1986/32 Der Grund für das Strecken der Beine und das Bedecken des Kopfes während des Gebets
Im Sohar (WaEtchanan, Blatt 3, und im Sulam (Leiter-Kommentar), Punkt 10) steht geschrieben, und dies sind seine Worte: „Komm und sieh: Wer im Gebet steht, muss seine Beine gerade richten und seinen Kopf bedecken, wie einer, der vor dem König steht; und er muss seine Augen bedecken, damit er nicht auf die Shechina (göttliche Gegenwart) blickt.“ Und im Sohar (WaEtchanan, Punkt 11) fragt er: „Du sagst: ‚Wer auf die Shechina blickt, während er betet‘ – aber wie kann er auf die Shechina blicken? Und er antwortet: Vielmehr soll man wissen, dass die Shechina gewiss während seines Gebets vor ihm steht. Deshalb ist es ihm verboten, seine Augen zu öffnen.“ So weit seine Worte.
Und es ist zu verstehen: Worauf deutet das gerade Richten der Beine hin? Es scheint eine Bedingung des Gebets zu sein, deutet also auf etwas Wichtiges hin. Was ist es also? Weiter ist zu verstehen: Was hat es damit auf sich, dass man den Kopf während des Gebets bedecken muss? Man kann nicht sagen, gemeint sei, den Kopf während des Gebets mit dem Tallit (Gebetsschal) zu bedecken, denn das ließe sich nur über das Morgengebet sagen. Beim Nachmittags- und beim Abendgebet aber beten wir ohne Tallit – was hätte es da mit dem Bedecken des Kopfes auf sich? Worauf also deutet dies hin?
Und ebenso: Was bedeutet es, die Augen zu bedecken? Wir pflegen, wenn wir das Shma (Glaubensbekenntnis „Höre, Israel“) lesen, die Augen zu bedecken. Hier aber sagt er, dass man auch im Gebet die Augen bedecken muss. Man muss also wissen, worauf diese Worte hindeuten. Und ebenso ist die Antwort des Sohar zu verstehen, mit der er die Frage löst, wie man denn auf die Shechina blicken könne.
Er löst sie so: Vielmehr soll man wissen, dass die Shechina gewiss während seines Gebets vor ihm steht. Doch diese Lösung ist nicht verständlich. Was ist der Zusammenhang zwischen dem Schließen der Augen und dem Wissen, dass die Shechina vor ihm steht? Um das Gesagte zu verstehen, müssen wir das ganze Werk der Schöpfung noch einmal durchgehen: Was ist ihr Ziel, und welche Stufe soll die Schöpfung erreichen?
Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Dazu stellt sich die bekannte Frage: Warum ist demnach das Gute und der Genuss nicht bei jedem einzelnen Geschöpf wahrnehmbar? Wir sehen vielmehr das Gegenteil: Die ganze Welt leidet Kummer und Qualen, bis sie ein wenig Freude und Genuss erlangt. Wenn der Mensch mit sich selbst Abrechnung hält, sagt er meist, was unsere Weisen sagten: „Besser wäre ihm, nicht erschaffen worden zu sein, als erschaffen zu sein“ (Eruwin 13). Und dies sind ihre Worte: „Es ist dem Menschen lieber, nicht erschaffen worden zu sein, als erschaffen zu sein.“
Die Antwort lautet bekanntlich: Damit es nicht zu jener Scham kommt, die „Brot der Schande (Nahama deKisufa)“ genannt wird, wurde uns eine Korrektur gegeben, die „Angleichung der Form“ heißt. Sie besteht darin, dass alles, woraus der Mensch Freude und Genuss empfängt, unter der Absicht zu geben geschehen soll. Und damit der Mensch überhaupt die Fähigkeit erlangen kann, sich daran zu gewöhnen, die Genüsse mit der Absicht zu geben zu empfangen, mussten Zimzum (Einschränkung) und Verhüllung sein. Das heißt, dass man die großen Genüsse, die in Tora und Mizwot gekleidet sind, nicht sofort sieht.
Und es ist uns gegeben, die Ordnung der Arbeit mit der Absicht zu geben an den materiellen Dingen zu erlernen, wo nur kleine Genüsse vorhanden sind. Diese heißen in der Sprache des Sohar „nehir dakik“, was „sehr feines Licht“ bedeutet. Das heißt, dass heilige Funken in die Klipot (Schalen) gefallen sind, damit diese bestehen können. An diesem Licht, das sich in den materiellen Genüssen findet, können wir lernen, wie man sie mit der Absicht zu geben empfängt. Denn bei kleineren Genüssen ist es leichter zu lernen und sich daran zu gewöhnen, sie nur mit der Absicht zu geben zu empfangen. Das heißt, es ist leichter zu sagen: Wenn ich sie nicht auf das Geben ausrichten kann, verzichte ich auf sie und will diese Genüsse nicht empfangen, weil ich durch sie vom Schöpfer getrennt werde.
Bekanntlich ist Er ganz und gar Geben, der Untere aber will gerade empfangen. Also besteht hier keine Angleichung der Form. Deshalb – das heißt, weil der Mensch am Schöpfer anhaften will, der Akt des Empfangens ihn jedoch vom Empfinden des Schöpfers trennt – geschah die Einschränkung und Verhüllung, damit er die Möglichkeit hat, sich zu gewöhnen, Handlungen zu vollbringen und sie mit der Absicht zu geben auszurichten. Wäre dagegen die Vorsehung des Schöpfers offenbar, so wären das Gute und der Genuss offenbar, und der Mensch hätte keine Möglichkeit, sein Gefäß des Empfangens zu überwinden.
Damit verstehen wir, was unsere Weisen sagten: dass der Mensch während des Gebets seine Beine gerade richten muss. Bekanntlich kommt „seine Beine“ (raglaim) vom Wort meraglim (Kundschafter). Das heißt, dem Menschen kommt das Argument der Kundschafter, die meinten, es lohne sich nicht, in die Arbeit einzutreten, um in das heilige Land zu gelangen, also in das Land Israel – und zwar aus zwei Gründen:
1. Was gewänne das Verlangen zu empfangen, wenn er den Weg der Bahn ginge, der allein zum König führt? Das heißt, er mühte sich mit seiner Arbeit, die er für den Schöpfer einsetzt, und das Verlangen zu empfangen gewänne nichts, sondern verlöre; gewinnen würde allein das Verlangen zu geben. Was aber bliebe dem Verlangen zu empfangen, das doch der Kern des Geschöpfes ist?
2. Selbst wenn wir sagen, dass es sich doch lohnt, dem König zu dienen, weil das dem Menschen großen Genuss bringt – sicher ist nicht jeder Mensch dazu befähigt. Gewiss braucht es dafür besondere Voraussetzungen; das gilt nur für Menschen, die mit großen Begabungen und mutigem Herzen geboren wurden und alle Hindernisse überwinden können, die sich auftun, wenn man sich der Heiligkeit (Kedusha) nähern will.
Vielmehr reicht es uns, auf einer Stufe mit ganz Israel zu sein. Wozu sollten wir höhere Stufen suchen als alle anderen? Ich muss keine Ausnahme sein; es genügt mir, wenn ich Tora und Mizwot schlicht erfüllen kann, ohne jede Absicht. Und gewiss wird diese Arbeit leichter sein, weil sie unserem Gefäß des Empfangens näher ist.
Und wozu sollte ich auf eine Handvoll Menschen schauen, die sagen, das Wesentliche sei, dass der Mensch um des Himmels willen arbeitet? Sicher arbeiten alle in der Allgemeinheit um des Himmels willen; so will ich wie einer von ihnen sein. Und das nennt man „Kundschafter“.
Und das ist gemeint mit: Zur Zeit des Gebets muss er seine Beine gerade richten. Das bedeutet: Er muss – allem zum Trotz, was die Kundschafter ihm vorhalten – sagen, dass jener Weg, von dem nur eine kleine Handvoll Menschen behauptet, man müsse allein ihn gehen, einzig die Wahrheit ist, anders als die übrigen Wege, obwohl auch sie Wege der Wahrheit sind.
Und das ist, wie unsere Weisen sagten: „Stets befasse sich der Mensch mit Tora und Mizwot auch lo liShma, denn aus lo liShma wird er zu liShma gelangen.“ Gewiss ist wahr, was unsere Weisen sagten. Doch der Weg, auf dem man sich bemüht, die Bahn zu gehen, die geradewegs um des Himmels willen führt, heißt „die lautere Wahrheit“. Das heißt: Wenn die Kundschafter ihm sagen, das, was er tue, sei nicht in Ordnung, dann muss er ihnen antworten: Ich gehe jetzt, den Schöpfer zu bitten, dass Er mir hilft, meinen eigenen Weg zu gehen, den ich nun gewählt habe – und zu sagen, dass nur dieser Weg gerade ist.
Und das ist die Bedeutung davon, dass er seine Beine während des Gebets gerade richten muss. Daraus ergibt sich: Das Gebet, mit dem er zum Schöpfer zu beten geht, betrifft einen Mangel. Denn hat er keinen Mangel, so hat er nichts, worum er bitten und beten könnte. Und was ist mein Mangel? Er besteht darin, dass ich sehe, wie die Kundschafter mir keine Ruhe lassen, und ich will nicht ihre Wege gehen. Vielmehr sehe ich, dass all mein Denken und Wollen nur meinem eigenen Nutzen gilt, und ich sehe, dass ich nicht fähig bin, etwas um des Himmels willen zu tun.
Damit wird deutlich: Was mir jetzt fehlt und worum ich den Schöpfer bitten muss, dass Er es mir gibt, ist allein ein Kli (Gefäß), das „Verlangen“ heißt. Das heißt, mir fehlt ein Mangel – nämlich das Verlangen, dem König dienen zu wollen, sodass dies all mein Streben und Sehnen wäre und ich mich nicht um die übrigen Dinge sorgte, die den Dienst am Schöpfer nicht betreffen.
Doch der wahre Grund, warum der Mensch sich nicht danach sehnt, dem König zu dienen, liegt nicht darin, dass er dem König nicht dienen wollte. Vielmehr – so sagte mein Vater und Lehrer – besteht der Grund darin, dass er nicht glaubt, dass er vor dem König steht. In dem Augenblick aber, da er spürt, dass er vor dem König steht, erlischt seine Wahlfreiheit, und er ist vor dem König annulliert „wie eine Kerze vor einer Fackel“.
Daraus ergibt sich, dass das Wesentliche, worum der Mensch sich in seiner Arbeit bemühen muss, allein darin besteht, des Glaubens würdig zu werden – das heißt zu spüren, dass der Schöpfer wirklich da ist, wie unsere Weisen sagten (Pirkei Awot, Sprüche der Väter): „Ein Auge sieht und ein Ohr hört.“ Denn eine Verhüllung liegt über dem Menschen. Und ehe er aus der Selbstliebe heraustritt, steht er noch unter der Einschränkung, die bewirkte, dass am Ort des Empfangens Finsternis ohne Licht herrscht – genannt „der vom Höheren Licht freie Raum“.
Deshalb bittet er den Schöpfer, seine Augen zu erleuchten, damit er spürt, dass er vor dem Schöpfer steht. Und all dies braucht er nicht, weil er genießen wollte, vor dem Schöpfer zu stehen, sondern weil er dem Schöpfer geben will und nichts tun kann, da er die Wichtigkeit des Schöpfers noch nicht spürt. Bei ihm herrscht vielmehr der Zustand der „Shechina BeGaluta“ (Shechina im Exil). Das heißt: Sobald ihm in den Sinn kommt, etwas um des Himmels willen zu tun und nicht an den eigenen Nutzen zu denken, „verfinstert sich die Welt um ihn“ – das heißt, es kommt ihm vor, als wäre er nun aus der Welt geschieden und gestorben.
Das heißt, er beginnt zu spüren, dass seine ganze Existenz annulliert wird und er nichts mehr gilt. Deshalb will er gleich zu Beginn, sobald er in diesen Zustand eintritt, ihm entfliehen, denn er empfindet dann das Unbehagen, das dieser Zustand ihm bereitet, und er hat nicht die Möglichkeit, diesen Weg weiterzugehen. Denn der Mensch begreift: Wenn er beginnt, den Weg „nichts außer dem Schöpfer allein“ zu gehen, müsste er gewiss Leben und Glück empfinden. Doch plötzlich sieht er das Gegenteil. Und wirklich erhebt sich die Frage: Warum ist das so?
Und die Antwort lautet: In diesem Zustand, da er so empfindet, kann er spüren, was die Bedeutung von „Shechina BeAfra“ (Shechina im Staub) ist. Das heißt, er spürt, dass er so tief gefallen ist, dass er wahrhaft bis in den Staub erniedrigt wurde. Und danach, wenn er bereits weiß, was „Shechina im Staub“ ist, kann er zum Schöpfer beten und gute Taten vollbringen, damit der Schöpfer „die Shechina aus dem Staub erhebt“.
Das heißt: Dort, wo er empfand, dass das Auf-sich-Nehmen des Jochs des Königtums des Himmels – also nur für den Schöpfer und nicht zum eigenen Nutzen zu arbeiten – wie Staub schmeckt, dort bittet er, dass der Schöpfer Seine Verhüllung von ihm nehme, und er wird würdig zu sehen, dass die Shechina „Land der Lebenden“ genannt wird. Das heißt: Gerade daraus, dass man alles um des Himmels willen tun will und nicht zum eigenen Nutzen, gerade von hier aus wird man des wahren Lebens würdig. Das ist die Bedeutung von „Land der Lebenden“: ein Land, aus dem allen Leben erwächst. Das Land der Sitra Achra (die andere Seite) dagegen heißt „Land, das seine Bewohner verzehrt“.
Bekanntlich führt das Empfangen zur Trennung von der Heiligkeit. Deshalb „werden die Frevler zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt“. Das Geben dagegen heißt „Dwekut“ (Anhaftung), wie geschrieben steht: „Und ihr, die ihr dem Ewigen, eurem Gott, anhaftet, seid heute alle am Leben.“ Das heißt: Dass der Mensch wünscht, der Schöpfer möge seine Augen erleuchten und ihn des Glaubens würdig machen – also dass er die Wirklichkeit Seines Daseins spüre –, bedeutet nicht, dass er sich nach dem Genuss sehnt, den es bereitet, vor dem König zu stehen. Vielmehr sehnt er sich danach, kein Frevler zu sein, der das Gebot der Liebe zum Schöpfer nicht erfüllen will. Und obwohl es keine Liebe ohne Genuss geben kann, gibt es darin doch einen Unterschied: Der Mensch will sie auf geradem Weg, während auf nicht geradem Weg etwas anderes nach sich gezogen wird.
Zum Beispiel will ein Mensch seine Kinder lieben, weil er daraus Freude empfangen will. Zwar kann man nicht sagen, dass er etwas liebt und dabei keinen Genuss empfindet, denn wo ein Mensch Leid empfindet, lässt sich nicht von Liebe sprechen. Nur sagen wir manchmal, dass Menschen sich über Leid freuen – und zwar deshalb, weil sie dadurch etwas gewinnen. Ähnlich sagt ein Mensch, der sich im Krankenhaus operieren lässt und dem Arzt viel Geld zahlt, nicht, dass er es liebt, sondern dass er sich darüber freut, weil er dadurch etwas Wichtiges gewinnt, nämlich sein Leben, und dergleichen.
Also können wir nicht sagen, dass er seine Kinder lieben und für sie arbeiten will, um Genuss zu haben. Vielmehr ist das, was er da lieben will, eine Liebe von Natur aus, die mit Genuss nichts zu tun hat. Doch dadurch, dass er sie liebt, hat er auch Genuss. Daraus folgt: Der Genuss, der aus der Liebe zu den Kindern hervorgeht, geht auf nicht gerade Weise hervor.
Ebenso ist es, wenn der Mensch den Schöpfer bittet, ihn näher zu bringen und ihm das Licht des Glaubens zu geben, damit er die Wirklichkeit des Schöpfers spürt. Von selbst ist er dann vor dem Schöpfer annulliert, und gewiss hat er dann Genuss. Doch nicht das meint er, sondern, wie gesagt: seine Absicht ist, dass der Schöpfer ihn näher bringe, weil er sieht, dass er ein Frevler ist und nichts tun kann als nur zu seinem eigenen Nutzen. Er will also wahrhaft aus der Selbstliebe heraustreten.
Daraus folgt: Seine Absicht ist, aus der Selbstliebe herauszutreten, und nicht, größeren Genuss zu empfangen. Sollte etwa sein Ziel sein, dass er, weil er aus den materiellen Genüssen nicht viel Genuss zieht, seinem Verlangen zu empfangen zu mehr Genuss verhelfen will – sollte es sein Begehren sein, dass seine Selbstliebe mehr Genuss gewinnt? Gewiss nicht; vielmehr genau umgekehrt: Er will überhaupt aus der Selbstliebe heraustreten.
Doch der Grund, der ihn dazu bringt, den Schöpfer bitten zu wollen, ihn aus der Selbstliebe herauszuführen und ihm das Licht des Glaubens zu geben, ist allein, dass er ein Jude ist und Tora und Mizwot erfüllen muss, weil der Schöpfer uns geboten hat, Seinen Willen zu erfüllen. Und er sieht, dass er mit dem Geben an den Schöpfer nichts zu schaffen hat, sondern dass all seine Sorgen wie die aller Völker nur der Selbstliebe gelten. Das gab ihm den Anstoß, hinzugehen und um etwas zu bitten: dass er die Fähigkeit erlange, ein Jude zu sein und nicht ein Angehöriger der Völker der Welt.
Doch man muss, wie gesagt, bedenken, dass es unmöglich ist, die Wirklichkeit des Schöpfers zu spüren, ohne dass der Mensch Genuss empfindet. Aber, wie gesagt: Dieser Genuss, der ihm zukommt, kommt auf nicht gerade Weise. Das heißt, er beabsichtigt ihn nicht, sondern er kommt von selbst zu ihm. Deshalb ist es natürlich, dass der Mensch, wenn er spürt, vor dem König zu stehen, die Wichtigkeit des Königs spürt – und in diesem Maße wird er mit Genuss erfüllt.
Aus dem Gesagten folgt: Es kann nicht sein, dass jemand vor dem König steht und spürt, dass er sich vor dem König annullieren will, und zugleich Unbehagen empfindet, weil er sich annullieren will. Wenn der Mensch also sieht: Sobald er beginnt, mit der Absicht zu geben zu arbeiten, und dabei spürt, dass er durch seine Annullierung vor dem Schöpfer Unbehagen empfindet – dann muss er sagen, dass dies nicht die Gestalt des Königs ist, sondern dass ihm ein solches Empfinden zukam, um zu erkennen, was die Bedeutung von „Shechina im Exil“ oder „Shechina im Staub“ ist.
Und dann ist der geeignete Zeitpunkt, zum Schöpfer zu beten, dass Er ihn näher bringe; denn andernfalls sieht er, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, aus eigener Kraft in die Heiligkeit einzutreten. Denn er spürt, dass alle Glieder des Körpers sich dagegen sträuben, dem König zu dienen und seine Existenz zu annullieren – sodass all sein Streben einzig darin bestünde, dem König zu dienen. Dann wird er „Besitzer eines Mangels“ genannt, dem niemand auf der Welt helfen kann; nur der Schöpfer selbst kann ihm helfen.
Doch beim Mangel sind mehrere Unterscheidungen zu treffen, damit er der Füllung würdig ist, wenn der Mensch zum Schöpfer betet, dass Er ihm helfe:
1. Ihm fehlt etwas, doch er empfindet seinen Mangel nicht. Ein Beispiel: Ein Mann hat eine Familie mit sechs Personen, und seine Freunde leben mit einer ebenso großen Familie in drei Zimmern, er aber wohnt in einer Wohnung mit zwei Zimmern. Er begnügt sich mit Wenigem und empfindet nicht, dass ihm ein Zimmer fehlt. Und da er seinen Mangel nicht empfindet, bemüht er sich folglich auch nicht, Anstrengungen zu unternehmen, um ein weiteres Zimmer zu erlangen. Daraus folgt: Bei einem solchen Mangel ist kein Gebet am Platz, und folglich auch keine Erhörung des Gebets – nach dem Grundsatz: „Es gibt kein Licht ohne ein Kli, denn es gibt keine Füllung ohne einen Mangel.“
2. Er empfindet seinen Mangel und beginnt, sich um dessen Behebung zu bemühen. Doch nachdem er eine Zeit lang investiert hat, um seine Bedürfnisse zu erfüllen, und sieht, dass er sie nicht so leicht erreichen kann, verfällt er in Verzweiflung und beginnt, sich zu rechtfertigen: Er sei ja nicht verpflichtet, zu den Angesehenen des Volkes zu gehören, und es genüge ihm, was er hat. Es liegt in der Natur des Menschen, dass die Trägheit ihm hilft, seinen Mangel an Mühe in hohem Maße zu rechtfertigen. Deshalb ist er nun in einem Zustand der Ruhe und hat keine Sorgen, denn er will jetzt gar nichts mehr.
Doch da er, bevor er in völlige Verzweiflung geriet, viel Mühe aufgewandt hatte, um sein Begehren zu erreichen, kommen ihm immer wieder Gedanken an die Mängel, deren Füllung er erwartet hatte. Und je mehr Kräfte er aufgewandt hatte, um sie zu erreichen, desto mehr ist es, als wecke ihn die Füllung selbst jetzt auf, von neuem mit der Arbeit zu beginnen wie zu Anfang.
Dann gerät der Mensch in einen Zustand, in dem er den Schöpfer bittet, von ihm alle Gedanken zu nehmen, die ihn einen Mangel empfinden lassen und ihn dazu bringen, Mühe darauf zu verwenden. Vielmehr betet er zum Schöpfer, dass kein Mangel mehr in seinen Sinn komme – sodass alles, was er nun erwartet und dessen Erreichen ihm einen Zustand verschaffen würde, den er „gut“ nennt, darin besteht, keinen Mangel mehr zu empfinden.
Daraus ergibt sich: Worin besteht die Füllung, die er erwartet? Darin, dass er kein Mangelgefühl mehr hat. Und das ist seine ganze Füllung, die er erhofft. Er will jetzt das Fehlen von Mangelgefühlen genießen und erwartet keine Füllung der Mängel. Vielmehr besteht die ganze Füllung im Ausbleiben des Mangelgefühls. Und das erwartet er nun – dass dies der allerbeste Zustand seines Lebens sei.
Das heißt: Käme sein Freund zu ihm und fragte ihn: „Fehlt dir etwas? Ich will mich bemühen, deinen Wunsch zu erfüllen“, so antwortete er ihm: „Glaub mir, ich bin jetzt in einem Zustand, in dem mir nichts fehlt. Ich will jetzt nur Ruhe, mich um nichts zu sorgen. Nur schäme ich mich, dir zu sagen: Du bist zu mir gekommen, gewiss um mir eine Freude zu machen – aber ich sage dir die Wahrheit: Auch du störst meine Ruhe, weil ich mich anstrengen und überlegen muss, was ich mit dir reden soll. Darum sage ich dir die Wahrheit: Geh hin in Leben und Frieden, und tu mir den Gefallen und sage allen unseren Freunden, sie sollen mich nicht besuchen kommen. Wenn sie sehen, dass ich nicht in eurem Kreis bin, so liegt das daran, dass alles Gute, das ich in meinem Leben empfinde, die Ruhe von allen Sorgen ist.“
Und wenn der Mensch um einen solchen Mangel betet, dass der Schöpfer ihn fülle – wie könnte er auf ein solches Gebet, das auf dem Fundament von Verzweiflung und Trägheit gebaut ist, eine Füllung empfangen? Er will ja, dass der Schöpfer ihm hilft, träge sein zu können. Darum steht ein solcher Mangel nicht zur Füllung an, denn aus solchen Füllungen wird die Welt nicht aufgebaut. Und alle Gebete müssen einzig dem Aufbau dienen und nicht dem Gegenteil; denn wir müssen für die Korrektur der Welt beten, und aus Trägheit entsteht kein Aufbau.
3. Er empfindet seinen Mangel, und alle Gedanken an Trägheit und Verzweiflung können seinen Mangel nicht füllen. Deshalb bemüht er sich, Rat zu finden, wie er sein Begehren erreichen kann. Dass er den Schöpfer um die Füllung seines Mangels bittet, geschieht also, weil er den Aufbau der Welt will. Er sieht, dass er auch in dem Zustand, in dem er sich befindet, aufbaut. Doch alle Bauten, die er errichtet, gleichen den Bauten kleiner Kinder, die spielen und aus Klötzen Bauten errichten, sie danach wieder umwerfen und danach von neuem bauen – und an jedem Bauen haben sie ihre Freude.
Ebenso betrachtet er das materielle Leben. Das heißt: So wie das Spielzeug, das die Kinder bauen, nicht der Aufbau der Welt ist, so wird auch aus den materiellen Genüssen nicht der Aufbau der Welt – die ja gewiss zu einem Zweck erschaffen wurde und nicht für kleine Kinder. Wie also könnte er einwilligen, in der Gesellschaft kleiner Kinder zu bleiben?
Und die Kinder lachen über ihn, weil er nicht mit ihnen spielen will, und sie verstehen ihn nicht. Warum? Sie denken über ihn: Gewiss hat er keinen Sinn für das Leben und weiß nicht, dass das Leben, in dem wir uns befinden, zum Genießen gegeben ist. Er sei nicht von dieser Welt, sondern wolle sich gleichsam vom Leben absondern und in die Wüste gehen, um wie die Tiere der Wüste zu leben.
Doch er kann ihnen nichts entgegnen, denn er hat keine gemeinsame Sprache mit ihnen. Wie dem auch sei, er leidet unter seinem Mangel – darunter, dass er des spirituellen Lebens würdig werden will. Aus dem Gesagten folgt: Nur bei der dritten Unterscheidung des Mangels lässt sich sagen, dass sein Gebet ein Gebet genannt wird, weil er eine Füllung verlangt, mit der er die Welt korrigieren kann, sodass die Fähigkeit da ist, das Schöpfungsziel zu empfangen, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Und er glaubt, dass alle Verhüllung und Verborgenheit, die es in der Welt gibt, daher rührt, dass wir nicht die geeigneten Gefäße für die Fülle der Göttlichkeit haben – nämlich das Gefäß des Gebens.
Deshalb bittet er den Schöpfer, ihm die Gefäße des Gebens zu geben. Und das kann man erlangen, indem man die Größe und Wichtigkeit des Königs spürt. Ist dagegen die Shechina im Exil und schmeckt die Arbeit des Gebens wie Staub – wie könnte man diese Arbeit fortsetzen? Darum wird ein Gebet dieser Art angenommen.
Mit dem Gesagten können wir die Worte des Sohar deuten – das, wonach wir gefragt hatten: Was ist gemeint, wenn es heißt, man müsse den Kopf bedecken und die Augen schließen, wie einer, der vor dem König steht? Bekanntlich wird der Kopf „der Verstand des Menschen“ genannt. Und ebenso gelten die Augen als Verstand, wie geschrieben steht: „die Augen der Gemeinde“, was „die Weisen der Gemeinde“ bedeutet.
Und das Bedecken und Schließen bedeutet, nicht auf den Verstand zu blicken, auf das, was der Verstand ihm sagt. Das heißt: Wenn der Mensch im Gebet steht, muss er glauben, als stünde er vor dem König. Und obwohl er den König nicht spürt, muss er beten, dass der Schöpfer ihm die Kraft des Glaubens gebe, damit er spürt, dass er vor dem König steht. Das heißt, er will eine Kraft des Glaubens, die wahrhaft dem Wissen gleicht – sodass der Körper vom Glauben beeindruckt wird, den er hegt, als sähe er den König und würde vom König beeindruckt. Um einen solchen Glauben betet er.
Das meint die Aussage, es sei verboten, die Augen während des Gebets zu öffnen, weil es verboten ist, auf die Shechina zu blicken. Der Sohar fragt daraufhin: Wie kann er denn auf die Shechina blicken? Die Antwort lautet: Vielmehr soll man wissen, dass die Shechina gewiss während seines Gebets vor ihm steht; deshalb ist es ihm verboten, seine Augen zu öffnen.
Und wir hatten gefragt: Worin besteht die Antwort? Es ist vielmehr, wie gesagt: Der Glaube, mit dem der Mensch glaubt, muss genau so sein, als sähe er die Shechina. Andernfalls – das heißt, wenn sein Glaube eine solche Stufe nicht erreicht hat – wird er nicht „wahrer Glaube“ genannt. Und um einen solchen Glauben muss der Mensch beten; das heißt, der Glaube muss in ihm so wirken, als sähe er alles mit den Augen.
korrOp, EY, 03.08.2026, 03:33 Uhr, Ver4