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1987/16 Der Unterschied zwischen der Arbeit der Allgemeinheit und der Arbeit des Einzelnen

„Der Unterschied zwischen der Arbeit der Allgemeinheit und der Arbeit des Einzelnen“

Im Sohar (Emor, Blatt 20, und im Sulam-Kommentar, Punkt 58) heißt es: „Komm und sieh: Wenn ein Mensch geboren wird, wird über ihn keine Kraft von oben eingesetzt, bis er beschnitten ist. Sobald er beschnitten ist, erwacht in ihm der Geist (Ruach) – das heißt das Licht von Nefesh von oben. Wird er gewürdigt, sich mit der Tora zu beschäftigen, dann ist er ein vollkommener Mensch, vollkommen in allem, denn er wurde des Lichtes von Chaja gewürdigt. Ein Tier hingegen hat schon im Augenblick seiner Geburt dieselbe Kraft, die es am Ende besitzt. Deshalb steht geschrieben: ‚Wenn ein Ochse oder ein Schaf oder eine Ziege geboren wird.‘“

Diesen Unterschied zwischen Tier und Mensch gilt es zu verstehen: Was will er uns in der spirituellen Arbeit lehren? Zunächst müssen wir begreifen, was die Stufe „Mensch“ in der Arbeit ist und was die Stufe „Tier“. Was also ist ein Mensch? Unsere Weisen legten (Berachot 6) den Vers aus: „Das Ende der Sache, nachdem alles gehört ist: Fürchte Gott und halte Seine Mizwot, denn das ist der ganze Mensch.“ Was bedeutet „denn das ist der ganze Mensch“? Rabbi Elasar sagte: „Der Schöpfer sprach: Die ganze Welt wurde einzig dafür erschaffen.“ So weit seine Worte.

Das bedeutet: Um der Ehrfurcht vor dem Schöpfer willen wurde die ganze Welt erschaffen. Darauf zielt die Frage „Was heißt: denn das ist der ganze Mensch?“ Daraus hören wir, dass „Mensch“ heißt, wer Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat. Wer dagegen keine Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat, wird nicht „Mensch“ genannt.

Damit erklärt sich auch, was sie sagten (Jewamot 61): „Ebenso pflegte Rabbi Schimon ben Jochai zu sagen, denn es heißt: ‚Und ihr seid meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Mensch‘ – ihr werdet ‚Mensch‘ genannt, die Götzendiener aber werden nicht ‚Mensch‘ genannt.“ Auch hier ist zu erklären, dass damit der Mensch gemeint ist, der Ehrfurcht vor dem Himmel hat. (Zwar gilt er nach dem Gesetz nicht als bedeutend, sondern verunreinigt: Auch wenn ein Mensch nur die Stufe eines Tieres hat, verunreinigt er dennoch im Zelt. In Fragen der spirituellen Arbeit aber betrachten wir in ein und demselben Menschen die Stufe Israels und die Stufe der siebzig Völker, denn der Sohar sagt: „Jeder Mensch ist eine kleine Welt.“ Darum behandeln wir bei den praktischen Mizwot, die der „offenbarte Teil“ heißen, jede Sache für sich – also den Nichtjuden gesondert und Israel gesondert, das heißt, wir behandeln alles als getrennte Körper. Deshalb lautet das Gesetz, dass die Gräber von Götzendienern im Zelt nicht verunreinigen, denn über die Unreinheit steht geschrieben: „Wenn ein Mensch im Zelt stirbt.“ Darum verunreinigen Götzendiener im Zelt nicht.)

Aus dem Gesagten folgt: Wer Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat, wird „Mensch“ genannt; wer dagegen keine Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat, gilt als „Tier“ und nicht als Mensch. Doch ist zu verstehen, welches Maß an Ehrfurcht vor dem Schöpfer gemeint ist, denn es gibt darin viele Abstufungen.

Der Sohar (in der Einführung zum Buch Sohar, Blatt 185, und im Sulam-Kommentar, Punkt 190) sagt: „Die Furcht gliedert sich in drei Arten. Zwei von ihnen haben keine eigentliche Wurzel, und nur eine ist die Wurzel der Furcht. Da ist der Mensch, der den Schöpfer fürchtet, damit seine Kinder leben und nicht sterben, oder er fürchtet eine Strafe an seinem Leib oder an seinem Geld; deshalb fürchtet er Ihn beständig. Es zeigt sich, dass die Furcht, mit der er den Schöpfer fürchtet, für ihn nicht die Wurzel ist – denn die Wurzel ist der eigene Nutzen, und die Furcht ist nur deren Folge. Und da ist der Mensch, der den Schöpfer fürchtet, weil er die Strafe jener Welt und die Strafe der Hölle fürchtet. Diese beiden Arten von Furcht – die Furcht vor der Strafe dieser Welt und die Furcht vor der Strafe der kommenden Welt – sind nicht das Wesen der Furcht und ihre Wurzel. Die Furcht, die das Wesentliche ist, besteht darin, dass der Mensch seinen Herrn fürchtet, weil dieser groß ist und über alles herrscht.“

Nach diesen Worten des Sohar liegt das Wesen der Ehrfurcht vor dem Schöpfer also darin, dass der Schöpfer groß ist und über alles herrscht. Das ist es, was uns verpflichtet, Seine Mizwot zu erfüllen, denn so dient der Mensch nicht, um Belohnung zu empfangen. Mit anderen Worten: Nicht um des eigenen Nutzens willen – nicht, um irgendeinen Lohn für seine Arbeit zu erhalten –, sondern die Arbeit selbst ist der Lohn. Denn er empfindet es als großes Vorrecht, dass er sieht, wie ihm Gedanke und Verlangen geschenkt wurden, dem König zu dienen; und dieses große Geschenk, das ihm der Himmel zugewandt hat, gilt ihm als unermesslicher Reichtum.

Aus dem Gesagten folgt: „Mensch“ heißt, wer den Weg geht, um zu der Stufe zu gelangen, auf der alle seine Handlungen die Absicht um des Himmels willen tragen und nicht den eigenen Nutzen. Fehlt ihm dagegen diese Absicht und bleibt nur die Handlung allein, so ist das zwar eine große Sache, aber ohne Absicht heißt es Stufe „Tier“, wie geschrieben steht (Sprüche 19,2): „Auch ohne Verstand ist die Seele nicht gut.“ „Ohne Verstand“ meint: „Verstand“ steht für Absicht, wie geschrieben steht: „Du schenkst dem Menschen Verstand.“

Hier entsteht eine Schwierigkeit: Der wahre Weg besteht doch darin, über dem Verstand zu gehen – warum also beten wir darum, dass Er uns Verstand gibt? Mein Vater und Lehrer sagte, dass der Verstand der Heiligkeit (Kedusha) „Anhaftung (Dwekut)“ heißt, „Gleichheit der Form“. Demnach ist „auch ohne Verstand“ so zu deuten: eine Seele ohne Anhaftung, die auf der Stufe des Tieres steht, weil sie nicht den Weg geht, durch die Kraft von Tora und Mizwot dahin zu gelangen, die Absicht auf das Geben richten zu können. Ein solcher Mensch heißt „Tier ohne Verstand“, ohne Gleichheit der Form. Das heißt: Bei allem, was er tut, hat er keine andere Absicht als den eigenen Nutzen; das nennt man die Stufe „Tier“, und es gehört nicht zur Stufe „ihr werdet ‚Mensch‘ genannt und nicht die Götzendiener“, wie oben.

Nun wollen wir erklären, wonach wir gefragt haben: Worauf deutet der Unterschied zwischen der Geburt eines Tieres und der Geburt eines Menschen? Der Sohar bringt für seine Worte einen Beleg, indem er sagt: „Ein Tier hat schon im Augenblick seiner Geburt dieselbe Kraft, die es am Ende besitzt.“ Das entnimmt er dem Vers „Wenn ein Ochse oder ein Schaf oder eine Ziege geboren wird“, denn schon der eintägige Ochse heißt „Ochse“ – es heißt eben nicht „Wenn ein Kalb geboren wird“. In Fragen der spirituellen Arbeit lehrt uns das, die Ordnung in der Entwicklung von Mensch und Tier zu erkennen.

Zunächst müssen wir, wenn wir von der spirituellen Arbeit sprechen, wissen, was „Geburt“ ist. Denn nach der Regel, dass wir sowohl vom Tier als auch vom Menschen lernen, vollzieht sich all das in ein und demselben Körper. Da der Mensch die siebzig Völker in sich einschließt, schließt er alles ein, was es auf der Welt gibt; und da der Sohar sagt, dass der Mensch eine ganze Welt ist, müssen wir wissen, was Geburt überhaupt bedeutet.

Bekanntlich spricht man vom Menschen vor allem im Hinblick auf Verstand und Herz. Das heißt: Die Gedanken ordnen wir dem Verstand zu, die Verlangen dem Herzen. Hat er daher in Verstand und Herz Gedanken und Verlangen, die zur Stufe des Tieres gehören, so heißt das: Ein Tier ist geboren. Sind aber in Verstand und Herz Gedanken und Verlangen, die zum Menschen gehören, so heißt das: Ein Mensch ist geboren. Daran unterscheiden wir Mensch und Tier.

Äußerlich freilich sehen wir in der Körperlichkeit, dass sogar beim Tier von seinem Geburtstag an ein großer Unterschied besteht: Mit der Zeit entwickelt es sich in Länge, Breite und Höhe. Doch der eigentliche Unterschied, von dem die Weisen sprachen – dass das Tier vom Tag seiner Geburt bis zuletzt dieselbe Kraft hat –, bezieht sich auf sein Inneres. Und das deutet uns auf die Ordnung der Arbeit. Wenn sie sagen „ein Tier, das geboren wird“, so meinen sie: Auf dieser Grundlage beginnt er, sein Gebäude zu errichten, in dem er alle Tage seines Lebens wohnen wird.

Das ist gemeint mit „ein Tier, das geboren wird“: Das Fundament, auf dem er seine Arbeit in Tora und Mizwot aufbaut, ist die Stufe des Tieres, die „Handeln ohne Absicht“ heißt. Und so will er sein ganzes Leben lang fortfahren. Denn er denkt bei sich, dies ist der wahre Weg: Für Menschen, die den Weg des Schöpfers gehen wollen, genügt es, alle Kraft und Energie darauf zu verwenden, Tora und Mizwot in allen Einzelheiten und Feinheiten zu erfüllen, und beim Tun die Absicht zu haben, das Gebot des Schöpfers zu erfüllen. Was fehlt mir dann noch?

Vor allem aber beruft sich der Mensch, der auf der Stufe des Tieres geboren ist, zum Beweis seiner Rechtschaffenheit auf die Gesamtheit Israels – darauf, wie sie sich verhält und auf welcher Grundlage sie geht. Und gewiss wirst du sehen, dass sie auf der Stufe des Tieres geht. Denn wenn sie Tora und Mizwot erfüllen und überdies noch zusätzliche Strengen zu den uns gegebenen Mizwot auf sich nehmen, fühlen sich bereits alle als vollkommen und sehen an sich keinen Mangel, den es zu korrigieren gälte. Zum Beweis führt er die Weisen an, die sagten (Berachot 45): „Geh hinaus und sieh, wie das Volk verfährt.“ Das heißt: In einer zweifelhaften Sache geh hinaus und sieh, wie die Allgemeinheit es hält.

Und tatsächlich hat er damit recht: Wer auf der Stufe des Tieres geboren ist, gehört zur Allgemeinheit und muss den Weg der Allgemeinheit gehen. So schreibt es Maimonides, der die Worte der Weisen auslegt: „Immer soll sich der Mensch mit der Tora beschäftigen, selbst lo liShma (nicht um ihretwillen), denn aus lo liShma gelangt er zu liShma (um ihretwillen). Darum lehrt man die Kinder, die Frauen und die ungebildete Menge nur, aus Furcht und um Belohnung zu empfangen zu dienen. Erst wenn ihr Verstand wächst und sie größere Weisheit erlangen, offenbart man ihnen dieses Geheimnis Stück für Stück und gewöhnt sie behutsam an diese Sache, bis sie Ihn erfassen, Ihn erkennen und Ihm aus Liebe dienen“ (Gesetze der Umkehr, Kapitel 10).

So ist erklärt: Mit Recht beruft sich, wer den Weg der Allgemeinheit gehen will, auf die Allgemeinheit. Das gilt für den, der auf der Stufe des Tieres geboren ist, von dem der Sohar sagt, dass er die Kraft, die er am Ende hat, schon am Tag seiner Geburt besitzt. Darauf zielt der Ausspruch „Das eintägige Kalb heißt ‚Ochse‘“: Bis zuletzt wird er keinen größeren Verstand der Heiligkeit haben, als er im Augenblick seiner Geburt hatte – das heißt von dem Moment an, da er begann, den Weg der Arbeit von der Stufe des Tieres aus zu gehen.

Doch sind die Worte des Maimonides zu verstehen: „bis ihr Verstand wächst und sie größere Weisheit erlangen“. Es erhebt sich die Frage, wie wir wissen können, dass ihr Verstand bereits gewachsen ist und sie schon größere Weisheit besitzen. Und weiter: Welches Maß an Verstand heißt schon „ihr Verstand ist gewachsen“? Und ebenso: Welches Maß an größerer Weisheit ist gemeint, von dem an es bereits erlaubt ist, ihnen das Geheimnis von liShma zu offenbaren, das „nicht, um Belohnung zu empfangen“ heißt?

Nach dem Gesagten bedeutet die Geburt eines „Menschen“: In Verstand und Herz kommen Gedanken und Verlangen, ein Mensch zu sein. Und „Mensch“ heißt, wer den Weg dessen gehen will, der den Schöpfer fürchtet – das heißt, dass alle seine Handlungen um des Himmels willen geschehen, um zu geben, und nicht zum eigenen Nutzen wie beim Tier, das kein Gefühl für den anderen hat. Vielmehr will er ausdrücklich gehen, um zu geben, auch wenn er dessen noch nicht gewürdigt wurde. „Geburt“ heißt nämlich, dass er auf dem Fundament des Menschen begonnen hat: Er will seine Arbeit auf dem Fundament der Ehrfurcht vor dem Schöpfer errichten, das die Stufe „Mensch“ heißt. Und ein Anfang heißt „Geburt“.

Das ist der Zeitpunkt, an dem dieser Mensch kommt und sagt, dass er ein Mensch sein will – weil er nun auf der Stufe „Mensch“ in Verstand und Herz geboren ist. Das ist gemeint mit „bis ihr Verstand wächst und sie größere Weisheit erlangen“: bis in ihrem Verstand und Herzen die Weisheit und der Verstand geboren werden, dass es sich nicht lohnt, ein Tierleben zu führen, das lo liShma heißt – wie oben: „Auch ohne Verstand ist die Seele nicht gut.“ Dann darf man ihm die Sache von liShma offenbaren, die „der den Schöpfer fürchtet“ heißt: dass er sich also nicht aus Furcht um des eigenen Nutzens willen mit Tora und Mizwot beschäftigt. Bevor ihm aber die Stufe „Mensch“ zuteilwird, darf man es ihm nicht offenbaren, wie oben in den Worten des Maimonides.

Damit erklären wir, was uns der Sohar sagt: Bei dem, der auf der Stufe des Tieres geboren ist, besteht ein Unterschied – sofort bei seiner Geburt, also zu Beginn seiner Arbeit, hat er schon die Vollkommenheit, die er später erlangen wird, nämlich genau den Verstand, den er bei seiner Geburt empfangen hat. Gemeint ist das Fundament, auf dem er als Tier zu arbeiten begann, das „eigener Nutzen“ heißt; und alles, was er später aufbaut, ruht auf dem Fundament der Selbstliebe, sodass er keinen Zuwachs erlangt. Zwar wächst er äußerlich durchaus, gleich dem Tier, das nach der Geburt in Länge, Breite und Höhe wächst und dergleichen; aber innerlich wächst das Tier nicht. Im Verstand nämlich besteht kein Unterschied zwischen dem Tag seiner Geburt und dem Tag, da es nach einigen Jahren herangewachsen ist, denn das Tier bleibt bei demselben Verstand.

Dasselbe gilt für den Menschen, dessen Bau und Fundament der Arbeit auf der Stufe des Tieres errichtet ist, die lo liShma ist: Auch bei ihm gibt es keinen Unterschied im Inneren, das der Verstand ist. Zwar ist er äußerlich gewiss gewachsen – mit der Zeit hat er viel Tora und viele Mizwot angesammelt –, doch im Inneren ist er auf derselben Stufe geblieben, und der Verstand, der das Innere ist, hat am Ende keinerlei Veränderung erfahren.

Das ist gemeint, wenn der Sohar sagt: „Wenn ein Mensch geboren wird, wird über ihn keine Kraft von oben eingesetzt, bis er beschnitten ist. Sobald er beschnitten ist, empfängt er das Licht von Nefesh, bis er gewürdigt wird, die Stufe Chaja zu erlangen – denn er wurde dieser vier Stufen gewürdigt, die den vier Welten ABYA entsprechen.“ Aus dem Gesagten ergibt sich: Es gibt eine Arbeit, die der Allgemeinheit zugehört, nämlich lo liShma, die Stufe des Tieres genannt wird. Und man darf einem solchen Menschen nicht sagen, dass man liShma arbeiten muss, denn er wird es ohnehin nicht verstehen. Da er auf der Stufe des Tieres geboren ist, kann er es nicht anders auffassen; darum darf man mit ihm nur lo liShma lernen.

Nach dem Gesagten lässt sich auch erklären, was die Weisen sagten (Awoda Sara 19): „Rabba sagte: Immer lerne der Mensch Tora an dem Ort, den sein Herz begehrt.“ Und Rashi erklärt „an dem Ort, den sein Herz begehrt“: Sein Lehrer soll ihm nur den Traktat (Massechet) lehren, den er von ihm verlangt; denn lehrte er ihn einen anderen Traktat, so hätte das keinen Bestand, weil sein Herz bei seinem Begehren ist.

Der Grund ist: Wenn er auf der Stufe des Tieres geboren ist – das heißt, wenn Verstand und Herz begreifen, dass sie sich nach der Allgemeinheit richten müssen, deren ganzes Fundament lo liShma ist –, kann man ihm nicht begreiflich machen, dass man arbeiten muss, um zu geben. So legt es Rashi aus: „Lehrte er ihn einen anderen Traktat, so hätte das keinen Bestand, weil sein Herz bei seinem Begehren ist.“ Darum wird er viele Ausreden vorbringen, dass er nicht fähig ist, auf der Stufe „Mensch“ zu gehen, die „der den Schöpfer fürchtet“ heißt und im Geben besteht. So schreibt Maimonides: „Der Mensch sage nicht: Siehe, ich erfülle die Mizwot der Tora, um die darin geschriebenen Segnungen zu empfangen oder um des Lebens der kommenden Welt gewürdigt zu werden. Auf diese Weise dienen dem Schöpfer nur die Ungebildeten, die Frauen und die Kinder, die man erzieht, aus Furcht zu dienen, bis ihr Verstand wächst und sie aus Liebe dienen.“

Die Wendung „bis ihr Verstand wächst“ haben wir bereits erklärt: Sie meint, bis er auf der Stufe „Mensch“ geboren ist – bis also in Verstand und Herz Gedanken und Verlangen kommen, dass man die wahre Arbeit verrichten muss, nämlich um zu geben. So schreibt Maimonides, dass man dem Schöpfer nur dienen soll, um dem Schöpfer zu geben. Seine Worte lauten: „Vielmehr tut er die Wahrheit, weil sie die Wahrheit ist.“ Denn „Wahrheit“ heißt liShma und nicht eigener Nutzen. Und diese Wahrheit, sagt er, darf man der Allgemeinheit nicht offenbaren. Der Grund ist, wie oben, dass sie es nicht verstehen würde, wie Rashi auslegt: „weil sein Herz bei seinem Begehren ist“ – darum kann er es nicht anders auffassen.

Wenn er aber auf der Stufe „Mensch“ geboren ist – das heißt, dass in Verstand und Herz Gedanken und Verlangen kamen, ein Mensch zu sein –, dann begreift er, dass man den Weg der Wahrheit gehen muss. Zwar kann er ihn noch nicht gehen, denn er ist eben erst geboren, das heißt, er hat diese Arbeit gerade erst begonnen; er begreift nur, dass man zu ihr gelangen muss, also alles um des Gebens willen zu tun. Im Augenblick seiner Geburt hat er noch nichts, wie der heilige Sohar sagt: „Wenn ein Mensch geboren wird, wird über ihn keine Kraft von oben eingesetzt, bis er beschnitten ist.“

Das heißt: Sobald er begonnen hat, auf der Linie des Gebens zu gehen, die „Geburt“ heißt, sieht er beständig den umgekehrten Wert. Er sieht nämlich, dass er nach all der Mühe, die er aufwendet, keinerlei Fortschritt hat, sondern immer nur sieht, dass er rückwärtsgeht. Und das ist die Ordnung: Dieser Zustand der Verhüllung, den er empfindet, dauert an, bis er gewürdigt wird, sich selbst zu beschneiden. Danach schreitet er voran, bis er die vier Stufen erlangt, die „Chaja, Neshama, Ruach, Nefesh“ heißen, wie oben. Und das ist der Unterschied zwischen der Allgemeinheit und dem Einzelnen – ähnlich dem Unterschied in der Körperlichkeit zwischen Mensch und Tier.

korrOp, EY, 8.7.2026, Ver5