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1987/08 Der Unterschied zwischen Chessed (Barmherzigkeit) und Emet (Wahrheit) im Vergleich zur unwahren Barmherzigkeit

„Der Unterschied zwischen wahrer und unwahrer Barmherzigkeit“

Es steht geschrieben: „Und er rief seinen Sohn Josef … und erweise mir Barmherzigkeit und Wahrheit (Chessed und Emet).“ (1. Mose 47,29)

Die Ausleger fragen, warum er gerade Josef rief und zu ihm sagte: „Erweise mir Barmherzigkeit und Wahrheit.“ Zu „Barmherzigkeit und Wahrheit“ erklärt Rashi: „Die Barmherzigkeit, die man den Toten erweist, ist eine wahre Barmherzigkeit, denn man erwartet dafür keine Vergeltung.“ Und zu dem Vers „Und ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“ (1. Mose 48,22) erklärt Rashi: „weil du dich darum mühst, mich zu begraben.“

Damit stehen Rashis Worte im Widerspruch zu dem, was hier geschrieben steht. Denn dass er ihm „einen Anteil mehr gibt als seinen Brüdern“, begründet er damit, dass Josef sich um sein Begräbnis müht. Dann aber ist es keine „wahre Barmherzigkeit“: Jakob entlohnt ihn ja für seine Mühe, indem er ihm einen Anteil mehr gibt als den Brüdern. Bei der „wahren Barmherzigkeit“ hingegen erklärt Rashi, dass Josef für die Mühe, ihn ins Land Israel zu bringen, nichts erhält – „denn die Barmherzigkeit, die man den Toten erweist, ist die, bei der man keine Vergeltung erwartet.“

Unsere Weisen legten den Vers „Und sie ließen Josef ausrichten: Dein Vater hat vor seinem Tod befohlen“ so aus, dass sie die Sache um des Friedens willen abänderten; denn in Wahrheit hatte Jakob dies nicht befohlen, da er Josef in nichts verdächtigte. Zwar löst die Auslegung der Weisen die Schwierigkeit, dass wir nirgends finden, dass Jakob vor seinem Tod einen solchen Auftrag gegeben hätte – dennoch lässt sich darauf zumindest eine Andeutung geben. Das heißt: andeutungsweise hat er ihm dies vor seinem Tod sehr wohl befohlen. Ausdrücklich aber, mit klaren Worten, geschah es nicht.

Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst wiederholen, was wir schon viele Male besprochen haben: das Ziel der Schöpfung. Wir haben gelernt, dass es darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Damit es jedoch kein „Brot der Scham“ gäbe, wurde eine Einrichtung getroffen, durch die beim Empfang des Guten und des Genusses die Scham annulliert wird. Diese Einrichtung heißt: beim Empfang des Genusses „die Absicht zu geben“.

Wenn nämlich der Empfänger nicht den eigenen Nutzen im Sinn hat, sondern alles, was er empfängt, dazu nutzen will, dem Schöpfer Freude zu bereiten – weil es Sein Wille war, Gutes zu tun –, dann ist damit die Scham aufgehoben. Aus demselben Grund entschwanden die Lichter aus den Gefäßen, sobald diesen die Absicht zu geben verloren ging. In den höheren Parzufim heißt dieser Vorgang „Läuterung des Schirms (Massach)“; durch ihn fehlt ihnen das zurückkehrende Licht (Or Choser).

Zurückkehrendes Licht bedeutet, dass der Untere den Genuss an den Höheren zurückgeben will. Das heißt: So wie das höhere Licht zum Unteren kommt, weil der Schöpfer Seinen Geschöpfen Gutes tun will, so gibt nun der Untere den Genuss an den Höheren zurück. Der Untere will also dem Höheren Freude bereiten – dadurch, dass er die Fülle vom Höheren empfängt.

Aus demselben Grund entstanden auch die Klipot (Schalen), deren Wesen das Verlangen ist, nur für sich selbst zu empfangen. Auch das Gute und das Böse, das wir in dieser unserer Welt empfinden, geht auf diese Ursache zurück. Und alle Verderbnisse wie alle Korrekturen drehen sich allein um diesen einen Punkt, der „Verlangen, Genuss zu empfangen“ heißt.

Bliebe das Empfangsgefäß jedoch so, wie es entstanden ist – ein Empfänger, der empfängt, um zu empfangen –, so würde dies Scham verursachen, wegen der Verschiedenheit der Form. Darum wurde die Korrektur eingerichtet, die „um zu geben“ heißt. Und eben dies – das Verlangen zu empfangen in ein Geben umzuwandeln – ist die ganze Arbeit, die den Unteren aufgegeben ist. In den höheren Welten heißt dieser Vorgang „Entschwinden der Lichter“ oder „Ausbreitung der Lichter“.

Anders gesagt: Das Geben ist es, was alle Welten bewegt. Hat der Untere die Kraft zu geben, so empfängt er höhere Fülle. Mehr noch: Das Maß der Fülle, die der Untere empfängt, hängt vom Maß seiner Kraft zu geben ab.

Wie wir gelernt haben: Wer am gröbsten ist und sich dennoch überwinden und zurückkehrendes Licht geben kann, der empfängt eine höhere Stufe. Alles hängt also vom Maß des Gebens ab, das der Untere aufbringen kann.

Wir haben bereits gesprochen, dass allein dieses Verlangen zu empfangen „neue Schöpfung“ heißt und „Gefäß“ genannt wird, in das die höhere Fülle einströmt. Bei den unteren Geschöpfen, so ergibt sich, sind an ihrem Verlangen zu empfangen vier Unterscheidungen zu treffen:

Erstens: Das ist die Gesamtheit der Welt, die ihrem Streben folgt – Freude und Genuss zu empfangen –, weil diese Menschen sich selbst Genuss verschaffen wollen.

Zweitens: jene, die durchaus anderen Freude und Genuss geben. Doch auch hier sind zwei Fälle zu unterscheiden:

a) Wenn sie anderen Freude und Genuss bereiten, dafür aber Geld erhalten, so heißt das nicht, dass sie anderen geben. Es ist vielmehr ein „Tausch“: Jeder gibt das Seine her, und der andere gibt ihm im Gegenzug das Seine.

Ein Beispiel: Wer ein Restaurant oder ein Hotel hat und den Menschen eine Unterkunft oder Speise und Trank bietet – niemand wird sagen, dieser Mensch übe sich im Geben. Der Grund: Er erhält für seine Arbeit Geld. Überdies legt er den Preis fest – wie viel Geld er für das nimmt, was er gibt.

Oder nehmen wir Kellner, die die Gäste bedienen. Obwohl sie von den Gästen keinerlei Gegenleistung erhalten, wird doch niemand sagen, die Kellner seien Menschen, die sich im Geben üben. Denn der Hotelbesitzer zahlt ihnen Geld dafür, dass sie die Gäste bedienen.

b) Wenn jemand sich im Geben übt – also den Menschen Speise und Trank und eine Unterkunft gibt –, aber ohne Bezahlung. Er weiß nur: Indem er sich müht, anderen Gutes zu tun, erwirbt er sich einen guten Namen. Die ganze Stadt soll erfahren, dass er ein Mann ist, den zu ehren sich lohnt, weil er Kraft und Geld für das Gemeinwohl hergibt. Ein solcher Mensch erhält schon den Namen „Wohltäter“, „Mann der Barmherzigkeit“, „gastfreundlicher Mann“ und dergleichen. Und obwohl er es um der Ehre willen tut, wird doch niemand sagen, alles, was er tut, geschehe nur für ihn selbst, nämlich weil er Ehre begehrt.

So ist es in der Welt üblich: Verhält sich ein Mensch derart, dass er Gutes für das Gemeinwohl tut, so heißt es, er arbeite für die Gemeinschaft, ohne eine Belohnung zu erwarten. Und tatsächlich ehren ihn alle für seine Rechtschaffenheit und Geradheit des Herzens.

In der Arbeit für den Schöpfer heißt diese Stufe „Geben, um zu empfangen“. Anders gesagt: Die erste Stufe heißt „Empfangen, um zu empfangen“. Diese Stufe hingegen, bei der jemand kein Geld für seine Arbeit will, heißt „Geben, aber um zu empfangen“. Das wird „lo liShma (nicht um Ihretwillen)“ genannt. Die Handlung ist nämlich ein Geben – er gibt Kraft und Geld für die Belange der Heiligkeit her –, doch er will eine Gegenleistung. Darum heißt das „Geben, um zu empfangen“. Und das ist die zweite Stufe.

Die dritte Stufe ist die, bei der jemand für seine Mühe – an Kraft wie an Geld – überhaupt keine Gegenleistung will. Gegenüber seinem Nächsten arbeitet er im Verborgenen, und gegenüber dem Schöpfer sagt er: „Ich danke Dir vielmals, dass Du mir das Verlangen und die Lust gegeben hast, etwas zu tun, das Dir Freude bereitet. Das ist mein ganzer Lohn im Leben – dass ich Dir dienen darf. Und ich bitte Dich um diesen Lohn: dass Du mir noch mehr Verlangen und Lust gibst, damit ich keinerlei fremde Gedanken habe, etwas zum eigenen Nutzen zu tun, sondern all mein Wollen und Begehren einzig dem Dienst um des Himmels willen gilt. Ich meine, es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt, das ein Mensch im Leben zu erlangen hoffen kann, um glücklich zu sein. Um Reichtum müht sich die ganze Welt, und alle wollen ihn erreichen – doch sie wissen nicht, was Glück ist. Darin aber sind alle gleich: Sie wollen glücklich sein. Und ich weiß sehr wohl, was Glück ist: Wenn ein Mensch dem König dienen darf und nicht an den eigenen Nutzen denkt, sondern an den Nutzen des Königs, dann ist dieser Mensch der glücklichste auf der Welt. Und woher weiß ich das? Weil ich es so empfinde. Welchen Lohn also will ich? Nur diesen.“ Darum sagt er: „Der Schöpfer möge mich würdigen, viele Taten um des Himmels willen zu vollbringen.“ Das ist es, was die Weisen sagten (Awot 4,2): „Der Lohn einer Mizwa ist eine Mizwa.“ Auf eben diesen Lohn warte ich. Und diese Stufe heißt „Geben, um zu geben“. Das ist die Stufe „liShma (um Ihretwillen)“.

Die vierte Stufe ist die, bei der jemand schon fähig ist zu sagen: Ich will Freude und Genuss empfangen – nicht nur aus dem, was ich gebe, sondern ich will Freude und Genuss gerade aus dem empfangen, was ich tatsächlich empfange. Denn er hat bereits die Stufe „Geben, um zu geben“ erreicht und ist nicht auf den eigenen Nutzen bedacht. Darum beginnt er zu überlegen: Was darf ich sagen, woran der Schöpfer Freude hätte? Er braucht doch nichts, was man Ihm gäbe – Ihm gehört ja die ganze Welt, wie geschrieben steht: „Wenn du gerecht bist, was gibst du Ihm?“ (Hiob 35,7).

Dieser Gedanke führt ihn dazu, über das Ziel der Schöpfung nachzudenken. Er sieht, dass geschrieben steht, das Ziel der Schöpfung sei, „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“. Der Schöpfer will also den Geschöpfen Gutes und Genuss geben. Darum sagt er nun zum Schöpfer: Gib mir Gutes und Genuss. Und ich will dies nicht, weil ich an meinen eigenen Genuss dächte, sondern ich will mich erfreuen, weil Du Freude daran hast, dass wir uns erfreuen. Nur mit dieser Absicht bitte ich Dich, mir Gutes und Genuss zu geben. Das heißt: In mir ist kein Verlangen nach eigenem Nutzen; alles, was ich denke und tue, geschieht allein, damit Du Wohlgefallen hast.

Und wenn der Mensch aus dem Zustand der „Gesamtheit der Welt“ – also aus dem „Empfangen, um zu empfangen“ – heraustreten will, stellt sich die folgende Ordnung ein.

Er tritt in den zweiten Zustand ein, „Geben, um zu empfangen“ genannt, also „lo liShma“. Die Handlung ist ja ein Geben, doch er hofft, dadurch Lohn zu empfangen, indem er Handlungen des Gebens vollbringt. Auch hier sind zwei Fälle zu unterscheiden:

a) Er will, dass die Menschen ihm eine Gegenleistung geben. Dann sieht es aus, als vollbrächte er gute Taten nach dem, wozu die Menschen ihn verpflichten, indem sie ihm Ehre erweisen und dergleichen. Es scheint also, als hielte er Tora und Mizwot ein, weil die Menschen es ihm gebieten – und nicht, weil der Schöpfer ihn dazu verpflichtet.

b) Er arbeitet im Verborgenen und will keinerlei Gegenleistung von den Menschen. Denn er zeigt ihnen seine Arbeit nicht, und so geben sie ihm auch nichts. Er will vielmehr, dass der Heilige ihm seinen Lohn für das Einhalten von Tora und Mizwot zahlt.

Hier nun besteht ein grundlegender Unterschied gegenüber dem Zustand des „lo liShma“. Denn in diesem Zustand ist es der Schöpfer, der das Einhalten von Tora und Mizwot gebietet, und nicht die Menschen verpflichten ihn dazu. Darum heißt ein solcher Mensch „Diener des Schöpfers“ – denn seine ganze Arbeit gilt allein dem Erfüllen der Gebote des Schöpfers, die Er uns aufgetragen hat. Nur eines: Er will Lohn für seine Arbeit, und zwar dass der Schöpfer ihn entlohne und nicht ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Doch die Weisen sagten (Pesachim 50b): „Stets befasse sich der Mensch mit Tora und Mizwot, auch wenn lo liShma – denn aus dem lo liShma gelangt man zum liShma.“ Bei der Arbeit im „lo liShma“, wenn der Mensch von dort zur Stufe des „liShma“ gelangen will, gerade hier braucht er besondere Behütung, viel Einsicht und eine eigene Anleitung, wie er aus dem Zustand des „lo liShma“ heraus- und zum „liShma“ gelangt.

Denn hier ist die Lage sehr verwickelt, weil der Mensch nicht fähig ist, die Wahrheit zu klären – also was Wahrheit ist und was Lüge. Es liegt nämlich in der Natur des Menschen, an sich selbst keinerlei Mängel zu sehen, denn der Mensch steht sich selbst nahe und ist darum bestochen. Und „Bestechung blendet die Augen der Weisen“.

Mehr noch: Selbst wenn er die Wahrheit sieht – dass er nicht den rechten Weg geht und seinen Weg ändern, also aus der Eigenliebe heraustreten müsste –, so herrscht doch die Klipa (Schale) Ägyptens über den Körper, und der Mensch kann sich aus dieser Herrschaft nur mit Hilfe von oben zu befreien. Wie die Weisen sagten: „Der böse Trieb des Menschen überwältigt ihn Tag für Tag, und stünde ihm der Heilige nicht bei, so käme er nicht gegen ihn an.“ Darum beginnt die eigentliche Arbeit im zweiten Zustand, der „lo liShma“ heißt.

Aus dem Gesagten folgt: Die eigentliche Arbeit mit dem Körper, der sich widersetzt und nicht arbeiten lässt, findet dann statt, wenn der Mensch im Verborgenen arbeitet und keinen Lohn von Menschen erwartet, sondern allein für den Schöpfer arbeitet – nämlich weil der Schöpfer uns geboten hat, Tora und Mizwot einzuhalten, und weil er Seinen Willen tun will. Das ist für ihn der Grund, Tora und Mizwot zu halten.

Nur eines fehlt ihm: Er erwartet dafür eine Gegenleistung. Er sieht nämlich, dass er nicht fähig ist zu arbeiten, ohne einen Lohn zu erwarten; er muss seinem Körper wenigstens versprechen, dass dieser eine Gegenleistung für die Mühe erhält. In dem Maße, wie der Körper daran glaubt – dass er Lohn empfängt –, in dem Maße ist er fähig, Tora und Mizwot zu halten. Zweifelt er aber am Lohn, so hat er keinen Treibstoff für die Arbeit.

In einem solchen Zustand – wenn der Mensch danach strebt, ein Diener des Schöpfers zu sein, ohne Lohn zu empfangen – sträubt sich der Körper mit aller Macht und lässt ihm keine Ruhe. Das geschieht, sobald der Mensch zu ihm sagt: Ich will Tora und Mizwot ohne jede Gegenleistung halten; ich will die Mizwa des Glaubens erfüllen, also an die Größe des Schöpfers glauben. Und das, obwohl der Körper die Größe und Bedeutung des Schöpfers nicht so deutlich spürt, dass es sich für ihn lohnte, auf Seine Stimme zu hören und Seine Gebote in all ihren Einzelheiten zu befolgen.

Denn damit – so stelle ich es mir bildlich vor – diene ich Ihm: Wäre hier der Größte der Generation zu bedienen, der nicht jedem erlaubt, ihm zu dienen, sondern nur eine kleine Handvoll Menschen auswählte, und ich wäre unter ihnen – welche Freude hätte ich dann! Warum aber bin ich hier, im Dienst des Schöpfers, nicht fähig, ohne jede Gegenleistung zu arbeiten, sondern erwarte, dass man mir für den Dienst irgendeine Gegenleistung gibt?

Das kommt daher: Dort sehe ich den Menschen, den alle ehren, und man sagt mir, worin seine Größe besteht; ich kann seine Größe, von der sie sprechen, auch erfassen, und so diene ich ihm um seiner Bedeutung willen. Beim Schöpfer aber müssen wir an Seine Größe und Bedeutung glauben – und vor allem glauben, dass Er gut ist und Gutes tut. Doch der Körper will nicht glauben, sondern mit eigenen Augen sehen, dass es so ist.

Darum: Wenn der Mensch sich bisweilen zu einem Teilglauben aufrafft – also kleine Teile glauben kann –, das gelingt ihm; einen vollständigen Glauben aber zu haben, dazu fehlt ihm die Kraft, wie es in der Einleitung zum Studium der Zehn Sefirot (Punkt 14) steht.

Nun können wir verstehen, weshalb der Mensch in der Arbeit des Gebens nicht vorankommt: Wo er keine Gegenleistung für seine Arbeit sieht, geht ihm der Treibstoff aus, und der Körper erschlafft in der Arbeit.

Man muss sagen: Das liegt allein am Mangel an Glauben. Und wenn der Mensch dies weiß – wenn er also die Ursache kennt, die ihn schwächt, sodass er keine Kraft zur Arbeit hat –, dann gibt es Hoffnung, dass er sich heilen kann, sodass er gesund und kräftig wird und zur Arbeit gehen kann.

Kennt er hingegen die wahre Ursache seiner Schwäche nicht, so mag er hingehen und mehrere Leute anhören, die ihm Ratschläge zur Heilung geben. Doch nichts wird ihm helfen, denn jeder sagt ihm das, was er nach seinem Verständnis für die Heilung hält. Für den Augenblick erhält er von ihnen ein Heilmittel, und er beginnt zu meinen, sie verstünden etwas davon – sonst würde er nicht auf sie hören.

Mehr noch: Es fällt leichter, ihnen zu glauben, dass sie wüssten, wovon sie reden – schon weil sie sich selbst für große Kenner halten. Zudem gefährden die Heilmittel, die sie geben, sein Leben der Eigenliebe nicht.

Darum gehen alle, die irgendeine Schwäche in der Arbeit spüren, zu ihnen. Und diese geben ihnen Mittel, die nur beruhigen. Das heißt: Wer einige Qualen in der Arbeit für den Schöpfer spürt – weil er sieht, wie weit er von der Wahrheit entfernt ist, und sich nicht selbst belügen will –, der geht und sucht ein Mittel, um seine Schwäche in der Arbeit zu heilen.

Und wenn er das Mittel erhält, das sie ihm geben, so ist es für den Augenblick ein wahres Mittel: Die Qualen, die er hatte, sind durch ihr Mittel von ihm gewichen. Er hat also keine Qualen mehr darüber, dass er nicht den Weg der Wahrheit geht. Durch das Mittel, das er von ihnen empfangen hat, verlangt er nicht mehr nach der Wahrheit. Es zeigt sich: Die Mittel, die er von ihnen erhielt, sind bloß Beruhigungsmittel – sie sollen den Schmerz nicht mehr spüren lassen.

Das gleicht einem, der Kopfschmerzen hat und Beruhigungstabletten nimmt: Nicht, dass diese Tabletten ihn heilten – sie beruhigen ihn nur, mehr nicht. Ebenso in unserem Fall: All die Ratschläge, die er von den Ratgebern erhält, die zur Gesamtheit gehören, können keinen Rat geben, wie man Handlungen des Gebens vollbringt. Sie sind nur Beruhigungsmittel und treffen nicht die Krankheit selbst, die die eigentliche Ursache ist, die zur Schwäche des Menschen führt.

Anders, wenn er die Ursache der Krankheit erkannt hat – dass die ganze Ursache nur darin liegt, dass ihm der Glaube fehlt, an die Größe und Bedeutung des Schöpfers zu glauben. In der Sprache des Sohar heißt dies „die Schechina (göttliche Gegenwart) im Staub“, und unsere Arbeit ist es, „die Schechina aus dem Staub zu erheben“. Das gibt uns eine andere Ordnung in der Arbeit für den Schöpfer.

Das heißt: Der Mensch muss wissen, dass es Handlung und Absicht gibt. Es ist uns gegeben, Tora und Mizwot als Handlung einzuhalten, in Wort und Tat. Doch all dies – sowohl die Tora als auch die Mizwot – hat auch eine Absicht, nämlich auszurichten, was ich mit dem Einhalten von Tora und Mizwot will; das heißt, worauf ich beim Einhalten von Tora und Mizwot zielen soll.

Vor allem muss er wissen: zu wessen Nutzen ich sie einhalten soll. Von Menschen, die zur Gesamtheit gehören, lässt sich nämlich nicht verlangen, dass sie Absichten ausrichten – denn „aus dem lo liShma gelangt man zum liShma“, und die bloßen Handlungen genügen. Darum kann man sie nicht dazu verpflichten, Absichten zu fassen.

Wenn sie vielmehr Tora und Mizwot als Handlung einhalten – was bei den von Wort oder Tat abhängigen Geboten gilt –, dann kommt es auf die Absicht nicht an. Denn selbst wenn sie keine eigene Absicht haben, sondern nur darauf zielen, dass sie jetzt erfüllen, was der Heilige uns zu tun geboten hat, so genügt uns das im Aspekt des „lo liShma“.

Will der Mensch aber zum „liShma“ gelangen – will er also Tora und Mizwot „nicht um des Lohnes willen“ halten, sondern dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten –, dann kommt es, um dies zu erreichen, sehr wohl auf die Absicht an. Das heißt: „Dieses Gebot, das ich erfülle – mit welcher Absicht tue ich es?“

Und es ist bekannt: Ohne Lohn kann man nicht arbeiten. Was also kann man dem Menschen sagen, dass es sich lohne, „nicht um des Lohnes willen“ zu arbeiten? Lohn braucht er ja. Nur eines kann man ihm sagen: dass er gewürdigt wird, dem König zu dienen – und es gibt keinen größeren Genuss, als dem König zu dienen. Und je nach der Größe und Bedeutung des Königs ist auch sein Genuss. Das heißt: Das Maß des Genusses am Dienst des Königs hängt von der Bedeutung des Königs ab, in dem Maße, wie er Ihn wertschätzt.

Und weil die Schechina im Exil und ebenso im Staub ist, heißt es im Sohar, der Mensch solle darauf zielen, „die Schechina aus dem Staub zu erheben“. Denn Staub bedeutet Niedrigkeit, die der Mensch mit den Fersen tritt. Das heißt: Bei jeder Handlung, die der Mensch beim Einhalten von Tora und Mizwot vollbringt, soll er darauf zielen, dadurch gewürdigt zu werden, „die Schechina aus dem Staub zu erheben“. Das bedeutet: Er will als Lohn für seine Mühe um Tora und Mizwot, dass er zu spüren gewürdigt wird, einem großen König zu dienen.

Denn während der Mühe spürt er, dass das Spirituelle – wenn er also um zu geben arbeiten will – ihm wie der Geschmack von Staub vorkommt. Das kommt daher, dass über dem Spirituellen eine große Verhüllung liegt, sodass man die Bedeutung der Sache weder sieht noch spürt. Daraus erwachsen ihm all die Hindernisse.

Wenn aber der Heilige die Verhüllung von ihm nähme und er die Bedeutung des Königs spürte, so wäre dies sein ganzer Lohn, den er sich im Leben wünscht. Denn er will dem König dienen, wie wir im Gebet „Uwa leZion“ sagen: „Gepriesen sei Er, unser Gott, der uns zu Seiner Ehre erschaffen hat.“ Der Mensch will die Möglichkeit haben, dem Schöpfer „Dank“ zu sagen dafür, dass Er ihn zu Seiner Ehre erschaffen hat – das heißt, dem Schöpfer zu dienen. Das bedeutet, dass der Mensch mit all seinen Gliedern einverstanden ist und „Mund und Herz in Übereinstimmung“ sind, indem er dem Schöpfer „Dank“ sagt dafür, dass Er den Menschen zu Seiner Ehre erschaffen hat – und nicht zum eigenen Nutzen, sondern damit all sein Wollen und Begehren einzig darauf gerichtet sei, dem Heiligen Wohlgefallen zu bereiten.

Und auf diese Absicht soll der Mensch bei jeder Handlung zielen, die er vollbringt: dass durch die Kraft der Handlung der Heilige ihm die Absicht gebe, sodass all seine Taten einzig dem Geben gelten und Er das Verlangen nach Eigenliebe in ihm annulliere. Denn er sieht, dass er aus deren Herrschaft nicht heraustreten kann und sich im Exil unter den „Völkern der Welt“ befindet, die sich in seinem Körper aufhalten.

Bekanntlich sagt der Sohar: „Denn jeder Mensch ist eine kleine Welt.“ Und wie es heißt, dass es in der Welt siebzig Völker und dazu das Volk Israel gibt, so finden sich auch in einem einzigen Menschen alle siebzig Völker und dazu der Aspekt Israel. Und der Aspekt Israel in ihm ist im Exil, unter der Herrschaft der siebzig Völker in seinem Inneren.

Das ist es, was die Weisen sagten: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man“ (Schabbat 104b). Man kann fragen, was „wer kommt“ bedeutet. Man kann sagen: „wer kommt“ meint die Handlung, die er vollbringt. Er will sie „liShma“ tun, kann es aber nicht, weil er, wie gesagt, im Exil unter der Herrschaft der Völker der Welt ist. „Dem hilft man von oben“ – das heißt, der Heilige erlöst ihn aus dem Exil der Völker, die über ihn herrschten.

Demnach ergibt sich: Wenn der Mensch die Handlung vollbringt und will, dass sie „liShma“ sei und nicht aus Eigenliebe – also nicht so, dass er irgendeine Gegenleistung für die Handlung erhielte, einen Lohn in dieser oder in der kommenden Welt –, so will er im Grunde doch etwas für die Handlung, die er vollbringt. Was er aber vom Schöpfer will, ist dies: dass die Handlung ihm volle Erfüllung gebe und er sich nun glücklicher fühle als die ganze Welt, weil er dem König dient.

Erhielte er hingegen noch etwas anderes außer dem Dienst, den er verrichtet, so beeinträchtigte dies den Dienst am König. Ein Beweis dafür wäre, dass er noch etwas anderes will. Doch was darf er sehr wohl verlangen? Zu fragen, warum er nicht die wahre Ergriffenheit und Empfindung hat, wenn er zum König spricht.

Zum Beispiel bittet er den Schöpfer: Wenn er den „Segen über den Genuss“ spricht und sagt „Gepriesen seist Du, Schöpfer, der Du Brot aus der Erde hervorbringst“ – warum hat er nicht den Anstand, in Scheu und Ehrfurcht dazustehen, wie man vor einem König steht? Er spricht ja zum Schöpfer und hat doch keinerlei Ergriffenheit, kein Gespür dafür, zu wem er spricht.

Und das schmerzt ihn. Da er nicht fähig ist, sich selbst zu korrigieren, bittet er den Schöpfer, ihm zu helfen und ihm ein wenig Offenbarung zu geben, damit er spürt, vor wem er steht: vor dem König aller Könige. Warum spürt er das nicht?

Dazu heißt es im Sohar: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man.“ Und es fragt: „Womit?“ Und antwortet: „Mit einer heiligen Seele.“ Das heißt: Man gibt ihm von oben eine Fülle, „Seele (Neshama)“ genannt. Und das hilft ihm, aus der Herrschaft des Exils der Eigenliebe herauszutreten und in die Heiligkeit einzugehen – sodass all seine Gedanken einzig darauf gerichtet sind, dem Heiligen Wohlgefallen zu bereiten.

Denn durch die Seele, die er erlangt, weichen die Verhüllung und die Einschränkung (Zimzum), und er spürt die Größe des Schöpfers. Dann beugt sich der Körper „wie eine Kerze vor einer Fackel“ vor dem Licht des Schöpfers. Und er spürt, dass er aus der Knechtschaft in die Freiheit gelangt ist. Denn zuvor, sobald er einzig dem Schöpfer dienen wollte, kamen sofort die Fragen der siebzig Völker der Welt in seinem Körper und fragten: Wie kann man auf das Dasein des Körpers verzichten und gar nicht an ihn denken, sondern alle Kräfte und Sinne einzig darauf verwenden, „wie man Mittel findet, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten“?

Noch schlimmer aber sind ihre Fragen dadurch, dass der Mensch nicht bedenkt, dass diese Gedanken nicht zum Volk Israel gehören, sondern Gedanken der siebzig Völker sind. Der Mensch hält sie vielmehr für seine eigenen Gedanken – er stellt sich also diese Fragen selbst. Und wie kann ein Mensch gegen sich selbst kämpfen?

Mein Vater und Lehrer, Baal HaSulam, sagte: Der Mensch muss wissen, dass diese Gedanken und Begierden, die dem Geist des Judentums fremd sind, nicht zum Aspekt Israel selbst gehören, sondern aus den Gedanken der Völker der Welt im Allgemeinen stammen und in den Aspekt der „Völker der Welt“ im Einzelnen eingehen, der in jedem einzelnen Menschen vorhanden ist. Und wenn der Mensch glaubt, dass es so ist – dass sie also nicht die seinen sind –, dann kann er gegen einen fremden Körper sehr wohl kämpfen. Hält er hingegen diese fremden Gedanken für die eigenen, so kann der Mensch nicht gegen sich selbst kämpfen.

Demnach gibt es keinen anderen Rat, als den Schöpfer zu bitten, dass Er ihm helfe, aus diesem bitteren Exil herauszutreten – denn nur mit Seiner Hilfe geschieht es. Wie oben aus den Worten des Sohar: „Die Hilfe, die von oben kommt, ist die, dass man ihm eine Seele gibt.“ Und erst durch die Seele, die die Offenbarung Seiner Größe zeigt, beugt sich der Körper.

Damit lässt sich auslegen, was über den Auszug aus Ägypten geschrieben steht (in der Pessach-Haggada): „Und an allen Göttern Ägyptens werde ich Gericht üben. Ich, der Schöpfer – Ich bin es und kein Bote. Ich, der Schöpfer – Ich bin es und kein anderer.“

Damit ist gesagt: Allein der Schöpfer kann helfen, aus der Knechtschaft des Exils unter Pharao, dem König von Ägypten, herauszutreten – der den Menschen festhält, damit er nicht aus der Eigenliebe heraustrete und alle Handlungen nur so vollbringe, dass sie seiner Eigenliebe nützen. Und der Mensch hat kein Mittel, das in seiner Hand läge, etwas zum Nutzen des Schöpfers zu tun. Dann kommt die Hilfe des Schöpfers.

Freilich sagte mein Vater und Lehrer, Baal HaSulam: Wann darf der Mensch sagen, dass er kein Mittel mehr hat, etwas zum Nutzen des Schöpfers zu tun? Gerade dann, wenn er seinerseits bereits alles getan hat, was in seiner Hand lag. Das heißt: wenn er von sich aus alle Mittel der Welt, von denen er meinte, sie könnten ihm helfen, schon angewandt hat – und sie ihm dennoch nicht geholfen haben. Dann darf er mit vollem Munde sagen: „Hilft mir der Heilige nicht, so bin ich verloren.“ Denn von dem, was die Unteren tun können, habe ich bereits alles getan – und es hat mir nicht geholfen.

Das gleicht einem Menschen, der einen Kranken im Haus hat. Was tut man? Man geht zum Arzt und sagt, der Arzt möge ein guter Bote des Heiligen sein, und der Kranke werde gesund. Und wenn der Kranke noch nicht geheilt ist, geht man nach dem Lauf der Welt zum Professor und sagt: Gewiss wird er ein guter Bote des Schöpfers sein und den Kranken heilen. Und wenn auch der Professor nicht helfen kann, hält man eine Ärztekonferenz ab – vielleicht ersinnen sie gemeinsam durch ihre Beratung ein Heilmittel für den Kranken. Und wenn auch das nicht hilft, so sagt man nach dem Lauf der Welt zum Schöpfer: Herr der Welt, hilfst Du mir nicht, so kann uns niemand helfen. Denn wir waren schon bei allen großen Ärzten, die Deine Boten sind, und keiner konnte mir helfen. Ich habe niemanden zu bitten als Dich, dass Du mir helfest. Und wenn er dann genest, sagt der Mensch, dass allein der Heilige selbst ihm geholfen hat und nicht durch einen Boten.

Und das ist es, was in der Pessach-Haggada steht: dass der Auszug aus Ägypten durch den Heiligen selbst geschah und nicht durch einen Boten. Wie sie auslegten: „Und an allen Göttern Ägyptens werde ich Gericht üben. Ich, der Schöpfer – Ich bin es und kein Bote. Ich, der Schöpfer, und kein anderer.“

Das heißt: Wenn der Mensch alle seine Mittel und Kunstgriffe bereits angewandt hat – die den Boten gleichen, wie die genannten Ärzte –, und sie nicht geholfen haben, dann kann der Mensch ein Gebet aus der Tiefe des Herzens darbringen. Denn er hat keinen Ort mehr, an den er sich um Hilfe wenden könnte, da er bereits alle Mittel angewandt hat, die ihm in den Sinn kamen.

Dann beginnt die Sache von „Und die Kinder Israels stöhnten unter der Arbeit und schrien, und ihr Hilferuf stieg aus der Arbeit zu Gott empor“ (2. Mose 2,23). Wir haben erklärt, was „aus der Arbeit“ bei ihrem Schreien bedeutet: Nachdem sie bereits alles getan hatten, was in der Arbeit zu tun war, was ihnen oblag, und sahen, dass nach all der Arbeit von dort keine Hilfe kam – darum kam ihr Hilferuf aus der Tiefe des Herzens. Sie sahen nämlich, dass kein Bote ihnen helfen konnte, sondern allein der Heilige wie oben: „Ich bin es und kein Bote.“ Und da wurden sie erlöst und zogen aus Ägypten aus.

Damit verstehen wir, was der heilige ARI sagte: dass das Volk Israel vor dem Auszug aus Ägypten in den neunundvierzig Toren der Unreinheit (Tuma) war, und da offenbarte sich ihnen der König aller Könige und erlöste sie. Es fragt sich: Wozu wartete Er bis zu diesem Zeitpunkt, da sie in äußerster Niedrigkeit waren?

Nach dem Gesagten ist es zu verstehen: Sobald sie ihren wahren, niedrigen Zustand sahen – dass sie zurückgewichen waren und nicht zur Seite der Heiligkeit vordringen konnten –, begriffen sie, dass kein Bote ihnen helfen kann, wie im Gleichnis von den Ärzten. Und so schrien sie dann allein zum Schöpfer, dass Er ihnen helfe. Darum heißt es: „Ich bin es und kein Bote.“

Dass Er selbst sie erlöste und aus dem Exil herausführte, bedeutet: Sie erlangten die Erkenntnis, dass es in der Welt keinen Boten gibt, sondern dass der Heilige alles wirkt. So steht es im Sohar: „Wer kommt, sich zu reinigen, dem hilft man. Und es fragt: Womit hilft man ihm? Mit einer heiligen Seele.“ Das heißt: Er empfängt die Offenbarung Seiner Göttlichkeit, „Seele“ genannt, und dadurch erlangt er seine Wurzel. Und dann wird der Mensch „wie eine Kerze vor einer Fackel“ annulliert, nachdem er den Aspekt der Seele erlangt hat, denn nun spürt er, dass er ein göttlicher Teil von oben ist.

Nach dem Gesagten verstehen wir, was wir gefragt hatten: Warum rief er gerade Josef und nicht seine übrigen Brüder, um ihnen zu sagen, was er zu Josef sagte: „Erweise mir Barmherzigkeit und Wahrheit“? Rashi erklärte: Die Barmherzigkeit, die man den Toten erweist, ist eine wahre Barmherzigkeit, denn man erwartet keine Vergeltung. Und daraus ergibt sich ein Widerspruch zu Rashis Worten, wo er den Vers „Und ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern“ auslegt. Seine Worte lauten: weil du dich darum mühst, mich zu begraben. Schwierig ist daran: Er sagt, Jakob habe Josef aufgetragen, ihm eine wahre Barmherzigkeit zu erweisen – weil man dabei keine Vergeltung erwarte –, und doch entlohnt er ihn für die Mühe, indem er ihm einen Anteil mehr gibt als den Brüdern.

Hier nun ist eine ganze Ordnung der Arbeit angedeutet, von Anfang bis Ende. Wie gesagt, gebot Jakob seinem Sohn Josef:

Erstens: dass er eine wahre Barmherzigkeit erweise. Denn der Beginn der Arbeit ist, dass man zum „liShma“ gelangen muss – das „Geben, um zu geben“ genannt wird – und keinerlei Vergeltung für die Arbeit fordert. Das ist es, was Rashi auslegt: Die Barmherzigkeit, die man den Toten erweist, ist die, bei der man keinerlei Vergeltung erwartet. Man erweist nur Barmherzigkeit – also Handlungen des Gebens, um zu geben –, ohne eine Vergeltung zu erwarten.

Damit will er andeuten: Da „die Frevler schon zu Lebzeiten tot genannt werden“ (Berachot 18b). In der Einleitung zum Sohar nennt er den Grund, weshalb „die Frevler schon zu Lebzeiten tot genannt werden“: Weil sie in der Eigenliebe versunken sind, die „Verlangen, nur für sich selbst zu empfangen“ heißt. Dadurch sind sie vom Leben der Lebendigen getrennt. Darum heißen sie „tot“ – das ist der Aspekt, den wir „Empfangen, um zu empfangen“ nannten.

Und weil der Mensch mit dem Verlangen zu empfangen erschaffen wurde, das aus den Welten ABYA der Unreinheit kommt – wie es in der Einleitung zum Sohar (Punkt 11) steht –, darum muss der Mensch sich mühen, seinem Körper, der „der Tote“ genannt wird, eine wahre Barmherzigkeit zu erweisen. Das heißt, er leite ihn an, dahin zu gelangen, Handlungen des Gebens um zu geben zu vollbringen – das heißt „wahre Barmherzigkeit“, die er an seinem Körper, dem „Toten“, übt: dass er zu der Stufe gelange, Handlungen des Gebens zu vollbringen, und der Tote keinerlei Vergeltung erwarte. Erlangt er diese Stufe, so heißt es, dass er zur dritten Stufe gelangt ist, „Geben, um zu geben“ genannt – das ist der Aspekt „liShma“. Und das ist die Bedeutung von: „Und er rief seinen Sohn Josef“ und gebot ihm, eine wahre Barmherzigkeit zu erweisen, wie gesagt.

Und danach kommt die vierte Stufe, „Empfangen, um zu geben“ genannt. Das heißt: Nachdem er die Stufe „liShma“ in den Gefäßen des Gebens erreicht hat, leitete er ihn an, dass man sehr wohl empfangen soll – jedoch nur so weit, wie er in der Absicht empfangen kann, um zu geben. Und das ist es, was Rashi zu dem Vers „Und ich gebe dir einen Anteil mehr als deinen Brüdern – weil du dich darum mühst, mich zu begraben“ auslegt: Das weist auf Vollkommenheit hin – dass er danach bereits „empfangen, um zu geben“ kann.

Und auf unsere Frage, warum er seinen Sohn Josef rief, lässt sich sagen: Er wollte ihm das andeuten, was geschrieben steht: „Und sie ließen Josef ausrichten: Dein Vater hat vor seinem Tod befohlen.“ Die Weisen legten aus, dass wir nirgends finden, dass Jakob ihm so gesagt hätte, und erklärten: Sie änderten die Sache um des Friedens willen. Man kann sagen: Dadurch, dass Jakob Josef gebot, eine wahre Barmherzigkeit zu erweisen, war gemeint, dass er sich nur dem Geben widme und nicht dem eigenen Nutzen. Darin liegt eine Andeutung, dass er keinerlei Hass auf die Brüder haben werde. Denn von einem, der den Weg des Gebens geht und nicht auf Eigenliebe bedacht ist, lässt sich nicht sagen, dass er Hass auf den hegt, der ihn kränkt.

Nach dem Gesagten verstehen wir den Unterschied zwischen „wahrer Barmherzigkeit“ und „unwahrer Barmherzigkeit“. Wir haben erklärt: Im Weg der Arbeit heißt die Barmherzigkeit, die man den Toten erweist, „wahre Barmherzigkeit“, weil man keine Vergeltung erwartet. Das bedeutet: Der Mensch vollbringt Handlungen des Gebens – nämlich Tora und Mizwot, und auch die Gebote, die nur rabbinischen Ursprungs sind oder Bräuche Israels, die man insgesamt „620 Mizwot“ nennt und die als Aspekt „Keter“ bezeichnet werden, wie im Buch „Pri Chacham“ (Frucht des Weisen, Teil 1, S. 65) erläutert.

Der Körper wird, wie gesagt, „der Tote“ genannt, weil er aus ABYA der Unreinheit hervorgeht; darum heißt er „Frevler und Toter“, denn er ist vom Leben der Lebendigen getrennt. Man sagt uns: Diese Barmherzigkeit, die man am Körper übt, muss eine wahre sein. Das heißt, dass die Absicht in Wahrheit der Handlung entspreche – dass also auch die Absicht ein Geben sei. Ist die Absicht hingegen kein Geben, so heißt diese Barmherzigkeit nicht „wahr“.

Und ist diese Barmherzigkeit nicht wahr, so korrigiert sie seinen „Toten“ nicht, der wegen seines Verlangens zu empfangen „Frevler“ hieß – wodurch der Körper zwei Bezeichnungen erhielt: „Frevler“ und „Toter“. Um ihn zu korrigieren, muss man eine Korrektur vornehmen, sodass er genau in die entgegengesetzte Richtung geht als bisher, da er die Wege des Empfangens und nicht die Wege des Gebens ging.

Es zeigt sich also: Ist diese Barmherzigkeit keine Barmherzigkeit in Wahrheit, sondern hat er eine andere Absicht als die Tat der Barmherzigkeit, die er vollbringt, so empfängt der Körper davon keine grundlegende Korrektur. Zwar gibt es die Sache „aus dem lo liShma gelangt man zum liShma“ – doch das ist nur ein Durchgang. Denn man kann nicht zur wahren Barmherzigkeit gelangen, bevor man die erste Stufe durchläuft, die „unwahre Barmherzigkeit“ heißt.

Die Hauptsache aber ist, zur Wahrheit zu gelangen – wie gesagt, dass die Barmherzigkeit wirklich Barmherzigkeit sei. Nicht nur, dass wir äußerlich sehen, dass es Barmherzigkeit ist – nämlich die nach außen sichtbare Handlung –, sondern im Verborgenen, in der Absicht, können wir nicht sehen, was der Mensch im Innersten seines Herzens hat. Und es kann sein, dass tief im Herzen, wo die Absicht der Handlung liegt, der Mensch die Rechnung führt, für diese Barmherzigkeit, die er übt, irgendeine Gegenleistung zu erhalten – das heißt „Geben, um zu empfangen“.

Auf diese Weise lässt sich auch auslegen, was geschrieben steht: „Und wandle demütig mit dem Schöpfer, deinem Gott“ (Micha 6,8). „Demütig wandeln“ bedeutet: Kein anderer kann sehen, was der Mensch über die Handlung denkt. Denn die Absicht ist etwas Verborgenes – kein anderer kennt die Gedanken seines Nächsten. Da sagt die Schrift: „Und wandle demütig.“ Was in deinem Herzen ist, mühe dich, dass es „mit dem Schöpfer, deinem Gott“ sei – das heißt zu geben, so wie es im Offenbaren ist; das nennt man „Mund und Herz sind in Übereinstimmung“. Darum sind zwei Aspekte zu unterscheiden:

a) Unwahre Barmherzigkeit – das ist „lo liShma“, also Geben, um zu empfangen.

b) Wahre Barmherzigkeit – das ist der Aspekt „liShma“, also Geben, um zu geben.

Freilich gibt es einen wesentlichen Aspekt, der das Ziel der Schöpfung ist: dass der Untere sehr wohl Gutes und Genuss empfange, jedoch mit der Absicht zu geben. Auch dieser Aspekt ist in dem Wort „Erweise mir Barmherzigkeit und Wahrheit“ angedeutet – das heißt, dass diese Barmherzigkeit ihn zur Wahrheit führe. „Und Wahrheit“ bedeutet, wie es im Studium der Zehn Sefirot (Teil 13, Punkt 17) steht: „dass die siebte der dreizehn Korrekturen der Dikna ‚und Wahrheit‘ ist, die ‚zwei heilige Äpfel‘ genannt wird – das sind die zwei Antlitze.“

Und er erklärt dort (im Inneren Licht, Or Pnimi): Wenn man die siebte Korrektur erlangt, die „und Wahrheit“ heißt, dann sieht man, dass Seine Vorsehung über die Geschöpfe in Wahrheit eine Vorsehung des „Guten, der Gutes tut“ ist. Das heißt: Was zuvor an dieser Vorsehung nur Glaube war, wird nun zur Erlangung und Empfindung, dass es wirklich so ist. Dann empfängt man das Gute im Aspekt „Empfangen, um zu geben“. Und das ist das Ziel der Schöpfung – dass die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen, denn darin verwirklicht sich das Ziel der Schöpfung.

Nach dem Gesagten lässt sich auch der Vers „Nahe ist der Schöpfer allen, die Ihn anrufen, allen, die Ihn in Wahrheit anrufen“ (Psalm 145,18) auf zweierlei Weise auslegen:

a) „Nahe ist der Schöpfer“ – das heißt, Er erhört das Gebet all derer, „die Ihn in Wahrheit anrufen“. Das sind jene, die in dem Augenblick, da sie sich mühen, Handlungen des Gebens zu vollbringen, spüren – und dennoch sehen, dass sie von der Absicht zu geben weit entfernt sind. Sie sehen also die Wahrheit: wie groß der Abstand zwischen Handlung und Absicht ist und dass sie aus der Absicht der Eigenliebe nicht heraustreten können. Und sie beten zum Schöpfer, dass Er sie aus dieser Knechtschaft herausführe. Das ist ihr ganzes Wollen und Begehren, und nur auf diese Erlösung warten sie.

Denn sie glauben: Solange der Mensch in der Eigenliebe ist, ist er vom Leben der Lebendigen getrennt. Darüber sagt die Schrift: „Nahe ist der Schöpfer allen, die Ihn anrufen“ – dass der Schöpfer ihnen die Wahrheit gebe, sodass sie „wahre Barmherzigkeit“ üben können und sich nicht damit begnügen, „unwahre Barmherzigkeit“ zu üben, also „lo liShma“. Und weil es ein Gebet ist, das um die Wahrheit bittet, hilft ihnen der Schöpfer, und sie empfangen von Ihm das Maß der Wahrheit.

b) Dass sie den Aspekt des Maßes der Wahrheit zu erlangen begehren – die siebte der dreizehn Korrekturen der Dikna –, durch die sich den Geschöpfen offenbart, dass in Wahrheit alle sehen, wie der Heilige Seine Welt mit einer Vorsehung des „Guten, der Gutes tut“ lenkt. Das heißt „offenbarte Chassadim (Gnaden)“ – dass die Chassadim des Schöpfers vor allen offenbar sind, und dass sie Wahrheit sind.

korrOp, EY, 12.7.2026, Ver3