<- Kabbala Bibliothek
Weiterlesen ->
Kabbala Bibliothek Startseite / Rabash / Artikel / 1987/18. Was ist die Vorbereitung auf das Empfangen der Tora? - 1

1987/18. Was ist die Vorbereitung auf das Empfangen der Tora? - 1

Die Schrift sagt: „Und der Schöpfer stieg herab auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges.“ Über das Volk aber sagt die Schrift: „Und sie stellten sich auf am Fuße des Berges.“

Das will verstanden werden: Warum steht beim Schöpfer „stieg herab“? Das ist ein Ausdruck des Abstiegs, ein Ausdruck der Minderung. Es war doch die Zeit der Übergabe der Tora – im Gegenteil, warum sollte das beim Schöpfer ein Abstieg heißen? Es war doch eine Zeit der Freude.

Die Weisen legten zu „und sie stellten sich auf“ aus, dies lehrt, dass „Er den Berg über sie stülpte wie eine Wanne“, und sagte: „Wenn ihr die Tora annehmt, gut; wenn aber nicht, dort sei euer Grab“ (Shabbat 88). Dort fragen die Tosafot (Hinzufügungen zum Talmud): „Er stülpte den Berg über sie wie eine Wanne“ – obwohl sie doch bereits das „Wir wollen tun und wir wollen hören“ vorangestellt hatten. Es gibt viele Auflösungen dieser Schwierigkeit. Doch auch das „Er stülpte den Berg über sie wie eine Wanne“ will im Sinne der Arbeit verstanden werden.

Um das Gesagte zu verstehen, muss man sich an die bekannte Regel erinnern: Es gibt kein Licht ohne ein Gefäß (Kli). Das heißt, es kann keine Erfüllung ohne einen Mangel geben. Man kann sich an nichts erfreuen, wenn keine Sehnsucht danach besteht. Und die Sehnsucht nach einer Sache nennt man Vorbereitung, was so viel wie Bedarf bedeutet. Der Bedarf an einer Sache bestimmt die Sehnsucht, und die Größe des Genusses bemisst sich an der Größe der Sehnsucht.

Daraus folgt: Vor der Übergabe der Tora musste es eine Vorbereitung auf das Empfangen der Tora geben. Sonst könnte es keine Freude an der Tora geben. Sie mussten also einen Bedarf nach dem Empfang der Tora schaffen, denn der Bedarf bringt die Sehnsucht hervor, wie gesagt. Und im Maß der Sehnsucht kann man sich in eben diesem Maß an der Tora erfreuen. Man muss jedoch wissen, worin der Bedarf nach dem Empfang der Tora wirklich besteht.

Die Weisen sagten (Bawa Batra 16): „Der Schöpfer hat den bösen Trieb erschaffen, und Er hat ihm ein Gewürz erschaffen.“ Rashi erklärt: Er hat ihm die Tora als Gewürz erschaffen, die die Gedanken an Übertretung auslöscht, wie es anderswo heißt (Kidushin 30): „Wenn dieser Niederträchtige dich angreift, zieh ihn ins Lehrhaus.“ Und dort in Kidushin heißt es: „So sprach der Schöpfer zu Israel: Ich habe den bösen Trieb erschaffen, und Ich habe ihm die Tora als Gewürz erschaffen; und wenn ihr euch mit der Tora befasst, werdet ihr nicht in seine Hand gegeben.“ Denn es heißt: „Ist es nicht so – wenn du recht handelst, wirst du erhoben“; wenn ihr euch aber nicht mit der Tora befasst, werdet ihr in seine Hand gegeben, wie es heißt: „An der Tür lauert die Sünde.“

Daran sehen wir: Die Tora ist eine Korrektur, um aus der Herrschaft des bösen Triebs herauszutreten. Wer also spürt, dass er einen bösen Trieb hat – wer spürt, dass der böse Trieb mit all den Ratschlägen, die er dem Menschen gibt, damit dieser es im Leben gut hat und das Leben genießt, in Wahrheit darauf abzielt, ihm zu schaden –, der erkennt: Der böse Trieb hindert ihn daran, das wahrhaft Gute zu erreichen, das Anhaftung an den Schöpfer (Dwekut) heißt. Deshalb sagt der Mensch über ihn, dieser Trieb ist böse und nicht gut.

Doch es fällt dem Menschen sehr schwer, das über ihn zu sagen. Denn der Trieb gibt ihm zu verstehen, es lohnt sich für ihn, dafür zu sorgen, wie er das Leben genießen kann – dass er an seinen eigenen Taten Genuss empfindet, dass also all sein Tun einzig seinem eigenen Nutzen dient. Und er gibt ihm zu verstehen, der Mensch soll als allgemeine Regel wissen, dass alle Ratschläge, die er ihm gibt, nur einen einzigen Gedanken verfolgen: den eigenen Nutzen. Selbst wenn er ihm manchmal sagt, etwas zum Wohl des Nächsten zu tun, geschieht das nicht ohne Hintergedanken: Es ist von vornherein darauf berechnet, dass aus dieser Handlung später ein Nutzen für ihn selbst erwächst. Wie kann der Mensch dann über ihn sagen, er ist ein böser Trieb, während dieser ihm doch sagt, er soll ihm glauben, dass er keine andere Absicht hat als sein Wohl – und nicht das Wohl irgendeines anderen?

Deshalb hat der Mensch viel Arbeit vor sich, bis er spürt, dass sein Verlangen zu empfangen böse ist – und zwar so weit, dass er mit völliger Klarheit weiß: Er hat keinen größeren Feind auf der Welt als seinen eigenen Empfänger. So finden wir, dass König Salomo ihn „Feind“ nannte, wie geschrieben steht: „Wenn dein Feind hungert, speise ihn mit Brot.“ Und es fällt dem Menschen sehr schwer, ein für alle Mal festzulegen, dass dieser böse ist und ihn nur vom guten Weg abbringen will. Das ist das genaue Gegenteil vom Weg des Empfängers: Denn der Weg der Wahrheit besteht einzig im Geben, der Empfänger aber will nur empfangen. So liegt hier die Wahl beim Menschen, zu entscheiden, ob er gut oder böse heißt.

Und das ist es, was die Weisen sagten (Nida): „Rabbi Chanina bar Papa legte aus: Jener Engel, der über die Empfängnis gesetzt ist, heißt Laila (Nacht). Er nimmt einen Tropfen, stellt ihn vor den Schöpfer und spricht vor Ihm: Herr der Welt, was soll aus diesem Tropfen werden – ein Starker oder ein Schwacher, ein Weiser oder ein Tor, reich oder arm? Ob aber ein Frevler oder ein Gerechter, das sagt er nicht – vielmehr ist dies der Wahl des Menschen überlassen.“

Man muss erklären: Die Wahl meint, dem Empfänger im Menschen einen Namen festzulegen, zu entscheiden und zu geben. Ist er in Wahrheit ein guter Trieb, weil er sich um das Wohl des Menschen selbst sorgt und ihn keinen Augenblick davon ablenkt, sich [statt um anderes] um irgendetwas zum Wohl anderer zu kümmern? Dann lohnte es sich, auf seine Stimme zu hören, weil nur er auf den eigenen Nutzen bedacht ist, nämlich darauf, dass es dem Menschen gut geht. Dann müsste man ihm vertrauen, weder nach rechts noch nach links von ihm abweichen, sondern all seine Befehle erfüllen und – Gott behüte – seinen Worten nicht zuwiderhandeln.

Es gibt aber auch eine Überlegung, das Gegenteil zu sagen: dass er in Wahrheit böse ist. Denn dadurch, dass man auf seine Stimme hört und sich mit Selbstliebe befasst, entfernt man sich vom Schöpfer – wegen der Verschiedenheit der Form. Und so lastet auf dem Menschen die Eigenschaft des Din (Gericht), die aus der Kraft der Korrektur des Zimzum (Einschränkung) entstand, der über das Licht „Seinen Geschöpfen Gutes zu tun“ verhängt wurde. Deshalb kann der Name des Schöpfers, der „der Gute, der Gutes tut“ heißt, sich dort nicht offenbaren, wo Selbstliebe herrscht. Darum muss der Mensch ein für alle Mal entscheiden und festlegen, dass die Selbstliebe das wahrhaft Böse ist und dem Menschen wirklich schadet.

Doch es stellt sich die Frage: Woher kann der Mensch die Kräfte nehmen, um eine Wahl zu treffen und über den Empfänger zu sagen, er ist so sehr böse, dass er erklärt: Von heute an höre ich nicht mehr auf seine Stimme?

Und die Wahrheit ist: Auch dazu braucht man die Hilfe des Schöpfers, dass Er ihm die Wahrheit zeige – dass der Empfänger für sich selbst das Böse und der wahre Feind des Menschen ist. Wenn der Mensch zu dieser Empfindung gelangt, ist er bereits gefeit, nicht in Sünde zu fallen. Damit weichen alle Verhüllungen und Strafen von ihm. Denn wenn man weiß, dass eine Sache der Todesengel ist, flieht gewiss jeder vor dem Tod. Dann ist die Zeit gekommen, dass sich das Gute und der Genuss offenbaren können, wie es im Ziel der Schöpfung lag, und der Mensch gelangt dann zum Erlangen des Schöpfers, der „der Gute, der Gutes tut“ genannt wird.

Demnach lässt sich das Geschriebene auslegen (Noach, vierter Abschnitt): „Und der Schöpfer sprach in Seinem Herzen: Ich will die Erde nicht noch einmal verfluchen um des Menschen willen, denn der Trieb des Herzens des Menschen ist böse von seiner Jugend an.“ Nachmanides (Ramban) erklärt zu „in Seinem Herzen“: Er offenbarte die Sache dem Propheten zu jener Zeit nicht. Und Ibn Esra fügt hinzu: „Danach offenbarte Er Noah Sein Geheimnis.“

Dieser Vers ist schwer zu verstehen. Hat der Schöpfer denn erst jetzt gesehen, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist von seiner Jugend an – wusste Er es etwa zuvor nicht, Gott behüte?

Im Sinne der Arbeit lässt es sich so auslegen: Der Schöpfer offenbarte es jetzt – das heißt nach großer Arbeit, die der Mensch hineingelegt hat, indem er erwachte, um zur Wahrheit zu gelangen, nämlich wahrhaft zu erkennen, zu welchem Zweck der Mensch geboren wurde und welches Ziel er erreichen soll. Da offenbarte ihm der Schöpfer, dass der Trieb des Herzens des Menschen – das ist der Empfänger – böse ist von seiner Jugend an. Man kann also nicht sagen, dass der Mensch erst jetzt sieht, dass der Trieb böse geworden ist; vielmehr ist er böse von Jugend an. Allerdings konnte der Mensch bis jetzt noch nicht entscheiden, dass er wirklich böse ist. Darum befand er sich in einem Zustand des Auf und Ab: Mal hörte er auf die Stimme des Triebs, mal sagte er: Von heute an weiß ich, dass er mein Feind ist und dass alles, was er mir zu tun rät, nur zu meinem Schaden ist.

Doch danach erhebt sich das Ansehen des Triebs erneut, und wieder hört der Mensch auf seine Stimme und arbeitet für ihn mit Herz und Seele – und so geht es im Kreis. Er fühlt sich dann wie „ein Hund, der zu seinem Erbrochenen zurückkehrt“. Das heißt: Er hatte bereits entschieden, dass es für ihn nicht taugt, auf dessen Stimme zu hören – weil alle Nahrung, die der Trieb ihm gibt, nur Tierfutter ist und keine Speise für einen Menschen. Und plötzlich kehrt er doch wieder zur Tiernahrung zurück und vergisst alle Entscheidungen und Einsichten, die er zuvor hatte. Wenn er es danach bereut, sieht er, dass ihm kein anderer Rat bleibt, als dass der Schöpfer ihn verstehen lässt: Der Trieb heißt böse, und er ist wirklich böse. Nachdem der Schöpfer ihm diese Erkenntnis gegeben hat, kehrt er nicht mehr zu seinem alten Treiben zurück, sondern bittet den Schöpfer, ihm jedes Mal Kraft zu geben, ihn zu überwinden, wenn der Trieb ihn zu Fall bringen will – dass er die Kraft hat, ihn zu bezwingen.

Daraus folgt: Der Schöpfer muss ihm beides geben – das Gefäß und das Licht. Das heißt: sowohl die Erkenntnis, dass der Trieb böse ist und dass ein Bedarf besteht, aus seiner Herrschaft herauszutreten, als auch die Korrektur dafür – die Tora, wie gesagt: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Demnach gab der Schöpfer ihm den Bedarf nach der Tora, und auch die Tora gab ihm der Schöpfer. Das heißt: „Der Schöpfer gibt ihm das Licht und das Gefäß.“

Demnach lässt sich der genannte Vers auslegen: Was bedeutet „Und der Schöpfer sprach in Seinem Herzen“? Die Ausleger erklärten, Er hat die Sache dem Propheten nicht offenbart – das ist „in Seinem Herzen“. Danach offenbarte Er Sein Geheimnis. Und was ist das Geheimnis? Dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist von seiner Jugend an.

Demnach ist die Reihenfolge so: Zuerst muss der Mensch mit eigenen Kräften sehen, eine Wahl treffen und festlegen, dass der Name des Triebs in seinem Herzen „böse“ ist. Danach sieht er, dass er nicht fähig ist, mit endgültiger Entschiedenheit festzulegen, dass er sein Wort nicht doch wieder ändert – dass er also später sagt, der Trieb ist doch etwas Gutes und es lohnt sich, auf ihn zu hören –, und dann geht es wieder im Kreis. In dieser Zeit heißt es, dass der Schöpfer „in Seinem Herzen“ spricht, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist von seiner Jugend an; dem Menschen aber, der sich um die Wahl müht, hat der Schöpfer dieses Geheimnis noch nicht offenbart – dass der Trieb böse heißt, weil er böse ist. Und das, damit dem Menschen ein Raum der Arbeit bleibt, eine Wahl zu treffen und festzulegen, dass er böse ist. Doch danach, wenn der Mensch sieht, dass er ihn nicht mit Bestimmtheit böse nennen kann, sondern jedes Mal aufs Neue umfällt, kommt der Zustand, in dem er zum Schöpfer schreit: Gib mir Hilfe! Das ist es, was Ibn Esra sagt: „Danach offenbarte Er Noah Sein Geheimnis.“ Das bedeutet: Die Stufe Noahs heißt „der den Schöpfer Dienende“. Wenn nämlich der Schöpfer dem Menschen offenbart, dass der Trieb böse ist von seiner Jugend an – es ist ja nichts Neues, dass der böse Trieb böse ist –, [so spricht Er gleichsam:] Ich habe es dir bisher nicht gesagt; jetzt aber, da Ich dir dieses Geheimnis offenbare, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist, kannst du bereits sicher sein, dass du nicht mehr auf seine Stimme hören wirst, da Ich selbst es dir offenbart habe. Und so „will Ich nicht noch einmal verfluchen“, weil es keiner Strafen mehr bedarf; denn nun wird alles in Ordnung sein. Das ist es, was Er sagt: „Und Ich will nicht noch einmal alles Lebendige schlagen, wie Ich es getan habe.“

Gemeint ist: Bevor der Schöpfer offenbart hatte, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist, musste es Auf- und Abstiege geben. Als du zu arbeiten begannst, hattest du Lebenskraft; damit du aber den rechten Weg gingst, musste „alles Lebendige geschlagen“ werden – das heißt, Ich nahm dir die Lebenskraft, die du in der Arbeit hattest, und von dort stiegst du wieder in einen Zustand der Niedrigkeit hinab, weil du ein Böses hast, nämlich den bösen Trieb. Dann kann sich erfüllen: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Doch bevor der Mensch den bösen Trieb hat, spürt er nicht die Notwendigkeit der Tora. Deshalb kann erst, nachdem der Schöpfer das Geheimnis offenbart hat, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist, die „Gabe der Tora“ geschehen. Denn es gibt kein Licht ohne Gefäße, und nur dort, wo ein Bedarf besteht, kann man dem Menschen geben, was er braucht.

Doch auch dies – dass der Schöpfer ihm offenbart, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist – heißt „Licht“, also Erfüllung; und es gibt keine Erfüllung ohne Mangel. Darum kann der Mensch nicht dazu gelangen, dass der Schöpfer ihm das Böse offenbart, bevor er einen Bedarf danach hat. Denn es gilt die Regel: Es ist nicht die Art des Menschen, eine Handlung ohne Bedarf zu vollziehen – und erst recht vollzieht der Schöpfer keine Handlung ohne Bedarf.

Demnach: Woher kann der Mensch einen Bedarf danach bekommen, dass der Schöpfer ihm das genannte Geheimnis offenbart? Darum muss der Mensch mit der Arbeit beginnen und erkennen, dass sein Empfänger sein Böses ist und dass er dessen Herrschaft entfliehen muss. Bei allem, was er tut – ob in der Tora, im Gebet oder bei der Erfüllung der Mizwot –, muss er sich bemühen, dass all diese Handlungen ihn zur Erkenntnis des Bösen führen. Wenn er spürt, dass er böse ist, und Handlungen des Gebens vollziehen will, beginnt er Lebenskraft zu empfangen; und wenn er von seiner Stufe fällt, geht ihm die Lebenskraft verloren. Eben dieses Fallen bewirkt der Schöpfer selbst, damit der Mensch von seiner Stufe fällt – denn noch sieht er das wahre Böse in sich nicht. Doch durch die Abstiege, die er jedes Mal erlebt, bittet er den Schöpfer, ihm ein für alle Mal zu offenbaren, dass das Verlangen zu empfangen böse ist und dass er ihm nicht nachgehen soll. Es zeigt sich also, dass die Abstiege, die er hat, vom Schöpfer kommen, wie geschrieben steht: „Und Ich will nicht noch einmal alles Lebendige schlagen“ – nämlich ihm die Lebenskraft zu nehmen, die in Tora und Arbeit liegt, sodass er ohne jede Lebenskraft der Heiligkeit (Kedusha) bleibt. Das geschieht, weil der Mensch nun ganz und gar den Bedarf erfüllt hat, dass der Schöpfer ihm beständig hilft, das Böse zu erkennen, damit er nicht mehr danach verlangt, auf die Stimme des Bösen zu hören. Denn der Mensch ist zu dem Bedarf gelangt, dass der Schöpfer ihm hilft, weil er nun sieht, dass es ihm aus eigener Kraft nicht gelingt: Immer wieder gefällt ihm der Trieb in seinem Herzen aufs Neue, und er will doch wieder auf ihn hören. Jedes Mal kehrt er zu seinem alten Treiben zurück, und das nimmt kein Ende. Das ist der Grund, weshalb er nun den Schöpfer braucht: damit Er ihm erkennen hilft, dass der Trieb in ihm sein Böses ist – das, was ihn daran hindert, zum Guten und zum Genuss zu gelangen, das der Schöpfer für die Geschöpfe erschaffen hat.

Und das ist der Grund, weshalb der Mensch viele Abstiege hat: Dadurch reift in ihm ein Verlangen, sich danach zu sehnen, dass der Schöpfer ihm hilft zu spüren, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist.

Damit verstehen wir, was wir gefragt haben: Was ist die Vorbereitung auf das Empfangen der Tora? Die Antwort lautet: der böse Trieb. Denn wenn der Mensch weiß, dass er ein Böses hat – und das ist, nachdem der Schöpfer es ihm kundgetan hat, wie gesagt –, entsteht in ihm jetzt ein neuer Bedarf: wie er ihn besiegen kann. Und das kann nur die Tora, wie die Weisen sagten: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Das ist die Vorbereitung auf das Empfangen der Tora. Das heißt: Der Bedarf nach der Tora – das nennt man die Vorbereitung auf das Empfangen der Tora.

Und damit verstehen wir, was wir gefragt haben: Wie ist das Geschriebene zu deuten – „Und der Schöpfer stieg herab auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges“?

Was ist „der Gipfel des Berges“, und wie passt es, beim Schöpfer von einem Abstieg zu sprechen? Bekanntlich erhält das Spirituelle seinen Namen nach der Handlung. So steht es bei Manoach mit dem Engel, der sagte: „Warum fragst du nach meinem Namen? Vielmehr richtet sich der Name nach der Handlung. Ein Engel etwa, der zu heilen geht, wird Engel Rafael genannt, und dergleichen; und ebenso wird der Schöpfer, wenn Er einem Menschen Heilung sendet, ‚der die Kranken heilt‘ genannt.“ Demnach gilt: Wenn der Schöpfer dem Menschen offenbaren muss, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist, so heißt das, dass der Schöpfer dem Menschen offenbart, in welchem Zustand des Abstiegs der Mensch geboren wird – wie geschrieben steht: „böse von seiner Jugend an“, also vom Tag seiner Geburt. Da wird der Schöpfer nach der Handlung benannt, die dem Menschen seinen Zustand des Abstiegs zeigt; das heißt: „Und der Schöpfer stieg herab auf den Berg Sinai.“

Wir finden hier im Vers zwei Ausdrucksweisen:

Erstens: Beim Schöpfer steht geschrieben: „Und der Schöpfer stieg herab auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges.“

Zweitens: Über das Volk steht geschrieben: „Und sie stellten sich auf am Fuße des Berges.“ Hier muss man verstehen, was „der Berg“ ist. „Berg“ (Har) kommt von „Hirhurim“ (Gedankenregungen) – das ist der Verstand des Menschen. Und was im Verstand liegt und „potenziell“ genannt wird, kann sich danach tatsächlich entfalten. Demnach lässt sich „Und der Schöpfer stieg herab auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges“ so deuten: Es ist der Gedanke und der Verstand des Menschen. Das heißt, der Schöpfer tat dem ganzen Volk kund, dass sie wissen sollten, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist von seiner Jugend an. Und nachdem der Schöpfer es ihnen potenziell kundgetan hatte – nämlich „auf dem Gipfel des Berges“ –, entfaltete sich danach das Potenzielle in der Tat.

Deshalb kam das Volk zu einer tatsächlichen Empfindung, und alle spürten nun den Bedarf nach der Tora, wie gesagt: „Ich habe den bösen Trieb erschaffen, Ich habe die Tora als Gewürz erschaffen.“ Durch diese tatsächliche Empfindung sagten sie nun, dass sie gezwungen sind, die Tora anzunehmen – es gab also keine Wahl. Denn sie sahen: Wenn sie die Tora annehmen, wird ihnen Gutes und Genuss zuteil, „wenn aber nicht, dort sei euer Grab.“ Das heißt: Wenn wir in dem Zustand bleiben, in dem wir uns hier befinden, wird unser Leben kein Leben sein, sondern es wird unser Grab sein.

Demnach lässt sich „Und der Schöpfer stieg herab auf den Gipfel des Berges“ so auslegen: Nachdem der Schöpfer ihnen auf dem Berg – also im Verstand – kundgetan hatte, dass der Trieb des Herzens des Menschen böse ist, und nachdem sich das in ihrem Sinn festgesetzt hatte – also in ihrem Denken und Verstand –, wirkte es sofort „potenziell“. Das ist es, was geschrieben steht: „Und sie stellten sich auf am Fuße des Berges.“ Das heißt: Der Abstieg, der auf dem Berg war, hatte bereits auf sie gewirkt, und sie standen am Fuße des Berges, da der genannte Abstieg bereits über sie herrschte.

Daraus ergibt sich: Die Sache „Er stülpte den Berg über sie wie eine Wanne“ meint den Abstieg und die Erkenntnis, die sie auf dem Berg – also im Denken – empfingen und die auf sie wirkte, sodass sie nun gezwungen waren, die Tora anzunehmen. Denn dieser Berg, das heißt der genannte Abstieg, verursacht in ihnen den Bedarf nach dem Empfang der Tora, damit sie das Böse in ihrem Herzen überwinden können.

Und so ist „Er stülpte über sie“ zu deuten: Was war der Grund, dass sie nun gezwungen sind, die Tora anzunehmen, und keinen anderen Ausweg haben? Man muss sagen: der Berg. Das heißt die Erkenntnis, die sie in Denken und Verstand empfingen, dass sie sich in einem Zustand des Abstiegs befinden, weil sie ein Böses im Herzen haben. Das gleicht einer Wanne – gemeint ist, dass es auf dem Weg des Zwangs geschieht und sie keine Wahl haben. Und das heißt „am Fuße des Berges“, wo der Berg über sie herrschte, wie gesagt.

Demnach ist zu fragen: Wie ist es zu deuten, dass die Weisen im Hinblick auf das Wunder, das an Purim geschah, auslegten: „Sie erfüllten und nahmen an“?

Denn bis hierher geschah es unter Zwang, und von hier an aus freiem Willen (Shabbat 88). Dort heißt es: „Rava sagte: Dennoch nahm das Geschlecht sie in den Tagen des Ahasveros aufs Neue an“, wie geschrieben steht: „Die Juden erfüllten und nahmen an.“ Und Rashi erklärt: aus Liebe zu dem Wunder, das ihnen geschah.

Das lässt sich so auflösen, wie es in der „Einführung in die ‚Lehre der zehn Sefirot‘“ (S. 41) geschrieben steht: Es gibt eine Liebe, die von etwas abhängt – wenn der Mensch Tora und Mizwot wegen des Genusses erfüllt, den er an ihnen empfindet. Und es gibt eine höhere Stufe, die „Liebe, die von nichts abhängt“ genannt wird: Dann nahmen sie es aufgrund des Wunders auf sich, Tora und Mizwot ohne irgendeinen [äußeren] Grund zu erfüllen.

korrOp, EY, 12.7.2026, Ver3