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1991/30 Was bedeutet es, dass einer, der auf einem weit entfernten Weg ging, auf ein zweites Pessach verschoben wird? – in der Arbeit

Der Sohar sagt1 Folgendes: „Rabbi Yossi sagte: ‚Mann, Mann‘ – zweimal. Warum? Und er antwortet: Ein Mann, der ein Mann ist, das heißt, einer, der würdig ist, eine hohe Seele zu empfangen, sich aber selbst beschädigt hat, weil er es verursachte, dass er sich selbst verunreinigte. ‚Mann, Mann‘ bedeutet: einer, der würdig wäre, ein Mann zu sein, ‚oder auf einem fernen Weg‘ ist – das ist deshalb so, weil ein Mensch, der sich selbst verunreinigt, von oben verunreinigt wird. Und da er von oben verunreinigt wird, ist er auf einem Weg, der weit entfernt ist von jenem Ort und von jenem Weg, an dem die Nachkommen Israels festhalten. Rabbi Yizchak sagte: ‚Es steht doch geschrieben: Wenn einer für eine Seele unrein wird oder auf einem fernen Weg ist – was durch das Wort »oder« angedeutet wird.‘ Rabbi Yossi sagte: ‚Wenn es hier heißt »unrein für eine Seele«, so ist damit gemeint: bevor man ihn von oben verunreinigt hat. Und wenn es hier heißt »auf einem fernen Weg«, so ist damit gemeint: nachdem man ihn von oben verunreinigt hat und er auf einen fernen Weg gefallen ist, der die Sitra Achra (die andere Seite) ist. Und es bedeutet, dass weder im einen noch im anderen Fall die Heiligkeit von oben auf ihm ruht und sie das Pessach nicht zu der Zeit halten, zu der Israel es hält.‘“ So weit der Wortlaut.

Unsere Weisen sagten2: „Wer kommt, um sich zu verunreinigen, dem wird geöffnet; wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen.“ Was aber bedeutet es, wenn hier geschrieben steht: „dass ein Mensch, der sich selbst verunreinigt, von oben verunreinigt wird“? Es heißt eben nicht, dass ihm geöffnet wird, sondern dass er von oben verunreinigt wird. Und warum wird ihm überhaupt geöffnet, wo doch „der Schöpfer mit Seinen Geschöpfen nicht hadert“? Rashi erklärt dazu, dass der Schöpfer Seinen Geschöpfen nichts unterstellt3. Warum gibt man ihm dann von oben irgendeine Hilfe zum Schaden des Menschen? Im Gegenteil, von oben müsste man ihm eine Hilfe zu seinem Nutzen geben, wie sie sagten: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem wird geholfen“; und wenn ihm schon keine Hilfe zu seinem Nutzen zuteil wird, so sollte man oben wenigstens nichts tun, was ihm schadet. Nach dem einfachen Sinn gibt es darauf gewiss viele Antworten.

Auf dem Weg der Arbeit lässt sich das so auslegen. Bekanntlich gilt: Wenn der Mensch Tora und Mizwot auf der allgemeinen Ebene erfüllt, also um Lohn zu empfangen, und nicht auf die Sache des Gebens achtet, dann sieht der Mensch, dass er Tag für Tag in der Arbeit vorankommt. Denn so ist es in Wahrheit: Auf der Ebene der Handlung wird alles, was der Mensch tut, ihm gutgeschrieben. In diesem Zustand, der lo liShma (nicht um des Gebens willen) genannt wird, kann der Mensch gar nicht erkennen, dass dies lo liShma ist. Er sieht nämlich nicht, dass hier ein Mangel besteht – dass es liShma (um des Gebens willen) sein sollte, er es aber lo liShma tut. Vielmehr leuchten ihm die Taten, die er tut, in allgemeiner Weise.

Der Mensch kann daher keinerlei Mangel an sich entdecken. Auf der allgemeinen Ebene wirkt nämlich eine Korrektur: Die Taten, die er tut, leuchten ihm als umgebendes Licht (Or Makif) – eine Korrektur auf der Ebene der Handlung. Deshalb muss der Mensch darauf achten, die Taten von Tora und Mizwot nicht gering zu schätzen, selbst wenn sie nur in der reinen Handlung bestehen und keinerlei Absicht dabei ist; das heißt, selbst wenn der Mensch die Taten unter Zwang verrichtet, wird auch das als eine große Sache angesehen.

Für Menschen, die noch nicht in der Absicht des Gebens arbeiten können, gilt somit die genannte Korrektur: Sie sehen keinen Mangel an den Taten, die sie tun, damit sie ihre Arbeit in Freude verrichten, wie geschrieben steht: „Dienet dem Ewigen mit Freude.“ Anders ist es, wenn dem Menschen ein Gedanke und ein Verlangen kommen, sodass er zu spüren beginnt, dass es bei der Erfüllung von Tora und Mizwot gewiss auch die Sache der Absicht gibt, und er erwacht dazu, Taten zu tun, nicht um Lohn zu empfangen, sondern um zu geben – dann beginnt eine neue Ordnung.

Diese neue Ordnung sieht so aus: Der Mensch geht dazu über, auf der linken Seite zu arbeiten, und beginnt, sein Handeln zu prüfen, ob es um des Gebens willen geschieht; und er tritt in die Arbeit ein, die „Unreinheit und Reinheit“ (Tuma und Tahara) genannt wird. Das bedeutet, dass er beginnt, an der Reinigung der Kelim (Gefäße) zu arbeiten. Und es ist unmöglich, an der Reinheit zu arbeiten, wenn man nicht zuvor weiß, was Unreinheit ist. Das heißt, es genügt nicht, was geschrieben steht, dass es die Sache der Unreinheit gibt, sondern der Mensch muss spüren, welche Verluste aus der Unreinheit entstehen, also was er dadurch verliert, dass er weiß, dass er unrein ist. Mit anderen Worten: Was würde er gewinnen, wäre er nicht unrein? Und was hat er nun verloren, da er unrein geworden ist?

Schon bevor er die Arbeit des Gebens begann, wusste er zwar, dass es die Sache von Unreinheit und Reinheit gibt, aber er wusste nicht, warum Unreinheit etwas Schlechtes und Reinheit etwas Gutes ist. Deshalb obliegt es dem Menschen, sich mit dem Erkennen des Bösen zu befassen, das heißt, sich zu bemühen, zu begreifen, dass die Sache des Verlangens, zum eigenen Nutzen zu empfangen, „Unreinheit“ genannt wird. Denn diese Unreinheit entfernt ihn von der Heiligkeit, also vom Schöpfer, wie geschrieben steht: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, der Ewige, euer Gott“, was bedeutet: „Abgesondert sollt ihr sein“ – das heißt, so wie der Schöpfer der Gebende ist, so muss der Mensch danach trachten, dass alle Taten, die er tut, auf der Ebene des Gebens sind, und das wird „Heiligkeit“ genannt. Und das Gegenteil davon wird „Unreinheit“ genannt.

Der Mensch muss den Schöpfer bitten, ihm zu helfen, das Böse zu begreifen, das im Verlangen liegt, für sich selbst zu empfangen. Der Schöpfer soll ihn den Verlust spüren lassen, den ihm das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, bringt – und ebenso, wie viel er gewinnen könnte, besäße er die Kraft des Verlangens zu geben. Ob eine Unreinheit groß oder klein ist – und ebenso, ob eine Heiligkeit groß oder klein ist –, das bemisst sich nicht an der Größe der Unreinheit oder der Heiligkeit, sondern am Maß des Schadens, den die Unreinheit bringt, und am Maß der Wichtigkeit, die die Heiligkeit bringt. Gemeint ist: wie viele Leiden er spürt, wenn er weiß, dass er unrein ist, und wie viel Genuss er spüren würde, wenn er wüsste, dass er sich in der Heiligkeit befindet.

Nach dem Gesagten lässt sich nun auslegen, was wir gefragt haben, nämlich zu dem Wort unserer Weisen: „Wer kommt, um sich zu verunreinigen, dem wird geöffnet.“ Wir fragten dazu: „Der Schöpfer hadert doch mit Seinen Geschöpfen nicht“ – warum wird ihm dann „geöffnet“, was bedeutet, dass man ihm zeigt, dass er weiter ins Innere der Unreinheit eindringen kann? Anders war es, bevor er kam, um sich zu verunreinigen: Da war der Ort der Unreinheit verschlossen. Erst zu der Zeit, da er kommt, um sich zu verunreinigen, wird ihm geöffnet. Von oben hätte man sich doch des Menschen erbarmen müssen, wie geschrieben steht: „Und Sein Erbarmen ist über all Seinen Werken.“

Die Sache von „Wer kommt, um sich zu verunreinigen“ lässt sich so auslegen, dass damit gemeint ist: der Mensch, der in die Arbeit des Gebens eintreten will. Gewiss ist es unmöglich, um des Gebens willen zu arbeiten, wenn er den Verlust der Arbeit, die um des Empfangens willen geschieht, nicht kennt. Deshalb kommt er jetzt, um das Maß des Bösen zu erkennen, das im Verlangen liegt, für sich selbst zu empfangen. Das heißt: welches Maß an Bösem im Verlangen zu empfangen liegt, das „Unreinheit“ genannt wird und das Gegenteil der Heiligkeit ist. Deshalb bittet er den Schöpfer, ihm das Maß des Bösen mitzuteilen, das im Verlangen zu empfangen liegt, das „unrein“ genannt wird, also unrein für die Seele. Bittet er den Schöpfer dann um Hilfe, kommt darauf die Antwort: „Ihm wird geöffnet“ – das Böse zu sehen, das in der Unreinheit des Verlangens zu empfangen liegt.

Es gibt zwei Arten:

1) Wer kommt, um sich zu verunreinigen.

2) Wer bereits sieht, dass er unrein ist, und mehr sehen will, als er jetzt sieht. Bittet er darum, mehr zu sehen, so gibt man ihm Hilfe von oben – so wie es hier im Sohar geschrieben steht: „Ein Mensch, der sich selbst verunreinigt, wird von oben verunreinigt.“ Das heißt: nachdem ihm geöffnet wird, sodass er sieht, dass er unrein geworden ist, und er weiter bittet, dass man ihm die Wahrheit zeige, wie weit er von der Heiligkeit entfernt ist – dann verunreinigt man ihn von oben, das heißt, er erhält Hilfe von oben, indem man ihm den Verlust zeigt, der im Verlangen liegt, für sich selbst zu empfangen. So gelangt er zum Zustand des „Erkennens des Bösen“. Dann entsteht in ihm ein Bedürfnis, das „Gefäß“ (Kli) genannt wird, dass der Schöpfer ihm helfe und ihm die Reinheit gebe, wie geschrieben steht: „Und Ich werde reines Wasser über euch sprengen.“

Damit lässt sich auslegen, was wir gefragt haben: warum der Sohar sagt: „Ein Mensch, der sich selbst verunreinigt, wird von oben verunreinigt.“ Der Schöpfer hadert doch mit Seinen Geschöpfen nicht. Die Antwort lautet: Dass man ihn von oben verunreinigt, wird „Hilfe“ genannt, das heißt, dass man ihm von oben hilft, die Wahrheit zu sehen, dass das Verlangen zu empfangen böse und unrein ist – da er jetzt um diese Hilfe bittet, nämlich die Wahrheit zu sehen, was böse ist.

Nach dem Gesagten lässt sich auslegen, was Rabbi Yizchak den Rabbi Yossi fragt, der über den Vers „Wenn ein Mann, ein Mann, für eine Seele unrein wird oder auf einem fernen Weg ist“ sagt, dass auch der ferne Weg eine Art Unreinheit ist, nur dass das, was man von oben verunreinigt, „ferner Weg“ genannt wird. Es steht doch geschrieben: „oder auf einem fernen Weg“, was bedeutet, dass es zwei Dinge sind, das heißt, dass der ferne Weg keine Art Unreinheit ist. Rabbi Yossi antwortet darauf: „Wenn es heißt »unrein für eine Seele«, so ist damit gemeint: bevor man ihn von oben verunreinigt hat. Und hier, wenn es heißt »auf einem fernen Weg«, so ist damit gemeint: nachdem man ihn von oben verunreinigt hat und er auf einen fernen Weg gefallen ist, der die Sitra Achra ist.“

Auf dem Weg der Arbeit lassen sich zwei Arten von Unreinheit unterscheiden:

1) Wer kommt, um sich zu verunreinigen – das heißt, wer kommt, um zu sehen, ob das Verlangen zu empfangen eine Art Unreinheit ist, also ob es eine Verstockung des Herzens bringt. Dann wird ihm geöffnet, das Böse zu sehen. Anders ist es, bevor der Mensch kommt, um sich zu verunreinigen, also um das Böse in sich zu sehen: Da gibt es eine Korrektur von oben, dass der Mensch nicht fähig ist, das Böse zu sehen. Denn es gibt eine Regel, dass „man dem Menschen nicht mehr Böses zeigt, als er an sich selbst zu korrigieren fähig ist“ – wie in der Körperlichkeit, wo man einem Menschen seine wahre Krankheit nicht nennt, wenn der Mensch nicht fähig ist, die Krankheit zu heilen.

Deshalb wird gerade dem geöffnet, der kommt, um sich zu verunreinigen – also dem, der die Wahrheit sehen will. Wenn der Mensch vorankommen will und betet, dass man ihm das wahre Maß des Bösen offenbare, das im Verlangen liegt, für sich selbst zu empfangen, dann gibt man ihm die Hilfe von oben, das heißt, man verunreinigt ihn von oben; mit anderen Worten, man schickt ihm von oben, zu sehen, welcher Schaden in der Unreinheit liegt. Dann beginnt er, aus tiefstem Herzen zu beten, dass der Schöpfer ihm das Verlangen zu geben anstelle des Verlangens zu empfangen gebe, das er von Natur aus hat, und dass man ihm eine zweite Natur gebe, die ein Geschenk von oben ist.

Damit lässt sich auslegen, was geschrieben steht: „Und es bedeutet, dass weder im einen noch im anderen Fall die Heiligkeit von oben auf ihm ruht und sie das Pessach nicht zu der Zeit halten, zu der Israel es hält.“ Das heißt: Sowohl wenn der Mensch sich in der ersten Art befindet, nämlich als derjenige, der kommt, um sich zu verunreinigen, als auch wenn er sich im zweiten Zustand befindet, nämlich auf einem fernen Weg, wo man ihm von oben gezeigt hat, wie weit er von der Heiligkeit entfernt ist – er kann das Pessach nicht zu der Zeit halten, zu der Israel es hält.

„Israel“ bedeutet, dass der Mensch bereits im Zustand von Yashar-El ist, was bedeutet, dass alle seine Taten direkt auf den Schöpfer gerichtet sind; das wird so angesehen, dass er sich auf der Ebene der Rechten Linie befindet, die eine Reinheit ist, also die Reinigung der Kelim (Reinheit der Gefäße), wenn alle seine Taten um des Himmels willen geschehen. Das wird die Ebene liShma genannt, wie sie sagten: „Rabbi Meir sagt: Wer die Tora liShma lernt, dem werden die Geheimnisse der Tora offenbart“; was sich so auslegen lässt: Da der Mensch der Eigenschaft „Israel“ gewürdigt wurde, ist dies die Zeit, das Pessach-Opfer darzubringen. Denn die Sache Israels ist eine Reinheit. Ist ein Mensch gereinigt, so ist die Zeit gekommen, dem Schöpfer das Opfer darzubringen, denn die Sache der Darbringung des Opfers ist eine Vollkommenheit.

So steht es im Sohar geschrieben4 folgendermaßen: „Rabbi Yehuda eröffnete und sagte: ‚Dienet dem Ewigen mit Freude.‘ Und wenn du sagen wolltest, dass die Arbeit des Opfers so beschaffen ist, so ist das nicht möglich, denn jener Mensch hat das Gebot seines Herrn übertreten, das Gebot der Tora, und kehrt nun vor seinen Herrn zurück – mit welchem Angesicht wird er vor ihm bestehen? Vielmehr: Wodurch werden sie wieder in Ordnung gebracht? Durch jene Priester und Leviten, die Freude und Gesang für ihn ergänzen.“

Er erklärt dort im Sulam, dass diese Sache in der Ordnung der drei Linien korrigiert wird. Deshalb ist anzunehmen: Wenn man vom Pessach-Opfer spricht, das die Sache des Auszugs aus Ägypten ist, muss bei uns in der Arbeit der Hinweis enthalten sein, dass man zuerst zur Reinheit gelangen muss, und danach kommt die Sache der Annäherung, und man wird der Heiligkeit gewürdigt. Doch der Mensch muss glauben, dass es, wenn er erwacht, um in die Arbeit einzutreten, von oben zu ihm kommt, das heißt, dass man ihn von oben heranführt, damit er eine Verbindung mit der Heiligkeit habe.

Gewiss muss er dem Schöpfer dafür danken, dass man ihn aus dem Zustand der Niedrigkeit herausgeführt und ihn in den Bereich der Heiligkeit erhoben hat, das heißt, dass er zu spüren begann, dass es einen höheren Ort gibt, von dem er seine Versorgung empfangen kann, sodass seine Versorgung nicht unbedingt wie die der Lebewesen ist, sondern dass er die Versorgung aus der Ebene des „Sprechenden“ (Medaber) empfangen muss. Je mehr er dankt, desto stärker wird dieses Empfinden.

Aber zugleich muss er wissen, dass man den Schöpfer bitten muss, ihn in einen höheren Zustand zu erheben, als den, in dem er sich befindet. Das heißt, dass er der „Tora“ gewürdigt wird. Das heißt, obwohl er sich vorstellt, dass der Zustand, in dem er sich befindet, sehr wichtig ist – das heißt, dass er sich keine größere Wichtigkeit in der Welt vorstellen kann –, muss er dennoch sagen: So sehr ich mir meinen Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, als sehr wichtig vorstelle, kann ich doch die wahre Wichtigkeit mir nicht vorstellen; so sehr ich mir auch einen Zustand der Gadlut (der Größe) vorstelle, muss ich dann sagen: Obwohl ich dem Schöpfer Dank sage, so weit es möglich ist, glaube ich dennoch über dem Verstand, dass es einen größeren Zustand gibt als den, in dem ich mich jetzt befinde, und ich bitte Dich, mir ein größeres Geschenk zu geben.

Damit lässt sich auslegen, was geschrieben steht5: „Ich aber werde immer hoffen“ – das heißt, dass es größere Stufen gibt, als ich mir vorstellen kann. Obwohl der Mensch wissen muss, dass der jetzige Zustand, so sehr er ihn auch für wichtig hält, in Wahrheit noch wichtiger ist, weil es nicht in der Erlangung des Menschen liegt, auch nur einen kleinen Augenblick des Spirituellen zu ermessen – glaubt er dennoch über dem Verstand, und darum bittet er.

Genau das steht geschrieben: „Ich aber werde immer hoffen.“ Das heißt, dass es in meiner Hand sein möge, mir vorzustellen, dass es mehr Gadlut gibt, als ich mir vorstellen kann. Und weiter steht geschrieben: „Und ich werde all Deinem Lobpreis hinzufügen.“ Das heißt: Obwohl ich Dich jetzt preise, bitte ich Dich dennoch, dass ich Dich mehr preisen kann, als ich fähig bin, und ich will Deinem Lobpreis hinzufügen.

Doch wenn der Mensch über seinen spirituellen Zustand Rechenschaft ablegen muss, bringt der Mensch es vor den Richter in seinem Herzen, dass dieser das Urteil fällt, ob der Mensch schuldig oder unschuldig ist. Das heißt, der Richter spricht ihn manchmal frei, aus dem Grund, dass es nicht in seiner Macht liegt, die Schulden zu bezahlen, die der Mensch geben muss. Dann braucht der Mensch Erbarmen. Das heißt, dass der Richter in seinem Herzen manchmal zu den Frevlern gehört, also zu jenen Menschen, die ihren Schöpfer schuldig sprechen und nicht sich selbst. Daraus folgt, dass diese Richter es verursachen, dass der Mensch ins Gefängnis der Verbrecher gegen den König geht, wie geschrieben steht6: „Die in Finsternis und Todesschatten sitzen, gefangen in Elend und Eisen, weil sie sich gegen die Worte Gottes auflehnten und den Rat des Höchsten verschmähten.“

Auch wenn es gute Richter geben kann, nehmen sie doch Bestechung an, das heißt, der Richter in seinem Herzen ist auf seinen eigenen Nutzen bedacht. Deshalb neigt er sich immer zum Schaden des Menschen, und der Mensch hat keinen anderen Rat, als dass er den Schöpfer um Erbarmen bittet, ihm einen wahren Richter zu geben. Der Mensch sieht, dass es keinen wahren Richter gibt außer dem Schöpfer allein. Dazu lässt sich auslegen, was König David sagte7: „Steh auf, o Gott, richte die Erde, denn Du wirst alle Völker erben“, was bedeutet, dass der Schöpfer der Richter sein wird. Und dann empfängt der Mensch die Kraft vom Schöpfer: „denn Du wirst alle Völker erben“, denn dann erbt der Mensch alle Völker, die im Herzen des Menschen sind.

Die Ordnung der Arbeit muss vor allem auf einer Sache beruhen, nämlich eine Arbeit zu verrichten, die gegen den Verstand des Menschen ist. Das heißt: Dass man dem Menschen sagt, er muss zum Nutzen des Schöpfers arbeiten und nicht zum eigenen Nutzen, das ist gegen den Verstand des Menschen. Es steht doch geschrieben: „Und er soll durch sie leben, und nicht, dass er stirbt.“ Daraus folgt, dass dies im Widerspruch zum Schöpfungsziel steht, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun.

Dies lässt sich an der Prüfung Abrahams auslegen: Einerseits sagte ihm der Schöpfer: „Denn durch Isaak wird dir Nachkommenschaft genannt werden“, und danach steht geschrieben: „Und Er sprach: Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, und bringe ihn dort als Brandopfer dar.“ Das lässt sich auf dem Weg der Arbeit auslegen. „Dein Sohn“ kommt vom Wort Bina, also Verständnis. „Dein einziger“ – das heißt das einzige Verständnis, das es im Menschen gibt, das der Mensch in Herz und Seele hütet, damit ihm kein Böses widerfahre, nämlich das Verlangen, zum eigenen Nutzen zu empfangen. „Und bringe ihn als Brandopfer dar“ – das heißt, dass er das Verlangen, zum eigenen Nutzen zu empfangen, schlachte, also es aufhebe. Er soll allein mit dem Verlangen zu geben arbeiten und nicht mit dem Verlangen zu empfangen.

Danach sagte Er: „Strecke deine Hand nicht gegen den Knaben aus“, was sich so auslegen lässt: Man soll nicht sagen, dass er das Verlangen zu empfangen annullieren soll, sondern der Mensch muss daran arbeiten, dass er das Verlangen zu empfangen um des Gebens willen gebrauchen kann. Jene Teile aber, die er nicht auf das Geben ausrichten kann, darf er nicht gebrauchen. Das lässt sich aus dem auslegen, was Er ihm sagte: „Und Abraham ging hin und nahm den Widder anstelle seines Sohnes.“ „Widder“ wird mit dem Namen Bina benannt, wie es im Sohar steht, wo er fragte: „Warum ein Widder und nicht ein Horn?“ Er antwortet, dass der Widder die Ebene Bina ist und das Horn die Ebene Malchut. Das lässt sich so auslegen: „Malchut“ wird das Verlangen zu empfangen genannt; deshalb ist es verboten, mit jenen Gefäßen des Empfangens (Kelim deKabbala), die man nicht so ausrichten kann, dass sie um des Gebens willen sind, zu arbeiten. An ihrer Stelle gebraucht man die Gefäße der Bina (Kelim deBina), die „Gefäße des Gebens“ genannt werden.

Nach dem Gesagten verstehen wir, dass das, was der Mensch spürt – dass er nicht in Ordnung ist, also dass er sündigt –, ihm nicht aus dem Grund kommt, dass er viele böse Taten getan hat. Denn es gibt eine Regel: „Hat einer übertreten und es wiederholt, so wird es ihm wie erlaubt.“ Deshalb führen viele Sünden nicht dazu, dass der Mensch seinen Mangel spürt. Vielmehr wird die Größe der Sünde danach gemessen, was der Mensch empfindet, wie sehr er spürt, dass er vom Schöpfer entfernt ist. Das heißt: In dem Maße, in dem der Mensch den Schöpfer empfindet und an Ihn glaubt, in diesem Maße spürt der Mensch, wie weit er von einem großen König entfernt ist.

Wenn der Mensch spürt, dass er sündigt, muss er wissen, dass der Schöpfer ihn ein wenig spüren ließ, dass es einen König in der Welt gibt. Dieses Empfinden, das er von oben empfangen hat, lässt ihn spüren, dass er sündigt. Anders ist es, wenn er keinerlei Verbindung mit dem Schöpfer hat: Wie kann er da spüren, dass er vor dem Schöpfer gesündigt und böse Taten getan hat, die gegen die Tora sind, wo er nicht weiß, dass es in der Welt einen Geber der Tora gibt? Vielmehr richtet sich das Empfinden der Sünde nach dem Maß seines Glaubens an die Größe des Königs; so kann der Mensch die Größe der Sünde empfinden. Die Größe der Sünde bemisst sich also an dem, gegen den man sich vergangen hat.

So sagten unsere Weisen8: „Die Sache der Beschämung richtet sich ganz nach dem, der beschämt, und dem, der beschämt wird.“ Das lässt sich so auslegen: Wenn der, der beschämt, einen Verstand hat, dann kann er wissen, dass es eine große Sünde ist, wenn man jemanden beschämt, der groß ist. Das heißt, der, der beschämt, hat den Verstand, die Größe und Wichtigkeit dessen zu ermessen, der beschämt wird. Also hat er eine große Sünde begangen.

Wenn aber der, der beschämt, keinen Verstand hat, die Wichtigkeit dessen zu ermessen, der beschämt wird, kann man von ihm nicht sagen, dass er eine große Sünde getan hat und große Sühne für den Makel braucht, mit dem er jemanden beschädigt hat. Deshalb ist die Sünde so groß wie das Maß des Empfindens der Größe des Königs. Daraus folgt: Wenn der Mensch ein Gerechter ist, das heißt, ein gewisses Verständnis von der Größe des Königs hat, dann ist sein Makel gewiss größer als der eines einfachen Menschen.

Die Wichtigkeit des Königs, die ein Mensch erfasst, bemisst sich demnach immer an seinem eigenen Empfinden. Wenn der Mensch deshalb spürt, dass er gesündigt hat, hat man ihm gewiss von oben eine gewisse Annäherung an die Heiligkeit gegeben, und deshalb spürt er, dass er gesündigt hat. So erklärte mein Vater und Lehrer den einfachen Sinn dessen, was unsere Weisen sagten: „dass der Schöpfer mit den Gerechten haargenau ins Gericht geht“, wie geschrieben steht: „Und um Ihn herum stürmt es gewaltig.“ [Im Hebräischen kommt das Wort für Haar, Se’arot, vom Wort für Sturm, Se’ara.] Er fragte: Warum gebührt ihnen mehr Strafe als anderen? Er antwortete: Wer ein Gerechter ist, der sagt, dass der Schöpfer haargenau mit ihm ins Gericht geht. Deshalb erschrecke der Mensch nicht, wenn er spürt, dass er sündigt, sondern im Gegenteil: Das ist ein Zeichen, dass man ihn von oben heranführt. Deshalb obliegt es ihm, sich zu überwinden und das Joch des Königtums des Himmels auf sich zu nehmen, und er wird Erfolg haben.

korrigiert, EY, Buchfassung, final, 16.09.2026


  1. BeHaalotcha, Blatt 22, und im Sulam [Leiterkommentar zum Sohar] Punkt 66. 

  2. Schabbat 104. 

  3. Awoda Zara 3. 

  4. WaJikra, Blatt 39, und im Sulam Punkt 109. 

  5. Psalm 71. 

  6. Psalm 107. 

  7. Psalm 82. 

  8. Bawa Kama 83.