1989/35 Was bedeutet „Wer keine Söhne hat“ in der Arbeit?
Unsere Weisen sagten (im Traktat Nedarim 64): „Jeder Mensch, der keine Söhne hat, gilt als tot.“
Der Sohar (Pinchas, Blatt 32, und im Sulam-Kommentar Absatz 92) sagt wörtlich: „So wie ein Mann ohne Söhne unfruchtbar genannt wird und seine Frau ‚unfruchtbar‘ heißt, so wird auch die Tora ohne Mizwot ‚unfruchtbare Tora‘ genannt. Und deshalb haben wir gelernt: Nicht das Studium ist das Wesentliche, sondern die Tat.“ So weit seine Worte. Und im Sohar (Absatz 91) heißt es wörtlich: „Denn die Tora wird ‚Baum‘ genannt, wie geschrieben steht: ‚Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten.‘ Und der Mensch ist ein Baum, wie geschrieben steht: ‚Denn der Mensch ist der Baum des Feldes.‘ Und die Mizwot in der Tora gleichen den Früchten.“ Damit ist gemeint: Weil die Tora und der Mensch ‚Baum‘ genannt werden, gilt: So wie ein Baum, der keine Früchte trägt, einem Unfruchtbaren gleicht, der nichts hervorbringt, so werden auch der Mensch und die Tora ‚unfruchtbar‘ genannt, wenn sie keine Söhne haben.
Hier ist zu klären: Dass der Mensch und der Baum, die nichts hervorbringen, ‚unfruchtbar‘ genannt werden, lässt sich begreifen. Aber warum wird die Tora ‚unfruchtbar‘ genannt, wenn der Mensch Tora lernt und die Mizwot der Tora nicht erfüllt? Anders gefragt: Was ist die Schuld der Tora daran, dass der Mensch die Mizwot der Tora nicht erfüllen will? Dazu wird angeführt, was unsere Weisen sagten: „Groß ist das Studium, das zur Tat führt.“ Daraus folgt, dass die Tora zur Tat führen soll, und wenn sie nicht dazu führt, ist es, als wäre die Tora daran schuld, dass sie nicht zur Tat führt. So fällt der Mangel scheinbar nicht auf den Menschen, sondern auf die Tora. Kann das sein?
Um das zu verstehen, müssen wir zunächst im Ganzen erfassen, was Tora und Mizwot bedeuten, die der Schöpfer uns gegeben hat und für die wir Ihn preisen, wie wir sagen: „Der uns aus allen Völkern erwählt und uns Seine Tora gegeben hat.“ Auch die Tora selbst ist für uns auf zweierlei Weise zu verstehen, wie es im Sohar geschrieben steht (Einführung in das Buch Sohar, Marot haSulam, Blatt 242), wörtlich: „Die Mizwot in der Tora werden in der Sprache des Sohar Pkudin (Hinterlegungen) genannt, sie werden aber auch 613 Ejtin (Ratschläge) genannt. Und der Unterschied zwischen ihnen ist: In jeder Sache gibt es Vorderseite und Rückseite; die Vorbereitung auf die Sache heißt Rückseite, und die Erlangung der Sache heißt Vorderseite. Und auf diese Weise gibt es in Tora und Mizwot die Stufe ‚Wir werden tun‘ und die Stufe ‚Wir werden hören‘. Und wenn man Tora und Mizwot auf der Stufe der ‚Täter Seines Wortes‘ erfüllt, bevor man zu hören würdig wird, werden die Mizwot ‚613 Ejtin‘ genannt, und sie sind die Rückseite. Und wenn man der Stufe würdig wird, ‚die Stimme Seines Wortes zu hören‘, werden die 613 Mizwot zur Stufe der Pkudin – das ist von dem Wort Pikadon (Hinterlegung) abgeleitet. Denn es gibt 613 Mizwot, und in jeder Mizwa ist das Licht einer besonderen Stufe hinterlegt, und das ist die Vorderseite der Mizwot.“
Doch zuerst müssen Tora und Mizwot überhaupt erkannt und verstanden werden: Was bedeutet dort die Stufe des Tuns, und was die Stufe des Hörens? Denn wenn das Hören das Wesentliche ist, wozu muss der Mensch die Ordnung der Arbeit erst mit der Stufe der ‚Täter Seines Wortes‘ beginnen, die ‚Rückseite‘ genannt wird? Und warum beginnt man nicht sofort mit der Stufe der Vorderseite, die ‚Pkudin‘ heißt? Diese Arbeit erscheint überflüssig.
Bekanntlich stehen zwei Dinge vor uns: das Schöpfungsziel und die Korrektur der Schöpfung. Das Schöpfungsziel ist, dass es Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, das heißt, dass die Geschöpfe von Ihm, gepriesen sei Er, Gutes und Wonne empfangen sollen. Deshalb erschuf Er in den Geschöpfen ein Verlangen, Genuss zu empfangen. Und dieses Kli (Gefäß) – das Verlangen, Freude und Genuss zu empfangen, um die Sehnsucht zu stillen, die in den Geschöpfen ist – dieses Kli kommt von der Seite des Schöpfers, da Er es zu Seinem Ziel erschuf; denn ohne Sehnsucht nach der Sache kann man sie nicht genießen. Denn aus dem Genuss an einer Sache kann der Mensch keine Freude empfangen, außer entsprechend seiner Sehnsucht nach ihr. Sie ist das Maß für die Größe des Genusses. Und es ist nicht wichtig, wonach der Mensch sich sehnt, sondern die Sehnsucht nach der Sache macht die Sache wichtig.
Daher hat dieses Kli, das von der Seite des Schöpfers kommt, Vollkommenheit. Überall, wo der Mensch sieht, dass er aus einer Sache Genuss ziehen kann, tut er sofort alles, was in seiner Macht steht, um den Genuss zu erlangen. Anders ist es bei dem Kli, das die Geschöpfe selbst herstellen müssen, das in der Form dem Kli des Schöpfers entgegengesetzt ist: Das ist sehr schwer, weil es der Eigenschaft des Kli widerspricht, das der Schöpfer gemacht hat. Und dieses Kli liegt nicht in der Macht des Menschen herzustellen, wie unsere Weisen sagten: „Der Trieb des Menschen überwältigt ihn jeden Tag, und ohne die Hilfe des Schöpfers könnte er ihn nicht überwinden.“
Hier stellt sich eine Frage: Wenn der Mensch ihn nicht überwinden kann, was bleibt ihm dann zu tun, wenn nur der Schöpfer die Kraft zur Überwindung des bösen Triebs (Jezer haRa) geben kann? Antwort: Der Mensch muss mit der Überwindung beginnen. Er muss darauf achten, dass in ihm ein Verlangen entsteht, den bösen Trieb zu besiegen. Denn wenn der Mensch kein Verlangen hat, ihn zu besiegen, wie kann man ihm dann helfen? Denn „Hilfe“ bedeutet, dass der Mensch etwas will und es schwer zu erlangen ist; dann ist es angebracht zu sagen, dass man ihm hilft zu erlangen, was er will. Aber solange der Mensch nicht will, wie ist es da angebracht zu sagen, dass man ihm hilft, eine Sache zu erlangen, die ihm Leiden bringt? Denn von „Hilfe“ kann man sagen, dass man dem Menschen Hilfe gibt, damit er Genuss hat, nicht aber, dass man dem Menschen Hilfe gibt, damit er Leiden erträgt.
Daher gilt für den Menschen: Wenn er wirklich in die Arbeit für den Schöpfer auf der Stufe der Arbeit [im Sinne von] liShma eintreten will – das heißt um des Gebens willen und nicht zum eigenen Nutzen, sodass er alles um des Himmels willen tut –, dann, sobald er wahrhaft um des Himmels willen arbeiten will, beginnt der Körper seine Kraft zu zeigen: Er will, dass der Mensch alles gerade zu seinem eigenen Nutzen tut, und widersetzt sich mit aller Kraft dieser Arbeit und bringt ihm alle Argumente der Kundschafter vor, dass das Recht auf seiner Seite ist. Und wenn dann jemand kommt und ihm Hilfe gibt, ist dieser Mensch mit dieser Hilfe zufrieden und sagt vielen Dank für die Hilfe. Dann ist es angebracht zu sagen, dass er Hilfe von oben empfängt, wie unsere Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Anders ist es, wenn der Mensch mit dieser Arbeit nicht begonnen hat; dann fehlen hier zwei Dinge:
a. Er denkt, dass er keine Hilfe braucht, dass es sicher in seiner Macht steht, es zu tun, wenn er nur will, weil er ein Mann ist. Wer so denkt, braucht keine Hilfe. Daraus folgt, dass er kein Kli für das Licht hat.
b. Wenn er keine Kräfte aufgewendet hat, um zur Stufe „dass alle deine Werke um des Himmels willen seien“ zu gelangen, will er überhaupt nicht, dass man ihm die Kraft gibt, „nicht zum eigenen Nutzen zu arbeiten, sondern zum Nutzen des Schöpfers“. Vielmehr will er sehr wohl zu seinem eigenen Nutzen arbeiten. Und wenn er hört, dass ihm durch das Erfüllen von Tora und Mizwot nichts zum eigenen Nutzen erwächst, gilt ihm das als Fluch und nicht als Segen.
Aus diesem Grund muss er diese Arbeit aus eigenen Kräften beginnen. Und dann empfängt er nach und nach ein Verlangen, dass es sich lohnt, um des Himmels willen zu arbeiten, und es beginnt bei ihm die Ordnung von Aufstiegen und Abstiegen. Einmal sieht er, dass es sich lohnt, um des Himmels willen zu arbeiten, und einmal gibt er dem Argument des Körpers nach, der fragt: „Was soll euch diese Arbeit?“ – diese Arbeit um des Himmels willen. Und durch die Aufstiege und Abstiege beginnt er zu verstehen, was der Nutzen ist, wenn er würdig wird, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, und was er verliert, wenn er nicht aus der Eigenliebe heraustreten kann.
Wenn der Mensch sich überwindet und nicht vom Schlachtfeld flieht, sondern standhält und das Gebet mehrt, dass der Schöpfer ihm hilft, dass man ihm die nötige Hilfe gibt, damit es in seiner Macht steht, aus der Herrschaft des Empfangenden für sich selbst herauszutreten, dann braucht es eine große Überwindung, um zu glauben, dass der Schöpfer Hilfe geben wird. Der Mensch muss also glauben, dass er, je mehr er sieht, dass es schwerer ist, aus der Herrschaft des Empfangenden herauszutreten, und je mehr ihm jedes Mal aufs Neue aufgeht, wie sein Böses schlimmer ist als das anderer, sich dann sagen muss: Sicher wird der Schöpfer mir jetzt helfen, weil ich jetzt schon die Wahrheit erkannt habe, dass es ohne die Hilfe des Schöpfers keine Möglichkeit gibt.
Denn alles, was er sich vorgenommen hatte zu tun – Handlungen, die ihm helfen sollten, aus der Herrschaft des Empfangenden herauszutreten –, half ihm nicht; im Gegenteil, der Empfangende wurde stärker und zeigte größeren Widerstand gegen die Arbeit mit der Absicht zu geben. Dann muss der Mensch sich überwinden und nicht dem Rat der Kundschafter nachgeben, sondern sich über dem Verstand überwinden, dass der Schöpfer helfen wird, wie unsere Weisen es uns versprochen haben: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“
Doch woher kann der Mensch die Kraft der Überwindung empfangen, sodass er das Vertrauen in die Weisen (Emunat Chachamim) haben kann? Das geschieht einzig aus der Kraft der Tora, wie unsere Weisen sagten: „Der Schöpfer sprach: Ich erschuf den bösen Trieb, Ich erschuf die Tora als Gewürz.“ Das heißt, durch die Tora empfängt er die Kraft, sich zur Zeit des Krieges zu überwinden, das heißt zur Zeit, da er Gefäße der Dunkelheit erwerben muss, damit er danach die Unterscheidung hat „wie der Vorzug des Lichts aus der Dunkelheit“. Daraus folgt, dass die Tora ihn während der Arbeit ernährt, bis der Schöpfer weiß, dass er bereits Gefäße hat, die geeignet sind, das Licht zu empfangen; dann wird er der Stufe der „613 Pkudin“ würdig.
Doch während der Arbeit, solange er noch die Stufe der Kundschafter hat, werden Tora und Mizwot „613 Ejtin“ genannt, das heißt 613 Ratschläge, wie man sich vor den Kundschaftern rettet. Deshalb muss der Mensch, wenn er sich mit Tora und Mizwot befasst, seinen Sinn darauf richten, dass er einen Lohn für seine Arbeit will, nämlich die Kraft, gegen die Kundschafter zu kämpfen.
Daraus folgt, dass er will, dass die Tora ihm diesen Lohn gibt. Und wenn er diese Kraft nicht empfängt, gleicht die Tora einem Baum, der keine Früchte trägt, und einem Menschen, der keine Söhne hat. Denn die Tora hat ihm nicht die Söhne hervorgebracht, die die Kräfte sind, gegen die Kundschafter zu kämpfen. Und in der Zeit, da die Tora ihm diese Kraft gibt, wird das „ein Baum, der Früchte trägt“ genannt, und er gleicht einem Menschen, der Söhne hat.
Damit verstehen wir, was wir gefragt haben: Warum gleicht der Mensch einem Baum? Gemeint ist, dass beide Früchte tragen müssen. Und so wie man, damit der Baum Früchte trägt, dem Baum geben muss, was er braucht, was „Arbeit im Weinberg“ genannt wird, so muss auch der Mensch sich selbst die Nahrung geben, die der Mensch braucht, damit er die Fähigkeit hat, zur Vollkommenheit des Ziels zu gelangen, die die Stufe der „613 Pkudin“ genannt wird. Das heißt, dass er Tora und Mizwot mit der Absicht erfüllt, dass das Licht in ihr ihn zum Guten zurückbringe. Dazu bedarf es der Stufe des Tuns, nämlich aus dem Verlangen, für sich selbst zu empfangen – das das Tat-Gefäß des Menschen ist – Gefäße des Gebens zu machen, was „die Gefäße des Empfangens in Gefäße des Gebens verwandeln“ genannt wird.
Das wird „Tat“ genannt. Weil es nicht in der Macht des Menschen liegt, dieses Tun zu vollbringen, soll der Schöpfer – so wie Er uns Gefäße des Empfangens gab – uns Gefäße des Gebens geben. Doch „es gibt kein Licht ohne Kli“, und es gibt „keine Füllung ohne Mangel“. Daher muss der Mensch arbeiten und alle Kunstgriffe anwenden, die in seiner Macht stehen, um dieses Bedürfnis zu erlangen. Und je nach seiner Arbeit empfängt er das Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm dabei hilft. Und dann gibt der Schöpfer diese Tat-Gefäße, die „Gefäße des Gebens“ genannt werden. Und das geschieht durch Tora und Mizwot, weil „das Licht in ihr ihn zum Guten zurückbringt“.
Darauf zielt der Vers: „Was Gott erschuf, um zu tun.“ Wie mein Vater und Lehrer sagte: „erschuf“ bedeutet etwas Neues, Etwas aus Nichts, nämlich das Verlangen zu empfangen; denn bevor Er es erschuf, gab es nichts Empfangendes in der Wirklichkeit. Daraus folgt, dass der Schöpfer das Verlangen zu empfangen erschuf, und die Geschöpfe müssen daraus ein Verlangen zum Geben machen. Und das ist die Bedeutung von „was Er erschuf, um daraus ein Verlangen zum Geben zu machen“.
Obwohl es nicht in unserer Macht liegt, die Werke der Ordnungen des Schöpfungswerks zu ändern – wenn der Schöpfer es so erschuf, dass das Verlangen zu empfangen das Wirkende sein soll, wie kann man es da ändern? –, ist die Antwort: Dem Menschen liegt das Verlangen danach ob, dass er Ratschläge ersinnt, wie er dorthin gelangt. Und das wird „tun“ genannt. Und obwohl es, wie gesagt, nicht in der Macht des Menschen liegt, es zu tun, sondern der Schöpfer selbst dies tun muss, weil man die Ordnungen des Schöpfungswerks nicht ändern kann, wird es dennoch nach dem Menschen benannt.
Das lässt sich anhand dessen verstehen, was mein Vater und Lehrer zu dem Vers sagte: „Er gibt den Weisen Weisheit.“ Und er fragte: Es hätte doch heißen müssen: „Er gibt den Unvernünftigen Weisheit.“ Und er antwortete: „weise“ wird der genannt, der die Weisheit sucht, obwohl er sie noch nicht hat. Denn wer unvernünftig ist, sucht die Weisheit nicht, wie gesagt wird: „Denn der Unvernünftige begehrt die Einsicht nicht.“ Wenn der Mensch also Kunstgriffe und Ratschläge ersinnt, wie er das Gefäß des Gebens erlangt, wird das „Tun“ genannt, nämlich das oben genannte „um zu tun“.
Damit lässt sich erklären, was geschrieben steht: „Nicht das Studium ist das Wesentliche, sondern die Tat.“ Denn dafür bringt der Sohar den Beweis, dass derjenige, der keine Mizwot hat, sondern nur Tora allein, „unfruchtbar“ genannt wird und die Tora „unfruchtbar“ genannt wird, weil die Tora keine Früchte hat, die die Mizwot sind, und der Mensch keine Söhne hat. Denn daraus folgt, was unsere Weisen sagten: „Wer keine Söhne hat, gilt als tot.“ Und wenn man von der Arbeit spricht, ist die Bedeutung: „Wer keine Mizwot hat, gilt als unfruchtbar“ – so wie der Sohar ihn mit der Tora vergleicht, von der er sagte „Baum des Lebens“, und „der Mensch ist der Baum des Feldes“. Gemeint ist: Dass die Tora unfruchtbar genannt wird, wenn er keine Mizwot hat, das ist in Bezug auf den Menschen gesagt; das heißt, der Mensch muss wissen, dass die Tora bei ihm auf der Stufe der Unfruchtbaren ist, wenn seine Tora, die er lernt, ihn nicht zu Mizwot führt. Dazu sagt der Sohar: „Deshalb haben wir gelernt: Nicht das Studium ist das Wesentliche, sondern die Tat.“ Wenn die Tora also nicht die Mizwot der Tora enthält, wird die Tora „unfruchtbar“ genannt.
Ebenso lässt sich erklären, was wir gefragt haben: Warum wird die Tora „unfruchtbar“ genannt, wenn der Mensch keine Mizwot hat? Die Tora wird bei dem Menschen „unfruchtbar“ genannt, weil „nicht das Studium das Wesentliche ist, sondern die Tat“. Denn weil der Schöpfer sagte „Ich erschuf den bösen Trieb, Ich erschuf die Tora als Gewürz“ – womit gemeint ist, dass es nur durch das Licht der Tora in der Macht des Menschen steht, das Böse in seinem Inneren zu besiegen –, folgt daraus: Wenn jemand Tora lernt, aber nicht darauf achtet, dass die Tora ihm das Licht bringe – damit es in seiner Macht steht, seine Handlungen um des Himmels willen zu vollbringen, was gegen den bösen Trieb ist –, so kann er den bösen Trieb nicht besiegen. Denn das Böse im Menschen will gerade zum eigenen Nutzen arbeiten und widersetzt sich dem Nutzen des Schöpfers mit aller Macht.
Deshalb gab uns der Schöpfer einen Rat aus der Kraft der Tora, dass die Tora uns Kraft geben soll, nämlich „durch das Licht in ihr, das ihn zum Guten zurückbringt“. Denn die Tora macht aus dem Bösen im Menschen Gutes. So steht es in seiner Macht, durch die Tora die Gefäße des Gebens zu erlangen, was die Stufe der „Tat“ genannt wird, wie es heißt: „Was Gott erschuf, um zu tun.“
Daraus folgt: Wenn die Tora nicht die Unterstützung gibt, die sie geben soll, dann steht die Tora bei dem Menschen auf der Stufe der Unfruchtbaren. Und der Mensch, der die Tora ohne die Unterstützung empfängt, die sie geben soll – beide, das heißt der Mensch und die Tora des Menschen, werden auf der Stufe der „Unfruchtbaren“ genannt, das heißt, dass sie nichts hervorbringen.
Aus dem Gesagten lässt sich auch erklären, was unsere Weisen sagten (Nedarim 81), wörtlich: „Weshalb ist es nicht häufig, dass Tora-Gelehrte Tora-Gelehrte aus ihren Söhnen hervorbringen? Weil sie nicht zuerst über der Tora den Segen sprechen.“ Und dieser Grund ist sehr schwer zu verstehen. Wir sehen doch, dass sogar einfache Hausherren den Segen der Tora sprechen, und wenn sie zur Lesung der Tora aufgerufen werden, sprechen auch sie den Segen. Und wie kann es sein, dass Tora-Gelehrte nicht zuerst über der Tora den Segen sprechen? Und nach dem Obigen lässt sich erklären: Es geht um die, die Tora lernen und vor dem Lernen der Tora ihren Sinn nicht darauf richten, weswegen sie lernen, also was sie von der Beschäftigung mit der Tora erwarten – denn man tut keine Handlung, außer um sich irgendeinen Nutzen zu bringen.
Die Antwort ist, dass sie nicht zuerst über der Tora den Segen sprachen. Anfangs fehlte die Absicht, dass die Tora ihnen Segen bringen soll. Denn der Segen selbst ist die Stufe des Gebens. Sie richteten ihren Sinn nicht darauf, dass die Tora ihnen Gefäße des Segens bringe, nämlich Gefäße des Gebens. Daher können aus ihrer Tora keine Söhne hervorgehen, an denen erkennbar wäre, dass sie Tora-Gelehrte sind. Vielmehr bringt ihre Tora, die sie lernen, ihnen nicht die Stufe der Mizwot hervor, die die Stufe der „Handlungen des Gebens“ genannt werden; vielmehr bleiben sie auf der Stufe der „Unfruchtbaren“, und ihre Tora ist auf der Stufe der „Unfruchtbaren“.
Gemeint ist, dass diese Tora-Gelehrten, die Tora lernen, ihre Söhne nicht hervorbringen, nämlich die Handlungen, die „Mizwot“ genannt werden, an denen erkennbar wäre, dass sie von Tora-Gelehrten kommen, das heißt, dass sie gute Taten sind, die „Handlungen des Gebens“ genannt werden, die das Licht der Tora hervorgebracht hat. Und das wird „es ist nicht häufig, dass Tora-Gelehrte Tora-Gelehrte aus ihren Söhnen hervorbringen“ genannt. An ihren Handlungen ist nämlich nicht erkennbar, dass sie aus dem Licht der Tora geboren werden sollen, was „Tora-Gelehrter“ genannt wird. Sie lernen Tora, und das Licht der Tora soll Handlungen hervorbringen, nämlich dass alle seine Handlungen um des Himmels willen seien und dass sie der Anhaftung an den Schöpfer würdig werden, sodass sie am Leben der Lebenden haften. Und warum haben sie das nicht? Weil „sie nicht zuerst über der Tora den Segen sprachen“. Wie gesagt, richteten sie vor dem Lernen der Tora ihren Sinn nicht darauf, dass sie lernen gehen, damit das Licht der Tora ihnen das Heilmittel (Segula) bringe, das sie zum Guten zurückbringt.
Aus dem Gesagten verstehen wir, was unsere Weisen sagten: „Jeder Mensch, der keine Söhne hat, gilt als tot.“ Denn die Söhne sind die Stufe der Mizwot, das heißt, dass alle Mizwot-Handlungen, die er vollbringt, mit der Absicht zu geben sind, was „Anhaftung an das Leben der Lebenden“ genannt wird. Es versteht sich von selbst: Wenn er keine Gefäße des Gebens hat, ist er vom Leben der Lebenden getrennt. Daher gilt er als tot, so wie unsere Weisen sagten: „Die Frevler werden zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt.“
Ebenso verstehen wir, was unsere Weisen über den Vers sagten: „Zion, das keinen Suchenden hat“ – woraus folgt, dass es des Suchens bedarf. Gemeint ist, dass „Zion“ hier „Malchut“ genannt wird, das heißt „Reich des Himmels“. Alle Handlungen des Menschen sollen zum Nutzen des Schöpfers geschehen und nicht zu seinem eigenen Nutzen, wie geschrieben steht: „Ich gedenke Gottes und stöhne, wenn ich jede Stadt auf ihrem Hügel erbaut sehe, und die Stadt Gottes erniedrigt bis in die untersten Tiefen.“
Was den eigenen Nutzen betrifft, ist alles in Ordnung, denn alle bemühen sich, dass es aufs Vollkommenste geschehe. Anders ist es bei der „Stadt Gottes“, die die heilige Arbeit ist, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten; diese Arbeit ist eine Arbeit der Niedrigkeit. Und dazu braucht man das Licht der Tora. Wer Tora lernt, muss vor dem Lernen der Tora von der Tora verlangen, dass sie ihm dieses Licht gibt, damit er zum Nutzen des Schöpfers arbeiten kann.
korrOp, EY, 28.07.2026, 15:36 Uhr, Ver4