1988/08 Was bedeutet es, dass jemand, der betet, seine Worte angemessen auslegen sollte?
Der Heilige Sohar (WaJishlach [Und er sandte], Blatt 21; im Sulam [Leiter-Kommentar] Punkt 70) führt den Beweis, dass der Betende seine Worte angemessen darlegen muss, aus dem, was über Jakob geschrieben steht, der sagte: „Errette mich doch.“ Dort heißt es: „So steht geschrieben: ‚Errette mich doch aus der Hand meines Bruders, aus der Hand Esaus, denn ich fürchte ihn, dass er kommen und mich erschlagen könnte, die Mutter samt den Kindern.‘ Daraus ist zu entnehmen, dass, wer sein Gebet spricht, seine Worte angemessen darlegen muss, denn er sagte: ‚Errette mich doch.‘ Scheinbar hätte das genügt, denn mehr als Errettung braucht er nicht. Dennoch sprach er zum Schöpfer: Und sagtest du, ich hätte dich doch schon vor Laban errettet – darum führte er näher aus: ‚aus der Hand meines Bruders.‘ Und sagtest du, auch andere Verwandte würden ganz allgemein Brüder genannt, so wie Laban zu Jakob sprach: ‚Bist du nicht mein Bruder, und dienst mir doch umsonst?‘ – darum führte er näher aus: ‚aus der Hand Esaus.‘ Was ist der Grund? Weil man die Sache angemessen darlegen muss. Und fragtest du, wozu ich der Errettung bedarf: ‚weil ich ihn fürchte, dass er kommen und mich erschlagen könnte.‘ All das, um die Sache droben angemessen zu erklären und sie nicht im Dunkeln zu lassen.“ So weit seine Worte.
Das ist sehr schwer zu verstehen: Wenn der Mensch zum Schöpfer betet, der doch die Gedanken der Menschen kennt – sollte man da seine Worte angemessen darlegen müssen, als wüsste Er, Gott behüte, sonst nicht, was dem Menschen fehlt? Doch man muss dies auf den Menschen selbst beziehen. Das heißt, der Mensch selbst muss wissen, was ihm fehlt, und jeden einzelnen Mangel für sich klären. Er soll nicht bloß allgemein sagen, mit ihm stimme etwas nicht und er wünsche sich Hilfe vom Schöpfer. Der Grund ist eine Regel: „Es gibt kein Licht ohne Kli (Gefäß), keine Erfüllung ohne Mangel.“ Darum liegt es am Menschen, sich alle Einzelheiten dessen, was ihm fehlt, selbst zu ordnen. Das heißt, die Errettung aus der Hand Labans gleicht nicht der Errettung aus der Hand Esaus, und Ähnliches.
Verstehen lässt sich dies durch das, was mein Vater und Lehrer, Baal HaSulam, seligen Andenkens, zu der Stelle über Laban sagte, der zu Jakob sprach: „Da antwortete Laban und sagte zu Jakob: ‚Die Töchter sind meine Töchter, die Söhne sind meine Söhne, die Herden sind meine Herden, und alles, was du siehst, gehört mir.‘“ Von Esau hingegen, der mit Jakob sprach, steht das Gegenteil geschrieben: „Und er sagte: ‚Was willst du mit diesem ganzen Lager, dem ich begegnet bin?‘ Und er antwortete: ‚Gnade zu finden in den Augen meines Herrn.‘ Und Esau sagte: ‚Ich habe genug, mein Bruder; was dein ist, bleibe dein.‘ Und Jakob sagte: ‚… so nimm doch mein Geschenk aus meiner Hand.‘“
Er sagte, der böse Trieb (Jezer haRa) kleide sich manchmal in das Gewand Labans – der ein Gerechter ist und in weißem Gewand einhergeht – und manchmal in die Kleider Esaus, indem er sagt, der Mensch habe bereits alles vollkommen vollbracht und es bleibe ihm nichts mehr hinzuzufügen; so flößt er ihm einen Geist des Hochmuts ein. Und die Ordnung ist diese: Vor der Tat sagt er ihm, es lohne sich nicht, dass du dich auf die Arbeit liShma (um Ihretwillen) einlässt, denn das sei schwer und keine Arbeit für dich. Vielmehr sei alles, was du tust, ganz für mich, und du könntest nichts um des Himmels willen ausrichten. Mit diesen Einwänden kann der böse Trieb den Menschen davon abhalten, sich auf dem Weg der Wahrheit mit Tora und Mizwot (den Geboten) zu befassen. Das ist vor der Tat. Darauf zielt Labans Wort: „Die Töchter sind meine Töchter.“
Nach der Tat aber kommt Jakob und sagt ihm: „Jetzt sehe ich, dass du recht hast – dass nämlich all meine Gedanken nur dir galten, also lo liShma (nicht um Ihretwillen). Dann liegt es nun an mir, den Schöpfer zu bitten, dass Er mir Teshuwa (Umkehr) schenke und ich die Kraft habe, um des Himmels willen zu arbeiten.“ Da kommt der böse Trieb und kleidet sich in das Gewand Esaus – vom Wort Assija (Tun) –, indem er sagt: „In Wahrheit hast du alles um des Himmels willen getan, du bist ein großer Gerechter und gleichst deinen Freunden nicht.“ Darauf sagte Jakob zu ihm: „… so nimm mein Geschenk aus meiner Hand“, das heißt, er sagte: „Ich habe alles“ – nämlich: alle Arbeit, die ich bis hierher verrichtet habe, war für dich. Esau aber sagte zu ihm: „Was dein ist, bleibe dein“ – das heißt: Du hast nicht für mich gearbeitet.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, weshalb man, wenn man betet, „seine Worte angemessen darlegen muss“: Gemeint ist, dass der Mensch selbst die Ordnung seiner Arbeit klären muss, damit er genau weiß, worum er beten soll. Denn manchmal betet der Mensch um das Gegenteil dessen, was ihm fehlt. Das Gebet bedeutet ja, dass im Menschen ein Mangel offenbar wird; ein Mangel nämlich heißt Kli (Gefäß), und es gibt kein Licht ohne Kli. Darum muss der Mensch beten, damit er ein Kli hat, das der Schöpfer füllen kann. Ist aber kein Kli da, so kann der Schöpfer den Mangel nicht füllen.
So beten wir auch im Gebet zum Monatsanfang (Rosh Chodesh): „Der Schöpfer möge die Wünsche unseres Herzens zum Guten erfüllen.“ Denn „Wünsche“ bezeichnet die Kelim (Gefäße). Und wenn Kelim da sind, kann der Schöpfer die Kelim füllen. Bei diesem Gebet des Monatssegens gilt es zu verstehen, was wir sagen: „Der Schöpfer möge die Wünsche unseres Herzens zum Guten erfüllen.“ Worauf deutet es, dass wir das Wort „zum Guten“ hinzufügen? Bittet der Mensch denn um Schlechtes?
Verstehen können wir das durch das Wort des Heiligen Sohar: „Der Betende muss seine Worte angemessen darlegen“, wie geschrieben steht: „Errette mich aus der Hand meines Bruders.“ Denn auch Laban wird „mein Bruder“ genannt, wie geschrieben steht, dass Laban zu Jakob sagte: „Bist du nicht mein Bruder?“ Darum führte er näher aus: „aus der Hand Esaus.“ Und nach dem, was Baal HaSulam erläutert hat, wird der böse Trieb einmal Laban und einmal Esau genannt. Der Unterschied zwischen diesen Namen liegt darin, ob es vor der Tat oder nach der Tat ist. Denn vor der Tat heißt er Laban, und nach der Tat heißt er Esau.
Damit lässt sich erklären: Wenn der Mensch zum Schöpfer betet, Er möge ihm helfen, und er eine gute Tat vollbringen will, dabei aber spürt, dass ihm die Kraft zur Überwindung fehlt, dann darf er nicht darum beten, dass der Schöpfer ihm „aus der Hand Esaus“ helfe – das heißt, Gedanken zu wälzen, er tue alles nicht um des Himmels willen und seine Tat sei nichts wert –, und er darf den Schöpfer nicht bitten, ihn vor Esaus Rede zu bewahren, der sagt: „Deine Taten sind sehr wohl etwas wert und im Himmel hoch geschätzt, und es liegt nicht in deiner Absicht, für mich zu arbeiten“ – also für den bösen Trieb, der jetzt als ‚Esau‘ bezeichnet wird.
Vielmehr will er bei einem solchen Gebet, dass der Schöpfer ihm hilft zu fühlen, er tue alles nicht um des Himmels willen, und dass er nun die Wahrheit sehe: dass seine Taten ohne Wert sind. Es zeigt sich also: Wenn er wirklich fühlte, dass seine Taten nichts wert sind – was gewänne der Mensch, empfinge er solche Hilfe vom Schöpfer? Gewiss würde es ihm nicht gelingen, irgendeine gute Tat zu vollbringen, denn der Mensch kann nicht für eine verlorene Sache arbeiten; vielmehr muss er einen Nutzen aus der Arbeit erkennen.
Das ist es, was der Heilige Sohar sagt: man „muss seine Worte angemessen darlegen“, weil der Mensch wissen muss, was ihm fehlt, damit er Tora und Mizwot erfüllen kann. Darum muss sein Gebet lauten: „Errette mich doch aus der Hand Labans“ – also vor dem, was Laban ihn verstehen lassen wollte: „Alles, was du siehst, gehört mir.“ Laban behauptet ja, der Mensch habe nichts getan als allein zu seinem eigenen Nutzen – nämlich zum Nutzen des bösen Triebes –, und seine Taten zählten für nichts.
Und dann betet er, der Schöpfer möge ihm das Empfinden geben und ihn sehen lassen, dass der Schöpfer an allem, was er tut, Gefallen findet und dass jede Kleinigkeit im Spirituellen überaus bedeutsam ist – so sehr, dass wir ihren Wert gar nicht ermessen können. Deshalb hat er Kraft zur Arbeit, denn nun arbeitet er auf ein Ziel hin: Mit seiner Arbeit wird er etwas Großes für die ganze Welt bewirken, wie unsere Weisen sagten (Kiddushin, Blatt 40): „Rabbi Elasar ben Rabbi Shimon sagt: Weil die Welt nach ihrer Mehrheit gerichtet wird und auch der Einzelne nach seiner Mehrheit gerichtet wird, gilt: Hat er eine einzige Mizwa erfüllt – wohl ihm! –, so hat er sich selbst und die ganze Welt auf die Waagschale des Verdienstes geneigt.“
Hat er ein solches Empfinden, so erhält er gewiss Kraft zur Arbeit. Bittet er hingegen: „Errette mich aus der Hand Esaus“, so gereicht ihm das zum Schaden. Und weil es „kein Licht ohne Kli“ gibt, muss der Mensch, wenn er betet, „seine Worte angemessen darlegen“. Was heißt „angemessen“? Dass sein Gebet wert ist, erhört zu werden, weil es ihm zum Guten dient.
Nach der Tat aber muss der Mensch zur linken Linie übergehen. Das heißt, er soll Selbstkritik üben und prüfen, ob die Tat wirklich vollkommen war, und sehen, ob es an ihm etwas zu korrigieren gibt – denn durch Tora und Mizwot, die er übt, will er zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen. Dann kleidet sich der böse Trieb, wie gesagt, in das Gewand Esaus und sagt ihm: „An dir ist kein Mangel, den irgendjemand dir vorhalten könnte, denn gewiss tust du alles allein um des Himmels willen“ – und das heißt Esau, vom Wort Assija (Tun): Deine Handlung gilt als vollkommene Handlung, der nichts hinzuzufügen ist. Dann kommt das Gebet: „Errette mich aus der Hand meines Bruders Esau; vielmehr will ich die Kraft haben, Selbstkritik zu üben und in Wahrheit zu sehen, was ich zu korrigieren habe.“
Bäte er aber nach der Tat: „Errette mich vor Labans Einwand“ – der behauptete, alle seine Taten geschähen nicht um des Himmels willen, sondern zu seinem eigenen Nutzen, was der Herrschaftsbereich des bösen Triebes ist –, so ergäbe sich, dass er gerade dann unter der Herrschaft Esaus stünde, also meinte, er tue alles um des Himmels willen. Dann bliebe er für immer in seinem Mangel. Denn Esau behauptet, er habe nichts zu korrigieren, sondern tue alles um des Himmels willen – und so könnte er die Wahrheit niemals sehen.
Das ist es, was der Heilige Sohar sagt: man „muss seine Worte angemessen darlegen“. Das heißt, der Mensch muss das richtige Kli gewinnen, damit die richtige Hilfe darin eintreten kann – wie gesagt: „Es gibt kein Licht ohne Kli.“ Damit verstehen wir auch unsere Frage: Was bedeutet es, dass wir sagen, „der Schöpfer möge die Wünsche unseres Herzens zum Guten erfüllen“ – bittet der Mensch den Schöpfer denn um etwas Schlechtes? Vielmehr, wie gesagt: Jedes Gebet muss am rechten Platz stehen.
korrOp, EY, 16.7.2026, Ver3