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1986/02 Erhöre mich, oh Himmel

„‚Vernehmt, ihr Himmel.‘ Rabbi Jehuda eröffnete: ‚Ich öffnete meinem Geliebten … die Stimme meines Geliebten klopft an.‘ Und er sagt: ‚Die Stimme meines Geliebten klopft an‘ – das ist Moses, der Israel in mancherlei Wortwechseln und mancherlei Streitgesprächen zurechtwies, wie geschrieben steht: ‚Dies sind die Worte‘, ‚widerspenstig seid ihr gewesen‘, ‚und am Choreb habt ihr [den Schöpfer] erzürnt‘ – das ist es, was geschrieben steht: ‚klopft an‘.“ (Und im Sulam, Punkt 1 und 2:) „Und trotz alledem, dass Moses Israel zurechtwies, waren alle seine Worte aus Liebe, wie geschrieben steht: ‚Denn ein heiliges Volk bist du dem Schöpfer, deinem Gott, und dich hat der Schöpfer, dein Gott, erwählt, Ihm ein Volk zu sein‘, ‚sondern aus Liebe des Schöpfers zu euch‘ – das ist es, was geschrieben steht: ‚Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin‘, in der Sprache der Zuneigung.“

Die Worte des Heiligen Sohar sind zu verstehen:

1) Wenn er dem Volk Israel so viel Lob spendet, wie geschrieben steht: „Denn ein heiliges Volk bist du dem Schöpfer, deinem Gott, und dich hat der Schöpfer, dein Gott, erwählt, Ihm ein Volk zu sein“ – wie passt dann eine Zurechtweisung dazu? Wenn sie dem Wortlaut nach ein heiliges Volk und dergleichen sind, was fehlt ihnen dann noch?

2) Was lehrt uns dies für alle Generationen? Es sind doch zwei Gegensätze in einem Gegenstand: Entweder sie sind ein heiliges Volk, oder sie sind nicht in Ordnung.

3) Nach der Regel „Liebe deckt alle Vergehen zu“ und nach dem Vers (Wa’etchanan, siebter Abschnitt): „Nicht weil ihr zahlreicher wäret als alle Völker, hat der Schöpfer an euch Gefallen gefunden und euch erwählt, sondern aus Liebe des Schöpfers zu euch“ – wie kann man dann überhaupt Vergehen an ihnen finden, wo doch „Liebe alle Vergehen zudeckt“?

Es ist nämlich so: Bekanntlich gibt es das Phänomen zweier Schriftverse, die einander widersprechen, bis ein dritter Vers kommt und entscheidet. Denn das Wesen der Linien im Spirituellen ist dies: Die Eigenschaft Chessed (Güte) heißt rechte Linie. Chessed bedeutet, dass der Mensch nur Güte am Nächsten üben will und keinerlei Gegenleistung dafür verlangt. Er sehnt sich nach der Liebe zum Schöpfer und sorgt nicht für sich selbst; all sein Streben gilt allein dem Ziel, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, und für sich selbst begnügt er sich mit Wenigem. Das heißt: Ihm ist nicht wichtig, was er hat – Geschmack an der Tora, Geschmack am Gebet, Geschmack an der Mizwa –, sondern er ist mit seinem Anteil zufrieden. Und hier im Spirituellen, wenn der Mensch sich selbst Rechenschaft gibt, sagt er, dass er an die persönliche Vorsehung glaubt, dass alles vom Himmel kommt – das heißt, dass der Schöpfer ihm Gedanke und Verlangen gegeben hat, ein Diener des Schöpfers zu sein und sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen. Obwohl er keinen Geschmack an Tora und Mizwot spürt, blickt er dennoch nicht darauf, sondern sagt, es genüge ihm, dass er das Gebot des Schöpfers erfüllen kann. Das allein genügt ihm, als hätte er ein riesiges Vermögen gewonnen. Und selbst wenn er keine Erlangung der Größe des Schöpfers hat, ist er dennoch mit dem zufrieden, was er hat, und glaubt, dass es ein Geschenk des Himmels ist, dass man ihm den Gedanken und das Verlangen gegeben hat.

An anderen aber sieht er, dass ihnen dies nicht gegeben wurde; all ihr Streben gilt nur dem Gebrauch in materiellen Vorstellungen – nämlich Gefallen in den Augen der Menschen zu finden oder den eigenen Körper mit Dingen zu erfreuen, die auch die Tiere nutzen. Ihm hingegen wurden Gedanke und Verlangen gegeben, dem Schöpfer zu dienen – „und wer bin ich, dass Er mich erwählt hat?“ Und das ist es, was wir sagen: „Gepriesen seist Du, Schöpfer, der Sein Volk Israel in Liebe erwählt.“

Es zeigt sich, dass wir den Schöpfer dafür preisen, dass Er uns erwählt hat – das heißt, dass man uns Gedanke und Verlangen gegeben hat, Tora und Mizwot zu erfüllen. Wenn er deshalb ganz persönlich auf andere blickt, die nicht dasselbe Verlangen nach Tora und Mizwot haben wie er, dann sagt er, dass Er ihn mehr als die anderen erwählt hat, Ihm zu dienen. Zwar hat Er ihm nur einen kleinen Dienst gegeben, ohne jeden Verstand und ohne jede Erkenntnis; doch er sagt, dass er selbst dieses Dienstes, des allergeringsten, nicht würdig ist. Denn wenn er sich selbst mit den Augen der Größe Gottes betrachtet, sagt er, dass ihm auch dies nicht zusteht. Also muss er sicher voller Freude sein, als wäre er eines Dienstes würdig geworden, der großen Menschen gebührt.

Diese rechte Linie kommt von den oberen Sefirot, und dieser Aspekt heißt Sefira Chessed. Ihr Wesen ist die Angleichung der Form mit dem Schöpfer: Wie Er der Gebende ist, so will auch der Untere dem Oberen geben – und das heißt Angleichung der Form. Auf sich selbst, auf das, was er in den Gefäßen des Empfangens hat, blickt er nicht. Sein ganzer Maßstab dafür, ob er in Vollkommenheit ist, richtet sich danach, wie viel er geben kann. Und auch wenn er nicht viel geben kann, begnügt er sich auch damit – weil er auf seine Niedrigkeit im Verhältnis zum Gebenden blickt, und auch im Verhältnis zu anderen Menschen, von denen er sieht, dass sie bessere Vorzüge haben als er. Und dennoch gab man ihm von oben Gedanke und Verlangen, die man jenen nicht gab. Und über nichts sagt er „Meine Kraft und die Stärke meiner Hand“.

Darum befindet er sich immer in seelischer Zufriedenheit, und er hat seiner Arbeit nichts hinzuzufügen. Vielmehr dankt er dem Schöpfer, so viel er kann, und dankt und preist Ihn mit allerlei Lobpreisungen. Und selbst wenn er nicht das Lob und den Dank darbringt, von dem er versteht, dass er ihn dem Schöpfer geben muss, betrübt er sich auch darüber nicht, sondern sagt von sich: „Wer bin ich, dass ich beständig zum König reden sollte, wie es bedeutenden Menschen gebührt und nicht einem niedrigen Mann wie mir?“ So zeigt sich, dass er immer in Vollkommenheit ist und ihm nichts hinzuzufügen bleibt.

Und wenn er manchmal alle Belange der Arbeit vergisst und sein Kopf in den Angelegenheiten dieser Welt versunken ist, und er sich nach einiger Zeit wieder an die spirituellen Dinge erinnert und nun sieht, dass er die ganze Zeit ganz in den Dingen dieser Welt verhaftet war – so denkt er dennoch nicht an die Zeit, in der er in der Trennung war. Vielmehr freut er sich darüber, dass der Schöpfer ihn aus der Gesamtheit der Menschen herausgerufen und zu ihm „Wo bist du?“ gesagt hat. Und sofort beginnt er, dem Schöpfer dafür zu danken, dass Er ihn daran erinnert hat, dass man an das Spirituelle denken muss. So zeigt sich: Selbst in einem solchen Zustand denkt er nicht an Mängel und betrübt sich nun nicht darüber, warum er die ganze Zeit die Belange der Arbeit gänzlich vergessen hat. Vielmehr freut er sich, dass er nun wenigstens an die Arbeit für den Schöpfer denken kann. So zeigt sich, dass er auch jetzt in einem Zustand der Vollkommenheit ist und nicht in einen Zustand gerät, in dem er von der Arbeit geschwächt wird, sondern immer in Vollkommenheit ist. Und das nennt man rechte Linie, Chessed, die Vollkommenheit ist.

Doch dies hängt von dem Maß ab, in dem der Mensch an die persönliche Vorsehung glaubt – das heißt, dass der Schöpfer alles gibt, sowohl das Licht als auch das Kli (Gefäß). Das bedeutet: Auch das Verlangen und den Mangel – dass es dem Menschen daran mangelt, dass er nicht so sehr an den Schöpfer angehaftet ist, und dass er in seinem Körper einen Mangel an der Erfüllung von Tora und Mizwot spürt –, all das gibt der Schöpfer. Und das Licht muss der Schöpfer sicher geben, denn der Geschmack an Tora und Mizwot gehört sicher dem Schöpfer. Und das ist wie das, was wir am Abend des Jom Kippur (Versöhnungstag) sagen: „Denn siehe, wie der Ton in der Hand des Töpfers – nach Seinem Willen weitet Er ihn, nach Seinem Willen verengt Er ihn –, so sind wir in Deiner Hand, der Du die Güte bewahrst.“

Demnach: Wenn ein Mensch sieht, dass in ihm das Verlangen erwacht, auch nur eine Stunde am Tag zu lernen, und ebenso, wenn er betet, einige wenige Minuten erlebt, in denen er weiß, dass er betet, und nicht vergisst, dass er in Tallit (Gebetsmantel) und Tefillin gehüllt ist, während sein Herz an alle möglichen Dinge der Welt denkt – und er sich danach für einige Minuten erinnert, dass er mit Tallit und Tefillin bekränzt ist und gerade mitten im Gebet steht, und er beginnt zu bedenken, zu wem er während des Gebets spricht, und spürt, dass er nicht einfach so redet, sondern vor einem König steht, und auch an „denn Du hörst das Gebet eines jeden Mundes“ glaubt – dann gilt: Obwohl er sieht, dass er schon viele Male gebetet hat und sein Gebet nicht erhört wurde, glaubt er dennoch über dem Verstand, dass der Schöpfer das Gebet sehr wohl hört, und dass sein Gebet wohl deshalb noch nicht angenommen wurde, weil er nicht aus der Tiefe des Herzens gebetet hat. Darum nimmt er sich vor, mit größerer Andacht zu beten: „Und der Schöpfer wird mir sicher helfen und mein Gebet annehmen.“ Und sofort beginnt er, dem Schöpfer dafür zu danken, dass Er ihn daran erinnert hat, dass er nun mit Tallit und Tefillin bekränzt ist, und er fühlt sich wohl – denn er blickt auf Menschen, wie sie noch in ihrem Schlaf liegen, „mich aber hat der Schöpfer mitten im Gebet aufgeweckt“. Darum frohlockt er und freut sich.

Und wenn einige Minuten vergehen und er erneut vergisst, wo er sich befindet, und an Ochse und Esel denkt, und man ihn plötzlich erneut vom Himmel aufweckt – da würde der Verstand verlangen, dass er klagt, weil er die ganze Sache vergessen hat, dass er sich nämlich gerade im Bethaus befindet. Doch davon will er nichts hören, sondern freut sich darüber, dass man ihn jetzt erinnert hat. So zeigt sich: Auf diesem Weg blickt er nur auf das „Tue Gutes“ – das heißt, er freut sich darüber, dass er jetzt Gutes tun konnte – und beachtet nicht, dass er bis eben in der Welt der Trennung umhergeirrt ist.

Und all dies kann er in dem Maße empfinden, in dem er seinen Wert erkennt – dass er nicht besser ist als andere Menschen. Jene haben sogar einen Geist der Leugnung, Gott behüte, und keinerlei Bindung zum Judentum. Auch sieht er, dass es Menschen gibt, die dem Judentum nicht einmal Beachtung schenken, sondern wie die übrigen Tiere leben und sich um kein Ziel im Leben sorgen. Ihr ganzes Leben, in dem sie meinen, auf einer höheren Stufe als die Tiere zu stehen, besteht darin, dass sie sich auch um die Ehre sorgen – denn sie verstehen, dass es sich manchmal lohnt, eine Begierde aufzugeben, um Ehre zu erlangen. Doch was das Judentum betrifft: Selbst wenn sie von den Eltern beschnitten wurden, schenken sie selbst dem keine Beachtung, weil es Dinge gibt, die sie mehr interessieren.

Und wenn er sie betrachtet, sieht er, dass er nicht weiß, welches Verdienst er mehr hat als sie – dass der Schöpfer ihm Gedanke und Verlangen gegeben hat, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, wenngleich nur im Aspekt der Handlung allein. Das heißt, er sieht, dass er noch weit davon entfernt ist, die Stufe liShma zu erreichen; doch er sagt: „Aber jedenfalls habe ich im Aspekt lo liShma etwas erlangt.“ Und unsere Weisen sagen: „Aus dem lo liShma gelangt man zum liShma.“ So zeigt sich: „Wenigstens befinde ich mich auf der ersten Stufe der Heiligkeit.“ Und er macht eine Gewissensrechnung: „Wie glücklich bin ich, dass der Schöpfer mich auf die erste Stufe der Heiligkeit, genannt lo liShma, gebracht hat – wie sehr muss ich dem Schöpfer danken und Ihn preisen!“ Und besonders dann, wenn ein Mensch gewürdigt wurde und ihm der Gedanke gegeben wurde, sich mit den Geheimnissen der Tora zu beschäftigen: Obwohl er kein einziges Wort von dem versteht, was dort geschrieben steht, ist es dennoch eine große Auszeichnung, dass er während des Lernens an der Innerlichkeit der Tora anhaftet.

Das heißt, er glaubt, dass dort nur von Göttlichem die Rede ist, und er hat Raum, sich in seinen Gedanken zu vertiefen: „Alles, was ich lerne, gehört doch zu den heiligen Namen – dann ist mir gewiss eine große Auszeichnung zuteilgeworden. Daher bleibt mir nichts zu tun, als dem Schöpfer zu danken und Ihn zu preisen. Denn die ganze Welt schöpft ihre Lebenskraft aus Nichtigkeiten, ich aber bin bereits gewürdigt worden, in die erste Stufe der Heiligkeit einzutreten, die lo liShma genannt wird.“ Und das gilt als rechte Linie – das heißt, als Aspekt der Vollkommenheit, der keinerlei Korrektur bedarf.

Doch es steht geschrieben: „Rechts und links, und zwischen ihnen die Braut.“ Das heißt, wir brauchen auch die linke Linie. Und in Wahrheit muss man verstehen: Wenn er spürt, dass er in Vollkommenheit ist und den ganzen Tag und die ganze Nacht dem Schöpfer danken und Ihn preisen kann – was fehlt ihm dann noch? Aber er selbst weiß, dass dies lo liShma ist, und das Ziel ist, dass der Mensch um des Himmels willen handeln soll; und von dieser Stufe sagt er selbst, dass er sie noch nicht erreicht hat. Doch wie kann der Mensch in der Stufe aufsteigen, wenn er nicht spürt, dass ihm etwas fehlt?

Und es gibt eine Regel: Wenn der Mensch den Schöpfer um etwas bittet, muss es aus der Tiefe des Herzens geschehen. Das heißt, der Mensch muss einen Mangel im Innern des Herzens spüren, nicht nur von den Lippen nach außen. Denn wenn der Mensch um etwas Überflüssiges bittet – also um etwas, ohne das man leben kann –, hat niemand Erbarmen mit ihm, wenn er schreit und weint, weil er etwas nicht hat, das viele Menschen ebenfalls nicht haben. Und obwohl er schreit und weint, dass man es ihm gibt, ist es in der Welt nicht üblich, dass es Menschen gibt, die sich seiner erbarmen. Wenn aber der Mensch über einen Mangel schreit und weint, den er hat, während die ganze Welt diese Sache besitzt und nur er nicht – dann, wenn er schreit und weint, dass man sich seiner erbarmt, hört man auf ihn, und jeder, der ihm helfen kann, bemüht sich, ihm zu helfen.

Ebenso hier in der Arbeit für den Schöpfer: Wenn er sich bemüht, Vollkommenheit in der rechten Linie zu finden – und obwohl er weiß, dass man sich bemühen muss, dass all sein Tun um des Himmels willen ist, und ebenso weiß, dass der Mensch erfüllen muss, was geschrieben steht: „sondern seine Lust ist an der Tora des Schöpfers, und über Seine Tora sinnt er Tag und Nacht“ (Psalm 1), er dies aber nicht erfüllt und sich mit aller Kraft bemüht, Vollkommenheit in der rechten Linie zu spüren –, dann kann er folglich, obwohl er weiß, dass er noch keine Vollkommenheit hat, den Schöpfer dennoch nicht bitten, ihm die Kraft zu geben, „und über Seine Tora sinnt er Tag und Nacht“ zu erfüllen, und ebenso wenig zum Schöpfer schreien, dass Er ihm helfe, liShma zu erreichen – außer als etwas Überflüssiges und nicht als etwas Notwendiges.

Und das geschieht aus dem oben genannten Grund: Wenn der Mensch um etwas bittet und darüber schreit und weint, dass er diese Sache nicht hat, während auch andere Menschen in seiner Stadt sie nicht haben, kann er nicht sagen, dass es eine Notwendigkeit ist, sondern es ist etwas Überflüssiges. Und über etwas Überflüssiges, das ein Mensch nicht hat, kann man nicht weinen und flehen. Und hier, wenn er in der rechten Linie geht, sieht er, dass andere Menschen das nicht haben, was er hat – denn was er im Spirituellen hat, findet sich nur bei einem kleinen Prozentsatz in der Welt. Wie kann man dann sagen, dass er vom Schöpfer fordert, Er möge ihn annähern, damit er liShma arbeiten kann? Das ist doch nur etwas Überflüssiges. Und um etwas Überflüssiges kann man nicht aus der Tiefe des Herzens bitten, sodass dieser Mangel bis ins Innerste des Herzens dringt. Er selbst sagt ja, dass auch das, was er hat, eine große Sache ist; wie könnte er da den Schöpfer um etwas Überflüssiges bitten, dass Er Sich seiner erbarmt und ihm die Kraft gibt, liShma zu arbeiten – das heißt, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten?

Demnach gibt es überhaupt keine Möglichkeit, dass der Mensch den Schöpfer bittet, ihn zu leiten, wie er den Weg der Wahrheit gehen soll – er hat das ja gar nicht so nötig. Denn über Überflüssiges, also über etwas, das andere Menschen nicht haben, sagt man: „Das Leid vieler ist ein halber Trost.“ Darum hat er keinerlei Aussicht, je zur Erkenntnis des Bösen zu kommen – nämlich dass es eine schlechte Sache ist, dass er sich nicht um des Himmels willen mit Tora und Mizwot beschäftigen kann. So zeigt sich, dass er sich mit dem Zustand des lo liShma abfindet. Und obwohl dieser Weg „Weg der Lüge“ und nicht „Weg der Wahrheit“ heißt, wird er niemals Gelegenheit haben zu spüren, dass er auf dem Weg der Lüge geht, wie es im Vorwort zum Buch Sohar steht (Blatt 172, Punkt 175, im Sulam).

Daher muss der Mensch auch in der linken Linie gehen. Doch er muss dafür nur eine kurze Zeit ansetzen, um den Weg der linken Linie zu betrachten; die Hauptzeit aber gehört der rechten Linie. Denn nur denen, die den inneren Zug haben, liShma zu erreichen, ist es gegeben, auch in der linken Linie zu gehen. Wer dagegen bei sich selbst spürt, dass er kein wahrer Arbeiter ist – das heißt, wer meint, seine Verlangen nicht überwinden zu können –, dem ist es verboten, in der linken Linie zu gehen. Und darum müssen selbst jene, die den inneren Zug haben und danach streben, liShma zu erreichen, und die zwar in der linken Linie gehen dürfen, dennoch darauf achten, in der linken Linie nur kurze Zeit und zu einer bestimmten Zeit zu gehen, und nicht immer, sondern nach der Zeit, die jeder Einzelne sich ansetzt, um den Aspekt der linken Linie zu betrachten.

Und die Tagesordnung soll so sein: Entweder setzt sich jeder täglich eine Ordnung, oder wöchentlich, oder monatlich – jeder nach seinem Empfinden. Aber er soll die Ordnungen, die er sich gesetzt hat, nicht mittendrin ändern. Und wenn er mitten in den Ordnungen ändern will, weil der Körper zu ihm kommt und ihm zu verstehen gibt, es ist für ihn besser, eine andere Ordnung zu machen, als er sich gesetzt hat, dann muss er dem Körper antworten: „Ich habe eine Ordnung. Und wenn ich daran gehe, eine andere Ordnung zu machen – das heißt, wenn ich mir eine Ordnung für eine Woche gesetzt habe und die Woche zu Ende ist und ich beginne, eine neue Ordnung aufzustellen –, dann komm zu mir und sag mir, ich solle eine andere Ordnung machen, als ich sie jetzt aufstellen will. Aber mitten in der Ordnung darf ich nichts ändern.“

Aber man muss wissen, was die linke Linie ist, denn es gibt viele Aspekte in der linken Linie. So gibt es eine linke Linie, die gänzlich Finsternis ist; von ihr heißt es, dass „Malchut, die die Eigenschaft des Gerichts ist, in jede einzelne Sefira aufstieg und Finsternis schuf“ – das heißt, dort leuchtet kein Licht. Und es gibt eine linke Linie, die „der Aspekt Chochma ohne Chassadim“ genannt wird; auch sie heißt Finsternis, doch die Finsternis besteht hier nur hinsichtlich des Lichts. Hinsichtlich der Gefäße sind seine Gefäße bereits in die Heiligkeit eingetreten – das heißt, er kann seine Absicht auch dann ausrichten, wenn er das Gefäß des Empfangens auf das Geben hin gebraucht. So zeigt sich, dass diese linke Linie eine große Stufe ist; und sie heißt Finsternis wegen der Fülle des Überflusses, der sich dann offenbart. Und solange er kein Gewand aus Chassadim hat, ist es ihm verboten, dieses Licht zu gebrauchen – weil er beim Gebrauch in den Aspekt des Empfangens, um zu empfangen, fallen könnte, infolge der Größe des Überflusses, den zu überwinden und um des Gebens willen zu empfangen unmöglich ist. Und darum brauchen wir die mittlere Linie; deshalb ist diese linke Linie sehr wichtig.

Zunächst muss man im Spirituellen wissen, dass es weder Zeit noch Ort gibt. Was also bedeutet dann rechte Linie und linke Linie?

Und es verhält sich so: Etwas, das keiner Korrektur bedarf, heißt rechte Linie, und etwas, das einer Korrektur bedarf, heißt linke Linie. Und dies finden wir in der Sache des Anlegens der Tefillin. Unsere Weisen sagten (Menachot 37) – und dies ist ihr Wortlaut: „Und Rabbi Jossi haChorem – woher leitet er das Anlegen an der Linken ab? Er leitet es von dort ab, woher es Rav Natan ableitet. Rav Aschi sagte: Von ‚midcha (deine Hand)‘, das mit einem zusätzlichen Hej geschrieben ist – ‚schwach‘.“ Und Rashi erklärte: „Daraus, dass es mit einem zusätzlichen Hej, ‚schwach‘, geschrieben steht, ist die weibliche Form zu verstehen; daraus folgt, dass es die Linke meint, denn sie hat keine Kraft, wie eine Frau.“

Und von hier ist zu verstehen, dass die Linke der Aspekt des Schwachen ist, das keine Kraft hat, sondern dem man Kraft geben muss. Darum sehen wir, dass die Weisen überall dort, wo sie ein Beispiel für etwas geben wollen, das einer Korrektur bedarf, es „links“ nennen. Und das ist es: Nach der linken Linie brauchen wir die mittlere Linie, die die linke Linie korrigiert. Und darum nennen wir etwas, das einer Korrektur bedarf, „links“, um zu wissen, dass wir jetzt Korrekturen vornehmen müssen.

Und die Korrekturen, die die Linke korrigieren, heißen „mittlere Linie“, weil die linke Linie die Mängel in der Rechten aufzeigt. Das heißt: Die Rechte für sich allein zeigt dort keinen Mangel; erst das Kommen der linken Linie, das heißt durch die Beschäftigung mit der linken Linie, lässt ihn sehen, dass es in der Rechten Mängel gibt. Und nachdem er bereits in den Aspekt der Linken eingetreten ist, zeigt sich, dass er die Vollkommenheit verloren hat, die er im Aspekt der Rechten hatte. Darum befindet er sich nun in einem Zustand des Mangels.

Doch in dem Mangel, den die linke Linie zeigt, sind viele Unterscheidungen zu treffen – nämlich, was der Grund dafür ist, dass es in der Linken einen Mangel gibt; das heißt, dass die Linke sagt, es gibt in der Rechten einen Mangel. Aber manchmal sieht man in der linken Linie gar keinen Mangel. Wer zeigt dann, dass es auch in der linken Linie einen Mangel gibt, nachdem die Linke gezeigt hat, dass es in der Rechten einen Mangel gibt? Dann ist der Weg der Linken sicher ein Aspekt der Vollkommenheit. Was ist also der Grund, dass sich in der Linken ein Mangel findet, weswegen er sie „links“ nennt? Und darin gibt es viele Unterscheidungen, und alles hängt von der jeweiligen Sache ab. Das heißt: In jeder Sache und jedem Zustand, in dem der Mensch sich befindet, findet er einen anderen Grund, und es lässt sich nicht festlegen, was der Grund ist, sondern alles richtet sich nach der jeweiligen Sache.

Und der Aspekt der Linken, der am Anfang der Arbeit steht, ist die Kritik an der Rechten – nämlich, ob es richtig ist, dass es genügt, in der Eigenschaft der Lüge zu bleiben. Denn Tora und Mizwot wurden uns gegeben, weil wir einen Aspekt des Bösen haben, der „Eigenliebe“ genannt wird – das heißt, sich um nichts zu sorgen, sondern alle Mittel sind recht, um das Ziel zu erreichen, das darin besteht, unser Verlangen zu empfangen mit jeder Erfüllung zu füllen, mit der man es füllen kann. Und es heißt böse, weil es das ist, was hindert, zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen und aus der Eigenliebe herauszukommen, zu der uns der tierische Verstand nötigt. Vielmehr ist das Ziel, der Anhaftung an den Schöpfer würdig zu werden, sodass er danach das Gute und den Genuss empfängt, die im Schöpfungsgedanken liegen, der „Sein Verlangen, Seinen Geschöpfen wohlzutun“ genannt wird. Damit kann der Mensch dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten, denn dadurch vollendet der Schöpfer Sein Ziel von der Möglichkeit zur Wirklichkeit – das heißt, dass die Geschöpfe das Gute und den Genuss spüren, die Er für sie gedacht hat.

Und weil dieses Verlangen zu empfangen, das der Aspekt der Eigenliebe ist, all das ist, was dies verhindert, heißt es böse. Und um aus diesem Bösen herauszukommen, wurden uns Tora und Mizwot gegeben, um zu der Stufe zu gelangen, die „Diener des Schöpfers“ heißt – und nicht, dass er für sich selbst arbeitet –, also um die Stufe liShma zu erreichen. Im Aspekt der Rechten aber freut er sich an der Vollkommenheit des lo liShma. So zeigt sich, dass er auf dem Weg der Lüge geht und dort bleiben will. Denn obwohl er weiß, dass er sich auf der Stufe des lo liShma befindet – warum heißt es dann, dass er im lo liShma bleiben will?

Doch das entspricht der Regel, dass der Mensch den Schöpfer nicht aus der Tiefe des Herzens um einen Mangel an etwas Überflüssigem bitten kann, sondern nur um etwas Notwendiges. Und weil er sich darüber freut, dass er im lo liShma ist – selbst nach all den Begründungen, die er hat, dass es sich lohnt, sich auch im lo liShma zu freuen –, kann er dennoch keinen Mangel mehr empfinden, sodass er dessen notwendigerweise bedarf. Vielmehr wäre es für ihn nur etwas Überflüssiges, wenn er sich liShma mit Tora und Mizwot beschäftigen könnte. Darum ist er gezwungen, in der rechten Linie zu bleiben.

Darum muss man mit Aufmerksamkeit an der Kritik an der rechten Linie arbeiten – das heißt, die Mängel zu sehen, die sich in der rechten Linie befinden. Und zwar in dem Maße, in dem er die Mängel spürt. Denn dass er Mängel sieht, sagt für sich allein noch nichts: Die Ergriffenheit des Menschen von Mängeln hängt davon ab, wie sehr es sein Herz berührt, den Mangel als etwas Unvollkommenes zu empfinden, und ob er einen Hang zur Wahrheit hat und ihm die Lüge zuwider ist. Wenn dann dieser Mangel das Herz berührt – das heißt, wenn der Zustand, in dem er sich befindet, ihm Leiden verursacht –, dann verwandelt sich der frühere Zustand der rechten Linie, in dem er Vollkommenheit hatte, in den Aspekt des Leidens. Dann kann er bereits aus der Tiefe des Herzens zum Schöpfer beten, denn jetzt ist ihm das liShma so wichtig wie das Leben, weil er dadurch an das Leben des Lebens angehaftet ist. Solange er aber an der rechten Linie angehaftet war, war das liShma in seinen Augen etwas Überflüssiges – das heißt, man kann auch ohne es leben. Wer aber sein Leben verbessern will, um sich über das einfache Volk zu erheben, muss sich bemühen, die Stufe liShma zu erreichen.

Und wenn der Mensch seinen Zustand sieht – dass das liShma bei ihm nicht die Gestalt von etwas Überflüssigem hat, nämlich sich über das einfache Volk zu erheben, wie oben, sondern dass er jetzt spürt, dass er der Allerschlechteste des Volkes ist, weil er nun sieht, wie weit er vom Schöpfer entfernt ist und wie sehr er von der Eigenschaft der Wahrheit entfernt ist –, dann gilt auch für die übrigen Menschen: Obwohl er nicht sieht, dass sie etwa den Weg des liShma gehen, fügt es ihm dennoch nichts hinzu, dass er niemanden sieht, der tatsächlich liShma geht. Denn in einer Sache, die das Herz berührt, lässt sich der Mensch von anderen nicht beeindrucken; obwohl man sagt: „Das Leid vieler ist ein halber Trost“, ändern diese Aussprüche seinen Zustand nicht.

Und das ist gleichnishaft so: Wer Zahnschmerzen hat und weint und schreit, dem sagt man: „Was schreist du? Du siehst doch, dass hier beim Zahnarzt noch andere Menschen sind, denen die Zähne wehtun wie dir.“ Da sehen wir, dass er nicht aufhört, vor Zahnschmerz zu weinen, und dass es ihm nichts hinzufügt, dass es noch andere Menschen wie ihn gibt. Wenn es ihm wirklich wehtut, kann er nicht auf andere blicken, um von ihnen Beruhigung über seine Schmerzen zu erhalten – wenn es ihm wirklich wehtut.

Ebenso: Wenn der Mensch wirklich zu der Empfindung gelangt ist, wie weit er von der Wahrheit entfernt ist, kann er sich nicht damit trösten, dass alle den Weg der Lüge gehen. Vielmehr sehnt er sich Tag und Nacht danach, aus diesem Zustand herauszukommen. Und dann erlangt der Mensch das Bedürfnis, liShma zu erreichen, weil er die Lüge nicht ertragen kann.

Aber weil dieses Kli nicht auf einmal entsteht – das heißt, das Verlangen, das der Mensch aus der linken Linie empfängt, entsteht nicht auf einmal, sondern dieses Verlangen bildet sich nach und nach in ihm, bis es sich zu einem vollen Maß vervollständigt –, kann er vorher noch nicht zum liShma gelangen, denn es gibt kein Licht ohne Kli. Das heißt, er kann des liShma nicht gewürdigt werden, bevor er das Verlangen danach hat; und dieses Verlangen wächst nach und nach in ihm, und Groschen um Groschen fügt sich zu einer großen Summe – das heißt, es füllt sich zu einem vollen Verlangen. Und dann kann sich der Aspekt des liShma in dieses Verlangen kleiden, weil er bereits ein vollständiges Kli hat, das heißt ein vollständiges Verlangen, des Aspekts liShma gewürdigt zu werden.

Aber man muss wissen: Solange er sich in der linken Linie befindet – das heißt, solange er im Aspekt der Selbstkritik ist –, befindet er sich dann in der Trennung. Denn er spürt selbst, dass er in der Eigenliebe versunken ist, und er sorgt sich überhaupt nicht darum, dass er etwas um des Himmels willen tun kann. Und in diesem Zustand kann er nicht bestehen, denn das Leben des Menschen kann nur aus dem Aspekt des Positiven kommen und nicht aus dem Negativen.

Daher muss der Mensch erneut in die rechte Linie eintreten – das heißt, Tora und Mizwot im lo liShma erfüllen und sagen, dass darin Vollkommenheit liegt, wie wir oben erklärt haben. Denn man muss eine große Regel wissen: Bekanntlich gibt es einen Unterschied zwischen innerem Licht und umgebendem Licht. Inneres Licht (Or Pnimi) bedeutet, dass das Licht im Innern der Gefäße leuchtet – das heißt, dass das Licht sich in das Kli kleidet, weil es eine Angleichung der Form zwischen Licht und Kli gibt, sodass das Kli das Licht bereits um des Gebens willen empfangen kann. Umgebendes Licht (Or Makif) hingegen heißt „Leuchten aus der Ferne“. Das bedeutet: Obwohl das Kli noch vom Licht entfernt ist – denn das Kli ist auf das Empfangen ausgerichtet, das Licht aber ist seinem Wesen nach nur Geben –, leuchtet das Licht dennoch aus der Ferne, im Aspekt des Umgebenden, auf die Gefäße.

Wenn man sich daher mit Tora und Mizwot im lo liShma beschäftigt, empfängt man ebenfalls ein Leuchten vom Aspekt des umgebenden Lichts. So zeigt sich, dass er durch das lo liShma bereits Berührung mit dem oberen Licht hat, obwohl es ein Leuchten aus der Ferne ist; darum heißt es positiv, und daraus empfängt der Mensch Lebenskraft und kann bestehen. Und indem er das lo liShma hochschätzt, schätzt er die Arbeit für den Schöpfer überhaupt hoch – dass es sich auf jeden Fall lohnt, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen. Denn die Wahrheit – so sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam) – ist, dass der Mensch nicht fähig ist, den Wert des Tuns von Tora und Mizwot im lo liShma zu ermessen. Denn letztlich hat er im Aspekt der Handlung nichts hinzuzufügen, sondern er erfüllt das Gebot des Schöpfers; und darum heißt dies die erste Stufe in der Arbeit, von der unsere Weisen sagten: „Aus dem lo liShma gelangt man zum liShma.“ Und darum muss der Mensch Lebenskraft und Vollkommenheit aus der rechten Linie empfangen, denn dann empfängt er das Licht des Schöpfers im Aspekt des umgebenden Lichts, wie oben.

Und danach muss er erneut zum Aspekt der Kritik an seinen Handlungen übergehen, an dem, womit er sich in der rechten Linie beschäftigt hat, und danach erneut zur rechten Linie übergehen. Und dadurch wachsen bei ihm die beiden Linien. Doch diese beiden Linien widersprechen einander, und sie heißen „zwei Schriftverse, die einander widersprechen, bis ein dritter Vers kommt und zwischen ihnen entscheidet“.

Aber man muss wissen, dass die dritte Linie, die „mittlere Linie“ genannt wird, der Schöpfer gibt, wie unsere Weisen sagten: „Drei Teilhaber sind am Menschen – der Schöpfer, sein Vater und seine Mutter. Sein Vater sät das Weiße, seine Mutter sät das Rote, und der Schöpfer gibt in ihn Geist und Seele (Ruach und Neshama).“ Und nach dem oben Gesagten ergibt sich, dass die zwei Linien zum Unteren gehören und die mittlere Linie zum Schöpfer gehört. Das bedeutet, dass die zwei Linien bewirken, dass er ein Gebet aus der Tiefe des Herzens zum Schöpfer richten kann, Er möge ihm helfen, aus der Eigenliebe herauszukommen und zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen. Denn wenn der Mensch sein Gebet aus der Tiefe des Herzens darbringt, dann wird sein Gebet angenommen.

Doch man muss wissen: In Bezug auf die drei Linien gibt es viele verschiedene Arten.

korrOp, EY, 10.08.2026, 04:15 Uhr, Ver6