<- Kabbala Bibliothek
Weiterlesen ->
Kabbala Bibliothek Startseite / Rabash / Artikel / 1991/05 Was bedeutet „Die guten Taten der Gerechten sind die Nachkommen“ in der Arbeit?

1991/05 Was bedeutet „Die guten Taten der Gerechten sind die Nachkommen“ in der Arbeit?

Rashi bringt die Auslegung unserer Weisen zu dem Vers „Dies sind die Nachkommen Noahs; Noah war ein gerechter Mann.“ Warum werden dort nicht die Namen der Söhne genannt – Shem, Cham und Jafet –, sondern es heißt „Dies sind die Nachkommen Noahs; Noah war ein gerechter Mann“? Das soll dich lehren, dass die Nachkommen der Gerechten in erster Linie gute Taten sind.

Hier ist zu verstehen: Wenn sie sagten, dass die Nachkommen der Gerechten gute Taten sind – ist dieses Wissen etwas, das die übrigen Menschen wissen sollen, oder etwas, das die Gerechten selbst wissen müssen? Es ist bekannt, dass wir in der Arbeit alles auf einen einzelnen Menschen beziehen. Somit betrifft auch das, was die übrigen Menschen wissen sollen – nämlich dass die Nachkommen der Gerechten gute Taten sind –, ebenso einen einzigen Körper: Der Gerechte selbst muss wissen, dass seine Nachkommen gute Taten sein müssen. Und dieses Wissen ist in Bezug auf den Gerechten selbst zu betrachten: Was fügt ihm dieses Wissen in der Arbeit hinzu?

Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst wissen, was in der Arbeit gute Taten und was schlechte Taten sind. Gute Taten bedeutet Folgendes: Es ist bekannt, dass man bei der Einhaltung von Tora und Mizwot den Aspekt der Handlung unterscheiden muss, das heißt, dass der Mensch Tora und Mizwot im Aspekt der Handlung einhält. Das bedeutet, er glaubt an den Schöpfer, hält Seine Mizwot ein und nimmt sich feste Zeiten für die Tora. Doch auf die Absicht achtet er nicht – also darauf, zu wessen Nutzen er arbeitet. Ist seine Absicht der eigene Nutzen, indem er durch das Einhalten von Tora und Mizwot Lohn empfangen will, was man Eigennutz nennt, oder arbeitet er zum Nutzen des Schöpfers, nämlich nicht, um eine Belohnung zu erhalten?

Der Unterschied zwischen beiden besteht darin: Solange der Mensch noch zu seinem eigenen Nutzen arbeitet und noch im Empfangen für sich selbst versunken ist – und über dieses Empfangen gab es einen Zimzum (Einschränkung) und eine Verhüllung –, ist er nicht fähig, das Schöpfungsziel zu empfangen, das darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu tun, also das Gute und den Genuss zu empfangen. Es zeigt sich also, dass Taten, deren Absicht der eigene Nutzen ist, schlechte Taten genannt werden, denn diese Taten entfernen ihn davon, das Gute und den Genuss zu empfangen. Es zeigt sich, dass der Mensch, wenn er Taten vollbringt, dabei gewinnen sollte – hier aber verliert er, weil er sich im Zustand der Trennung vom Schöpfer befindet.

Anders ist es, wenn der Mensch alle seine Taten zum Nutzen des Schöpfers tut, damit der Schöpfer daran Freude hat. Dann geht er den Weg, der zur Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer führt, die Angleichung der Form genannt wird. Und wenn Angleichung der Form besteht, weichen Zimzum und Verhüllung von selbst von ihm. Dann wird der Mensch des Guten und des Genusses gewürdigt, der im Schöpfungsgedanken lag, nämlich Seinen Geschöpfen Gutes zu tun. Deshalb werden die Taten, die der Mensch zum Nutzen des Schöpfers tut, gute Taten genannt, weil diese Taten den Menschen dazu bringen, das Gute zu empfangen.

Nach dem Gesagten lässt sich auslegen, dass der Gerechte wissen muss, dass die Nachkommen der Gerechten gute Taten sind. Es ist bekannt, dass die Nachkommen Früchte genannt werden, die das Ergebnis des vorherigen Zustands sind. Das nennt man Ursache und Wirkung oder Vater und Nachkomme. Es zeigt sich also: Wenn der Mensch Tora und Mizwot einhält und ein Gerechter sein will – wie kann er wissen, ob er gerecht ist oder nicht? Wie unsere Weisen sagten (Berachot 61): „Rabba sagte: Ein Mensch erkenne in seiner Seele, ob er gerecht oder böse ist.“ Doch wie kann er das wissen?

Deshalb sagten sie: „Die Nachkommen der Gerechten sind gute Taten.“ Wenn der Mensch sieht, dass das Befassen mit Tora und Mizwot ihm gute Taten hervorbringt – das heißt, dass die Tora und die Mizwot, die er tut, ihn danach dazu bringen, alles um zu geben zu tun, wie oben gesagt, also zum Nutzen des Schöpfers –, dann ist das ein Zeichen, dass er ein Gerechter ist.

Wenn aber die Tora und die Mizwot, die er tut, ihn nicht dazu bringen, dass danach Nachkommen guter Taten geboren werden, sondern schlechte Taten – das heißt, dass er nur zu seinem eigenen Nutzen arbeitet und nicht dahin gelangt, gute Taten zu tun, die zum Nutzen des Schöpfers sind –, dann fällt er nicht in die Kategorie des Gerechten, obwohl er Tora und Mizwot in all ihren Einzelheiten und Genauigkeiten einhält. Doch das gilt nur auf dem Weg der Arbeit. Im Aspekt der Allgemeinheit hingegen wird jemand, der Tora und Mizwot in allen Genauigkeiten einhält, sehr wohl als gerecht bezeichnet.

Zu dem Vers „Noah war ein gerechter, untadeliger Mann in seinen Generationen“ bringt Rashi die Auslegung unserer Weisen: „Manche legen es zum Lob aus, und manche legen es zum Tadel aus.“ Hier ist auszulegen, warum sie es zum Lob auslegen und warum sie es zum Tadel auslegen – das heißt, worin die Wahrheit liegt.

Wenn man in der Arbeit alles auf einen einzelnen Menschen bezieht, dann sind auch mit den Generationen nicht mehrere Körper gemeint, sondern ein Körper zu verschiedenen Zeiten. Was ist also die Auslegung von Lob und Tadel? In der „Einführung in das Buch Sohar“ (Seite 140, und im Sulam (Leiter-Kommentar) Punkt 140) heißt es dort mit folgenden Worten: „‚Tag für Tag sprudelt die Rede hervor, und Nacht für Nacht offenbart sich der Verstand.‘ Die Führung von Gut und Böse verursacht uns oft Aufstiege und Abstiege. Und wisse, dass deshalb jeder Aufstieg als ein Tag für sich gilt; denn wegen des großen Abstiegs, den er in der Zwischenzeit hatte, als er über das Frühere nachsann, ist er im Augenblick des Aufstiegs wie ein neugeborenes Kind. Deshalb gilt jeder Aufstieg als ein besonderer Tag, und ebenso gilt jeder Abstieg als eine besondere Nacht. Denn am Ende der Korrektur werden sie der Umkehr (Teshuwa) aus Liebe gewürdigt, weil sie die Korrektur der Gefäße des Empfangens abschließen, sodass sie nur noch um zu geben sind, um dem Schöpfer, gepriesen sei Er, Wohlgefallen zu bereiten. Und alles Gute und der große Genuss des Schöpfungsgedankens werden uns offenbart. Dann werden wir deutlich sehen, dass alle Strafen, die in den Tagen des Abstiegs waren – dass sich diese Vergehen tatsächlich in Verdienste verwandeln. Und das ist ‚Tag für Tag sprudelt die Rede hervor.‘“

Nach dem Gesagten lässt sich „Noah war ein gerechter, untadeliger Mann in seinen Generationen“ so auslegen, dass es hier sowohl zum Lob als auch zum Tadel auszulegen ist, und beides ist wahr. Das heißt: Wenn „in seinen Generationen“ im Plural geschrieben steht, deutet das darauf hin, dass die Generation sich in mehrere Abschnitte teilt. Deshalb gibt es viele Generationen. Und das ist möglich, weil er während der Zeit der Arbeit Abstiege und Aufstiege hatte. Deshalb teilten sie sich in mehrere Generationen auf.

Es zeigt sich also, dass die Zeit des Abstiegs als Tadel bezeichnet wird, wie es im Sulam heißt, dass man manchmal in den Zustand des „Nachsinnens über das Frühere“ gerät, und es gibt keinen größeren Tadel als diesen. Es zeigt sich, dass manche es zum Tadel auslegen, nämlich in Bezug auf die Abstiege. Und ebenso legen es manche zum Lob aus, nämlich die Zeit der Aufstiege, denn das ist ein Lob, weil er dann eine Verbindung mit der Heiligkeit (Kedusha) hat.

Und „untadelig“ bedeutet, dass alle Generationen zum Aspekt der Vollkommenheit geworden sind, der „untadelig“ genannt wird. Das heißt, dass er des Aspekts des Endes der Korrektur (Gmar Tikun) gewürdigt wurde, also, wie oben gesagt, dass sie die Korrektur des Gefäßes des Empfangens abschlossen, um um zu geben zu empfangen. Es zeigt sich also, dass die ganze Vielzahl der Generationen, zwischen denen es Unterbrechungen gab – nämlich Abstiege, wie oben –, eine Korrektur erhielten und untadelig in seinen Generationen wurden. Und das ist der Sinn dessen, dass man es zum Lob auslegt, und der Sinn dessen, dass man es zum Tadel auslegt, und beides ist wahr, und aus beidem wird eine Sache, die „untadelig in seinen Generationen“ heißt.

In der Regel jedoch haben jene, die sich mit Tora und Mizwot im Aspekt der Handlung befassen, nicht in dem Maße Aufstiege und Abstiege, dass sie in den Zustand des Nachsinnens über das Frühere geraten könnten, und zwar deshalb, weil der Körper sich der Arbeit nicht so sehr widersetzt, solange sie das Verlangen zu empfangen nicht antasten wollen. Deshalb halten diese Menschen sich für vollkommen. Und wenn sie in die Tora blicken, sehen sie sich selbst als, gelobt sei der Schöpfer, nicht schlecht; mehr oder weniger sind sie in Ordnung.

Und das nennt man „das Auge dem Gesicht der Tora zuwenden“, das heißt, hier sind zwei Aspekte zu unterscheiden:

1. Der Engherzige wendet der Tora sein Gesicht zu, das heißt, er legt die Tora auf die Weise eines Engherzigen aus, der „eng an Chassadim (Gnaden)“ genannt wird. Mit anderen Worten: Über den eigenen Nutzen hinaus versteht er überhaupt nicht, wie es so etwas geben kann. Deshalb legt er die Tora so aus, dass seinem Eigennutz kein Schaden zustößt. Und das geschieht auf die Weise, wie unsere Weisen sagten (Awoda Sara 19): „Ein Mensch lernt nur an dem Ort, den sein Herz begehrt.“ Das heißt: Ist er engherzig, dann ist die Zuwendung des Auges zum Gesicht der Tora so, dass daraus Selbstliebe erwächst.

2. Es gibt den Aspekt des gesegneten Auges, wie geschrieben steht: „Wer ein gutes Auge hat, wird gesegnet.“ Das bedeutet: Wer ein gutes Auge hat – das heißt, wer gerne gibt, was das Gegenteil des Engherzigen ist –, der will um zu geben arbeiten. Wenn er deshalb in die Tora blickt, sieht er, dass der Mensch an allen Stellen der Tora um zu geben arbeiten muss. Das nennt man, dass er von dem Ort lernte, an dem er ist. Das heißt, er sieht, dass man nur um zu geben arbeiten muss. Es zeigt sich also, dass der mit dem guten Auge der Segnungen gewürdigt wird, die als Aspekt der Gnade (Chessed) bezeichnet werden, indem er des Aspekts der Anhaftung gewürdigt wird. Und dadurch wird er danach des Aspekts des Guten und des Genusses gewürdigt, der im Schöpfungsgedanken lag.

Es zeigt sich also, dass der Mensch Arbeit leisten muss, um das Bedürfnis zu erlangen, dass der Schöpfer ihm hilft und ihm die zweite Natur gibt, die Verlangen zu geben genannt wird. Doch jeder Mensch will zuerst den Lohn und kann erst danach Arbeit leisten. Das heißt, jeder Mensch will, dass ihm zuerst das Verlangen zu geben gegeben wird, obwohl er noch nicht versteht, dass er dieses Verlangen braucht. Aber er hat gehört, dass der Lohn, den man für die Arbeit empfängt, darin besteht, dass man ihm vom Himmel das Verlangen zu geben gibt. Deshalb will er, dass man ihm dieses Verlangen gibt. Und seine ganze Absicht ist es, nicht arbeiten zu müssen, um es zu erlangen.

Doch es gibt kein Licht ohne ein Gefäß (Kli). Das heißt, der Mensch muss zuerst Mühe aufbringen, damit er Verlangen und Bedürfnis danach hat, und zwar deshalb, weil es keine Füllung ohne Mangel gibt. Deshalb muss der Mensch immer wieder Abstiege empfangen, denn durch die Abstiege empfängt er das Bedürfnis, dass der Schöpfer ihm hilft und ihm die Kraft gibt, sodass er die Kraft hat, das Verlangen zu empfangen in ihm zu besiegen, und des Aspekts des Verlangens zu geben gewürdigt wird.

Und deshalb bitten wir den Schöpfer, uns das Verlangen zu geben zu schenken, damit wir Anhaftung an den Schöpfer haben, während wir unsererseits nicht die Fähigkeit haben, unser Verlangen zu empfangen zu überwinden und es zu unterwerfen, sodass es sich selbst aufgibt und seinen Platz räumt, damit das Verlangen zu geben den Körper beherrscht.

Die Ordnung des Gebets ist, wie geschrieben steht: „Unser Vater, unser König, handle um Deinetwillen, wenn nicht um unseretwillen.“ Diese Formulierung ist auf den ersten Blick schwer zu verstehen. Denn nach dem Lauf der Welt sagt man, wenn man einen Menschen um einen Gefallen bittet: Tu mir einen Gefallen um deinetwillen, also zu deinem Vorteil. Und wenn du mir keinen Gefallen tun willst, weil es zu deinem Vorteil wäre, dann tu es nur zu meinem Nutzen.

Doch sicherlich, wenn er ihm nichts Gutes tun will, obwohl es auch zu seinem eigenen Vorteil wäre, und er es trotzdem nicht will, dann wird er ihm gewiss erst recht keinen Gefallen tun, wenn ihm daraus überhaupt kein Vorteil erwächst. Was bedeutet also „handle um Deinetwillen“, und wenn nicht, das heißt: wenn nicht um Deinetwillen, dann „handle um unseretwillen“, das heißt nur zu unserem Vorteil? Ist das möglich?

Vielmehr ist es wie oben auszulegen: Wir sagen „Unser Vater, unser König, handle um Deinetwillen.“ Wir bitten, dass der Schöpfer uns die Kraft gibt, damit wir alle unsere Taten für Dich tun können, das heißt zum Nutzen des Schöpfers. Wenn nicht, das heißt: Wenn Du uns nicht hilfst, dann werden alle unsere Taten nur zu unserem eigenen Nutzen sein. Und das ist die Auslegung von „wenn nicht“, das heißt: Wenn Du uns nicht hilfst, werden alle unsere Taten nur um unseretwillen sein, zu unserem eigenen Nutzen, denn wir haben nicht die Kraft, unser Verlangen zu empfangen zu überwinden. Deshalb hilf uns, damit wir für Dich arbeiten können. Deshalb musst Du uns helfen. Und das nennt man „handle um Deinetwillen“, das heißt, dass Du dieses Tun vollbringst, indem Du uns die Kraft des Verlangens zu geben gibst. Andernfalls, das heißt: wenn nicht, sind wir verloren. Das bedeutet, dass wir im Verlangen zu empfangen zu unserem eigenen Nutzen verbleiben.

Der Mensch muss jedoch wissen, dass es kein Licht ohne ein Gefäß gibt und keine Füllung ohne Mangel. Deshalb muss der Mensch zuerst spüren, dass ihm das Verlangen zu geben fehlt. Das heißt, dass er das Verlangen zu geben nicht als etwas Überflüssiges betrachten darf – als wäre er in Wahrheit in Ordnung und ihm fehle nur, etwas vollständiger zu sein. Man muss wissen, dass dies in Bezug auf das Spirituelle nicht als Mangel gilt. Denn im Spirituellen muss jede Sache vollständig sein. Das bedeutet: vollständiges Licht, vollständiger Mangel. Etwas Überflüssiges hingegen gilt nicht als vollständiger Mangel. Und folglich kann kein vollständiges Licht eintreten.

Deshalb wird das Licht, das bedeutet, dass der Schöpfer dem Menschen das Verlangen zu geben gibt, Licht der Umkehr (Or haTeshuwa) genannt.

Denn bevor der Mensch das Verlangen zu geben empfängt, liegt er unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen, das der Gegensatz zur Heiligkeit ist, die Verlangen zu geben genannt wird, denn das Verlangen zu empfangen gehört zu den Schalen (Klipot). Deshalb sagten unsere Weisen: „Die Bösen werden zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt.“

Und so heißt es im Talmud Esser haSefirot (Seite 18, Punkt 17), und das sind seine Worte: „Und deshalb werden die Klipot (Schalen) ‚tot‘ genannt, denn da ihre Form dem Leben des Lebens entgegengesetzt ist, sind sie von Ihm abgeschnitten, und es ist nichts von Seiner Fülle in ihnen. Und deshalb ist auch der Körper, der sich durch die Hefe der Klipot nährt, ebenfalls vom Leben des Lebens abgeschnitten. Und all dies liegt am Verlangen, nur zu empfangen, und deshalb werden die Bösen zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt.“

Nach dem Gesagten kann der Mensch das Verlangen zu geben, das der Schöpfer ihm geben will, nicht empfangen, bevor er einen vollständigen Mangel hat, das heißt, dass er spürt, dass er ein Böser ist, weil er unter der Herrschaft des Verlangens zu empfangen liegt und vom Schöpfer getrennt ist. Und er will Umkehr (Teshuwa) tun, das heißt zurückkehren und sich an den Schöpfer anhaften, damit er nicht getrennt ist, denn die Trennung bewirkt den Aspekt des Todes, wie oben: „dass die Bösen zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt werden.“

Es zeigt sich also: Wenn der Mensch sich nicht als Böser empfindet, hat er keinen vollständigen Mangel, sodass der Schöpfer ihm die Hilfe gibt, das heißt die Kraft des Verlangens zu geben, die mein Vater und Lehrer „zweite Natur“ nennt. Deshalb lässt sich im Aspekt der Arbeit nicht sagen, dass jemand umkehrt, bevor er nicht zuerst spürt, dass er ein Böser ist.

Und danach bittet er den Schöpfer, ihm zu helfen, weil er umkehren will. Und er sieht, dass er nicht die Kraft hat, ohne die Hilfe des Schöpfers Umkehr zu tun. Deshalb ist er in einem solchen Zustand, wenn er einen vollständigen Mangel hat, der vollständiges Gefäß genannt wird, geeignet, die vollständige Hilfe vom Schöpfer zu empfangen, nämlich das Verlangen zu geben.

Unsere Weisen sagten jedoch: „Ein Mensch betrachtet sich nicht selbst als böse“ (Ketubot 18). Der Grund dafür ist, dass in der spirituellen Arbeit der Grundsatz unserer Weisen gilt: „Wer eine Übertretung begeht und sie wiederholt, dem erscheint sie wie etwas Erlaubtes.“ Daher hält sich ein Mensch nicht selbst für böse und kann nicht sagen, er habe ein vollständiges Gefäß – das heißt, er sei tatsächlich so weit vom Schöpfer entfernt, dass er sich wie tot empfindet. Das heißt, der Sinn von „Die Bösen werden zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt“ ist so auszulegen: Wann kann der Mensch sagen, dass er sich vor dem Schöpfer als Böser empfindet? Man kann sagen: in dem Augenblick, in dem er sich wie tot empfindet. Das bedeutet, dass er sieht, dass er keinerlei Lebenskraft der Heiligkeit hat – dann empfindet er sich als Böser.

Woher also nimmt der Mensch dieses Empfinden? Und die Antwort ist, wie wir in den vorigen Artikeln sagten, dass dieses Wissen und dieses Empfinden von oben kommen, wie es im Sohar zu dem Vers „oder ihm seine Sünde, die er begangen hat, kundgetan wird“ heißt. Und er fragt: Wer hat es kundgetan? Und er antwortet: Der Schöpfer hat es ihm kundgetan. Es zeigt sich also, dass auch dieses Wissen und dieses Empfinden, dass er gesündigt hat, ebenfalls von oben kommen. Das heißt, sowohl der Mangel als auch die Füllung, also sowohl das Licht als auch das Gefäß, kommen von oben.

Aber es ist bekannt, dass jede Sache ein Erwachen von unten (Itaruta deLetata) erfordert. Die Antwort ist, dass der Mensch zuerst gute Taten tun muss. Das heißt, die Ordnung der Arbeit beginnt damit, dass der Mensch gute Taten tun will, was man so nennt, dass er Taten zum Nutzen des Schöpfers tun will, was um des Himmels willen genannt wird. Und dann, dadurch, dass er sich dem Schöpfer nähern will und denkt, dass ihm nur ein wenig Vollkommenheit fehle, er aber in Wahrheit in Ordnung sei – weil man aber von oben sieht, dass er sich dem Schöpfer nähern will, beginnt man, ihm jedes Mal den Mangel zu geben, der in ihm ist: dass er ganz und gar vom Schöpfer entfernt ist.

Und das ist nicht so, wie er zuvor dachte, dass ihm ein wenig Vollkommenheit fehle, sondern von oben offenbart man ihm, wie weit er in der Ungleichheit der Form vom Schöpfer entfernt ist, bis der Mensch sich vor dem Schöpfer als Böser empfindet und es nicht in seiner Macht steht, irgendetwas zu tun, um seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten.

Und dann gelangt er zur Stufe des Bösen, und dann sieht er, dass er keinerlei Lebenskraft der Heiligkeit hat, sondern wirklich tot ist. Und dann hat er einen vollständigen Mangel, der vollständiges Gefäß genannt wird. Und dann gibt es Raum dafür, dass der Schöpfer ihm ein vollständiges Licht gibt, das heißt vollständige Hilfe, nämlich das Verlangen zu geben. Und das nennt man, dass er dann ein „Umkehrender“ wird.

Doch man muss wissen, dass in der Ordnung der Arbeit zu unterscheiden ist: Vor uns liegt der Aspekt des Glaubens, der ein Aspekt über dem Verstand ist und „Gesetz“ (Chok) genannt wird, und es gibt den Aspekt der Tora, der „Urteil“ (Mishpat) genannt wird. Und mein Vater und Lehrer sagte, dass „‚Gesetz‘ den Glauben über dem Verstand bezeichnet und ‚Urteil‘ den Aspekt der Tora“, wo es eben innerhalb des Verstandes ist. Und er sagte: „Wer das Gebot des Gebieters nicht kennt, wie kann er Ihm dienen?“ Deshalb muss der Mensch sich bemühen, die Worte der Tora zu verstehen, die als Aspekt des Urteils bezeichnet werden.

Und damit lässt sich auslegen, was geschrieben steht (1. Mose 4): „Und Lemech nahm sich zwei Frauen; der Name der einen war Ada, und der Name der zweiten Zilla.“ Und hier ist zu verstehen: Was will uns das in der Arbeit lehren – wie viele Frauen er hatte und auch ihre Namen zu kennen? Und die Sache ist: „Lemech“ besteht aus denselben Buchstaben wie „Melech“ (König), was uns andeutet, dass der Mensch gute Zerufim (Buchstabenverbindungen) bilden muss; die Absicht ist, dass er gewürdigt wird zu spüren, dass es einen König der Welt gibt, und es ist für den Menschen ein großes Verdienst, wenn er dem König der Welt dient.

Und die Sache mit den Frauen ist der Aspekt der Helferin, wie geschrieben steht: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“ – mit der Frau ist die Helferin gemeint. Das bedeutet: In dem Aspekt, in dem sie ihm hilft, wird sie Frau genannt, das heißt, dass sie ihm die Arbeit vervollständigt, indem er sich ihres Aspekts bedient. Deshalb gilt, dass sie ihm hilft, seine Vollkommenheit zu erlangen.

Und man muss wissen, dass die Vollkommenheit der Arbeit in zwei Aspekten besteht:

1. der Aspekt der Mizwa,

2. der Aspekt der Tora.

Und es ist bekannt, dass die Mizwa als Aspekt des Glaubens über dem Verstand bezeichnet wird. Und der Verstand wird als Aspekt der Sonne bezeichnet, wie geschrieben steht: „Wenn dir die Sache klar ist wie der Tag.“ Es zeigt sich also, dass das, was über dem Verstand ist, das Gegenteil der Sonne genannt wird. Und das wird Aspekt des Schattens genannt. Und damit lässt sich auslegen: Wenn der Mensch spüren will, dass es einen König gibt, muss er den Aspekt des Schattens nehmen, nämlich den Glauben über dem Verstand; das ist die Bedeutung von „und der Name der einen war Zilla (Schatten)“. Das heißt, dass er Hilfe empfängt, um durch den Glauben gewürdigt zu werden, dem König zu dienen. Doch das gilt noch nicht als Aspekt der Vollkommenheit. Denn der Schatten über der Sonne, also das, was über dem Verstand ist und über dem Glauben sein soll, das gilt noch nicht als Vollkommenheit der Arbeit.

Und man bedarf ebenso des Aspekts der Tora, der als Aspekt des Urteils bezeichnet wird, und des Wissens; denn was man nicht versteht, fällt nicht in die Kategorie der Tora, sondern in die Kategorie des Glaubens. Die Tora hingegen wird als Aspekt des Zeugnisses bezeichnet. Bekanntlich gibt es kein Zeugnis vom Hörensagen, sondern nur aus dem Aspekt des Sehens, denn das Sehen wird Wissen genannt.

Und das ist es, was geschrieben steht: „und der Name der einen war Ada“ – das ist vom Wort Zeugnis (Edut) abgeleitet, denn der Mensch muss Hilfe aus dem Aspekt der Helferin empfangen, die Frau genannt wird, die ihm aus dem Aspekt der Tora hilft, der ein Aspekt des Lichts und nicht des Schattens ist. Und gerade wenn er den Aspekt der Tora und der Mizwa hat, dann wird er der vollkommene Mensch genannt.

Ada = Zeuge (Ed) des Schöpfers, über den Schöpfer – das ist die Tora, die Zeugnis genannt wird.

Zilla = Schatten (Zel) des Schöpfers, das ist ein Schatten über dem Schöpfer, nämlich der Glaube.

korrOp, EY, 26.07.2026, 22:08 Uhr, Ver4