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1987/02 Die Wichtigkeit der Erkenntnis des Bösen

Im Sohar, Bereshit (Teil 2, im Sulam-Kommentar Abschnitte 218–219), steht geschrieben, und dies sind seine Worte: „‚Das Wasser unter dem Himmel sammle sich an einem Ort, und das trockene Land werde sichtbar.‘ ‚Das Wasser sammle sich‘ – das ist die Tora, die ‚Wasser‘ genannt wird. ‚An einem Ort‘ – das ist Israel. Und so heißt es: ‚Das Wasser sammle sich an einem Ort‘, wobei ‚Wasser‘ Tora bedeutet und ‚ein Ort‘ Israel, die Empfänger der Tora, wie erwähnt. Im Gegensatz dazu die Völker der Welt, die die Tora nicht empfangen wollten – darum blieb das Land wüst und trocken. Die Tora ist die Besiedlung der Welt, und durch sie besteht sie. Und die Völker der Welt, die sie nicht empfingen, blieben wüst und trocken.“ So weit seine Worte.

Die Worte des Heiligen Sohar sind zu verstehen: Er legt sie auf der Ebene der Allgemeinheit aus, also auf Israel und die Völker der Welt. Doch wie sind sie auf den Einzelnen zu deuten – auf die Eigenschaft von Israel und den Völkern der Welt innerhalb eines einzigen Körpers? Denn bekanntlich sagt der Sohar, dass „jeder Mensch eine kleine Welt für sich“ sei und alle siebzig Völker sowie Israel in sich einschließe.

In den Pirkei Awot (Sprüche der Väter, Kap. 4, Mischna 21) sagt Rabbi Jaakow: „Diese Welt gleicht einem Vorraum zur kommenden Welt. Bereite dich im Vorraum vor, damit du in den Festsaal eintreten kannst.“ Klar ist, dass man nichts korrigieren kann, wo man keinen Schaden findet. Und wenn man Menschen in der Arbeit für den Schöpfer anleitet, erzieht man sie auf dem Weg der Vollkommenheit. Denn die Allgemeinheit besteht aus vielen Einzelnen, und jeder unterscheidet sich vom anderen – wie die Weisen sagten (Bamidbar Rabba 21; Sanhedrin 38): „Wie ihre Gesichter einander nicht gleichen, so gleichen auch ihre Ansichten einander nicht.“

Darum muss man die Allgemeinheit so anleiten, dass die Erziehung für jede Seele gleichermaßen passt – das heißt, dass jeder Einzelne einen Halt in Tora und Mizwot hat. So sagten es die Weisen (Menachot 99): „Rabbi Ami sagte: Aus den Worten des Rabbi Jossi lernen wir: Selbst wenn jemand nur ein Kapitel am Morgen und ein Kapitel am Abend lernt, hat er das Gebot erfüllt: ‚Dieses Buch der Tora soll nicht von deinem Munde weichen.‘ Rabbi Jochanan sagte im Namen des Rabbi Schimon ben Jochai: Selbst wenn jemand nur morgens und abends das Shma Israel liest, hat er erfüllt: ‚Es soll nicht weichen.‘ Und dies darf man vor den Unwissenden nicht sagen. Rava aber sagte: Es ist ein Gebot, es vor den Unwissenden zu sagen.“

Daran sehen wir, dass es für die Allgemeinheit viele Maße gibt, die Tora zu erfüllen. Und das ist von vornherein so gewollt, weil kein Mensch dem anderen gleicht. Deshalb darf man niemanden zwingen, „Dieses Buch der Tora soll nicht von deinem Munde weichen“ zu erfüllen, sondern jeder [erfüllt sie] nach seinem Vermögen. Und da die ganze Allgemeinheit als ein einziger Körper gilt, verbindet sich im Allgemeinen jeder mit ihr. So enthält die Allgemeinheit als Ganzes viel Tora – im Gesamten wird viel Tora gelernt. Damit erfüllt der Einzelne schon durch das morgendliche und abendliche Shma seine Pflicht nach der Ansicht des Rabbi Schimon bar Jochai: „Und du sollst darüber sinnen Tag und Nacht.“

Und dies ist etwas Neues. Über Rabbi Schimon bar Jochai sagten sie nämlich (Berachot 35): „Viele haben gehandelt wie Rabbi Jischmael und hatten Erfolg, und viele haben gehandelt wie Rabbi Schimon bar Jochai und hatten keinen Erfolg. Denn Rabbi Jischmael sagt: Da geschrieben steht ‚und du sollst dein Korn einsammeln‘ – was lehrt uns das? Weil gesagt ist ‚Dieses Buch der Tora soll nicht von deinem Munde weichen‘, könnte man die Worte wörtlich nehmen; darum lehrt die Schrift: ‚und du sollst dein Korn einsammeln‘ – verbinde [das Lernen] mit dem Brauch des weltlichen Lebenswandels. So die Worte des Rabbi Jischmael. Rabbi Schimon bar Jochai aber sagt: Wenn der Mensch zur Zeit des Pflügens pflügt, zur Zeit der Aussaat sät, zur Zeit der Ernte erntet, zur Zeit des Dreschens drischt und zur Zeit des Windes worfelt – was soll dann aus der Tora werden?“

Dies ist zu verstehen: Rabbi Jochanan sagt im Namen des Rabbi Schimon bar Jochai (Traktat Makkot 99): „Selbst wenn jemand nur morgens und abends das Shma liest, hat er erfüllt: ‚Dieses Buch der Tora soll nicht von deinem Munde weichen.‘“ Man muss es jedoch so erklären: Zur Allgemeinheit sagt Rabbi Schimon bar Jochai, sie könne den Vers „es soll nicht weichen“ schon mit dem morgendlichen und abendlichen Lesen erfüllen. Zum Einzelnen aber sagt er: Wenn der Mensch zur Zeit des Pflügens pflügt – was soll dann aus der Tora werden?

Darum muss man immer zwischen der Allgemeinheit und dem Einzelnen unterscheiden. Und man kann es so deuten: Die Allgemeinheit wird „Sichtweise der Hausherren“ genannt, der Einzelne aber – also die Menschen, die zur Ebene des Einzelnen gehören – wird so bezeichnet, dass er „Sichtweise der Tora“ hat.

Die „Sichtweise der Hausherren“ bedeutet Folgendes: Es ist Brauch der Welt, dass man von einem, der ein Haus kauft, sagt, dieses Haus gehöre dem und dem – das heißt, es gehört keinem anderen, sondern genau ihm. Und kauft er auch nur einen kleinen Gegenstand, gilt dasselbe: Fragt einer den anderen, wem dieser Gegenstand gehört, so gehört er dem und dem, der ihn durch die Mühe erworben hat, die er dafür aufgewandt hat, damit der Gegenstand ihm gehöre. Und sein Name haftet fortan an dem Gegenstand.

Ebenso ist es in der Arbeit für den Schöpfer: Der Mensch wendet Mühe auf und will Lohn für seine Mühe. So trägt der Lohn, den er empfangen will, seinen Namen. Er will den Lohn dieser Welt und den Lohn der kommenden Welt erwerben, und alles gelangt in seine Herrschaft, sodass er der Besitzer all dieser Dinge ist, die er durch seine Mühe erwirbt.

Solche Menschen nennt man „Sichtweise der Hausherren“, denn ihr Verständnis ist, nichts zu tun außer zum eigenen Nutzen – nämlich Dinge zu besitzen, die sich durch Mühe erlangen lassen. Sehen sie nicht, dass sie etwas zu ihrem eigenen Nutzen erlangen können, so haben sie keine Kraft, zu arbeiten und sich zu mühen; nur wenn sie sehen, dass hier etwas für die eigene Herrschaft zu gewinnen ist – was „Eigenliebe“ heißt. Das nennt man die Allgemeinheit der Hausherren.

Der Einzelne dagegen wird „Sichtweise der Tora“ genannt. Das heißt: All jene Menschen, die zur Ebene des Einzelnen gehören, haben die Sichtweise der Tora. Denn der Einzelne will seine eigene Sonderexistenz annullieren, sodass er keine Existenz für sich selbst hat, weil er sich keinen Namen machen will. Er will über nichts Besitzer sein, weil er aus der Eigenliebe heraustreten und sich für sein eigenes Selbst um nichts sorgen will, sondern allein vor dem Schöpfer aufgehen will. Das ist sein ganzes Streben: die eigene Herrschaft zu annullieren. Er will, dass es nur die alleinige Herrschaft gebe – die Herrschaft des Schöpfers. Er will also nicht zwei Herrschaften, sondern einzig die alleinige Herrschaft.

Und wenn sie das Shma lesen, richten sie beim Sprechen von „Höre, Israel, der Schöpfer ist unser Gott, der Schöpfer ist einzig“ ihre Absicht darauf, dass es nur eine einzige Herrschaft in der Welt gebe; ihre private Herrschaft aber soll vergehen, und es bleibe einzig der Schöpfer, der Eine. Das nennt man „Sichtweise der Tora“, denn die Weisen sagten (Berachot 63): „Die Worte der Tora bestehen nur bei dem, der sich für sie tötet“ – das heißt, der sein Eigenselbst tötet, womit die Eigenliebe gemeint ist.

Daraus geht hervor, dass der Einzelne und die Sichtweise der Tora ein und dasselbe sind. Sein Anliegen ist es, zur Anhaftung (Dwekut) zu gelangen – das heißt zur Gleichheit der Form und zur Annullierung der Eigenliebe –, und sein ganzes Streben gilt allein dem Aufgehen in Ihm, dem Gepriesenen. Solange der Mensch jedoch spürt, dass er noch in Eigenliebe versunken ist, kann er sich, auch wenn er Tora und Mizwot bis ins kleinste Detail hält, nicht als vollkommen in seiner Arbeit ansehen und sie nicht als vollständige Arbeit bezeichnen. Denn er sieht: Bei allem, was er tut, will er noch immer, dass alles in seine eigene Herrschaft eingehe – das, was „Sichtweise der Hausherren“ heißt. Und zunächst kümmert es ihn nicht, dass er zwei Herrschaften hat. Doch er nimmt es sich zu Herzen, dass er zwei Herrschaften hat.

Dann ist er fähig, aus tiefstem Herzen ein wahres Gebet zu sprechen – dass der Schöpfer ihn aus seiner eigenen Herrschaft herausführe und in die Herrschaft des Schöpfers aufnehme. Das heißt, dass er spürt, es gebe in der Welt nur die alleinige Herrschaft, und alles sei vor Ihm, dem Gepriesenen, annulliert. Darum gibt es eine eigene Erziehung für die Allgemeinheit und eine eigene Erziehung für den Einzelnen.

Doch ist zu verstehen, warum man die Allgemeinheit auf dem Weg der Vollkommenheit erzieht – sodass in allem, was sie tun, Vollkommenheit liegt. Denn sogar Rabbi Schimon bar Jochai, der strenger ist als Rabbi Jischmael und fragt: „Wie kann der Mensch zur Zeit des Pflügens pflügen – was soll dann aus der Tora werden?“, sagt dennoch: „Selbst wenn jemand nur morgens und abends das Shma liest, hat er erfüllt: ‚Dieses Buch der Tora soll nicht von deinem Munde weichen‘“ – als hätte er den Vers „Und du sollst darüber sinnen Tag und Nacht“ erfüllt.

Doch da die Allgemeinheit einen Halt in Tora und Mizwot haben muss und wir ein Naturgesetz sehen, dass niemand etwas tun kann, wenn er keinen Fortschritt in seinem Tun sieht – und da die Allgemeinheit die „Sichtweise der Hausherren“ hat: Würde man ihnen sagen, es gebe eine „Sichtweise der Tora“, so verstünden sie nicht einmal, wovon man zu ihnen spricht.

Es gleicht jemandem, der nur Hebräisch spricht: Spricht man ihn auf Englisch an, versteht er gewiss kein einziges Wort. Ebenso verstehen die mit der „Sichtweise der Hausherren“, die nur die Sprache der Eigenliebe kennen, gewiss keine andere Sprache – die Sprache des Gebens.

Damit sie also einen Halt in Tora und Mizwot haben – was zum Wohl der Allgemeinheit nötig ist, da die Vollkommenheit der Allgemeinheit in ihrer Vielzahl liegt –: Würde man ihnen sagen, ihre Arbeit sei nicht vollkommen, so hörten sie gewiss auf, Tora und Mizwot zu halten. Und es ist keine Lüge, dass man ihnen nicht die Wahrheit sagt. Denn jeder Halt in Tora und Mizwot ist eine sehr große Sache: Jede noch so kleine Münze fügt sich zu einer großen Summe, denn die Israeliten bürgen füreinander. So fügt sich jede Arbeit, die einer leistet, zur Arbeit jedes Einzelnen aus der Allgemeinheit hinzu.

So sagte es mein Vater und Lehrer: Es gibt zwei Arten von Starken – einen Starken an Menge und einen Starken an Qualität. Der Starke an Qualität ist der Löwe, und die Starken an Menge sind die Heuschrecken; beide haben eine Kraft, die schwer zu überwinden ist. Darum brauchen wir bei der Allgemeinheit jene, die an Menge stark sind. Und deshalb sagt man: Wenn man betet, ist es selbst dann eine große Sache, wenn man die Bedeutung der Worte nicht kennt; denn in den heiligen Worten liegt eine große Wunderkraft (Segula), die dem Menschen als umgebendes Licht leuchtet, auch wenn er sie innerlich nicht spürt.

Anders verhält es sich bei jemandem, der die Worte, die er spricht, vor Augen hat, ihre Bedeutung ein wenig kennt und sieht, dass sein Körper dem nicht zustimmt, was er sagt. Zu ihm sagt man: „Das hat mit dir nichts zu tun. Achte nicht auf die fremden Gedanken, die dir der Körper eingibt – darauf, dass du dem nicht zustimmst, was der Körper vorbringt. Die Ehre kommt am Ende. Sprich nur die Worte, die unsere Weisen geordnet haben – denn wir sollen die ganze Ordnung der Gebete und Bitten sprechen –, und du brauchst auf all das nicht zu achten. Du musst dich nicht daran kehren, dass der Körper einwendet, du sprächest Lügen – dass alles, was aus deinem Mund kommt, Lüge sei; nämlich dass du um etwas bittest, ohne dich in Wahrheit selbst um die Bitte zu kümmern, die du vorbringst.“

Zum Beispiel sprichst du: „Bringe uns zurück, unser Vater, zu Deiner Tora“, denkst dabei aber gar nicht an das, worum du bittest, weil dein Mangel – das, was dir nach deinem Gefühl fehlt – Ehre, Geld und dergleichen ist. Insofern bringt der Körper wahre Einwände vor. Dann sagt man ihm: Du sollst nicht darauf achten, was der Körper vorbringt. Denn mit seinem Einwand will er nicht, dass du wahrhaft um Teshuwa (Umkehr) bittest, sondern er will dich zu Fall bringen, damit du nicht betest; darum tritt er an dich heran und bringt das Argument eines Gerechten vor. Doch das sind fremde Gedanken, auf die man überhaupt nicht achten soll.

Der Grund, warum man ihn erzieht, in der Weise zu gehen, dass alles, was er tut, vollkommen sei, ist der genannte: Niemand kann an etwas arbeiten, wo er keinen Fortschritt sieht. Es gleicht den Gepflogenheiten in materiellen Dingen. Beginnt etwa jemand das Tischlerhandwerk zu erlernen und sieht, dass er darin nicht vorankommt, so sagt man ihm: „Die Tischlerei ist nichts für dich; erlerne einen anderen Beruf.“ Und kommt er auch im zweiten Beruf nicht voran, sagt man ihm: „Damit kannst du nicht fortfahren, weil du in diesen Lehren keinen Fortschritt machst.“ Er taugt also nicht zum Facharbeiter, sondern kann nur ein einfacher Arbeiter sein.

Ebenso will man hier in der Arbeit für den Schöpfer, dass er die Arbeit fortsetzt; und weil in der Spiritualität alles Tun – von der Allgemeinheit her gesehen – im Bereich der Vollkommenheit liegt, darf man keinen Makel in seiner Arbeit nennen. Vielmehr sagt man ihm: „Alles, was du tust, ist Vollkommenheit, denn jede noch so kleine Münze fügt sich zu einer großen Summe, und keine Handlung in der Spiritualität geht verloren; vielmehr werden zur Zeit des Endes der Korrektur (Gmar Tikun) alle Handlungen korrigiert.“

So sagt man ihm keine Lüge; vielmehr genügt für ihn diese Arbeit, weil er nicht auf der Ebene des Einzelnen arbeiten kann. Dort nämlich lehrt man den Menschen, den Weg der Selbstprüfung zu gehen – ob er wirklich erfüllen kann, worum er bittet; ob also sein Mund und sein Herz übereinstimmen in dem, worum er den Schöpfer bittet, oder ob er sieht, dass der Körper dem nicht zustimmt, worum er bittet. Und er muss immer seinen wahren Zustand erkennen.

Den Grund, warum man zwei Arten der Anleitung anwendet, finden wir bei den Weisen (Ketubot 17), im Streit zwischen der Schule Schammais und der Schule Hillels über die Frage: „Wie tanzt man vor der Braut?“ Die Schule Schammais sagt: „Die Braut, so wie sie ist“ – das heißt, die Wahrheit zu sagen, in welcher Gestalt sie auch sei. Die Schule Hillels aber sagt: „Eine schöne und anmutige Braut.“ Da sagte die Schule Schammais zur Schule Hillels: „Und wenn sie lahm oder blind wäre – sagt man auch dann ‚eine schöne und anmutige Braut‘?“ (Und Rashi erklärt „anmutig“: ein Faden der Anmut ist über sie gezogen.) Die Tora aber hat gesagt: „Von falscher Rede halte dich fern.“ Da sagte die Schule Hillels zur Schule Schammais: „Nach euren Worten: Wer auf dem Markt einen schlechten Kauf getätigt hat – soll man ihn in seinen Augen loben oder in seinen Augen tadeln? Wohl: man lobe ihn in seinen Augen.“ Von hier sagten die Weisen: „Stets sei der Sinn des Menschen den Geschöpfen zugewandt.“ Und Rashi erklärt: Der Sinn des Menschen sei den Geschöpfen zugewandt – jedem Einzelnen nach seinem Wunsch zu tun.

Dies bedarf der Erklärung. Nehmen wir einen Menschen, der sich etwa mit Häusern oder Diamanten nicht gut auskennt und einen Fachmann auf diesem Gebiet mitnimmt. Der Käufer will nun eine Wohnung erwerben, die ihm gefällt, oder einen Diamanten, der ihm gefällt. Der Fachmann aber, den er mitgenommen hat, sieht, dass sie nicht gut sind. Sollte es da erlaubt sein, ihm die Wahrheit nicht zu sagen – dass es ein schlechter Kauf ist? Wie könnte man so etwas behaupten? Nach Rashis Auslegung jedoch – „Stets sei der Sinn des Menschen den Geschöpfen zugewandt“, jedem Einzelnen nach seinem Wunsch zu tun – müsste man ihm, wenn er einen schlechten Kauf will, sagen: „Richtig, das ist ein guter Kauf.“

Vielmehr ist zu sagen, dass es einen Unterschied gibt: Solange ein Mensch den schlechten Kauf noch nicht getätigt hat und es in seiner Hand liegt, ihn zu korrigieren – nämlich den schlechten Kauf gar nicht abzuschließen –, muss man ihm gewiss die Wahrheit sagen. Hat er den schlechten Kauf aber bereits getätigt und kann ihn nicht mehr korrigieren, dann darf man ihm die Wahrheit nicht sagen. Denn was gewänne er davon, die Wahrheit zu kennen? Er hätte nur grundloses Leid.

Dann passt, was Rashi erklärt: „jedem Einzelnen nach seinem Wunsch zu tun.“ Das bedeutet: Der Wunsch eines jeden Menschen ist es, Genuss zu haben. Würde man ihm daher die Wahrheit sagen und er litte darunter, so darf man sie ihm nicht sagen, denn das ist nicht sein Wunsch. Denn der Wunsch des Menschen ist es, das Leben zu genießen, war dies doch das Ziel der Schöpfung (Mattarat haBeria). Sagte man ihm darum die Wahrheit, so litte er. Hat er hingegen noch nicht gekauft, so wird er zufrieden sein, wenn man ihm die Wahrheit sagt; denn da er nun die Wahrheit kennt, wird er nicht den schlechten Kauf tätigen, sondern einen guten, wie der Fachmann ihm rät, und den nötigen Preis für die gute Ware zahlen.

Dasselbe gilt hier in der Arbeit für den Schöpfer. Den Menschen, die zur Allgemeinheit gehören und keine andere Sprache als die der Eigenliebe verstehen wollen oder können, darf man nicht sagen, dass es ein schlechter Kauf sei – wenn man ihnen also sagte, ihre Arbeit sei nicht vollkommen, was dem gleicht, was die Weisen über „den, der einen schlechten Kauf tätigt“ sagten, also einen, der ihn nicht korrigieren kann. Vielmehr „lobe man ihn in seinen Augen“, nach dem, was Rashi zu den Worten der Weisen erklärt: „Von hier: Stets sei der Sinn des Menschen den Geschöpfen zugewandt“, nämlich jedem Einzelnen nach seinem Wunsch zu tun. Das bedeutet: Ist der Wunsch des Menschen nur in der Eigenliebe, so muss man ihm sagen, dass diese Arbeit, die er lo liShma (nicht um Ihretwillen) verrichtet, eine schöne und anmutige Arbeit sei. Doch wie kann man zwei einander widersprechende Dinge zugleich sagen – dass deine Arbeit lo liShma ist und sie dennoch eine vollständige und gute Arbeit ist?

Doch beginnt er von sich aus zu begreifen, dass er nicht liShma (um Ihretwillen) arbeiten kann, sondern nur wie die ganze Allgemeinheit, die allein lo liShma arbeitet. Darum sagt er: „Ich bin nicht schlechter als die ganze Allgemeinheit.“ Und was überall geschrieben steht – dass der Mensch liShma arbeiten müsse –, das sei nur den wenigen Auserwählten der Generation aufgegeben, nicht der Allgemeinheit, da die Arbeit liShma eine schwere Arbeit ist. So zeigt sich, dass man ihn nach seinem Wunsch anleitet.

Anders die Menschen, die zum Einzelnen gehören und einen inneren Drang haben, denen die Arbeit der Allgemeinheit nicht genügt. Da sie zur Wahrheit neigen und keine widersprüchlichen Dinge fassen können, sagt sich ein solcher: „Entweder diene ich dem Schöpfer, oder ich diene mir selbst.“ Er kennt keine Kompromisse, sondern sagt: „Entweder bin ich ganz zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen, oder zum eigenen Nutzen und nicht zum Nutzen des Schöpfers.“ So sagten es die Weisen (Sukka 45): „Wer den Namen des Himmels mit etwas anderem verbindet, wird aus der Welt entwurzelt“ – das heißt: Wer zum Nutzen des Schöpfers, aber auch ein wenig zum eigenen Nutzen arbeiten will, wird aus der ewigen Welt entwurzelt.

Da nun der Wunsch dieses Menschen ist, die Wahrheit zu sehen, leitet man ihn an, sein Tun kritisch zu prüfen – ob nämlich sein Mund und sein Herz bei dem, was er spricht, übereinstimmen. Wenn nicht, muss er sich anstrengen, um seine Absicht auf den Himmel ausrichten zu können. Doch hier tritt das Gegenteil ein: Der Körper gibt ihm zu verstehen, er solle wissen, dass er über dem Volk stehe und den übrigen Menschen, die zur Allgemeinheit gehören, nicht gleich sei, sondern dazu bestimmt sei, zu den Stufen der wenigen Auserwählten der Generation aufzusteigen.

Und hilft ihm der Schöpfer nicht sofort bei dem, worum er bittet, so wird er auf der Stelle zornig und sagt: „Bei anderen Menschen, die zur Allgemeinheit gehören und von Dir verlangen, ihre materiellen Mängel zu erfüllen – Mängel der Eigenliebe –, kann ich verstehen, wenn Du ihnen nicht antwortest: Sie sind es nicht wert, dass Du ihre Wünsche erfüllst. Ich aber bitte Dich nur um spirituelle Dinge, also um das, was Dir dient. Denn was will ich? Für Dich zu arbeiten, nur Dir zu dienen; für mich verlange ich nichts. Warum hilfst Du mir dann nicht sofort, auf der Stelle? Zumal ich Dich schon lange bitte: Ich will für Dich arbeiten, nur lässt mein Körper mich nicht arbeiten, und ich bitte um Deine Hilfe – warum hilfst Du mir nicht?“

So kommt er mit wahren Einwänden. Und es ist zu verstehen, warum man ihm tatsächlich nicht antwortet. Der Grund ist einfach: Er kommt mit Einwänden, in denen er recht hat. Da erhebt sich die Frage: Worin liegt sein Recht? Er würde sagen: Es ist Brauch der Welt, dass, wenn einer dem anderen etwas Gutes tun will, derjenige, der die Wohltat empfangen soll, auf die Stimme des Gebers hört.

Darum gilt auch hier in der Arbeit für den Schöpfer: Wenn er für den Schöpfer arbeiten will, so ist der Schöpfer der Empfänger der Wohltat und der Mensch der Geber. Deshalb zürnt er dem Schöpfer: Warum hört Er nicht auf seine Stimme?

Doch in der Arbeit für den Schöpfer verhält es sich umgekehrt zu dem, was der Mensch denkt. Es gleicht dem, was die Weisen beim Verlobungsgeld sagten (Kidushin 7a): Die Regel beim Antrauen einer Frau ist – so sagt die Schrift „und er gebe es in ihre Hand“ –, dass der Mann das Verlobungsgeld zu geben hat. Ist er jedoch ein angesehener Mann, und sie gibt das Verlobungsgeld, und er spricht: „Siehe, du bist mir angetraut“, so ist sie angetraut. Der Grund: Bei einem angesehenen Mann gilt der Genuss, den er von ihr empfängt, als wäre es ein wirkliches Geben.

Daraus folgt: Wenn der Mensch dem Schöpfer alles geben will, gilt er als Empfänger. Das heißt: Nimmt der Schöpfer seine Arbeit an, so gilt der Mensch als Empfänger und nicht als Geber, wie der Mensch meint.

Wenn also der Mensch dem Schöpfer etwas geben will, so gilt dies, als gäbe der Schöpfer dem Menschen. Dann prüft man von oben, ob es sich lohnt, diesem Menschen den Genuss zu gewähren – nämlich dass der Schöpfer von ihm empfange. Darum wird sein Gebet nicht sofort erhört, wie der Mensch meint, der sich für den Geber hält. Vom Geber von Geschenken aber verlangt man keine Bedingungen; eher kann das Gegenteil der Fall sein – dass der Empfänger die Bedingungen erfüllen muss, die der Schenkende stellt.

Darum gilt – wie bei einem angesehenen Mann – der Geber als Empfänger, und der angesehene Mann kann vom Geber Bedingungen verlangen, sonst empfängt er nicht von ihm. Ebenso verlangt in der Arbeit für den Schöpfer auch der Schöpfer von dem Menschen, der Ihm seine Arbeit um des Himmels willen geben will, bestimmte Dinge; sonst will der Schöpfer von dem Menschen nicht annehmen, was dieser Ihm geben will. Darum muss der Mensch den Schöpfer inständig bitten, dass Er von ihm annehmen wolle.

Erst nachdem der Schöpfer sieht, dass der Mensch schon fähig und würdig ist, dass Er von ihm annehme, was er Ihm geben will, gibt der Schöpfer ihm die Hilfe, alles zu tun, um zu geben. Vorher empfängt er die Hilfe nicht auf eine Weise, dass er unmittelbar sehen könnte, dass der Schöpfer ihm hilft. Vielmehr empfängt er die Hilfe verborgen, bis er würdig ist, alles zu tun, um zu geben. Bis dahin gibt es zwar ohne die Hilfe des Schöpfers gar nichts, doch ist der Mensch nicht fähig, dies unmittelbar zu sehen.

Darum muss der Mensch, der will, dass der Schöpfer ihm helfe, damit er erfüllen kann, was die Weisen sagten (Awot 2:12): „Alle deine Taten sollen um des Himmels willen sein“, zuvor die Bedeutung des Schöpfers spüren, um sein eigenes Geben zu begreifen – nach dem Vorbild des angesehenen Mannes. Dann weiß er: Was er geben will, das wird ihm zugleich zum Empfangen vom Schöpfer; denn bei einem angesehenen Mann heißt das Geben – durch eben den Genuss, den dieser empfängt – ein Empfangen.

Darum ist der Mensch gehalten, zuallererst die Bedeutung des Schöpfers zu würdigen und Mittel zu finden, die Größe des Schöpfers zu erlangen. Das heißt: Alle Mizwot-Handlungen, die er ausführt, sollen die Absicht tragen, dadurch die Größe und Bedeutung des Schöpfers zu erlangen.

So steht es im Sohar zum Vers „Bekannt in den Toren ist ihr Gatte“. Der Sohar sagt: „Ein jeder gemäß dem, was er in seinem Herzen ermisst.“ Denn erst dann – nach der Bedeutung und Größe des Schöpfers, die er in seinem Herzen ermisst – beginnt er zu spüren, dass er all sein Tun einzig zum Nutzen des Schöpfers geben will. Und das, weil er den Genuss empfangen will, der darin liegt, dass der Schöpfer von ihm annimmt, was der Mensch Ihm geben will – wie beim angesehenen Mann.

Und da das Empfangen von Genuss – dieses Maß des Empfangens – dem Menschen eingeprägt ist, erwacht in ihm, sobald er die Bedeutung und Größe des Schöpfers spürt und da bei einem angesehenen Mann ein Genuss darin liegt, dass dieser von ihm empfängt, von selbst der Wunsch, alles zum Nutzen des Schöpfers zu tun. Das heißt: Alles, was er hat, will er dem Schöpfer geben – wegen des Genusses, den der Mensch empfängt, wenn er dem Schöpfer gibt.

Doch das nennt man nicht „Geben, um zu empfangen“. Denn „Geben, um zu empfangen“ bedeutet etwas Geschäftliches: Der Käufer gibt dem Verkäufer Geld, sodass der Käufer dem Verkäufer gibt, damit der Verkäufer ihm eine Gegenleistung für sein Geben gebe.

So gibt es hier zwei Dinge:

1. das Geld, das der Käufer gibt;

2. dass der Verkäufer ihm dafür einen Gegenstand gibt.

Anders in der Arbeit für den Schöpfer: Der Geringere gibt dem Größeren einen Gegenstand und will keine Gegenleistung zurück; hier liegt nur eine einzige Handlung vor. Und dabei sind in dieser einen Handlung zwei Absichten zu unterscheiden – nämlich beim Gegenstand, den der Mensch dem angesehenen Mann gibt.

Hier sind zwei entgegengesetzte Absichten zu unterscheiden:

1. Der Mensch gibt, und die Absicht des Gebers ist, Genuss aus dem Geben zu empfangen;

2. Der Empfänger des Gegenstands, ein angesehener Mann, hat die Absicht, dem Geber Genuss zu gewähren. Demnach heißt der Geber „Empfänger“ und der Empfänger „Geber“.

Dieser Genuss nun, den der Mensch daraus empfindet, dass er dem Schöpfer gibt, beruht auf der Bedeutung [des Schöpfers]. Denn uns ist eine Korrektur gegeben, die „Gleichheit der Form“ heißt und „Anhaftung“ genannt wird – wie die Weisen zum Vers „und Ihm anzuhaften“ sagten. Da muss man so erklären: „Wie Er barmherzig ist“ und Genuss daran hat, den Geschöpfen zu geben, „so sei auch du barmherzig“ – nämlich dass auch er Genuss daran habe, dem Schöpfer zu geben. Gibt er dem Schöpfer aber, ohne Genuss zu empfinden, so fehlt es an der Gleichheit der Form.

Nur wenn er gerade daran Genuss empfindet, dass er dem Schöpfer gibt, kann man sagen, dass hier Gleichheit der Form vorliegt. Doch wie kann der Mensch zu dieser Stufe gelangen, am Geben an den Schöpfer Genuss zu finden? Das ist nur möglich, wenn er die Größe und Bedeutung des Schöpfers spürt. Dann gibt es Genuss von Natur aus – wie beim angesehenen Mann. Dadurch kann der Mensch aus dem Geben Genuss empfangen, weil dieses Geben ihm das Empfangen von Genuss mit sich bringt. Und wo es um Empfangen geht, da kann der Mensch arbeiten.

Nun aber erhebt sich die Frage: Wie gelangt man zum Empfinden der Größe des Schöpfers? Dazu sagte mein Vater und Lehrer, es gebe den „Glauben über dem Verstand“. Er gab folgendes Bild: Manchmal empfindet ein Mensch von einem anderen, dieser stehe über dem Volk und besitze die bedeutendsten Eigenschaften der Welt; auch an Weisheit sei er der größte Weise der Welt. Das ist die erste Weise.

Die zweite Weise ist, dass er dessen Größe und Bedeutung nicht unmittelbar empfindet, sondern über dem Verstand daran glaubt, dass alle Vorzüge, die es in der Welt gibt, bei ihm zu finden sind. Und ist sein Glaube hundertprozentig, so gleicht es, als hätte er es durch unmittelbares Wissen erlangt. Auch beim „Glauben über dem Verstand“ sind zwei Weisen zu unterscheiden:

1. Er hat kein Mittel, dessen Bedeutung und Größe durch Wissen zu erlangen, und darum glaubt er, dass jener der bedeutendste Mensch der Welt sei.

2. Er hat zwar ein Mittel, dessen Bedeutung und Größe zu erlangen und zu empfinden, verzichtet aber um der Ehre des anderen willen darauf, damit kein Makel entstehe, wenn er der Wahrheit nachforscht. Es gleicht einem, der von jemandem ein Darlehen erbittet und ihm verspricht, es rechtzeitig zurückzuzahlen. Der Geldgeber aber geht umher und forscht auf der Straße nach, ob jener ein verlässlicher Mann ist. Bisweilen hört der Schuldner davon, und so wird er – obwohl er ein angesehener Mann ist – dadurch beschämt. Um der Ehre willen also glaubt er über dem Verstand, obwohl er ein anderes Mittel hätte.

Daraus folgt: Wenn der Mensch gerade nach dem Wort „Die Ehre Gottes ist es, eine Sache zu verbergen“ handeln und an den Schöpfer glauben will, obwohl er ein Mittel hätte, die Bedeutung des Schöpfers zu erlangen und zu erkennen, so verzichtet er dennoch auf die Funken in seinem Körper, die ihm einreden: „Wozu musst du über dem Verstand gehen, wo du doch ein Mittel hast, alles innerhalb des Verstands zu erlangen?“ Diese Stufe gilt für jene auf höherer Stufe, die schon ein wenig Spiritualität erlangt haben; sie hätten ein Mittel, die Größe des Schöpfers zu erlangen, und wollen dennoch über dem Verstand gehen.

Dasselbe gilt jedoch auch auf der Stufe der Arbeit, die die Vorbereitung zum Eintritt in die wahre Spiritualität ist. Wenn nämlich der Mensch es auf sich nimmt, an die Bedeutung des Schöpfers über dem Verstand zu glauben, dann muss er auf sich nehmen, gerade im Glauben über dem Verstand gehen zu wollen: Selbst wenn man ihm die Erkenntnis gäbe, die Größe des Schöpfers innerhalb des Verstands zu sehen, wählt er lieber den Glauben über dem Verstand – nach dem Wort „Die Ehre Gottes ist es, eine Sache zu verbergen.“

Das nennt man: Er will über dem Verstand gehen. Und gerade dann wird er zu einem tauglichen Gefäß, um Spiritualität zu empfangen, da er sich um nichts für sich selbst sorgt, sondern seine ganze Absicht allein dem Geben an den Schöpfer gilt. Darum besteht nun keine Gefahr mehr, dass eine Erleuchtung, die man ihm gäbe, in das Gefäß des Empfangens fiele – denn er bemüht sich immer, aus der Eigenliebe herauszutreten.

Denn mein Vater und Lehrer sagte: So wie das Verlangen zu empfangen nur empfangen und nicht geben will, so heißt es auch dort, wo man ihm sagt, über dem Verstand zu arbeiten, „nur geben und nicht empfangen“ – weil dem Menschen Leid widerfährt, wo er über dem Verstand gehen soll. Der Beweis dafür: Der Körper sorgt immer dafür, in allem, was er tut, Genuss und Vergnügen zu empfangen; und da das Arbeiten über dem Verstand verlangt wird, ist der Körper damit nicht zufrieden. Darum beginnt, sobald man den Menschen erzieht, über dem Verstand zu gehen, schon die Arbeit des Gebens. Daraus folgt: Wenn der Mensch es vorzieht, den Weg über dem Verstand zu gehen, so ist dies ein Schutz, dass er den rechten Weg gehe – den Weg, der zur Anhaftung an den Schöpfer führt.

Demnach muss man immer die Bedeutung von „über dem Verstand“ im Sinn behalten: Bevor der Mensch die Stufe des „über dem Verstand“ auf sich nimmt, muss er sich zuerst ein Bild machen, was „innerhalb des Verstands“ ist – also was sein Verstand ihm sagt, aus welchen Gründen es sich lohnt, um des Himmels willen zu arbeiten. Der Mensch muss sich also vorstellen, unter welchen Umständen, wäre es so und so, er bereit wäre, zu arbeiten, um zu geben.

Und da wir in der Natur sehen, dass der Geringere, wenn er dem Großen dient, Genuss und Vergnügen empfindet – wir sehen ja, dass manche Menschen Geld zahlen, um einem Großen dienen zu dürfen –: Sobald der Mensch die Größe des angesehenen Mannes erkennt und spürt, braucht er sich nicht anzustrengen, damit der Körper ihm dienen will. Denn der Schöpfer hat es in die Natur gelegt, dass ein Genuss darin liegt, dem Großen zu dienen, und er geht in ihm auf wie eine Kerze vor der Fackel. Doch gilt das nur, wenn der Körper dessen Größe und Bedeutung spürt. Darum muss man immer darüber nachdenken, wie man die Größe und Bedeutung des Schöpfers erlangt.

Nun wollen wir die Worte des Sohar erklären, mit denen er den Vers „Das Wasser sammle sich an einem Ort, und das trockene Land werde sichtbar“ deutet. Nach dem oben Erklärten gibt es Allgemeinheit und Einzelnen. Die Allgemeinheit hat die „Sichtweise der Hausherren“, die Eigenliebe heißt – sie wollen alles in ihre Herrschaft empfangen. Das heißt: Obwohl sie an den Schöpfer glauben, der der Hausherr der Welt ist und auf dessen Namen alles steht, wollen sie dennoch, wenn sie sich mit Tora und Mizwot befassen, vom Schöpfer eine Gegenleistung für ihre Mühe in Tora und Mizwot in ihre eigene Herrschaft herausholen. Das nennt man „von einer Herrschaft in die andere hinaustragen“ – nämlich aus der Herrschaft des Einzigen in die Herrschaft der Vielen. Und das bedeutet, dass sie zwei Herrschaften wollen: die Herrschaft der Menschen und die Herrschaft des Schöpfers.

Anders der Einzelne: Er gehört zur „Sichtweise der Tora“, die das Annullieren der Herrschaft ist – wie die Weisen sagten (Berachot 63b): „Die Worte der Tora bestehen nur bei dem, der sich für sie tötet, denn es heißt: ‚Das ist die Tora: Ein Mensch, der im Zelt stirbt.‘“ Das bedeutet, dass der Mensch sein Eigenselbst annulliert – womit die Eigenliebe gemeint ist – und stattdessen alles um des Himmels willen tun will, sodass es in der Welt nur eine einzige Herrschaft gebe: die alleinige Herrschaft.

Dann kann er der Tora würdig werden, weil er sich dann in der Gleichheit der Form befindet, die „Anhaftung an den Schöpfer“ heißt. Dann wird er mit dem Namen „Israel“ benannt: Er wird gewürdigt, dass all sein Denken, Reden und Handeln jashar-El sei – „gerade auf den Schöpfer gerichtet“ –, da sein ganzes Streben einzig dahin geht, zum Geben zu gelangen, das die Gleichheit der Form ist; denn er annulliert sich selbst vor dem Schöpfer, was „die alleinige Herrschaft“ heißt, und nicht zwei Herrschaften – also nicht, dass er auch ein Verlangen nach Eigenliebe hätte.

Doch da es eine Allgemeinheit gibt und diese zahlreich ist, und da die Ansicht der Vielen eine große Macht hat, über den Einzelnen zu herrschen, und da die Allgemeinheit sich in der Arbeit für den Schöpfer für vollkommen hält, dringt die Ansicht der Vielen auch bis zum Einzelnen vor. Und obwohl der Einzelne die Sichtweise der Allgemeinheit nicht annehmen will, schwächen sie ihn dennoch, sodass er seinen Mangel nicht mehr so stark spürt. So wird der Einzelne in seiner Arbeit geschwächt.

Der Körper sagt nämlich zu ihm: „Es stimmt, du bist nicht in der Vollkommenheit der Arbeit um des Himmels willen – aber so schlimm ist das nicht, dass es sich lohnte, darüber zu trauern und deswegen ein Gebet aus tiefstem Herzen zu sprechen. Du müsstest ja behaupten, dass du, wenn du die Stufe ‚dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten‘ nicht erlangst, dazu sagst: ‚Mein Tod ist mir lieber als mein Leben.‘ Dazu bist du nicht verpflichtet. Siehst du nicht, dass die ganze Allgemeinheit den Weg der Hausherren geht? Gewiss wäre es besser, wenn du alles tun könntest, um zu geben. Doch dazu musst du den Schöpfer bitten, dass Er dir helfe. Und wenn du noch keine Hilfe vom Schöpfer empfangen hast – so sehr besorgt zu sein, dass du sagst: ‚Mein Tod ist mir lieber als mein Leben‘, das ist nicht so schlimm. Blick doch zurück auf die Allgemeinheit.“

Dadurch unterwirft sich der Einzelne der Allgemeinheit. Das heißt: Sie schwächt ihn darin, die Taten zu tun, die in seiner Macht stehen – bis er Hilfe vom Schöpfer erlangt, der ihm die Kraft gibt, alles zu tun, um zu geben, wie der Einzelne es verlangt.

Sobald der Mensch beginnt, die vorgebliche Vollkommenheit von der Allgemeinheit zu übernehmen, kann er die Wahrheit nicht mehr sehen. Denn für jeden Mangel, den er an sich findet, erfindet er sofort eine Ausrede, die ihn rechtfertigt – so sehr, dass er gar nicht mehr spürt, dass er nun unter der Herrschaft der Allgemeinheit steht.

Damit ihm daher der Zustand seiner Arbeit offen vor Augen liege und er nicht der Herrschaft der Allgemeinheit nachgezogen werde, gibt uns der Sohar einen Rat: Der Mensch solle alles, womit er sich in Tora und Mizwot befasst, auf einen einzigen Ort sammeln. Das heißt, er muss dahin gelangen, dass es nur einen einzigen Ort gebe – nur eine Herrschaft und nicht zwei Herrschaften.

Dann kann er sprechen: „Höre, Israel, der Schöpfer ist unser Gott, der Schöpfer ist einzig.“ Das ist, wie gesagt, die „Sichtweise der Tora“. Andernfalls – aus der Sichtweise der Hausherren – muss es zwangsläufig zwei Herrschaften geben: erstens die Herrschaft des Schöpfers, zweitens die Herrschaft des Menschen. Und wenn der Mensch seine Arbeit kritisch prüft, sieht er, dass er keinerlei Anteil an der Anhaftung an den Schöpfer hat, die Gleichheit der Form heißt. Dadurch ist er vom Leben des Lebens getrennt und gleicht den Völkern der Welt, die die Tora nicht empfangen wollten – wobei „Tora“ als „Sichtweise der Tora“ zu deuten ist –, sondern die „Sichtweise der Hausherren“ wollen. Und daraus kann kein Bestand der Welt erwachsen. Indem er sich aber selbst betrachtet und prüft, kann er seinen wahren Zustand auf den Wegen des Schöpfers erkennen und wird nicht der vorgeblichen Vollkommenheit der Allgemeinheit nachgezogen, die die „Sichtweise der Hausherren“ zur Herrschaft bringen will.

Und das ist es, was der Sohar sagt: „Das Wasser sammle sich an einem Ort.“ Dass nämlich das Wasser, also die Tora, sich an einem Ort sammle, sodass aus den zwei Herrschaften, die es in der Welt gibt, eine einzige Herrschaft werde – das ist die „Sichtweise der Tora“. Und so schließt der Sohar: „Die Tora ist die Besiedlung der Welt, und durch sie besteht sie. Und die Völker der Welt, die sie nicht empfingen, blieben wüst und trocken.“

korrOp, EY, 12.7.2026, Ver3