1988/01 Warum ist das Leben in zwei Arten aufgeteilt?
Unsere Weisen sagten (Berachot 18): „Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden.“ Das sind die Gerechten, die in ihrem Tod „lebendig“ genannt werden. Rashi erklärt: „Das sind die Gerechten.“ Und was heißt „sie wissen, dass sie sterben werden“? Sie nehmen sich den Tag des Todes zu Herzen und ziehen ihre Hand von der Übertretung zurück. „Und die Toten wissen gar nichts“ – das sind die Bösen, die zu Lebzeiten „tot“ genannt werden. Rashi erklärt: „Die Frevler wissen gar nichts“, denn sie stellen sich, als wüssten sie nichts, und sündigen. So weit seine Worte.
Aus dem Gesagten folgt, dass es ein Leben gibt, das „Tod“ heißt: Bei den Bösen wird ihr Leben „Tod“ genannt. Ebenso gibt es einen Tod, der „Leben“ heißt, und das ist bei den Gerechten. Es gibt also zwei Arten von Leben:
1. das Leben der Bösen;
2. das Leben der Gerechten.
Wie das Leben der Gerechten heißt, steht nicht geschrieben. Geschrieben steht nur, dass der Tod der Gerechten „Leben“ genannt wird. Und sicher muss man sagen: Wenn schon der Tod der Gerechten „Leben“ heißt, dann ist das Leben der Gerechten gewiss eine noch höhere Stufe.
Nach Rashis Erklärung bedeutet „in ihrem Tod“, dass sie nicht sündigen, weil sie auf ihren Zustand des Todes blicken. Doch was hat das mit dem Leben zu tun? Wer nicht sündigt, hat damit ja schon Leben. Ebenso erklärt Rashi, warum die Bösen zu Lebzeiten „tot“ genannt werden: weil die Toten gar nichts wissen, das heißt, weil sie sich stellen, als wüssten sie nichts. Das ist so zu verstehen, dass sie nichts vom Tag des Todes wissen.
Auch das muss man verstehen: Wer sich nicht an den Tag des Todes erinnert, muss er denn sündigen? Unsere Weisen sagten doch (Berachot 5): „Immer reize der Mensch den guten Trieb gegen den bösen Trieb auf. Besiegt er ihn, ist es gut; wenn nicht, beschäftige er sich mit der Tora. Besiegt er ihn, ist es gut; wenn nicht, lese er das Shma (das ‚Höre, Israel‘-Gebet). Wenn nicht, erinnere er sich an den Tag des Todes.“ Daraus geht hervor: Selbst wer sich nicht an den Tag des Todes erinnert, muss deshalb noch keine Sünden begehen.
Was meint Rashi dann mit seiner Erklärung, dass sie sich stellen, als wüssten sie nichts vom Tag des Todes, und deshalb sündigen? Das würde ja bedeuten, dass jeder, der nicht sündigen will, immer an den Tag des Todes denken muss.
Um all dies zu verstehen, müssen wir uns alles vor Augen halten, was vor uns liegt: das Ziel der Schöpfung und ebenso die Korrektur der Schöpfung, die danach erfolgte. Außerdem müssen wir den Grundsatz verstehen, dass es kein Licht ohne Kli (Gefäß) gibt. Bekanntlich ist das Ziel der Schöpfung, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Und bekanntlich gibt es kein Licht ohne Kli, das heißt: Es kann keine Füllung ohne einen Mangel geben. Deshalb erschuf der Schöpfer – als Etwas aus dem Nichts – einen Mangel und ein Verlangen, Genüsse zu empfangen; das nennt man das „Verlangen, Genuss zu empfangen“.
An diesem Kli, das „Verlangen zu empfangen“ heißt, wurde danach eine Korrektur vorgenommen, die „Zimzum“ (Einschränkung) genannt wird. Denn beim Empfangen der Fülle besteht keine Gleichheit zwischen dem Gebenden und dem Empfangenden; dieses Kli aber sehnte sich nach Gleichheit der Form, die „Anhaftung“ (Dwekut) genannt wird. Darum wollte es nicht in sein Verlangen zu empfangen aufnehmen, sondern über diesem Bereich sollte eine Einschränkung liegen: Es würde nur noch so viel empfangen, wie es mit der Absicht zu geben ausrichten kann. Das ist die Korrektur der Schöpfung – damit die Geschöpfe eine Unannehmlichkeit empfinden, wenn sie die Genüsse vom Schöpfer empfangen.
Nun verstehen wir: Das Ziel der Schöpfung ist, dass die Geschöpfe Gutes und Genuss empfangen. Die Korrektur der Schöpfung ist, dass die Geschöpfe beim Empfangen der Genüsse keine Unannehmlichkeit empfinden. „Kli“ bedeutet Mangel, „Licht“ bedeutet Füllung. Daraus folgt: Das Kli, in das das Leben eingekleidet ist, heißt „Verlangen“, und das Leben, das in ihm eingekleidet ist, heißt „Licht“.
Daraus verstehen wir, dass es zwei Arten von Gefäßen gibt:
1. ein Kli ohne die Korrektur der Schöpfung, das „Empfangen, um zu empfangen“ genannt wird;
2. ein Kli, an dem die Korrektur der Schöpfung vollzogen ist und das „Empfangen, um zu geben“ genannt wird.
Da das Leben „Licht“ heißt, ergibt sich: Es gibt ein Leben, das in die Gefäße des Verlangens zu empfangen eingekleidet ist. Dadurch erhalten wir vom Schöpfer eine Verschiedenheit der Form, und das trennt uns vom Leben der Lebendigen. Darum wird dieses Leben „Tod“ genannt – wegen der Trennung, die dort entsteht.
Und es gibt ein Leben, „Licht“ genannt, das in Gefäße eingekleidet ist, an denen die Korrektur der Schöpfung vollzogen ist – „Empfangen, um zu geben“. Obwohl diese „Empfangende“ heißen, bleiben sie, weil ihre Absicht auf das Geben gerichtet ist, in der Anhaftung, sogar während sie die Genüsse empfangen. Das Licht also, das ein solcher Mensch empfängt – das Leben –, heißt „Leben“, weil das Licht mit dem Leben der Lebendigen verbunden bleibt.
Damit lässt sich erklären, warum es heißt: „Die Frevler werden zu Lebzeiten tot genannt.“ Denn alles, was sie empfangen, empfangen sie in Gefäßen des Empfangens, und das bewirkt Trennung. Deshalb sagten sie: „Die Frevler werden zu Lebzeiten tot genannt.“ Daraus versteht sich von selbst auch: „Die Gerechten werden zu Lebzeiten lebendig genannt.“ Denn sie empfangen die Füllung des Kli – das Licht und den Genuss – in Gefäßen des Gebens, und dadurch haften sie am Leben der Lebendigen, obwohl sie zu Empfangenden werden.
Doch wie ist demnach der Ausspruch unserer Weisen zu verstehen: „Die Gerechten werden in ihrem Tod lebendig genannt“? Der Sinn ist folgender: In der Ordnung der Arbeit beginnt man mit lo liShma (nicht um ihretwillen), und aus lo liShma gelangt man zu liShma (um ihretwillen).
Wenn ein Mensch die Arbeit beginnt, ist seine Absicht auf den eigenen Nutzen gerichtet – das nennt man „Belohnung und Strafe“. Später wird er gewürdigt, und von oben wird ihm durch eine Erweckung von oben (Itaruta deLeEla) gezeigt, dass er den Weg der Wahrheit gehen soll, also alles um des Himmels willen tun soll. Sobald man ihm aber von oben zeigt, was „um des Himmels willen“ und nicht „zum eigenen Nutzen“ heißt, flieht der Körper vor dieser Arbeit und will nicht mehr arbeiten. Und der Mensch meint dann, er befinde sich in einem Zustand des Abstiegs.
Als er zu arbeiten begann, war er nämlich im Zustand des Aufstiegs: Er war reiner und nicht so grob, darum widersetzte sich der Körper seiner Arbeit nicht. Jetzt aber ist der Körper grob geworden und will deshalb nicht arbeiten. Da sagt er: „Diese Arbeit ist nichts für mich. Denn ich sehe: Ich komme nicht nur nicht weiter voran, ich gehe sogar rückwärts. Dann sind meine Arbeit und meine Zeit schade darum. Wenn ich also kein spirituelles Leben erwerben kann, will ich wenigstens ein körperliches Leben erwerben – wie die ganze Welt, die nicht an das Spirituelle denkt, sondern nur an das Körperliche.“
„Auch ich will so sein wie sie. Wenigstens will ich versuchen, von der Welt zu genießen, was möglich ist. Sonst stehe ich am Ende mit leeren Händen da – hier wie dort.“ Und dann sagt er, er werde erfüllen, was unsere Weisen lehrten (Joma 72): „Rava sprach zu den Gelehrten: Ich flehe euch an, erbt nicht eine zweifache Hölle.“ Rashi erklärt „zweifache Hölle“: sich in dieser Welt mit der Tora abzumühen und zu plagen, „sie aber nicht zu erfüllen, sodass ihr im Tod die Hölle erbt und zu Lebzeiten eure Welt nicht genossen habt“.
Damit lässt sich erklären: Wenn der Mensch in einen Zustand des Abstiegs gerät, der „Tod“ heißt – das heißt, er spürt einen Geschmack des Todes –, so geschieht das, wenn er den Weg des Gebens geht. Das bedeutet: Alle seine Handlungen sollen nur dazu dienen, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, und für sich selbst will er nichts. Das nennt man „dem Schöpfer mit Hingabe des Lebens dienen“. Und eben das empfindet der Mensch als einen Zustand des Todes.
Und tatsächlich erhebt sich die Frage, die wir gestellt haben: Es ist doch bekannt, dass „eine Mizwa eine Mizwa nach sich zieht“. Warum also gerät er aus einem Zustand, in dem er beim Beschäftigen mit Tora und Mizwot einen Geschmack des Lebens spürte, in einen Zustand, in dem er – kaum dass er nur zu sagen beginnt, er wolle Tora und Mizwot um des Himmels willen erfüllen – darin einen Geschmack des Todes spürt und nicht des Lebens? Wo bleibt der Grundsatz, dass „eine Mizwa eine Mizwa nach sich zieht“? Denn es heißt (Awot 4,2 – Sprüche der Väter): „Ben Azai sagt: Eile zu einer leichten Mizwa und fliehe vor der Übertretung; denn eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich, und eine Übertretung zieht eine Übertretung nach sich. Denn der Lohn einer Mizwa ist eine Mizwa, und der Lohn einer Übertretung ist eine Übertretung.“
Doch es verhält sich wie oben gesagt: Weil er die Arbeit in lo liShma begann, sich ihr mit Herz und Seele hingab und alles ernsthaft auf sich nahm, wurde er gewürdigt, dass man ihm von oben zu erkennen gab, dass es eine Arbeit des Gebens gibt und nicht zum eigenen Nutzen. Und der Grund, dass er diese Erkenntnis erlangte – dieses Empfinden in den Gliedern –, war eben, dass „eine Mizwa eine Mizwa nach sich zieht“. Denn nicht jeder wird gewürdigt zu spüren, was es heißt, dass seine ganze Arbeit allein dem Nutzen des Schöpfers dienen soll und nicht dem eigenen. Und das trifft gerade auf den zu, der seine ganze Kraft in lo liShma gegeben hat und dadurch zum Empfinden von liShma gelangt. Damit aber ist der Körper gewiss in keiner Weise einverstanden.
Doch jetzt – in dem Zustand, in dem er sieht, dass der Körper bei der Arbeit des Gebens nichts zu empfangen hat – steht der Mensch vor einem Dilemma:
Entweder er sagt, er ist jetzt in einem Zustand des Abstiegs, der „Übertretung“ heißt. Dann gerät er in Verzweiflung und sagt, wie oben: Er sieht nun, dass die Hauptsache das Geben ist, und zu geben ist er nicht fähig; darum muss er das Schlachtfeld verlassen und wenigstens zum Genuss des körperlichen Lebens zurückkehren.
Oder er sagt: „Als ich die Arbeit begann, geschahen alle Handlungen in der Absicht lo liShma. Da richtete sich die Arbeit nicht gegen das Verlangen zu empfangen, und der Körper widersetzte sich nicht. Jetzt aber, da ich erkennen durfte, dass es ein liShma gibt – das heißt „um des Nutzens des Schöpfers willen arbeiten“ –, muss sich der Körper gewiss widersetzen, weil das gegen die Natur ist.“ Wie kann man denn überhaupt um des Nutzens des Schöpfers willen arbeiten? Die Antwort: In der Natur liegt es, dass der Geringere dem Größeren ohne jeden Gegenwert dienen kann, weil er großen Genuss dabei empfindet, ihm zu dienen.
Es erhebt sich also die Frage: Warum ist der Körper nicht bereit, um des Nutzens des Schöpfers willen zu arbeiten? Die Antwort: Der Körper glaubt nicht an die Größe des Schöpfers. Denn dort, wo man glauben muss, widersetzt sich der Körper, weil der Glaube für ihn etwas Unwichtiges ist. Das heißt: Wenn die Größe des Schöpfers nicht offen im Verstand liegt, sondern man glauben muss, gilt das beim Menschen als etwas „Niedriges“ und in seiner Bedeutung „Geringes“. Und diese Arbeit erträgt der Körper nicht.
Demnach ist zu fragen: Warum schuf der Schöpfer die Verhüllung und die Einschränkung, sodass Seine Größe nicht offenbart ist? Vielmehr kann der Mensch, wenn er die Größe des Schöpfers spüren will, nur durch den Glauben dahin gelangen. Die Antwort ist bekannt: Solange der Mensch noch nicht von den Gefäßen des Empfangens gereinigt ist, würde er alles – also alle Offenbarungen des Schöpfers – in die Gefäße der Selbstliebe aufnehmen. Das würde ihn vom Spirituellen trennen, und es wäre wie der Zustand „der seinen Herrn kennt und vorsätzlich gegen Ihn rebelliert“.
Ist der Mensch aber ein Gerechter – wie unsere Weisen sagten, dass „ein Gerechter der ist, der seinen Schöpfer rechtfertigt“ –, so sagt er: Sicher hat der Schöpfer ihn, obwohl er jetzt eine Zeit des Abstiegs erlebt, nicht von Seinem Dienst verstoßen; vielmehr ist das eine große Korrektur für ihn. Das heißt: Es wird ihm jetzt Raum gegeben, über dem Verstand an die Größe des Schöpfers zu glauben. Und ebenso entsteht in ihm jetzt das Bedürfnis, den Schöpfer zu bitten, ihm von Seiner Größe zu leuchten.
Dabei will er die Größe des Schöpfers nicht wegen des Genusses spüren, der in dieser Offenbarung liegt. Seine Absicht ist nicht, seinem Gefäß des Empfangens Genuss zu verschaffen. Im Gegenteil: Weil er alle Selbstliebe in sich auslöschen will, der Körper sich aber nicht beugen will, bittet er den Schöpfer, ihm zu leuchten und die Verhüllung von ihm zu nehmen, damit sich das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, vor dem Schöpfer auflöst.
Damit verstehen wir, was Ben Azai sagte: „Eile zu einer leichten Mizwa.“ Das bedeutet: Der Mensch steht vor einem Dilemma:
Entweder er sagt: Dieser Abstieg – dass er von seiner früheren Stufe gefallen ist, auf der er Verlangen und Lust zur Arbeit hatte, während er jetzt in der Arbeit nur Unannehmlichkeit ohne jede Lebendigkeit spürt und alles unter Zwang tut – kommt ihm von oben. Der Grund: Man will, dass er den Weg der Wahrheit geht, also im Glauben über dem Verstand. Und das ist eine „leichte Mizwa“, die der Mensch geringachtet, weil sie ihm unwichtig erscheint – gerade dann, wenn er über den Verstand hinausgehen soll.
Oder er sagt das Gegenteil: Das kommt nicht daher, dass „eine Mizwa eine Mizwa nach sich zieht“, sondern er ist einfach ein gröberer Mensch mit schlechteren Eigenschaften als andere. Demnach ist er schlicht ein Übertreter und der heiligen Arbeit nicht würdig, sondern „eine Übertretung zieht eine Übertretung nach sich“. „Da ich Tora und Mizwot jetzt nur unter Zwang erfülle und keinerlei Liebe zur heiligen Arbeit habe, will ich noch eine Übertretung begehen: den Weg des Zwangs verlassen. Wenn ich einmal guter Stimmung bin, werde ich mich mit Tora und Mizwot beschäftigen. Bis dahin kehre ich zum körperlichen Leben zurück und genieße wenigstens diese Welt.“ – wie oben in den Worten Ravas.
Wenn der Mensch also vor diesem Dilemma steht, sagt Ben Azai: „Eile zu einer leichten Mizwa“ – dass du dich beeilst und dich für die leichte Mizwa entscheidest. Das heißt: Dieser Zustand ist eine leichte Mizwa, die man dir vom Himmel gegeben hat, damit du auf dem Weg, der zur Wahrheit führt, vorangehst. Und der Grund ist: „Eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich.“ Weil du in lo liShma begonnen hast und deine Absicht war, dich Tora und Mizwot mit Herz und Seele hinzugeben, darum „zieht eine Mizwa eine Mizwa nach sich“.
Deshalb hat man dir vom Himmel kundgetan, dass es ein liShma gibt, und du hast begonnen, das zu spüren. Jetzt ist die Zeit, da der Mensch das Bedürfnis hat, dass der Schöpfer ihn Sich näher bringt. Denn nun sieht der Mensch, was unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen gewinnt täglich die Oberhand über ihn, und wenn der Schöpfer ihm nicht helfen würde, könnte er ihn nicht überwinden.“
„Und fliehe vor der Übertretung.“ Das heißt: Fliehe davor zu sagen, der Zustand, in dem du dich jetzt befindest, sei eine Übertretung. Sage vielmehr: Eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich, es kann gar keine Übertretung sein. Sagst du es aber nicht so, sondern nennst es eine Übertretung, dann wisse: „Eine Übertretung zieht eine Übertretung nach sich.“ Du wirst dann gezwungen sein, eine weitere Übertretung zu begehen – das heißt, du wirst notgedrungen zum körperlichen Leben zurückkehren und die begonnene Arbeit aufgeben, weil du wenigstens das Leben dieser Welt genießen willst, wie oben in den Worten Ravas, der sagte: dass ihr nicht im Tod die Hölle erbt und zu Lebzeiten eure Welt nicht genossen habt.
Mit dem Gesagten verstehen wir, was wir zu Rashis Erklärung gefragt haben. Er sagt zu dem Vers „Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden“: Das sind die Gerechten, die in ihrem Tod „lebendig“ genannt werden. „Und was heißt: sie wissen, dass sie sterben werden?“ Sie nehmen sich den Tag des Todes zu Herzen „und ziehen ihre Hand von der Übertretung zurück“. „Und die Toten wissen gar nichts“ – das sind die Bösen, die zu Lebzeiten „tot“ genannt werden. Und er sagt: weil sie sich stellen, als wüssten sie nichts, und sündigen.
Wir fragten: Nach Rashis Erklärung bedeutet das, dass jeder, der sich den Tag des Todes nicht zu Herzen nimmt, schon ein Sünder ist. Und wir fragten:
1. Zu seiner Erklärung, dass die Gerechten in ihrem Tod „lebendig“ genannt werden, weil sie nicht sündigen, da sie wissen, dass sie sterben werden. Daraus folgt, dass jeder, der nicht sündigt, schon Leben hat. Doch was hat das Nichtsündigen mit dem Leben zu tun?
2. Hier geht aus Rashis Worten hervor: Er sagt über diese Gerechten „die Lebenden wissen, dass sie sterben werden“, sie nehmen sich den Tag des Todes zu Herzen „und ziehen ihre Hand von der Übertretung zurück“. Aus seinen Worten folgt, dass sie nicht sündigen, weil sie sich den Tag des Todes zu Herzen nehmen – sonst würden sie sündigen. Es gibt aber den Ausspruch unserer Weisen, dass nicht gerade der Tag des Todes von der Sünde abhält (Berachot 5): „Immer reize der Mensch den guten Trieb gegen den bösen Trieb auf. Besiegt er ihn, ist es gut; wenn nicht, beschäftige er sich mit der Tora. Wenn nicht, lese er das Shma. Wenn nicht, erinnere er sich an den Tag des Todes.“
Wir sehen also, dass nicht gerade der Tag des Todes den Menschen vom Sündigen abhält. Nach dem Gesagten verstehen wir es nun und müssen genau auf den Ausdruck „Tag des Todes“ achten. Gemeint ist: die Zeit, in der der Mensch in einen Zustand des Abstiegs gerät – das heißt, er findet keinen Geschmack mehr an der Tora und am Gebet, und alles, was er in Sachen Tora und Mizwot tut, geschieht bei ihm unter Zwang, ohne jede Lebendigkeit. Das ist wahrhaft ein Empfinden des Todes.
Und der Mensch fragt sich: Was ist der Grund, dass ich von meinem früheren Zustand herabgefallen bin? Bevor ich die Arbeit des Gebens begann, war ich voller Freude und Zuversicht, ein Diener des Schöpfers zu werden. Es weckte in mir immer den Antrieb, Kräfte einzusetzen; ich kannte weder Trägheit noch Schwäche, sondern war immer für alles wach. Doch seit ich begonnen habe, auf dem Weg des Gebens zu arbeiten, ist mir alle Lebendigkeit in der Arbeit verloren gegangen, und alles geht mir nur noch schleppend von der Hand. Ich spüre einen Geschmack des Todes im Leben dieser Arbeit. Unsere Weisen sagten doch, dass eine Mizwa eine Mizwa nach sich zieht – ich aber sehe jetzt das Gegenteil.
Vielmehr muss der Mensch sich den Zustand des Todes, den er jetzt spürt, zu Herzen nehmen. Das ist mit den Worten gemeint: „Die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, sie nehmen sich den Tag des Todes zu Herzen und ziehen ihre Hand von der Übertretung zurück.“ „Sie nehmen sich den Tag des Todes zu Herzen“ ist so zu verstehen: Nach dem Grundsatz „eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich“ müsste jetzt eigentlich Tag sein. Das heißt: Seit er die Arbeit in liShma begonnen hat, müsste mehr Leben da sein, da er nun den Weg der Wahrheit geht. Warum aber empfindet er jetzt einen Zustand des Todes, der Finsternis ist und nicht Tag, sondern ein Zustand der Nacht?
Wer aber ein Gerechter ist, der rechtfertigt seinen Schöpfer und sagt: Sicher ist es zu meinem Besten, dass der Schöpfer mir jetzt einen Abstieg gegeben hat. Das heißt: Der Schöpfer hat mich jetzt erkennen lassen, was es bedeutet, dass der Mensch nicht zum eigenen Nutzen arbeitet, sondern allein zum Nutzen des Schöpfers. Und der Körper widersetzt sich dem gewiss, weil es gegen seine Natur ist. Bevor er aber die Arbeit in liShma begann und nur zum eigenen Nutzen arbeitete, widersetzte sich der Körper dem nicht.
Das ist also ein Zeichen, das ihm kundgetan wurde, damit er weiß, dass er den richtigen Weg geht: Der Körper widersetzt sich, sonst täte er es nicht. Darum hat er jetzt ein Bedürfnis – das „Kli“ genannt wird –, dass der Schöpfer ihm hilft. Wie geschrieben steht: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Denn um gegen die Natur zu gehen, braucht man die Hilfe des Schöpfers. Was im Rahmen der Natur liegt, kann der Mensch selbst tun; was aber gegen die Natur ist, nennt man „ein Wunder vom Himmel“. Das heißt: Nur vom Himmel kann man ihm die Kräfte geben, gegen die Natur zu gehen.
Demnach lautet die Erklärung von „sie nehmen sich den Tag des Todes zu Herzen, um ihn zu verstehen“ so: In Wahrheit ist dieser Tod, den ich spüre, ein Tag und nicht eine Nacht. Mit „Tag des Todes“ ist gemeint, dass hier ein Raum der Wahl besteht: zu sagen, es sei Tag – „Leben“ genannt –, oder zu sagen, es sei Tod. „Dies kam über mich, nachdem ich wahrhaft und mit aller Kraft gearbeitet hatte, um das Ziel zu erreichen, für das ich geboren bin. Und weil ich in lo liShma begann – und lo liShma steht nicht im Gegensatz zur Natur –, widersetzte sich der Körper nicht.“
„Jetzt aber wurde mir vom Himmel gewährt, den Weg des liShma zu gehen. Darum widersetzt sich der Körper und will keine Kräfte für die Arbeit geben, weil das gegen die Natur ist. Deshalb spüre ich jetzt einen Geschmack des Todes. Wenn ich nun sage, jetzt sei Tag und nicht Tod, dann schöpfe ich aus diesem Zustand die Kraft der Zuversicht, dass ich auf dem Weg, den ich jetzt gehe, Erfolg haben werde.“
Und ich ziehe meine Hand davon zurück zu sagen, dieser Zustand, in dem ich einen Tod empfinde, rühre daher, dass ich in einem Zustand der Übertretung bin, der „Abstieg“ heißt – und dass ich darum nichts mehr in der Arbeit zu suchen habe, weil ich sehe, dass es mit mir bergab geht und meine Zeit schade darum ist. Vielmehr sage ich: Dieser Zustand ist kein Abstieg, sondern ein Aufstieg auf eine höhere Stufe; ich bin auf die Bahn der Wahrheit gelangt.
Das ist mit den Worten „und sie ziehen ihre Hand von der Übertretung zurück“ gemeint: Sie halten sich davon zurück zu sagen, dieser Zustand sei eine Übertretung – woraus von selbst folgen würde „eine Übertretung zieht eine Übertretung nach sich“, nämlich dass es besser für mich wäre, das ganze Schlachtfeld zu verlassen. Stattdessen sage ich: Ich bin eine Stufe aufgestiegen, weil „eine Mizwa eine Mizwa nach sich zieht“.
Es zeigt sich also, dass man den Grundsatz „eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich“ sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft beziehen kann. Das heißt: Wenn er sagt, dieser Zustand sei eine Mizwa, dann „zieht eine Mizwa eine Mizwa nach sich“ – er hat nun also Glauben und Zuversicht, dass er gewürdigt wird, in den Stufen der Heiligkeit aufzusteigen und das Ziel zu erreichen.
Damit verstehen wir, was wir beten: „Gedenke unser zum Leben, König, der am Leben Gefallen hat, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens, um Deinetwillen, lebendiger Gott.“ Es ist zu verstehen, was der Schluss bedeutet: „um Deinetwillen, lebendiger Gott“. Wie wir sehen, gibt es zwei Arten von Leben:
1. das der Bösen;
2. das der Gerechten.
Das Leben der Bösen ist in Gefäßen des Empfangens, was „Trennung vom Schöpfer“ heißt; das Leben der Gerechten ist in Gefäßen des Gebens, und das ist ein Zustand der „Anhaftung an den Schöpfer“. Darum beten wir „Gedenke unser zum Leben“. Welches Leben? „Um Deinetwillen“ – das heißt: zum Geben. Mit anderen Worten: Wir bitten um ein Leben, das in Gefäßen des Gebens ist.
korrOp, EY, 16.7.2026, Ver4