1988/07 Was ist die Bedeutung des Bräutigams, dessen Sünden vergeben werden?
Unsere Weisen sagten: „Dreien werden ihre Sünden vergeben: einem Fremden, der zum Judentum übertritt, einem, der zu hohem Amt aufsteigt, und einem, der eine Frau heiratet. Und den Grund leitete man von hier ab: Darum wird sie ‚Mahalat‘ genannt – weil ihm seine Sünden vergeben wurden (nimchelu). Im Wochenabschnitt WaJishlach dagegen wird sie ‚Basemat, die Tochter Ismaels‘ genannt.“ So bei Rashi angeführt (WaJishlach, sechster Abschnitt). [Anm. d. Übers.: Esaus Frau heißt im Abschnitt Toldot ‚Mahalat‘, im Abschnitt WaJishlach dagegen ‚Basemat‘. Den Namen ‚Mahalat‘ verbinden die Weisen mit der Wurzel machal (vergeben); daher die Lehre, dass dem Bräutigam die Sünden vergeben werden.]
Dieser Ausspruch verlangt eine Erklärung. Unsere Weisen lernen, dass einem Bräutigam am Tag seiner Hochzeit seine Sünden vergeben werden – und zwar abgeleitet aus dem Fall Esaus, der die Tochter Ismaels nahm, deren Name ‚Basemat, die Tochter Ismaels‘ war. Und weil im Wochenabschnitt Toldot geschrieben steht: „Und Esau ging zu Ismael und nahm Mahalat, die Tochter Ismaels“, ist dies der Beweis, dass einem Bräutigam am Tag seiner Hochzeit seine Sünden vergeben werden.
Es zeigt sich also, dass wir diese ganze Grundlage vom Frevler Esau lernen, der die Tochter des Frevlers Ismael nahm. Und das ist schwer zu verstehen. Denn was ist ein Frevler? Einer, der sagt, es gebe überhaupt keine Sünden auf der Welt und er könne tun, was sein Herz begehrt – weil ein Frevler an nichts glaubt. Demnach sagt der Frevler, dass er niemals sündigt. Wozu also bräuchte er eine Vergebung der Sünden? Gibt man einem Menschen etwas, das er gar nicht will? Es heißt doch: „Kein Licht ohne Gefäß (Kli), keine Erfüllung ohne Mangel.“
Noch schwerer zu verstehen ist, was eigentlich der Grund dafür ist, dass ihm Vergebung der Sünden zusteht. Welches Verdienst hat er? Soll ihm etwa dafür, dass er hinging und eine Frau heiratete, der Lohn der Vergebung der Sünden zustehen? Der Verstand verlangt doch: Wenn jemand etwas so Großes getan hat, dass wir seine Bedeutung gar nicht ermessen können, dann begreifen wir, dass ihm dafür ein großer Lohn zusteht, bis hin zur Vergebung der Sünden. Aber was Großes hat er getan, indem er eine Frau heiratete?
Außerdem sehen wir, dass das Sprechen des Tachanun (Bittgebet) eine große Sache ist, denn dazu gehören die dreizehn Eigenschaften [der Barmherzigkeit] und das Niederfallen auf das Angesicht (Nefilat Apaim). Befindet sich aber ein Bräutigam in der Synagoge, so spricht man kein Tachanun. Und es gilt zu verstehen: Worin liegt die Bedeutung dessen, dass er eine Frau geheiratet hat – sodass er die ganzen sieben Tage der ‚sieben Segenssprüche‘ (Sheva Brachot) die Kraft hat, ein so wichtiges Gebet aufzuheben, nur weil er eine Frau geheiratet hat, die nun ‚Braut‘ genannt wird? [Anm. d. Übers.: Tachanun (mit den dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeit und dem Niederfallen, Nefilat Apaim) sind Bittgebete, die an Freudentagen entfallen; in Gegenwart eines Bräutigams unterbleiben sie die ganze Festwoche der Sheva Brachot. Eben darin zeigt sich das Gewicht der Hochzeit.]
Im einfachen Wortsinn gibt es viele Erklärungen. Wir aber müssen das im Sinne der Arbeit auslegen – was es uns lehren will. ‚Esau der Frevler‘ wird der Mensch in dem Augenblick genannt, in dem er bereits zur Erkenntnis gekommen ist, dass es Böses in der Welt gibt, das alle Geschöpfe daran hindert, zu dem Guten und dem Genuss zu gelangen, für die die Welt erschaffen wurde. Dieses Böse ist bei ihm bereits zum Aspekt ‚Esau‘ geworden – von der Wurzel ‚assija‘ (Tun) –, weil sein Böses bereits abgeschlossen ist, mit der klaren Erkenntnis, dass es das Verlangen ist, für sich selbst zu empfangen. Dann kommt die Ordnung des „Weiche vom Bösen“. Denn bevor der Mensch das Wissen hat, dass das Verlangen zu empfangen ‚böse‘ heißt, kann er nicht von ihm weichen und nicht aufhören, auf seine Stimme zu hören.
Danach beginnt die Sache des „und tue Gutes“. „Tue Gutes“ heißt, das Joch des Himmelreichs auf sich zu nehmen. Doch der Mensch kann den Aspekt einer ‚gottesfürchtigen Frau‘ nicht aus eigener Kraft erlangen; das muss er vielmehr von oben empfangen, wie geschrieben steht: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Und der heilige Sohar sagt, dass man ihm eine Seele gibt. Das ist die Hilfe, die der Mensch empfängt. Es zeigt sich also: Diese Seele wurde daraus geboren, dass der Schöpfer auf seine Stimme hörte, als er kam, um sich zu reinigen. Und diese Seele wird ‚Tochter‘ genannt – geboren daraus, dass ‚Gott hört‘ (Jishma-El, Ismael), nämlich der Schöpfer sein Gebet erhörte, nachdem der Mensch zur Erkenntnis des Bösen gelangt ist, die ‚Esau‘ heißt.
Das ist gemeint mit dem Vers: „Und Esau ging hin und nahm Mahalat, die Tochter Ismaels.“ ‚Und er ging hin‘ bedeutet: zu einer höheren Stufe, nachdem er zur Erkenntnis des Bösen – genannt ‚Esau‘ – gelangt war, hin zu ‚Jishma-El‘ (Gott hört). Das heißt, er befasste sich nun mit dem Aspekt ‚Tue Gutes‘, indem er zum Schöpfer betete, dass dieser sein Gebet erhöre und ihm den Aspekt einer Seele gebe, wie der Sohar sagt. Und „und er nahm Mahalat“ bedeutet, dass er den Aspekt der Vergebung der Sünden (mechilat awonot) ergriff, durch den er den Aspekt ‚Tochter‘ erlangte, die daraus geboren wurde, dass der Schöpfer sein Gebet erhörte. Und das wird ‚die Tochter Jishma-Els‘ genannt. Und dies verläuft der Reihe nach:
Erstens: die Anstrengung, die Wahrheit zu sehen – in dem Maße, wie er begreift, dass das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, ihm Böses verursacht. Dann kann er ein für alle Mal festlegen, es nicht mehr zu gebrauchen. Das heißt ‚Esau‘.
Zweitens: Danach wird ihm zuteil, eine Frau zu nehmen, was durch die Vergebung der Sünden geschieht; dann besteht die Möglichkeit, dies zu erlangen.
Die Sache der ‚Frau‘, die ‚Seele‘ genannt wird und die man ihm von oben gibt, lässt sich nach dem verstehen, was in der Einführung in die ‚Lehre der zehn Sefirot‘ (Talmud Eser haSefirot, Punkt 53–55) erklärt wird. Dort heißt es wörtlich: „Dann hilft ihm der Schöpfer, gepriesen sei Er, und er erlangt die offenbarte Vorsehung, also die Offenbarung des Angesichts. Dann erlangt er die vollständige Teshuwa (Umkehr), indem er zurückkehrt und sich an den Schöpfer, gepriesen sei Er, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft anhaftet, wie es sich von selbst aus dem Erfassen der offenbarten Vorsehung ergibt. Und es versteht sich von selbst, dass, wer diese offenbarte Vorsehung erlangt, sich seiner sicher ist, nicht mehr zu sündigen – so wie ein Mensch sich sicher ist, sich nicht in die eigenen Glieder zu schneiden und sich furchtbare Qualen zu bereiten; und ebenso ist er sich sicher, dass er eine Mizwa nicht versäumt, sondern sie sofort erfüllt, wenn sie ihm zufällt – so wie ein Mensch sicher ist, dass er keinen Genuss dieser Welt und keinen großen Gewinn fahren lässt, der ihm zufällt.“ Und diese Teshuwa heißt: ‚dass ihm seine Sünden vergeben werden‘.
Und nach der Regel, dass alle Mizwot aus dem Aspekt von Zweig und Wurzel hervorgehen – das heißt, dass jede einzelne Mizwa in der Körperlichkeit eine Wurzel in der Spiritualität hat –, lässt sich sagen: Daraus folgt, dass auch in der Körperlichkeit einem Menschen, der eine Frau heiratet, seine Sünden vergeben werden, was ein Hinweis auf das Spirituelle ist.
Nach dem Gesagten können wir auslegen, was unsere Weisen sagten: „Wie tanzt man vor der Braut?“ – und nicht: „Wie tanzt man vor dem Bräutigam?“ Anders dagegen beim Hochzeitsmahl, wo es heißt: „Jeder, der das Mahl eines Bräutigams genießt und ihm keine Freude bereitet (Berachot, Blatt 6), verstößt gegen fünf Stimmen: die Stimme der Wonne und die Stimme der Freude, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut, die Stimme derer, die sagen: ‚Danket.‘“ Man sagte nicht, dass man die Braut erfreuen müsse, und man sagte nicht, dass es ein Mahl der Braut gebe, sondern nur ein Mahl des Bräutigams. Und wir finden, dass bei Jakobs Hochzeit Laban das Mahl ausrichtete, wie geschrieben steht: „Und Laban versammelte alle Männer des Ortes und gab ein Gastmahl“ – das heißt, das Mahl kam von Seiten der Braut, denn der Vater der Braut richtete das Mahl aus, und nicht Jakob, der der Bräutigam war. [Anm. d. Übers.: Die ‚fünf Stimmen‘ samt dem Ausruf ‚Danket‘ stammen aus Jeremia 33,11, einem Vers über die wiederkehrende Hochzeitsfreude; weiter unten deutet Rabash sie auf die fünf Seelenstufen (NaRaNCHaJ).]
Und gemäß dem, was mein Vater und Lehrer, sein Andenken sei zum Segen, erklärt hat – dass ‚Bräutigam‘ den Aspekt der Tora meint und ‚Braut‘ den Aspekt des Glaubens –, lässt sich unsere Frage auslegen. Denn beim Glauben durchläuft der Mensch Aufstiege und Abstiege, bis er ihn dauerhaft erlangt. Denn der Mensch wird mit einem Gefäß des Empfangens (Kli) geboren, und dieses Gefäß will sich mit Dingen befassen, von denen der Verstand zwingend vorgibt, dass es sich lohnt, sich mit ihnen zu befassen – das heißt, dass dem Verlangen, für sich selbst zu empfangen, etwas Gutes daraus erwächst; sonst ist er nicht fähig, etwas zu tun.
Und weil der Glaube über dem Verstand steht – das heißt, der Verstand erträgt ihn nicht –, gibt es hier Aufstiege und Abstiege, was als ‚Tanz‘ bezeichnet wird. Denn wir sehen: Wenn man tanzt, hebt man die Füße und senkt sie wieder, und so geht es immer wieder von vorn. Das deutet uns etwas an, denn ‚Füße‘ (raglaim) hängt mit ‚Spähern‘ (meraglim) zusammen: In dem Augenblick, in dem der Mensch das Joch des Himmelreichs auf sich nehmen und dem Schöpfer allein um Seinetwillen (liShma) dienen soll, kommt sofort sein Verstand und gibt ihm zu verstehen, er solle nicht voreilig sein, sondern erst den Nutzen prüfen – ob es sich wirklich lohnt, dem Schöpfer zu dienen, ohne dafür eine Belohnung zu empfangen. [Anm. d. Übers.: Im Hebräischen teilen ‚Füße‘ (raglaim) und ‚Späher‘ (meraglim) dieselbe Wurzel. Wie die Kundschafter erst den Nutzen abwägen, hält der Verstand den Menschen davon ab, das Joch des Himmels ohne Lohn auf sich zu nehmen.]
Deshalb gilt: Wenn man die Füße hebt – das heißt, wenn man über den Verstand und die Vernunft hinausgeht –, so heißt das, dass man die Füße vom Boden hebt. Doch nicht immer hat der Mensch die Kraft, sich zu überwinden und über den Verstand hinauszugehen. Das nennt man: ‚wieder die Füße auf den Boden setzen‘. Und wenn es heißt: „Wie tanzt man vor der Braut?“ (Ketubot 16b), so bedeutet ‚vor der Braut‘ – in der Zeit des Aufstiegs, die ‚Angesicht‘ (panim) genannt wird –: Was soll er über die Braut sagen? Das heißt, welches Lob er am Glauben gefunden hat – was er an ihm gesehen hat, sodass sich sagen lässt, er habe deshalb das Joch des Glaubens auf sich genommen.
Beit Schammai sagt: „Die Braut, wie sie ist.“ Das heißt: So, wie er ihre Bedeutung empfindet, so nimmt er den Glauben auf sich. Er muss also gar kein Lob an ihr finden; selbst wenn er keinerlei Bedeutung an ihr empfindet, nimmt er auf sich, was uns zu glauben aufgegeben ist – und gerade das ist unser ganzes Lob: dass wir diese Arbeit auf uns nehmen, weil wir glauben, dass dies der Wille des Schöpfers ist. Er braucht keine Vorzüge zu suchen, sondern einfach zu glauben und es auf dem Weg des Zwangs auf sich zu nehmen – „wie ein Ochse das Joch und wie ein Esel die Last“.
Und Beit Hillel sagt: „Eine schöne und anmutige Braut.“ Das ist so auszulegen: Über das, was er sieht, soll der Mensch sagen: „Augen haben sie und sehen nicht.“ Und über das, was er hört, soll er sagen: „Ohren haben sie und hören nicht.“ Das heißt, das Sehen geschieht nicht allein mit den Augen, sondern es gibt auch ein Sehen im Denken. Die Auslegung lautet: Wenn der Verstand ihm Bilder zeigt, die dem Glauben widersprechen, und er oft hört, wie der Verstand ihm zu verstehen gibt, dass die Arbeit um des Himmels willen nichts für ihn sei – über all das muss er sich überwinden und zu sich sagen: „Augen, und sie sehen nicht.“ Das heißt: Was der Verstand ihm sagt und zu verstehen gibt, ist nicht wahr. Das nennt man: „Augen haben sie und sehen die Wahrheit nicht, und Ohren haben sie und hören die Wahrheit nicht.“ Ihre Gedanken also – das, was das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, ihm sagt – sind nicht wahr. Vielmehr soll er sich sagen, dass sie in Wahrheit „eine schöne und anmutige Braut“ ist, er aber jetzt noch nicht würdig ist, die Wahrheit zu sehen. [Anm. d. Übers.: ‚Augen haben sie und sehen nicht, Ohren haben sie und hören nicht‘ stammt aus Psalm 115,5–6, wo es von den Götzen gesagt ist; hier auf die trügerischen Bilder des eigenen Verstandes übertragen.]
Doch die Wahrheit ist: All das Gute und der Genuss, den das Verlangen zu empfangen in seinen Gefäßen empfangen kann, ist nur ein feines Leuchten (Nehiru Dakik) im Vergleich zu dem Licht, das sich in den Gefäßen des Gebens kleidet – und das nennt man „eine schöne Braut“. Aber nicht immer ist der Mensch fähig, seinen Verstand und seine Vernunft zu überwinden. Darum gehört zum Glauben die Sache der Tänze, worüber unsere Weisen sagten: „Wie tanzt man vor der Braut?“ Das heißt: Was lässt sich über das ‚Angesicht‘ der Braut sagen? Denn ‚Angesicht‘ (panim) steht im Geheimnis von: „Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht.“ Er muss also sagen, welches Lob die Braut hat, die ‚Glaube‘ genannt wird. Und darin liegt der Unterschied zwischen Beit Schammai und Beit Hillel: ob man „die Braut, wie sie ist“ sagt oder „eine schöne und anmutige Braut“.
Anders verhält es sich beim Bräutigam, wo der Schöpfer im Aspekt der Tora genannt wird und die Tora als ‚Geschenk‘ gilt. Dort passt die Sache der Tänze nicht. Denn wenn jemand Geschenke empfängt, lässt sich nicht sagen, dass er einen Abstieg habe – also dass er keine Geschenke empfangen wolle. Nur dort, wo Mühe nötig ist und der Mensch sich gegen den Verstand überwinden muss, lässt sich sagen: Mal kann er sich überwinden und mal nicht. Wenn man aber Geschenke empfängt, wie ließe sich da sagen, dass er die Geschenke nicht nötig habe? Darum sagte man nicht: „Wie tanzt man vor dem Bräutigam?“, sondern: „Wie tanzt man vor der Braut?“
Anders dagegen beim Mahl, wo geschrieben steht: „Jeder, der das Mahl eines Bräutigams genießt“, und nicht: „Jeder, der das Mahl einer Braut genießt“. Der Grund ist wie oben: Der Bräutigam meint den Aspekt der Tora, und die Tora heißt ‚Geschenk‘ (Mattana), nach den Worten unserer Weisen: „aus dem Geschenk Nachaliel“ (Eruvin 54). Gemeint ist ein Vers über die Wüstenwanderung Israels, dessen Stationsnamen die Weisen als Wortspiel auslegen. Dort heißt es wörtlich: „Was bedeutet der Vers (4. Mose 21,18–20): ‚Und aus der Wüste ein Geschenk (Mattana), und aus dem Geschenk Nachaliel, und aus Nachaliel die Höhen (Bamot), und aus den Höhen das Tal‘? Er sagte ihm: Wenn ein Mensch sich selbst wie diese Wüste macht, auf der alle herumtreten, so wird ihm die Tora als Geschenk (Mattana) gegeben. Und sobald sie ihm als Geschenk gegeben wurde, gibt Gott (El) sie ihm zum Erbe – hebräisch nachalo El, und eben das klingt im Stationsnamen Nachaliel an –, wie gesagt ist: ‚aus dem Geschenk Nachaliel.‘“
Bekanntlich hat der Schöpfer viele Namen. Das richtet sich danach, was Er den Unteren offenbart – das heißt, es hängt davon ab, in welchem Maß Er den Unteren gibt. Mit anderen Worten: Je nachdem, wie die Unteren würdig sind, gibt Er ihnen Fülle. Und weil es bei den Empfangenden viele Aspekte gibt, wie geschrieben steht: „Wie ihre Gesichter einander nicht gleichen, so gleichen ihre Meinungen einander nicht.“ Und wie wir es im Sinne der Arbeit lernen, durchläuft der Mensch selbst einen Wechsel der Zustände. Deshalb wandelt sich die Fülle des Schöpfers in viele Aspekte. Der Schöpfer selbst aber hat überhaupt keinen Namen, „denn kein Gedanke erfasst Ihn überhaupt“, sondern, wie geschrieben steht: „Aus Deinen Werken haben wir Dich erkannt“ – das heißt, gemäß der Fülle, die Er gibt, so benennt man Ihn.
Deshalb wird der Schöpfer vom Aspekt der Tora her ‚Bräutigam‘ genannt. Und wenn Er den Aspekt des Glaubens gibt, wird Er ‚Braut‘ genannt. Vom Aspekt des Schöpfungsziels her – das in Seinem Verlangen besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, sodass die ganze Welt Genuss hat, nämlich von jenem Aspekt, der ‚Sein Verlangen, Gutes zu tun‘ heißt – erhalten sogar die Klipot (Schalen) Leben von Ihm; sonst hätten sie kein Existenzrecht in der Welt. Doch wie der Sohar sagt, haben sie nur den Aspekt eines feinen Leuchtens (Nehiru Dakik). Anders in der Tora und den Mizwot: Dort ist das Gute und der Genuss eingekleidet, im Geheimnis von: „Die ganze Tora besteht ganz aus Namen des Schöpfers“, dessen allgemeiner Name ‚der Gute, der Gutes tut‘ ist.
Nach dem Gesagten wird der Schöpfer ‚Bräutigam‘ genannt, weil Er der Gebende ist und den Unteren gibt. Und weil die Geschöpfe von dem Genuss haben, was Er ihnen zu genießen gibt – und wie oben gesagt, kommt aller Genuss der ganzen Welt von Ihm, gepriesen sei Er –, werden alle Genüsse ‚Mahl‘ genannt. Es zeigt sich also: Die ganze Welt genießt vom Mahl des Königs. Doch es gibt einen Unterschied von Seiten der Unteren: Es gibt Untere, die glauben, dass dies ein Mahl ist, das vom König kommt, und es gibt Säkulare, die nicht glauben, dass das Mahl von Seiten des Schöpfers kommt, der ‚König‘ genannt wird. In dem Aspekt, dass Er der Gebende ist, wird Er ‚Bräutigam‘ genannt. Das ist gemeint, wenn unsere Weisen sagten: „Jeder, der das Mahl eines Bräutigams genießt und ihm keine Freude bereitet, verstößt gegen fünf Stimmen.“ Das heißt: Obwohl man glaubt, dass das Mahl ein Mahl des Bräutigams ist, und Ihm dafür dankt, dass man genießt, gibt es dennoch eine höhere Stufe – nämlich den König dadurch zu erfreuen, dass man genießt.
Doch nach dem Obigen, dass der Schöpfer ‚Bräutigam‘ genannt wird – wie lässt sich davon sprechen, den Schöpfer zu erfreuen? Bekanntlich entsteht Freude als Folge von etwas: Wenn ein Mensch etwas Neues erlangt hat, nach dem er sich gesehnt hat, und es empfängt, erzeugt das in ihm Freude. Wie aber ließe sich sagen, dem Schöpfer fehle – Gott behüte – etwas, das Ihn, wenn Er es empfinge, in Freude versetzte?
Der Sohar (Bereshit, Blatt 146) sagt dort: „Es gab keine Freude vor dem Schöpfer seit dem Tag, an dem die Welt erschaffen wurde, wie jene Freude, mit der Er Sich in der kommenden Zukunft mit den Gerechten freuen wird.“ Auch diesen Ausspruch gilt es zu verstehen: Wie lässt sich sagen, dass der Schöpfer Freude empfängt? Doch wie wir lernen, ist das Schöpfungsziel, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Darin zeigt sich: Wenn die Unteren das Gute und den Genuss empfangen, den Er für sie bereitet hat, hat Er Freude daran. So wie es im bekannten Gleichnis vom König heißt, der einen Turm voll alles Guten hat, aber keine Gäste. [Anm. d. Übers.: Im Gleichnis fehlt dem König nichts außer Gästen, die seine Güter genießen. Ebenso ‚fehlt‘ dem Schöpfer nichts; Seine Freude entsteht erst, wenn die Geschöpfe das von Ihm bereitete Gute empfangen.]
Deshalb schreibt man das Mahl dem Schöpfer im Aspekt des Bräutigams zu, der im Aspekt der Tora, des Geschenks, des Nachaliel steht. Und wenn die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen, das ‚Mahl‘ genannt wird, müssen sie alles empfangen, um zu geben, und nicht aus eigennützigem Empfangen. Das ist gemeint, wenn unsere Weisen sagten: „Wer das Mahl eines Bräutigams genießt und ihm keine Freude bereitet“, sondern zum eigenen Nutzen empfängt, der „verstößt gegen fünf Stimmen“. Denn die fünf Stimmen deuten auf die Vollkommenheit der Stufe hin, die sich den Geschöpfen offenbaren soll. Das heißt: Sein Verlangen, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, offenbart sich in fünf Aspekten, die ‚die fünf Teile der Seele‘ genannt werden: Nefesh, Ruach, Neshama, Chaja, Jechida.
Darum sagten unsere Weisen: „Wer das Mahl eines Bräutigams genießt und ihm keine Freude bereitet“ – das heißt, wenn seine Absicht beim Genuss des Mahls nicht darauf gerichtet ist, den Schöpfer zu erfreuen, indem das Schöpfungsziel zur Vollendung seiner Korrektur gelangt, sondern auf den eigenen Nutzen –, dann bewirkt er, dass die fünf Stimmen, nämlich der Aspekt Naranchaj (Nefesh, Ruach, Neshama, Chaja, Jechida), die sich offenbaren sollen, an ihm vorübergehen. Denn über dem Gefäß des Empfangens für sich selbst lag ein Zimzum (Einschränkung), sodass das Licht nicht an jenen Ort gezogen wird; dieser Ort aber bedarf der Korrektur, nämlich des ‚um zu geben‘. Und weil er darauf nicht achtet, ist er die Ursache dafür, dass die Fülle daran gehindert wird, zu den Unteren zu gelangen.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass unsere Weisen uns nachdrücklich warnen, dass wir uns mit viel Arbeit und Mühe vorbereiten müssen:
Erstens: zu glauben, dass alles, woran wir in der Welt irgendeinen Genuss empfangen, ‚Mahl des Königs‘ heißt. Aber das muss man glauben. Darum setzten unsere Weisen für jeden einzelnen Genuss einen eigenen Segensspruch ein – sei es der Segen des Gebets, sei es der Segen der Tora, sei es bei körperlichen Genüssen.
Zweitens: Bei allen Genüssen, die man vom Mahl des Königs empfängt, muss man sich bemühen, dass es um des Gebens willen geschehe und nicht zum eigenen Nutzen.
Anders ist es, wenn der Schöpfer den Unteren im Aspekt der ‚Braut‘ gibt, die der Aspekt des Glaubens ist: Das wird noch nicht ‚Mahl‘ genannt; dort vielmehr gibt es Aufstiege und Abstiege, und darum gehören dorthin die ‚Tänze‘.
korrigiert, EY, CO4.8, 23.06.2026