1990/28 Was bedeutet „Warne die Großen vor den Kleinen“ in der Arbeit?
Unsere Weisen sagten (Jewamot 114a): „‚Sprich, und sage‘ – um die Großen vor den Kleinen zu warnen.“ Und Rashi erklärte mit seinen Worten: „‚Sprich zu den Priestern, den Söhnen Aarons‘ und ‚sage‘ – diese beiden Aussprüche; wozu? Um die Großen vor den Kleinen zu warnen, damit sie sich nicht verunreinigen.“
Man muss verstehen, was das Neue an „die Großen vor den Kleinen warnen“ ist, wenn man vom Weg der Arbeit spricht – denn dort spricht man von allem als von einem einzigen Körper. Worauf also deutet uns dieses „die Großen vor den Kleinen warnen“? Das heißt: Wer ist „der Kleine“, wenn man es als einen einzigen Körper auffasst? Und wer ist „der Große“? Was will man uns sagen, wenn man sagt, dass man „die Großen“ vor „den Kleinen“ warnen muss?
Es ist bekannt, dass die Mühe und Arbeit, die wir in Tora und Mizwot aufbringen müssen, daher rührt, dass wir mit der Natur eines Verlangens geboren wurden, für uns selbst zu empfangen. Bei allem, was wir tun und woran das Verlangen zu empfangen Genuss findet, kann man deshalb nicht von Mühe sprechen. So sehen wir es in unserer Welt: Niemand klagt je, wenn er hungrig ist und eine Mahlzeit vor sich hat, deren Duft ihm in die Nase steigt, und sagt, er gehe nun schwere Arbeit und große Mühe verrichten, weil er jetzt essen wird. Denn wo Genuss und Vergnügen sind, kann man nicht von Arbeit und Mühe sprechen.
Demnach muss man verstehen: Die Tora wird doch „unser Leben und die Länge unserer Tage“ genannt. Warum sagt man dann, dass der Mensch sich in der Tora abmühen muss? Gibt es denn jemanden, der nicht leben und das Leben genießen will – wie geschrieben steht: „begehrenswerter als Gold und als feinstes Gold, süßer als Honig und als Wabenseim“? Warum also wird das Einhalten von Tora und Mizwot „Mühe“ genannt?
Die Antwort ist: Wäre der Genuss von Tora und Mizwot jedem Auge offenbar, würde gewiss die ganze Welt Tora und Mizwot einhalten. So steht es in der „Einführung zum Studium der Zehn Sefirot“ (Punkt 43): „Nehmen wir zum Beispiel an, der Schöpfer ginge mit Seinen Geschöpfen in offenbarer Vorsehung um – so etwa, dass jeder, der etwas Verbotenes isst, sofort auf der Stelle erstickte, und jeder, der eine Mizwa erfüllt, darin das wunderbare Vergnügen fände, das den allerköstlichsten Genüssen dieser körperlichen Welt gleicht. Denn welcher Narr dächte dann auch nur daran, den Geschmack des Verbotenen zu kosten, da er wüsste, dass er dadurch sofort sein Leben verlöre – so wie niemand daran denkt, ins Feuer zu springen? Und welcher Narr ließe eine Mizwa ungetan, ohne sie sofort mit allem Eifer zu erfüllen – so wie keiner sich von einem großen körperlichen Genuss, der ihm in die Hände fällt, abwenden oder zögern kann, ohne ihn sofort zu empfangen? Läge also offenbare Vorsehung vor uns, so wären alle, die in die Welt kommen, vollkommen Gerechte.“
Demnach ist zu fragen: Warum haben wir keine offenbare Vorsehung, sondern müssen an Lohn und Strafe glauben? Wäre es nicht besser, wenn alles offenbar wäre? Die Antwort ist: Weil wir die Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer erreichen müssen, also die Angleichung der Form, müssen wir alles um des Himmels willen tun – das heißt, um unserem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Wären Lohn und Strafe von Tora und Mizwot offenbar, gäbe es keine Möglichkeit, um des Himmels willen zu handeln, weil der Genuss den Menschen zwingen würde, Tora und Mizwot einzuhalten.
Und wir sehen: Obwohl der Genuss, der im Körperlichen offenbar ist, im Vergleich zum Genuss in Tora und Mizwot nur ein Genuss von der Art eines „winzigen Lichts“ (Nehiru Dakik) ist, fällt es dem Menschen dennoch schwer zu sagen, dass alles, was er tut, dem Geben dient. Sonst würde er auf die körperlichen Genüsse verzichten, wenn er die Absicht zu geben nicht auf den Schöpfer ausrichten könnte.
Bei den großen Genüssen also, die in Tora und Mizwot liegen, gäbe es gewiss gar keine Möglichkeit, dass er sagen könnte, er verzichte auf sie, falls er die Absicht zu geben nicht herstellen kann. Deshalb wurde diese Korrektur eingerichtet: Bevor der Mensch über die kleinen Genüsse in den körperlichen Dingen sagen kann, dass er sie nur unter der Bedingung annimmt, die Absicht zu geben herstellen zu können, steht er unter Zimzum (Einschränkung) und Verhüllung, sodass er keinerlei Genuss sieht. Er muss nur glauben, dass es so ist – das heißt, der Mensch muss glauben, dass der Schöpfer alle Geschöpfe mit einer Vorsehung des Guten, der Gutes tut, lenkt.
So steht es in einem Artikel (Shamati, aus dem Jahr 1943): „Der Mensch muss sich vorstellen, als hätte er bereits vollkommenen Glauben an den Schöpfer erlangt und als spürte er bereits in seinen Gliedern, dass der Schöpfer die ganze Welt in der Eigenschaft des Guten, der Gutes tut, lenkt – das heißt, dass die ganze Welt von Ihm, gepriesen sei Er, nur Gutes empfängt.“
Aus dem Gesagten ergibt sich: Wenn der Mensch sich mit dem Glauben an den Schöpfer beschäftigt, soll er sich eine bestimmte Zeit nehmen und sich vorstellen, wie er sich fühlen würde, wenn er die Nähe des Schöpfers erlangte und mit eigenen Augen das Gute und das Vergnügen sähe, das sich auf ihn und alle Geschöpfe erstreckt – in welch gehobener Stimmung er dann wäre und wie froh und glücklich er wäre.
Diese Vorstellung braucht eine Fortsetzung: dass auch sein Glaube dem Wissen und Sehen gleicht. Das heißt, das Maß des Glaubens soll dem Sehen und Wissen gleichen. Und das ist eine große Arbeit, weil es der Weg der Wahrheit ist. So steht es geschrieben: „Wahrheit und Glaube“. Das bedeutet: Sein Glaube soll auf dem Weg der Wahrheit sein – und das ist eben diese Vorstellung, dass er an die Größe des Glaubens in solchem Maße glauben muss, als sähe er es, sodass er gleichsam mit eigenen Augen glaubt.
Das heißt: In demselben Maß an Begeisterung, das er hätte, wenn er sähe, soll er auch dann Begeisterung empfangen, wenn er nicht sieht, sondern nur glaubt, dass es so ist. Deshalb nennt man dies „Glaube auf dem Weg der Wahrheit“. Das heißt, sein Glaube ist wahrhaftig ein Glaube, als wäre er Wissen. Und das nennt man „Glaube der Wahrheit“, wie geschrieben steht: „Wahrheit und Glaube“.
Da die ganze Grundlage auf dem Fundament des Glaubens errichtet sein soll, uns aber zugleich Verstand und Erkenntnis gegeben wurden, um jede Sache mit unserem Verstand zu begreifen, ergibt sich, dass der Glaube gegen unsere Natur ist: Denn es ist uns gegeben, dem Verstand zu folgen und nicht töricht zu sein und etwas ohne Verstand zu tun. So lehrt man den Menschen einerseits, den Wegen des Verstandes zu folgen und sich auch im Umgang mit dem Mitmenschen so zu verhalten.
Und wenn der Mensch beginnt, Tora und Mizwot einzuhalten, sagt man ihm: Obwohl der Mensch dem Verstand folgen soll, ist uns im Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfer dennoch der Glaube gegeben. Wir müssen am Glauben an die Weisen (Emunat Chachamim) festhalten und diesen Weg gehen, auch wenn er dem Verstand widerspricht – wie geschrieben steht: „Und sie glaubten an den Schöpfer und an Moses, Seinen Knecht.“ Das heißt, wir müssen glauben, was die Weisen uns gesagt haben, und nicht auf unseren Verstand schauen.
Doch weil dies unserem Verstand widerspricht, haben wir Aufstiege und Abstiege. Das heißt, manchmal können wir den Worten der Weisen glauben und uns die Vorstellung von „Wahrheit und Glaube“ wie oben vor Augen führen, bei der sein Glaube wahrhaftig ein Glaube ist. Das heißt, es ist dort kein Verstand im Spiel, sondern alles steht gegen unsere Erkenntnis, gegen das, was wir verstehen. Deshalb nennt man dies „Glaube der Wahrheit“ oder „einfacher Glaube“, denn es gibt dort nichts zu verstehen, sondern alles ist oberhalb der Erkenntnis.
Deshalb steht es nicht in der Macht des Menschen, immer auf einer Stufe zu bleiben; vielmehr steigt er auf und ab. So sagte mein Vater und Lehrer (Baal HaSulam): Warum wird die Annahme des Jochs des Himmelreichs „Glaube“ (Emuna) genannt? Weil es vom Wort Oman (Erzieher), Omenet (Erzieherin) kommt – wie eine Erzieherin, die das Kind nach und nach großzieht, bis sie es aufgezogen hat. Wenn man also auf der Grundlage des Glaubens arbeitet, herrscht, bis man den Glauben in Beständigkeit erlangt, ein „teilweiser Glaube“.
Deshalb gibt es während der Arbeit Aufstiege und Abstiege. Das heißt, manchmal kann sich der Mensch die Größe und Bedeutung von Tora und Mizwot vorstellen, ebenso die Größe und Bedeutung dessen, der die Tora gibt. Wenn er sich die Größe und Bedeutung dessen, der die Tora gibt, vorstellen kann, dann fühlt der Mensch, dass er sich in einem Zustand des Aufstiegs befindet. Er fühlt, dass er über der körperlichen Welt steht. Und er blickt auf jene Menschen, die den körperlichen Dingen nachlaufen, wie Vieh und Tiere, denen die Nahrung genügt, die für die tierische Stufe (Chai) ausreicht. Er aber fühlt, dass er keine Nahrung empfangen kann, die ihm Befriedigung im Leben gibt, außer dem, was der „sprechenden“ Stufe (Medaber) entspricht.
Wie in den Einführungen angeführt wird, besteht der ganze Vorzug der „sprechenden“ Stufe im Menschen darin, dass er fähig ist, die Empfindung des Göttlichen zu empfangen; und das gilt nicht für die tierische Stufe. Doch danach steigt er wieder von seinem Zustand herab und fällt in die Herrschaft der Vielen. Das heißt, er befindet sich nun in seiner eigenen Herrschaft und nicht mehr wie zuvor. Während des Aufstiegs nämlich spürt er, dass es in der Welt nichts gibt außer der Herrschaft des Schöpfers, und er selbst zählt überhaupt nicht, weil er sich vor Ihm, gepriesen sei Er, ohne jede Bedingung annullieren will; deshalb befindet sich der Mensch während des Aufstiegs in der Herrschaft des Einzelnen. Während des Abstiegs aber befindet er sich in der Herrschaft der Vielen – das heißt, er hat dann bereits zwei Herrschaften.
Doch manchmal fällt der Mensch in einen Zustand, der noch schlimmer ist als zwei Herrschaften. Denn wenn der Mensch sagt, es gebe zwei Herrschaften, glaubt er wenigstens, dass es einen Schöpfer der Welt gibt, der die eine Herrschaft ist. Das heißt, der Schöpfer ist der Hausherr und tut, was Er will. Nur gibt es noch eine weitere Herrschaft, nämlich dass auch der Mensch Hausherr ist und in der Welt ebenfalls tut, was er will. Und der Mensch will dann, dass der Schöpfer ihm nach seinem Willen diene – das heißt, der Schöpfer solle ihm zur Verfügung stehen und ihm auf seinen Befehl hin dienen.
Doch schlimmer noch ist es, wenn er, Gott behüte, überhaupt nicht glaubt, dass es einen Schöpfer und Lenker der Welt gibt. Dann hat dieser Mensch nichts mehr als die eigene Herrschaft des Einzelnen über sich selbst. Vielmehr sieht der Mensch, dass viele Menschen diese Ansicht haben und alle sagen, sie seien Hausherren über sich selbst. Das heißt, jeder tut, was er braucht, und was die anderen angeht, kümmert es ihn nicht. Denn wenn der Mensch doch einmal etwas zum Wohl des anderen tut, geschieht es, weil er erwartet, dass sein Mitmensch ihm etwas als Gegenleistung erstattet und dass er nicht undankbar sei.
So steht es im heiligen Sohar und wird im Vorwort (Pticha, Punkt 57) zum Vers „Doch die Güte der Völker ist Sünde“ angeführt: „Denn alles, was sie tun, tun sie für sich selbst.“ Das heißt, sie werden gewiss etwas als Gegenleistung für die Wohltat empfangen. Und dann bedeutet „Herrschaft der Vielen“ eben: viele Einzelne.
Es zeigt sich, dass dies nicht „zwei Herrschaften“ genannt wird, also die Herrschaft des Schöpfers und die Herrschaft des Menschen. Im ersten Fall glaubt der Mensch noch an die Herrschaft des Schöpfers. Wenn der Mensch dagegen in die Herrschaft der Vielen, der vielen Einzelnen, fällt, bezieht er den Schöpfer überhaupt nicht mit ein. Und das ist gewiss der schlimmste Zustand.
Aus dem Gesagten ergibt sich: Bevor der Mensch den Glauben in Beständigkeit erlangt – was ein Geschenk Gottes ist und nicht in der Macht des Menschen liegt –, befindet er sich immer in Aufstiegen und Abstiegen. Dann braucht der Mensch das Erbarmen des Himmels, um nicht vom Schlachtfeld zu fliehen. Und dann kann die Ordnung der Arbeit nur während eines Aufstiegs stattfinden – das heißt, wenn er sich in der Herrschaft der Heiligkeit (Kedusha) befindet.
Dann muss der Mensch arbeiten, aufmerksam sein und bedenken, in welchem Zustand er sich während des Abstiegs befand. Das heißt, während des Aufstiegs kann er Bilanz ziehen und den Unterschied zwischen Licht und Dunkelheit erkennen, wie geschrieben steht: „wie der Vorzug des Lichts aus der Dunkelheit“. Dann kann er das erfüllen, was die Weisen sagten (Sprüche der Väter [Awot], Kapitel 2,1): „Und erwäge den Verlust einer Mizwa gegen ihren Lohn und den Lohn einer Übertretung gegen ihren Verlust.“
Das heißt, während des Aufstiegs versteht der Mensch, dass das Empfangen für sich selbst „Übertretung“ genannt wird, weil es ihn vom Schöpfer entfernt – und es gibt keine größere Übertretung als diese. Während des Abstiegs dagegen kann er nicht verstehen, dass es „Übertretung“ heißt, wenn man nicht auf das Geben ausgerichtet ist, noch hat er die Kraft zu glauben, dass man alles um des Himmels willen tun muss. Vielmehr glaubt er nur an das Geschriebene: dass der Mensch die 613 Mizwot halten muss, die der Schöpfer uns durch Moses zu tun befohlen hat. Doch gewiss begeht er keine Übertretung, das heißt, er verstößt nicht gegen das, was in der Tora geschrieben steht.
Doch manchmal ist der Mensch verärgert, warum der Schöpfer uns so behandelt hat, dass er uns viele Dinge verboten hat. Das heißt, der Mensch sagt: Hätte der Schöpfer ihn beim Einhalten der Mizwot um Rat gefragt, so hätte er den Schöpfer gebeten, es uns nicht so streng zu machen und nicht so viele Dinge zu verbieten, nach denen seine Seele begehrt. Aber er hält die Mizwot ein.
Während des Aufstiegs dagegen ist der Mensch im Gegenteil verärgert: Wozu hat der Schöpfer uns Dinge zu tun gegeben, die der Mensch tun muss, nämlich Essen und Trinken und dergleichen? Wäre es nicht besser gewesen, Er hätte sie überhaupt nicht in der Welt erschaffen, sodass man sie nicht tun müsste?
Es zeigt sich, dass er während des Aufstiegs wünscht, es gäbe weniger Genüsse in der Welt, während der Mensch während des Abstiegs verärgert ist, warum der Schöpfer uns viele Dinge verboten hat, die der Mensch genießen könnte und die allein die Tora verboten hat. Nach dem Gesagten sehen wir, dass es Aufstiege und Abstiege gibt, während der Mensch die Anhaftung an den Schöpfer erlangen will. Deshalb soll man die Zeit des Abstiegs „Zustand der Kleinheit“ (Katnut) nennen und den Zustand des Aufstiegs „Zustand der Größe“ (Gadlut).
Damit lässt sich erklären, was wir gefragt haben: Was bedeutet das Wort der Weisen „‚Sprich, und sage‘ – um die Großen vor den Kleinen zu warnen“? Wir fragten, wie man bei einem einzigen Menschen von „Großen“ und „Kleinen“ sprechen kann. Nach dem Obigen lässt sich erklären, dass „Große“ und „Kleine“ nicht auf zwei Körper zu deuten sind, denn in der Arbeit fasst man alles als einen einzigen Körper auf. Vielmehr sind „Große“ und „Kleine“ auf zwei Zeiten in einem einzigen Subjekt zu deuten, also auf einen Menschen in zwei Zeiten:
1. die Zeit des Aufstiegs, „Große“ genannt;
2. die Zeit des Abstiegs, „Kleine“ genannt.
Damit lässt sich erklären: Wenn der Mensch sich in der Zeit des Aufstiegs befindet, muss er aufmerksam sein und Selbstprüfung (Cheshbon haNefesh) halten, dass er in einen Abstieg geraten kann. Und was ist ein Abstieg? Das heißt: Wer sagt, dass ein Abstieg so schlimm ist? Er sieht doch, dass es viele Menschen gibt, die leben und das Leben genießen, obwohl sie sich im Zustand des Abstiegs befinden. Wenn er deshalb selbst im Zustand des Abstiegs ist, läuft er ihnen nach, und auch dann genießt er das Leben wie sie.
Doch von diesem Zustand des Abstiegs kann man sagen, dass dieser Mensch einen Verkehrsunfall hatte: Er wurde verletzt und ist nun ohne Bewusstsein. Das heißt, er spürt nicht, dass er sich im Zustand des Abstiegs befindet, sondern genießt den Zustand, in dem er ist. Und so spürt er den Abstieg jetzt nicht, weil er ganz vergessen hat, dass es Spiritualität in der Welt gibt und dass man sich bemühen muss, die Anhaftung an den Schöpfer zu erreichen. Durch den Unfall, der ihm zugestoßen ist, hat er alles vergessen, und darum schmerzt ihn der Abstieg jetzt nicht.
Wenn der Mensch sich daher in einem Zustand des Aufstiegs befindet, hat er Grund, nachzudenken und zu fürchten, dass er nicht, Gott behüte, in einen Verkehrsunfall gerät – das heißt, während er sich jetzt bemüht, im Spirituellen voranzukommen, dass er nicht mitten auf seiner Stufe fällt.
Während des Abstiegs dagegen erinnert er sich schon nicht mehr, weil er dann keinerlei Empfindung des Spirituellen hat. All dies kann er nur in der Zeit der Gadlut wissen. Deshalb kommt der Vers, um uns zu lehren: „‚Sprich, und sage‘ – um die Großen vor den Kleinen zu warnen.“ Das heißt: In der Zeit der Gadlut, also der Zeit des Aufstiegs, ist es Zeit, sich vor der Katnut in Acht zu nehmen, damit man nicht in den Abstieg gerät, der „Kleine“ genannt wird. Denn nur während des Aufstiegs ist der Mensch fähig, über die Katnut nachzudenken – das heißt, darüber nachzudenken, was der Grund dafür ist, dass er in die Katnut gerät. Denn der Mensch muss wissen, dass es gewiss irgendeinen Grund gibt, der den Abstieg verursacht.
So habe ich es von meinem Vater und Lehrer gehört (angeführt in einem Artikel aus dem Jahr 1945): „Doch auch dies ist zu wissen: Wenn der Mensch fähig wäre, irgendein Leuchten festzuhalten, sei es auch noch so klein – wenn es nur beständig wäre –, so gälte er bereits als vollkommener Mensch. Das heißt, mit diesem Leuchten könnte er vorangehen. Wenn ihm das Leuchten daher verlorengeht, soll er darüber Kummer empfinden. Das gleicht einem Menschen, der einen Kern in die Erde gelegt hat, damit daraus ein großer Baum wächst, den Kern aber sofort wieder aus der Erde herausnimmt. Was also nützt die Arbeit, den Kern in die Erde zu legen? Mehr noch: Man kann sagen, dass er einen Baum mit reifen Früchten aus der Erde gerissen und verdorben hat. Das heißt: Hätte er den Kern nicht herausgenommen, so wäre aus dem Kern ein Baum mit Früchten geworden. Und so ist es auch hier: Wäre ihm dieses kleine Leuchten nicht verlorengegangen, so wäre daraus ein großes Licht gewachsen. Deshalb soll er Kummer empfinden, dass ihm ein ‚großes Licht‘ verlorengegangen ist.“
Aus dem Gesagten sehen wir, dass der Mensch sich während des Aufstiegs mit aller Vorsicht hüten muss. Denn wenn er dann, selbst wenn er nur eine kleine Empfindung hat, alles in seiner Macht Stehende tut, um sie nicht zu verlieren, wird er jedes Mal vorangehen.
Und das ist es, was geschrieben steht: „‚Sprich, und sage‘ – um die Großen vor den Kleinen zu warnen.“ Das heißt: In der Zeit der Gadlut, der Zeit des Aufstiegs, muss er alle Berechnungen anstellen, um nicht in die Katnut, also in den Abstieg, zu geraten. Ihm obliegt es, Bilanz zu ziehen, welche Bedeutung es für ihn jetzt hat, auch nur ein wenig Berührung mit dem Spirituellen zu haben.
Und er muss an sich arbeiten, um zu glauben, dass diese Empfindung von oben kommt – das heißt, dass der Schöpfer ihn dann ruft. Und er soll bedenken, wie wichtig dies ist, dass der Schöpfer ihn ruft. Und wie oben gesagt: Wenn er diese kleine Empfindung beständig festhalten kann, wird er gewiss vorangehen – wie oben im Gleichnis, dass dieser Aufstieg nur als ein Kern gilt, den man in den Boden legt, aus dem aber ein großer, Früchte tragender Baum hervorgeht.
Es zeigt sich, dass er den Zustand des Aufstiegs schätzen muss und sich vorstellen soll, als blicke er so auf das Ziel – das heißt, als hätte er bereits einen großen, Früchte tragenden Baum. Auf welche Weise würde er den Baum hüten, damit die Menschen diesen großen Baum nicht verderben? In solcher Weise muss er vorgehen, bis er in seinen Gliedern spürt, dass man den Baum immer behüten muss. Und er unternimmt sogar Handlungen, um den Baum vor den Menschen zu verbergen, damit sie kein böses Auge auf den Baum werfen.
Ebenso muss der Mensch diese Empfindung, die er jetzt im Zustand des Aufstiegs hat, hüten, damit fremde Menschen kein „böses Auge“ auf ihn werfen. So weit das Gesagte über die Bedeutung des Aufstiegs. Und das ist nur die eine Seite.
Doch man muss auch den niedrigen Zustand des Abstiegs bedenken; das heißt, die zweite Seite zu betrachten, über die hier nachzudenken ist. Nur während des Aufstiegs nämlich kann der Mensch über den niedrigen Zustand des Abstiegs nachdenken, und das heißt „die Großen warnen“ – also, wie gesagt, der Zustand der Gadlut – „vor den Kleinen“, vor der Zeit der Katnut. Das heißt: was er verlieren kann, wenn er in einen Zustand des Abstiegs gerät. Denn nur während des Aufstiegs kann er die Rechnung „wie der Vorzug des Lichts aus der Dunkelheit“ aufstellen. Und das ist eben nur dann möglich, wenn er Licht hat; dann kann er einen Vergleich zwischen Licht und Dunkelheit ziehen, nicht aber, wenn er sich in der Dunkelheit befindet.
Und das ist, wie die Weisen sagten (Sprüche der Väter, Kapitel 5,1): „In zehn Aussprüchen wurde die Welt erschaffen. Hätte sie nicht durch einen einzigen Ausspruch erschaffen werden können? Doch um die Frevler zu strafen, die die Welt zugrunde richten, die in zehn Aussprüchen erschaffen wurde, und um den Gerechten guten Lohn zu geben, die die Welt erhalten, die in zehn Aussprüchen erschaffen wurde.“
Scheinbar ist das schwer zu verstehen: „den Gerechten Lohn zu geben“ kann man begreifen – damit sie viel Lohn haben. Aber „die Frevler zu strafen“, warum hat Er das so gemacht? Es heißt doch: „Der Schöpfer erhebt keine ungerechten Ansprüche an Seine Geschöpfe.“ Warum also hat Er es so eingerichtet, dass es viele Leiden gibt?
Vielmehr ist zu erklären, dass die Deutung im Sinne der Arbeit so lautet: Der Mensch muss bedenken, was das Gute ist, das er verlieren kann, und was das Schlechte ist, das er erleiden kann; und aus diesen beiden wird ihm das Bedürfnis erwachsen, die Gadlut zu hüten, also die Zeit des Aufstiegs. Denn andernfalls wird er sehen, was er im Zustand des Abstiegs erleiden kann. Und das ist „die Großen vor den Kleinen warnen“.
korrigiert, EY, CO4.8, 15.06.2026