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1987/15 Zwei Unterscheidungen in der Heiligkeit

Es gibt eine Heiligkeit (Kedusha) oben und eine Heiligkeit unten, wie geschrieben steht: „Ihr sollt heilig sein.“ Es gibt also eine Heiligkeit unten – das heißt, die Geschöpfe sollen heilig sein. Danach steht geschrieben: „Denn heilig bin ich, der Schöpfer, euer Gott.“ Das ist die Heiligkeit oben. Und darin liegt der Grund, warum es eine Heiligkeit unten geben soll: Weil Er oben heilig ist, will Er, dass auch unten Heiligkeit ist. Unsere Weisen (Torat Kohanim) legten aus: „‚Ihr sollt heilig sein‘ – ihr sollt abgesondert sein; ‚denn heilig bin ich‘ – das heißt: Wenn ihr euch selbst heiligt, rechne ich es euch an, als hättet ihr mich geheiligt.“

Auf den ersten Blick ist das schwer zu verstehen. Denn von hier scheint es, als gäbe es – Gott behüte – keine Heiligkeit oben. Vielmehr sage Er nur deshalb, weil der Schöpfer heilig sein will: Wenn ihr euch heiligt, rechne ich es euch an, als hättet ihr mich geheiligt. Das müssen wir verstehen. Denn aus dem einfachen Wortsinn geht hervor: Weil der Schöpfer heilig ist, sagt Er, dass auch die Geschöpfe heilig sein sollen, wie geschrieben steht „Ihr sollt heilig sein“ – und zwar aus dem Grund: „Denn heilig bin ich, der Schöpfer, euer Gott.“

Aus den Auslegungen unserer Weisen aber geht hervor, dass die Unteren heilig sein sollen, um Ihn zu heiligen. So legten sie die Worte aus „Denn heilig bin ich, der Schöpfer, euer Gott“, nämlich: „Wenn ihr euch selbst heiligt, rechne ich es euch an, als hättet ihr mich geheiligt.“ Demnach scheint der Grund, weshalb wir heilig sein sollen, der zu sein, dass es oben eine Heiligkeit gebe.

Weiter legten unsere Weisen aus (Kedoshim Rabba 24,9), und dies sind ihre Worte: „‚Ihr sollt heilig sein.‘ Könnte man meinen: wie ich? Dazu lehrt die Schrift: ‚Denn heilig bin ich.‘ Meine Heiligkeit steht über eurer Heiligkeit.“ So weit ihre Worte. Auch das ist schwer zu verstehen. Käme dir denn in den Sinn, dass Israel wie der Schöpfer sein könnte? Wie ließe sich so etwas überhaupt denken?

Um das Gesagte zu verstehen, müssen wir verstehen, was die Auslegung „‚Ihr sollt heilig sein‘ – ihr sollt abgesondert sein“ bedeutet. Das heißt: Wovon soll der Mensch sich absondern? Außerdem ist der Grund zu verstehen, weshalb der Mensch sich absondern soll. Aus dem Vers geht hervor, dass er sich absondern soll, weil „ich heilig bin“.

Auch dies ist zu verstehen: Dass der Schöpfer heilig ist, können wir noch begreifen. Aber warum sollte gerade die Heiligkeit des Schöpfers der Grund dafür sein, dass auch der Mensch heilig sei? Lässt sich der Mensch denn mit dem Schöpfer vergleichen, sodass er Ihm gleicht? Wie wäre das möglich? Und wenn doch, müssen wir verstehen, was damit gemeint ist, dass der Mensch verpflichtet wird, heilig zu sein wie der Schöpfer.

Und offenbar ist es gerade dies, was der Mensch im Wesentlichen sein soll. Andernfalls wäre er das Gegenteil von Heiligkeit – Unreinheit (Tuma) –, und dazwischen gäbe es scheinbar nichts; oder wir müssten sagen, es gebe eine mittlere Stufe zwischen Heiligkeit und Unreinheit. Auch dies ist zu verstehen: Was ist „Unreinheit“ in der Arbeit, und was ist „Heiligkeit“ in der Arbeit?

All diese Dinge sind in eine Richtung auszulegen: Wir kehren zurück zur Frage, was der Zweck der Schöpfung ist, was die Wurzel der Schäden ist und welche Korrekturen uns aufgetragen sind, damit der Schöpfungszweck sich vollkommen verwirklicht. Das heißt: damit die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen, die der Schöpfer ihnen geben will – wie oben gesagt, dass Sein Verlangen ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

Es ist nun bekannt, dass das Verlangen, Gutes zu tun, ein Verlangen zu empfangen erschuf – eine Sehnsucht, das Gute zu empfangen, das Er geben will. Dieses Verlangen zu empfangen wird die „Wurzel der Geschöpfe“ genannt. Denn aus ihm gingen später viele Aspekte in diesem Verlangen zu empfangen hervor. Das heißt: Als es zum ersten Mal hervortrat und sich offenbarte und auf dieser Stufe empfing, wurde dieser Zustand „Welt der Unendlichkeit (Ejn Sof)“ genannt.

Das bedeutet: Dieses Verlangen zu empfangen setzte dem höheren Licht noch keine Grenze, sondern empfing in diesem Gefäß (Kli) das Gute und den Genuss. Deshalb wurde eine Korrektur vorgenommen: Man sollte die Fülle nicht empfangen, um zu empfangen, sondern um zu geben. Dadurch würden die Geschöpfe beim Empfangen der Genüsse keinerlei Scham fühlen.

Aus dem Gesagten folgt: In der Welt der Unendlichkeit gab es nur ein einziges Verlangen. Erst danach teilte sich dieses Verlangen zu empfangen in viele Aspekte – nämlich nachdem die Korrektur der Einschränkung (Zimzum) vorgenommen war, sodass man nichts mehr empfangen darf, außer in dem Maß, in dem man die Absicht zu geben ausrichten kann. Der Grund: Malchut empfing mit dem Gefäß, das wir dem Schöpfer zuschreiben – Er schuf etwas Neues, ein Sein aus dem Nichts, genannt „Sehnsucht nach dem Empfangen der Genüsse“. Damals konnte Malchut alles empfangen, was der Schöpfer geben wollte.

Denn in dem Maß, in dem Er geben wollte, in eben diesem Maß erschuf Er das Verlangen zu empfangen. Daher konnte Malchut die ganze Fülle empfangen, die der Schöpfer geben will. Deshalb gilt dies als ein einziges Verlangen. Bekanntlich lässt sich das Licht nicht aufteilen; alle Aufteilungen, die wir an den Lichtern wahrnehmen, bestehen allein im Verhältnis zu den Empfangenden. Da es im empfangenden Gefäß nur einen einzigen Aspekt gab, gilt dies folglich als ein einziges Licht – wie gesagt: Ein Gefäß gilt als ein Verlangen.

Anders verhält es sich nach der Korrektur der Einschränkung: Da muss man dem Verlangen zu empfangen die Absicht beifügen, um zu geben. Und weil wir die Sache des Gebens den Geschöpfen zuschreiben, können die Gefäße, die die Geschöpfe schaffen müssen, gewiss nicht auf einmal vollendet werden.

Deshalb muss man jedes Mal einen Teil des Verlangens zu empfangen nehmen und ihn so korrigieren, dass er auf das Geben ausgerichtet ist. Das ist der Grund, weshalb das geschaffene allgemeine Verlangen zu empfangen sich in mehrere Teile teilte. Je nach dem Maß der Absicht zu geben, die man auf sie legt, empfängt das Verlangen das Licht, das zu ihm passt – das Verlangen, das mit der Absicht zu geben korrigiert ist.

Aus dem Gesagten folgt nun, was die Auslegung „‚Ihr sollt heilig sein‘ – ihr sollt abgesondert sein“ meint. Wir hatten gefragt: Wovon soll der Mensch sich absondern? Die Antwort lautet: Der Mensch soll sich von der Eigenliebe absondern, das heißt vom Empfangen für sich selbst, und sich nur mit dem Geben befassen.

Und dies geschieht aus dem Grund „denn heilig bin ich“. Das heißt: Damit ihr fähig werdet, das Gute und den Genuss zu empfangen, und damit dieses Gute ohne jede Scham bei euch sein wird, müsst ihr im Verlangen zu geben sein. Das verschafft euch die Gleichheit der Form, wie unsere Weisen auslegten: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ Und das ist der Sinn von „Ihr sollt heilig sein“: Ihr sollt im Verlangen zu geben sein. „Denn heilig bin ich“ – denn auch ich bin nur da, um zu geben. Darum muss es die Gleichheit der Form geben, die „Anhaftung (Dwekut)“ genannt wird.

Aus dem Gesagten verstehen wir nun unsere Frage. Hier scheint der Grund für „Ihr sollt heilig sein“ darin zu liegen, dass der Schöpfer heilig ist. Was bedeutet dann aber die Aussage unserer Weisen: „‚Denn heilig bin ich‘ – das heißt: Wenn ihr euch selbst heiligt, rechne ich es euch an, als hättet ihr mich geheiligt“? Hier scheint das Gegenteil gemeint: dass ihr heilig sein sollt, damit es gleichsam ist, als hättet ihr mich geheiligt. Und überhaupt ist schwer zu verstehen, dass das Volk Israel den Schöpfer heiligen soll. Was bedeutet das?

Wir sagen ja immer: „Gesegnet seist Du, Schöpfer, der Israel und die Festzeiten heiligt“, „Gesegnet seist Du, Schöpfer, der Israel und den Tag des Gedenkens heiligt“. Ebenso sagen wir im Kidush (Segensspruch über den Wein): „Denn uns hast Du erwählt und uns geheiligt aus allen Völkern.“ Was bedeutet dann „als hättet ihr mich geheiligt“?

Das heißt: Der Schöpfer brauche, dass wir Ihm etwas zu Seinem Nutzen geben, da Er gleichsam unsere Heiligkeit benötige und sie nur durch uns erlangen könne. Kann man denn sagen, dass Er – Gott behüte – der Geschöpfe bedarf, dass sie Ihm etwas für Ihn geben?

Wie wir erklärt haben, wird „heilig“ der Gebende genannt. Damit die Geschöpfe Gefäße haben, um Seine Fülle zu empfangen, muss die Gleichheit der Form bestehen. Das heißt: Auch das Verlangen der Geschöpfe soll nur sein zu geben und nicht zu empfangen. Andernfalls ist nicht erkennbar, dass der Schöpfer ihnen gibt.

Darum sagte der Schöpfer: Wenn ihr euch selbst heiligt – das heißt, wenn ihr euch vom Empfangen für sich selbst absondert und euch nur mit der Arbeit des Gebens befasst, die „Heiligkeit“ genannt wird –, „rechne ich es euch an, als hättet ihr mich geheiligt“. Das heißt: Indem ihr euch mit dem Geben befasst, habt ihr bewirkt, dass auch ich euch alles Gute geben kann.

Demnach zielt das, was der Schöpfer braucht – dass die Geschöpfe Ihn heiligen, indem sie sich selbst heiligen –, auf die Offenbarung, dass der Schöpfer der Gebende ist. Andernfalls müsste Er den Geschöpfen verhüllt bleiben und könnte ihnen keine Fülle geben. Denn durch das Empfangen der Fülle gerieten sie in ein Gefäß der Eigenliebe, über das rechte Maß hinaus, wegen des Überflusses.

Das heißt: Zuvor empfingen sie Gutes und körperlichen Genuss in das Gefäß des Empfangens. Anders aber, wenn Er ihnen die höhere Fülle gibt, die der wahre Genuss ist: Dann werden sie gewiss zu wahren Empfangenden. Denn bekanntlich macht das Licht das Gefäß – das heißt, der Genuss erzeugt das Begehren, wie unsere Weisen sagten: „Das Auge sieht, und das Herz begehrt.“

Aus dem Gesagten verstehen wir: Dass der Schöpfer es braucht, dass die Geschöpfe sich selbst heiligen, dient dem Nutzen der Geschöpfe. Das heißt: Dadurch, dass sie arbeiten, um zu geben, erhält der Schöpfer die Möglichkeit, ihnen Fülle zu geben. Und sie bleiben im Geben und nicht in der Eigenliebe, die – wie oben gesagt – eine Trennung im Spirituellen bewirkt.

Und das ist der Sinn von „Ich rechne es euch an, als hättet ihr mich geheiligt“: Ihr habt damit bewirkt, dass ich allen offenbar werde als heilig. Das heißt, dass ich der ganzen Welt Gutes und Genuss gebe; denn der Gebende wird, wie gesagt, „heilig“ genannt.

Aus dem Gesagten verstehen wir nun unsere Frage zu dem, was die Weisen über den Vers auslegten: „‚Ihr sollt heilig sein.‘ Könnte man meinen: wie ich? Dazu lehrt die Schrift: ‚Denn heilig bin ich.‘ Meine Heiligkeit steht über eurer Heiligkeit.“ Wir hatten gefragt: Wie könnte es jemanden geben, der meint, die Heiligkeit Israels gliche der Heiligkeit des Schöpfers?

Nach dem Gesagten lässt sich auslegen: Da der Schöpfer sagte „Ihr sollt heilig sein“, ist gemeint, dass ihr von den Gefäßen des Empfangens abgesondert sein und euch nur mit den Gefäßen des Gebens befassen sollt. „Könnte man meinen: wie ich?“ – das heißt, so wie der Schöpfer keine Gefäße des Empfangens benutzt; denn von wem – Gott behüte – sollte Er empfangen? Vielmehr können wir über den Schöpfer überhaupt nur das sagen, was wir von Ihm empfangen, wie geschrieben steht: „An Deinen Taten erkennen wir Dich.“

Deshalb sagt der Schöpfer: „Lass es dir nicht in den Sinn kommen, wie ich zu sein.“ Das heißt, ihr würdet im Zustand des Gebenden bleiben, das Geben um des Gebens willen – das meint „Könnte man meinen: wie ich?“. Nämlich: So wie ich nur gebe und nichts empfange, würdet auch ihr im Zustand des Gebenden bleiben, das Geben um des Gebens willen.

Darauf sagte Er: „Nein, vielmehr müsst ihr zum Zustand des Empfangenden gelangen“ – das heißt, zum wirklichen Empfangen. Ihr müsst eure Gefäße des Empfangens gebrauchen; nur die Absicht muss darauf gerichtet sein, zu geben. Denn der Zweck der Schöpfung ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, dass die Geschöpfe Gutes und Genuss empfangen. Und das ist der Sinn von „Meine Heiligkeit steht über eurer Heiligkeit“.

Aus dem Gesagten folgt, dass wir zwischen der „Heiligkeit oben“ und der „Heiligkeit unten“ unterscheiden müssen. Zwar steht geschrieben: „Ihr sollt heilig sein“, „denn heilig bin ich, euer Gott“, was wir so ausgelegt haben, dass ihr nur arbeiten sollt, um zu geben, „so wie ich der Gebende bin“ – wie oben in den Worten der Weisen: „Wie Er barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“

Gleichwohl gibt es einen Unterschied zwischen der Heiligkeit oben und der Heiligkeit unten. Denn die Heiligkeit oben besteht ganz im Geben, und Empfangen findet dort überhaupt nicht statt. Bei der Heiligkeit unten ist es nicht so. Vielmehr liegt die Vollkommenheit gerade darin, dass man die Gefäße des Empfangens gebraucht; und die Heiligkeit liegt in der Absicht. Das heißt: Wenn man von den Geschöpfen fordert, heilig zu sein – Gebende zu sein und nicht Empfangende –, so ist damit hauptsächlich gemeint, dass sie es tun, um zu geben.

In der Ordnung der Arbeit aber ist zwischen der Kleinheit (Katnut) der Heiligkeit und der Größe (Gadlut) der Heiligkeit zu unterscheiden. Denn die Ordnung der Arbeit verläuft vom Leichten zum Schweren. Deshalb muss man zuerst mit der Arbeit beginnen, in der die Taten des Gebens darauf gerichtet sind, zu geben. Das bedeutet: Bei allen Mizwot, die man tut, soll die Absicht sein, keinen Lohn und keine Gegenleistung für das Erfüllen von Tora und Mizwot zu empfangen, sondern alles soll liShma sein und nicht zum eigenen Nutzen. Das nennt man „Geben, um zu geben“.

Danach folgt die Ordnung der Größe: Man beginnt, mit den Gefäßen des Empfangens zu arbeiten, um zu geben. Das bedeutet, dass die Geschöpfe sagen: „Wir wollen Gutes und Genuss empfangen, denn das ist Sein Verlangen – gepriesen sei Er –, der die Welt erschuf, um Seinen Geschöpfen Wohl zu tun.“ Es ergibt sich also, dass zwei Arten von Heiligkeit zu unterscheiden sind:

1. Die Heiligkeit oben, die ganz im Geben besteht und überhaupt nicht im Empfangen.

2. Die Heiligkeit unten, die in der Handlung sehr wohl im Empfangen besteht, deren Absicht aber das Geben ist.

korrOp, EY, 12.7.2026, Ver4