1988/09 Was bedeutet es, dass der Gerechte unter Bedrängnis leidet?
Was bedeutet es, dass der Gerechte Leiden erträgt?
Der Sohar (WaJeshew, Blatt 4, und im Sulam Punkt 11) legt den Vers „Viele sind die Leiden des Gerechten“ aus. Dort heißt es: „‚Viele sind die Leiden des Gerechten, und der Schöpfer wird ihn von ihnen allen erretten.‘ Es steht nicht ‚Viele Leiden treffen den Gerechten‘, sondern ‚Viele Leiden – der Gerechte‘. Das lehrt: Wer viele Leiden erträgt, ist gerecht, weil der Schöpfer Gefallen an ihm hat. Und eben weil der Schöpfer an diesem Menschen Gefallen hat, errettet Er ihn von ihnen allen.“ So weit seine Worte.
Diese Worte sind zu verstehen:
Erstens: Warum muss der Gerechte Leiden ertragen?
Zweitens: Wenn der Schöpfer ihn danach ‚aus seiner Hand errettet‘ – welchen Nutzen hat es, dem Gerechten Leiden zuzufügen, wenn der Schöpfer ihn anschließend ohnehin retten muss? Das erscheint wie eine Arbeit ohne Nutzen.
Bekanntlich gilt für die Ordnung der Arbeit bei denen, die den Weg der Wahrheit gehen wollen – liShma (um ihretwillen) genannt, also mit der Absicht zu geben und nicht zum eigenen Nutzen –, dass sie Gerechte sein wollen und keine Bösen. Ein Böser heißt in der Sprache der Arbeit, wer ‚empfängt, um zu empfangen‘. Das heißt: Sogar Handlungen des Gebens, die jemand mit der Absicht zu empfangen vollbringt, nennt der Sohar ‚Böse‘. So sagt er zum Vers ‚Doch die Wohltätigkeit der Völker ist Sünde‘: all ihr Gutes tun sie für sich selbst. Gemeint ist, dass alles Gute, das sie wirken, dem eigenen Nutzen gilt. Und darin liegt ihre Sünde.
Wer dagegen ein Diener des Schöpfers sein will, muss allein zum Nutzen des Schöpfers arbeiten und nicht zum eigenen. Nun ist aber die Natur der Geschöpfe von sich aus nur auf den eigenen Nutzen gerichtet. Denn bekanntlich hat das Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, zu diesem Zweck einen Mangel erschaffen, damit die Geschöpfe sich danach sehnen, Genüsse zu empfangen. Ohne dieses Sehnen kann ein Mensch nichts genießen. Mehr noch: Das Maß des empfundenen Genusses hängt vom Maß der Sehnsucht ab.
Deshalb sagt man dem Menschen, er solle auf den eigenen Nutzen verzichten und stattdessen zum Nutzen des Schöpfers arbeiten, denn nur dadurch kann er zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gelangen, und das ist das Ziel des Menschen. Dieser Vorgang heißt Teshuwa (Umkehr). Denn durch die Eigenschaft des Empfangens wird der Mensch vom Schöpfer getrennt, und zwar wegen der Verschiedenheit der Form: Der Schöpfer ist der Gebende, und die Geschöpfe empfangen von Ihm, was Er ihnen gibt. Erreicht der Mensch daher eine Stufe, auf der sein ganzes Verlangen nur noch dem Geben gilt, so heißt das ‚Gleichheit der Form‘. Man sagt dann, das Geschöpf kehre zu seiner Wurzel zurück, das heißt, es vereinige sich mit dem Schöpfer. Und so gelangt er zur Stufe des ‚Gerechten‘, weil er nicht mehr zum eigenen Nutzen arbeitet, sondern zum Nutzen des Schöpfers.
Will der Mensch nun nicht zum Nutzen des Körpers arbeiten, so widersetzt sich der Körper seiner Arbeit und lässt ihn nichts tun, was dem Geben dient. Vergisst der Mensch dagegen die Absicht zu geben und beginnt er, mit der Absicht zu empfangen zu arbeiten, so kann er die Arbeit wieder fortsetzen. Doch nach der Regel ‚Aus lo liShma (nicht um ihretwillen) gelangt man zu liShma (um ihretwillen)‘ kommt ihm von oben ein Erwachen, dass er mit der Absicht zu geben arbeiten müsse. Sofort regt sich der Widerstand des Körpers; er lässt ihn die Arbeit des Gebens nicht fortsetzen, und der Mensch beginnt, die schweren Leiden zu spüren, die ihm der Körper bereitet.
Überwindet er seinen Körper bis zu einem gewissen Grad, fällt danach aber wieder von seiner Arbeit ab und spürt erneut das Böse in sich – und so wiederholt es sich immer wieder –, dann zeigt sich: Wer ein Gerechter sein will, spürt jedes Mal die Leiden, die ihm der Körper bereitet. Das heißt, jedes Mal, wenn er etwas zum Geben tun will, tritt der Böse auf und fragt: ‚Was soll euch dieser Dienst?‘ Arbeitet der Mensch dagegen zum eigenen Nutzen, hat diese Frage keinen Ort; der Böse fragt dann nicht ‚Was soll euch dieser Dienst?‘, weil der Mensch ja zum Vorteil des Bösen arbeitet – jenes Verlangens, für sich selbst zu empfangen. So zeigt sich, dass die Frage des Bösen gerade dann kommt, wenn der Mensch zum Nutzen des Schöpfers arbeiten will.
Damit verstehen wir, warum gerade der Gerechte ‚viele Leiden‘ hat. Es liegt daran, dass der Trieb des Menschen täglich die Oberhand über ihn gewinnt. Das heißt: Sobald der böse Trieb (Jezer haRa) sieht, dass im Menschen ein wenig Licht ist – ‚Tag‘ genannt – und dass er den rechten Weg geht, gewinnt er sofort die Oberhand und will ihn mit seinen Einwänden zu Fall bringen, indem er ihm sagt: ‚Was hast du davon, dass du zum Geben arbeiten willst?‘ Und so geht es Tag für Tag.
Das entspricht dem Wort der Weisen (Kiddushin, Blatt 40): ‚Immer sehe sich der Mensch, als wäre er halb schuldig und halb schuldlos. Erfüllt er eine einzige Mizwa, wohl ihm, denn er hat sich auf die Waagschale des Verdienstes geneigt.‘ Doch wenn es heißt ‚Immer sehe sich der Mensch halb schuldig und halb schuldlos; erfüllt er eine Mizwa, wohl ihm, denn er hat sich auf die Waagschale des Verdienstes geneigt‘ – wie kann man danach nochmals ‚halb‘ sagen? Er hat sich doch bereits auf die Waagschale des Verdienstes geneigt. Wie also passt dann das Wort ‚immer‘?
Doch wie gesagt: ‚Der Trieb des Menschen gewinnt täglich die Oberhand über ihn.‘ In dem Augenblick, in dem der böse Trieb sieht, dass nun bei ihm ‚Tag‘ ist, gewinnt er sofort die Oberhand. So zeigt sich: Im Maß des Guten, das er getan hat, gewinnt sofort das Böse über ihn die Oberhand. Und damit ist er wieder ‚halb schuldig und halb schuldlos‘.
Das ist der Sinn von ‚gewinnt täglich die Oberhand über ihn‘: Jeden Tag gibt es ein neues Erstarken. Man kann ‚der Trieb des Menschen gewinnt täglich die Oberhand über ihn‘ so deuten, dass das Böse in ihm erstarkt – im Sinne einer ‚anschwellenden Quelle‘, so wächst das Böse hinzu, und zwar gemäß ‚das eine gegenüber dem anderen‘. Denn kaum hat der Mensch sich überwunden und eine gute Tat getan, gewinnt sofort der böse Trieb über ihn die Oberhand. So zeigt sich, dass der Gerechte ‚viele Leiden‘ erträgt. Das heißt, mit jedem Tag wird das Böse in ihm größer; im Maß seiner guten Taten offenbart sich das Böse in ihm. Das entspricht dem Wort der Weisen: ‚Wer größer ist als sein Nächster, dessen Trieb ist größer als er.‘
Zu verstehen ist nun, worauf uns das Wort ‚als er‘ hinweist. Nach dem Erklärten bedeutet ‚als er‘: Dass sein Trieb groß geworden ist, kommt aus der Größe des Menschen. Weil er sich bemüht hat, ein Mensch zu sein und kein Tier, ist auch der Trieb entsprechend groß geworden. Wie gesagt, muss der Mensch immer ‚halb schuldig und halb schuldlos‘ sein, damit er die Kraft hat, das Böse zu besiegen. Auf einmal lässt sich nicht alles Böse korrigieren. Darum offenbart sich das Böse dem Menschen nach und nach: Jedes Mal, wenn er etwas Gutes tut, entsteht Raum, um noch ein wenig Böses aufzudecken. Und so wiederholt es sich, bis der Mensch alles Böse in seinem Innern korrigiert hat. So zeigt sich, dass der Gerechte gerade deshalb viele Leiden erträgt.
Man sollte nicht fragen, warum sich nicht alles Böse im Menschen auf einmal offenbart. Die Antwort lautet: Der Mensch hätte nicht die Kraft, alles Böse in seinem Innern zu überwinden. Nur wenn sein Böses nicht größer ist als sein Gutes und beide einander gleich sind, hat der Mensch die Kraft zu überwinden – durch die besondere Wirkung von Tora und Mizwot. Deshalb offenbart sich das Böse im Menschen schrittweise: Im Maß, in dem er Gutes erlangt hat, deckt man ihm von oben ein wenig Böses auf, bis im Lauf der Zeit alles Böse, das im Menschen ist, korrigiert wird.
Das ergibt sich aus der Ordnung der Klärungen (Berurim). Denn es heißt, man dürfe nur die 288 Funken (Rapach Nizozin) klären – das sind die ersten neun Sefirot, die in jedem der 32 Pfade vorhanden sind. Malchut dagegen darf man in keinem der Pfade klären. Sie heißt ‚steinernes Herz‘, nach dem Geheimnis des Verses ‚Und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch entfernen‘, denn dieses Böse lässt sich im Verlauf der sechstausend Jahre nicht korrigieren. Erst nachdem im Verlauf der sechstausend Jahre die 288 Funken geklärt sind, wird danach alles Böse geklärt – wie es im Sohar heißt: ‚Dereinst wird der Todesengel zu einem heiligen Engel werden.‘ Das nennt man ‚Er verschlingt den Tod auf ewig‘.
Auf demselben Weg, auf dem der Mensch daran arbeitet, das Böse in sich zu korrigieren – nämlich das Gefäß des Empfangens, damit es der Absicht zu geben diene –, lässt es sich nicht auf einmal korrigieren. Vielmehr teilt sich das Gefäß des Empfangens in ihm, das die Quelle des Bösen ist und uns vom Schöpfer trennt, in viele Teile. Und gerade darin liegt eine Korrektur von oben: dass es sich in viele Teile aufteilt. Jedes Mal, wenn man einen Teil zur Heiligkeit (Kedusha) hin korrigiert, kommt sofort ein anderer Teil – ein größerer als der zuvor zu korrigierende. Denn da der Mensch sich an die Arbeit gewöhnt, gibt man ihm jedes Mal einen größeren Teil des Bösen in sich zu korrigieren.
Es ist wie bei einem Menschen, der sich im Gewichtheben vervollkommnen will: Jeden Tag gibt man ihm ein schwereres Gewicht zu heben. So verhält es sich auch in der Arbeit: Jeden Tag gibt man ihm einen größeren Teil des Bösen zu heben. Das führt dazu, dass der Mensch meint, er komme in der Arbeit nicht voran, sondern gehe rückwärts. Das heißt, jeden Tag sieht er, dass die Arbeit für ihn schwerer zu bewältigen geworden ist. Der Grund ist, wie gesagt, dass man ihm jeden Tag einen größeren Teil zu korrigieren gibt.
‚Und von ihnen allen errettet ihn der Schöpfer.‘ Wir fragten: Wenn der Schöpfer ihn ohnehin von den Leiden erretten muss, warum schickt Er ihm dann Leiden, sodass er umsonst leidet? Anders gesagt: Läge es am Menschen, aus eigener Kraft zu überwinden, ließe sich verstehen, dass man es ihm zu korrigieren gibt. Doch wenn der Schöpfer ihn errettet – welchen Gewinn bringt es, ihm ‚viele Leiden‘ zu geben?
Wir haben bereits darüber gesprochen und gefragt, warum der Mensch nicht fähig ist, aus eigener Kraft zu überwinden, und warum allein der Schöpfer ihn erretten muss. Wenn dem Menschen doch die Wahl gegeben ist zu überwinden – warum gibt man ihm dann nicht die Kraft, es auch zu können? Mein Vater und Lehrer, seligen Andenkens (Baal HaSulam), sagte dazu: Es geschieht mit Absicht, damit der Mensch den Schöpfer um Hilfe bittet. Und die Hilfe, die Er gibt, besteht darin, dass Er ihm eine höhere Seele gibt – und zwar so, dass der Mensch eine höhere Stufe braucht und empfangen muss.
Denn der Mensch muss die NaRaNChaY (Nefesh, Ruach, Neshama, Chaja, Yechida) seiner Seele erlangen. Ohne ein Bedürfnis aber – also ohne ein Gefäß (Kli), das man ‚Mangel‘ nennt – kann man keine Erfüllung empfangen. Darum hat man es mit Absicht so eingerichtet, dass der Mensch die Arbeit beginnen muss. Und wenn er sieht, dass er nicht überwinden kann, soll er nicht verzweifeln, sondern zum Schöpfer beten, wie der Sohar sagt: ‚Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man. Und womit? Mit einer heiligen Seele (Nishmata Kadisha).‘
Aus dem Gesagten ergeben sich zwei Dinge:
Erstens: Der Mensch muss die Arbeit des Gebens beginnen, damit er das Bedürfnis hat, dass der Schöpfer ihm helfe. Denn könnte er aus eigener Kraft überwinden, bräuchte er die Hilfe des Schöpfers nicht. Das nennt man: Er hat kein Gefäß – und ohne Gefäß gibt es kein Licht.
Zweitens: Dem Menschen ist nicht die Fähigkeit gegeben, aus eigener Kraft zu überwinden, wie gesagt. So zeigt sich: Eben das ist der Grund, weshalb der Mensch beginnen muss, ihm aber nicht gegeben ist, es zu vollenden.
Damit versteht sich, was wir gefragt haben: warum dem Gerechten viele Leiden zukommen. Das Leid nämlich, das der Gerechte durch das Böse erfährt, welches ihn daran hindert, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen, bewirkt, dass er ein Gefäß erhält. Und dass das Böse so übermächtig ist, dass er es nicht überwinden kann, sondern ‚von ihnen allen errettet ihn der Schöpfer‘ und es nicht in seiner Hand liegt, es zu besiegen – auch das geschieht mit Absicht. Denn der Schöpfer kann dem Menschen keine höhere Stufe geben, wenn er sie nicht braucht. Darum gibt ihm der Schöpfer die Teile seiner Seele auf dem Weg der Errettung, wie geschrieben steht: ‚Und von ihnen allen errettet ihn der Schöpfer.‘
Darum sind zwei Dinge nötig:
Erstens: dass der Gerechte viele Leiden hat – das ist das Gefäß.
Zweitens: dass Er ihm danach die Teile der Seele auf dem Weg der Errettung gibt.
Doch nach dem Lauf der Welt fragt man: Wenn man beginnt, den Schöpfer zu bitten, Er möge aus dem Bösen heraushelfen und eine Seele über jenen Teil des Bösen geben, der bereits als böse erkannt ist – warum will der Schöpfer dann, dass der Mensch erst ein gewisses Maß an Bösem aufdeckt und ihm erst danach die Hilfe gibt? So scheint es dem Menschen richtig zu sein. Hierbei sind jedoch zwei Dinge zu unterscheiden:
Erstens: In Wahrheit hilft der Schöpfer dem Menschen gerade dadurch, dass Er ihm das Böse in ihm offenbart, damit er die Wahrheit erkennt.
Zweitens: Doch offenbart man dies nur jenen Menschen, die fähig sind, die Wege des Gebens zu gehen. Ihnen deckt man das Böse auf, damit sie die Fähigkeit haben, es zu korrigieren. Menschen dagegen, die keinen Bezug zur Arbeit des Gebens haben, offenbart man das Böse nicht eigens, sondern nur im Allgemeinen.
Das gleicht unserem Vorgehen in den Dingen dieser Welt: Wenn jemand eine Krankheit hat – möge sie uns erspart bleiben – die sich nicht heilen lässt, so deckt man ihm nicht auf, was er wirklich hat, sondern sagt ihm, er habe allerlei Krankheiten. Die Wahrheit aber, dass eine bösartige Krankheit vorliegt – Gott behüte –, sagt man ihm nicht. Der Grund ist einfach: Was käme dabei heraus, wenn man ihm sagte, dass er ein Übel hat, das er nicht beheben kann? Darum zeigt man dem Menschen im Geistigen das Böse nicht auf einmal, sondern nur nach und nach, gemäß seiner Fähigkeit zur Arbeit.
Nach dem Gesagten gilt: Solange dem Menschen das Böse nicht in einem gewissen Maß aufgedeckt ist – sodass ein Gefäß und ein Bedürfnis entsteht, das würdig ist, eine Seele in sich aufzunehmen –, kann man keine Seele geben; in ein halbes Gefäß lässt sich keine Seele setzen. Das gleicht dem Embryo im Mutterleib, wie die Weisen sagten: ‚Drei Partner sind am Menschen beteiligt: der Schöpfer, sein Vater und seine Mutter. Der Vater gibt das Weiße, die Mutter gibt das Rote, und der Schöpfer gibt die Seele.‘
Gewiss weiß jeder: Hätten Vater und Mutter ihren Teil nur halb gegeben, sodass nur ein halber Embryo entstehen könnte – also ein Embryo ohne Kopf, nur ein Körper, oder umgekehrt ein Kopf ohne Körper –, würde dann jemand bitten, der Schöpfer möge Seinen Teil hinzugeben, also einer solchen Halbgeburt eine Seele geben, damit sie so zur Welt komme? Gewiss gibt es auf der Welt keinen Narren, der das täte.
So ist es auch in der Arbeit für den Schöpfer. Beginnt ein Mensch die Arbeit, so beginnt er zunächst mit dem ‚Weißen‘. Denn Vater und Mutter heißen die Eltern, die der Grund dafür sind, dass ein Mensch geboren wird. Der Vater heißt ‚männlich‘, also Vollkommenheit. Das nennt man das ‚Weiße‘, in dem kein Mangel ist. Das heißt, der Mensch ist mit seinem Anteil zufrieden, denn schon für das kleine Maß, das er in der Arbeit für den Schöpfer hat, dankt er dem Schöpfer dafür, dass dieser ihn gewürdigt und ihm Gedanke und Verlangen gegeben hat, überhaupt irgendeine Berührung mit der Arbeit für den Schöpfer zu haben – wie die Weisen sagten: ‚Wer geht und nicht handelt, dem ist der Lohn des Gehens in der Hand.‘
Danach geht er zur linken Linie über, die ‚das Rote der Mutter‘ heißt. Die Mutter heißt ‚weiblich‘ und ist die Eigenschaft des Mangels; sie übt Kritik an seinen guten Taten und prüft, ob ihnen die Absicht zu geben zugrunde liegt. Dann sieht er die Wahrheit, dass er davon weit entfernt ist. Und so entsteht ihm das Bedürfnis, ein Gebet darzubringen, der Schöpfer möge ihn näher bringen, damit er der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt werde. Der Mensch erwartet nun – da er bereits die beiden Linien hat und schon spürt, dass er ein Bedürfnis und ein Gefäß besitzt –, was ihm denn noch fehle: nur dass der Schöpfer Seinen Teil hinzugebe, also die Seele gebe.
Sind aber ‚das Weiße des Vaters‘ und ‚das Rote der Mutter‘ noch nicht geeignet, weil sie – im Gleichnis gesprochen – noch nicht vollendet sind, sodass nur ein halbes Kind hervorkommen könnte, so kann der Schöpfer gewiss Seinen Teil, nämlich die Seele, nicht geben. Darum wartet der Schöpfer, bis die rechte und die linke Linie zu ihrer Vollkommenheit gelangen, sodass ein vollständiges Wesen erschaffen werden kann. Dann gibt der Schöpfer die Seele. Niemand kann also sagen, der Schöpfer wolle nicht helfen. Im Gegenteil: Der Schöpfer fügt jede einzelne Handlung zusammen, bis ein volles Maß erreicht ist, das genügt, damit in ihm eine Seele leuchten kann.
So steht es im Buch ‚Frucht des Weisen‘ (Pri Chacham, Teil 2, Blatt 110). Dort heißt es: „Es steht geschrieben: ‚Gönnt euch keine Ruhe, und gönnt Ihm keine Ruhe, bis Er Jerusalem aufrichtet und es zu einem Lobpreis auf Erden macht.‘ So senden wir unsere Bitte unablässig in die Höhe, Klopfen auf Klopfen, ohne Ermüden und ohne Unterlass. Wir erlahmen ganz und gar nicht daran, dass Er uns nicht antwortet, denn in unserem Glauben hört Er das Gebet, gepriesen sei Er. Er wartet nur auf uns, auf die Zeit, in der wir die Gefäße haben, um die verlässliche Fülle zu empfangen. Dann werden wir auf jedes einzelne Gebet auf einmal eine Antwort erhalten, denn ‚die Hand des Schöpfers ist nicht zu kurz‘ – Gott behüte.“
Aus dem Gesagten ergibt sich: Der Mensch sage nicht, er bete jeden Tag und empfange doch keine Hilfe vom Schöpfer. Vielmehr muss er glauben, dass der Schöpfer jedes einzelne Gebet, das der Mensch betet, nimmt und es zu den übrigen Gebeten hinzufügt, die der Mensch bis jetzt gebetet hat. Und Er wartet, bis ein volles Maß erreicht ist, das würdig ist, vom Schöpfer die Seele zu empfangen, wie gesagt.
Im Hinblick auf das Gebet, das den Schöpfer um Hilfe bittet, Er möge von oben Kraft geben, um das Böse zu überwinden, sind zwei Aspekte zu unterscheiden:
Erstens: Der Mensch bittet den Schöpfer, es möge in seiner Macht stehen, die Gefäße des Gebens in die Heiligkeit einzubringen – das heißt, dass er die Möglichkeit habe, sich ihrer mit der Absicht zu geben zu bedienen.
Zweitens: Er bittet, der Schöpfer möge ihm die Kraft der Überwindung auch über die Gefäße des Empfangens geben – das heißt, dass er die Gefäße des Empfangens auf die Absicht zu geben ausrichten kann.
Damit lässt sich deuten, was die Weisen sagten (angeführt bei Rashi zu WaJeshew): ‚Ferner wird der Vers ausgelegt: »Und er ließ sich nieder« – Jakob wollte in Ruhe sitzen, da sprang ihn der Unmut über Josef an. Die Gerechten verlangen, in Ruhe zu sitzen. Da sprach der Schöpfer: Den Gerechten genügt nicht, was für sie in der kommenden Welt bereitet ist, sondern sie verlangen auch, in dieser Welt in Ruhe zu sitzen.‘
Auf den ersten Blick ist schwer zu verstehen, was sie sagten: ‚Da sprach der Schöpfer: Den Gerechten genügt nicht, was für sie in der kommenden Welt bereitet ist, sondern sie verlangen auch, in dieser Welt in Ruhe zu sitzen.‘ Es gibt doch eine ausdrückliche Mishna (Awot, Kapitel 6:4): ‚So ist der Weg der Tora: und in der Tora mühst du dich. Wenn du so handelst – wohl dir in dieser Welt, und gut ist dir in der kommenden Welt.‘ Das deutet darauf hin, dass es so sein soll: Ruhe in dieser Welt.
Das lässt sich auf dem Weg der Arbeit deuten. Bekanntlich heißt Bina ‚kommende Welt‘, was ein Gefäß des Gebens bedeutet. Denn in jedem Ding gibt es zwei Aspekte:
Erstens: das, was es empfängt.
Zweitens: das, was es gibt.
Diese heißen ‚Aspekt Malchut‘ und ‚Aspekt Bina‘, also der Aspekt des Gebenden und des Empfangenden.
Wenn der Mensch mit der Ordnung der Arbeit beginnt, beginnt er damit, zuerst das Auserlesene zu klären. Man beginnt, die Gefäße zu klären und herauszuholen, die im Gefäß des Empfangens verborgen liegen. Das heißt: Alle Gefäße – sowohl die Gefäße des Empfangens als auch die Gefäße des Gebens – sind beim Zerbrechen der Gefäße in die Klipot (Schalen) gefallen, die der Aspekt der Empfangenden sind und in der Sprache der Kabbala ‚Gefäße der Vorderseite‘ (Kelim de Panim) und ‚Gefäße der Rückseite‘ (Kelim de Achoraim) heißen.
Deshalb geben sich die Gerechten, nachdem sie für sich bereits die Gefäße des Gebens korrigiert haben, sodass sie auf die Absicht zu geben gerichtet sind – was ‚das Lernen der Tora liShma‘ heißt und ‚das, was für sie in der kommenden Welt bereitet ist‘ –, damit nicht zufrieden. Sie wollen vielmehr ‚in dieser Welt in Ruhe sitzen‘. Das heißt, auch die Gefäße des Empfangens, die Gefäße der Rückseite (Kelim de Achoraim) sind und ‚Gefäße von Malchut‘ heißen – denn Malchut heißt ‚diese Welt‘ –, sollen ebenfalls in die Heiligkeit eingehen, also der Absicht zu geben dienen.
Und das ist gemeint mit ‚Jakob wollte in Ruhe sitzen, da sprang ihn der Unmut über Josef an‘. Bekanntlich heißt ‚Josef‘ NeHJ (Nezach, Hod, Jessod); das sind die Gefäße der Rückseite, der Ort der Offenbarung von Chochma, also Gefäße des Empfangens, die der Aspekt ‚diese Welt‘ sind. Gemeint ist: der Unmut darüber, warum er sie noch nicht korrigiert hat, sodass sie in die Heiligkeit eingehen. Und das ist gemeint mit ‚es genügt nicht …‘ und so weiter.
korrOp, EY, 16.7.2026, Ver3