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Wer bezeugt für einen Menschen

1985, Artikel 37

1985 – Artikel 37 – Wer bezeugt für einen Menschen

Im Sohar, Wochenabschnitt Shoftim (und im Sulam, Blatt 8, Punkt 11), heißt es wörtlich: „Diese Mizwa (dieses Gebot) besteht darin, vor Gericht auszusagen, damit der Nächste kein Geld verliert, weil man nicht für ihn aussagt. Deshalb legten die Meister der Mischna fest: Wer bezeugt für einen Menschen? Die Wände seines Hauses. Was sind die Wände seines Hauses? Es sind die Wände seines Herzens, denn es steht geschrieben: ‚Und Hiskia wandte sein Gesicht zur Wand.‘ Und die Meister der Mischna lehrten: Dies lehrt, dass Hiskia aus den Wänden seines Herzens betete. Und mehr noch: Auch seine Hausgenossen bezeugen für ihn. Seine Hausgenossen – das sind seine 248 Glieder, denn der Körper wird ‚Haus‘ genannt. Denn so legten die Meister der Mischna fest: Dem Frevler sind seine Sünden in die Knochen eingegraben, und ebenso dem Gerechten seine Verdienste. Darum sagte David: ‚All meine Knochen werden sprechen.‘ Und warum sind die Sünden eher in die Knochen eingegraben als in Fleisch, Sehnen und Haut? Weil die Knochen weiß sind. Und eine schwarze Schrift ist nur auf weißem Grund erkennbar – wie bei der Tora, die innen weiß ist, nämlich das Pergament, und außen schwarz, nämlich die Tinte. Schwarz und Weiß sind Dunkelheit und Licht. Und mehr noch: Der Körper wird einst aus seinen Knochen auferstehen, und darum sind die Verdienste und die Schulden in seine Knochen eingegraben. Wenn er es verdient, wird der Körper aus seinen Knochen auferstehen; und wenn er es nicht verdient, wird er nicht auferstehen, und es wird für ihn keine Auferstehung der Toten geben.“ So weit seine Worte.

Hier ist zu verstehen, wie der heilige Sohar das Gesetz auslegt, wonach ein Mensch vor Gericht aussagen muss, damit sein Nächster kein Geld verliert. Man deutet es nämlich auf die Ordnung der Arbeit für den Schöpfer. Dann aber ist zu verstehen: Welche Forderung erhebt er, und an wen richtet er sie? Und damit sie glaubwürdig sei, muss der Mensch aussagen.

In der Arbeit für den Schöpfer fordert der Mensch vom Schöpfer, dass Er ihm gebe, was er von Ihm verlangt. Was nützt es also zu zeigen, dass seine Forderung wahr ist? Weiß der Schöpfer etwa nicht, ob der Mensch die Wahrheit spricht oder lügt? Doch wenn der Mensch aussagt, dann weiß er selbst, dass die Forderung, die er vorbringt, wahr ist. Und überdies: Wie kann ein Mensch glaubwürdig über sich selbst aussagen? Und schließlich ist zu verstehen, warum das Zeugnis hier aus den Wänden seines Herzens kommen muss. Denn der Sohar belegt die Deutung „die Wände seines Hauses“ anhand Hiskias, von dem geschrieben steht: „Und Hiskia wandte sein Gesicht zur Wand.“ Und wir haben es als „aus den Wänden seines Herzens“ gedeutet.

Demnach muss auch hier, beim Zeugnis des Menschen, das Zeugnis aus den Wänden seines Herzens kommen. Bekanntlich aber muss ein Zeugnis aus seinem Mund kommen, denn die Weisen sagten: „Aus ihrem Mund, nicht aus ihrer Schrift.“ Hier jedoch heißt es, es müsse aus den Wänden seines Herzens kommen und nicht aus dem Mund.

Auch ist zu verstehen, was er sagt: „Denn so legten die Meister der Mischna fest: Dem Frevler sind seine Sünden in die Knochen eingegraben, und ebenso dem Gerechten seine Verdienste.“ Sind denn Sünden und Verdienste in materielle Knochen eingegraben? Wie kann etwas Spirituelles – Übertretungen und Mizwot – auf Knochen verzeichnet sein? Noch schwerer zu verstehen ist seine Erklärung: „Weil die Knochen weiß sind, und eine schwarze Schrift ist nur auf weißem Grund erkennbar.“ Und schließlich ist zu verstehen, was er wörtlich sagt: „Und mehr noch: Der Körper wird einst zur Auferstehung der Toten aus seinen Knochen auferstehen.“ Warum gerade „aus seinen Knochen“? Das heißt: Von seinen Knochen hängt es ab, ob er aufersteht oder nicht.

Um das Gesagte im Sinne der Arbeit zu verstehen, muss man sich an die bekannte Regel erinnern: „Es gibt kein Licht ohne Kli (Gefäß).“ Das heißt: Man kann keine Erfüllung empfangen, wenn dort kein Mangel und keine Öffnung ist, in die die Erfüllung eintreten könnte. So wie ein Mensch keine Mahlzeit essen kann, wenn er nicht hungrig ist. Mehr noch: Das Maß des Genusses, das ein Mensch aus der Mahlzeit ziehen kann, bemisst sich nach dem Maß seines Mangels an dieser Mahlzeit.

Wo ein Mensch also keinerlei Mangel empfindet, darf er auf keinen Genuss in der Welt hoffen, den er empfangen könnte, denn es gibt keinen Ort, um eine Erfüllung aufzunehmen.

Wenn wir nun von der Ordnung der Arbeit sprechen, so beginnt der Mensch, in das Innere der Arbeit einzutreten. Das heißt, er will die heilige Arbeit mit der Absicht verrichten, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Nach der genannten Regel muss er dafür gewiss einen Mangel haben – er muss also spüren, dass er dem Schöpfer geben muss. In dem Maß, in dem er das Bedürfnis spürt, dem Schöpfer zu geben, können wir sagen, dass er ein Kli hat. Die Erfüllung dieses Kli aber tritt ein, wenn er dem Schöpfer gibt, also Ihm Wohlgefallen bereiten will. Das bedeutet, dass der Körper bereits einwilligt, dem Schöpfer zu geben.

Der Mensch ist mit einer Natur erschaffen, zu empfangen und nicht zu geben. Will er sich also dem Geben widmen, so wehrt sich der Körper gewiss dagegen. Will der Mensch sich dem Geben widmen – das heißt, hat er das Verlangen, ein solches Kli zu erlangen, wobei das Kli „Verlangen und Mangel“ genannt wird –, dann kommt sofort der Körper und fragt: „Wozu willst du die Natur ändern, in der du erschaffen wurdest? Und was ist das für ein Mangel, den du da zu spüren meinst? Verstehst du zu hundert Prozent, dass du um des Gebens willen arbeiten musst? Sieh doch, wie die Allgemeinheit die heilige Arbeit verrichtet, ohne in ihren Handlungen peinlich genau zu sein. Wenn sie sich mit Tora oder Mizwot befassen, achten sie vor allem darauf, dass die Handlung mit all ihren Feinheiten und Einzelheiten in Ordnung ist – nicht aber auf die Absicht. Sie sagen: ‚Was wir zu tun vermögen, das tun wir gewiss.‘ Auf die Absicht aber achten sie nicht, denn sie sagen, die Arbeit in liShma (um ihretwillen) sei einzelnen Auserwählten vorbehalten und nicht der ganzen Allgemeinheit.“

Der Körper, der mit seinen Fragen kommt, fragt also offenbar zu Recht. Und weil man ihm keine ausreichende Antwort gibt, erlaubt er dem Menschen nicht, Gedanken des Verlangens zu geben zu fassen – denn er ist im Recht: „Es gibt kein Licht ohne Kli.“ Wenn du nämlich den Mangel nicht spürst, dass man sich dem Geben widmen muss, warum erschütterst du dann die Welten? Darum sagt er ihm zuvor: „Nenne mir das Bedürfnis danach, also nach dem Verlangen zu geben, und dann reden wir weiter.“ Nach dem Gesagten muss das Bedürfnis nach diesem Verlangen so beschaffen sein, dass er Leid darüber empfindet, dass er nicht geben kann. Da er also kein Kli hat, kann er gewiss nicht des Lichtes teilhaftig werden, also der Erfüllung.

Deshalb muss der Mensch sich bemühen, einen großen Mangel zu empfinden – den Mangel, dass er dem Schöpfer nicht geben kann. Ein Mangel bemisst sich bekanntlich nach dem Leid, das man aus diesem Mangel empfindet. Andernfalls, mag einem auch fehlen, worum man bittet, gilt das noch nicht als Mangel. Denn ein wirklicher Mangel bemisst sich nach dem Schmerz, den man darüber empfindet, dass einem etwas fehlt; sonst sind es nur Lippenbekenntnisse.

Damit verstehen wir, was die Weisen sagten (Traktat Taanit 2a): „‚Den Schöpfer, euren Gott, zu lieben und Ihm mit eurem ganzen Herzen zu dienen.‘ Welcher Dienst ist es, der im Herzen geschieht? Das ist das Gebet.“ Hier ist zu verstehen, warum sie das Gebet aus seiner einfachen Bedeutung herausgelöst haben. Denn nach dem Lauf der Welt bittet ein Mensch, wenn er etwas von einem anderen haben will, ihn mündlich darum, wie geschrieben steht: „Denn Du erhörst das Gebet eines jeden Mundes.“ Warum also sagten sie, das Gebet werde „der Dienst im Herzen“ genannt?

Vielmehr, wie gesagt, wird das Gebet „Mangel“ genannt, und der Mensch will, dass Er ihm seinen Mangel fülle. Kein Mangel aber zeigt sich im Mund des Menschen, denn die Empfindungen des Menschen zeigen sich im Herzen. Wenn der Mensch also keinen Mangel im Herzen spürt, dann fällt das, was er mit dem Mund ausspricht, nicht ins Gewicht – als ob ihm wirklich fehlte, worum er mit dem Mund bittet. Denn die Erfüllung, um die er bittet, muss in den Ort des Mangels eintreten, und das ist das Herz. Darum sagten die Weisen, das Gebet müsse „aus der Tiefe des Herzens“ kommen. Das bedeutet: Das ganze Herz soll den Mangel dessen spüren, worum es bittet.

Bekanntlich werden „Licht und Kli“ als Erfüllung und Mangel bezeichnet. Das Licht, also die Erfüllung, schreiben wir dem Schöpfer zu; das Kli, also den Mangel, den Geschöpfen. Demnach muss der Mensch das Kli bereiten, damit der Schöpfer dort die Fülle ausgieße – sonst gibt es keinen Ort für die Fülle. Wenn nun der Mensch den Schöpfer bittet, ihm zu helfen, seine Handlungen auf das Geben auszurichten, kommt der Körper und fragt ihn: „Wozu betest du ein solches Gebet? Was fehlt dir ohne das?“

Darum muss man lernen und in den Büchern forschen, die von der Notwendigkeit der Arbeit des Gebens handeln, bis der Mensch versteht und spürt: Ohne dieses Kli kann er nicht in die Kedusha (Heiligkeit) eintreten.

Und man soll nicht auf die Allgemeinheit blicken, die sagt, die Hauptsache sei die Handlung und allein darauf müsse man alle Kraft verwenden – die Handlungen der Mizwot und das beständige Tora-Lernen, das wir vollbringen, genügten bereits für uns.

Vielmehr soll man alle Handlungen der Tora und Mizwot vollbringen, damit sie einen zur Absicht des Gebens führen. Und wenn man dann bereits ein volles Verständnis davon hat, wie nötig es ist, sich um des Gebens willen zu mühen, und Schmerz und Leid darüber empfindet, dass einem diese Kraft fehlt, dann hat man bereits etwas, worüber man beten kann – ein Gebet über den Dienst im Herzen. Denn das Herz spürt, was ihm fehlt.

Auf dieses Gebet kommt dann die Antwort auf das Gebet. Das heißt: Von oben gibt man ihm diese Kraft, sodass er bereits auf das Geben ausrichten kann, denn nun hat er bereits Licht und Kli. Doch was kann ein Mensch tun, der nach all seiner Mühe und Anstrengung dennoch keinen Mangel als Schmerz und Leid empfindet darüber, dass er nicht geben kann? Dann ist der Rat, den Schöpfer zu bitten, ihm jenes Kli zu geben, das man „den Mangel daran, dass er nicht empfindet“ nennt. Denn er ist gleichsam ohne Bewusstsein: Er hat keinerlei Schmerz darüber, dass er nicht geben kann.

Es geht also darum, ob der Mensch über das Fehlen eines Mangels trauern und darüber Leid empfinden kann – darüber, dass er keinen Mangel hat und nicht spürt, wie weit er von der Kedusha entfernt und wie tief er in der Materie versunken ist. Denn er begreift nicht, dass das Leben, das er führt – das Streben, die materiellen Bedürfnisse zu erfüllen –, keinen höheren Wert hat als das der übrigen Lebewesen, die er betrachtet. Würde er es beachten, so sähe er, wie sehr er ihnen mit all ihren Bestrebungen gleicht. Es gibt keinen Unterschied – außer der List, die der Mensch besitzt und mit der er den anderen ausnutzen kann, während die Tiere nicht klug genug sind, einander auszunutzen.

Manchmal sieht ein Mensch zwar, dass er Tora lernt und die Mizwot erfüllt, kann sich aber während des Erfüllens der Mizwot oder während des Tora-Lernens nicht daran erinnern, dass er durch dieses Befassen mit Tora und Mizwot eine Verbindung zum Schöpfer herstellen soll. Es ist, als wären sie für ihn getrennte Dinge: Tora und Mizwot das eine, und der Schöpfer das andere.

Und wenn er darüber trauert, dass er kein Gefühl des Mangels hat – darüber, dass er den Tieren gleicht –, dann wird auch das „Dienst im Herzen“ genannt, und das wird „Gebet“ genannt. Das heißt: Für diesen Mangel hat er bereits einen Ort, um vom Schöpfer Erfüllung zu empfangen – nämlich dass Er ihm das Gefühl des Mangels gebe. Denn das ist das Kli, das der Schöpfer mit Erfüllung füllen kann. Damit verstehen wir, was wir gefragt haben: warum das Gebet im Herzen ist und nicht im Mund. Denn das Gebet wird „Mangel“ genannt, und von einem Mangel kann man nicht sagen, dass man ihn im Mund habe; der Mangel ist vielmehr eine Empfindung des Herzens.

Nun haben wir zu erklären, was wir gefragt haben zu der Aussage: „Die Verdienste und die Sünden sind in die Knochen eingegraben, und aus den Knochen kann er zur Auferstehung gelangen – oder, Gott behüte, nicht.“ Der heilige Sohar vergleicht die Knochen, die weiß sind, mit der Tora, die schwarz auf weiß ist: Das Schwarz ist der Aspekt der Dunkelheit, das Weiß der Aspekt des Lichts.

Zu erklären ist, was es bedeutet, dass die Knochen weiß sind und darum die Verdienste und Sünden auf ihnen verzeichnet sind. Denn im Sinne der Arbeit für den Schöpfer ist es so zu deuten: Dass der Mensch sich mit Tora und Mizwot befasst, wird „Knochen“ (Etzem, das Wesentliche) genannt. Und der Kern der Tora und Mizwot ist der Aspekt des Weiß, denn was keinen Mangel aufweist, wird „weiß“ genannt. Da es zu den Handlungen, die der Mensch vollbringt, nichts hinzuzufügen gibt – denn darüber heißt es: „Du sollst nicht hinzufügen und nicht wegnehmen“ –, wird sein Befassen mit Tora und Mizwot „Knochen“ genannt. Und sie sind weiß, und auf ihnen sind die Verdienste und Schulden des Menschen eingegraben.

Wenn der Mensch danach aber seine Handlungen prüft – auf welchem Grund er sein Fundament errichtet, also welche Ursache ihn verpflichtet, sich mit Tora und Mizwot zu befassen, und welche Absicht er beim Vollbringen der Handlungen verfolgt –, wenn er sich also bemüht zu erkennen, ob er seine Handlungen wirklich um des Himmels willen vollbringt, nämlich um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, dann kann er die Wahrheit sehen: dass er sich in der Natur befindet, in die er hineingeboren wurde und die „Empfangen, um zu empfangen“ heißt, und dass er sich nicht ohne jede Gegenleistung mit Tora und Mizwot befassen will.

Der wahre Grund, warum der Mensch seine Natur nicht verlassen kann, ist dieser: Er sieht die Notwendigkeit nicht, seine ihm eingeprägte Natur – „Selbstliebe“ genannt – zu ändern und die Liebe zum Nächsten auf sich zu nehmen, um zur Liebe zum Schöpfer zu gelangen. Denn der Mensch spürt nur, dass ihm die Liebe seiner Umgebung fehlt, in der er lebt – dass also seine Familie ihn liebt, seine Mitbürger und dergleichen. Was aber gewänne er dadurch, dass er den Schöpfer liebt? Und was gewänne er, wenn er seine Freunde liebt? Stets blickt er ja auf den Gewinn, der die Selbstliebe betrifft. Wie also könnte er aus dieser Liebe heraustreten?

Und wenn er sich fragt, warum er Tora und Mizwot im Aspekt der Handlung erfüllt und dabei auf alle Einzelheiten und Feinheiten genau achtet, dann antwortet er sich selbst, dass er dies als Glauben durch die Erziehung empfangen hat. Denn auf dem Weg der Erziehung beginnt man, den Menschen anzuleiten, sich mit Tora und Mizwot in lo liShma (nicht um ihretwillen) zu befassen, wie Maimonides sagt (am Ende der Hilchot Teshuwa, der Gesetze der Umkehr). Somit hat er es auf sich genommen, an den Schöpfer zu glauben: dass er die heilige Arbeit verrichten und dafür Lohn in dieser Welt und in der kommenden Welt empfangen werde.

Darum sagt man dem Menschen, dass die wahre Arbeit darin besteht, an den Schöpfer zu glauben, der uns Tora und Mizwot zu erfüllen gab. Denn dadurch werden wir der Angleichung der Form teilhaftig, die „Anhaftung an den Schöpfer (Dwekut)“ genannt wird. Das heißt: Der Mensch muss aus der Selbstliebe heraustreten und die Liebe zum Nächsten auf sich nehmen. Und in dem Maß, in dem er aus der Selbstliebe heraustritt, kann er des vollkommenen Glaubens teilhaftig werden. Andernfalls befindet er sich in Trennung, wie der Sulam sagt (Vorwort zum Buch Sohar, Blatt 138, Stichwort „Denn ein Gesetz“): „Denn dies ist ein Gesetz: Das Geschöpf kann von Ihm, gepriesen sei Er, nichts Böses in offenbarer Weise empfangen, denn es wäre eine Schmälerung Seiner Ehre, gepriesen sei Er, wenn das Geschöpf Ihn als einen Wirkenden von Bösem erfasste. Denn das ziemt dem vollkommenen Wirkenden nicht. Darum lastet, sobald der Mensch Böses empfindet, in eben diesem Maß das Leugnen Seiner Vorsehung auf ihm, Gott behüte, und der Wirkende, gepriesen sei Er, verbirgt Sich vor ihm – was die größte Strafe in der Welt ist.“

Wenn der Mensch aber Selbsteinkehr hält und die Wahrheit erkennt, dass Tora und Mizwot um des Himmels willen sein müssen, und spürt, wie weit er von der Wahrheit entfernt ist, dann kommt er durch diese Betrachtung zu Schmerz und Leid darüber, dass er die ganze Zeit nicht den rechten Weg geht, auf dem er „Diener des Schöpfers“ hieße. Vielmehr war seine ganze Arbeit zu seinem eigenen Nutzen – das nennt man „für sich selbst arbeiten“. Das ist der Weg aller Lebewesen, doch dem Aspekt des Sprechenden (Medaber) ziemt er nicht.

Durch dieses Leid also empfängt er ein Kli, nämlich einen Mangel, wie gesagt. Und da er sieht, dass er aus eigener Kraft nicht aus der Selbstliebe heraustreten kann – denn er hat nicht die Kraft, gegen die Natur zu gehen –, ist der Rat, den Schöpfer zu bitten, ihm zu helfen, wie die Weisen sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ So hat er dann einen Ort, um den Mangel zu füllen, „denn es gibt kein Licht ohne Kli“, wie gesagt.

Hier erhebt sich die Frage, die wir oben gestellt haben: Was kann ein Mensch tun, der zwar alles versteht – dass es sich lohnt, um des Gebens willen zu arbeiten –, und dennoch keinen Schmerz und kein Leid darüber empfindet, dass er sich nicht auf das Geben ausrichten kann? Dann muss er wissen: Das bedeutet nicht, dass er vollkommenen Glauben an den Schöpfer hat und nur nicht auf das Geben ausrichten kann. Vielmehr muss er wissen, dass ihm der vollkommene Glaube fehlt. Denn solange er vollkommenen Glauben an den Schöpfer hat, gilt für uns ein Naturgesetz: „Der Kleine wird vor dem Großen annulliert.“ Hätte er also wirklich vollkommenen Glauben an die Größe des Schöpfers, so würde er sich von selbst vor dem Schöpfer annullieren und Ihm ohne jede Gegenleistung dienen wollen.

Demnach liegt der Mangel nicht darin, dass ihm die Kraft fehlt, die Natur zu überwinden, sondern es fehlt hier am vollkommenen Glauben – wenngleich er Glauben hat. Der Beweis dafür: Er hält ja Tora und Mizwot. Doch es ist nicht der vollkommene Glaube, wie der vollkommene Glaube sein müsste. Die ganze Vollkommenheit besteht nämlich darin, dass man an Seine Größe glaubt. Will der Mensch wissen, ob er vollkommenen Glauben hat, so kann er daran sehen, wie weit er bereit ist, um des Gebens willen zu arbeiten, und wie weit sich der Körper vor dem Schöpfer annulliert. Das heißt: Dass der Mensch nicht um des Gebens willen arbeiten kann, ist der Mangel; doch es gibt hier einen größeren Mangel, und der ist der eigentliche Mangel – nämlich dass ihm der vollkommene Glaube fehlt.

Doch was kann ein Mensch tun, der zwar sieht, dass ihm der vollkommene Glaube fehlt, dem dieser Mangel aber dennoch keinen Schmerz und kein Leid bereitet? Der wahre Grund ist, dass er auf die Allgemeinheit blickt und sieht: Das sind angesehene Leute, von Rang und Einfluss, und man merkt ihnen nicht an, dass ihnen der vollkommene Glaube fehlt. Spricht man nämlich mit ihnen, so sagen sie, dies sei nur etwas für einzelne Auserwählte – das ist ihre allgemein bekannte Ansicht. Und das ist die große Scheidewand, die dem Menschen zum Hindernis wird, sodass er auf dem rechten Weg nicht vorankommen kann.

Darum brauchen wir eine Umgebung, also eine Gemeinschaft von Menschen, die alle einer Meinung sind: dass man zum vollkommenen Glauben gelangen muss. Nur das kann den Menschen vor den Ansichten bewahren, die in der Allgemeinheit herrschen. Denn dann bestärkt einer den anderen in der Sehnsucht, zum vollkommenen Glauben zu gelangen und dem Schöpfer Wohlgefallen bereiten zu können – sodass dies zu seinem ganzen Streben wird.

Doch damit ist der Rat, zum Mangel an vollkommenem Glauben zu gelangen, noch nicht erschöpft. Vielmehr muss er mehr Handlungen vollbringen, als er gewohnt ist, sowohl an Menge als auch an Güte. Gewiss wehrt sich der Körper dagegen und fragt: „Was ist dieser Tag vor den anderen Tagen?“ Und er antwortet ihm: „Ich male mir aus, wie ich dem Schöpfer dienen würde, hätte ich vollkommenen Glauben. Darum will ich in eben diesem Maß arbeiten, als wäre ich des vollkommenen Glaubens bereits teilhaftig geworden.“ Von selbst stellt sich dann in ihm ein Mangel und Schmerz darüber ein, dass er keinen vollkommenen Glauben hat. Denn der Widerstand des Körpers lässt in ihm das Bedürfnis nach Glauben entstehen. Doch das gilt gewiss nur dort, wo er sich dem Körper mit Zwang entgegenstellt und mit dem Körper gegen dessen Willen arbeitet.

Demnach erzeugen diese beiden Handlungen – dass er eine größere Arbeit verrichtet, als er gewohnt war, und der Widerstand des Körpers – in ihm das Bedürfnis nach dem vollkommenen Glauben. Dadurch bildet sich in ihm ein Kli, in das sich danach das Licht kleiden kann. Denn nun hat er einen Ort des Gebets im Herzen, wie gesagt, also einen Ort des Mangels. Und dann gibt ihm der Schöpfer, der das Gebet erhört, das Licht des Glaubens, durch das er dem König dienen kann, „ohne Lohn zu empfangen“.

Damit verstehen wir, was wir gefragt haben: was es bedeutet, dass in materielle Knochen Verdienste und Sünden eingegraben sind. Denn „Knochen“ meint das Wesentliche (Etzem) der Sache, und gemeint sind die Tora und Mizwot, die der Mensch vollbringt. Das heißt: Sie wurden uns gegeben, um sie im Aspekt der Handlung zu erfüllen. Und dazu gibt es nichts hinzuzufügen, wie geschrieben steht: „Du sollst nicht hinzufügen und nicht wegnehmen.“

In diese Handlungen sind Sünden und Verdienste eingegraben. Denn wenn er den Weg der Wahrheit gehen will und seine Handlungen prüft – ob sie mit der Absicht des Gebens geschehen oder nicht –, und wenn er ein Mensch ist, der die Wahrheit liebt und sich nicht dafür interessiert, was der andere tut, sondern wissen will, ob er sich mit Tora und Mizwot in liShma befasst oder alles zu seinem eigenen Nutzen tut, dann sieht er, dass er in der Selbstliebe versunken ist und aus eigener Kraft nicht von dort heraustreten kann.

So schreit er zum Schöpfer, dass Er ihm helfe, aus der Selbstliebe herauszutreten und der Liebe zum Nächsten und der Liebe zum Schöpfer teilhaftig zu werden. Und „nahe ist der Schöpfer allen, die Ihn in Wahrheit anrufen.“ Darum wird er der Anhaftung an den Schöpfer teilhaftig. Dann zeigt sich, dass die Verdienste in seine Knochen eingegraben sind: Die Tora und Mizwot, die er erfüllt hat, werden „Aspekt des Weiß“ genannt, denn im Aspekt der Handlung ist alles weiß – das heißt vollständig, ohne dass etwas hinzuzufügen wäre. Erst nachdem er die Prüfung vollzogen hat, sah er, dass die Absicht nicht in Ordnung ist, und sah, dass auf ihnen Dunkelheit lastet – weil er sich im Aspekt der Trennung befindet. Denn er hat nicht den Aspekt der Anhaftung, die „Angleichung der Form“ heißt, sodass er alles mit der Absicht des Gebens täte; vielmehr steht er unter der Herrschaft der Selbstliebe.

So hat er einen Aspekt der Dunkelheit, der auf dem Weiß lastet – auf den weißen Knochen, wie oben in den Worten des heiligen Sohar. Das heißt: Auf der Tora und den Mizwot, die er vollbracht hat, sieht er einen Aspekt der Dunkelheit lasten, der ein Aspekt der Trennung vom Licht ist. Denn das Licht ist Geben, er aber tut alles, um zu empfangen. Denn er kann nichts anderes tun als das, was die Selbstliebe betrifft.

So sind seine Knochen – also die Tora und Mizwot im Aspekt der Handlung – weiß, was bedeutet, dass die Handlung keinen Mangel aufweist, dem etwas hinzuzufügen wäre. Erst durch die Prüfung, die er an diesem Weiß vornimmt, sieht er, dass dort Dunkelheit lastet. Und wenn er sein Herz darauf richtet, es zu korrigieren, weil er Schmerz und Leid darüber empfindet, dass er sich in der Dunkelheit befindet, und zum Schöpfer betet, dass Er ihm helfe, ihn aus der Selbstliebe herauszuführen, dann wird er danach des Anhaftens an den Schöpfer teilhaftig.

Und das ist gemeint mit: „Dem Gerechten sind seine Verdienste in die Knochen eingegraben.“ Denn die Prüfung, die er an seinen weißen Knochen vollzog, ließ ihn der Auferstehung der Toten teilhaftig werden. Denn „die Frevler heißen schon zu ihren Lebzeiten tot“, weil sie vom Leben der Lebendigen getrennt sind. Wenn sie also des Anhaftens an den Schöpfer teilhaftig werden, heißt es, dass sie des Aspekts der Auferstehung der Toten teilhaftig wurden.

Anders verhält es sich mit: „Dem Frevler sind seine Sünden in die Knochen eingegraben.“ Denn „Frevler“ heißt, wer noch in der Selbstliebe versunken ist. „Gerechter“ hingegen heißt „gut“, und „gut“ heißt „Geben“, wie geschrieben steht: „Mein Herz wallt von einem guten Wort; ich spreche: Mein Werk gilt dem König.“ Das bedeutet: Was ist ein „gutes Wort“? Eines, von dem man sagen kann „Mein Werk gilt dem König“ – das heißt, dass alle seine Werke dem Schöpfer gelten und nicht seinem eigenen Nutzen.

Darum: „Wer ein gutes Auge hat, wird gesegnet.“ Diese Menschen also, die Tora und Mizwot im Aspekt der Handlung besitzen – was der Aspekt des Wesentlichen (Etzem) ist, denn Tora und Mizwot wurden aus dem Mund des Schöpfers gegeben, um sie zu erfüllen –, das wird „weiß“ genannt, weil die Handlungen keinen Mangel aufweisen, wie geschrieben steht: „Du sollst nicht hinzufügen und nicht wegnehmen.“ Darum sind seine Knochen weiß, wie gesagt.

Und „seine Sünden sind in seine Knochen eingegraben“, die weiß sind, weil er seine Handlungen nicht geprüft hat – ob sie um des Gebens willen geschehen oder nicht – und sich auf die Allgemeinheit verließ, wie sie Tora und Mizwot erfüllt. Und diese sagen: Um des Himmels willen zu handeln, sei eine Arbeit, die einzelnen Auserwählten zukommt, und nicht jeder Mensch müsse diesen Weg gehen und sich darum kümmern, seine Arbeit mit der Absicht des Gebens zu verrichten.

Das nennt man „die Ansicht der Hausherren“. Anders verhält es sich mit der „Ansicht der Tora“, denn bekanntlich ist „die Ansicht der Hausherren der Ansicht der Tora entgegengesetzt“. Die Ansicht der Hausherren besagt: Indem der Mensch sich mit Tora und Mizwot befasst, wächst und mehrt sich sein Besitz – das heißt, er wird zu einem größeren Hausherrn. Mit anderen Worten: Alles, was er tut, geht in die Selbstliebe ein.

Anders die Ansicht der Tora, wie die Weisen zum Vers sagten: „Ein Mensch, wenn er im Zelt stirbt.“ Sie sagten: „Die Tora besteht nur in dem, der sich für sie zu Tode bringt.“ Das bedeutet: Er tötet sein Eigenwesen, nämlich die Selbstliebe tötet er. Dann hat er keinerlei Besitz, denn es gibt keinen Hausherrn, dem wir Besitz zuschreiben könnten, weil sein ganzes Trachten allein dem Geben gilt und nicht dem Empfangen. So annulliert er sein Eigenwesen.

So ist „dem Frevler seine Sünden in die Knochen eingegraben“ – nämlich dadurch, dass er nicht den Weg der Tora ging. Denn die Tora wird „Schwarz auf weißem Grund“ genannt, nach den Worten des heiligen Sohar, der sagt: Darum sind seine Verdienste in seine Knochen eingegraben, weil die Knochen weiß sind und eine schwarze Schrift nur auf weißem Grund erkennbar ist – wie bei der Tora. Das heißt: Wenn Weiß vorhanden ist, wenn er also Tora und Mizwot erfüllt, dann lässt sich sagen, dass er entweder wie die Tora ist und Schwarz auf weißem Grund besitzt – dann müht er sich, zur Anhaftung zu gelangen – oder dass er bei den weißen Knochen verbleibt und nichts auf sie schreibt. Darum heißt er „Frevler, dem seine Sünden in die Knochen eingegraben sind“. Anders jene, die kein Weiß haben, die keine Tora und Mizwot im Aspekt der Handlung besitzen: Sie gehören nicht zum Aspekt des Frevlers, sondern zum Aspekt des Lebewesens – sie sind einfach Tiere.

EY, 11.07.2026, Ver4