1991/08 Was bedeutet „Und Abraham war alt, von vielen Tagen“ in der Arbeit?
Im heiligen Sohar, Abschnitt WaJeshew (im Sulam (Leiter-Kommentar), Punkt 3), heißt es wörtlich: „‚Besser ein armes und weises Kind als ein alter und törichter König.‘ ‚Besser ein Kind‘ – das ist der gute Trieb, der ein Kind ist, das erst seit wenigen Tagen beim Menschen weilt, denn vom dreizehnten Lebensjahr an ist er beim Menschen. ‚Als ein alter König‘ – das ist der böse Trieb (Jezer haRa), der König und Herrscher über die Menschen in der Welt genannt wird. ‚Alt und töricht‘ – er ist ohne Zweifel alt, denn von dem Tag an, da der Mensch geboren wird und in die Welt tritt, ist er beim Menschen, und darum ist er ein alter und törichter König. Aber ‚besser ein Kind‘, denn so steht geschrieben: ‚Ich war ein Jüngling und bin auch alt geworden.‘ Das ist der Jüngling, das arme Kind, das nichts aus sich selbst hat. Und warum wird er Jüngling genannt? Weil er die Erneuerung des Mondes hat, der sich beständig erneuert, und so ist er immer ein Kind.“ So weit seine Worte.
Aus den Worten des heiligen Sohar geht hervor, dass „alt“ auf den bösen Trieb hinweist, während der gute Trieb „Kind“ genannt wird. Was bedeutet dann „Und Abraham war alt, in die Tage gekommen“? Was will er uns mitteilen, wenn er sagt „Und Abraham war alt“? Welcher Vorzug liegt darin, dass Abraham alt und in die Tage gekommen war – denn es scheint, als spreche der Text zum Lob Abrahams?
In der Einführung in das Buch Sohar (Blatt 140, im Sulam Punkt 140) wird über den Vers gesagt: „Ein Tag sprudelt dem anderen die Rede zu, und eine Nacht tut der anderen Verstand kund.“ Es heißt dort wörtlich: „Vor dem Ende der Korrektur (Gmar Tikun), das heißt, bevor wir unsere Gefäße des Empfangens dazu tauglich gemacht haben, nur zu empfangen, um unserem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten und nicht zu unserem eigenen Nutzen, wird Malchut der ‚Baum der Erkenntnis von Gut und Böse‘ genannt. Denn Malchut ist die Führung der Welt nach den Taten der Menschen.
Deshalb müssen wir die Führung von Gut und Böse von Malchut empfangen, denn diese Führung macht uns am Ende tauglich, unsere Gefäße des Empfangens zu korrigieren. Und die Führung von Gut und Böse verursacht uns viele Male Aufstiege und Abstiege, und jeder Aufstieg gilt deshalb als ein eigener Tag. Denn wegen des großen Abstiegs, den er inzwischen hatte, als er ‚über das Frühere klagte‘, gleicht er im Augenblick des Aufstiegs einem neugeborenen Kind. So beginnt er bei jedem Aufstieg gleichsam von neuem, dem Schöpfer zu dienen. Und darum gilt jeder Aufstieg als ein besonderer Tag. Und auf diese Weise gilt jeder Abstieg als eine besondere Nacht.“
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, wonach wir gefragt haben: was es bedeutet, wenn geschrieben steht „Und Abraham war alt, in die Tage gekommen“ – worin der Vorzug besteht, dass Abraham alt war. Die Antwort ist: „von vielen Tagen“. Das heißt, es gibt einen Alten, der ein einziger Zustand ist und lange Zeit andauert. Die Länge der Zeit macht also diesen Zustand zu einem alten, wie es im Sohar heißt: „Warum wird der böse Trieb ‚alt‘ genannt?“ Und er sagt: wegen der Länge der Zeit, „denn von dem Tag an, da er geboren wird und in die Welt tritt, ist er beim Menschen“. Das heißt, an seinem Zustand ändert sich nichts, sondern von dem Tag an, da er geboren wird, ist er in demselben Zustand, der „alter und törichter König“ genannt wird.
Hier ist zu fragen: Ist er nicht ein Engel, wie geschrieben steht „Denn Er wird Seinen Engeln deinetwegen gebieten, dich auf all deinen Wegen zu behüten“? Und der Sohar erklärt, dass damit der gute Trieb und der böse Trieb gemeint sind. Wie kann man da sagen, dass er töricht ist?
Die Antwort ist: Jeder Engel wird nach seiner Aufgabe benannt. Da nun der böse Trieb dem Menschen einen Geist der Torheit einflößt, wie unsere Weisen sagten „Der Mensch sündigt nur, wenn in ihn ein Geist der Torheit gefahren ist“, wird der böse Trieb deshalb „töricht“ genannt. Doch er ist immer in derselben Aufgabe, nämlich dass er den Menschen einen Geist der Torheit einflößt. Darum wird er „alter und törichter König“ genannt.
In der Heiligkeit (Kedusha) jedoch, wenn der Mensch beginnt, auf dem Weg zu arbeiten, der zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer führt – das heißt, dass alle seine Taten um des Himmels willen sein sollen –, muss der Mensch zuvor zur Erkenntnis des Bösen gelangen, also das Maß des Bösen kennen, das in ihm ist. So sagten unsere Weisen: „Den Frevlern erscheint der böse Trieb wie ein Haar, den Gerechten dagegen wie ein hoher Berg.“ Der Grund ist, dass man dem Menschen das Böse, das in ihm ist, nicht in größerem Maß offenbart, als er Gutes hat, weil das Gute und das Böse im Gleichgewicht sein müssen, denn nur dann lässt sich von Wahl sprechen. So sagten unsere Weisen: „Immer sehe der Mensch sich selbst als zur Hälfte schuldig und zur Hälfte unschuldig.“ Deshalb erleben jene Menschen, die zur Arbeit des Gebens gelangen wollen, Aufstiege und Abstiege, wie oben in den Worten des Sohar dargelegt, der erklärt: „Ein Tag sprudelt dem anderen die Rede zu, und eine Nacht tut der anderen Verstand kund.“
Es zeigt sich also, dass das Altsein dessen, der mit der Absicht zu geben arbeitet, kein Altsein wegen der Länge der Zeit eines einzigen Zustands ist, sondern ein Altsein, weil er viele Tage und viele Nächte hat. Deshalb heißt es „Und Abraham war alt, in die Tage gekommen“. Die Bedeutung von „von vielen Tagen“ ist: „Und der Schöpfer segnete Abraham mit allem.“ Was bedeutet „mit allem“? Da er viele Tage hatte, lagen dazwischen gewiss viele Nächte. Gibt es keine Nächte dazwischen, so kann es nicht viele Tage geben. Und der Schöpfer segnete Abraham „mit allem“, das heißt, dass auch die Nächte bei ihm gesegnet wurden. Und das wird genannt „Und der Schöpfer segnete Abraham mit allem“.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was geschrieben steht: „Aber besser ein Kind“, wie es heißt „Ich war ein Jüngling und bin auch alt geworden“. Das heißt: Auch wenn „ich“ alt geworden bin, bin „ich“ ein Jüngling geblieben. Und das aus dem oben genannten Grund: Die Ordnung der Arbeit ist so, dass der Mensch den Glauben über dem Verstand auf sich nehmen muss, und da der Körper sich dem widersetzt, ist diese Arbeit eine tägliche Arbeit. Das heißt, an jedem einzelnen Tag muss der Mensch den Glauben auf sich nehmen, und es genügt nicht, was er gestern auf sich genommen hat, wie geschrieben steht (Ki Tawo, dritter Abschnitt) „An diesem Tag gebietet dir der Schöpfer, dein Gott, zu handeln“. Und Rashi erklärte: An jedem Tag sollen sie in deinen Augen wie neu sein, als wären sie dir an eben diesem Tag geboten worden.
Es zeigt sich also, dass jeder einzelne Tag eine eigene Stufe ist, wie oben gesagt, weil an jedem Tag er ein Jüngling ist und die Annahme des Königtums des Himmels neu beginnen muss. Und so sagt der heilige ARI (Schaar haKawanot, Blatt 61) wörtlich: „Bei jedem einzelnen Gebet treten die Mochin ein, und nach dem Gebet ziehen sie sich wieder zurück. Und du sollst wissen, dass die Sache nicht im Wortsinn zu verstehen ist, als kämen dieselben Mochin, die kommen, und sie selbst zögen sich zurück, und sie selbst kehrten wieder und kämen bei jedem Gebet. Vielmehr ist es so, dass bei jedem einzelnen Gebet neue Mochin kommen.“
Das bedeutet: Obwohl der Mensch jeden Tag von neuem beginnt, heißt das nicht, dass er an derselben Stelle beginnt, an der er begonnen hat. Sondern „von vielen Tagen“ – er hat viele neue Tage. So zeigt sich „Ich war ein Jüngling und bin auch alt geworden“. Das heißt, das Altsein rührt nicht von einem einzigen Zustand her, den er über lange Zeit hatte, sondern als alt wird in der Heiligkeit bezeichnet, wer eine lange Zeit mit vielen Erneuerungen hat. Das heißt, auch dieses Altgewordensein rührt von den vielen Tagen der Stufe des Jünglings her, also des Kindes. Demnach ist die Bedeutung von „Ich war ein Jüngling und bin auch alt geworden“ allein die der vielen Zeiten des „Jünglings“. Daraus wird ein „Alter“.
Und das ist es, was er sagt: „Das ist der Jüngling, das arme Kind, das nichts aus sich selbst hat.“ Das heißt: Da jede Arbeit, die nur darin besteht, dem Schöpfer zu geben und nicht zum eigenen Nutzen, gegen den Körper gerichtet ist, der gerade zum eigenen Nutzen arbeiten will und nicht zum Nutzen des Schöpfers, sieht der Mensch, dass er nach jedem Aufstieg sofort einen Abstieg hat, wie oben gesagt – woraus ihm die Sache der „Tage“ und „Nächte“ erwächst.
Und das geht so lange, bis der Mensch zu dem Entschluss kommt, dass es nicht in seiner Macht liegt, irgendetwas zu tun. Denn er sieht: Was immer er tut, um voranzukommen, er sieht das Gegenteil – jedes Mal hat er mehr Böses. Und dann kommt er in einen Zustand, in dem er sagt: „Wenn der Schöpfer das Haus nicht baut, mühen sich seine Bauleute vergebens daran.“ Wenn der Mensch deshalb gewürdigt wird, dass der Schöpfer ihm das Verlangen zu geben gibt – das heißt, er ist bereits gewürdigt worden, dass er alle seine Taten um des Himmels willen tun kann –, dann sieht er, dass er ein „Kind“ ist. Das heißt, es gibt keine geringere Kraft als die eines Kindes: dass er nichts aus sich selbst hat, das heißt, aus eigener Kraft hat er nichts erlangt, sondern alles hat der Schöpfer ihm gegeben.
Und er sieht dann, dass auch die Abstiege der Schöpfer ihm gegeben hat, und aus sich selbst hat er nichts. Und das ist es, was er sagt: „Und warum wird er Jüngling genannt? Weil er die Erneuerung des Mondes hat.“ Das heißt: So wie der Mond kein Licht aus sich selbst hat, sondern nur, was er von der Sonne empfängt, so sieht der Mensch, wenn er der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt wird, dass er nichts aus eigener Kraft hat, sondern dass alles der Schöpfer ihm gegeben hat, und er ist immer ein „Kind“. Das heißt, in jedem einzelnen Zustand, in den er kommt, ist er auf der Stufe eines „Kindes“, das heißt, er tut nichts, sondern hat nur, was man einem Kind gibt. Und aus sich selbst ist er zu nichts fähig. Deshalb muss der Mensch immer bitten, dass der Schöpfer ihm Kräfte gibt, um sich in der Arbeit zu überwinden, denn der Mensch ist aus sich selbst zu nichts fähig.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was geschrieben steht (Lech Lecha, fünfter Abschnitt) „Und er glaubte an den Schöpfer, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“. Auf den ersten Blick ist das schwer zu verstehen: Worin besteht der Vorzug Abrahams, dass er an den Schöpfer glaubte? Denn wenn jedem Menschen eine Offenbarung der Göttlichkeit zuteilgeworden wäre und der Schöpfer zu ihm gesprochen hätte – wer hätte da nicht an den Schöpfer geglaubt? Es ist aber wie oben zu erklären: Nachdem Abraham sah, dass keine Kraft aus sich selbst in seiner Hand war, um etwas in der Heiligkeit zu erlangen, da das Verlangen zu empfangen herrscht – wie geschrieben steht, dass es „alter und törichter König“ genannt wird – und keine Kraft in seiner Hand war, aus dessen Herrschaft herauszutreten und der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt zu werden, deshalb steht ganz allgemein geschrieben „Und er glaubte an den Schöpfer, und Er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“.
Das heißt: Dass Abraham der Stufe des Glaubens gewürdigt werden konnte, ist allein Gerechtigkeit (Zedaka) vom Schöpfer, dass der Schöpfer ihm Gerechtigkeit erwies und ihn aus der Herrschaft des alten und törichten Königs herausführte, der sich dem Glauben über dem Verstand widersetzt. Und Aw-Ram wollte gerade über dem Verstand gehen, wie oben gesagt, was die Stufe der „Hirten von Abrahams Vieh“ ist (wie in Artikel 5, 1991, geschrieben).
Und der ganze Körper widersetzt sich dem. Da der Schöpfer ihm also die Kraft des Glaubens über dem Verstand gab, rechnete Abraham dies – nämlich dass er des Glaubens gewürdigt wurde, wie geschrieben steht „Und er glaubte an den Schöpfer“, also dass er an den Schöpfer glauben konnte, an Ihn, an den Heiligen, gepriesen sei Er – als Gerechtigkeit, dass der Heilige, gepriesen sei Er, ihm Gerechtigkeit erwies, indem Er Abraham die Kraft des Glaubens gab.
Doch in der Ordnung der Arbeit sehen wir, dass es Aufstiege und Abstiege gibt. Und in der Zeit des Aufstiegs – das heißt, wenn er die Bedeutung spürt, wenn er spürt, dass er dem Schöpfer nahe ist, und ein wenig die Bedeutung und Größe des Schöpfers spürt, und weil er ein wenig die Liebe zum Schöpfer spürt, sich vor Ihm auflösen will wie eine Kerze vor einer Fackel –, in diesem Zustand erinnert er sich nicht, dass er je einen Zustand des Abstiegs hatte. Und mehr noch: er will sich nicht erinnern, dass es so etwas gibt, das man Zustand des Abstiegs nennt. Und er sehnt sich danach, dass der Zustand des Aufstiegs bei ihm von Dauer ist.
Doch am Ende erfährt der Mensch einen Abstieg. Und manchmal fällt er so sehr in einen Zustand der Niedrigkeit, dass er sagt, es gibt keine Möglichkeit, dass der Mensch irgendetwas zum Nutzen des Schöpfers tun kann. Und wenn ihm in den Sinn kommt: Wir müssen doch arbeiten und Tora und Mizwot um des Himmels willen erfüllen, warum will ich es also nicht tun? – dann gibt der Mensch sich selbst eine wahrhaftige Antwort, auf die es nach der Auffassung des Menschen nichts zu entgegnen gibt. Denn der Mensch, also das Verlangen zu empfangen im Menschen, das zur Zeit des Abstiegs herrscht, sagt, dass auch er bereit ist, alles um des Himmels willen zu tun, nur unter der Bedingung, dass er weiß, was sein Verlangen zu empfangen davon gewinnt.
Das heißt, er ist bereit, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten, nur unter der Bedingung, dass der eigene Nutzen davon gewinnt. Es zeigt sich also: In der Zeit des Aufstiegs, wenn er auf die Abstiege blickt, die er jedes Mal erfährt, wundert er sich selbst, wie so etwas möglich ist – nämlich dass zwischen Aufstiegen und Abstiegen ein so großer Abstand ist, fern wie Himmel und Erde. Das heißt, in der Zeit des Aufstiegs denkt er, er ist bereits im Himmel, er hat also keinerlei Verbindung mehr zur Körperlichkeit, und von heute an wird sein ganzes Tun in dieser Welt nur das betreffen, was das Spirituelle angeht. Über die Körperlichkeit aber zürnt er sogar dem Schöpfer: Warum hat Er uns Körperlichkeit gegeben, um uns mit körperlichen Dingen zu befassen, sodass wir für diese Dinge Zeit und Mühe aufbringen müssen, um die Körperlichkeit zu erlangen?
Und der Mensch versteht dann nicht, wozu der Schöpfer dies erschaffen hat. Und die ganze körperliche Welt erscheint in seinen Augen als überflüssig. Und mitten in all den besten Berechnungen erfährt er plötzlich einen Abstieg und fällt zu Boden. Manchmal ist er zur Zeit des Abstiegs gänzlich ohne Bewusstsein, sodass er die Sache des Spirituellen überhaupt vergessen hat. Und manchmal, wenn er sich doch erinnert, dass es Spirituelles gibt, sieht er aber, dass es nicht für ihn ist.
Doch ist zu verstehen, warum der Schöpfer uns diese Abstiege gibt. Das heißt, zuerst muss der Mensch glauben, dass diese Abstiege der Schöpfer uns gibt. Und danach fragt der Mensch: Wozu hat der Schöpfer mir die Abstiege gegeben? Das heißt, wenn der Mensch glaubt, dass der Schöpfer ihm dies sendet – und gewiss kommen die Abstiege zum Menschen, nachdem er einen Zustand des Aufstiegs hatte und vom Schöpfer erbeten hat, dass Er ihn näher bringe –, und er glaubt, dass der Schöpfer das Gebet erhört.
Und was hat der Mensch auf sein Gebet hin empfangen? Der Mensch denkt, dass er gewiss nach dem Gebet einen Aufstieg in der Stufe empfangen wird, höher als der Zustand, in dem er zur Zeit des Gebets ist. Und am Ende gab der Schöpfer ihm einen schlechteren Zustand, als er vor dem Gebet zum Schöpfer war. Und die Antwort ist, wie mein Vater und Lehrer sagte: Es gibt die Sache „wie der Vorzug des Lichts aus der Finsternis“. Und er sagte, dass der Mensch die Bedeutung des Lichts nicht ermessen und nicht wissen kann, wie er es bewahren soll, außer aus der Finsternis heraus. Dann kann der Mensch erkennen, wie weit Licht und Finsternis auseinanderliegen.
Und seine Worte sind durch ein Gleichnis zu erklären: Wenn einer seinem Nächsten ein Geschenk gibt, das in den Augen des Empfängers hundert Schekel wert ist, dann freut sich der Empfänger darüber, dass sein Nächster ihn schätzt und ihm ein Geschenk sendet, und er empfängt es mit großer Freude. Wenn dem Empfänger des Geschenks jedoch danach bekannt wird, dass es zehntausend Schekel wert ist, so ist hier zu verstehen, welche Freude den Empfänger des Geschenks nun erfüllt, und wie sich in seinem Herzen eine große Liebe zum Geber des Geschenks festsetzt, und wie der Mensch das Geschenk hütet, damit man ihm das Geschenk nicht stiehlt.
Und die Anwendung des Gleichnisses ist: Wenn der Mensch ein Erwachen von oben empfangen hat, sodass der Schöpfer ihn zu Sich heranzieht, und der Mensch ein wenig Bedeutung spürt, indem er spürt, dass er nun mit dem Schöpfer spricht, so kann der Mensch dennoch nicht die wahre Freude aus dieser Annäherung empfangen, weil er noch nicht die Größe und Bedeutung des Schöpfers zu ermessen weiß, sodass er die Freude und den Genuss daraus empfangen könnte, dass der Schöpfer zu ihm spricht.
Und der Grund ist, wie oben gesagt, „wie der Vorzug des Lichts aus der Finsternis“: Da der Mensch keine Leiden spürt, weil er fern vom Schöpfer ist, kann er folglich die Größe und Bedeutung eines Zustands nicht ermessen, in dem er dem Schöpfer nahe ist. Und auch die Leiden der Entfernung vom Schöpfer kann der Mensch nicht ermessen, wenn er nie gespürt hat, was Annäherung an den Schöpfer ist. Deshalb ruht die Ordnung der Arbeit auf zwei Beinen – rechts und links –, wie unsere Weisen sagten (Sota 47): „Immer stoße die Linke zurück und ziehe die Rechte heran.“
Rechts wird Vollkommenheit genannt. Das heißt, in der Zeit des Aufstiegs, wenn der Mensch spürt, dass er nun dem Schöpfer nahe ist, dann hat er Lebenskraft und Freude, und er lebt dann in einer Welt, die ganz und gar gut ist. Und danach will man von oben, dass er die Bedeutung dessen spürt, dass der Schöpfer ihn zu Sich herangezogen hat, sodass er genießen und sich freuen kann, nicht so, wie der Mensch es schätzt, nach dem oben genannten Gleichnis, auf hundert Schekel. Wenn er deshalb einen Abstieg erfährt, spürt er Leiden, weil er sich im Abstieg befindet, wenngleich er zur Zeit des Abstiegs nicht immer auf der Stelle spürt, dass er auf der Stufe des Abstiegs ist.
Das heißt: Wenn der Mensch von seiner Stufe herabgestiegen ist und keine Leiden davon hat, dass er gefallen ist, wird das nicht „Fall“ genannt. Denn wer weiß, dass er gefallen ist, wenn der Mensch es nicht spürt? Vielmehr gleicht das einem Menschen, der bei einem Verkehrsunfall verletzt wurde und nicht spürt, dass er unter das Fahrzeug gefallen ist, weil er ohne Bewusstsein ist. Wer weiß, dass er unter das Fahrzeug gefallen ist? Nur die Menschen von außen. Aber was spürt er davon, dass andere Menschen sehen, dass er ohne Bewusstsein ist?
Ebenso ist es im Spirituellen, wenn er einen Abstieg erfahren hat. Von oben weiß man es. Aber der Mensch kommt erst, nachdem er sich erholt hat, zu der Erkenntnis, dass er sich in einem Zustand des Abstiegs befindet. Und dann beginnt eine neue Ordnung, und von oben gibt man ihm noch einmal einen Aufstieg, und danach noch einmal einen Abstieg. Und daraus empfängt der Mensch die Unterscheidung zwischen Licht und Finsternis. Und daraus empfängt der Mensch Buchstaben dafür, wie er es zu schätzen hat, dass der Schöpfer ihn heranzieht. Und dadurch wird er wissen, wie er sich hüten kann, dass nichts in die Klipot (Schalen) fällt, also in seine Gefäße des Empfangens. Denn er weiß, was er verliert, wegen „wie der Vorzug des Lichts aus der Finsternis“. Und das ist die Sache der Abstiege und Aufstiege, die der Mensch durch diese Zustände hindurchgehen muss.
Und wer weise ist und Zeit gewinnen will, der wartet nicht, bis er von oben einen Abstieg erfährt. Vielmehr beginnt er, während er sich in der Zeit des Aufstiegs befindet und die Bedeutung des Zustands der Annäherung an den Schöpfer empfangen will, sich auszumalen, was ein Zustand des Abstiegs ist. Das heißt: wie er Leiden erfuhr, weil er fern vom Schöpfer war, und wie er nun spürt, dass er dem Schöpfer nahe ist. Es zeigt sich also, dass er auch in der Zeit des Aufstiegs die Unterscheidungen lernt, als wäre er im Zustand des Abstiegs, und dann eine Rechnung anstellen kann, um zwischen Aufstieg und Abstieg zu unterscheiden.
Und er wird dann ein Bild des Vorzugs zwischen Licht und Finsternis empfangen. Denn er kann sich ausmalen, wie er einst im Zustand des Abstiegs war und dachte, die ganze Sache der Arbeit des Gebens gehe ihn nichts an, und wie sehr er unter diesen Zuständen litt, sodass er aus der Schlachtordnung fliehen wollte, und nur von einer einzigen Stelle eine Erleichterung bekommen konnte, nämlich nur aus einer einzigen Hoffnung, indem er dachte: Wann kann ich schlafen gehen? – denn dann würde er all den Zuständen der Unerträglichkeit entfliehen, in denen er spürte, dass die Welt für ihn finster geworden war.
Und nun, in der Zeit des Aufstiegs, sieht er alles anders. Und er will dann nur zum Nutzen des Schöpfers arbeiten, und um den eigenen Nutzen sorgt er sich jetzt nicht. Und aus all diesen Berechnungen, die er in der Zeit des Aufstiegs anstellt, zeigt sich, dass er nun einen Ort empfängt, an dem er zwischen Licht und Finsternis unterscheiden kann. Und er muss nicht warten, bis man ihm von oben den Zustand des Abstiegs gibt.
Nach dem Gesagten lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten (Schabbat 152) „Nach dem, was ich nicht verloren habe, suche ich“. Rashi erklärte: „Nach dem, was mir nicht verloren ging, taste ich vor lauter Alter; ich gehe gebeugt und schwankend und sehe aus, als suchte ich etwas, das mir verloren ging.“ Und das ist im Sinne der Arbeit zu verstehen: Was will uns das lehren? Es ist aber wie oben: Als alter Mensch wird bezeichnet, wer auf der Stufe des Weisen ist, das heißt, er will ein Tora-Gelehrter (Talmid Chacham) sein.
Wie mein Vater und Lehrer sagte: Der Heilige, gepriesen sei Er, wird Weiser genannt, und Seine Art ist es zu geben. Und wenn der Mensch von Seinen Wegen lernen will, also gleichfalls ein Gebender zu sein, wird dieser Mensch „Schüler eines Weisen“ genannt. Dieser Mensch wartet nicht, bis er einen Abstieg erfährt, um dann zu bitten, dass man ihn wieder hinaufhebe – das heißt, dass ihm der Zustand des Aufstiegs verloren ging und er bittet, dass man ihn wieder nach oben hebe. Vielmehr sucht er, noch bevor ihm der Zustand des Aufstiegs verloren geht, bereits, als wäre er ihm schon verloren gegangen. Und dadurch gewinnt er Zeit. Es zeigt sich also, dass es für den Menschen von den Abstiegen her einen Ort gibt, aufzusteigen und einen Ort zu empfangen, um den Vorzug zwischen Licht und Finsternis zu unterscheiden.
korrOp, EY, 26.07.2026, 22:08 Uhr, Ver10