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1986/26 Ein naher Weg und ein ferner Weg

Im Wochenabschnitt Beshalach finden wir die Worte: „Und der Schöpfer führte sie nicht den Weg durch das Land der Philister, denn dieser war nah, damit das Volk nicht bereue, wenn es Krieg sieht, und nach Ägypten zurückkehre.“ Daraus geht hervor, dass der nahe Weg nicht gut ist. Über das zweite Pessach dagegen heißt es (Beha’alotcha, 4. Mose 9,10): „Sprich zu den Söhnen Israels: Wenn ein Mensch durch einen Toten unrein oder auf einer weiten Reise ist, so halte er das Pessach für den Ewigen im zweiten Monat.“ Das bedeutet: Wer auf einem weiten Weg ist, kann das Pessach nicht zu seiner Zeit feiern.

Wir sehen: Der Abschnitt Beshalach sagt, der nahe Weg ist nicht gut – „Und er führte sie nicht, denn er war nah“ –, sondern der weite Weg ist besser. Im Abschnitt Beha’alotcha aber steht, dass derjenige, der auf einem weiten Weg ist, auf das zweite Pessach verschoben wird. Das deutet darauf hin, dass der weite Weg schlechter ist als der nahe.

Zunächst müssen wir wissen: Wenn die Tora von Wegen spricht – vom nahen und vom weiten Weg –, so deutet sie damit gewiss darauf, wie man zur Vollendung des Ziels gelangt. Dann aber ist schwer zu verstehen, wie man sagen kann, der nahe Weg ist nicht gut. Denn die Begründung, die uns die Tora dafür gibt, lautet: „wenn sie Krieg sehen, und sie nach Ägypten zurückkehren“. „Nah“ heißt doch: nah am Schöpfer. Wenn aber jemand dem Schöpfer nah ist, wie kann man dann sagen, er wird „bereuen und nach Ägypten zurückkehren“? Umgekehrt wäre es verständlich: Hätte das Volk auf einem Weg bereut, der weit vom Schöpfer entfernt ist, dann ließe sich sagen: „damit das Volk nicht bereue, wenn es Krieg sieht, und nach Ägypten zurückkehre“.

Im Abschnitt Re’eh (5. Mose 14,24) heißt es: „Und wenn der Weg für dich zu weit ist, sodass du es nicht tragen kannst, weil der Ort, den der Ewige, dein Gott, erwählt, um Seinen Namen dort wohnen zu lassen, zu weit von dir entfernt ist.“ Mein Vater und Lehrer erklärte dies und fragte: Warum gibt uns der Vers überhaupt eine Begründung für „wenn der Weg für dich zu weit ist, sodass du es nicht tragen kannst“? Er sagte: Weil der Mensch das Joch des Königtums des Himmels auf sich nehmen muss und „wie ein Ochse unter dem Joch und wie ein Esel unter der Last“ sein soll, der Mensch dies aber nicht tragen kann – das heißt, es fällt ihm schwer, das Joch zu ertragen, und genau das bedeutet „er kann es nicht tragen“. Aus diesem Grund wird der Weg für dich weit.

Würde der Mensch dagegen das Joch des Königtums des Himmels auf sich nehmen, so sähe er, dass ihm alles nah ist. Was der Mensch nämlich als fern von sich empfindet – „den Ort, den der Ewige, dein Gott, erwählt, um Seinen Namen dort wohnen zu lassen“, also den Ort, den der Schöpfer erwählt hat, um Seinen Namen darin wohnen zu lassen –, ist das, wovon geschrieben steht: „Und sie sollen Mir ein Heiligtum machen, dass Ich in ihrer Mitte wohne.“ Dieser Ort liegt dem Menschen fern: dass es nämlich in seiner Macht stünde, in seinem Herzen einen Ort für das Einwohnen der Shechina (göttliche Gegenwart) zu schaffen. Es ist ihm fern, so etwas auch nur zu begreifen – dass der Mensch die Kraft besäße, in seinem Herzen einen Ort für das Einwohnen der Shechina zu schaffen. Und das kommt daher, dass „er es nicht tragen kann“, dass er den überlieferten Weg nicht auf sich nehmen will: „wie ein Ochse unter dem Joch und wie ein Esel unter der Last“.

Daraus folgt, dass der Mensch alle seine Kräfte einzig hierauf richten soll: immer nach Mitteln zu suchen, wie er das genannte Joch auf sich nehmen kann. Seine ganze Arbeit soll er darauf ausrichten. Das heißt: In allem, was er in Tora und Mizwot tut, soll er sich danach sehnen, dass diese Handlungen ihn dazu führen, das Joch des Königtums des Himmels auf sich zu nehmen – nicht, um eine Belohnung zu empfangen. Und das ist der Ort, „den der Ewige, dein Gott, erwählt, um Seinen Namen dort wohnen zu lassen“.

Bekanntlich wird „Sein Name“ Malchut genannt, die auch Shechina heißt. Ihre Bedeutung erklärt der Sohar: „Er ist der Shochen (der Wohnende), und sie ist die Shechina.“ Mein Vater und Lehrer sagt dazu: Der Ort, an dem Sich der Schöpfer offenbart, heißt Shechina, und der Schöpfer wird Shochen genannt. Doch wann wird Er Shochen genannt? Nur an einem Ort, an dem es jemanden gibt, der den Shochen erlangt. Shochen und Shechina sind demnach nicht zweierlei, sondern eins: Shochen heißt Licht ohne Kli (Gefäß), und Shechina ist der Ort, an dem Sich der Schöpfer offenbart. Was also ist an dem Ort, an dem Sich der Schöpfer offenbart? Nur der Schöpfer und nichts anderes. Vielmehr, wie gesagt, Licht und Kli – es gibt also ein Kli, das das Licht erlangt.

Damit zeigt sich, was der Ort ist, den der Schöpfer erwählt hat, um Seinen Namen darin wohnen zu lassen. Es ist, wie wir lernen: Wir müssen unsere Gefäße des Empfangens so korrigieren, dass sie darauf gerichtet sind, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Das ist die Angleichung der Form, und an diesem Ort offenbart sich der Name des Schöpfers.

Wie aber kann man dann über den nahen Weg sagen: „Und der Schöpfer führte sie nicht, denn er war nah“? Der weite Weg bedeutet doch, wie es beim zweiten Pessach steht, dass derjenige, der auf einem weiten Weg war, auf das zweite Pessach verschoben wird. Und im Abschnitt Re’eh (5. Mose 14,24) steht: „Und wenn der Weg für dich zu weit ist, sodass du es nicht tragen kannst.“ Nach der Auslegung meines Vaters und Lehrers rührt die Ferne des Ortes daher, dass man „es nicht tragen kann“, also das Joch des Königtums des Himmels nicht ertragen kann. Wie kann es dann sein, dass der weite Weg besser ist als der nahe?

Im Traktat Eruwin (53b) wird im Namen von Rabbi Jehoschua ben Chananja berichtet: „Einst ging ich des Weges und sah ein Kind an einer Wegkreuzung sitzen. Ich fragte es: ‚Mein Sohn, auf welchem Weg gelangt man zur Stadt?‘ Es antwortete: ‚Dieser ist lang und kurz, und jener ist kurz und lang.‘ Ich nahm den kurzen und langen. Als ich zur Stadt kam, war sie von Gärten und Obsthainen umgeben. Ich kehrte um und sagte zu ihm: ‚Mein Sohn, hast du mir nicht gesagt, dieser ist kurz?‘ Es antwortete: ‚Mein Lehrer, habe ich dir nicht gesagt: kurz und lang?‘“ Daraus geht hervor, dass es ein „nah und weit“ und ein „weit und nah“ gibt.

Im Abschnitt Nizawim (5. Mose 30,11) steht: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und nicht zu fern. Die Sache ist dir vielmehr sehr nah – in deinem Mund und in deinem Herzen, sie zu tun.“ Daraus geht hervor, dass „nah“ hier ein guter Weg ist – „in deinem Mund und in deinem Herzen, sie zu tun“ – und nicht wie im Abschnitt Beshalach.

Um dies zu verstehen, müssen wir es im Zusammenhang mit der Ordnung des Arbeitsbeginns auslegen. Denn es gibt die Arbeit an der Handlung, und es gibt auch die Arbeit an der Absicht – das heißt, der Mensch muss auch an seiner Absicht arbeiten. Beim Ausführen der Mizwot soll er also eine gute Absicht haben: mit welcher Absicht er die Mizwot tut, was ihn dazu bewegt, sie zu erfüllen.

Denn die Handlungen sollen darauf ausgerichtet sein, nicht um einer Belohnung willen zu geschehen. Da der Mensch aber mit einem Gefäß des Empfangens geboren wird, kann er keine einzige Regung vollziehen, ohne eine Gegenleistung zu empfangen – also Lohn für seine Mühe. Das liegt in unserer Natur: Wir machen keine einzige Bewegung, ohne ihren Nutzen zu erkennen – ob wir nämlich mehr Genuss davon haben, wenn wir auf unsere Ruhe verzichten.

Das heißt: Wir geben den Zustand, in dem wir uns befinden, nur deshalb auf, um mehr Genuss zu empfangen, als wir jetzt haben. Bevor wir den vorhandenen Genuss verlassen und zu einer anderen Tätigkeit übergehen, muss diese uns gewiss wichtig erscheinen – nämlich dass wir durch die neue Handlung mehr Genuss empfangen.

Somit erfüllt der Mensch Tora und Mizwot nicht deshalb, weil der Schöpfer es will und wir Seinen Willen tun möchten, damit Er Freude daran hat, dass wir auf Seine Stimme hören, sondern weil Er uns großen Lohn dafür verspricht, dass wir auf Ihn hören. Deshalb bemühen wir uns zu erfüllen, was Er von uns fordert – weil wir auf den guten Lohn blicken, den Er uns für unsere Arbeit zahlen wird.

Das ähnelt Menschen, die in einer Fabrik bei einem Geschäftsherrn arbeiten. Üblicherweise arbeiten sie acht Stunden, und dadurch, dass die Arbeiter bei ihm arbeiten, verdient der Geschäftsherr Geld. Er hat also Freude daran, Arbeiter zu haben, die seinen Willen tun. Ein kleiner Teil der Arbeiter kommt nun zu ihm und macht ihm einen Vorschlag: Sie sehen, dass er bekümmert ist, weil er jemandem eine bestimmte Menge an Erzeugnissen zu einem festgesetzten Termin zugesagt hat; und nach dem Arbeitstempo, in dem die Arbeiter in acht Stunden produzieren, erkennen sie, dass er den Vertrag, den er geschlossen hat, nicht wird einhalten können, ihm die gesamte Ware fristgerecht zu liefern.

Deshalb erklären sie sich bereit, Überstunden für ihn zu leisten. Zwar müssten sie nach dem achtstündigen Arbeitstag sofort nach Hause, weil sie Kinder zu versorgen haben und bei einem von ihnen die Frau ein wenig krank ist – sie bemühen sich also, gleich nach der Arbeit heimzukommen –, doch weil sie den Kummer des Geschäftsherrn sehen, sind sie bereit, Überstunden zu leisten.

Gewiss hört der Geschäftsherr von der Hingabe seiner Arbeiter, die seinen Kummer nicht ertragen können und deshalb bereit sind, Überstunden zu leisten. Denn sie wissen, dass er in Bedrängnis ist: Er muss den Vertrag einhalten, in dem er dem Käufer zugesagt hat, eine bestimmte Menge Ware zu einem bestimmten Termin zu liefern, kann dies aber bei einem Achtstundentag nicht erfüllen.

Das Gefühl in ihren Herzen gegenüber dem Arbeitgeber lässt ihnen also keine Ruhe, solange sie nicht etwas zum Wohl des Geschäftsherrn tun. Darum sind sie bereit, sich über ihre Kräfte hinaus anzustrengen. Obwohl der Arbeitstag vorbei ist, sie kinderreiche Familien haben und bei einem von ihnen die Frau ein wenig krank ist, sodass er auch im Haushalt mit anpacken muss, erlaubt ihr Gewissen ihnen dennoch nicht, den Geschäftsherrn in der Not zu lassen.

Darum kamen sie zu ihm und sagten: „Wir haben beschlossen, für dich Überstunden zu leisten.“ Als der Geschäftsherr die Hingabe ihrer Herzen hört, sieht er nun etwas Neues. Bevor diese Arbeiter zu ihm kamen, um ihm zu zeigen, dass sie an seinem Kummer teilnehmen, hatte er geglaubt, alle Arbeiter sind ohne inneres Gefühl und ohne Gewissen; und dass sie bei ihm arbeiteten und nicht bei anderen, läge nur daran, dass er einen höheren Lohn zahle als andere. Jetzt aber sieht er es anders und erkennt, dass er sich in seinem Urteil über die Arbeiter geirrt hat.

Doch danach sagten sie ihm: „Du musst aber wissen: Für die zusätzliche Arbeit, also auch nachts zu arbeiten, sollst du uns für die Überstunden das Doppelte von dem zahlen, was du uns für einen gewöhnlichen Arbeitstag zahlst.“

Da beginnt der Geschäftsherr von Neuem zu überlegen: Wollen sie wirklich, wie sie sagen, Überstunden leisten, um mich aus der Bedrängnis zu holen? Oder ist es umgekehrt – sie sehen, dass ich in Not bin, und fordern gerade deshalb eine hohe Summe für die Überstunden, weil sie wissen, dass ich keine Wahl habe? Sie geben mir zu verstehen, dass ich ihnen so viel geben muss, wie sie verlangen: Indem sie mir meine bedrängte Lage vorhalten, soll ich erkennen, dass sie meine Lage kennen – und so wollen sie mich drängen, ihnen für die Überstunden so viel zu zahlen, wie sie fordern.

Aus dem Gesagten können wir ein Beispiel für unsere Arbeit beim Erfüllen von Tora und Mizwot gewinnen: zwischen Handlung und Absicht zu unterscheiden. „Handlung“ heißt, dass er die Tat zu vollziehen beabsichtigt, die der Schöpfer uns durch Moses geboten hat – Tora und Mizwot in all ihren Einzelheiten und Feinheiten zu erfüllen – und dass wir dabei ausrichten: Die Mizwa, die wir tun, geschieht, um Seinen Willen zu erfüllen, denn Er wollte, dass wir Tora und Mizwot halten.

Die Absicht, die der Mensch fassen soll, besteht also darin: Wir sollen darauf ausrichten, dass unsere Handlungen dazu dienen, das zu erfüllen, was Er uns geboten hat. Das nennt man „auf die Handlung ausgerichtet sein“, dass sie ordnungsgemäß ist, wie Er es uns durch Moses gesagt hat. So lautet auch das Gesetz zum Blasen des Shofars (Widderhorn): „Hat jemand das Shofar geblasen, um zu üben, oder bläst er, um zu musizieren, und nicht um der Mizwa willen, so hat er seine Pflicht nicht erfüllt“ (wie es in Orach Chajim [Weg des Lebens], Gesetze zu Rosh HaShana, Abschnitt 589, steht).

Demnach bedeutet der Ausspruch „Die Mizwot bedürfen einer Absicht (Kawana)“: Er muss die Handlung, die er ausführt, darauf ausrichten, dass er das Gebot des Schöpfers erfüllen will. Gewiss muss die Handlung der Halacha (dem religiösen Gesetz) entsprechen, denn unsere Weisen haben die Maße von Tora und Mizwot festgelegt – in welcher Form und Weise auch die Ausführung der Mizwot zu geschehen hat.

Die Sukka (Laubhütte) etwa hat mehrere Bestimmungen, welche Form sie haben muss und Ähnliches; sonst ist die Handlung mangelhaft. Ebenso beim Studium der Tora. Und auch die Verbote – die „Du sollst nicht“-Mizwot – haben viele Bestimmungen. Hält er die dazugehörigen Gesetze nicht ein, so ist die Ausführung der Mizwot mangelhaft. Doch selbst wenn er alles nach der Halacha erfüllt, muss er dennoch ausrichten, dass er die Mizwa deshalb tut, weil der Schöpfer uns geboten hat, Seinen Willen durch das Erfüllen der Mizwot zu tun, die Er uns durch Moses aufgetragen hat.

All dies aber heißt nur „Ausführung der Mizwot“ und nicht „Absicht“. Denn alles, woran er denkt, ist, die Handlung zu erfüllen, die der Schöpfer uns geboten hat; und all die Mühe, die wir in Tora und Mizwot aufwenden, gleicht der aller Menschen auf der Welt, die arbeiten und sich abmühen, um Lohn zu empfangen – und nicht mehr.

Hier ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Wenn wir sagen, dass die ganze Arbeit in der Ausführung der Mizwot liegt, so will uns das lehren: Die Mühe gilt der Handlung, und es ist nicht gemeint, dass es eine Arbeit am Lohn gäbe. Eine Mühe, um Lohn als Gegenleistung für die Anstrengung zu empfangen, sehen wir nämlich nicht – dass der Mensch sich also abmühte, um Lohn zu empfangen. Denn der einzige Grund, weshalb wir uns mühen und auf vieles verzichten, ist, dass wir auf den Lohn blicken. Nur der Lohn zwingt uns, schwere Arbeiten zu verrichten, ohne auf die Art der Arbeit oder auf die Arbeitszeit zu achten – allein der Lohn bestimmt alles.

Nun ist zu verstehen, was wir meinen, wenn wir von einer Arbeit an der Absicht sprechen, also einer Arbeit am Lohn. Wie lässt sich das überhaupt „Arbeit“ nennen? Die Sache ist diese: Wenn der Mensch sich mit Tora und Mizwot befasst und sich als seinen Lohn wünscht, dass der Schöpfer ihm den Gedanken und das Verlangen gibt, nicht um einer Belohnung willen zu arbeiten, so stimmt der Körper einem solchen Lohn nicht zu. Denn in der Welt ist es üblich, für Arbeit eine Gegenleistung zu empfangen. Die Arbeit besteht ja im Verzicht auf Bedürfnisse, die ihm Genuss bereiten; und zum Ausgleich empfängt er größere Genüsse, als er aufgibt. Er verzichtet etwa auf Ruhe, mitunter auch auf Schlaf und dergleichen, und empfängt dafür größere und notwendigere Genüsse.

Anders ist es, wenn er auf Genüsse verzichtet, dies aber unter Zwang geschieht – das heißt, der Körper stimmt nicht zu und verlangt eine Gegenleistung dafür, dass er sich überhaupt bereitfände, auf alle Arten von Genüssen zu verzichten. Dann besteht die Arbeit aus Handlungen des Gebens, und auch der Lohn ist die Absicht, allein zu geben, ohne jede Gegenleistung des Empfangens. Für diese Absicht, also für diesen Lohn, muss der Mensch eine große Arbeit verrichten.

Sie ist schwerer als die Arbeit an der Handlung – obwohl er für die Absicht am Lohn keine anderen Handlungen und keine andere Zeit aufzuwenden braucht. Dieselbe Handlung, die er ausführt, und dieselbe Zeit, die er ihr widmet, genügen ihm; er bedarf keiner weiteren Handlungen, sondern allein des Gedankens und der Absicht. Und worin besteht die Absicht? Dass sein Denken und Verlangen der Handlung gleichen.

Das heißt: So wie er die Handlung tut, weil der Schöpfer geboten hat, sie zu tun, so soll die Absicht allein darin bestehen, dass er das Gebot des Schöpfers „einzig für den Schöpfer allein“ erfüllen will, ohne jede zurückfließende Gegenleistung. Vom Menschen wird nichts weiter verlangt, als beim Vollziehen einer Handlung, mit der er gerade den Willen des Schöpfers erfüllt, in eben diesem Augenblick die Absicht zu fassen – nicht weil er auf den Lohn blickt. Und das verpflichtet ihn, Tag und Nacht zu arbeiten. Wenn er erfüllt, was geschrieben steht: „du sollst darüber sinnen Tag und Nacht“, so blickt er dabei nicht auf den Lohn, der ihn zur Arbeit bei Tag und Nacht zwänge; vielmehr ist sein Verlangen, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, der Grund, der ihm Kraft zur Arbeit gibt.

Das gleicht dem genannten Gleichnis: Die Arbeiter erklärten sich bereit, beim Geschäftsherrn Überstunden zu leisten, auch nachts, verlangten dafür aber den doppelten Lohn gegenüber dem, was sie für gewöhnliche Arbeit empfangen. Wir sehen, welch großer Abstand zwischen einer Arbeit, die um der Belohnung willen geschieht, und einer Arbeit liegt, die nicht um der Belohnung willen geschieht. Niemand würde sagen, die Arbeiter sind dem Geschäftsherrn treu und deshalb bereit, Tag und Nacht für ihn zu arbeiten. Im Gegenteil, man sagt von ihnen: Weil der Geschäftsherr ihre Arbeit braucht, nutzen sie ihn aus und wollen, dass er ihnen das Doppelte zahlt.

Ebenso verhält es sich mit der Arbeit. Auch lo liShma ist Arbeit, und an den Handlungen ist nichts hinzuzufügen; hier aber geht es um die Absicht. Das heißt: Was beabsichtigen sie mit ihrer Arbeit – ist es zum eigenen Nutzen oder zum Nutzen des Schöpfers?

Und es ist eine große, schwere Arbeit, den Körper dazu zu bringen, dass er zum Nutzen des Schöpfers arbeitet. Das heißt, zum Körper zu sagen: Worauf hoffe ich, welchen Lohn will ich vom Schöpfer dafür empfangen, dass ich dich so hart arbeiten lasse? Dass der Schöpfer mir den Lohn gibt, dass du mich nicht stören kannst, wenn ich alles um des Gebens willen tun will.

Selbstverständlich schreit der Körper aus Leibeskräften und tut alles, was in seiner Macht steht, um seine Herrschaft nicht zu verlieren. Darum erlaubt er nicht einmal einfache Handlungen, weil er fürchtet, der Mensch könnte durch die Kraft der Handlung zur Stufe liShma gelangen, die ganz und gar dem Himmel gewidmet ist und an der er keinen Anteil hat, durch den er etwas für die Eigenliebe empfangen könnte.

Deshalb sehen wir: Menschen, die Tora und Mizwot um des Gebens willen erfüllen wollen, kostet jede Kleinigkeit große Mühe. Denn der Körper fürchtet bei jeder Handlung, der Mensch könnte liShma erreichen, sodass die ganze Herrschaft des Verlangens zu empfangen über ihn annulliert würde. Das nennt man „auch eine Arbeit am Lohn“: Er hat daran zu arbeiten, welchen Lohn er als Gegenleistung für seine Arbeit in Tora und Mizwot wählt – einen Lohn, der zur Eigenliebe gehört, oder einen Lohn, der „einzig dem Schöpfer allein“ gilt. Er will der Eigenliebe keinen Anteil an seiner Arbeit geben und wartet beständig: Wann werde ich es verdienen, einzig und allein das Verlangen zu haben, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten?

Nun können wir verstehen, was wir gefragt haben: Wie kann der nahe Weg nicht gut sein, wo doch geschrieben steht: „Und der Schöpfer führte sie nicht, denn er war nah“? Wir verstehen es aus dem, was das Kind zu Rabbi Jehoschua ben Chananja sagte: Es gibt einen Weg, der weit und kurz ist, und einen, der kurz und lang ist – also nah, aber zugleich weit. Das heißt: Obwohl er nah ist, ist er doch fern vom Ziel.

Bekanntlich sagt Maimonides, dass liShma nicht offenbart werden soll. So lauten seine Worte (Regeln der Umkehr, Kapitel 10): „Und die Weisen sagten: Immer befasse sich der Mensch mit der Tora, selbst lo liShma, denn aus dem lo liShma kommt er zum liShma. Wenn man daher die Kleinen, die Frauen und das einfache Volk unterrichtet, lehrt man sie nur, aus Furcht und um des Lohnes willen zu dienen. Erst wenn ihr Verstand zunimmt und sie größere Weisheit erlangen, offenbart man ihnen dieses Geheimnis nach und nach und gewöhnt sie behutsam daran, bis sie es erlangen, erkennen und Ihm aus Liebe dienen.“

Aus den Worten des Maimonides geht hervor, dass es einen nahen Weg gibt – nämlich einen, der dem Herzen des Menschen nah ist, also „um Lohn zu empfangen“. Er heißt demnach „nah“, weil er dem Herzen des Menschen nah ist. Es gibt noch eine weitere Auslegung von „naher Weg“: Der Mensch sieht jedes Mal, dass er sich dem Ziel nähert – wobei das Ziel für ihn „Lohn“ heißt –, und er hofft, sobald er eine bestimmte Menge an Tora und Mizwot angesammelt hat, sofort den Lohn für seine Arbeit zu empfangen, denn bekanntlich wird der Lohn erst am Ende ausgezahlt (Bawa Mezia 65).

Darum glaubt er, dass er, wenn er seine Arbeit in dieser Welt vollendet, seinen Lohn in der kommenden Welt empfangen wird – abgesehen von jenen Mizwot, deren Lohn auch in dieser Welt liegt, wie geschrieben steht: „Dies sind die Dinge, von deren Früchten der Mensch in dieser Welt genießt, während ihm das Kapital für die kommende Welt erhalten bleibt.“

Demnach fühlt er Tag für Tag, dass er etwas in der Hand hält – den Lohn eines Arbeitstages –, und jeder Tag fügt sich zu einem Jahr und ein Jahr zum nächsten. Beginnt ein Mensch zum Beispiel mit dreizehn Jahren, die Mizwot zu erfüllen – da treten sie für ihn in Kraft –, so freut er sich mit zwanzig Jahren: Gelobt sei der Schöpfer, sieben Jahre Arbeit stehen ihm bereits zu Buche. Mit dreißig Jahren ist seine Freude gewiss noch größer, denn nun sind in seinem Heft schon siebzehn Jahre Arbeit verzeichnet. So kann er sich jedes Mal, wenn er arbeitet, freuen, denn sein Lohn wächst von Tag zu Tag. Diese Arbeit nennt man „seinem Herzen nah“, weil er sich seines stetig wachsenden Lohns sicher ist. Darum heißt sie „naher Weg“, weil dieser Weg dem Herzen zusagt.

Denn wenn der Mensch auf dem Weg, den er geht, Fortschritt sieht, dann sagt dieser Weg dem Herzen zu, weil er etwas hat, worauf er blicken kann: Im Hinblick auf die Handlung, die er vollbringt, sieht er, dass er jeden Tag ein bestimmtes Maß an Arbeitsstunden in Tora und Mizwot leistet, und alles wird in seinem Heft verzeichnet, wie es heißt (Awot [Sprüche der Väter], Kapitel 3): „Er pflegte zu sagen: Alles ist auf Pfand gegeben, und ein Netz ist über alle Lebenden gespannt. Der Laden ist offen, der Händler gewährt Kredit, das Heft liegt offen, und die Hand schreibt.“ Darum ist er sicher, ein großes Vermögen an Lohn zu besitzen, das sich ihm aus der Arbeit Tag für Tag und Jahr für Jahr angesammelt hat; und deshalb heißt dieser Weg „naher Weg“. Aus demselben Grund heißt er auch „kurzer Weg“: Der Mensch braucht nicht viel Zeit, um zu verstehen, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen, denn dieser Weg ist seinem Herzen nah – darum ist es ein kurzer Weg.

Zugleich aber ist es ein langer Weg. Zur Wahrheit zu gelangen – dass Tora und Mizwot ihn dahin bringen, dass seine ganze Absicht auf das Geben gerichtet ist –, davon ist er sehr weit entfernt, denn dieser Weg ist das Gegenteil des Weges der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer, der ganz und gar Geben ist. Hier aber beginnt er einen Weg zu gehen, auf dem seine ganze Absicht nur darauf zielt, Lohn zu empfangen. Das Ziel jedoch, das der Mensch durch seine Mühe in Tora und Mizwot erreichen soll, ist, ihn zum Geben zu führen, wie die Weisen sagten: „Ich habe den bösen Trieb (Jezer haRa) erschaffen, und Ich habe die Tora als Gewürz dagegen erschaffen.“ Er soll sehen, dass durch Tora und Mizwot das Böse in ihm korrigiert wird, das „Empfangen, um zu empfangen“ heißt, sodass es ihm möglich wird, alles zum Wohl des Schöpfers zu tun und nicht zum eigenen Nutzen – wie die Weisen über den Vers „Ein Mensch, der im Zelt stirbt“ sagten, dass die Tora nur in dem Bestand hat, der sich für sie tötet, und nicht zum eigenen Nutzen arbeitet.

Diese wird „nah und fern“ genannt: dem Herzen nah aus den beiden genannten Gründen, aber fern von der Wahrheit – wie Maimonides sagt (Regeln der Umkehr, Kapitel 10): „Wer aus Liebe dient, sich mit Tora und Mizwot befasst und auf den Pfaden der Weisheit wandelt – nicht um irgendeiner Sache in der Welt willen, nicht aus Furcht vor dem Bösen und nicht, um das Gute zu erben, sondern weil er die Wahrheit tut, da sie Wahrheit ist.“

Nach den Worten des Maimonides ist der genannte nahe Weg also fern von der Wahrheit. Demnach lässt sich auslegen: „Und der Schöpfer führte sie nicht den Weg durch das Land der Philister, denn er war nah, damit das Volk nicht bereue, wenn es Krieg sieht, und nach Ägypten zurückkehre.“ Die Worte „wenn es Krieg sieht“ sind so zu deuten: Wenn man sich lo liShma befasst, so ist dies der Weg, auf dem ein Leuchten erstrahlt, das einen zum liShma führen soll. Da aber der Anfang der Arbeit lo liShma ist, werden sie keinen Krieg gegen den Trieb führen wollen, weil sie fürchten, von ihrer Stufe zu fallen, auf der sie sich mit Tora und Mizwot befassen.

Und das ist ein weiter Weg. Der Schöpfer aber wollte sofort mit ihnen bis zum Berg Sinai gehen und ihnen die Tora geben. Darum sagte Er ihnen sofort, sie müssten den weiten Weg gehen: Obwohl diese Arbeit dem Herzen fern ist, wie gesagt, ist sie doch der Wahrheit nah, sodass sie dadurch fähig werden, die Tora am Berg Sinai zu empfangen.

Daraus ergibt sich, dass wir „langer und kurzer Weg“ als „weit und nah“ auslegen können. Die Bedeutung wäre dann „fern vom Herzen“: Man braucht dafür lange Zeit, um es dem Herzen begreiflich zu machen, bis es einsehen kann, dass es sich lohnt, auf das wahre Ziel hinzuarbeiten – Tora und Mizwot in Wahrheit zu erfüllen, weil der Schöpfer uns geboten hat, Tora und Mizwot zu halten, und wir dies erfüllen wollen, damit Er Freude daran hat, dass wir Seinen Willen tun.

Der Beweggrund und die Ursache, Seine Gebote zu erfüllen, ist somit der Schöpfer und nicht der Mensch. Das heißt: Die Wichtigkeit des Schöpfers bewegt ihn dazu, das Verlangen und die Sehnsucht zu haben, Ihm zu dienen und Ihm Wohlgefallen zu bereiten. Diese wird „weiter Weg“ genannt, weil sie dem Herzen fern, aber der Wahrheit nah ist. Denn indem ihm die Wahrheit offenbart wird, ist er näher daran, die Wahrheit zu erreichen.

Anders verhält es sich mit „nah und fern“, also „kurz und lang“. Die Bedeutung wäre „dem Herzen nah“: Da der Körper nach Genüssen verlangt und man ihm verspricht, durch die Mühe in Tora und Mizwot Lohn zu empfangen, ist der Körper die Ursache, Tora und Mizwot zu erfüllen. Könnte er nämlich anderswo größeren Genuss empfangen, warum sollte er dort arbeiten, wo man kleinen Lohn empfängt? Darum heißt dies „nah und kurz“: Man braucht nicht viel Zeit, um es dem Körper begreiflich zu machen, dass er das Joch von Tora und Mizwot auf sich nimmt.

Das ist es, was Baal HaSulam im Sulam (Leiterkommentar) sagt (Einführung in das Buch Sohar, S. 185, Punkt 191), und so lauten seine Worte: „1) Wer den Schöpfer fürchtet und Seine Mizwot hält, damit seine Kinder am Leben bleiben und er vor Strafe an seinem Leib oder seinem Besitz bewahrt wird – das ist die Furcht vor den Strafen in dieser Welt. 2) Wer auch die Strafen der Hölle fürchtet. Diese beiden sind keine wahre Furcht, denn er übt diese Furcht nicht wegen des Gebots des Schöpfers aus, sondern um des eigenen Nutzens willen. Daraus folgt, dass der eigene Nutzen die Wurzel ist und die Furcht ein Zweig, der aus dem eigenen Nutzen hervorgeht. Dies also wird ‚lang und kurz, weit und nah‘ genannt“ – und deshalb steht im Abschnitt Beshalach geschrieben: „Und der Schöpfer führte sie nicht den Weg durch das Land der Philister, denn er war nah.“

Im Abschnitt Beha’alotcha aber steht über das zweite Pessach: „oder wer auf einem weiten Weg war, wird auf das zweite Pessach verschoben.“ Und wir fragten: Daraus geht hervor, dass der weite Weg kein guter Weg ist, weshalb er auf das zweite Pessach verschoben wird. Auf die genannte Weise lässt sich dies auslegen: Wenn der Mensch den nahen Weg geht, der seinem Herzen nah ist, dann fühlt er sich der Heiligkeit (Kedusha) näher als andere, die den weiten Weg gehen – denn Tag für Tag empfindet er, dass die Tora und Mizwot, die er tut, sich von Tag zu Tag mehren.

Somit hat er nichts an sich zu korrigieren, um der Heiligkeit nah zu sein. Er sieht es ja mit eigenen Augen und braucht nicht über dem Verstand zu glauben, dass er die heiligen Stufen emporsteigt; schließlich erfüllt er Tora und Mizwot in all ihren Einzelheiten und Feinheiten, und so mehrt sich seine Heiligkeit von Tag zu Tag, wie gesagt. Er hält sich für einen vollkommenen Gerechten und fragt sich, wie er das erfüllen soll, was die Weisen sagten: „Sei überaus demütig.“

So hat dieser Mensch aus dem Zustand, in dem er sich hinsichtlich der Handlung befindet, keine Aussicht, jemals dem Schöpfer ein Opfer darbringen zu können – das heißt, sich Ihm durch die Angleichung der Form zu nähern –, weil er nicht empfindet, dass er im eigenen Nutzen versunken ist, wie gesagt.

Wenn er sich aber als fern vom Schöpfer empfindet – wenn er also sieht, dass er noch im eigenen Nutzen versunken ist, und zum Schöpfer schreit, Er möge ihn aus dem eigenen Nutzen herausführen und in den Nutzen des Schöpfers hineinbringen –, dann gibt es für ihn Abhilfe: Er wird auf das zweite Pessach verschoben und bringt danach ein Opfer dar, das heißt, dann nähert er sich dem Schöpfer.

Daraus folgt, dass in der Arbeit für den Schöpfer zwei Arten zu unterscheiden sind:

Die eine Art: jene Menschen, die noch zum lo liShma gehören.

Die zweite Art: jene, die bereits zum liShma gehören.

Es sind zwei Arten, von denen die eine die andere nicht verstehen kann. Und das wird „lang und kurz, weit und nah“ genannt.

korrOp, EY, 03.08.2026, 01:50 Uhr, Ver4