1987/05 Was ist der Vorzug der Arbeit, der größer ist als die Belohnung?
Rashi deutet den Vers „Und der Schöpfer erschien ihm“ (1. Mose 18,1) so: „Er saß am Eingang des Zeltes, um zu sehen, ob ein Wanderer vorbeikäme, den er in sein Haus einladen könnte. In der Mittagshitze holte der Schöpfer die Sonne aus ihrer Hülle hervor, um ihn nicht mit Gästen zu behelligen. Und weil Er sah, dass es ihn schmerzte, dass keine Gäste kamen, sandte Er ihm Engel in Menschengestalt.“
Dazu ist zu verstehen:
Erstens: Es heißt: „Und weil Er sah, dass es ihn schmerzte, dass keine Gäste kamen, sandte Er ihm Engel in Menschengestalt.“ Wusste der Schöpfer denn nicht im Voraus, dass es Abraham schmerzen würde, keine Gäste zu haben? Warum holte Er dann überhaupt die Sonne aus ihrer Hülle?
Zweitens: Hatte der Schöpfer denn kein anderes Mittel, ihm Gäste zu schicken, als eine Täuschung – nämlich Abraham glauben zu lassen, es sind Menschen? Es gab doch ein einfaches Mittel: die Sonne wieder in ihre Hülle zu stecken, sodass von selbst Menschen als Gäste zu ihm hätten kommen können.
Unsere Weisen sagten (im Midrash), Abraham sagte: „Bevor ich beschnitten war, kamen die Wanderer zu mir. Sollte es sein, dass sie nun, da ich beschnitten bin, nicht mehr zu mir kommen?“ Der Schöpfer sprach zu ihm: „Bevor du beschnitten warst, kamen Unbeschnittene zu dir. Jetzt aber komme Ich mit Meinem Gefolge zu dir.“
Auch das ist schwer zu verstehen:
Erstens: Worin besteht die Antwort auf seine Frage „Warum kommen jetzt keine Gäste“? Der Schöpfer sagte ihm: „Früher kamen Unbeschnittene zu dir, jetzt aber Ich mit Meinem Gefolge.“ Doch warum keine Gäste kommen, hat Er ihm nicht beantwortet.
Zweitens: Was soll die Frage überhaupt, warum keine kommen? Das ist doch einfach: wegen der Mittagshitze können keine Gäste kommen.
Drittens: Und worin liegt überhaupt die Antwort, die der Schöpfer ihm gab – so als wärst du jetzt in einem größeren und wichtigeren Zustand als zuvor, als Unbeschnittene kamen? Unsere Weisen sagten doch: „Größer ist das Empfangen von Gästen als das Empfangen des Angesichts der Shechina (göttliche Gegenwart).“ Demnach ist Abrahams Einwand berechtigt. Denn Abraham verstand: Nachdem er sich beschnitten hatte, müsste er gewiss eine wichtigere Stufe erreichen. Er sieht aber, dass es nicht so ist, sondern dass er einen Abstieg erlitten hat – dass er etwas Großes verloren hat, nämlich das Empfangen von Gästen.
Doch dies selbst ist zu verstehen: Warum ist das Empfangen von Gästen größer als das Empfangen des Angesichts der Shechina?
Denn unsere Weisen sagten (Shawuot 35b): „Rav Jehuda sagte im Namen Rabs: Größer ist das Empfangen von Gästen als das Empfangen des Angesichts der Shechina.“ Und „größer“ bedeutet, dass es wichtiger ist.
Nun sehen wir aber in der Wirklichkeit dieser Welt, dass die wichtigen Dinge nur bei Einzelnen zu finden sind und nicht bei gewöhnlichen Menschen – nur bei einer kleinen Handvoll. Dinge von geringerem Rang dagegen finden sich bei mehr Menschen als die wichtigen Dinge. Nach dieser Regel müsste es in der Welt also viele Menschen geben, denen das Empfangen des Angesichts der Shechina zuteilwurde, und nur wenige, denen das Empfangen von Gästen zuteilwurde.
In der Wirklichkeit sehen wir jedoch das Gegenteil: Es gibt mehr Menschen, die Gäste empfangen, als Menschen, denen das Empfangen des Angesichts der Shechina zuteilwurde. Es geht sogar so weit, dass wir gar nicht erkennen können, wie viele es in der Welt gibt, denen das Empfangen des Angesichts der Shechina zuteilwurde. Mehr noch: Wir sind verpflichtet zu glauben, dass es eine solche Wirklichkeit in der Welt gibt – Menschen, denen das Empfangen des Angesichts der Shechina zuteilwurde –, auch wenn wir nicht wissen, wer sie sind. Unsere Weisen sagten ja: „Es gibt keine Generation, in der nicht sechsunddreißig Gerechte sind“ (Sukka 45b). Doch wer kennt sie?
Wir müssen vielmehr glauben, dass es sie in der Welt gibt. Und von ihnen sagten sie, dass das Empfangen von Gästen wichtiger ist als das Empfangen des Angesichts der Shechina. Der Logik nach müsste es umgekehrt sein – so wie es in der Wirklichkeit ist, dass etwas Wichtiges schwerer zu finden ist als etwas weniger Wichtiges.
Auf dieselbe Weise ist auch zu verstehen, was unsere Weisen sagten (Berachot 8a): „Größer ist, wer sich an seiner eigenen Mühe erfreut, als die Ehrfurcht vor dem Himmel.“ Das legt nahe, dass jemand, der sich an der Mühe seiner Hände erfreut, keine Ehrfurcht vor dem Himmel hat. Wäre nämlich gemeint, dass jemand, der sich an der Mühe seiner Hände erfreut, Ehrfurcht vor dem Himmel hat – worin läge dann das Besondere? Gewiss ist, wer Ehrfurcht vor dem Himmel hat und obendrein noch den Vorzug, sich an der Mühe seiner Hände zu erfreuen, der Wichtigere. Wir müssen vielmehr sagen, dass gemeint ist: Wer nur das eine hat, nämlich allein die Mühe seiner Hände, ist wichtiger als die Ehrfurcht vor dem Himmel. Auch das ist zu verstehen, denn es steht im Widerspruch zur Wirklichkeit.
Denn in der Wirklichkeit sehen wir, dass es viele Menschen gibt, die sich an der Mühe ihrer Hände erfreuen. Aber wir sehen nicht, dass es viele Menschen gibt, die Ehrfurcht vor dem Himmel hätten. Wären nun jene, die sich an der Mühe ihrer Hände erfreuen, wichtiger als jene, die Ehrfurcht vor dem Himmel haben, dann müsste es viele Menschen mit Ehrfurcht vor dem Himmel geben, und jene, die sich an der Mühe ihrer Hände erfreuen, müssten nur einen kleinen Teil der Allgemeinheit ausmachen.
Um das Gesagte zu verstehen, wollen wir es nach der Weise der Arbeit auslegen: jener Weg, der den Menschen in den Palast des Königs führt und „Weg der Tora“ genannt wird. Und das gilt eigens für die Diener des Schöpfers, nicht für die Sichtweise der Hausherren, wie wir in den vorangegangenen Artikeln davon gesprochen haben.
Doch ist zu verstehen, worin die Arbeit besteht, die dem Menschen aufgegeben ist und für die er sich abmühen muss, wie unsere Weisen sagten (Megilla 6b): „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden – glaube es nicht. Ich habe mich nicht gemüht und gefunden – glaube es nicht. Ich habe mich gemüht und gefunden – das glaube.“ Es ist aber zu verstehen: Wozu brauche ich diese Mühe?
Hier ist erneut auszuführen, was wir in den vorangegangenen Artikeln besprochen haben. Bekanntlich war das Ziel der Schöpfung dies: Der Schöpfer schuf die Schöpfung aus Seinem Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. So sagten sie (BeReshit Rabba, Kap. 8) über die Erschaffung des Menschen: Die Engel sprachen vor Ihm, dem Gesegneten: „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, und das Menschenkind, dass Du Dich um es kümmerst? Wozu brauchst Du diese Mühe?“ Der Schöpfer sprach zu ihnen: „Wenn dem so ist, wozu dann Schafe und Rinder?“
„Womit ist die Sache vergleichbar? Mit einem König, der einen Turm voll aller Güter hatte, aber keine Gäste. Welchen Genuss hat der König davon, dass er ihn gefüllt hat?“ Sogleich sprachen sie vor Ihm: „Schöpfer, unser Herr, wie herrlich ist Dein Name auf der ganzen Erde – tu, was Dir wohlgefällt.“
Demnach aber: Warum empfangen die Geschöpfe nicht das Gute und den Genuss, die Er ihnen geben wollte? Die Antwort ist bekannt: Damit es kein Brot der Schande (Nahama deKisufa) gäbe, gab Er uns Tora und Mizwot; denn durch das Einhalten von Tora und Mizwot können wir das Gute und den Genuss empfangen, ohne dabei das Brot der Schande zu spüren.
Doch danach ergibt sich eine Schwierigkeit. Es gibt ja eine ausdrückliche Mishna (Awot, Kap. 1,3), die so lautet: „Er pflegte zu sagen: Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen, sondern seid wie Knechte, die dem Herrn dienen, ohne Lohn zu empfangen.“ Wie ist es dann erlaubt, in Tora und Mizwot zu arbeiten und sich zu mühen, um als Gegenleistung für die Mühe Lohn empfangen zu können – wo doch nur auf diese Weise eine Wirklichkeit entstünde, in der wir das Gute und den Genuss ohne jede Scham empfangen?
Nach dem, was in der „Einführung in das Studium der Zehn Sefirot“ erklärt wird, ist die Deutung so: Weil uns ein Verlangen eingepflanzt ist, Genüsse zu empfangen – was Eigenliebe genannt wird –, und wir keinerlei Verständnis für die Liebe zum Nächsten haben, fragt unser Körper sofort, sobald man uns sagt, wir sollten etwas zum Wohl des Nächsten tun: Was haben wir davon, wenn wir für andere arbeiten? Sagt man uns deshalb, wir sollten Tora und Mizwot einhalten, so fragt unser Körper: Wozu diese Arbeit für euch? – das heißt, was gewinnen wir dadurch, dass wir uns in Tora und Mizwot mühen sollen? Deshalb sagt man ihm: Dadurch wird es dir in dieser Welt gut gehen, und auch die kommende Welt wirst du haben. Das heißt, ohne Lohn kann man nicht arbeiten. So lehrt man die Allgemeinheit, Tora und Mizwot einzuhalten, um Lohn zu empfangen; andernfalls wollte niemand sich mit Tora und Mizwot befassen.
Und Maimonides (Hilchot Teshuwa, Kap. 10) schreibt dort Folgendes: „Die Weisen sagten: Stets befasse sich der Mensch mit der Tora, auch wenn es lo liShma (nicht um ihretwillen) ist; denn aus dem lo liShma kommt er zum liShma (um ihretwillen). Wenn man daher die Kinder, die Frauen und die ungebildete Menge unterrichtet, lehrt man sie nur, aus Furcht und um Lohn zu empfangen zu dienen, bis ihr Wissen wächst und sie größere Weisheit erlangen. Dann offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach und gewöhnt sie behutsam an diese Sache.“
Aus den Worten des Maimonides wird also deutlich, dass es einen Unterschied zwischen der Allgemeinheit und dem Einzelnen gibt. Nur dem Einzelnen kann man nämlich den Weg des Schöpfers offenbaren – den genannten Weg, der in den Palast des Schöpfers führt. Das heißt: Auf diesem Weg kann man zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen, wie geschrieben steht: „und an Ihm zu haften“ – nämlich zur Angleichung der Form, was die Deutung dessen ist, was unsere Weisen sagten: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“
Und das ist der Unterschied zwischen der Sichtweise der Tora und der Sichtweise der Hausherren. Denn die Sicht des Hausherrn ist: Bei allem, was er tut, weiß er, dass er Gewinn machen und allen Gewinn in seinen eigenen Besitz nehmen muss; das heißt, er fühlt, dass er eine eigene Herrschaft hat und der Herr über sein Eigentum ist.
Die Sicht der Tora dagegen ist, dass er keine Herrschaft für sich selbst hat. Das ist es, was unsere Weisen sagten (Berachot 63): „Resh Lakish sagte: Woher wissen wir, dass die Worte der Tora nur bei dem Bestand haben, der sich für sie tötet? Es steht geschrieben: ‚Dies ist die Tora: Wenn ein Mensch im Zelt stirbt.‘“
Doch ist dieser Ausspruch unserer Weisen zu verstehen: „Die Tora hat nur bei dem Bestand, der sich für sie tötet.“
Erstens: Wozu dieser Tod? Warum muss der Mensch sich töten, damit die Tora in seiner Hand Bestand habe?
Zweitens: Welches Maß an Tod ist dafür erforderlich? Man kann nicht von einem wirklichen Tod sprechen, denn es steht geschrieben: „Denn sie sind unser Leben und die Länge unserer Tage“ – und das ist das Gegenteil von Tod.
Drittens: Man kann auch nicht sagen, dass „Tod“ bedeutet, er muss viel Zeit auf das Studium der Tora und ihr Verständnis verwenden. Wir sehen ja, dass auch jene, die ihre Kraft nur in weltliche Studien stecken wollen und nicht in heilige Dinge, sondern bloß einen Doktortitel in irgendeiner Wissenschaft erlangen wollen, Tag und Nacht sitzen und sich ihren Studien widmen. Und wir sehen auch, dass es solche gibt, die bereits einen Doktortitel erworben haben und dennoch weiterlernen und den Professorentitel erreichen wollen. Und es gibt Menschen, die schon den Professorentitel erhalten haben und mit ihrem Lernen nicht aufhören, sondern all ihre Kraft und ihren Eifer in die Forschung stecken und weltbekannte Wissenschaftler werden wollen. Dennoch sagt man von ihnen nicht, die Weisheit hat bei ihnen keinen Bestand und sie müssen zur Stufe des Todes gelangen, wie unsere Weisen sagten, die Tora hat keinen Bestand. Das legt nahe, dass für weltliche Studien solche Bedingungen nicht gelten. Was bedeutet dann „Die Tora hat nur bei dem Bestand, der sich für sie tötet“? Was ist dieser Tod?
Viertens: Auch das ist zu verstehen, was unsere Weisen sagten: „Die Tora hat keinen Bestand.“ Was ist dieser Bestand? Wollten wir „Bestand“ so deuten, dass er das Gelernte weiß und behält – das also „die Tora hat Bestand“ genannt würde –, und dass der Mensch sich dafür töten müsste, so erhebt sich die Frage: Wer talentiert geboren ist, einen scharfen Verstand hat und wie eine gekalkte Zisterne ist, die keinen Tropfen verliert, sondern bei dem alles Gelernte im Gedächtnis bleibt – wozu müsste der sich töten, damit die Tora bei ihm Bestand hat?
Um das Gesagte zu verstehen, kehren wir zu dem zurück, was wir über das Ziel der Schöpfung zu erklären begonnen haben – dass sie aus dem Grund geschah, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Wie er dort (in der „Einführung in das Studium der Zehn Sefirot“) erklärt: Alle Geschöpfe werden deshalb „Geschöpfe“ genannt, weil hier etwas Neues erschaffen wurde, das es vor der Erschaffung der Welten nicht gab – nämlich ein Mangel und eine Sehnsucht, Freude und Genuss zu empfangen. Denn bekanntlich hängt das Maß der Freude am Genuss vom Maß der Sehnsucht und des Begehrens ab, das man nach der Sache hat. Genau in diesem Maß kann man genießen. So wie jemand, der nicht hungrig ist, das Mahl, das man ihm vorsetzt, nicht genießen kann.
Hier aber hat das den Geschöpfen eingepflanzte Verlangen, Freude zu empfangen, eine Trennung und eine Verschiedenheit der Form zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen bewirkt. Denn bekanntlich trennt die Verschiedenheit der Form im Spirituellen in zwei. Und je nach der Verschiedenheit zwischen ihnen, in diesem Maß entfernen sie sich voneinander. Deshalb wurden die Geschöpfe vom Schöpfer getrennt und zu zwei Herrschaften, sodass der Mensch sagt, auch er ist ein Hausherr und kein Gast, sondern hat eine eigene Herrschaft.
Man muss jedoch wissen, dass dieses Verlangen zu empfangen das Böse ist, das in der Welt existiert, wie dort erklärt wird (in der „Einführung in das Studium der Zehn Sefirot“). Das heißt: Alle Diebstähle, Morde und Kriege in der Welt sowie alle schlechten Eigenschaften – Zorn, Hochmut und dergleichen – rühren von diesem Verlangen zu empfangen her, das mit aller Kraft seine Eigenliebe nach allem Vermögen erfüllen will. Und sobald es sieht, dass es daraus Genuss hätte, ist es sofort bereit, sich damit zu füllen.
Sogar die Trägheit, bei der der Mensch nichts tut, geht ebenfalls auf die Eigenliebe zurück. Er wählt jetzt, nichts zu tun, weil er in diesem Moment fühlt, dass der Körper danach verlangt, Genuss aus der Ruhe zu empfangen. Aus diesem Grund verzichtet er auf andere Genüsse, weil er gerade meint, daraus mehr Genuss zu haben als aus anderen Dingen. Das heißt: „träge“ nennt man jemanden, der einen übermäßigen Genuss aus der Ruhe zieht. Doch all dies fällt unter die Eigenliebe, die das Böse ist, unter dem die ganze Welt leidet.
Und um dieses Böse zu korrigieren – den sogenannten bösen Trieb, der uns die Trennung verursacht, derentwegen wir das Gute und den Genuss nicht empfangen können, die der Schöpfer uns geben will –, gibt es nur dies: dass wir aus der Eigenliebe heraustreten, unsere Herrschaft annullieren und unser ganzes Verlangen darauf richten, dem Schöpfer Wohlgefallen zu geben. Das nennt man „Aufhebung der Herrschaft“, da es uns nicht mehr darum geht, selbst Genuss und Wohlbehagen zu haben, sondern unser ganzes Verlangen einzig dem Nutzen des Schöpfers gilt und nicht unserem eigenen Nutzen.
Dann gelangt der Mensch zu der Empfindung, womit er dem Schöpfer Freude bereiten kann – das heißt, was der Mensch anbieten kann, woran der Schöpfer Wohlgefallen hätte; denn im Haus des Königs fehlt nichts. Da findet der Mensch das eine, von dem er sagen kann, dass der Schöpfer daran Freude hat: Denn das Ziel der Schöpfung war, Seinen Geschöpfen Freude zu bereiten. Deshalb geht der Mensch und sucht, wie er Genüsse erlangen kann, um dem Schöpfer Freude zu bereiten.
Und indem er dem Schöpfer Wohlgefallen geben will, bringt er etwas Neues hervor: dass er in Wahrheit Genuss empfängt – andernfalls wäre es Lüge. Das heißt, er gibt dem Schöpfer Raum, Seinen Willen zu verwirklichen, in dem Er will, dass die Geschöpfe genießen. Denn wenn er nicht genießt und doch sagt, er genieße, so belügt er den Schöpfer. In Wahrheit aber empfängt er Freude und Genuss.
Der ganze Unterschied liegt allein in der Absicht: Der Genuss, den er empfängt, ist deshalb da, weil der Schöpfer es so will. Von sich aus aber, obwohl er Verlangen und Lust nach Genüssen hat, überwindet er dennoch sein Verlangen und geht gegen sein Verlangen und will nicht empfangen. Das nennt man „empfangen, um zu geben“.
Daran sehen wir: Obwohl beide von der Handlung her gleich sind – beide genießen nämlich –, gibt es dennoch einen Unterschied in der Absicht. Wer aus Eigenliebe Genuss empfängt, folgt dem Rat des bösen Triebes. Wer aber aus Eigenliebe auf den Genuss verzichten würde und nur deshalb genießt, weil es das Gebot des Schöpfers ist, dessen Verlangen es ist, Gutes zu tun, und der den Genuss eben deswegen empfängt – ein solcher Mensch folgt dem Rat des guten Triebes.
Ähnliches finden wir in den Worten unserer Weisen (Nasir 13): „Rabba bar Chana sagte im Namen Rabbi Jochanans: Was bedeutet es, dass geschrieben steht: ‚Denn die Wege des Schöpfers sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Frevler aber straucheln‘? Ein Gleichnis von zwei Menschen, die ihr Pessach-Lamm brieten: Der eine aß es als Mizwa, der andere aß es als grobe Fresserei. Von dem, der es als Mizwa aß, heißt es ‚die Gerechten gehen auf ihnen‘; von dem, der es als grobe Fresserei aß, heißt es ‚die Frevler aber straucheln‘. Da sagte Resh Lakish zu ihm: Diesen nennst du einen Frevler? Mag es auch nicht das beste Gebot sein – ein Pessach-Opfer hat er jedenfalls dargebracht.“
Daraus geht hervor, dass es einen Unterschied in der Absicht gibt, obwohl beide von der Handlung her gleich sind. Und obwohl Resh Lakish sagt, er wird nicht „Frevler“ genannt, da er ja immerhin ein Gebot erfüllt hat, wenn auch nicht auf die beste Weise – das kann man so deuten, dass man eben nur bei einer Mizwa sagt, sie gilt als erfüllte Mizwa, wenn auch nicht in der besten Weise. Und der Grund dafür ist das, was unsere Weisen sagten (Nasir 23b): „Rav Jehuda sagte im Namen Rabs: Stets befasse sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch lo liShma; denn aus dem lo liShma kommt er zum liShma.“
Bei einer erlaubten Sache hingegen gibt es gewiss einen Unterschied: ob er den Genuss empfängt, weil es das Gebot des Schöpfers ist, dessen Verlangen es ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – während er andernfalls, also aus Eigenliebe, auf den Genuss verzichten würde. Daraus folgt, dass hier die Absicht das Entscheidende ist. Bei einer Gebotssache aber sagt man, dass sie auch dann als Mizwa gilt, wenn er keine Absicht hat. (Und das ist, wie oben gesagt: Der Allgemeinheit lehrt man, Tora und Mizwot im lo liShma einzuhalten, wie Maimonides sagt.)
Nach dem Gesagten ist die Sache zu deuten, dass der Mensch sich töten muss. Wir fragten, was es mit dem Tod auf sich hat. Nun verstehen wir: Der Tod bedeutet die Aufhebung der eigenen Herrschaft. Er sagt, es gibt keinerlei Herrschaft in der Welt außer der Herrschaft des Schöpfers. Das nennt man „die alleinige Herrschaft“. Und das ist es, was wir sprechen: „Höre, Israel, der Schöpfer ist unser Gott, der Schöpfer ist einer“ – dass es nur eine Herrschaft in der Welt gibt; und er annulliert seine Eigenliebe.
Damit lässt sich deuten, was der ARI seligen Andenkens sagt: dass man beim Sprechen des „Höre, Israel“ die Hingabe der Seele (Mesirat Nefesh) auf sich nehmen muss. Die Absicht ist die genannte, nämlich die Aufhebung der Eigenliebe. Danach kann man sagen: „Und du sollst den Schöpfer, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit all deinem Vermögen“ – da seine eigene Wirklichkeit ihm selbst gegenüber keinen Bestand mehr hat, weil alle seine Gedanken allein dem Himmel gelten. Und das nennt man „sich für sie töten“.
Nach dem Gesagten verstehen wir, warum die Tora nur bei dem Bestand hat, der sich für sie tötet. Wir fragten, was die Deutung von „Bestand der Tora“ ist – dass die Tora ohne dieses Sich-Töten keinen Bestand haben kann. „Bestand haben“ ist so zu deuten: Es bezieht sich auf das, was die Tora uns verheißen hat, wie geschrieben steht: „Denn sie sind unser Leben und die Länge unserer Tage“, und ferner: „die begehrenswerter sind als Gold, als viel Feingold, und süßer als Honig und Honigseim“, und noch viele weitere Verheißungen, die die Tora uns gegeben hat.
Das ist, wie oben gesagt: All diese Dinge gehören zum Ziel der Schöpfung, das „Sein Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ genannt wird. All das kann den Geschöpfen aus dem oben genannten Grund nicht zuteilwerden – wegen der Verschiedenheit der Form gegenüber dem Schöpfer: Sein Verlangen ist zu geben, das Verlangen der Geschöpfe aber, in ihren eigenen Besitz zu empfangen, und das nennt man Trennung im Spirituellen. Daraus erwächst uns die Sache des Brotes der Schande.
Davor aber muss notwendig eine Verhüllung sein. Das heißt, die obere Fülle, die im Ziel der Schöpfung enthalten ist, kann nicht leuchten. Der Grund: damit Raum für die freie Wahl bleibe. Daher rührt, was wir in der Welt als Verhüllung des Angesichts sehen. Und das ist es, was König David, Friede sei mit ihm, sagte (Psalm 73): „Siehe, das sind die Frevler; und sorglos in der Welt mehren sie ihr Vermögen.“
Sobald der Mensch jedoch schon zur Stufe „sich für sie töten“ gelangt ist – das heißt, er tötet sein Selbst, das die Eigenliebe ist, und hat keinerlei Sorge mehr um sich, sondern all seine Sorge gilt nur dem, die Ehre des Himmels in der Welt zu mehren, wie geschrieben steht: „Erhöht und geheiligt werde Sein großer Name“ –, dann, wenn der Mensch dem Schöpfer Wohlgefallen geben will, was „an Ihm zu haften, wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig“ genannt wird, dann kann er all der Dinge teilhaftig werden, die die Tora uns verheißen hat; dann gehen sie in Erfüllung.
Damit lassen sich die Worte unserer Weisen verstehen: „Die Tora hat nur bei dem Bestand, der sich für sie tötet.“ Es folgt also, dass die Deutung „Die Tora hat keinen Bestand“ – nämlich das, was Er uns verheißen hat – erst dann gilt, nachdem er sein Selbst für sie getötet hat.
Nun wollen wir erklären, wonach wir gefragt haben bei dem Ausspruch unserer Weisen: „Ich habe mich gemüht und nicht gefunden.“ Wir fragten: Wozu brauche ich diese Mühe? Darauf gibt es die bekannte Schwierigkeit: Ein Fund kommt doch gerade ohne Vorbereitung. Das heißt, einem Menschen widerfährt es zufällig, dass er etwas findet – aber ohne Vorbereitung. Hier bei der Tora aber gibt es eine Bedingung vor dem Fund: dass große Mühe nötig ist, um den Fund zu erlangen. Demnach müsste es heißen: „Ich habe mich gemüht und erworben.“
Mein Vater und Lehrer seligen Andenkens deutete es so: Gemeint ist, dass der Mensch, wenn er sich zuerst in der Tora gemüht hat, dann der Gunst in den Augen des Schöpfers teilhaftig wird, und der Schöpfer ihm daraufhin die Tora als Geschenk gibt. Das ist die Deutung von „Ich habe mich gemüht und gefunden“.
Nach dem oben Gesagten verstehen wir, warum der Schöpfer die Tora nicht als Geschenk geben will, bevor der Mensch sich zuerst gemüht hat – und worin die Mühe besteht. Die Antwort ist die genannte (in der „Einführung in das Studium der Zehn Sefirot“): Da der Mensch mit einem Verlangen erschaffen wurde, für sich selbst zu empfangen, ist er dadurch vom Schöpfer getrennt. Und damit er an den Schöpfer haftet, muss notwendig die Angleichung der Form bestehen: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ Andernfalls, wenn er wahren Genuss aus der Tora empfinge, wäre er nur umso weiter vom Schöpfer entfernt.
Wenn er daher in die Stufe „all dein Tun geschehe um des Himmels willen“ eintreten will, widersetzt sich dem das Verlangen zu empfangen, das im Körper ist. Und das ist die wahre Mühe, die die Geschöpfe haben: dass sie gegen die Natur gehen müssen, mit der sie geboren wurden. Die Mühe besteht also darin, gegen die Natur zu gehen. Und wozu braucht man die Mühe? Um zur Stufe „an Ihm zu haften“ zu gelangen, sodass es nur eine Herrschaft gibt, wie oben gesagt.
Daraus ergibt sich, dass wir zwischen der Allgemeinheit und dem Einzelnen unterscheiden müssen. Der Allgemeinheit lehrt und erzieht man, im lo liShma zu arbeiten, das heißt, um Lohn zu empfangen. Sie werden „Knechte, die dem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen“ genannt.
Dem Einzelnen aber sagt man: „Seid wie Knechte, die dem Herrn dienen, ohne Lohn zu empfangen, und die Ehrfurcht vor dem Himmel sei über euch.“ Der Sohar deutet dies (Einleitung zum Buch Sohar, Bl. 185, und im Sulam, Punkt 191): „Die Ehrfurcht, die das Wesentliche ist – die Ehrfurcht, die die Hauptsache ist –, besteht darin, dass der Mensch sich vor seinem Herrn fürchtet, weil Er groß ist und herrscht.“ Er lehrt uns, dass es drei Arten der Ehrfurcht vor dem Schöpfer gibt, von denen nur eine als wahre Ehrfurcht gilt:
Erstens: dass er sich vor dem Schöpfer fürchtet und Seine Gebote hält, damit seine Kinder am Leben bleiben und er vor Strafe an seinem Körper oder an seinem Besitz bewahrt bleibe – also Ehrfurcht aus Furcht vor Strafen in dieser Welt.
Zweitens: dass er sich auch vor den Strafen der Hölle fürchtet. Diese beiden aber sind keine wahre Ehrfurcht, denn er übt die Ehrfurcht nicht um des Gebotes des Schöpfers willen, sondern um seines eigenen Nutzens willen. Es zeigt sich also, dass der eigene Nutzen die Wurzel ist und die Ehrfurcht ein Zweig, der aus dem eigenen Nutzen hervorgeht.
Drittens: „sondern die Ehrfurcht, die das Wesentliche ist“ – nämlich dass er sich vor dem Schöpfer, dem Gesegneten, fürchtet, weil Er groß ist, weil Er die Wurzel ist.
Demnach gilt die eigentliche Mühe für jene Menschen, die den Weg des Einzelnen gehen wollen – die Sicht der Tora, deren Sache die Aufhebung der Herrschaft der Vielen ist, sodass sie nur eine einzige Herrschaft wollen, wie oben gesagt. Das heißt: Die Allgemeinheit erwartet den Lohn, wie oben in den Worten des Sohar: „sei es Lohn in dieser Welt, sei es Lohn der kommenden Welt“.
Der Einzelne dagegen annulliert seine Herrschaft, und seine ganze Sorge gilt der Frage, wie er dem Schöpfer Freude bereiten kann; sein ganzes Streben gilt der Arbeit und der Mühe und nicht dem Lohn. Denn sie wollen dem Herrn dienen, ohne Lohn zu empfangen. Es zeigt sich, dass ihnen weder diese Welt noch die kommende Welt wichtig ist, sondern dass ihr ganzes Verlangen allein der Arbeit gilt.
Und wenn sie sich nach der Arbeit sehnen, dann sind sie sich ihrer selbst sicher, dass sie sich nicht selbst betrügen, indem sie um des Himmels willen arbeiten. Sobald man aber auf den Lohn blickt – mag er auch sagen, seine Absicht gilt dem Himmel –, wer weiß dann, ob es wirklich so ist? Deshalb liegt all ihr Kostbares darin, dass sie einen Ort der Arbeit haben, um überhaupt keine Gegenleistung zu empfangen.
Nach dem Gesagten können wir die Worte unserer Weisen verstehen, die im Midrash sagen, Abraham sprach: „Bevor ich beschnitten war, kamen die Wanderer zu mir. Sollte es sein, dass sie nun, da ich beschnitten bin, nicht mehr zu mir kommen?“ Der Schöpfer sprach zu ihm: „Bevor du beschnitten warst, kamen Unbeschnittene zu dir. Jetzt aber komme Ich mit Meinem Gefolge zu dir.“
Wir fragten: Worin besteht die Antwort auf seine Frage, warum er das Gebot, Gäste zu empfangen, nicht erfüllen kann? Die Antwort: Er hat jetzt eine größere Stufe, nämlich das Empfangen des Angesichts der Shechina. Das ist es, was Er ihm sagte: „Jetzt komme Ich mit Meinem Gefolge zu dir.“ Doch zuvor hatte er eine größere Stufe, nämlich das Empfangen von Gästen – und „größer ist das Empfangen von Gästen als das Empfangen des Angesichts der Shechina“. Worin besteht also die Antwort des Schöpfers?
Auch das ist zu verstehen. Es ist doch das Gegenteil der Vernunft. Es ist ja der Lauf der Welt, dass es für Menschen ein großes Vorrecht ist, wenn ein wichtiger Mensch zu ihnen kommt. Und je nach dem Rang dieses Menschen ist auch der Rang der Vorbereitung auf seinen Empfang: zum Beispiel, wenn der Größte der Stadt zu ihm kommen soll, oder der Größte des Landes oder der Größte der Welt.
Hier aber sprechen wir davon, dass ihm das Empfangen des Angesichts der Shechina zuteilwurde – etwas, dessen Wichtigkeit gar nicht zu ermessen ist und von dem man nicht einmal weiß, was es überhaupt ist, das Empfangen des Angesichts der Shechina. So steht es in allen Büchern: Der Mensch kann es nicht erlangen, außer wer dessen teilhaftig wurde. Und wem es gewiss zuteilwird – sicher den größten Gerechten der Generation. Und selbst wer diese Gerechten sind, auch das erfassen wir nicht. Nur durch den Glauben, indem wir glauben, dass es solche Menschen gibt, sagt man darüber, dass das Empfangen von Gästen größer ist als dies. Und gewiss gibt es darauf Antworten im einfachen Wortsinn.
Wir wollen dies nach der Weise der Arbeit auslegen. Es gibt nämlich die Mühe der Tora und das Wissen der Tora. Die Mühe der Tora rührt daher, dass der Mensch dem Schöpfer dienen will, ohne Lohn zu empfangen, und deshalb nur auf die Mühe blickt. Würde er an das Wissen der Tora denken, so schiene es, als erwarte er den Lohn. Denn wir müssen glauben, dass es keinen Lohn gibt, der wichtiger wäre als das Wissen der Tora, wie im Sohar geschrieben steht: „Denn die ganze Tora in ihrer Gesamtheit sind die Namen des Schöpfers.“ Und der vollkommene Mensch heißt, wer schon der Stufe „die Tora, der Heilige – gesegnet sei Er – und Israel sind eins“ teilhaftig wurde. Demnach ist das Empfangen des Angesichts der Shechina gewiss sehr wichtig, da das Endziel ist, dass der Mensch zu dieser Stufe gelangt.
Doch um zum Empfangen des Angesichts der Shechina zu gelangen, muss zuvor eine Vorbereitung sein, sodass der Mensch dafür geeignet ist. Und das nennt man in der Sprache unserer Weisen: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ So deuteten sie den Vers „und an Ihm zu haften“ – „hafte an Seinen Eigenschaften“. Das bedeutet, wie es im Buch Matan Tora erklärt wird: Nur dadurch, dass der Mensch in der Liebe zum Nächsten arbeitet, kann er zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen. Dafür gibt es viele Namen: Einwohnung der Shechina, Erlangung der Tora, Empfangen des Angesichts der Shechina und dergleichen.
Und die Hauptvorbereitung, die „Mühe“ genannt wird, ist, dass er sich darauf vorbereiten muss, seine Herrschaft – also sein Selbst – zu annullieren, wie oben gesagt. Und das kann man „Empfangen von Gästen“ nennen: dass er die Sicht der Hausherren annulliert und sich nach der Sicht der Tora sehnt, was „Aufhebung der Herrschaft“ genannt wird. Von selbst wird er dadurch zum Gast beim Schöpfer, der der Hausherr der ganzen Welt ist.
Und da es darin Aufstiege und Abstiege gibt – das heißt, oftmals gibt der Körper ihm zu verstehen, auch er ist ein Hausherr, darf also tun, was er will, und ist dem Hausherrn, dem Schöpfer, nicht unterworfen, und folglich will er nach allem handeln, was ihm in den Sinn kommt –, danach aber überwindet der Mensch die Gedanken und Wünsche des Körpers und nimmt auf sich, dass er der Gast ist und der Schöpfer der Hausherr und dass der Mensch keinerlei Herrschaft hat, sondern nur ein Gast ist, der in dieser Welt vorübergeht.
Und dies, nämlich diese Aufstiege und Abstiege, wiederholt sich immer wieder. Es zeigt sich, dass der Mensch von Zeit zu Zeit immer wieder Gäste in seinen Körper aufnimmt – das heißt, der Mensch geht immer mit den Gedanken einher, dass er ein Gast ist. Und das kann man „Empfangen von Gästen“ nennen: dass er jedes Mal Gedanken von Gästen in seinen Körper aufnimmt. Doch das ist eine große Mühe, denn sie ist gegen die Natur des Körpers.
Und danach wird er des Lohnes teilhaftig, der „Empfangen des Angesichts der Shechina“ genannt wird. Damit der Mensch sich deshalb nicht selbst betrügt – als sorge er sich nicht um den Lohn, was „um Lohn zu empfangen“ genannt wird, sondern wolle ohne Lohn zu empfangen arbeiten –, zeigt sich die Größe des Menschen darin, wenn er sagt: „Größer ist das Empfangen von Gästen als das Empfangen des Angesichts der Shechina.“ Dann prägt sich im Menschen ein klares Wissen ein und festigt sich: dass er nicht auf den Lohn blickt, sondern auf die Arbeit und die Mühe – dass er etwas hat, womit er dem Schöpfer dienen kann; und das ist sein ganzes Verlangen.
Dies ist durch ein Gleichnis zu verstehen. Zwei Menschen waren enge Freunde und liebten einander von ganzer Seele. Es geschah, dass einer von ihnen dringend fünftausend Dollar brauchte. Er sagte zu seinem Freund: „Da ich jetzt einen großen Gefallen von dir brauche, dass du mir diese Summe leihst – und da ich weiß, dass du eine solche Summe nicht zur Hand hast, ich aber weiß, dass du Bekannte und Freunde hast, von denen du dir Geld leihen kannst, von zwanzig Menschen je zweihundertfünfzig Dollar, sodass du dann die Summe hast, die ich brauche. Und in zwei Wochen werde ich es dir, so der Schöpfer will, zurückzahlen.“
Dieser Mensch weiß nicht, was er tun soll. Er muss jetzt zu zwanzig Menschen gehen und sich von ihnen Geld leihen, unter der Bedingung, es ihnen in zwei Wochen zurückzuzahlen. „Vielleicht aber habe ich das Geld nicht, um sie rechtzeitig zu bezahlen, wie er es mir versprochen hat. Was werde ich dann tun? Mit welchem Gesicht kann ich ihnen in die Augen sehen, da ich nicht gehalten habe, was ich ihnen versprach?“
Danach aber denkt er anders: „Da er mein Freund ist und mich gewiss liebt – wenn er nicht hundertprozentig wüsste, dass er rechtzeitig zahlen kann, hätte er mir diesen Kummer nicht bereitet.“ Dann kommt ihm ein anderer Gedanke: „Gewiss hätte er mich nicht um das Darlehen gebeten, wenn er nicht hundertprozentig wüsste, dass er das Geld haben wird, um es mir zu geben. Aber vielleicht hat er sich verrechnet – die Stellen, von denen er meinte, die Summe zu erhalten, waren in seiner Rechnung vielleicht nicht so genau. Was also, wenn er mir nicht rechtzeitig zurückzahlt?“ Danach kommt ihm ein weiterer Gedanke: „Da er mich ebenso liebt, wie ich ihn liebe, muss ich annehmen, dass er viele Male nachgedacht hat, bevor er mich bat, ihm das Darlehen zu geben.“ Und so gehen die Gedanken hin und her.
Schließlich entscheidet er sich über dem Verstand: Obwohl der Verstand mich in Zweifel stürzt, ob er die Zahlungsfrist einhalten wird, gehe ich dennoch im Glauben über dem Verstand und sage mir: Da zwischen uns Freundesliebe besteht, will ich meinem Freund den Gefallen tun, denn dadurch kann ich die Liebe offenbaren, die ich zu ihm habe.
Als er ihm jedoch die fünftausend Dollar brachte, zog jener zwei Schecks aus der Tasche, die er von der Regierung zu bekommen hatte: den einen fällig in einer Woche, den anderen in zwei Wochen. In dieser Lage steht der Mensch vor einem Dilemma:
Erstens: Er sagt zu seinem Freund: „Warum hast du mir die beiden Schecks nicht gezeigt, als du mich um das Darlehen batst? Erst jetzt, da ich dir das Geld gebracht habe, zeigst du sie mir.“ Und er fragt: „Was macht das für einen Unterschied?“ Da sagt er ihm: „Zwei Nächte konnte ich nicht schlafen, weil ich grübelte, was ich tun soll, wenn du nicht rechtzeitig zahlen kannst. Jetzt aber ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, denn nun bin ich sicher, dass ich vor jenen zwanzig Menschen, von denen ich die Darlehen genommen habe, ein anständiger Mensch sein kann.“
Zweitens: Er sagt zu ihm: „Warum hast du mir diese Schecks gezeigt? Hättest du sie mir jetzt nicht gezeigt, dann hätte ich zwei ganze Wochen gehabt, um in der Sache der Freundesliebe über dem Verstand mit mir zu arbeiten. Und ich hätte daraus einen großen Gewinn an Freundesliebe gehabt, was für mich etwas Großes ist. Dadurch aber, dass du mir jetzt die Schecks gezeigt hast, hast du mir gleichsam einen Ort der Arbeit geraubt.“
Mit dem genannten Gleichnis können wir die Worte des Midrash verstehen: Abraham wurde, nachdem er des Bundesschlusses mit dem Schöpfer teilhaftig geworden war, wie geschrieben steht „und Er schloss mit ihm den Bund“, des Empfangens des Angesichts der Shechina teilhaftig. Da wurde ihm der beständige Glaube an den Schöpfer zuteil, ohne Aufstiege und Abstiege. Und er sah seinen Lohn als Gegenleistung für seine Arbeit und empfand, dass es nun nicht mehr in seiner Hand lag, sich zu mühen. Er dachte: Nun ist all meine Arbeit darauf gerichtet, zu empfangen, was Eigenliebe ist. Zuvor sehnte er sich nach der Arbeit, weil er hier mit Sicherheit wissen konnte, dass seine Absicht nicht dem Empfangen einer Gegenleistung galt, sondern dass er dienen wollte, ohne Lohn zu empfangen. Jetzt aber, nachdem er beschnitten ist, hat er keine Abstiege und Aufstiege und keinen Ort zur Überwindung in der Arbeit.
Deshalb kam er mit einem Einwand vor den Schöpfer und sagte: „Bevor ich beschnitten war, kamen die Wanderer zu mir.“ Das heißt: Einst sah ich, dass ich gegen die Worte der Tora verstieß und sie nicht hielt, wie man die Tora des Schöpfers halten soll, und danach überwand ich mich. „Und sie kehrten um“ – das heißt, ich tat Teshuwa (Umkehr). Und danach „gingen sie wieder vorüber“ – wieder hatte ich einen Abstieg aus meinem Zustand. Und danach überwand ich mich erneut und kehrte um in Teshuwa, was „und sie kehrten um“ genannt wird. Und so wiederholt es sich immerfort.
Es zeigt sich also: Ich empfinde, dass ich etwas vor Dir tue. Jetzt aber, da ich beschnitten bin und des Bundesschlusses mit Dir teilhaftig wurde, tue ich nichts mehr vor Dir, und ich sehne mich danach, Dir irgendeinen Dienst zu erweisen, von dem ich sagen kann, dass er ohne Lohn zu empfangen geschieht. Doch das ist mir entzogen. Demnach hatte Abraham einen berechtigten Einwand.
Der Schöpfer aber antwortete ihm: „Bevor du beschnitten warst, kamen Unbeschnittene zu dir.“ Doch letztlich warst du im Zustand der Unbeschnittenen – auch wenn du einen Aufstieg in der Arbeit erlangtest, warst du dennoch unbeschnitten. Jetzt aber wurdest du des Empfangens des Angesichts der Shechina teilhaftig. Das ist es, was der Schöpfer ihm sagte: „Jetzt komme Ich mit Meinem Gefolge zu dir.“ Was also beklagst du dich über Mich?
Nun ist zu erkennen, was die Wahrheit ist – das heißt, wessen Einwand mehr die Wahrheit trifft. Die Antwort: Beide sind wahr, wie oben im Gleichnis. Das heißt: Auf seiten des Verleihers ist es so – nachdem der Entleiher ihm die beiden Schecks über fünftausend Dollar gezeigt hatte: Der Entleiher zeigte sie, weil er wollte, dass sein Freund keinen Kummer hat in der Sorge, er kann ihm vielleicht nicht rechtzeitig zahlen.
Der Entleiher dagegen beklagt sich über seinen Freund, weil er einen Ort der Arbeit verloren hat. Hätte ihm nämlich sein Freund nicht gezeigt, woher er zahlen kann, dann wäre er die ganzen zwei Wochen mit der Arbeit einhergegangen: dass er mit sich arbeitet – „ich muss an der Freundesliebe haften und meinem Freund glauben, dass er viele Male nachgedacht hat, ob das, was er von mir verlangt, mir nicht, Gott behüte, irgendeinen Kummer verursacht“. Der Körper aber bringt ihm immer Beweise des Gegenteils, weil er ihm Hass auf die Freunde ins Herz legen will. Und so habe ich Aufstiege und Abstiege. Daran erfreue ich mich, dass ich mit mir selbst arbeite. Jetzt aber, dadurch dass du mir einen Gefallen tun wolltest, habe ich verloren. Aus diesem Gleichnis sehen wir, dass beide recht haben. Das heißt: Dadurch, dass jeder einwendet, er hat dem anderen seine Liebe zeigen wollen, festigt sich die Liebe für immer.
Ebenso ist es hier: Der Schöpfer zeigte Abraham die Liebe, indem Er durch den Bund, der zwischen ihnen geschlossen wurde, zu ihm kam, wie geschrieben steht „und Er schloss mit ihm den Bund“. Und ebenso zeigte Abraham in seinem Einwand vor dem Schöpfer die Liebe zu Ihm, dass er Ihm dienen will, ohne Lohn zu empfangen. Deshalb sehnte sich Abraham nach der Arbeit, die „Empfangen von Gästen“ genannt wird, wie wir es oben in der Sache des Empfangens von Gästen erklärt haben.
Nun wollen wir erklären, wonach wir bei der Deutung Rashis gefragt haben: „In der Mittagshitze holte der Schöpfer die Sonne aus ihrer Hülle hervor, um ihn nicht mit Gästen zu behelligen. Und weil Er sah, dass es ihn schmerzte, dass keine Gäste kamen, sandte Er ihm Engel in Menschengestalt.“ Wir fragten: Wusste der Schöpfer denn nicht, dass es ihn schmerzen würde, keine Gäste zu haben? Warum also holte Er die Sonne aus ihrer Hülle? Und wir fragten ferner: Wozu musste Er ihm Engel in Menschengestalt schicken, sodass es wie eine Täuschung erscheint? Es gab doch ein einfaches Mittel: die Sonne wieder in ihre Hülle zu stecken, sodass von selbst Menschen zu ihm hätten kommen können.
Es ist zu verstehen, was „das Hervorholen der Sonne aus ihrer Hülle“ nach der Weise der Arbeit bedeutet. Das Licht des Schöpfers wird „Tag“ oder „Sonne“ genannt. „Hülle“ ist wie die Scheide, in der das Schwert verborgen ist. Wenn man sagen will, dass das Licht des Schöpfers verhüllt ist, sagt man, die Sonne ist in der Hülle verborgen, sodass man sie nicht spürt.
Und in der Zeit der Arbeit – das heißt, bevor der Mensch aus seiner Eigenliebe herausgetreten ist – muss er in der Verhüllung arbeiten. Auch wenn er noch keinen Geschmack an Tora oder Gebet verspürt, muss er sich in Tora und Gebet mühen. Und er soll nicht sagen: „Sobald ich Geschmack an Tora und Gebet finde, dann werde ich beten und lernen.“ Denn wenn der Mensch nicht an sich selbst denkt, sondern dem König einen Dienst erweisen will – was bedeutet dann, welchen Geschmack er empfindet? Vielmehr soll er sagen: „Ich erfülle jetzt das Gebot des Schöpfers und will Ihm Wohlgefallen bereiten, indem ich Seine Gebote halte; und nicht auf mich soll geblickt werden, sondern nur darauf, woran der Schöpfer mehr Wohlgefallen hat.“
Sobald der Schöpfer jedoch sieht, dass er bereits geeignet ist, alles zu empfangen, um zu geben, dann wird der Mensch der Offenbarung des Angesichts des Schöpfers teilhaftig. Und das nennt man „das Hervorholen der Sonne aus ihrer Hülle“: dass die Verhüllung des Angesichts des Schöpfers von ihm weicht und an ihre Stelle die Offenbarung des Angesichts tritt.
Und das entspricht den Worten unserer Weisen (Awot, Kap. 6): „Rabbi Meir sagt: Jeder, der sich mit der Tora liShma befasst, wird vieler Dinge teilhaftig, und man offenbart ihm die Geheimnisse der Tora.“ Deutung: Wenn er sich liShma damit befasst – das heißt nicht zu seinem eigenen Nutzen, sondern seine ganze Absicht beim Einhalten von Tora und Mizwot gilt allein dem Himmel –, dann wird er dadurch geeignet, die Fülle zu empfangen, weil hier eine Angleichung der Form besteht, die Anhaftung (Dwekut) genannt wird: So wie der Schöpfer den Geschöpfen geben will, so will auch der Mensch dem Schöpfer geben.
Dann weicht von selbst die Verhüllung von ihrem Ort. Denn die ganze Verhüllung bestand nur um der Korrektur des Brotes der Schande willen. Jetzt aber, da er zu der Stufe gelangt ist, auf der er geben will, gibt es keinen Ort mehr für Scham; denn alles, was er nun empfängt, gilt nicht seinem eigenen Nutzen, sondern geschieht, weil der Schöpfer es so will. Und von selbst wird er des Empfangens der Shechina teilhaftig. Das nennt man „das Hervorholen der Sonne aus ihrer Hülle“: dass er die obere Fülle aus ihrer bisherigen Verhüllung hervorgeholt hat.
Nach dem Gesagten gibt es keinen Raum mehr für die Frage, warum der Schöpfer die Sonne aus ihrer Hülle holte, wenn Er doch im Voraus wusste, dass es Abraham schmerzen würde, keine Gäste zu haben – die „Wanderer“ genannt werden, also Aufstiege und Abstiege, wie oben gesagt. Denn Er steckte die Sonne nicht in die Hülle – das bedeutet, dass Er die Verhüllung nicht herstellte –, außer damit dem Menschen Raum bleibe, zum Himmel hin zu gelangen.
Das heißt: Auch wenn er keinerlei Lohn in dieser seiner Arbeit sieht, in der er sich abmüht, um zur Tora liShma zu gelangen und keinen Lohn zu empfangen. Jetzt aber, da Abraham dies erreicht hat, gibt es gewiss keinen Sinn mehr für die Verhüllung, sondern von selbst weicht die Verhüllung von jenem Ort, der dem Schöpfer zugehört. Wie geschrieben steht: „An jedem Ort, da Ich Meines Namens gedenken lasse, werde Ich zu dir kommen und dich segnen“ (Mishpatim, Maftir).
Und die Schwierigkeit ist: „da du gedenken lässt“ – es hätte heißen müssen: Wenn der Mensch den Namen des Schöpfers nennt, dann „werde Ich zu dir kommen und dich segnen“. Doch „da Ich gedenken lasse“ legt nahe, dass der Schöpfer Seines Namens gedenken lässt. Und es ist wie oben zu deuten: Wenn der Mensch sich selbst annulliert, wie wir es als Sicht der Tora erklärt haben – das heißt, er erfüllt „sich für sie töten“, was die Aufhebung der Herrschaft ist, sodass es hier nur die alleinige Herrschaft gibt, die Herrschaft des Schöpfers –, dann kann der Schöpfer sagen: „An jedem Ort, da Ich gedenken lasse.“ Warum kann Ich Meines Namens gedenken? Weil der Mensch diesen Ort für den Schöpfer annulliert hat. Dann erfüllt sich: „werde Ich zu dir kommen und dich segnen.“ Deshalb gelangt er in den Zustand, dass der Schöpfer die Sonne aus ihrer Hülle holt – das ist das Empfangen des Angesichts der Shechina.
Und von selbst gibt es hier keinen Raum für die Frage, dass der Schöpfer, als Er sah, dass es ihn schmerzte, die Sonne wieder in ihre Hülle hätte stecken sollen. Das wäre ja gegen das Ziel. Denn das Ziel der Schöpfung ist, wie geschrieben steht: „Und sie sollen Mir ein Heiligtum machen, und Ich werde in ihrer Mitte wohnen“ – und nicht, Gott behüte, sich zu entfernen. Solange ein Ort der Angleichung der Form besteht – das heißt, solange er geben will –, stellt sich auch der Schöpfer an eben diesen Ort. Nur dort, wo man sündigt – das heißt, wo man durch irgendeine Sünde abfällt, zurück zu Gefäßen des Empfangens, um zu empfangen –, dort entfernt sich die Fülle wegen der Verfehlungen; und das nennt man die Zerstörung des Heiligtums.
Deshalb konnte Er ihm nicht den Zustand des Empfangens von Gästen geben. Denn dieser Zustand ist noch nicht Heiligkeit, da es dort Aufstiege und Abstiege gibt, wie oben gesagt. Vielmehr sandte Er Engel, was vollkommene Heiligkeit ist, denn es konnte gar nicht mehr anders sein, da er bereits einen ewigen Bund mit dem Schöpfer geschlossen hatte. Doch „in Menschengestalt“ – das heißt, dass er den Zustand enthüllen musste, nur dem äußeren Anschein nach. Das heißt: damit er einen Ort habe, die Selbstprüfung an sich zu enthüllen – ob seine Absicht dem Lohn gilt, nämlich dem Empfangen des Angesichts der Shechina, oder ob er sich danach sehnt, dem Herrn zu dienen, ohne Lohn zu empfangen.
Und wenn er sich dann darüber freute, dass ihm Gäste zuteilwurden – auch wenn ihm danach bekannt wurde, dass es Engel waren –, so hatte er die Selbstprüfung, die er anstellen wollte, ob er sich selbst betrügt, indem er an den Lohn denkt und nicht an die Arbeit, bereits daraus gewonnen, dass er sich freute, nun erneut Gäste empfangen zu können, also einen Ort der Arbeit zu haben. Da war ihm klar, dass er arbeitet, ohne Lohn zu empfangen.
Und das entspricht der Weise, wie mein Vater und Lehrer seligen Andenkens den allgemein bekannten Einwand zu dem Vers auflöste: „Und Er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß Ich, dass du Gott fürchtest.“ Die Frage ist: Wusste der Schöpfer es denn nicht schon vor der Prüfung?
Und er sagte, die Deutung ist: „Nun weiß Ich“ – dass du weißt, dass du Gott fürchtest. Gemeint ist: Abraham wollte wissen, ob er auf dem Weg „nichts außer dem Schöpfer allein“ geht und er selbst gar nicht in Betracht kommt. Deshalb sandte ihm der Schöpfer eine Prüfung, damit Abraham weiß, dass er in der Prüfung bestehen kann. Und dass er wissen will, ob er in Ordnung ist – das ist deshalb, weil er dann keine Furcht hätte, die obere Fülle nach unten zu ziehen; denn nun wäre ihm klar, dass er die obere Fülle nicht beschädigen wird, da er sieht, dass sein ganzes Verlangen nur dem Geben gilt und nichts seinem eigenen Nutzen – was „empfangen, um zu geben“ genannt wird.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, wonach wir bei dem Ausspruch unserer Weisen gefragt haben: „Größer ist, wer sich an seiner eigenen Mühe erfreut, als die Ehrfurcht vor dem Himmel.“ Wir fragten: Wie ist das möglich?
Bekanntlich gibt es die Mühe der Tora und das Lernen der Tora. „Lernen der Tora“ nennt man das, was die Tora uns lehrt: das Gebot des Schöpfers in Tat und Absicht zu erfüllen. So sehen wir, dass es zwei Segenssprüche gibt:
Erstens: „Gesegnet seist Du, Schöpfer, … uns mit den Worten der Tora zu befassen“;
Zweitens: „Gesegnet seist Du, Schöpfer, der die Tora Seinem Volk Israel lehrt.“
Das heißt: Wir danken dem Schöpfer dafür, dass Er uns einen Ort gegeben hat, uns mit den Worten der Tora zu befassen – gemeint ist die Mühe, dass wir uns damit befassen können, also die Beschäftigung mit der Tora. Und wir danken dem Schöpfer auch für das Lernen der Tora – nämlich dafür, dass wir dessen teilhaftig werden, dass der Schöpfer uns lehrt, was „Wissen der Tora“ genannt wird, das, was die Tora uns lehrt.
Und wir brauchen beides: sowohl die Mühe als auch das Wissen. Das ist es, was wir lernen: „Es gibt kein Licht ohne ein Gefäß.“ Die Deutung: Es gibt keine Erfüllung ohne einen Mangel. Ebenso wie kein Mensch die Ruhe genießen kann, wenn er nicht zuvor Mühsal und Anstrengung hatte.
Hier aber, in der Arbeit für den Schöpfer, gibt es zwei Unterscheidungen im Mangel:
Erstens: dass er sich nach Genüssen sehnt. Das ist die erste Stufe im Gefäß, die „Mangel“ genannt wird – das heißt, er empfindet, dass ihm dieser Genuss fehlt.
Zweitens: Um seinen Mangel zu füllen, gibt es eine Bedingung: dass er eine Gegenleistung für den Genuss zahlen muss. Zum Beispiel im Materiellen: Wenn ein Mensch in irgendein Geschäft tritt und dort einen schönen Gegenstand sieht, sich nach ihm sehnt und ihn erlangen will, so ist nun in ihm ein Mangel nach der Sache geweckt.
Und der zweite Mangel ist: Es gibt den Mangel, dass er den Gegenstand empfangen will. Aber man gibt ihn ihm nicht ohne Gegenleistung, sondern er muss dem Hausherrn zahlen; dann gibt man ihm den Gegenstand. Und dieses Zahlenmüssen gilt als Mühe und als Mangel. Denn der Mensch denkt: Würde man es ihm ohne Bezahlung geben, dann hätte er keinen Mangel. Das heißt, er hat kein Geld, um es als Gegenleistung für den Gegenstand zu geben – das ist die Gegenleistung, die man von ihm fordert, und er kann sie nicht geben.
Es zeigt sich nun, dass er zwei Mängel hat:
Erstens: dass er sich nach der Sache sehnt;
Zweitens: dass es nicht in seinem Vermögen liegt, die Gegenleistung zu geben.
Es zeigt sich, dass die Sehnsucht nach der Sache ihm einen weiteren Mangel verursacht hat: dass er jetzt weiß, er hat nicht, womit er die Gegenleistung für den Gegenstand geben kann. So ist es hier in der Arbeit für den Schöpfer: Wessen Seele sich danach sehnt, an den Schöpfer zu haften, in dem ist ein Mangel entstanden. Doch wer verursacht ihm diesen Mangel, dass er sich nach dem Schöpfer sehnt? Das kommt von oben. Und das nennt man „Erweckung von oben“ (Itaruta deLeIla): dass man den Menschen ruft, in die Heiligkeit einzutreten, wie geschrieben steht: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, der Schöpfer.“ Und plötzlich beginnt der Mensch zu spüren, wie fern er dem Schöpfer ist – dass er sich an der Stelle, an der er vor dem Ruf um andere Bedürfnisse gesorgt hatte, jetzt sieht, dass ihm nur das Spirituelle fehlt.
Und danach beginnt er nachzudenken, was in Wahrheit der Grund ist, dass er kein Spirituelles hat. Da gelangt er zu dem Schluss, dass dies nur am Fehlen der Angleichung der Form liegt, im Geheimnis von „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig“, wie oben gesagt.
Es zeigt sich also: Der erste Mangel ist jener, bei dem er empfindet, dass ihm das Spirituelle fehlt – das ist der eine Mangel, wie oben gesagt. Und dass er jetzt an der Angleichung der Form arbeiten muss und sieht, dass er es nicht kann – das ist der zweite Mangel. Und das ist, wie unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen erstarkt täglich über ihn, und stünde ihm der Schöpfer nicht bei, könnte er ihn nicht überwinden“ (Sukka 52).
Doch auch dieser zweite Mangel kommt von oben. Das heißt: Dadurch, dass der Schöpfer es mit Absicht von vornherein so eingerichtet hat, dass es nicht in der Kraft des Menschen liegt, ihn zu überwinden (aus dem Grund, von dem wir bereits gesprochen haben), sondern nur mit Seiner Hilfe, dem Gesegneten – es zeigt sich also, dass auch dieser Mangel von oben kommt. Aus dem Gesagten folgt: Die eigentliche Mühe liegt im zweiten Mangel, nämlich darin, dass er den Preis nicht zu zahlen hat, den man für das Lernen der Tora fordert.
Das heißt: Um der Tora teilhaftig zu werden, fordert man einen teuren Preis, nämlich die Angleichung der Form, wie oben gesagt – damit es nicht zum Brot der Schande komme. Und das ist es, was wir bei dem Ausspruch unserer Weisen erklärt haben: „Die Tora hat nur bei dem Bestand, der sich für sie tötet“ – das ist die wahre Mühe, wie oben gesagt. Und auf diesen Mangel kommt danach eine Erfüllung, die diesen Mangel füllt. Und das ist das Empfangen des Angesichts der Shechina oder die Geheimnisse der Tora und dergleichen.
Und vor allem beginnt hier die wahre Scheidung zwischen der Mühe und dem Lohn. Das heißt: Es gibt solche, die sich ohne Lohn mühen wollen, die in die Art der Arbeiter eintreten wollen, die dem Herrn dienen, ohne Lohn zu empfangen. Und es gibt solche, die arbeiten, um Lohn zu empfangen – nämlich den Lohn für die Mühe –, das heißt, die darauf blicken, was sie durch die Mühe erlangen können, was als „Stufe der Tora“ bezeichnet wird, gemäß dem, dass die ganze Tora in ihrer Gesamtheit die Namen des Schöpfers sind, und das wird „Und ihr werdet erkennen, dass Ich der Schöpfer, euer Gott, bin“ genannt.
Und wie unsere Weisen, ihr Andenken sei zum Segen, auslegten (Berachot 38a): „Eben dadurch, dass Ich euch hinausführe, tue Ich für euch eine Sache, damit ihr wisst, dass Ich es bin, der euch aus Ägypten hinausgeführt hat“ (wie oben in Artikel 13, 1986). Dort sagte ich, gemeint ist: Der Schöpfer hat – über das hinaus, dass Er sie aus der Klipa (Schale) Ägyptens hinausführte – etwas getan, wodurch sie des Wissens des Schöpfers teilhaftig wurden, nämlich des Wissens der Tora, gemäß „die Tora, Israel und der Heilige, gesegnet sei Er, sind eins“.
Und um die Unterscheidung zwischen der Mühe in der Tora und dem Wissen der Tora zu verstehen – das heißt, dass er nur dem Herrn dienen will, ohne Lohn zu empfangen, ohne den Lohn, der „Wissen der Tora“ genannt wird –: Da das Verlangen des Schöpfers ist, die Tora zu offenbaren, wie geschrieben steht „der Schöpfer hat um Seiner Gerechtigkeit willen Gefallen daran, die Tora groß und herrlich zu machen“, da sagt der Mensch: Ich bin einverstanden, mich einige Stunden in der Tora zu mühen, damit ich die Tora wissen kann. Und wenn man mir den Lohn als Gegenleistung für die Mühe geben will, bin ich einverstanden, dass man den Lohn einem anderen gibt. Das heißt: Ich mühe mich in der Tora, und der andere empfängt den Lohn – nämlich das Wissen der Tora, das sich auf der von ihm geleisteten Mühe offenbaren soll.
Und das ist die wahre Mühe. Weil er nur die Mühe will und nicht den Lohn – obwohl der Lohn ihm sehr wichtig ist, verzichtet er dennoch darauf, weil er dem Herrn dienen will, ohne Lohn zu empfangen. Und weil das Verlangen des Schöpfers ist, dass die Tora sich Seinen Geschöpfen offenbart, will er, dass sein Freund des Wissens der Tora teilhaftig wird, er selbst aber will in der Mühe der Tora fortfahren. Und das ist in Wahrheit die wahre Mühe – weil er sich nach dem Wissen der Tora sehnt. Der Beweis dafür ist, dass nur er die Mühe leistet und nicht sein Freund. Doch weil er will, dass seine Arbeit um des Himmels willen geschieht, will er im Zustand der Mühe verbleiben.
Es gibt jedoch Menschen, die den Weg gehen: „Seid wie Knechte, die dem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen.“ Deshalb gilt ihr ganzes Verlangen dem Wissen der Tora und nicht der Mühe. Und gemäß dem, was unsere Weisen sagten (Midrash Rabba, Abschnitt „Wesot haBracha“): „Der Schöpfer sprach zu Israel: Bei eurem Leben, alle Weisheit und die ganze Tora ist eine leichte Sache. Jeder, der Mich fürchtet und die Worte der Tora tut, in dessen Herzen ist alle Weisheit und die ganze Tora.“
Und um den Lohn ohne Mühe zu erlangen – und da man durch die Ehrfurcht vor dem Himmel die Weisheit und die Tora leicht, ohne jede Mühe, empfangen kann, wie oben im Midrash –, deshalb wollen sie Ehrfürchtige des Himmels sein, um den Lohn zu empfangen, der „Weisheit und Tora“ genannt wird. Es zeigt sich, dass seine Ehrfurcht vor dem Himmel auf dem Fundament der Eigenliebe gebaut ist – das heißt, dass er dem Schöpfer dient, um Lohn zu empfangen. Das wird „lo liShma“ genannt, also ein Dienen allein um des Lohnes willen, und das wird „Sicht der Hausherren“ genannt, wie oben. Und wie Maimonides sagt: „Bevor ihr Wissen wächst und sie größere Weisheit erlangen, lehrt man sie, sich mit Tora und Mizwot im lo liShma zu befassen, nämlich um Lohn zu empfangen.“
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, wonach wir bei dem Ausspruch unserer Weisen gefragt haben: „Größer ist, wer sich an der Mühe (seiner Hände) erfreut, als die Ehrfurcht vor dem Himmel.“ Wir fragten: Wie ist das möglich? Nach dem oben Gesagten ist es so zu deuten: „Ehrfurcht vor dem Himmel“ ist hier die Haltung dessen, der die Weisheit und die Tora leicht, ohne Mühe, empfangen will. Das heißt, er erwartet den Lohn und nicht die Mühe; er will dem Herrn nicht dienen, ohne Lohn zu empfangen, sondern er will den Lohn und nicht den Dienst, der „Mühe“ genannt wird – und das wird „lo liShma“ genannt, nämlich um Lohn zu empfangen.
Wer sich dagegen an der Mühe seiner Hände erfreut, die die Mühe der Tora ist, und nicht an den Lohn denkt, sondern darauf, dass er durch die Mühe eines Gefäßes teilhaftig wird – ein Ort, an dem die Shechina sich einkleiden kann, weil hier eine Angleichung der Form zwischen dem Licht und dem Gefäß besteht –, und dessen ganzes Verlangen nur darauf gerichtet ist, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten und nicht dem eigenen Nutzen, wie oben (in der Sache „größer ist das Empfangen von Gästen als das Empfangen des Angesichts der Shechina“) – gewiss ist diese Stufe dessen, der sich an seiner Mühe erfreut, wichtiger als die Ehrfurcht vor dem Himmel. Denn bei der Ehrfurcht vor dem Himmel gilt seine Absicht dem lo liShma; wer sich dagegen an seiner Mühe erfreut, denkt nur an das liShma – das heißt, er hat keine andere Absicht, als zu geben.
Doch darf man keinen Einwand gegen den Midrash erheben, der sagt: „Der Schöpfer spricht zu Israel: Bei eurem Leben, alle Weisheit und die ganze Tora ist eine leichte Sache; jeder, der Mich fürchtet, in dessen Herzen ist alle Weisheit und die ganze Tora.“ Nach dem oben Gesagten wird dies doch „lo liShma“ genannt – wie kann er dann der Weisheit und der Tora teilhaftig werden? Der Schöpfer aber sagt, dass man durch die Ehrfurcht sehr wohl der Weisheit und der Tora teilhaftig werden kann.
Das lässt sich auf die Weise deuten, wie ich den allgemein bekannten Einwand zu dem aufgeworfen habe, was geschrieben steht (Matot, zweiter Aufruf): „Und der Schöpfer redete zu Moses und sprach: Nimm Rache für die Kinder Israels an den Midianitern. Und Moses redete zum Volk und sprach: … damit sie über Midian die Rache des Schöpfers an Midian üben.“ Die Frage ist: Warum änderte Moses, was der Schöpfer ihm gesagt hatte? Denn der Schöpfer sagte „Nimm Rache für die Kinder Israels“, Moses aber sagte zum Volk „die Rache des Schöpfers an Midian“.
Und die Sache ist die: Der Schöpfer schuf die Welt mit dem Ziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, das heißt, dass die Geschöpfe Gutes und Genuss empfangen. Und damit es kein Unbehagen gäbe – das Brot der Schande genannt – an den Genüssen, die die Geschöpfe empfangen, wurde eine Korrektur gemacht: dass die Empfangenden das Gute und den Genuss vom Schöpfer nicht empfangen, außer unter der Bedingung, dass sie empfangen können, um zu geben. Und das nennt man Anhaftung, die Angleichung der Form.
Und das ist, wie unsere Weisen sagten (Chagiga 7): „Wie Ich umsonst gebe, so gib auch du umsonst.“ Deutung: So wie Ich euch Freude und Genuss ohne jede Gegenleistung geben will, sondern Ich will, dass ihr Wohlbehagen habt, ebenso sollst auch du umsonst geben – das heißt, dass die Arbeit, die ihr für Mich tut, umsonst ist, ohne jede Gegenleistung für eure Arbeit; und das nennt man die Angleichung der Form.
Deshalb lässt sich deuten: Der Schöpfer sagt zu Israel, es ist eine leichte Sache, alle Weisheit und die ganze Tora ist in sein Herz gelegt. Doch der Mensch muss sagen: Ich will den Genuss nicht, den Du mir geben willst – das oben Genannte, das heißt: „denn das ist die Länge deiner Tage“, und „die begehrenswerter sind als Gold und als viel Feingold und süßer als Honig und Honigseim“. Und darauf verzichtet er, obwohl seine Seele sich sehr nach all diesen guten Dingen sehnt. Dennoch verzichtet er, weil all diese Dinge in die Gefäße der Eigenliebe fallen, und die Eigenliebe bewirkt eine Trennung zwischen ihm und dem Schöpfer wegen der Verschiedenheit der Form, wie oben; er aber will die Angleichung der Form, und deshalb verzichtet er.
Doch gerade jene, die die Angleichung der Form wollen und zu denen gehören wollen, die dem Herrn dienen, ohne Lohn zu empfangen – gerade diese Menschen sind es, die ein Gefäß für die Einwohnung des oberen Lichtes haben, das mehrere Namen trägt: Einwohnung der Shechina, Empfangen des Angesichts der Shechina, Geheimnisse der Tora oder Licht der Tora. Dann erfüllt sich das Ziel der Schöpfung, nämlich Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.
Nach dem Gesagten lässt sich der Vers erklären, den unsere Weisen zu „größer ist, wer sich an seiner Mühe erfreut, als die Ehrfurcht vor dem Himmel“ anführten. Denn über die Ehrfurcht vor dem Himmel steht geschrieben: „Glücklich der Mann, der den Schöpfer fürchtet.“ Über den aber, der sich an seiner Mühe erfreut, steht geschrieben: „Wenn du die Mühe deiner Hände genießt, glücklich bist du, und es geht dir wohl“ – „glücklich bist du in dieser Welt, und es geht dir wohl in der kommenden Welt“. Bei der Ehrfurcht vor dem Himmel aber steht nicht „und es geht dir wohl“.
Nun ist „diese Welt“ als die Zeit der Arbeit zu deuten, und „die kommende Welt“ als die Zeit des Lohnes, den er nach der Arbeit künftig empfangen soll, wie geschrieben steht: „Heute, sie zu tun, und morgen, ihren Lohn zu empfangen.“ Daher ist bei der Ehrfurcht vor dem Himmel der Lohn für ihn das Wesentliche – dass er danach leicht der Weisheit und der Tora teilhaftig wird, was „kommende Welt“ genannt wird. Darauf hofft er, dies danach zu erlangen, das Gute. Deshalb steht dort nur einmal „glücklich bist du“, nämlich der Lohn in der kommenden Welt, auf den er hofft. „Diese Welt“ aber, die Zeit der Mühe genannt – darüber ist er nicht glücklich, und Tag für Tag steht er da und wartet: Wann werde ich des Lohnes teilhaftig, der „Weisheit und Tora“ genannt wird?
Wer sich dagegen an seiner Mühe erfreut, dem geht es zur Zeit der Arbeit wohl. Denn nur dies will er: dem Herrn zu dienen, ohne Lohn zu empfangen. Es zeigt sich, dass er sich in dieser Welt erfreut, die „heute, sie zu tun“ genannt wird, und auch der kommenden Welt teilhaftig wird, die „morgen, ihren Lohn zu empfangen“ genannt wird.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, wonach wir bei dem Ausspruch unserer Weisen gefragt haben: „Ich habe mich gemüht und gefunden.“ Ein Fund kommt doch ohne jede Vorbereitung. Es hätte heißen müssen: „Ich habe mich gemüht und erworben“ – das heißt, dass die Mühe eine Vorbereitung auf den Erwerb war. Ein Fund dagegen ist etwas, das unerwartet kommt. Nach dem oben Gesagten aber löst sich das auf: Wenn die Mühe das Ziel ist, weil er dem Herrn dienen will, ohne Lohn zu empfangen – wie ich oben sagte, dass er einverstanden ist, dass das Wissen der Tora, das sich nach seiner Mühe offenbart, seinem Freund zuteilwerde –, und da die Tora sich erst nach der Mühe offenbart, was als Licht und Gefäß gilt, nämlich als Mangel und Erfüllung, und da er nun das Gefäß und den Mangel gibt, ist er einverstanden, dass die Erfüllung seinem Freund zuteilwerde.
Demnach denkt er zur Zeit der Arbeit überhaupt nicht an den Lohn. Seine Mühe war also keine Vorbereitung auf den Fund, der das Wissen der Tora ist; denn darauf war seine Absicht nicht gerichtet, während er arbeitete. Denn er sehnte sich danach, zu den Knechten zu gehören, die dem Herrn dienen, ohne Lohn zu empfangen. Demnach war die Mühe keine Vorbereitung auf den Erwerb. Und die Tora wird „Erwerb“ genannt (Awot, Kap. 6). Deshalb sagten sie: „Ich habe mich gemüht und gefunden“ – weil das, dessen er teilhaftig wurde, das Wissen der Tora, ihm unerwartet kam, ohne jede Vorbereitung darauf; und von selbst wird das ein „Fund“ genannt.
Und nach dem, was wir oben über Abraham gesagt haben – dass er sich, auch nachdem ihm das Empfangen des Angesichts der Shechina zuteilgeworden war, noch nach dem Empfangen von Gästen sehnte, weil er sich vergewissern wollte, dass seine Absicht nicht dem Lohn gilt, sondern dem Dienen, ohne Lohn zu empfangen –, verstehen wir, was mein Vater und Lehrer seligen Andenkens zu dem allgemein bekannten Einwand auflöste, zu dem, was geschrieben steht: „Und Israel sah“, und danach steht geschrieben: „und sie glaubten“. Das legt nahe, dass sie, ehe sie sahen, Gott behüte, nicht glaubten. Und er löste es auf: Die Deutung ist, dass sie sich, auch nachdem sie der Stufe des Sehens teilhaftig geworden waren, nach der Stufe des Glaubens sehnten, wie oben.
Nach dem Gesagten zeigt sich der Vorzug, der in der Arbeit liegt, mehr als das Erwarten des Lohnes.
korrOp, EY, 12.7.2026, Ver3