1988/32 Was sind die beiden Handlungen während eines Abstiegs?
Unsere Weisen sagten in Chulin (Blatt 7b) Folgendes: „Und Rabbi Chanina sagte: Ein Mensch stößt sich unten nicht den Finger, ohne dass es über ihn von Oben verkündet wird, denn es heißt: ‚Vom Schöpfer her sind die Schritte des Mannes gefestigt, und der Mensch – wie sollte er seinen Weg verstehen?‘“
Es ist zu verstehen, worauf uns unsere Weisen damit in der Arbeit hingewiesen haben, dass wir wissen, dass ein Mensch sich unten nicht den Finger stößt, ohne dass es über ihn von Oben verkündet wird.
Um dies zu erklären, müssen wir uns immer an das Schöpfungsziel und an die Korrektur der Schöpfung erinnern, die zwei einander entgegengesetzte Dinge sind. Denn das Schöpfungsziel ist, dass die Geschöpfe vom Schöpfer Gutes und Genuss empfangen, wie gesagt wurde, dass Sein Verlangen darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Die Korrektur der Schöpfung ist genau das Gegenteil, nämlich dem Schöpfer Gutes zu tun. Das heißt, das Schöpfungsziel ist zum Nutzen der Geschöpfe, wohingegen die Korrektur der Schöpfung darin besteht, dass die Geschöpfe immer einzig und allein zum Nutzen des Schöpfers denken. Und solange die Geschöpfe diese Stufe nicht erreicht haben – das heißt, solange sie für sich selbst nichts benötigen, sondern alles, wofür sie leben wollen, nur dazu dient, dass durch ihre Handlungen dem Schöpfer ein Nutzen entsteht – und stattdessen noch zu ihrem eigenen Nutzen leben wollen, sind die Geschöpfe nicht fähig, das Gute und den Genuss zu empfangen, die der Schöpfer ihnen geben wollte.
In der Arbeit liShma (um Ihretwillen) bemessen sich Lohn und Strafe nach dem Maß, in dem sie dem Schöpfer geben wollen. Das heißt, wenn sie das Verlangen haben, dem Schöpfer zu geben, nennt sich das bei ihnen Lohn. Und wenn sie sehen, dass ihr ganzes Verlangen zu ihrem eigenen Nutzen ist und in ihrem Verlangen keinerlei Möglichkeit besteht, sich danach zu sehnen, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten, gilt das bei ihnen als Strafe. Daraus ergibt sich: Wenn der Mensch fühlt, dass er sich in einem Zustand des Abstiegs befindet, das heißt, dass er kein Verlangen und keinen Wunsch hat, dem Schöpfer zu geben, gibt es dann zwei Möglichkeiten:
1. Dass er aus diesem Zustand keinerlei Leid und Schmerz darüber empfindet, dass er in einen Zustand der Niedrigkeit geraten ist, sondern sich mit dem Zustand abfindet und beginnt, Befriedigung in Dingen zu suchen, von denen er bereits gesagt hat, dass sie Abfall sind und keine menschliche Nahrung. Jetzt aber sieht er, dass er nicht fähig ist, aus spirituellen Dingen Lebenskraft zu empfangen, weil der Geschmack an der Spiritualität bei ihm geschädigt ist, und er will vorerst leben und Befriedigung aus der Körperlichkeit empfangen, und er sagt: Ich warte auf die Zeit, in der ich ohne Überwindung arbeiten kann, das heißt, wenn man mir ein Erwachen von Oben gibt, dann werde ich zur Arbeit zurückkehren, und vorerst will ich in diesem Zustand bleiben, in dem ich mich jetzt befinde.
2. Wenn er sich in einem Zustand des Abstiegs befindet, empfindet er Schmerz und Mangel darüber, dass er aus einem Zustand gefallen ist, in dem er meinte, er habe es bereits verdient, wie ein Mensch zu sein. Das heißt, dass die Nahrung, von der er sich ernährte und aus der er seine ganze Lebenskraft empfing, nur aus Dingen bestand, die nichts mit den Lebewesen zu tun haben. Er dachte, er werde bald in den Palast des Königs eintreten und den Geschmack von Tora und Mizwot erlangen. Ohne jedes Wissen und ohne jede Vorbereitung sieht er, dass er sich in der untersten Hölle befindet, von der ihm nie in den Sinn gekommen war, dass es so etwas gibt.
Das heißt, nachdem er zu einer klaren Erkenntnis gelangt ist, sodass er bereits weiß, was sein Ziel im Leben ist, sieht er sich nun in der Gesellschaft von Katzen, die neben den Mülltonnen stehen und den Abfall fressen, den die Menschen weggeworfen haben, an dem die Menschen sich nicht erfreuen können, da er nicht als menschliche Nahrung taugt. Nun erfreut er sich selbst an diesem Abfall — und als er noch im Zustand eines Menschen war, hätte er über ein solches Leben gesagt, es sei Abfall. Und nun isst er selbst den Abfall, den er weggeworfen hat. Wenn er daher auf seine Niedrigkeit blickt, erwachen in ihm Schmerz und Leid darüber, in welchen Zustand er geraten ist.
Doch auch dann gibt es manchmal Fälle, in denen der Mensch Sünde auf Frevel häuft. Das heißt, es genügt nicht, dass er sich im Zustand der Niedrigkeit befindet, sondern er gerät dann auch in Verzweiflung und sagt, dass er nicht fähig ist, zu glauben, dass der Schöpfer das Gebet eines jeden Mundes erhört. Er sagt dann: Da ich schon viele Male auf den höchsten Stufen war und viele Male in diesen Zustand abgestiegen bin, muss ich also sagen, dass diese Arbeit nichts für mich ist. Denn so wie ich sehe, hat die Sache kein Ende, sondern dieser Zustand kann mein ganzes Leben lang andauern. Wozu also sollte ich mich vergeblich grämen mit dem Gedanken, dass der Schöpfer vielleicht am Ende doch auf meine Stimme hören wird? Denn jeder Mensch lernt aus der Vergangenheit, aus dem, was sich dem Menschen eingeprägt hat, aus dem, was ihm widerfahren ist. Diese Verzweiflung treibt ihn also von der Arbeit fort, und er will vom Schlachtfeld fliehen.
Doch der Mensch muss an zwei Dinge glauben, denn nur dadurch kann er in der Arbeit vorankommen:
1. Dass alle Abstiege und fremden Gedanken, die er in der Arbeit hat, nicht von ihm selbst genommen sind, sondern dass alles vom Schöpfer kommt. Das heißt, dass der Schöpfer ihm diese Zustände gesandt hat und es keine andere Kraft auf der Welt gibt, wie mein Herr, Vater und Lehrer (Baal HaSulam) sagte, dass der Mensch glauben muss, dass es keine andere Kraft auf der Welt gibt, sondern dass alles vom Schöpfer kommt (siehe Shamati, Artikel 1, „Es gibt keinen außer Ihm“).
In Wahrheit ist zu verstehen, warum der Schöpfer diese Zustände sendet, denn das widerspricht doch dem, was unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Hier aber sehen wir das Gegenteil: Anstatt dass er Hilfe empfangen und jeden Tag sehen sollte, wie er vorwärts schreitet, sieht er, dass er rückwärts geht. Das heißt, dass er jedes Mal sieht, wie sehr er in die Eigenliebe versunken ist. Mit anderen Worten: Statt sich jeden Tag dem Verlangen zu geben anzunähern, sieht er jeden Tag, wie er sich der Eigenliebe annähert.
Das heißt, bevor er mit der Arbeit des Gebens begann, hatte er nicht so viel Geschmack und Genuss an der Eigenliebe. Und er dachte, dass er in einem einzigen Augenblick, wann immer er es wollte, das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, annullieren und ohne jeden Gegenwert für sich selbst arbeiten könnte. Jetzt aber sieht er, dass es nicht in seiner Hand liegt, auch nur einen einzigen Schritt ohne die Erlaubnis seines Empfängers zu überwinden, und er gerät in den Zustand, von dem unsere Weisen sagten: „Der Frevler steht unter der Herrschaft seines Herzens“, wohingegen „der Gerechte – sein Herz steht unter seiner Herrschaft“, wobei „Herz“ das Verlangen genannt wird. Das heißt, dass er im Exil ist und das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, grenzenlos über ihn herrscht, und der Mensch hat keine Kraft, gegen sein Herz zu handeln, das „Verlangen zu empfangen“ genannt wird. Das meint der Satz: „Der Frevler steht unter der Herrschaft seines Herzens.“
Doch die Frage ist: Wer wird „Frevler“ genannt, von dem wir sagen würden, dass er unter der Herrschaft seines Herzens steht? Das ist gerade dann, wenn der Mensch in den Zustand gelangt ist, dass er sieht, dass er „seinen Schöpfer zum Frevler macht“, dass es nicht in seiner Hand liegt, Tora und Mizwot mit der Absicht zu geben einzuhalten, sondern dass er sieht, dass er in die Eigenliebe versunken ist. In dem Augenblick, in dem sein Herz zu ihm sagt: Tu, was ich dir sage, folgt er ihm ohne jeden Verstand, und er hat nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken, was er tut. Das wird bei unseren Weisen „Ein Mensch sündigt nicht, ohne dass ein Geist der Torheit in ihn gefahren ist“ genannt. Erst danach, nach der Tat, blickt er auf sich selbst, welche Torheit er begangen hat. Erst dann, in diesem Zustand, sieht der Mensch, was unsere Weisen sagten: „Der Frevler steht unter der Herrschaft seines Herzens.“
Die Antwort auf die Frage, warum der Schöpfer ihm dies sendet, nämlich die Zustände der Niedrigkeit, lautet: damit der Mensch die Wahrheit sieht, nämlich was das Verlangen zu empfangen zu tun bereit ist, um die Eigenliebe zu mehren, dass es auf nichts Rücksicht nimmt: Aus jedem Ding, aus dem es Genuss ziehen kann, ist es zu allem bereit.
Daraus folgt: Der Schöpfer hilft ihm jedes Mal, seinen wahren Zustand zu sehen. Das heißt, was in seinem Herzen verborgen war und wovon er seine Krankheit nicht sah – darum kam die Hilfe des Schöpfers und offenbarte ihm die Schwere der Krankheit. Er muss nun nicht mehr glauben, dass das Verlangen zu empfangen etwas Schlechtes ist — er sieht es selbst. Das gleicht einem Menschen, der sieht, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist, und in ein Krankenhaus geht, um sich Untersuchungen und Aufnahmen machen zu lassen. Die Untersuchungen zeigen, dass er an bestimmten Krankheiten leidet: Herz und Lunge sind erkrankt. Da kamen die Familienmitglieder zur Leitung des Krankenhauses mit Vorwürfen: Wir haben einen Menschen gebracht, der ein wenig Fieber und dergleichen hat und nicht gefährliche Krankheiten, und ihr — eure Ärzte, das Röntgen und die Aufnahmen — habt unseren Sohn in gefährliche Krankheiten hineingebracht.
Ebenso ist es bei uns: Das Verlangen zu empfangen, das in uns ist, war nicht so schlecht, dass es gefährlich wäre. Wir traten hier in die Arbeit ein, als man uns sagte, wir würden die Vollkommenheit sofort erlangen — so dachten wir über das Böse in uns. Plötzlich aber, nach den Untersuchungen und Nachforschungen, die ihr anstellt, sehen wir, dass das Böse in uns wirklich etwas Gefährliches ist, an dem man sterben und das gesamte spirituelle Leben verlieren kann. Sicherlich müssen wir, wie in der Körperlichkeit, dem Krankenhaus dafür danken, dass es die Krankheiten des Kranken aufgedeckt hat, nämlich das Böse in seinem Körper; ebenso müssen wir dem Schöpfer dafür danken, dass Er uns die Gefahr des Bösen in uns offenbart hat, die wirklich eine Lebensgefahr ist, dass man das gesamte spirituelle Leben verlieren kann.
Sicherlich müssen wir dem Schöpfer danken für das, womit Er uns geholfen hat, die Krankheit zu entdecken, an der wir leiden. Denn zuvor dachten wir, es sei nur ein wenig um die Gesundheit nicht ganz gut bestellt, und der Schöpfer offenbarte uns die Wahrheit. Wir sind also sehr wohl vorangekommen und dahin gelangt, die Wahrheit zu sehen, nämlich die wahre Gestalt des Bösen in uns.
Damit lässt sich beantworten, wonach wir gefragt haben: Was bedeutet in der Arbeit der Satz: „Ein Mensch stößt sich unten nicht den Finger, ohne dass es über ihn von Oben verkündet wird.“ „Finger“ heißt das, was der Mensch innerhalb des Verstandes sieht, wie geschrieben steht: „Ein jeder zeigt mit seinem Finger“, oder im Sinne von „mit dem Finger weisen“. „Sich stoßen“ bedeutet einen Mangel von unten. Das heißt, der Mensch, der sich in einem Mangel fühlt, dass er an Bedeutung niedrig ist, das heißt, dass er vom Schöpfer entfernt ist – dieses Wissen empfindet er nur, wenn es über ihn von Oben verkündet wird. Für den Begriff „Oben“ gibt es zwei Erklärungen:
1. „Es wird über ihn von Oben verkündet“, nämlich dass dies von der persönlichen Vorsehung (Hashgacha Pratit) zu ihm kommt. Man darf also nicht sagen, er habe sich nicht davor bewahrt, sich zu stoßen — er sei beim Schutz des Körpers nicht achtsam gewesen. Denn es sind uns Gesetze gegeben worden, dass der Mensch sich vor Schäden bewahren soll, damit der Körper nicht irgendeinen Schaden empfängt. Und er hat sich nicht bewahrt, darum empfing er einen Mangel an seinem Körper, der „sich stoßen“ genannt wird. Vielmehr: Selbst wenn er sich mit hundert Arten der Vorsicht bewahrt hätte, hätte ihm nichts geholfen, weil es so über ihn „von Oben“ beschlossen wurde. Wie Raschi erklärte: „Verkünden – sie beschlossen über ihn.“ Das ist ein Beschluss vom Himmel, und der Mensch trägt keine Schuld daran. Vielmehr kann man fragen: Warum hat man so über ihn von Oben beschlossen?
2. „Von Oben“ bedeutet, dass dies der Aspekt „oben an Bedeutung“ ist. Das heißt, dass der Mensch einen Mangel in seiner Arbeit empfangen hat, in der er innerhalb des Verstandes arbeitete, was, wie oben gesagt, „sich unten den Finger stoßen“ genannt wird. Dessen Bedeutung ist, dass er nun sieht, dass er sich in einem Zustand der Niedrigkeit befindet. Das heißt, dass er sieht, dass er nackt ist und alles entbehrt in allen Angelegenheiten der Arbeit auf dem Weg der Wahrheit. Nun erhebt sich die Frage: Kommt es daher, dass er die Einhaltung von Tora und Mizwot vernachlässigt hat? Oder umgekehrt daher, dass er mit größerem Tatendrang zu arbeiten begann und dadurch in einen Zustand des Abstiegs geriet, der als Aspekt „sich unten den Finger stoßen“ genannt wird. Sicherlich muss man sagen, dass dies daher kommt, dass er übermäßigen Tatendrang in die Arbeit gegeben hat. Nach der Regel „eine Mizwa zieht eine Mizwa nach sich“ hätte er sehen müssen, dass er sich in einem Zustand „von oben“ befindet. Und warum befindet er sich in einem Zustand „von unten“?
Die Antwort ist, dass „es über ihn von Oben verkündet wird“. Das heißt, man hat über ihn von Oben beschlossen, dass man ihn an einen Ort hineinbringen würde, der oben an Bedeutung ist. Darum hat man ihm seinen wahren Zustand des Bösen in ihm offenbart, damit er weiß, worüber er beten soll. Denn sicherlich gibt es einen Unterschied, den wir in der Körperlichkeit sehen: ob ein Mensch kommt, um von jemandem ein Darlehen zu erbitten, dass er ihm Geld leiht, oder ob jemand zu einem anderen kommt, dass dieser ihm einen Gefallen tut, dass er für ihn ein gutes Wort einlegt, damit man ihn nicht ins Gefängnis steckt, oder ob jemand bittet, weil er zum Tode verurteilt ist und es einen Menschen gibt, der ihn vor dem Tode retten kann. Sicherlich gibt es einen großen Unterschied zwischen Bitte und Bitte.
In der Spiritualität erklärt sich das am Kli (Gefäß). Denn in der Spiritualität wird das Gebet, die Bitte, mit dem Namen „Kli“ bezeichnet. Und nach der Regel, dass „es kein Licht ohne ein Kli gibt“, besteht daher ein Unterschied: ob ein Mensch zum Schöpfer betet, dass Er ihm hilft, damit er die Vollkommenheit empfangen kann. Das heißt, in Wahrheit hält er Tora und Mizwot ein und betätigt sich in Werken der Barmherzigkeit; nur hat er gehört, dass es eine größere Vollkommenheit gibt, als er sie mit seiner Einhaltung von Tora und Mizwot erreicht — in größerer Menge und in größerer Qualität. Und er glaubt an das, was geschrieben steht: „Es gibt keinen Gerechten auf Erden, der Gutes tut und nicht sündigt.“ Darum bittet er den Schöpfer, dass Er ihm hilft. Ihm fehlt also nur eine Kleinigkeit. So ist es bei jemandem, der bei irgendwem ein Darlehen aufnehmen will: Es ist der Lauf der Welt, dass man ihm sagt: Du kannst es auch von einem anderen bekommen. Auf Darlehen achtet man eben nicht so sehr. Darum ist es der Lauf der Welt, dass er ihn verlässt, wenn der Verleiher sich weigert zu geben.
Anders aber, wenn der Mensch zum Tode verurteilt ist und es einen Menschen gibt, der ihn als Einziger vor dem Tode retten kann: Da ist es nicht der Lauf der Welt, dass er ihn verlässt, wenn dieser Mensch sich weigert, ihm den Gefallen der Rettung zu tun, und sagt, dass er zu einem anderen geht, der ihn vor dem Tode rettet, da nur der König selbst ihm Begnadigung gewähren kann. Darum verlässt man den König nicht und sucht nach jeder Möglichkeit, dass der König ihm die Begnadigung gewährt.
Ebenso ist es in der Spiritualität, wo man ein wahres Kli benötigt, nämlich ein wahres Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm die Füllung gibt. Darum, wenn man ihm von Oben seinen wahren Zustand zeigt, dass er wirklich nackt ist und alles entbehrt, dann besteht die Möglichkeit, die Füllung in dieses Kli zu geben, da der Mensch zu der Erkenntnis gelangt ist, dass ihm das spirituelle Leben fehlt, das als Aspekt „vollkommener Glaube“ genannt wird, und dass er keinerlei Halt in der Spiritualität hat, das heißt, dass es nicht in seiner Hand liegt zu sagen, dass er etwas um des Himmels willen tut, sondern alles zum eigenen Nutzen. Das heißt, dass das ganze Gebäude der Heiligkeit (Kedusha) bei ihm zerstört ist und alles, was er tut, nur von den Lippen nach außen geht. Und das wird „wahres Gebet“ genannt, da er niemanden hat, an den er sich wenden könnte, sondern der Schöpfer selbst ihm helfen kann, wie es beim Auszug aus Ägypten gesagt wurde, der durch den Schöpfer selbst geschah, wie geschrieben steht: „Ich bin der Schöpfer, euer Gott, der euch aus dem Land Ägypten herausgeführt hat.“
Und das gleicht einem Menschen, der zum Tode verurteilt ist und den nur der König begnadigen kann. Sobald der Mensch sich selbst so fühlt, dass er im Aspekt des Frevlers ist – und „die Frevler werden zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt“ –, wird das als „zum Tode verurteilt“ bezeichnet. Bittet der Mensch aber den Schöpfer, dass Er ihm sein Leben als Geschenk gibt, so heißt das: Er hat ein „Kli, das geeignet ist, die Füllung zu empfangen“, denn der Mensch bittet den Schöpfer nicht um Überflüssiges, sondern schlicht um das spirituelle Leben.
Daraus ergibt sich: Einerseits muss der Mensch sagen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?“ Der Mensch muss also selbst eine Wahl treffen. Alles, was in seiner Hand liegt — alles, wovon er meint, es werde ihm helfen, aus der Eigenliebe herauszukommen —, muss er tun. Andererseits muss der Mensch sagen, dass alles von Oben kommt, wie oben gesagt: „Ein Mensch stößt sich unten nicht den Finger, ohne dass es über ihn von Oben verkündet wird.“ Nachdem der Mensch bereits zur Erkenntnis des Bösen in ihm gelangt ist, wie er sein Leben gefährdet, wird dies „Handlung“ genannt. Auch diese Handlung muss er dem Schöpfer zuschreiben.
Danach muss er ein Gebet über die Handlung darbringen. Der Mensch muss also sowohl den Mangel als auch die Füllung dem Schöpfer zuordnen. Nachdem der Mensch in die Arbeit des Gebens eingetreten ist und sich hingebungsvoll abgemüht hat, um zur Wahrheit zu gelangen, lässt ihn der Schöpfer seinen Mangel fühlen. Fühlen kann der Mensch das erst, nachdem er viel Arbeit aufgewendet hat, um zum Aspekt des Gebens zu gelangen. Dann teilt man ihm mit, wie sehr er von der Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer entfernt ist, die „Leben“ genannt wird, wie geschrieben steht: „Und ihr, die ihr dem Schöpfer, eurem Gott, anhaftet, ihr seid heute alle am Leben.“ Bringt er dann ein Gebet dar, so heißt das „Gebet über den Mangel an Leben“ — er betet nicht über Dinge, ohne die man leben kann. Sondern er bittet schlicht um das Leben, das als Aspekt „vollkommener Glaube an den Schöpfer“ genannt wird.
korrOp, EY, 31.07.2026, 15:18 Uhr, Ver4