1989/08 Was bedeutet „Sobald das Gute zunimmt, nimmt auch das Böse zu“ in der Arbeit?
Die Schrift sagt (Toldot 25,22): „Und die Söhne stießen sich in ihrem Mutterleib, und sie sprach: ‚Wenn das so ist, warum bin ich dann hier?‘ Und sie ging hin, den Ewigen zu befragen.“ Rashi bringt die Auslegung unserer Weisen: „Ein Ausdruck des Laufens: Wenn sie an den Türen der Tora von Shem und Ewer vorbeikam, lief Jakob und drängte hinaus; kam sie an den Türen des Götzendienstes vorbei, drängte Esau hinaus. Eine andere Auslegung: Sie rangen miteinander und stritten um das Erbe zweier Welten.“ So weit seine Worte.
Wir sehen, dass sich während der Schwangerschaft der eine der Heiligkeit zuwandte und der andere dem Götzendienst. Was ist dann das Neue daran, dass die Tora uns danach erzählt: „Und die Knaben wuchsen heran, und Esau wurde ein Mann, der die Jagd verstand, ein Mann des Feldes, Jakob aber war ein lauterer Mann, der in Zelten wohnte“? Gewiss setzten sie ihren Weg entsprechend ihrer Eigenart so fort, wie sie geboren wurden.
Rashi antwortet darauf und sagt – und das sind seine Worte: „‚Und sie wuchsen heran‘: Solange sie klein waren, waren sie an ihren Taten nicht zu erkennen, und niemand achtete genau darauf, welcher Art sie waren. Als sie dreizehn Jahre alt wurden, da wandte sich der eine den Lehrhäusern zu und der andere dem Götzendienst.“
Um dies auf dem Weg der Arbeit zu verstehen – wie wir Jakob und Esau in einem einzigen Menschen erkennen –, müssen wir zunächst verstehen, was die Eigenschaft Jakobs und die Eigenschaft Esaus in der Arbeit ist.
Bekanntlich wird alles Böse, das wir kennenlernen und das gegen die Heiligkeit gerichtet ist, in der Arbeit „Verlangen, für sich selbst zu empfangen“ genannt. Die Heiligkeit dagegen wird „Verlangen, dem Schöpfer zu geben“ genannt, wie geschrieben steht: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, der Ewige.“ „Heilig“ bedeutet, vom Empfangen für sich selbst abgesondert zu sein und nur zu geben; denn der Schöpfer gibt den Geschöpfen, und die Geschöpfe müssen dem Schöpfer geben, wie unsere Weisen sagten: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“
Darum nennen wir das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, mit dem Namen Esau, und das Verlangen, dem Schöpfer zu geben, mit dem Namen Jakob. Damit verstehen wir auch, was Esau bedeutet, wie Rashi auslegt: Alle nannten ihn so, weil er fertig und voll ausgebildet mit seinem Haar war, wie ein viele Jahre alter Mann. Das deutet auf das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, an dem man nicht arbeiten muss, weil der Schöpfer es bereits getan hat, indem das Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, das Verlangen zu empfangen erschuf. Aus diesem Grund wird der böse Trieb (Jezer haRa) „alter und unvernünftiger König“ genannt, wie es im Sohar steht.
Beim Verlangen zu geben dagegen, das Jakob genannt wird, muss man viel Arbeit leisten, bis man dieses Verlangen erlangt. Das ist genau das Gegenteil von Esau, der von selbst, von Seiten des Schöpfers, fertig und vollendet wurde. Das Verlangen zu geben gehört zur Arbeit des Menschen, denn es leitet sich her von der Korrektur des Zimzum (Einschränkung): Malchut, die das Verlangen zu empfangen genannt wird, sehnte sich danach, gebend zu sein wie der Ausströmende; darum nahm sie die Korrektur des Zimzum vor, nicht zu empfangen, sondern nur, um zu geben. Und dadurch erlangt sie die Angleichung der Form.
Und das wird die Eigenschaft Esaus genannt, wie Rashi über Esau auslegte: Alle nannten ihn so, weil er fertig und voll ausgebildet war. Das heißt, der Mensch muss nicht arbeiten, um Gefäße des Empfangens zu erlangen; vielmehr hat er bereits den bösen Trieb, sobald er geboren wird, wie es im Sohar heißt, dass er, sobald er geboren wird, sofort den bösen Trieb hat, wie geschrieben steht: „An der Tür lauert die Sünde.“ Und er legt aus, dass mit „Tür“ die Öffnung des Mutterleibs gemeint ist. Sofort kommt der böse Trieb zu ihm, der „Sünde“ genannt wird, wie David sagte: „Und meine Sünde ist mir immer vor Augen.“
Jakob dagegen, der die Gefäße des Gebens darstellt, die im Menschen herrschen sollen, kommt durch Täuschung, wie geschrieben steht (Toldot, sechster Abschnitt): „Und er sprach: ‚Dein Bruder ist mit Betrug gekommen und hat deinen Segen genommen.‘“ Über diese Täuschung sagte mein Vater, mein Herr und Lehrer [Baal Sulam]: Da man beginnt, sich mit Tora und Mizwot [im Sinne von] lo liShma zu befassen – das heißt zum eigenen Nutzen –, kann das Verlangen zu empfangen dem zustimmen. Doch danach gelangt man dadurch zu liShma, das heißt zum Handeln um des Gebens willen. Dann schreit der Esau: „Du hast mich betrogen!“, wie geschrieben steht: „Und er sprach: ‚Heißt er nicht mit Recht Jakob? Denn er hat mich nun zweimal hintergangen.‘“ Das „zweimal“ lässt sich so deuten: sowohl im Verstand als auch im Herzen. Und man beginnt in lo liShma; darum hat der Körper nicht so viel dagegen einzuwenden, da er ihn glauben und darauf vertrauen lässt, dass er nur zum Nutzen des Körpers arbeitet, was Eigenliebe genannt wird.
Doch danach aus dieser Herrschaft der Eigenliebe herauszutreten und der Liebe zum Schöpfer würdig zu werden – hier beginnt die wahre Arbeit, und hier beginnt die Ordnung der Arbeit, die so genannt wird: dass der Mensch den Weg betreten will, der zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer führt.
Und die Arbeit beginnt mit der Schwangerschaft, das heißt zu der Zeit, da man vom Verlangen, für sich selbst zu empfangen, hinübergehen und in die Eigenschaft des Verlangens zu geben eintreten will. Und das ist es, was geschrieben steht: „Und die Söhne stießen sich in ihrem Mutterleib.“ Rashi legt es aus als einen Ausdruck des Laufens: Wenn sie an den Türen der Tora von Shem und Ewer vorbeikam, lief Jakob und drängte hinaus; kam sie an den Türen des Götzendienstes vorbei, drängte Esau hinaus.
Mein Vater, mein Herr und Lehrer legte aus: Wenn ein Mensch mit der Arbeit beginnt, dann ist das die Zeit, in der ihm einander entgegengesetzte Gedanken kommen. Das heißt, bevor er mit der Arbeit des Gebens beginnt, kann er nicht so genau darauf achten, die feinen Unterscheidungen wahrzunehmen, die es in der Ordnung der Arbeit gibt. Wenn er aber in die Arbeit des Gebens eintreten will, dann kann er jeden einzelnen Zustand spüren, in dem er sich befindet.
Er sagte: Zu der Zeit, da der Mensch an den Türen der Tora vorbeigeht, erwacht er, und es kommen ihm Gedanken, dass es sich lohnt, einen Ort der Tora zu betreten, die die Eigenschaft von „denn sie sind unser Leben und die Länge unserer Tage“ ist. Und das nennt man, dass die Eigenschaft Jakobs erwacht. Und er denkt dann, dass er gewiss für immer in solchen Gedanken bleiben wird, da er spürt, dass dies das Ziel des Lebens ist und es sich nicht lohnt, der Körperlichkeit Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie ist nicht das Wesentliche des Lebens, für das zu leben es sich lohnte.
Doch danach, wenn er an den Türen des Götzendienstes vorbeigeht – das heißt zu der Zeit, da er auf den Markt hinausgeht und sieht, dass alle Menschen nur in Eigenliebe versunken sind und das Geben sie überhaupt nicht interessiert –, da kommen ihm sofort Gedanken, dass es sich lohnt, in ihrer Spur zu gehen, und er vergisst nun all die Arbeiten, die er in das liShma investiert hat, das das Wesentliche des Lebens ist, und nun versteht er es ganz anders. Das nennt man Götzendienst. Das heißt, dass er sich selbst dient und nicht dem Schöpfer.
Eben dies ist der Götzendienst auf dem Weg der Arbeit: Der Mensch sieht, dass die Eigenschaft Esaus in seinem Innern hinausdrängt, um sich ihnen anzuschließen. Doch das sieht man nur zur Zeit der Schwangerschaft, das heißt zu der Zeit, da der Mensch von der Eigenschaft der Eigenliebe zur Liebe zum Schöpfer hinübergehen will, die das Geben ist. Solange der Mensch aber noch in der Eigenschaft der Allgemeinheit arbeitet, kann er diese Empfindungen nicht unterscheiden, obwohl sie in ihm vorhanden sind.
Der Grund ist einfach, wie unsere Weisen sagten: „Eine Sache, die einem Menschen nicht begegnet, kommt ihm nicht in den Sinn“ – was bedeutet: Über eine Sache, die einen Menschen nicht so sehr interessiert, nachzudenken kommt ihm nicht in den Sinn. Darum ist gerade bei jenen Menschen, die den Weg des Einzelnen gehen wollen, der „mit der Absicht zu geben“ genannt wird – da sie wissen wollen, ob sie in der Arbeit vorankommen –, der kritische Sinn entwickelt, jede feine Einzelheit zu sehen. Und jedes Haarbreit sehen sie, ob sie in Ordnung sind oder nicht. Darum beginnt bei der Schwangerschaft der genannte Lauf zwischen Jakob und Esau.
Und das ist es, was geschrieben steht: „Und die Söhne stießen sich in ihrem Mutterleib, und sie sprach: ‚Wenn das so ist, warum bin ich dann hier?‘“ Das heißt, zu der Zeit, da der Mensch zu erkennen beginnt, dass er sich einmal nach der Liebe zum Schöpfer sehnt und einmal nach der Eigenliebe, dann sagt er: „Wenn das so ist, warum bin ich dann hier?“ Das bedeutet: Wozu all diese Arbeit, wenn ich sehe, dass meine Aufstiege und Abstiege kein Ende haben, und ich fühle, dass ich, seit ich begonnen habe, auf dem Weg des Gebens zu arbeiten, hier wie da mit leeren Händen dastehe?
Das heißt: Als ich in der Eigenschaft der Allgemeinheit arbeitete, wusste ich, dass ich Tag für Tag in der Arbeit für den Schöpfer vorankam, da ich jeden Tag eine Selbstprüfung (Cheshbon haNefesh) machen konnte und sah, wie viel Zeit ich gebetet und wie viel Zeit ich gelernt hatte. Und ich hatte etwas, worauf ich blicken konnte, und ich war voller Freude und in gehobener Stimmung, da ich nur auf die Taten schaute und sah, dass ich in der Arbeit erfolgreich bin.
Jetzt dagegen, da ich begonnen habe, an der Absicht zu geben zu arbeiten, und man mir gesagt hat, dass die Taten, die ich tue, nicht genügen, was die Absicht betrifft – denn der Schöpfer hat uns geboten, Tora und Mizwot zu tun und zu erfüllen, doch man muss die Absicht haben, zu geben, das heißt zum Nutzen des Schöpfers –, sehe ich: So sehr ich auch Kräfte investiere, ich kann mich nicht überwinden. Obwohl ich nach meinem Dafürhalten getan habe, was in meiner Macht steht, komme ich nicht eine Handbreit und keinen Schritt vorwärts. Und was wird das Ziel sein? „Wenn das so ist, warum bin ich dann hier?“ Wozu habe ich die Arbeit in der Eigenschaft der Allgemeinheit verlassen?
Und das ist es, was geschrieben steht: „Und sie ging hin, den Ewigen zu befragen.“ Das heißt, er sah, dass es nun keinen Rat mehr gibt; denn zur Allgemeinheit zurückzukehren kann er schon nicht mehr, weil er, sobald er sah, dass es einen Weg der Wahrheit gibt, schon nicht mehr nur in der Eigenschaft der Tat arbeiten kann. Darum bleibt keine Wahl, als den Schöpfer zu befragen, dass Er ihm hilft, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“
Er sagt: Jetzt sehe ich, was unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen erstarkt jeden Tag über ihn, und wenn der Schöpfer ihm nicht helfen würde, könnte er ihn nicht überwinden.“ Dies braucht er nicht zu glauben – dass er ihn nicht überwinden kann –, sondern dies sieht er innerhalb des Verstandes.
Anders verhält es sich bei jenen Menschen, die innerhalb des Verstandes arbeiten: Sie müssen glauben, dass der Schöpfer ihnen hilft, da sie innerhalb des Verstandes sehen, dass sie sich mit Tora und Mizwot beschäftigen, und sie sehen, dass sie, sobald der Körper ein wenig faul werden will, sofort die Trägheit des Körpers überwinden. Und sie sehen nicht, dass sie einen Mangel in der Arbeit haben. Auch wenn er sieht, dass es größere Menschen gibt als ihn, sowohl an Quantität als auch an Qualität – wobei ja bekannt ist, dass es für Größe kein Maß gibt –, so sieht er doch, dass er zu den bedeutenden Menschen gezählt wird, und niemals kommen ihm böse Gedanken, das heißt der Gedanke, dass er Böses in sich hat. Vielmehr ist er beinahe in Ordnung, wegen „Es gibt keinen Gerechten auf Erden, der Gutes tut und nicht sündigt“. Darum glaubt er über dem Verstand, dass er Mängel hat. Doch dies ist nur, weil er nach Niedrigkeit sucht; in Wahrheit aber ist sein Zustand im Spirituellen gar nicht so schlimm.
Ganz anders ist es, wenn man zur Eigenschaft der Arbeit des Gebens hinübergehen will: Da ist er innerhalb des Verstandes, dass er keinerlei Fortschritt in Tora und Mizwot hat, der ihm die Fähigkeit gäbe, die Absicht zu geben auszurichten. Darum sieht er, dass ihm keine andere Wahl bleibt, als vom Schöpfer zu fordern, dass Er ihm hilft. Und ebenso fällt es ihm schwer zu beten, dass der Schöpfer ihm hilft, weil Zweifel aufkommen, ob der Schöpfer sein Gebet erhören wird.
Und das kommt ihm daher, dass er sich schon viele Male überwunden und den Schöpfer gebeten hat, ihm zu helfen, damit es in seiner Macht liegt, sich mit der Arbeit des Gebens zu beschäftigen, und er doch keinerlei Fortschritt in der Arbeit des Gebens erlangt hat. Wenn das so ist, braucht er nun eine große Überwindung, damit er die Kraft hat, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihm hilft. Das heißt, er muss über dem Verstand glauben, dass der Schöpfer ihm helfen wird. Und innerhalb des Verstandes sieht er, dass er nackt und bar von allem ist, was die Arbeit des Gebens betrifft. Das ist genau das Gegenteil davon, wie es war, als er sich mit der Eigenschaft der Arbeit der Allgemeinheit beschäftigte.
Nun wollen wir erklären, wonach wir gefragt haben – das, was geschrieben steht: „Und die Knaben wuchsen heran, und Esau wurde ein Mann des Feldes, Jakob aber war ein lauterer Mann, der in Zelten wohnte.“ Und wir fragten: Was ist das Neue daran? Gewiss werden sie, wenn sie heranwachsen, so sein, wie sie während der Schwangerschaft waren. Und Rashi antwortet darauf und sagt: „Solange sie klein waren, waren sie an ihren Taten nicht zu erkennen, und niemand achtete genau darauf, welcher Art sie waren. Als sie dreizehn Jahre alt wurden, da wandte sich der eine den Lehrhäusern zu und der andere dem Götzendienst.“
Das lässt sich auf die Weise dessen auslegen, was unsere Weisen sagten (Kiddushin 40) – und das sind ihre Worte: „Es lehrten unsere Meister: Immer soll ein Mensch sich als halb schuldig und halb verdienstvoll ansehen. Tut er eine Mizwa, wohl ihm, dass er sich auf die Waagschale des Verdienstes geneigt hat.“ Und es erhebt sich die Frage: Nachdem er eine Mizwa getan und sich schon auf die Waagschale des Verdienstes geneigt hat, wie kann er danach sagen, er soll sich als halb schuldig und halb verdienstvoll ansehen? Er hat sich doch schon auf die Waagschale des Verdienstes geneigt.
Vielmehr lässt sich dies so beantworten, wie unsere Weisen sagten (Sukka 52) – und das sind ihre Worte: „Es kam jener Greis und lehrte ihn: Wer größer ist als sein Freund, dessen Trieb ist größer als er.“ Auch dies gilt es zu verstehen: Warum wächst, wenn er größer wird, auch der böse Trieb bei ihm? Vielmehr ist es wie gesagt: Da es nötig ist, dass es halb gegen halb ist, denn andernfalls lässt sich nicht von einer Wahl sprechen, dass es in seiner Hand liegt, die Entscheidung zu treffen. Denn dadurch, dass er eine Mizwa getan hat, hat er sich schon auf die Waagschale des Verdienstes geneigt oder das Gegenteil. Darum fügt man ihm Böses hinzu, wenn er größer wird, das heißt, nachdem er schon eine Mizwa getan hat. Demnach ergibt sich, dass man ihm jedes Mal, wenn er größer wird, Böses hinzufügt. Darum befindet er sich immer zur Hälfte im Guten und zur Hälfte im Bösen. Und das ist es, was er sagt: „Immer soll ein Mensch sich als halb schuldig und halb verdienstvoll ansehen.“
Damit lässt sich erklären, was Rashi auslegt: „‚Und die Knaben wuchsen heran‘: Solange sie klein waren, waren sie an ihren Taten nicht zu erkennen, und niemand achtete genau darauf, welcher Art sie waren.“ Das heißt: Solange sie klein sind, hat er nicht viel Gutes und folglich auch nicht viel Böses, sodass das Böse in ihm zu erkennen wäre. Das ist es, was Rashi auslegt: „Sie waren an ihren Taten nicht zu erkennen, und niemand achtete genau auf sie.“
Anders aber bei „und sie wuchsen heran“: Da wuchsen beide heran, und dann gibt es eine Unterscheidung zwischen dem guten Trieb und dem bösen. Und dies lehrt uns Folgendes: Zu Beginn der Arbeit, zur Zeit der Schwangerschaft – das heißt zu der Zeit, da man von der Arbeit der Allgemeinheit zur Arbeit des Einzelnen hinüberzugehen beginnt –, beginnt sich das Böse sofort bei ihm zu offenbaren. Allerdings ist es noch nicht so deutlich zu erkennen. Doch wenn er beginnt, in der Arbeit aufzusteigen, wenn er zu wachsen beginnt, wie geschrieben steht: „Und die Knaben wuchsen heran“, dann wächst das Böse nach der Ordnung und dem Maß des Wachstums, entsprechend dem Maß des Guten, das er tut. In diesem Maß wächst das Böse bei ihm, wie gesagt, damit er halb schuldig und halb verdienstvoll ist.
Mit dem Gesagten lässt sich erklären, was Rashi auslegt: „Eine andere Auslegung: Sie rangen miteinander und stritten um das Erbe zweier Welten.“ Und es ist zu verstehen: Wozu ist der Streit zwischen den beiden nötig? Vielmehr ist es, wie unsere Weisen sagten (Berachot 5): „Rabbi Levi sagte: Immer reize ein Mensch den guten Trieb gegen den bösen Trieb auf.“ Und Rashi legt aus, dass er Krieg gegen den bösen Trieb führt. Und es ist zu verstehen: Wozu ist dieser Krieg nötig? Wäre es nicht besser, wenn der Mensch sieht, dass das Böse sich in seinem Innern nicht regt? Wozu muss er es dann erst wecken und mit ihm Krieg führen? Wäre es nicht besser, sich gar nicht erst in Gefahr zu begeben, da er ihn vielleicht nicht besiegen kann, wie unsere Weisen sagten: „Ein Mensch soll sich nicht in Gefahr begeben“?
Auf dem Weg der Arbeit, da man zum Geben gelangen will, muss der Mensch – zu der Zeit, da er die Taten der Mizwot tut oder sich mit Tora beschäftigt – sagen, dass er alles mit der Absicht zu geben tun will. Das nennt man, dass er den guten Trieb gegen den bösen Trieb aufreizt. Denn zu der Zeit, da der Mensch zu seinem Körper sagt, dass man um des Himmels willen arbeiten muss und nicht zum eigenen Nutzen, wird der Körper sofort zornig und stellt sich mit aller Macht gegen ihn und sagt ihm: „Alles kannst du tun, aber um des Himmels willen und nicht zum eigenen Nutzen – das kommt nicht in Betracht.“ Es ergibt sich also: Wenn er ihn nicht aufreizt, wird er niemals die Möglichkeit haben, zur Wahrheit zu gelangen.
korrOp, EY, 27.07.2026, 08:55 Uhr, Ver3