1987/29 Was bedeutet „Dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“?
In den Worten unserer Weisen finden wir (Avot, Sprüche der Väter, Kapitel 5): „Ben He He sagt: ‚Dem Kummer entsprechend ist die Belohnung (lefum tzaara agra).‘“ Diese Aussage gilt es zu verstehen. Man könnte ja erwarten, dass es heißt: „Dem Maß der Arbeit entspricht der Lohn.“
So heißt es im Shabbat-Lied „Kol Mekadesh“: „Sein Lohn ist sehr groß, gemäß seinem Wirken.“ Dann aber muss man verstehen, was „dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“ bedeutet. Es hätte doch heißen müssen: „Seiner Arbeit entsprechend ist sein Lohn.“ Was also bedeutet die Auslegung „dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“?
Ähnliches finden wir im Sohar (Ki Teze, Blatt 19, im Sulam (Leiter-Kommentar), Punkt 54): „Und ebenso wird die Erlösung sein. Wenn sie würdig sind, ziehen sie in Barmherzigkeit aus, wie geschrieben steht: ‚Bevor die Wehen über sie kamen, gebar sie einen Knaben‘ – so ziehen sie in Barmherzigkeit aus. Geht aber keine Barmherzigkeit voraus, ziehen sie in Kummer aus. Und es ist gut, wenn Kummer und Urteil vorausgehen, um die Barmherzigkeit herbeizuführen. Deshalb legten die Weisen, die Verfasser der Mishna, fest: ‚Dem Kummer entsprechend ist die Belohnung.‘“ So weit seine Worte.
Auch diese Worte des Heiligen Sohar bedürfen der Erklärung:
1. Warum muss man, um Barmherzigkeit herbeizuführen, Kummer und Urteil vorausgehen lassen, wie geschrieben steht: „Es ist gut, wenn Kummer und Urteil vorausgehen, um die Barmherzigkeit herbeizuführen“?
2. Mit den Worten „dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“ ist gemeint: „Dem Maß des Kummers entspricht der Lohn.“ Doch unsere Weisen sagten (Avot, Kapitel 1): „Er pflegte zu sagen: ‚Seid nicht wie Knechte, die dem Meister dienen, um eine Belohnung zu empfangen.‘“ Wie darf man dann für den Lohn arbeiten? Sie sagten doch „dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“ – und es ist doch verboten, um eines Lohnes willen zu arbeiten.
Um dies zu verstehen, müssen wir zuerst wissen, was sie „Kummer“, „Mühe“ und „Urteil“ nennen und von welchem Lohn sie sprechen, wenn sie sagen „dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“. Bekanntlich gibt es kein Licht ohne ein Gefäß (Kli). Das heißt, man kann einen Mangel dort nicht füllen, wo kein Mangel ist. Nur wo ein Mangel besteht, lässt sich sagen, dass man ihn füllen muss. Darum schuf der Schöpfer einen Mangel, den man „Verlangen und Sehnsucht nach Genuss“ nennt.
Diese Stufe nennt man „Malchut der Unendlichkeit (Ejn Sof)“, und sie wird „Schöpfung“ genannt. Bekanntlich ist dies mit „und erschafft die Finsternis“ gemeint – damit Er ihr Licht und Genuss geben kann. Und wir haben gelernt, dass diese Stufe „Unendlichkeit“ (Ejn Sof, ohne Ende) heißt, weil dieses Verlangen zu empfangen – das den Mangel der Sehnsucht nach Genuss füllen soll – kein Ende setzte. Das heißt, sie sagte noch nicht: „Ich will dieses Gefäß nicht gebrauchen“, sondern empfing das Gute und den Genuss.
Danach sagte dieses Gefäß, das die Fülle empfangen hatte: „Ich will nicht Empfänger sein, sondern ich will dem Schöpfer gleichen, also ebenfalls ein Gebender sein.“ Doch wie ist das möglich? Wenn wir vom Spirituellen sprechen, das sich danach sehnt, in Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer zu sein – wie kann es da sagen „Ich will nicht empfangen“? Das widerspricht doch der Absicht des Schöpfers, denn Sein Wille ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Wie konnte Malchut also sagen: „Ich will nicht, dass die Absicht des Schöpfers verwirklicht wird“? Denn der Wille des Schöpfers kann sich nur erfüllen, wenn der Untere empfängt, was Er geben will. Empfängt der Untere nicht, so wird die Absicht des Schöpfers niemals verwirklicht.
Die Antwort lautet: Malchut sagte: „Ja, ich will empfangen. Ich will nicht gegen den Willen des Schöpfers handeln, der geben will, wie geschrieben steht: ‚Sein Wille ist es, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.‘ Doch ich will nicht empfangen, um meine Sehnsucht zu stillen. Auch wenn ich einen großen Mangel spüre und mein Verlangen mit der höheren Fülle füllen möchte, will ich aus diesem Grund dennoch nicht empfangen. Empfangen will ich nur in folgender Absicht.“ Das heißt: Auf das Verlangen zu empfangen, das in ihr ist, will sie verzichten – es soll als leerer Raum ohne Fülle bleiben. „Da aber der Emanierende (Maatzil) will, dass der Untere Gutes und Genuss empfängt, will ich aus diesem Grund doch empfangen. Ich empfange also, weil der Schöpfer geben will, denn Seine Freude ist es, dass Er gibt. Aus diesem Grund gehe ich daran zu empfangen.“ Dies nennt man „Empfangen in der Absicht zu geben“, denn dadurch gebe ich dem Schöpfer, sodass Sein Wille – der „Sein Wille, Gutes zu tun“ heißt – verwirklicht wird.
In der Sprache der Kabbala heißt das: Sie legt einen Schirm (Massach) über die höhere Fülle und empfängt sie nicht, bevor sie über diese Fülle berechnet hat, wie viel Prozent sie um des Gebens willen empfangen kann. So viel empfängt sie. Den Rest aber – würde sie ihn empfangen, geschähe es um des Empfangens willen; darum bleibt er leer, ohne Fülle.
Nach der Regel „Was im Höheren Wille ist, wird im Unteren zum bindenden Gesetz“ folgt: Dass Malchut sagte „Ich will nicht um des Empfangens willen empfangen“ – was man „Einschränkung (Zimzum)“ nennt – bewirkte, dass von ihr abwärts bereits ein Verbot besteht, um des Empfangens willen zu empfangen. Will man also dennoch empfangen, trennt man sich schon vom Schöpfer; denn Er ist der Gebende, und der Empfangende steht in Gegensätzlichkeit der Form, und „Verschiedenheit der Form bewirkt Trennung im Spirituellen“. Von hier entstand der Raum für die Klipot (Schalen), die vom Leben der Lebenden getrennt sind und „tot“ genannt werden.
Daraus gingen danach zwei Systeme hervor: Heiligkeit (Kedusha) und Schale (Klipa). So steht geschrieben (Einführung in das Buch Sohar, Punkt 10): „Und um diese Trennung zu beheben, die auf dem Gefäß der Seelen lastet, erschuf Er alle Welten und teilte sie in zwei Systeme: die vier Welten ABYA (Azilut, Brija, Yezira, Assija) der Heiligkeit und ihnen gegenüber die vier Welten ABYA der Unreinheit (Tuma). Das Verlangen zu geben prägte Er dem System ABYA der Heiligkeit ein, und das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, nahm Er von ihnen und legte es in das System der Welten ABYA der Unreinheit. Und die Welten entfalteten sich Stufe um Stufe bis zur Wirklichkeit dieser körperlichen Welt – also bis zu einem Ort, an dem es Körper und Seele gibt sowie eine Zeit des Verderbens und eine Zeit der Korrektur (Tikun). Denn der Körper, also das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, stammt von seiner Wurzel im Schöpfungsgedanken, wie erwähnt, durchläuft das System der Welten der Unreinheit und bleibt bis zum dreizehnten Jahr unterworfen – das ist die Zeit des Verderbens. Durch das Sich-Befassen mit den Mizwot vom dreizehnten Jahr an beginnt er, das in ihn eingeprägte Verlangen, für sich selbst zu empfangen, zu läutern, und verwandelt es nach und nach, sodass es um des Gebens willen wirkt. Damit zieht er fortlaufend eine heilige Seele von ihrer Wurzel im Schöpfungsgedanken herab. Diese durchläuft das System der Welten der Heiligkeit und kleidet sich in den Körper. Und das ist die Zeit der Korrektur.“
Die genannte Ordnung besagt, dass der Mensch bis zum dreizehnten Jahr unter der Herrschaft der Klipot steht. In dieser Zeit befriedigt er alle seine Bedürfnisse in voller Vollständigkeit, und es gibt niemanden, der nicht diese Bahn der Zeit des Verderbens durchlaufen würde, denn dieser Weg ist natürlich. Das heißt: Alles, was er tut, schadet dem Verlangen, für sich selbst zu empfangen, nicht. Doch nach dem dreizehnten Jahr, wenn der Mensch beginnt, in Tora und Mizwot mit der Absicht zu arbeiten, aus der Herrschaft der Unreinheit herauszutreten – wenn er also umgekehrt arbeiten will, sodass er durch die Kraft der Tora und Mizwot, die er erfüllt, die Kraft erhält, das Verlangen zu empfangen zu annullieren, das aus dem System der Unreinheit stammt –, da wird die Arbeit schwer, weil sie gegen die Natur geht. [Und ich, M. Laitman, habe von meinem Lehrer und Meister RABASH gehört, dass Baal HaSulam die Zahl dreizehn schrieb, um die Sache zu verschleiern.]
Denn der Mensch wird mit dem Verlangen geboren, für sich selbst zu empfangen. Und plötzlich tritt man an den Körper heran und sagt ihm: „Höre, bisher hast du in Gedanke, Wort und Tat zu deinem eigenen Nutzen gearbeitet. Von nun an aber will ich, dass du nur zum Nutzen des Schöpfers arbeitest – dass also alle Taten, die du vollbringst, ganz in der Absicht geschehen, deinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.“
Wenn der Körper solche Worte hört, widersetzt er sich mit aller Macht – sowohl im Verstand (mocha) als auch im Herzen (liba). Und je nachdem, wie sehr der Mensch sich anstrengt, in diesem Maß zeigt der Körper seinen Widerstand in allerlei Einwänden. Sie gleichen den Einwänden der Kundschafter (Meraglim), die über das Land Israel sprachen, wie der Heilige Sohar erklärt (Schlach, Blatt 20, im Sulam, Punkt 59): „‚Und sie zogen hinauf in den Negev.‘ Das bedeutet: Die Menschen steigen darin hinauf, ‚im Negev‘, also mit trägem Herzen – wie einer, der sich vergeblich und fruchtlos abmüht, weil er meint, es liege kein Lohn darin. Er sieht, dass der Reichtum dieser Welt um ihretwillen verloren ist, und meint, alles sei verloren.“
Ebenda (Punkt 63): „‚Und sie kehrten zurück vom Auskundschaften des Landes.‘ Das heißt, sie wandten sich der bösen Seite zu und kehrten vom Weg der Wahrheit ab, indem sie sagten: ‚Was haben wir davon? Bis heute haben wir in der Welt nichts Gutes gesehen. Wir haben uns in der Tora abgemüht, und das Haus ist leer. Wir saßen unter den Geringsten des Volkes. Wer wird jener Welt würdig, und wer gelangt in sie hinein? Besser wäre es uns, wir hätten uns nicht so abgemüht. Gewiss ist jene höhere Welt gut – aber wer kann ihrer würdig werden?‘“
Aus dem Gesagten sehen wir, dass der Einwand der Kundschafter erst nach der Mühe kommt, wenn sie bereits begonnen haben, um des Gebens willen zu arbeiten. So steht es im Heiligen Sohar, dass sie sagten: „Bis heute haben wir in der Welt nichts Gutes gesehen. Wir haben uns in der Tora abgemüht.“ Und sie sagten auch: „Besser wäre es, wir hätten uns nicht so abgemüht.“ Das heißt, sie hatten bereits viel Arbeit investiert, um zum Geben zu gelangen, was „Land Israel“ genannt wird. Denn „Land“ (Erez) bedeutet Verlangen (Razon), und „Israel“ bedeutet Yashar-El – „gerade zu Gott“. Ihr Verlangen ist also, dass alles Yashar-El sei, gerade zum Schöpfer hin und nicht zu den Klipot, deren Herrschaft im Verlangen liegt, für sich selbst zu empfangen, wie erwähnt.
Doch die Kundschafter sagten: „Gut ist jene höhere Welt – aber wer kann ihrer würdig werden?“ Wir sehen: Das Böse im Menschen, das ihn am Betreten des Weges der Wahrheit hindert – nämlich einzig um des Gebens willen zu arbeiten –, zeigt sich nicht auf einmal. Vielmehr verläuft alles nach der Art „das eine gegenüber dem anderen“: In dem Maß, in dem das Geben zunimmt, nimmt auch das Empfangen-Wollen zu.
Darum meint der Mensch, er gehe rückwärts und nicht vorwärts. In Wahrheit aber kommt er sehr wohl voran. Er kann das daran erkennen: Je mehr er sich bemüht, in der Arbeit des Gebens zu gehen, desto stärker spürt er den Zug zum Verlangen zu empfangen. Bevor er nämlich Kräfte aufwandte, um den Weg des Gebens zu gehen, hatte er gar nicht so viel Zug zur Selbstliebe.
Anders ist es, nachdem er in die Arbeit des Gebens eingetreten ist: Eigentlich sollte bei ihm nun das Verlangen zu geben stärker und das Verlangen zu empfangen schwächer sein. Er aber fragt: Was habe ich von meiner Arbeit um des Gebens willen gewonnen, wenn das Verlangen zu empfangen stärker geworden ist? Es ist bei ihm nämlich eine Stufe gestiegen, also wichtiger geworden, während das Verlangen zu geben schwächer wurde – es steht bei ihm also auf einer niedrigeren Stufe, nachdem er in dieser Arbeit begonnen hat, Gefäße des Gebens zu erwerben.
Es zeigt sich also: Erst wenn er mit der Arbeit des Gebens begonnen hat, kommen die Einwände der Kundschafter. Bevor er mit der Arbeit des Gebens begann und seine Arbeit wie die der Allgemeinheit war, wusste er, dass er Tora lernt und sich mit Mizwot befasst, und er hatte keinerlei Kummer, während er seine Arbeit in Tora und Mizwot verrichtete. Anders aber, nachdem er mit der Arbeit des Gebens begonnen hat: Sogar während seiner Arbeit empfindet er Kummer und Leid.
Und tatsächlich sieht er, dass die Einwände der Kundschafter, die ihm dann in den Sinn kommen, in allem recht haben. Das führt dazu, dass er „das Frühere bereut“ (tohe al ha-rishonot) – er ist erzürnt über den, der ihn in diese Arbeit des Gebens hineingeführt hat. Lebte er doch in einer Welt, die ganz und gar gut war, und empfand geradezu: „Wohl dir in dieser Welt, und gut sei dir in der kommenden Welt.“ Und hier hört er nun wahrhaftig von seinem eigenen Körper den Einwand der Kundschafter: „Wir haben uns vergeblich abgemüht – und wer kann der höheren Welt würdig werden?“
Es zeigt sich also, dass er sich völlig mittellos fühlt. Denn nun sieht er die Wahrheit: dass das Böse in ihm über ihn herrscht und er keine Erlaubnis hat, ihm zu widersprechen und gegen den Willen und die Auffassung des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, vorzugehen. Und er fühlt wahrhaftig, wie er völlig von der Heiligkeit getrennt ist und sich in der Schar der Toten befindet – im Sinne von „Die Frevler werden zu Lebzeiten ‚tot‘ genannt“, weil sie vom Leben der Lebenden getrennt sind. Jetzt empfindet er das ganz konkret.
Anders war es, bevor er in die Arbeit des Gebens eintrat: Da sagte er von sich, er gehöre zur Schar der Diener des Schöpfers. Und alle Tatkraft, die er in der Arbeit hatte, brachte ihm Schmerz und Kummer, weil er sah, dass es Menschen gibt, die nicht den Weg des Schöpfers gehen. Seiner selbst aber war er mehr oder weniger sicher, dass er „Diener des Schöpfers“ heißt.
Jetzt aber sieht er, was ihm zuteilwurde, weil man ihm riet, den genannten Weg zu gehen: nur Kummer und Schmerz, weil er diese Welt nicht hat. Das heißt, in dieser Welt sieht er, dass es um ihn mit dem Schöpfer nicht gut steht. Er spürt nämlich, dass er zum Nutzen des Schöpfers arbeiten möchte; im eigenen Nutzen aber findet er keine Befriedigung mehr. Und obwohl er aus dem eigenen Nutzen nicht heraustreten kann, findet er auch im eigenen Nutzen keine Befriedigung.
Und wie kann er nun, im Blick auf die kommende Welt, hoffen und sich sagen, dass er in der kommenden Welt einen Lohn hat? Er sieht doch jetzt die Wahrheit: dass er keinerlei Absicht hat, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten, sodass er sagen könnte: „Mir steht ein Lohn zu, weil ich für den Schöpfer gearbeitet habe.“
Aus dem Gesagten sehen wir: Gerade dann, wenn der Mensch beginnt, den Weg des Gebens zu gehen, gerät er in einen Zustand von Schmerz und Kummer und in das Empfinden der Mühe, die in der Arbeit für den Schöpfer liegt. Die Mühe beginnt nämlich erst dann zu wirken, wenn man zum Nutzen des Schöpfers arbeiten will. Denn erst dann kommen die Einwände der Kundschafter über ihn, und es ist sehr schwer, sie zu überwinden. Viele fliehen aus der Schlacht und geben den Einwänden der Kundschafter nach.
Diejenigen aber, die sich nicht fortbewegen wollen, sondern sagen „Wir haben keinen anderen Ort, an den wir uns wenden könnten“, leiden darunter, dass sie die Einwände nicht immer überwinden können. Sie befinden sich in einem Zustand von Auf und Ab. Und je mehr sie sich überwinden, desto mehr sehen sie, dass sie weiter vom Ziel entfernt sind – wollen sie doch die Anhaftung an den Schöpfer erlangen, die die Übereinstimmung der Form (Hishtawut haZura) ist.
Das Maß des Kummers, das sie ertragen müssen, rührt daher: In Wahrheit ist der Mensch nicht fähig, aus eigener Kraft aus der Herrschaft des eigennützigen Empfangens herauszutreten. Denn das ist die Natur, in der der Schöpfer den Menschen erschuf, und nur der Schöpfer selbst kann sie ändern. So wie Er den Geschöpfen das Verlangen zu empfangen gab, so kann Er ihnen danach auch das Verlangen zu geben geben.
Nach der Regel „Es gibt kein Licht ohne ein Gefäß, keine Füllung ohne einen Mangel“ muss der Mensch jedoch zuerst einen Mangel erlangen. Das heißt, er muss spüren, dass ihm dieses Gefäß fehlt, das „Verlangen zu geben“ heißt. Mit dem Empfinden ist es so: Man kann keinen Mangel empfinden, wenn man nicht weiß, was man verliert, weil einem dieses Gefäß, das „Verlangen zu geben“ heißt, fehlt. Darum muss der Mensch eine Selbstprüfung (Cheshbon haNefesh) halten: Was bewirkt, dass er das Verlangen zu geben nicht hat?
Und je nach dem Wert des Verlusts, in diesem Maß empfindet er Kummer und Leid. Hat er den wahren Mangel – kann er also bereits aus tiefstem Herzen zum Schöpfer beten darüber, dass ihm die Kraft fehlt, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten –, dann, wenn er das Gefäß hat, also den wahren Mangel, ist das der wahre Zeitpunkt, an dem sein Gebet angenommen wird. Und er empfängt Hilfe von oben, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“
Damit verstehen wir unsere Frage, was die Auslegung „dem Kummer entsprechend ist die Belohnung“ bedeutet. Gemeint ist: gemäß dem Mangel, den er hat – also gemäß dem Maß, in dem er Kummer darüber empfindet, dass er nicht aus der Herrschaft des Bösen heraustreten kann. „Böse“ nennt man es, weil er spürt, dass es etwas Böses ist – er sieht nämlich, welche Übel ihm die Gefäße des Empfangens zufügen. Dann empfindet er wahrhaftigen Kummer. Und das gibt ihm das Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm helfe. So empfängt er „agra“, also den Lohn für den Kummer, den er hatte. Das ist gemeint mit „dem Kummer entsprechend“ (lefum tzaara): Gemäß dem vollen Maß, das im Kummer liegt – also im Erfassen des Mangels –, kommt der Lohn (agra); dann ist die Zeit, da der Lohn kommt, wie erwähnt, „denn es gibt kein Licht ohne ein Gefäß“.
Damit versteht sich von selbst unsere Frage zu dem, was unsere Weisen sagten: „Seid nicht wie Knechte, die dem Meister dienen, um eine Belohnung zu empfangen.“ Es ist also verboten, zu arbeiten, um einen Lohn zu empfangen. Und der Grund ist: Durch das Empfangen des Lohnes trennt man sich vom Schöpfer, der der Gebende ist, während der Mensch empfangen will.
Die Antwort lautet: Der Lohn, um den er für seine Mühe bittet, besteht darin, dass er die Gefäße des Empfangens überwinden und um des Gebens willen arbeiten kann. Ein solcher Lohn führt ihn im Gegenteil sogar dazu, am Leben der Lebenden anzuhaften. Das heißt: Der Lohn, den er erhofft, besteht darin, dass man ihm Kräfte gibt, ohne jenen Lohn zu arbeiten, der den Gefäßen des Empfangens zukommt und durch den man getrennt wird – vielmehr den Lohn, der den Gefäßen des Gebens zukommt und durch den er dem Schöpfer nahe wird.
Damit verstehen wir auch unsere Frage zu dem, was wir in den Shabbat-Gesängen singen: „Sein Lohn ist sehr groß, gemäß seinem Wirken.“ Hier ist zu verstehen:
1. Darf man denn für einen Lohn arbeiten? Wenn ja, warum heißt es dann „Sein Lohn ist sehr groß“?
2. „Sein Lohn ist sehr groß, gemäß seinem Wirken.“ Was ist daran neu? Bei allem empfängt man doch mehr Lohn, wenn man mehr Arbeit aufwendet. Was bedeutet also „Sein Lohn ist sehr groß“? Verständlich wäre es, wenn es hieße: „Sein Lohn ist sehr groß, obwohl er gar nicht so viel Mühe aufgewendet hat, und dennoch hat er viel Lohn.“
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, dass es sich mit „seinem Wirken“ nicht so verhält wie bei körperlicher Arbeit. Denn dort empfängt man Lohn gemäß dem Ertrag, den ein Mensch liefert. Ein Ertrag bedeutet etwas Greifbares – es gibt etwas, was der Arbeiter geschaffen hat. Und je größer der Ertrag, desto mehr Lohn empfängt er.
Hier dagegen bedeutet „gemäß seinem Wirken“: gemäß dem, wie er gearbeitet und sich gemüht hat, ohne irgendetwas Greifbares in der Arbeit zu sehen. Im Gegenteil, jedes Mal sieht er mehr Negatives in seiner Arbeit – jedes Mal sieht er nämlich, dass er nicht zum Nutzen des Schöpfers arbeiten will. Wie kann er da um einen Lohn bitten, sodass man sagen könnte „Sein Lohn ist sehr groß, gemäß seinem Wirken“, obwohl er keinerlei Fortschritt sieht? Im Gegenteil, jedes Mal geht er rückwärts; dennoch flieht er nicht aus der Schlacht und lässt in der Arbeit nicht nach, sondern arbeitet, als käme er sehr wohl voran. Es zeigt sich also: „Gemäß seinem Wirken“ bedeutet – gemäß dem, wie sehr er sich jedes Mal überwindet, und gemäß dem Kummer und der Mühe, die er in diese Arbeit investiert. Das bewirkt, dass er ein Gefäß und ein wahres Bedürfnis erlangen kann, dass der Schöpfer ihm helfe.
Es zeigt sich also, dass dies dem Materiellen nicht gleicht, wo man Lohn gemäß dem Ertrag empfängt – wo es also etwas gibt, woran man die geleistete Arbeit ablesen kann. Hier ist es umgekehrt.
Und auch die Frage, warum man hier einen Lohn empfangen darf: Es ist wie erwähnt. Denn der Lohn, den er fordert, ist nicht ein solcher, der ihn vom Anhaften an Ihm trennen würde. Vielmehr besteht sein ganzer Lohn, den man ihm hoffentlich gibt, darin, dass er die Fähigkeit erlangt, dem Schöpfer zu geben – sodass er durch diesen Lohn an Ihm anhaftet.
Und das ist gemeint mit dem, was geschrieben steht: „Und es ist gut, wenn Kummer und Urteil vorausgehen, um die Barmherzigkeit herbeizuführen.“ Wir fragten, wozu Kummer und Urteil nötig sind, wenn man Barmherzigkeit will. Die Erklärung ist wie erwähnt: Der Kummer ist das Gefäß und das Bedürfnis, denn „es gibt kein Licht ohne ein Gefäß“. Und was ist das „Licht“? Es ist die Barmherzigkeit – im Sinne dessen, was unsere Weisen sagten: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig“, dass Er ihm dies gebe.
korrOp, EY, 16.7.2026, Ver4