Rabash – 1986 – Artikel 11 (תשמ״ו – מאמר י״א)
„Das wahre Gebet gilt einem wahren Mangel“ · תפלה אמיתית היא על חסרון אמיתי
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1 | Die Schrift sagt: „Und dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten kamen. … Und es erhob sich ein neuer König über Ägypten, der Josef nicht kannte. … Und die Ägypter ließen die Söhne Israels mit Härte arbeiten. Und es geschah, dass die Söhne Israels wegen der Arbeit seufzten und schrien; und ihr Hilferuf stieg von der Arbeit zum Schöpfer empor, und der Schöpfer hörte ihr Stöhnen.“ | הכתוב אומר, "ואלה שמות בני ישראל הבאים מצרימה, ויקם מלך חדש על מצרים, אשר לא ידע את יוסף, ויעבידו מצרים את בני ישראל בפרך. ויהי, ויאנחו בני ישראל מן העבודה, ויזעקו, ותעל שועתם אל האלקים מן העבודה, וישמע אלקים את נאקתם". | Die Schrift sagt: „Dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten kamen. …Und es erhob sich ein neuer König über Ägypten, der Josef nicht kannte. …Und die Ägypter zwangen die Söhne Israels, hart zu arbeiten … Und es geschah, dass die Söhne Israels seufzten von der Arbeit, und sie schrien, und ihr Geschrei wegen der Arbeit stieg zu Gott hinauf … und Gott hörte ihr Seufzen.“ |
2 | Zu verstehen ist der Vers: „und ihr Hilferuf stieg von der Arbeit zum Schöpfer empor“. Hatten sie denn in Ägypten nicht weit größere Leiden? Hier aber klingt es so, als käme ihr ganzer Hilferuf – also all ihr Leiden – allein von der Arbeit. Ebenso heißt es: „und der Schöpfer hörte ihr Stöhnen“, was bedeutet, dass die Erhörung des Gebets sich auf ihr Stöhnen bezog, das allein von der Arbeit kam. | ויש להבין מה שכתוב "ותעל שועתם אל האלקים מן העבודה". וכי לא היו להם יסורים יותר גדולים במצרים. וכאן משמע, שכל שועתם, היינו כל היסורים שלהם, היו רק מן העבודה. כמו כן כתוב "וישמע אלקים את נאקתם", משמע, ששמיעת התפלה היתה על נאקתם, שהוא רק על העבודה. | Wir sollten verstehen, warum es heißt: „und ihr Geschrei wegen der Arbeit stieg zu Gott hinauf.“ Hatten sie in Ägypten keine größeren Qualen zu erleiden? Hier sieht es so aus, als käme ihr Geschrei, also ihre Qualen, nur von der Arbeit. Es steht auch geschrieben: „Und Gott erhörte ihr Seufzen“, was bedeutet, dass das Gebet über ihr Seufzen, das sich nur auf die Arbeit bezieht, gehört wurde. |
3 | Wir wollen dies nach unserer Weise deuten. Bekanntlich handelt der Mensch, bevor er dazu gelangt, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, aus bestimmten Beweggründen. So steht im Heiligen Sohar (Vorwort zum Buch Sohar, im Sulam Abschnitt 190–191), dass es zwei Beweggründe gibt, die einen Menschen dazu bewegen, sich mit Tora und Mizwot zu befassen: | ונפרש זה על פי דרכינו. הנה ידוע, שמטרם שהאדם נכנס לעבוד בעמ"נ להשפיע, אלא על סיבות, כמו שכתוב בזה"ק (הקדמת ספר הזהר, ובהסולם דף קפ"ה אות ק"צ, קצ"א), שיש שתי סיבות, שהן גורמות, שבשבילם יעסקו בתו"מ: | Wir werden dies nach unserer Art interpretieren. Es ist bekannt, dass es, bevor ein Mensch mit Arbeit um zu geben beginnt, aber aus Gründen, die im heiligen Sohar („Einführung in das Buch Sohar“, Artikel 190-191) geschrieben stehen, zwei Gründe gibt, sich in der Tora und den Mizwot [Geboten] zu engagieren: |
4 | Erstens: um die Genüsse dieser Welt zu erlangen. Und hält er Tora und Mizwot nicht ein, so fürchtet er, dass der Schöpfer ihn bestrafen wird. | א. בשביל שיהיו לו תענוגי עולם הזה. ואם לא יקיים את התו"מ, הוא מתיירא, שהקב"ה יעניש אותו. | 1) um die Vergnügungen dieser Welt zu haben. Wenn er die Tora und die Mizwot nicht einhält, hat er Angst, dass der Schöpfer ihn bestraft. |
5 | Zweitens: um die Genüsse der kommenden Welt zu erlangen. Und weil er fürchtet, man gewährt sie ihm vielleicht nicht, ist dies der Beweggrund, der ihn verpflichtet, Tora und Mizwot einzuhalten. | ב. שיהיו לו תענוגי עולם הבא. והיות שהוא מתיירא, שאולי לא יתנו לו, זאת היא סיבה שלו, המחייבתו לקיים תו"מ. | 2) Um die Freuden der nächsten Welt zu genießen. Seine Ehrfurcht davor, dass sie ihm nicht zuteil wird, veranlasst ihn, Tora und Mizwot zu befolgen. |
6 | Solange der Beweggrund, der ihn zum Einhalten von Tora und Mizwot verpflichtet, im eigenen Nutzen liegt, gibt es keinen allzu großen Widerstand vonseiten des Körpers. Denn in dem Maß, wie er an Lohn und Strafe glaubt, kann er seine Arbeit verrichten, und Tag für Tag spürt er, dass er stetig hinzugewinnt. Und so ist es in Wahrheit: Jeder Tag, an dem er Mizwot erfüllt und sich mit der Tora befasst, fügt sich dem gestrigen hinzu; so mehrt er beständig seinen Besitz an erfüllten Tora und Mizwot. | ובזמן שהסיבה המחייבתו לקיים תו"מ היא מטעם תועלת עצמו, אז אין כל כך התנגדות מצד הגוף, כי בשיעור שמאמין בשכר ועונש, הוא יכול לעבוד עבודתו, וכל יום הוא מרגיש, שהוא מוסיף והולך. וכן היא האמת, שכל יום שהוא עושה מצות ועוסק בתורה, הוא מצטרף ליום של אתמול, וכך הוא הולך ומוסיף את הרכוש שלו של קיום תו"מ. | Wenn der Grund, der ihn dazu zwingt, Tora und Mizwot zu befolgen, sein eigener Nutzen ist, sträubt sich der Körper nicht so sehr, denn in dem Maße, wie er an Belohnung und Bestrafung glaubt, kann er seine Arbeit ausführen und das Gefühl haben, dass er jeden Tag mehr dazu tut. Und das ist die Wahrheit: Jeder Tag, an dem er Mizwot ausführt und sich mit der Tora beschäftigt, schließt sich an den Vortag an, so dass er seinen Besitz an Tora und Mizwot vergrößert. |
7 | Der Grund dafür ist: Da seine Hauptabsicht dem Lohn gilt, denkt er nicht an die Absicht – nämlich daran, dass seine Absicht das Geben sein soll. Vielmehr glaubt er an Lohn und Strafe: dass er für die Handlung, die er ausführt, Lohn empfängt. Darum gilt seine ganze Sorge allein den Handlungen, dass sie in allen Einzelheiten und Feinheiten richtig sind. Andernfalls – wenn die Handlungen nicht in Ordnung wären – würde man seine Arbeit sicher nicht annehmen und ihm dafür keinen Lohn zahlen. Sobald er aber sieht, dass die Handlung, die er ausführt, in Ordnung ist, hat er sich um nichts mehr zu sorgen. | והטעם הוא, היות שעיקר הכונה שלו היא על השכר ואינו חושב על הכוונה, היינו שתהיה כוונתו בעמ"נ להשפיע. אלא הוא מאמין בשכר ועונש, שעל מעשה שהוא עושה, הוא יקבל שכר. לכן כל כוונתו רק למעשים, שיהיו בסדר בכל פרטיה ודקדוקיה. אחרת, אם המעשים לא יהיו בסדר, בטח שלא ירצו לקבל את עבודתו ולשלם לו שכר תמורתן. ובזמן שהוא רואה, שהמעשה, שהוא עושה, הוא בסדר, כבר אין לו על מה לדאוג. | Der Grund dafür ist, dass seine Absicht in erster Linie die Belohnung ist und er nicht an die Absicht denkt, was bedeutet, dass sein Ziel das Geben sein wird. Vielmehr glaubt er an Belohnung und Bestrafung und dass er für das, was er tut, belohnt wird. Deshalb ist es sein Ziel, die Handlungen bis ins Detail richtig auszuführen. Andernfalls ist es sicher, dass seine Anstrengung in der Arbeit nicht angenommen wird, so dass er nicht dafür belohnt wird, wenn die Handlungen nicht korrekt sind. Wenn er sieht, dass die Arbeit, die er leistet, in Ordnung ist, braucht er sich um nichts mehr zu kümmern. |
8 | Deshalb gilt seine ganze Sorge nur der Menge. Das heißt, er muss sich bemühen, mehr gute Taten zu tun. Und ist er ein Tora-Gelehrter, so weiß er, dass er sich tiefer in den Gegenstand seines Lernens versenken und bei der Ausführung der Mizwot genauer sein muss, damit sie der Halacha (dem überlieferten Gesetz) nach allen Auffassungen entsprechen. Und immer bemüht er sich, die Bestimmungen strenger zu nehmen: Wo die geltende Halacha eine Erleichterung zulässt, sucht er die strengere Auslegung. Doch darüber hinaus hat er sich um nichts zu sorgen. | ומשום זה כל הדאגות שלו, הן רק על הכמות. פירוש הדבר, שהוא צריך להשתדל לעשות יותר מעשים טובים. ואם הוא תלמיד חכם, אז הוא יודע, שהוא צריך יותר להתעמק בענין שהוא לומד, ובמעשי המצות הוא צריך יותר לדקדק, שיהיו לפי הלכה, אליבא דכל הדעות. והוא משתדל תמיד להחמיר על הדינים, שלפי הלכה הנוהגת מקילין בה, והוא משתדל להחמיר. אבל יותר מזה אין לו על מה לדאוג. | Aus diesem Grund kümmert er sich nur um die Quantität, d.h. er sollte prüfen, ob er mehr gute Taten tun kann. Wenn er ein weiser Schüler ist, dann weiß er, dass er tiefer in sein Lernen eindringen und bei den Mizwot, die er ausführt, sorgfältiger sein sollte, um sie nach jedermanns Ansicht gesetzeskonform zu halten. Er prüft immer strenge Urteile, die normalerweise leichter behandelt werden, während er versucht, noch strenger zu sein, aber er hat keine anderen Sorgen. |
9 | Es zeigt sich also: Diese Menschen, deren Beweggrund zum Einhalten von Tora und Mizwot das Joch des Königtums des Himmels ist – damit sie Lohn in dieser und in der kommenden Welt erhalten –, brauchen den Schöpfer nicht, um die Kraft zu haben, sich mit Tora und Mizwot zu befassen. Denn nach dem Maß ihres Glaubens an Lohn und Strafe erlaubt der Körper jedem schon, sie einzuhalten, jeder nach seiner Stufe. | נמצא, אלו אנשים, שהסיבה הגורמת להם לקיים תו"מ, והיא מבחינת עול מלכות שמים, כדי שיהיה להם שכר בעולם הזה ובעולם הבא, אין הם נצרכים לה', שיהיה להם את הכוח, שיוכלו לעסוק בתו"מ. כי לפי שיעור אמונה שלהם בשכר ועונש, כבר הגוף מרשה כל אחד לפי דרגה דיליה, לקיים. | Daraus folgt, dass solche Menschen – deren Grund für das Befolgen von Tora und Mizwot und das Annehmen der Last des Himmelreichs darin besteht, in dieser und in der nächsten Welt belohnt zu werden – den Schöpfer nicht brauchen, um die Kraft zu haben, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen, denn in dem Maße, wie sie an Belohnung und Bestrafung glauben, erlaubt ihnen der Körper, Tora und Mizwot zu wahren – jeder nach seiner Stufe. |
10 | Anders aber jene Menschen, die die heilige Arbeit mit der Absicht zu geben verrichten wollen, ohne jede Gegenleistung. Sie wollen Tora und Mizwot um der Größe des Schöpfers willen einhalten, und es wäre ihnen eine große Ehre, wenn sie dem König dienen dürften – wie im erwähnten Heiligen Sohar steht, und dort heißt es: „Die Ehrfurcht, die das Eigentliche ist, besteht darin, dass der Mensch sich vor seinem Herrn fürchtet, weil Er der Große und der Herrschende ist, das Eigentliche und die Wurzel.“ | מה שאין כן אלו אנשים, שרוצים לעבוד עבודת הקודש בעמ"נ להשפיע, בלי שום תמורה, אלא שהם רוצים לקיים תו"מ מטעם גדלות ה', ולכבוד גדול יהיה להם אם יתנו להם לשמש את המלך, וכמו שכתוב בזה"ק הנ"ל, וזה לשונו "יראה דאיהו עיקרא, הוא שאדם יירא מפני אדונו, משום שהוא רב ושליט העיקר והשורש". | Anders verhält es sich mit Menschen, die die heilige Arbeit zum Geben ohne Belohnung verrichten wollen und die Tora und Mizwot wegen der Größe des Schöpfers halten wollen, und es ist ein großes Privileg für sie, dem König dienen zu dürfen, so wie es im oben erwähnten heiligen Sohar geschrieben steht: „Die Ehrfurcht, die die erste ist, besteht darin, dass man seinen Meister fürchtet, weil er groß und herrschend ist, das Wesen und die Wurzel.“ |
11 | Und im Sulam wird dort erklärt, dass es drei Arten der Ehrfurcht vor dem Schöpfer gibt: | ומפרש שם בהסולם, שיש ג' אופנים ביראת ה': | Im Sulam [Kommentar zum Sohar] interpretiert er, dass es drei Arten der Ehrfurcht vor dem Schöpfer gibt: |
12 | Erstens: die Furcht vor den Strafen dieser Welt. | א. דהיינו יראה מעונשים שבעולם הזה. | 1) die Ehrfurcht vor den Strafen in dieser Welt und |
13 | Zweitens: dass er auch die Strafen des Gehinnom (der Hölle) fürchtet. Doch diese beiden sind keine wahre Ehrfurcht; denn er übt die Ehrfurcht nicht um des Gebotes des Schöpfers willen, sondern um des eigenen Nutzens willen. So erweist sich, dass der eigene Nutzen die Wurzel ist und die Ehrfurcht nur ein Zweig, der vom eigenen Nutzen herrührt. Die Ehrfurcht aber, die das Eigentliche ist, besteht darin, dass er den Schöpfer fürchtet, weil Er groß ist und über alles herrscht. So weit das Zitat. | ב. שמתיירא גם מעונשים של גיהנום. ואלו השתיים אינן יראה אמיתית, כי אינו מקיים היראה מטעם מצות ה', אלא מטעם תועלת עצמו. ונמצא, שתועלת עצמו היא השורש, והיראה היא ענף, ומסובבת מתועלת עצמו. אלא יראה שהיא עיקר, היא שירא מהשי"ת משום שהוא גדול ומושל בכל. עד כאן לשונו. | 2) die Furcht vor den Strafen in der Hölle. Diese beiden sind keine echte Ehrfurcht, denn er hält die Furcht nicht wegen des Gebots des Schöpfers, sondern um seiner selbst willen. Daraus folgt, dass sein persönlicher Nutzen die Wurzel ist und die Ehrfurcht der Zweig, der aus seinem eigenen Nutzen resultiert. Aber die Furcht, die das Wesentliche ist, ist, dass er den Schöpfer fürchtet, weil er groß ist und über alles herrscht. |
14 | Es zeigt sich also, dass die Größe des Schöpfers der Beweggrund ist, der ihn zum Einhalten von Tora und Mizwot verpflichtet. Das bedeutet, dass sein ganzes Verlangen allein darauf geht, dem Schöpfer zu geben – was man nennt: „seinem Schöpfer ein Wohlgefallen zu bereiten und nicht zum eigenen Nutzen“. | נמצא, שגדלות ה' היא הסיבה שמחייבתו לקיים התו"מ. וזה נקרא, שכל רצונו הוא רק להשפיע לה', הנקרא "להשפיע נחת רוח ליוצרו ולא לתועלת עצמו". | Daraus folgt, dass die Größe des Schöpfers der Grund ist, der ihn zwingt, Tora und Mizwot zu beobachten. Dies wird als sein Verlangen angesehen, nur dem Schöpfer zu geben, was als „seinem Schöpfer Zufriedenheit geben und nicht zu seinem eigenen Nutzen.“ |
15 | Und hier beginnt das Exil: Man lässt ihn nämlich seine Arbeit nicht darauf ausrichten, dass sie ohne die Absicht, einen Lohn zu empfangen, geschieht – denn das ist gegen die Natur. Zwar kann der Mensch sich zwingen, auch wenn der Körper nicht einwilligt – so wie er Selbstkasteiungen auf sich nehmen kann, obwohl das gegen die Natur ist. Doch das gilt nur für Handlungen: Um Handlungen gegen den Willen des Körpers zu vollbringen, kann er über dem Verstand gehen, was man „gegen den Willen des Körpers“ nennt. | וכאן מתחילה הגלות, היינו שלא נותנים לו לכוון, שעבודתו תהיה בשלא על מנת לקבל פרס, היות שהוא נגד הטבע. והגם שהאדם יכול לכוף את עצמו, אף על פי שהגוף לא מסכים, כדרך שהאדם יכול לעשות סיגופים, אף על פי שהוא נגד הטבע, אבל זה שייך לומר על מעשים, זאת אומרת, בכדי שהאדם יעשה מעשים שלא לרצון הגוף, הוא יכול ללכת למעלה מהדעת, הנקרא נגד רצון הגוף. | Hier beginnt das Exil, was bedeutet, dass es ihm nicht erlaubt ist, seine Arbeit darauf auszurichten, um keinen Lohn zu empfangen, denn das ist gegen die Natur. Und obwohl man sich zwingen kann, obwohl der Körper dagegen ist, genauso wie man Enthaltsamkeit üben kann, obwohl es gegen die Natur ist, aber das bezieht sich auf Handlungen. Das heißt, um Dinge gegen den Willen des Körpers zu tun, kann er über den Verstand gehen, was „gegen den Willen des Körpers“ genannt wird. |
16 | Gegen sein Empfinden und seinen Verstand aber kann er nicht angehen – das heißt, er kann nicht behaupten, er empfindet anders, als er tatsächlich empfindet. Wenn ein Mensch zum Beispiel spürt, dass ihm kalt oder warm ist, so kann er nicht sagen, sein Empfinden ist unwahr, und sich zwingen zu behaupten, er versteht es anders, als sein Verstand ihn nötigt, oder er empfindet anders, als er es jetzt empfindet. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als das auszusprechen, was er wahrnimmt. | אבל הוא לא יכול ללכת נגד ההרגשה והשכל שלו, היינו לומר, שהוא מרגיש אחרת מכפי הרגשתו. למשל, אם אדם מרגיש שקר לו, או שחם לו, הוא אינו יכול לומר, שהרגשתו היא אינה אמת, ולהכריח את עצמו ולהגיד, שהוא מבין אחרת, מכפי שהשכל שלו מחייב, או שמרגיש אחרת, מכפי שהוא מרגיש עכשיו. הלא אין לו עצה אחרת רק לומר את מה שהוא רואה. | Er kann jedoch nicht gegen sein Gefühl und seinen Verstand handeln, was bedeutet, dass er etwas anderes fühlt als er tut. Wenn einem Menschen zum Beispiel kalt oder heiß ist, kann er nicht sagen, dass sein Gefühl unwahr ist, und sich zwingen zu sagen, dass er etwas anderes versteht, als sein Verstand tut, oder dass er etwas anderes fühlt, als er fühlt. Seine einzige Möglichkeit ist zu sagen, was er sieht. |
17 | Es zeigt sich also: Wenn der Mensch Tora und Mizwot in der Absicht einhalten will, dem Schöpfer zu geben, so ist es doch die Natur des Körpers, keine einzige Regung zu tun, wenn er nicht sieht, dass ihm irgendeine Gegenleistung zukommt. Demnach hat er keinerlei Möglichkeit, um des Himmels willen zu arbeiten und nicht zum eigenen Nutzen. | נמצא, בזמן שאדם רוצה לקיים תו"מ בעמ"נ שהוא רוצה להשפיע לה', הלא מטבע של הגוף הוא לא לעשות שום תנועה, אם הוא לא רואה, שתהיה לו איזה תמורה. אם כן אין לו שום אפשרות לעבוד לשם שמים ולא לתועלת עצמו. | Wenn man Tora und Mizwot halten will, um dem Schöpfer etwas zu geben, liegt es in der Natur des Körpers, sich überhaupt nicht zu bewegen, wenn er nicht sieht, dass er eine Belohnung bekommt. Er hat also keine Möglichkeit, für den Schöpfer zur Arbeit zu gehen und nicht für seinen eigenen Nutzen. |
18 | Und hier beginnt das Exil – also das Leiden: dass er, so viel er auch arbeitet, keinen Fortschritt sieht. Ist er zum Beispiel zwanzig Jahre alt, so kann er einerseits sagen, er besitzt bereits den Ertrag von zwanzig Jahren, in denen er sich mit Tora und Mizwot befasst hat. Andererseits aber kann er sagen: Obwohl er Tora und Mizwot schon zwanzig Jahre lang erfüllt hat, ist er noch nicht so weit gelangt, irgendetwas zum Geben tun zu können – vielmehr ist alles auf dem Fundament der Selbstliebe errichtet. | וכאן מתחילה הגלות, היינו היסורים, שכל כמה שהוא עובד, הוא לא רואה שום התקדמות. למשל, אם הוא בגיל עשרים, מצד אחד הוא יכול לומר, שכבר יש לו רכוש של עשרים שנה, שעסק בתורה ובמצות. ומצד שני הוא יכול לומר, היות שהוא כבר קיים תורה ומצות עשרים, ועוד לא הגיע, שתהיה לו היכולת לעשות משהו להשפיע, אלא הכל נבנה על היסוד של אהבה עצמית. | Hier beginnt das Exil, d. h. die Qualen, dass er, so viel er auch arbeitet, keine Fortschritte sieht. Wenn er zum Beispiel zwanzig Jahre alt ist, kann er sagen, dass er den Besitz von zwanzig Jahren Engagement in Tora und Mizwot erworben hat. Auf der anderen Seite kann er sagen, dass er zwanzig Jahre lang Tora und Mizwot gehalten hat, aber nicht die Fähigkeit erlangt hat, etwas zu geben, sondern alles auf der Basis von Selbstliebe aufgebaut ist. |
19 | Es zeigt sich also, dass all sein Leiden und all seine Schmerzen daher rühren, dass er nicht für den Schöpfer arbeiten kann: Er will mit der Absicht zu geben arbeiten, doch der Körper, der den Klipot (Schalen) unterworfen ist, lässt ihn diese Absicht nicht fassen. Da schreit er zum Schöpfer, dass Er ihm hilft; denn er sieht, dass er sich im Exil inmitten der Klipot befindet, die über ihn herrschen, und er sieht keinen Ausweg, durch den sich ihm die Möglichkeit eröffnet, ihrer Herrschaft zu entkommen. | נמצא, שכל היסורים והמכאובים שהוא סובל, הם מה שלא יכול לעבוד עבור ה', והוא רוצה לעבוד בעמ"נ להשפיע, והגוף, שהוא משועבד להקליפות, לא נותן לו לכוון את הכוונה הזו. אז הוא צועק לה', שהוא יעזור לו, כי רואה שהוא נמצא בגלות בין הקליפות, והם שולטים עליו, ולא רואה שום עצה, שתהיה לו מציאות, שיוכל לצאת מתחת שליטתם. | Daraus folgt, dass all die Qualen und Schmerzen, die er erleidet, darauf zurückzuführen sind, dass er nicht zur Arbeit für den Schöpfer kommen kann. Er will arbeiten, um zu geben, aber der Körper ist an die Klipot [unreinen Kräfte] gekettet und lässt ihn dieses Ziel nicht erreichen. Zu diesem Zeitpunkt schreit er den Schöpfer an, ihm zu helfen, denn er sieht, dass er im Exil unter den Klipot ist, sie beherrschen ihn und er sieht keinen Weg, wie er sich aus ihrer Kontrolle befreien kann. |
20 | Es zeigt sich also, dass sein Gebet dann ein wahres Gebet genannt wird, weil es nicht in der Macht des Menschen liegt, aus diesem Exil herauszukommen. So heißt es: „und Er führte Israel aus ihrer Mitte heraus, denn ewig währt Seine Gnade.“ Da dies gegen die Natur ist, wie erwähnt, kann allein der Schöpfer Israel aus diesem Exil herausführen. Doch da bekannt ist, dass es kein Licht ohne ein Gefäß (Kli) gibt – das heißt, keine Erfüllung ohne einen Mangel (Chissaron), und der Mangel ist das Gefäß, das die Erfüllung empfängt –, darum lässt sich, bevor der Mensch ins Exil eingetreten ist, nicht sagen, dass man ihn herausführt. Solange er nämlich nicht sieht, dass er aus eigener Kraft nicht aus dem Exil herauskommen kann, ist es kein wahres Gebet, auch wenn er ruft: „Führe mich aus diesem Zustand heraus, in dem ich mich befinde.“ Denn woher will er wissen, dass er nicht aus eigener Kraft herauskommen kann? | נמצא, שאז תפלתו היא נקראת תפלה אמיתית, מטעם שאין בידי אדם לצאת מגלות הזו. וזהו כמו שכתוב, "ויוציא ישראל מתוכם, כי לעולם חסדו". להיות שדבר זה הוא נגד הטבע, כנ"ל, רק הבורא יכול להוציא את ישראל מגלות הזאת. אבל היות שידוע, שאין אור בלי כלי, פירוש, שאין מילוי בלי חסרון, וחסרון הוא הכלי המקבל את המילוי, ומשום זה, מטרם שהאדם נכנס לגלות, היינו אם לא רואה, שאין הוא בעצמו יכול לצאת מהגלות, אין שייך לומר שיוציאו אותו, כי הגם שצועק, תוציאו אותי מהמצב הזה, שבו אני נמצא, אבל אין זו תפלה אמיתית, כי מאין הוא יודע שלא יוכל בעצמו לצאת. | Daraus folgt, dass sein Gebet zu diesem Zeitpunkt als echtes Gebet angesehen wird, weil er aus diesem Exil nicht herauskommen kann, wie es geschrieben steht: „Und Er führte Israel aus ihrer Mitte heraus, denn Seine Barmherzigkeit währt ewig.“ Da dies gegen die Natur ist, kann nur der Schöpfer Israel aus diesem Exil befreien. Aber da es bekanntlich kein Licht ohne ein Kli [Gefäß] gibt, das heißt, dass es keine Füllung ohne einen Mangel gibt, und der Mangel ist das Kli, das die Füllung empfängt, kann aus diesem Grund, bevor jemand ins Exil geht, das heißt, wenn er nicht sieht, dass er sich nicht selbst aus dem Exil befreien kann, nicht gesagt werden, dass er herausgeführt werden soll. Denn auch wenn er ruft: „Hol mich aus dem Zustand heraus, in dem ich mich befinde“, ist das kein echtes Gebet, denn woher soll er wissen, dass er nicht aus eigener Kraft herauskommen kann? |
21 | Vielmehr lässt sich dies nur dann sagen, wenn er das Exil tatsächlich spürt – das heißt, wenn er aus der Tiefe seines Herzens betet. Damit er aber aus der Tiefe des Herzens betet, müssen hier zwei Bedingungen erfüllt sein: | אלא דוקא בזמן, שהוא מרגיש את הגלות, שייך לומר כך, היינו שיתפלל מעומק הלב. כי בכדי שיתפלל מעומק הלב, יש כאן ב' תנאים: | Vielmehr kann er dies genau dann sagen, wenn er das Exil spürt, was bedeutet, dass er aus tiefstem Herzen beten wird. Für das Beten aus dem Grund des Herzens gibt es zwei Bedingungen: |
22 | Erstens: Seine Arbeit muss gegen die Natur gerichtet sein. Das heißt, er will alle Handlungen einzig zum Geben tun und aus der Selbstliebe heraustreten. Dann lässt sich sagen, dass er einen Mangel hat. | א. שהעבודה שלו תהיה נגד הטבע. זאת אומרת, שהוא רוצה לעשות את כל המעשים רק להשפיע, והוא רוצה לצאת מאהבה עצמית, אז שייך לומר שהוא בעל חסרון. | 1) Seine Arbeit muss gegen die Natur sein. Das heißt, er will alles nur tun, um zu geben, und will die Eigenliebe verlassen. Zu diesem Zeitpunkt kann man sagen, dass er einen Mangel hat. |
23 | Zweitens: Er beginnt selbst, aus der Selbstliebe herauszutreten, und wendet Mühe daran, kann sich aber nicht um Haaresbreite von seinem Zustand fortbewegen. Dann wird er des Schöpfers bedürftig, dass Er ihm hilft. Und dann ist sein Gebet wahrhaftig, weil er sieht, dass er von sich aus nichts bewirken kann. Wenn er nun zum Schöpfer schreit, dass Er ihm hilft, so weiß er es aus der Arbeit, wie geschrieben steht: „und die Söhne Israels seufzten wegen der Arbeit.“ Das heißt: Weil sie arbeiteten und die Stufe erreichen wollten, auf der sie dem Schöpfer geben könnten, und sahen, dass sie aus ihrer Natur nicht heraustreten konnten – darum beteten sie aus der Tiefe des Herzens. | ב. שמתחיל בעצמו לצאת מאהבה עצמית ומשקיע בזה יגיעה, ואינו יכול לזוז ממצבו כמלוא הנימא. אז הוא נעשה נצרך להבורא, שיעזור לו. ואז תפלתו היא אמיתית, משום שהוא רואה, שמצד עצמו אינו יכול לפעול מאומה. אז, כשהוא צועק לה', שיעזור לו, הוא יודע זה מהעבודה, כמו שכתוב "ויאנחו בני ישראל מן העבודה". זאת אומרת, מזה שעבדו ורצו להגיע לדרגת, שיוכלו להשפיע לה', וראו שלא יכולים לצאת מהטבע שלהם, אז התפללו מעומק הלב. | 2) Er fängt an, die Selbstliebe zu verlassen und übt sich in ihr, kann sich aber keinen Zentimeter von seinem Zustand entfernen. Dann ist er auf die Hilfe des Schöpfers angewiesen und sein Gebet ist echt, weil er sieht, dass er aus eigener Kraft nichts erreichen kann. Wenn er dann zum Schöpfer schreit, um ihm zu helfen, erkennt er das an der Arbeit, wie es geschrieben steht: „Und die Kinder Israels seufzten wegen Arbeit.“ Das bedeutet, dass sie durch die Arbeit und den Wunsch, die Stufe des Gebens an den Schöpfer zu erreichen, sahen, dass sie nicht aus ihrer Natur herauskommen konnten, so dass sie aus tiefstem Herzen beteten. |
24 | Damit verstehen wir, was wir gefragt haben zu dem Vers „und ihr Hilferuf stieg von der Arbeit zum Schöpfer empor“: Es klingt daraus, dass die allergrößten Leiden, um die ihr ganzes Schreien ging, allein von der Arbeit kamen und von nichts anderem. In Wahrheit aber geht es darum, dass sie über ihren Zustand schrien – dass es nicht in ihrer Macht stand, aus der Selbstliebe herauszutreten und um des Himmels willen zu arbeiten. Das war ihr Exil, das ihnen das Leiden verursachte, als sie sahen, dass sie unter deren Herrschaft lagen. | ובזה נבין מה ששאלנו, על מה שכתוב "ותעל שועתם אל האלקים מן העבודה", שמשמע מכאן, היסורים הכי גדולים, שעל זה היתה כל הצעקה שלהם, היו רק על העבודה ולא על שאר דברים. אלא, שהמדובר הוא, שצעקו על מצבם, שלא היה ביכולתם לצאת מאהבה עצמית ולעבוד לשם שמים, שזו היתה הגלות שלהם, שגרמה להם יסורים, שראו שהם מונחים תחת שליטתם. | Dadurch werden wir verstehen, was wir über den Vers „und ihr Schrei wegen der Arbeit stieg zu Gott hinauf“ gefragt haben. Das bedeutet, dass die schlimmsten Qualen, wegen denen sie schrien, nur wegen der Arbeit und nicht wegen anderer Dinge waren. Vielmehr bedeutet es, dass sie über ihre Situation weinten – dass sie nicht aus der Selbstliebe herauskommen und zur Arbeit für den Schöpfer kommen konnten. Das war ihr Exil, das sie quälte – dass sie sahen, dass sie unter ihrer Kontrolle waren. |
25 | Daraus ergibt sich, dass sie im ägyptischen Exil Gefäße (Kelim) erlangten – nämlich das Verlangen, dass der Schöpfer ihnen hilft, aus dem Exil herauszukommen, wie erwähnt: dass es kein Licht ohne ein Gefäß gibt. Denn nur wenn man ein wahres Gebet betet – wenn der Mensch sieht, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, gerettet zu werden, sondern allein der Schöpfer ihm helfen kann –, das wird ein wahres Gebet genannt. | נמצא בזה, שבגלות מצרים השיגו כלים, היינו רצון שה' יעזור להם לצאת מהגלות כנ"ל, שאין אור בלי כלי, שרק מתי שמתפללים תפלה אמיתית, שהאדם רואה, שאין שום אפשרות להיוושע, אלא הקב"ה הוא יכול לעזור לו, זה נקרא תפלה אמיתית. | Daraus folgt, dass sie im ägyptischen Exil Kelim erlangten, d.h. das Verlangen, dass der Schöpfer ihnen hilft, aus dem Exil herauszukommen, so wie wir oben gesagt haben, dass es kein Licht ohne Kli gibt, denn nur wenn wir ein echtes Gebet beten, wenn man sieht, dass man nicht gerettet werden kann und nur der Schöpfer einem helfen kann, wird dies als echtes Gebet angesehen. |
Rabash – 1986 – Artikel 11 (תשמ״ו – מאמר י״א)
„Das wahre Gebet gilt einem wahren Mangel“
Die Schrift sagt: „Und dies sind die Namen der Söhne Israels, die nach Ägypten kamen. … Und es erhob sich ein neuer König über Ägypten, der Josef nicht kannte. … Und die Ägypter ließen die Söhne Israels mit Härte arbeiten. Und es geschah, dass die Söhne Israels wegen der Arbeit seufzten und schrien; und ihr Hilferuf stieg von der Arbeit zum Schöpfer empor, und der Schöpfer hörte ihr Stöhnen.“
Zu verstehen ist der Vers: „und ihr Hilferuf stieg von der Arbeit zum Schöpfer empor“. Hatten sie denn in Ägypten nicht weit größere Leiden? Hier aber klingt es so, als käme ihr ganzer Hilferuf – also all ihr Leiden – allein von der Arbeit. Ebenso heißt es: „und der Schöpfer hörte ihr Stöhnen“, was bedeutet, dass die Erhörung des Gebets sich auf ihr Stöhnen bezog, das allein von der Arbeit kam.
Wir wollen dies nach unserer Weise deuten. Bekanntlich handelt der Mensch, bevor er dazu gelangt, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, aus bestimmten Beweggründen. So steht im Heiligen Sohar (Vorwort zum Buch Sohar, im Sulam Abschnitt 190–191), dass es zwei Beweggründe gibt, die einen Menschen dazu bewegen, sich mit Tora und Mizwot zu befassen:
Erstens: um die Genüsse dieser Welt zu erlangen. Und hält er Tora und Mizwot nicht ein, so fürchtet er, dass der Schöpfer ihn bestrafen wird.
Zweitens: um die Genüsse der kommenden Welt zu erlangen. Und weil er fürchtet, man gewährt sie ihm vielleicht nicht, ist dies der Beweggrund, der ihn verpflichtet, Tora und Mizwot einzuhalten.
Solange der Beweggrund, der ihn zum Einhalten von Tora und Mizwot verpflichtet, im eigenen Nutzen liegt, gibt es keinen allzu großen Widerstand vonseiten des Körpers. Denn in dem Maß, wie er an Lohn und Strafe glaubt, kann er seine Arbeit verrichten, und Tag für Tag spürt er, dass er stetig hinzugewinnt. Und so ist es in Wahrheit: Jeder Tag, an dem er Mizwot erfüllt und sich mit der Tora befasst, fügt sich dem gestrigen hinzu; so mehrt er beständig seinen Besitz an erfüllten Tora und Mizwot.
Der Grund dafür ist: Da seine Hauptabsicht dem Lohn gilt, denkt er nicht an die Absicht – nämlich daran, dass seine Absicht das Geben sein soll. Vielmehr glaubt er an Lohn und Strafe: dass er für die Handlung, die er ausführt, Lohn empfängt. Darum gilt seine ganze Sorge allein den Handlungen, dass sie in allen Einzelheiten und Feinheiten richtig sind. Andernfalls – wenn die Handlungen nicht in Ordnung wären – würde man seine Arbeit sicher nicht annehmen und ihm dafür keinen Lohn zahlen. Sobald er aber sieht, dass die Handlung, die er ausführt, in Ordnung ist, hat er sich um nichts mehr zu sorgen.
Deshalb gilt seine ganze Sorge nur der Menge. Das heißt, er muss sich bemühen, mehr gute Taten zu tun. Und ist er ein Tora-Gelehrter, so weiß er, dass er sich tiefer in den Gegenstand seines Lernens versenken und bei der Ausführung der Mizwot genauer sein muss, damit sie der Halacha (dem überlieferten Gesetz) nach allen Auffassungen entsprechen. Und immer bemüht er sich, die Bestimmungen strenger zu nehmen: Wo die geltende Halacha eine Erleichterung zulässt, sucht er die strengere Auslegung. Doch darüber hinaus hat er sich um nichts zu sorgen.
Es zeigt sich also: Diese Menschen, deren Beweggrund zum Einhalten von Tora und Mizwot das Joch des Königtums des Himmels ist – damit sie Lohn in dieser und in der kommenden Welt erhalten –, brauchen den Schöpfer nicht, um die Kraft zu haben, sich mit Tora und Mizwot zu befassen. Denn nach dem Maß ihres Glaubens an Lohn und Strafe erlaubt der Körper jedem schon, sie einzuhalten, jeder nach seiner Stufe.
Anders aber jene Menschen, die die heilige Arbeit mit der Absicht zu geben verrichten wollen, ohne jede Gegenleistung. Sie wollen Tora und Mizwot um der Größe des Schöpfers willen einhalten, und es wäre ihnen eine große Ehre, wenn sie dem König dienen dürften – wie im erwähnten Heiligen Sohar steht, und dort heißt es: „Die Ehrfurcht, die das Eigentliche ist, besteht darin, dass der Mensch sich vor seinem Herrn fürchtet, weil Er der Große und der Herrschende ist, das Eigentliche und die Wurzel.“
Und im Sulam wird dort erklärt, dass es drei Arten der Ehrfurcht vor dem Schöpfer gibt:
Erstens: die Furcht vor den Strafen dieser Welt.
Zweitens: dass er auch die Strafen des Gehinnom (der Hölle) fürchtet. Doch diese beiden sind keine wahre Ehrfurcht; denn er übt die Ehrfurcht nicht um des Gebotes des Schöpfers willen, sondern um des eigenen Nutzens willen. So erweist sich, dass der eigene Nutzen die Wurzel ist und die Ehrfurcht nur ein Zweig, der vom eigenen Nutzen herrührt. Die Ehrfurcht aber, die das Eigentliche ist, besteht darin, dass er den Schöpfer fürchtet, weil Er groß ist und über alles herrscht. So weit das Zitat.
Es zeigt sich also, dass die Größe des Schöpfers der Beweggrund ist, der ihn zum Einhalten von Tora und Mizwot verpflichtet. Das bedeutet, dass sein ganzes Verlangen allein darauf geht, dem Schöpfer zu geben – was man nennt: „seinem Schöpfer ein Wohlgefallen zu bereiten und nicht zum eigenen Nutzen“.
Und hier beginnt das Exil: Man lässt ihn nämlich seine Arbeit nicht darauf ausrichten, dass sie ohne die Absicht, einen Lohn zu empfangen, geschieht – denn das ist gegen die Natur. Zwar kann der Mensch sich zwingen, auch wenn der Körper nicht einwilligt – so wie er Selbstkasteiungen auf sich nehmen kann, obwohl das gegen die Natur ist. Doch das gilt nur für Handlungen: Um Handlungen gegen den Willen des Körpers zu vollbringen, kann er über dem Verstand gehen, was man „gegen den Willen des Körpers“ nennt.
Gegen sein Empfinden und seinen Verstand aber kann er nicht angehen – das heißt, er kann nicht behaupten, er empfindet anders, als er tatsächlich empfindet. Wenn ein Mensch zum Beispiel spürt, dass ihm kalt oder warm ist, so kann er nicht sagen, sein Empfinden ist unwahr, und sich zwingen zu behaupten, er versteht es anders, als sein Verstand ihn nötigt, oder er empfindet anders, als er es jetzt empfindet. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als das auszusprechen, was er wahrnimmt.
Es zeigt sich also: Wenn der Mensch Tora und Mizwot in der Absicht einhalten will, dem Schöpfer zu geben, so ist es doch die Natur des Körpers, keine einzige Regung zu tun, wenn er nicht sieht, dass ihm irgendeine Gegenleistung zukommt. Demnach hat er keinerlei Möglichkeit, um des Himmels willen zu arbeiten und nicht zum eigenen Nutzen.
Und hier beginnt das Exil – also das Leiden: dass er, so viel er auch arbeitet, keinen Fortschritt sieht. Ist er zum Beispiel zwanzig Jahre alt, so kann er einerseits sagen, er besitzt bereits den Ertrag von zwanzig Jahren, in denen er sich mit Tora und Mizwot befasst hat. Andererseits aber kann er sagen: Obwohl er Tora und Mizwot schon zwanzig Jahre lang erfüllt hat, ist er noch nicht so weit gelangt, irgendetwas zum Geben tun zu können – vielmehr ist alles auf dem Fundament der Selbstliebe errichtet.
Es zeigt sich also, dass all sein Leiden und all seine Schmerzen daher rühren, dass er nicht für den Schöpfer arbeiten kann: Er will mit der Absicht zu geben arbeiten, doch der Körper, der den Klipot (Schalen) unterworfen ist, lässt ihn diese Absicht nicht fassen. Da schreit er zum Schöpfer, dass Er ihm hilft; denn er sieht, dass er sich im Exil inmitten der Klipot befindet, die über ihn herrschen, und er sieht keinen Ausweg, durch den sich ihm die Möglichkeit eröffnet, ihrer Herrschaft zu entkommen.
Es zeigt sich also, dass sein Gebet dann ein wahres Gebet genannt wird, weil es nicht in der Macht des Menschen liegt, aus diesem Exil herauszukommen. So heißt es: „und Er führte Israel aus ihrer Mitte heraus, denn ewig währt Seine Gnade.“ Da dies gegen die Natur ist, wie erwähnt, kann allein der Schöpfer Israel aus diesem Exil herausführen. Doch da bekannt ist, dass es kein Licht ohne ein Gefäß (Kli) gibt – das heißt, keine Erfüllung ohne einen Mangel (Chissaron), und der Mangel ist das Gefäß, das die Erfüllung empfängt –, darum lässt sich, bevor der Mensch ins Exil eingetreten ist, nicht sagen, dass man ihn herausführt. Solange er nämlich nicht sieht, dass er aus eigener Kraft nicht aus dem Exil herauskommen kann, ist es kein wahres Gebet, auch wenn er ruft: „Führe mich aus diesem Zustand heraus, in dem ich mich befinde.“ Denn woher will er wissen, dass er nicht aus eigener Kraft herauskommen kann?
Vielmehr lässt sich dies nur dann sagen, wenn er das Exil tatsächlich spürt – das heißt, wenn er aus der Tiefe seines Herzens betet. Damit er aber aus der Tiefe des Herzens betet, müssen hier zwei Bedingungen erfüllt sein:
Erstens: Seine Arbeit muss gegen die Natur gerichtet sein. Das heißt, er will alle Handlungen einzig zum Geben tun und aus der Selbstliebe heraustreten. Dann lässt sich sagen, dass er einen Mangel hat.
Zweitens: Er beginnt selbst, aus der Selbstliebe herauszutreten, und wendet Mühe daran, kann sich aber nicht um Haaresbreite von seinem Zustand fortbewegen. Dann wird er des Schöpfers bedürftig, dass Er ihm hilft. Und dann ist sein Gebet wahrhaftig, weil er sieht, dass er von sich aus nichts bewirken kann. Wenn er nun zum Schöpfer schreit, dass Er ihm hilft, so weiß er es aus der Arbeit, wie geschrieben steht: „und die Söhne Israels seufzten wegen der Arbeit.“ Das heißt: Weil sie arbeiteten und die Stufe erreichen wollten, auf der sie dem Schöpfer geben könnten, und sahen, dass sie aus ihrer Natur nicht heraustreten konnten – darum beteten sie aus der Tiefe des Herzens.
Damit verstehen wir, was wir gefragt haben zu dem Vers „und ihr Hilferuf stieg von der Arbeit zum Schöpfer empor“: Es klingt daraus, dass die allergrößten Leiden, um die ihr ganzes Schreien ging, allein von der Arbeit kamen und von nichts anderem. In Wahrheit aber geht es darum, dass sie über ihren Zustand schrien – dass es nicht in ihrer Macht stand, aus der Selbstliebe herauszutreten und um des Himmels willen zu arbeiten. Das war ihr Exil, das ihnen das Leiden verursachte, als sie sahen, dass sie unter deren Herrschaft lagen.
Daraus ergibt sich, dass sie im ägyptischen Exil Gefäße (Kelim) erlangten – nämlich das Verlangen, dass der Schöpfer ihnen hilft, aus dem Exil herauszukommen, wie erwähnt: dass es kein Licht ohne ein Gefäß gibt. Denn nur wenn man ein wahres Gebet betet – wenn der Mensch sieht, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, gerettet zu werden, sondern allein der Schöpfer ihm helfen kann –, das wird ein wahres Gebet genannt.
korrigiert, EY, CO4.8, 11.07.2026, 22:46 Uhr, Ver4