arbeit beschäftigte, der Wahrheit nähern wollte – das ist die Anhaftung an den Schöpfer (Dwekut) –, und danach sehnte er sich. Jetzt aber steht er zehn Stufen weiter zurück. Das heißt, ihm fehlen jetzt die Begeisterung für die Tora und das Empfinden ihrer Wichtigkeit.
Erst recht gilt das für das Gebet: Er verspürt kein Verlangen danach, denn der Körper sagt ihm: „Was bringt es dir, dass du betest? Du siehst doch selbst, dass du umso tiefer sinkst, je mehr Arbeit du leisten willst. Wozu also diese Arbeit?“ Wie soll ein Mensch sich da abmühen, wo er sieht, dass er nicht einen einzigen Schritt vorankommt?
Da die Ruhe dem Menschen Genuss verschafft, kann er auf sie nur verzichten, wenn er weiß, dass er einen größeren Genuss gewinnt oder etwas, das er dringender braucht. Dann hat er einen Grund, auf die Ruhe zu verzichten – aber nicht einfach ohne jede Gegenleistung. Sieht er nun, dass ihm seine Mühe nichts von dem eingebracht hat, was er zu gewinnen hoffte, so verliert er die Kraft zur Arbeit und bleibt erschöpft zurück.
Er betrachtet sich selbst und sagt: Käme jemand zu ihm und spräche: „Wisse, dass du in einiger Zeit, in einigen Monaten oder Jahren, in einen Zustand der Verzweiflung geraten wirst. Du wirst keinerlei Fortschritt erzielen, im Gegenteil: Jedes Jahr wirst du dich niedriger fühlen als jetzt. Schon jetzt fühlst du dich niedrig, und gerade deshalb willst du die wahre Arbeit beginnen, um das wahre Ziel zu erreichen, für das du erschaffen wurdest. Darum sage ich dir: Schade um deine Mühe. Denn ich kenne viele Menschen, die dachten wie du – dass man nur ein wenig Mühe aufbringen muss und sofort Früchte sehen wird, also einen gewissen Fortschritt in der wahren Arbeit.“
Dann würde ich ihm antworten: Du gehörst zu den Kundschaftern, die das Land Israel verleumdeten. Genau so legt es der Sohar aus (Shlach, Blatt 22, im Sulam Punkt 63): „‚Und sie kehrten zurück vom Erkunden des Landes.‘ ‚Sie kehrten zurück‘ bedeutet, dass sie zur bösen Seite zurückkehrten und vom Weg der Wahrheit abkehrten, indem sie sagten: Was haben wir bis heute davongetragen? Wir haben nichts Gutes in der Welt gesehen; wir haben uns in der Tora abgemüht, und das Haus ist leer. Wer wird jene Welt erlangen, und wer wird in sie eingehen? Besser wäre es für uns gewesen, wir hätten uns nicht so sehr abgemüht. Sie berichteten ihm, und er sprach, und so weiter: Wir haben uns abgemüht und gelernt, um einen Anteil an jener Welt zu kennen, wie du uns geraten hast. Auch ist sie ein Land, das von Milch und Honig fließt: Gut ist jene obere Welt, wie wir aus der Tora wissen – aber wer kann sie erlangen?“
Nach einiger Zeit der Arbeit sagt er nun: Wären diese Gedanken ihm zu Beginn gekommen – als er sich vornahm, den gewohnten Zustand zu verlassen, der „angelernte Menschengebote“ heißt, und zu den wahren Dienern des Schöpfers zu gehören –, dann hätte er zu ihnen gesagt: „Ihr seid Boten der Kundschafter, und darum kommt ihr zu mir, um mich am Eintritt in das Land der Heiligkeit zu hindern, das ‚heilige Arbeit‘ heißt.“ Er hätte nicht auf sie gehört. Jetzt aber merkt er, dass er den Einwand der Kundschafter selbst empfindet. Und nun erscheint ihm dieser Einwand nicht mehr als der der Kundschafter, sondern als sein eigener. Er spürt nämlich: Alles, was er empfindet, ist wahr.
Und wie gesagt, erhebt sich die Frage: Was ist die Wahrheit? War er zu Beginn der Arbeit auf einer höheren Stufe als jetzt, nach mehreren Jahren der Arbeit und Mühe? Was lässt sich dann über einen solchen Zustand sagen – dass seine ganze Arbeit vergeblich war? Und nicht bloß vergeblich; denn „vergeblich“ hieße, dass er nichts gewonnen hat und sich in demselben Zustand befindet wie vor seinem Eintritt in die heilige Arbeit um des Gebens willen.
Doch hier ist es nicht so, sondern er hat verloren und ist gegenüber seinem früheren Zustand abgesunken. Ihm fehlen jetzt die Wichtigkeit und die Begeisterung für Tora und Mizwot; ihm fehlen der Schwung und das Vertrauen, die er damals hatte. Heute betrachtet er sich und stellt fest, dass er in einem Zustand des „Mir ist alles gleichgültig“ ist. Dem Anschein nach müsste man sagen, dass er gegenüber seinem früheren Zustand, dem Beginn seiner Arbeit, abgesunken ist.
In Wahrheit ist es aber nicht so. Denn nach der Regel „Es gibt kein Licht ohne Gefäß (Kli)“ bedeutet dies: Der Schöpfer füllt den Mangel des Niederen nicht, solange dieser keinen echten Mangel hat. Und „Mangel“ heißt nicht unbedingt, dass ihm die Sache fehlt, dass er sie also nicht hat. Das gleicht dem Gleichnis, das ich (in Artikel 6, 1986) schrieb: In einem Land fand eine Wahl statt, um einen Präsidenten zu wählen. Es gab zwei Kandidaten für das Präsidentenamt, und mehrere Aktivisten arbeiteten im Wahlkampf, von denen jeder wollte, dass der von ihm bevorzugte Kandidat gewählt würde. Am Ende wurde einer von ihnen gewählt. Stellt man nun eine Betrachtung über den Mangel an – wer spürt, dass er nicht Präsident ist? Letztlich gibt es nur einen einzigen Präsidenten, und alle Bürger des Landes haben den Mangel, dass sie keine Präsidenten sind. Trotzdem muss man beim Mangel unterscheiden nach dem Maß des Schmerzes, den man darüber empfindet, kein Präsident zu sein. Denn von den gewöhnlichen Bürgern muss man sagen: Obwohl sie keine Präsidenten sind, empfinden sie darüber keinerlei Mangel.
Diejenigen aber, die sich darum bemüht hatten, wer Präsident werden soll, und bei denen ein anderer als der erhoffte Präsident wurde, empfinden Schmerz über diesen Mangel – dass nicht ihr Kandidat Präsident wurde, für den sie gearbeitet hatten. Wahres Leid jedoch empfindet gerade jener Mann, der meinte, man werde ihn zum Präsidenten machen, und der Kräfte investierte, um die Wahl zu gewinnen, damit die Bürger ihn wählen – und am Ende wählte man seinen Gegner. Er empfindet das wahre Leid. Von ihm kann man sagen, dass er einen echten Mangel hatte, Präsident zu werden, weil er Kräfte dafür einsetzte; und im selben Maß, wie er Kräfte einsetzte, wird das Leid empfunden.
Aus dem Gesagten ergibt sich nun in der Arbeit für den Schöpfer: Zu Beginn seiner Arbeit hatte er Schwung, Vertrauen und große Wertschätzung für Tora und Gebet, weil er damals die Anziehungskraft der Heiligkeit besaß und fühlte, dass die Arbeit für den Schöpfer etwas Wichtiges ist. Doch das heißt noch nicht „Mangel“, den der Schöpfer füllen würde – jener Mangel, der „Anhaftung an den Schöpfer“ heißt. Denn der Mangel und der Schmerz darüber, keine Anhaftung an den Schöpfer zu haben, waren in ihm noch nicht spürbar, weil er dafür noch keine Kräfte investiert hatte; er stand ja erst am Anfang der Arbeit.
Anders ist es, wenn lange Zeit vergangen ist, in der er Kräfte investiert hat, ohne dass sein Mangel gefüllt wird. Dann beginnen sich in ihm Leid und Schmerz zu regen, weil er Kräfte einsetzte und dennoch keinen Fortschritt in seiner Arbeit sieht. Nun stellen sich die Gedanken einer nach dem anderen ein: mal als Funken der Verzweiflung, mal fasst er wieder Mut, und dann sieht er erneut, dass er von seinem Zustand abfällt – und so geht es immer wieder. So lange, bis sich in ihm ein echter Mangel angesammelt hat, den er durch die Mühe in Aufstiegen und Abstiegen erlangt. Denn diese Aufstiege und Abstiege hinterlassen in ihm jedes Mal einen Schmerz darüber, dass er die Anhaftung an den Schöpfer noch nicht erlangt hat. Und sobald das Maß der Mühe vollständig gefüllt ist – was „Gefäß (Kli)“ heißt –, kommt zu ihm die Füllung vonseiten des Schöpfers, weil er jetzt ein „echtes Gefäß“ hat.
Demnach geschieht das, was er sieht – dass er jetzt, nach einigen Jahren der Arbeit, zurückgefallen ist –, mit Absicht: damit er den Schmerz darüber spürt, keine Anhaftung an den Schöpfer zu haben. Also muss er jedes Mal erkennen, wie er sich mehr und mehr der Bildung des Gefäßes nähert, das „echter Mangel“ heißt. Der Maßstab für die Kleinheit (Katnut) und Größe (Gadlut) des Mangels ist das Ausmaß des Leids, das er empfindet, weil ihm die Füllung fehlt, die hier „Anhaftung an den Schöpfer“ heißt – nämlich dass sein ganzes Wollen und Verlangen einzig darauf gerichtet ist, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Und bevor der Mangel nicht vollständig ist, kann die Füllung nicht in Vollständigkeit kommen. Bekanntlich kommt von oben immer etwas Vollständiges. Also muss auch der Mangel ganz vollständig sein. Das heißt, er muss Schmerz und Mangel darüber empfinden, dass er gar nichts hat: dass er weder Tora noch Arbeit noch Ehrfurcht vor dem Himmel besitzt.
Zwar verrichtet er der Tat nach die Mizwot, lernt Tora, steht vor Tagesanbruch auf und achtet auf die leichten Gebote wie auf die schweren. Würden andere Menschen tun, was er tut, sie würden sich in ihren eigenen Augen für vollkommen Gerechte halten. Er aber fühlt sich von allem leer. Das liegt daran, dass er die Anhaftung an den Schöpfer erlangen will, und dazu braucht der Mensch einen einzigen Gedanken: dass all sein Tun um des Gebens willen geschieht. Und er sieht, dass ihm gerade dies in weiter Ferne liegt.
Also sagt er sich: Was ist mein ganzer Gewinn daraus, dass ich mich mit Tora und Mizwot beschäftige? Meine ganze Rechnung war doch, dadurch zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen. Doch ich sehe nicht, dass ich mich auch nur ein wenig genähert hätte – im Gegenteil. Dieser Mensch bittet also nicht um Luxus, sondern schlicht um das Notwendige: dass er seine Seele mit etwas Spiritualität beleben kann, damit er nicht in der Selbstliebe versinkt.
So fühlt er sich also völlig leer an Spiritualität. Andere Menschen dagegen haben dieses Gefühl nicht, der Spiritualität fern zu sein. Vielmehr sehen wir: Wenn andere täglich im Minjan (Gebetsquorum von zehn Männern) beten können, fühlen sie sich bereits vollkommen. Und besonders jene, die nach einem Arbeitstag noch das tägliche Tora-Pensum (Daf haJomi) lernen, fühlen sich gewiss vollkommen. Sie verlangen vom Schöpfer keine Hilfe, um die Kraft zu haben, auf dem Weg des Schöpfers zu gehen. Sie beten vielmehr darum, dass der Schöpfer ihnen hilft, ihre feste Gewohnheit fortzusetzen. Damit haben sie bereits ihre Erfüllung im Leben.
Erst recht gilt das für jene, „deren Tora ihr Beruf ist“. Sie fühlen sich gewiss vollkommen und preisen den Schöpfer beständig dafür, dass Er ihnen Verstand und Willen gab, „damit ihr Anteil nicht bei den Müßiggängern sei“. Zwar beten sie zum Schöpfer, Er möge ihnen in der Sache helfen, von der sie gehört haben – nämlich liShma zu handeln –, doch das gilt bei ihnen als Luxus. Denn das Wesentliche an Tora und Mizwot erfüllen sie; es fehlt ihnen nur die Arbeit liShma. Es stimmt zwar, dass man liShma tätig sein soll, aber das betrifft nur einzelne Auserwählte. Selbst wenn sie also beten, der Schöpfer möge ihnen gewähren, die Tora liShma zu lernen, gilt ihnen das als Luxus und nicht als Notwendigkeit. Denn, Gott sei Dank, fühlen sie sich als Auserwählte des Volkes, die im „Licht der Tora“ stehen und „deren Tora ihr Beruf ist“.
Daraus ergibt sich dasselbe: Wenn zwei Menschen den Schöpfer bitten, ihre Bitte zu erfüllen, muss man zwischen ihnen unterscheiden – nicht nach dem Gebet selbst, sondern nach dem Beweggrund des Gebets. Der eine will die Sache, weil seine Seele nach Luxus verlangt; er bittet also um ein Geschenk. Doch es gehört sich nicht, um Geschenke zu bitten. Darum kann man seine Bitte nicht erfüllen, denn um Geschenke bittet man nicht; sie kommen allein vom Geber. Der Geber erwacht von sich aus, dem Empfänger ein Geschenk zu geben. So kommt es, dass der Niedere voller Klagen ist, warum der Schöpfer sein Gebet nicht erhört, da er doch jeden Tag um Geschenke betet und nicht erhört wird. Deshalb behauptet er, mit dem Oberen sei etwas nicht in Ordnung.
Der Obere aber entgegnet, dass der Niedere nicht in Ordnung ist, weil er darum weint, dass man ihm Geschenke gibt. Denn was ihm seiner Meinung nach fehlt, ist für ihn nur Luxus. Wenn er sich daher selbst korrigiert und die Wahrheit erkennt – nämlich dass das, was er fordert, eine Notwendigkeit ist, also ein Almosen –, dann gilt: Almosen gibt man sehr wohl durch das Erwachen des Niederen, wie es heißt: „der Arme bittet“. Und je notwendiger die Bitte ist, desto eher wird sie angenommen.
Das ist es, was oben erklärt wurde (Ketubot 67b): Fleisch und Wein mögen bei jedem anderen Luxus sein, doch für den Mann, der zu Rabbi Nechemia kam, waren sie notwendig. Der Beweis dafür: Man gab ihm Linsen zu essen, und er starb.
Damit verstehen wir, warum es so ist, dass ein Mensch, nachdem er viel Mühe investiert hat, um die Anhaftung an den Schöpfer zu erreichen, am Ende sieht, dass es ihm schlechter geht als vor dem Beginn der heiligen Arbeit zu seiner eigenen Korrektur. Es ist, als wären seine Korrekturen umsonst und nutzlos gewesen – ja, im Gegenteil, wie oben gesagt.
Die Antwort ist: In Wahrheit ist er weit vorangekommen. Man muss jedoch zwischen dem Fortschritt zum Licht und dem Fortschritt zum Gefäß unterscheiden. Denn von Natur aus misst der Mensch dem Fortschritt zum Licht Bedeutung bei, weil er sich nur nach dem Licht sehnt. Was nicht leuchtet, interessiert ihn nicht; denn was nützt es ihm, einen großen Mangel zu haben? Es gilt die Regel: „Der Mensch sehnt sich nach dem, was ihm Genuss bringt.“ Will er also wissen, ob er vorangekommen ist, so betrachtet er, wie nah er dem Licht ist.
Doch die Wahrheit ist: „Es gibt kein Licht ohne Gefäß.“ Er muss also zuerst zum Gefäß hin voranschreiten. Es gibt nämlich einen Fortschritt im Mangel. Zu Beginn seiner Arbeit war ihm sein Mangel noch nicht offenbart; er sehnte sich nur nach dem Licht – wenngleich er auch damals einen Mangel hatte, weil ihm das Licht fehlte.
Das gleicht einer Sache, die bei den Menschen üblich ist: Manchmal verliert jemand einen wichtigen Gegenstand, der so viel wert ist wie der Verdienst einer Arbeitsstunde, gemessen an seinem Tagesverdienst. Nehmen wir an, er verdient acht Dollar am Tag; dann würde er für weniger als einen Dollar pro Stunde nicht arbeiten, sondern die Ruhe wäre ihm wichtiger. Verliert er aber einen Gegenstand im Wert von einem Dollar, ist er fähig, zwei Stunden danach zu suchen, bis er ihn findet. Da erhebt sich die Frage: Warum arbeitet er jetzt eine Stunde, nur um einen halben Dollar zu gewinnen?
Die Antwort ist: Es besteht ein Unterschied zwischen „entgangenem Gewinn“ und „Verlust vom Kapital“. Was er besitzt und dann verliert, ist ihm sogar als Kleinigkeit wichtig, weil es bereits in seinem Besitz war und ihm verloren ging. Um etwas hingegen, das er noch gar nicht erlangt hat, lohnt es sich nur dann zu mühen, wenn es eine große Sache ist; sonst ist ihm die Ruhe wichtiger.
Dasselbe gilt für uns. Solange er nur das Verlangen hatte, die Anhaftung an den Schöpfer zu erreichen, heißt dieser Mangel „entgangener Gewinn“. Das heißt, sein Mangel ist, dass er vielleicht nichts gewinnt; deshalb geht er ans Werk. Doch das heißt noch nicht „echter Mangel“, der würdig wäre, dass sich die obere Fülle in ihn kleidet.
Anders ist es, wenn er bereits mehrere Jahre Arbeit investiert hat; das gleicht einem „Verlust vom Kapital“. Er hat nämlich mehrere Jahre der Mühe verloren und nichts gewonnen. Dann gilt dieser Mangel als wirklicher „Mangel“, weil er ihm Leid und Schmerz bereitet.
Wir sehen also: Dadurch, dass er viel Mühe investierte und meinte, der Schöpfer werde ihm bald helfen und er werde die Anhaftung an Ihn erlangen, schreitet er im Mangel nach der Anhaftung voran – eben weil er viel Mühe investierte. Und darum sieht er, je mehr Mühe er aufbringt, sofort das Gegenteil davon: wie sehr sich der Körper dem Geben überhaupt widersetzt.
Dann reift in ihm der Gedanke, dass er der Hilfe des Schöpfers bedarf. Und er bittet dann nicht um Luxus, sondern er möchte ein einfacher Jude sein, der an den Schöpfer glaubt, dessen Name „der Gute, der Gutes tut“ lautet. Er möchte den Schöpfer preisen und zu Ihm sagen: „Gepriesen sei Er, der sprach, und die Welt entstand“ – in völliger Schlichtheit, ohne große Erkenntnisse über Tora und Mizwot samt Absichten, sondern ganz einfach: dass er den Schöpfer loben und Ihm dafür danken kann, dass Er ihn erschaffen hat.
Er sieht jetzt, dass er nicht einmal mehr das Verlangen nach Tora und Arbeit hat, das er vor dem Beginn der Arbeit besaß – und das hat zwei Gründe, die eigentlich einer sind:
Erstens: Sein Eintritt, das Joch von Tora und Mizwot auf sich zu nehmen, war auf Gefäße des Empfangens gebaut. Damals sehnte sich der Körper danach, das Gute und den Genuss zu empfangen, weil er fühlte, dass aus der Spiritualität mehr Erfüllung im Leben zu gewinnen ist – das heißt, das Verlangen zu empfangen hätte etwas zu empfangen. Denn die körperlichen Genüsse gaben ihm keine Erfüllung im Leben. Jetzt aber, da er ans Werk geht, um des Gebens willen zu arbeiten, widersetzt sich sein Körper.
Denn der Körper ist bereit, sich dort zu mühen, wo er etwas gewinnen kann. Jetzt aber sagte man dem Körper: Erfülle Tora und Mizwot, und dadurch – kraft der Erfüllung von Tora und Mizwot – wird die Fähigkeit entstehen, dem Körper keinerlei Genuss und Lohn für seine Arbeit zu gewähren. Weil der Körper nun hört, dass er für sich selbst keinen Lohn erhalten wird, sondern dass sein Lohn gerade darin besteht – sofern er es verdient und die Kraft erlangt –, dem Körper keine Gegenleistung für seine Arbeit zu geben, hat der Mensch jetzt keine Kraft mehr zur Arbeit. Vor seinem Eintritt in die Arbeit um des Gebens willen war das anders: Damals erwartete der Körper größere Genüsse, als er aus den körperlichen Genüssen empfing. Dafür hatte er Brennstoff, und vom Körper kam kein Hindernis, weil dieser erwartete, das Verlangen zu empfangen werde nun größere Genüsse gewinnen.
Doch man muss wissen: Der Körper versteht keine andere Sprache, die ihn dazu bewegt, die heilige Arbeit tun zu wollen. Dazu sagten unsere Weisen: „Stets beschäftige sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch wenn es lo liShma geschieht, denn dadurch wird er zu liShma gelangen.“ Demnach war der Beginn seines Eintritts in die Arbeit völlig in Ordnung. Man muss dem Körper nämlich versichern, dass sein Verlangen zu empfangen nicht beeinträchtigt wird. Im Gegenteil: Durch die Erfüllung von Tora und Mizwot wird gerade das Verlangen zu empfangen wirkliche Erfüllung im Leben erhalten, und es selbst wird durch die Erfüllung von Tora und Mizwot fühlen, dass es glücklicher ist als alle seine Altersgenossen auf der Welt.
Anders ist es, nachdem er in die Arbeit eingetreten ist und zu erkennen begann, dass die Hauptsache darin besteht, die Anhaftung an den Schöpfer zu erreichen, also „alles um des Gebens willen zu tun“. Da beginnt der Körper, sich dieser Arbeit zu widersetzen. Doch dieser Widerstand des Körpers bringt großen Nutzen. Denn dadurch wird der Mensch zu einem Menschen mit großem Mangel: Er leidet darunter, dass er sich von der Anhaftung an den Schöpfer entfernt hat. Und je mehr er sich grämt, desto bedürftiger wird er des Schöpfers, dass dieser ihm hilft. Denn er sieht dann, dass der Mensch aus eigener Kraft nicht fähig ist, aus der Selbstliebe herauszutreten, sondern dass allein der Schöpfer ihm helfen kann. Das ist keine Sache des Verstehens, sondern des Empfindens. So heißt es (Psalm 127): „Wenn der Schöpfer das Haus nicht baut, mühen sich seine Erbauer vergebens daran.“
Daraus folgt: Der Mensch muss glauben, dass all die Wendungen, die ihn in seinen jetzigen Zustand geführt haben, dazu dienen, dass er ein wahres Gebet aus der Tiefe des Herzens darbringen kann. Doch der böse Trieb (Jezer haRa) pflegt dem Menschen entgegengesetzte Ansichten einzugeben: Gerade jetzt, da sich die Gelegenheit bietet, den Schöpfer von ganzem Herzen und ganzer Seele zu bitten – da nämlich Verstand und Gefühl zu dem Schluss gekommen sind, dass jetzt allein der Schöpfer ihm helfen kann, weil er nun fähig ist, ein wahres Gebet darzubringen –, gerade da kommt der böse Trieb und treibt ihn in die Verzweiflung, wie beim Einwand der Kundschafter. Darüber lässt sich sagen: „Denn gerade sind die Wege des Schöpfers; die Gerechten wandeln auf ihnen, die Frevler aber straucheln an ihnen.“
Mit dem Gesagten verstehen wir nun, wonach wir gefragt hatten: das Wort „Wer Geschenke hasst, wird leben“. Es bedeutet nicht, dass er keine Geschenke annehmen soll. Vielmehr: Wenn er die Geschenke hasst, weil er um des Gebens willen arbeiten möchte, dann hasst er es, ein Empfänger zu sein. Dennoch nimmt er die Geschenke an, weil der Schöpfer es so will – und das heißt „empfangen, um zu geben“. Denn er hatte den Schöpfer nicht darum gebeten, ihm Luxus zu geben, sondern er bittet den Schöpfer um das Notwendige. Und es ist unerheblich, ob das für einen anderen „Luxus“ heißt. Denn jeder arbeitet nach seinem eigenen Empfinden, und was sein Nächster hat, kümmert ihn nicht. Und wenn der Schöpfer ihm danach ein Geschenk gibt, so nimmt er es an, um zu geben.
Demnach hängt es vom Charakter eines Menschen ab, wenn er den Schöpfer bittet, ihm Gefäße des Gebens zu geben: Man kann sagen, dass es für den einen „Luxus“ und für den anderen „Notwendigkeit“ ist.
korrOp, EY, 03.08.2026, 00:55 Uhr, Ver5