1990/42 Was bedeutet Segen und Fluch in der Arbeit?
Die Ausleger der Tora stellen eine Frage zu dem Vers: „Siehe, Ich lege euch heute Segen und Fluch vor. Den Segen, wenn ihr auf die Mizwot des Schöpfers, eures Gottes, hört, die Ich euch heute gebiete; und den Fluch, wenn ihr nicht hört.“ Sie fragen zweierlei: Warum beginnt der Vers in der Einzahl mit „Siehe“? Und warum heißt es ausgerechnet „heute“?
Bekanntlich besteht das Schöpfungsziel darin, dass Sein Wunsch ist, Seinen Geschöpfen wohlzutun. Alle Geschöpfe sollen also empfinden, wie sie Gutes und Genuss vom Schöpfer empfangen. Das nennt man „Gepriesen sei unser Gott, der uns zu Seiner Ehre erschaffen hat“: Die Geschöpfe empfangen Gutes und Genuss vom Schöpfer, und gerade darin liegt die Ehre des Schöpfers, dass die Geschöpfe von Ihm Gutes und Genuss empfangen.
Daraus folgt, dass jeder Einzelne den Schöpfer ehrt und dem Schöpfer dadurch Ehre zuteil wird. Empfangen die Geschöpfe dagegen kein Gutes und keinen Genuss von Ihm, so gereicht das dem Schöpfer nicht zur Ehre. Erschafft der Schöpfer also Geschöpfe, und diese empfinden nicht, dass Er ihnen Gutes und Genuss gibt, sondern empfinden, dass sie in der Welt Leiden erdulden – Gott behüte –, so gereicht das dem Schöpfer nicht zur Ehre.
So steht es geschrieben (Psalm 50): „Rufe Mich an am Tag der Not, Ich werde dich befreien, und du wirst Mich ehren.“ Rashi erklärt dazu: „und du wirst Mich ehren – das ist Meine Ehre, dass Ich denen helfe, die auf Mich vertrauen.“ Dies ist zu verstehen: Braucht der Schöpfer denn Ehre, dass die Geschöpfe Ihn ehren? Sein Wunsch ist doch nur zu geben, Gutes und Genuss zu schenken. Was bedeutet es also, dass der Schöpfer Ehre empfängt, indem Er denen hilft, die auf Ihn vertrauen?
Die Antwort lautet: Wann weiß der Schöpfer, dass die Geschöpfe wissen, dass Er die Welt erschaffen hat, um den Geschöpfen Gutes und Genuss zu geben? Nur dann, wenn die Geschöpfe den Schöpfer ehren, weil Er ihnen Gutes und Genuss gegeben hat. Mit „Gepriesen sei unser Gott, der uns zu Seiner Ehre erschaffen hat“ hat es demnach Folgendes auf sich: Wenn die Geschöpfe den Schöpfer ehren, dann deshalb, weil sie Gutes und Genuss empfangen haben.
Der Dank, den die Geschöpfe dem Schöpfer dafür darbringen, dass sie Gutes und Genuss empfangen, wirkt also so: Das Gefühl der Freude darüber, dass die Geschöpfe diesen Genuss empfangen, steigt aus dem Herzen der Empfangenden auf und tritt durch den Dank nach außen. In dem Maß, in dem man den Genuss empfängt, offenbart sich demnach die Ehre des Gebenden. Im Materiellen sehen wir es deutlich: Macht jemand seinem Nächsten ein großes Geschenk, wie sehr ehrt ihn der Beschenkte; macht er ihm ein kleines Geschenk, wie ehrt ihn der Beschenkte dann? Die Ehre, die der Beschenkte dem Geber erweist, gibt also das Maß für die Größe des Geschenks an, das heißt das Maß für das Empfinden des Empfängers.
Ein Beispiel: Ein Mensch, den der Schöpfer an Sich heranzieht, dem Er also einen Gedanken und ein Verlangen gibt, dem König zu dienen – gewiss besteht ein Unterschied in seinem Empfinden, je nachdem, ob er einem großen König dient. Dient er einem großen König, so ist er gewiss Tag und Nacht voller Freude darüber, dass er einem großen König dienen darf.
Betet ein Mensch zum Schöpfer und stellt sich dabei vor, dass er vor einem großen König steht – wie ergriffen ist er da! Spricht er dagegen zu einem kleinen König – wie groß ist da die Ergriffenheit des Menschen? Je nachdem also, als wen der Mensch denjenigen empfindet, zu dem er spricht und betet, in eben dem Maß ist er voller Freude und Hochstimmung. So sagten unsere Weisen: „Wisse, vor wem du stehst“ – nämlich vor einem großen oder einem kleinen König.
In dem Maß, in dem der Mensch den Schöpfer ehrt, kann er also selbst erkennen, zu welchem König er betet – zu einem großen oder zu einem kleinen. Daraus folgt, dass die Ehrung des Schöpfers nicht dem Schöpfer zugutekommt; der Schöpfer bedarf dessen nicht – Gott behüte –, dass man Ihm Ehre erweist. Vielmehr dient diese Ehre dem Nutzen des Menschen: Der Mensch muss wissen, vor welchem König er steht, einem kleinen oder einem großen.
Damit jedoch der Wille des Schöpfers mit der Vollkommenheit des Ziels verwirklicht wird, also keine Scham entsteht, wurde eine Korrektur vorgenommen, die „Zimzum (Einschränkung) und Verhüllung“ genannt wird. Zimzum und Verhüllung wurden über zwei Wirkungen vollzogen:
1. Der Schöpfer selbst ist uns verborgen, und wir müssen glauben, dass der Schöpfer Sich unser mit individueller Vorsehung (Hashgacha Pratit) über alle Geschöpfe annimmt.
2. Das wahre Gute und der wahre Genuss befinden sich in den 613 Mizwot, die in der Sprache des heiligen Sohar „613 Hinterlegungen (Pkudin)“ genannt werden. Im Sulam [Leiterkommentar zum Sohar] (Einführung in das Buch Sohar, Blatt 242) wird dazu erklärt: „dass in jeder Mizwa ein besonderes Licht als Hinterlegung liegt.“ Doch auch dieses ist verborgen, und wir müssen glauben, dass sich dort das Gute und der Genuss befinden. Diese Verhüllung geschah allein zum Wohl der Geschöpfe, damit beim Empfangen des Guten und des Genusses keine Scham entstehe.
Es soll also keine Scham darüber entstehen, dass die Geschöpfe das Gute und den Genuss empfangen, nur weil sie Lust danach haben – was ja das Gegenteil des Schöpfers wäre. Nach der Regel, dass „jeder Zweig seiner Wurzel gleichen will“, werden die Geschöpfe deshalb ein Unbehagen empfinden, wenn sie das Gute und den Genuss empfangen.
Daher müssen die Geschöpfe sich bemühen, alles um des Himmels willen zu tun, also mit der Absicht, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Dann besteht zwischen ihnen Gleichheit der Form: Auch die Geschöpfe tun alles mit der Absicht zu geben, so wie der Schöpfer. Damit gibt es keinen Raum mehr für Scham, und das nennt man „die Vollkommenheit Seiner Wirkungen“.
Doch wie kann der Mensch diese Stufe erreichen, „alles um des Himmels willen zu tun“? Von Natur aus wurde der Mensch doch mit dem Verlangen zu empfangen geschaffen, das auf Empfangen ausgerichtet ist. Dazu sagten unsere Weisen: „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“ Sieht der Mensch also, dass er weit davon entfernt ist, dass all seine Handlungen um des Himmels willen geschehen, so bemüht er sich bei jeder einzelnen Handlung. Und sieht er, dass nicht jeder seiner Handlungen die Absicht zu geben zugrunde liegt, so bittet er den Schöpfer, ihm diese Absicht für die Handlung zu geben, die er tut.
Er bittet den Schöpfer also, dass die Handlung, die er tut, kraft eben dieser Handlung zu einem Erwachen von unten (Itaruta deLetata) wird – also zu einer Art Gebet, dass der Schöpfer ihm die Absicht zu geben sende. Das Erwachen von unten ist demnach das Kli (Gefäß), das der Schöpfer füllen kann. Hat er dagegen keine Handlungen, für die er bitten könnte, dass der Schöpfer ihm dafür die Absicht zu geben sende, so gleicht das dem Wort: „Es gibt kein Licht ohne Kli“, also: „Es gibt keine Absicht ohne Handlung“.
Daher muss der Mensch seine Handlungen mehren, und zwar so, dass die Handlungen ein Mangel sind, für den er den Schöpfer bittet, ihren Mangel zu füllen. Doch es liegt in der Natur des Menschen, dass er seine Handlungen geringzuschätzen beginnt, sobald er zu der Erkenntnis gelangt, dass es im Kern darauf ankommt, alles um des Himmels willen zu tun, und zugleich sieht, wie seine Handlungen von äußerster Niedrigkeit sind.
Er sagt sich: So oder so sind meine Handlungen nichts wert; wozu sollte ich mich dann so anstrengen und mich mühen, sie zu tun? Solange es ihm nicht schwerfällt, Handlungen zu tun, tut er sie also. Fällt es ihm aber schwer, so hat er nicht genug Kraft, sich anzustrengen und zu handeln, denn es kommen ihm Gedanken aus der weltlichen Sphäre, dass es nicht nötig sei, sich mit Tora und Mizwot zu befassen – weil die Weltlichen nicht an Lohn und Strafe glauben. Sieht der Mensch zudem, dass seine Handlungen von Niedrigkeit sind, so sagt auch er über seine Handlungen, dass sie nicht vollkommen sind.
Er sagt, dass er mit Sicherheit weiß, dass für solche Handlungen kein Lohn zu geben ist. In diesem Zustand – wenn er nämlich sieht, dass seine Handlungen so niedrig sind, dass ihnen kein Lohn gebührt – befindet er sich demnach in einem Zustand, in dem er nicht an Lohn und Strafe glaubt.
Da es um „um des Himmels willen“ geht, kann er sich außerdem nicht selbst täuschen und behaupten, er habe ein Verlangen danach; denn er sieht, dass der ganze Körper sich dem widersetzt. Sagt er also zu sich: „Wenn du nicht die Absicht um des Himmels willen hast, wirst du Strafe empfangen“, so versteht er das nicht – weil er nicht sieht, dass er je in einen solchen Zustand käme, in dem er sagen könnte, dass er Handlungen um des Himmels willen tut.
Das nennt man also, dass er nicht an die Strafe glaubt. Er kann nämlich nicht begreifen, dass er gerade deshalb, weil ihm Strafe droht, die Absicht um des Himmels willen fassen würde. Denn man fragt: Wie kann man für etwas Strafe verhängen, das unmöglich ist? Und was den Lohn betrifft, so sagt der Mensch dann gewiss, dass er ihm für solche Handlungen nicht gebührt. Er glaubt dann also nicht an Lohn und Strafe – ebenso wie die Weltlichen, die nicht an Lohn und Strafe glauben. Deshalb schätzt er sie gering.
Doch ohne den Glauben an die Weisen (Emunat Chachamim) haben wir keinen Rat, um vorwärtszukommen. Vielmehr müssen wir an die Weisen glauben, die gesagt haben, dass die Ordnung der Arbeit so ist: Es gibt kein Licht ohne Kli. Daher muss der Mensch glauben, dass die Tatsache, dass er sieht, wie seine Handlungen nicht um des Himmels willen geschehen, eine Offenbarung von oben ist. Man zeigt ihm die Wahrheit, wie das Verlangen zu empfangen den Menschen beherrscht und es nicht in seiner Hand liegt, irgendetwas zu tun, wenn ihm daraus nicht ein eigener Nutzen erwächst.
Dies aber kann der Mensch nur dann erkennen, wenn er den Weg der Wahrheit gehen, also Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer erreichen will. Diese Erkenntnis wird dem Menschen gegeben, damit er das Bedürfnis hat, dass der Schöpfer ihm hilft und ihm das Verlangen zu geben gibt; denn dieses Verlangen heftet den Menschen an den Schöpfer. Hat der Mensch nämlich das Verlangen zu geben empfangen, so kann der Schöpfer ihm in diesem Gefäß das Gute und den Genuss geben, die in der Absicht der Schöpfung lagen, nämlich Seinen Geschöpfen wohlzutun. Hier sind demnach drei Unterscheidungen zu treffen:
1. Der Mensch beginnt zu spüren, dass ihm das Gefäß fehlt, das „Verlangen zu geben“ genannt wird, dass er vielmehr ganz und gar in der Selbstliebe versunken ist. Dieser Mangel kommt nicht vom Menschen selbst. Vielmehr muss der Mensch glauben, dass dieser Mangel – dass er nichts mit der Absicht zu geben tun kann – eine Hilfe ist, die ihm von oben kommt; und die Hilfe besteht eben darin, dass er einen Mangel spürt.
2. Den Schöpfer zu bitten, dass Er ihm einen Segen gebe, also das Verlangen zu geben, das „Gefäß von Chessed (Gnade)“ genannt wird, sodass er nur mit der Absicht handeln will, seinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. So steht es geschrieben (Einführung in das Buch Sohar, Blatt 51, und im Sulam, Punkt 2, Punkt 37): „Und das ist Chessed, und das ist der Segen, im Geheimnis des Verses: ‚Und Ich werde euch Segen ausgießen.‘ Und das ist das Geheimnis von ‚denn ich sprach: Eine Welt wird in Gnade gebaut.‘ Und das Wort ‚wird gebaut‘ (jibane) bedeutet Bau und Verständnis, denn Er hat es als hinreichende Klärung festgesetzt, um zwischen denen zu unterscheiden, die an der Heiligkeit haften, und denen, die vom Schöpfer abweichen, um an einem anderen Gott zu haften, im Geheimnis des Verses: ‚Und prüft Mich doch hierin, spricht der Schöpfer der Heerscharen, ob Ich ihnen nicht die Fenster des Himmels öffne und euch Segen ausgieße bis zum Überfluss.‘“.
Bevor man die Gefäße des Segens empfängt, also die Gefäße des Gebens, gibt es demnach keine Gefäße, um das Gute und den Genuss zu empfangen, für die die Welt erschaffen wurde. Denn alles ginge zu den Klipot (Schalen) und nicht zur Heiligkeit (Kedusha). Die gesamte Grundlage der Heiligkeit ist ja auf dem Verlangen zu geben aufgebaut.
3. Wenn ihm die 613 Mizwot bereits zu 613 Hinterlegungen geworden sind. Das ist dann der Fall, wenn er die 613 Lichter erlangt, die in den 613 Hinterlegungen eingekleidet sind – das ist das Gute und der Genuss, der in ihnen eingekleidet ist.
Die Hauptarbeit liegt jedoch in der ersten Unterscheidung, wo die 613 „613 Ratschläge (Ejtin)“ genannt werden, also Ratschläge, wie man den Schöpfer bitten kann, dass Er einem die Gefäße des Gebens gibt. In diesem Zustand gibt es nämlich Aufstiege und Abstiege. Oft gelangt der Mensch zu dem Schluss, dass diese Arbeit – je einmal von oben Hilfe, die Gefäße des Gebens, zu empfangen – etwas Unmögliches sei. Bittet er nämlich, dass der Schöpfer ihm diese Gefäße gebe, so sieht er geradezu das Gegenteil: Statt dass der Schöpfer ihm helfen sollte, die Gefäße des Gebens zu empfangen, sieht er, dass er jedes Mal, nach der Mühe, die er aufgewandt hat, ein noch größeres Verlangen zu empfangen empfängt.
Also denkt der Mensch, es habe keinen Sinn, darum zu bitten, weil es ist, als gäbe es von oben keinerlei Aufmerksamkeit, die über ihn wachte. Daher gibt es viele Male, in denen er beschließt, dass es sich nicht lohnt, umsonst zu arbeiten, ohne jeden Nutzen. Hier braucht der Mensch eine große Stärkung, damit er nicht vom Schlachtfeld flieht und ein für alle Mal sagt, dass diese Arbeit nichts für ihn ist.
Der Mensch ist in diesem Zustand auf das Erbarmen des Himmels angewiesen. Hier muss er nur über dem Verstand gehen. Denn er sieht, dass das Recht beim Verstand liegt: Nach dem Verstand, nach der Rechnung, die er aufmacht, müsste er vom Schlachtfeld fliehen. Dass er nicht flieht, dafür muss er dem Schöpfer danken – dafür, dass man ihn von oben nicht aus dem Weg wirft, der zum Palast des Königs führt.
Der Mensch muss dem Schöpfer also immer dafür danken, dass er die üble Nachrede nicht angenommen hat, die der Körper ihm ständig zuflüstert: „Das ist nichts für dich.“ Der Körper sagt zu ihm: „Siehst du nicht, wie viel Mühe du aufgewandt hast und doch noch in demselben Zustand stehst, in dem du zu Beginn der Arbeit standest?“ Weiter sagt er ihm: „Wenn du sehen willst, ob du überhaupt etwas erreicht hast, so siehst du, dass du rückwärtsgegangen bist und nicht vorwärts.“ Das ist geradezu der Verstand, der den Menschen von der Heiligkeit trennt, denn innerhalb des Verstandes hat der Körper recht.
Dass der Mensch nicht vom Schlachtfeld flieht, stammt demnach ebenfalls nicht aus seiner eigenen Kraft. Vielmehr muss er sagen, dass es nur eine Kraft ist, die man ihm von oben gibt, damit er nicht flieht. Der Mensch muss also glauben, dass man ihn einerseits sehen lässt, wie weit er davon entfernt ist, Handlungen mit der Absicht zu geben zu vollbringen, dass er also rückwärtsgeht. Andererseits muss er glauben, dass alles, was er auf dem Weg der Arbeit tut, allein auf dem Glauben über dem Verstand aufgebaut ist – dadurch nämlich, dass er nicht vom Schlachtfeld flieht und viele Male über dem Verstand glaubt, dass man ihn doch näherbringt und er der Anhaftung an den Schöpfer gewürdigt wird.
Nach dem Gesagten verstehen wir die Frage, worauf uns das Wort „Siehe, Ich lege euch heute vor“ hindeutet. Die Erklärung lautet: „heute“ bedeutet, dass der Mensch jeden einzelnen Tag aufs Neue beginnen und sagen muss, dass er heute des „Siehe, Ich“ gewürdigt wird, also des „Ich bin der Schöpfer, dein Gott“, und nicht vom Schlachtfeld flieht. Er soll nicht sagen: „Ich habe schon viele Male gebetet, dass der Schöpfer mir die Gefäße des Gebens gebe und ich aus der Herrschaft des Verlangens, für sich selbst zu empfangen, heraustrete, und ich habe keine Antwort auf mein Gebet erhalten. Was nützt es dann, dass ich noch einmal bete?“
Das Wort „heute“ soll uns demnach andeuten: „Jeder Tag sei in deinen Augen wie neu.“ Der Mensch muss also wissen, dass jeder Anfang in der Arbeit „Tag“ genannt wird. Auch das Gebet, das der Mensch darbringt, dass der Schöpfer ihn der Arbeit näherbringe, wird „Tag“ genannt.
Das Gebet um die Annäherung an den Schöpfer bildet im Menschen ein Gefäß, nämlich ein Bedürfnis und ein Verlangen. Dieses Verlangen ruft in ihm ein Leiden darüber hervor, dass der Schöpfer ihn nicht näherbringt. So gräbt jeder einzelne Tag im Menschen gleichsam eine Vertiefung. Dabei muss es ein tiefer Mangel sein: Erkenne ihn als großen Mangel, damit er einer großen Füllung entspricht.
Daher muss man jeden Tag aufs Neue mit einer neuen Überwindung beginnen. Jede Überwindung schafft nämlich einen neuen Mangel, bis aus jedem einzelnen Tag ein einziger langer Tag wird, an dem bereits die Möglichkeit besteht, dass der Schöpfer dort die Füllung gibt, die „Verlangen zu geben“ genannt wird. Das ist es, was den Segen empfängt, der die Eigenschaft von Chessed ist und „Gefäße des Gebens“ genannt wird.
Damit lässt sich die Sache von „Wir werden tun und wir werden hören“ erklären. Die Sache „Wir werden tun“ gehört dem Unteren: Der Untere muss den Mangel machen, also dem Schöpfer bedürftig werden, dass Er ihm hilft, die Gefäße des Gebens zu erlangen. Anders steht es bei allen, die zuerst „Wir werden hören“ sagen – das heißt, dass der Körper zuerst hören und den Nutzen darin sehen muss, alles um des Himmels willen zu tun, um danach der Handlung zuzustimmen, nämlich um des Himmels willen zu handeln. Sieht er aber nicht, dass es sich lohnt, um des Himmels willen zu arbeiten, wie kann er dann um des Himmels willen handeln?
Daher sagt das Volk Israel – also jene Menschen, die „Yashar-El“ (direkt zu Gott) sein wollen, das heißt direkt zum Schöpfer und nicht zum eigenen Nutzen –, da sie sehen, dass der Körper niemals einwilligen wird, zum Nutzen des Schöpfers zu arbeiten: „Wir werden Handlungen mit der Absicht um des Himmels willen tun. Und obwohl wir sehen, dass es uns nicht gelingt, weil es gegen die Natur ist, glauben wir doch, dass, wenn wir den Schöpfer bitten, unser Gebet zu erhören, Er das Gebet gewiss erhört. Dann werden wir hören, das heißt, wir werden gewürdigt zu sehen, wie der Schöpfer das Gebet doch erhört, und Er wird uns die Kraft des Verlangens zu geben geben.“
Ebenso verhält es sich beim Volk Israel: Obwohl auch der böse Trieb (Jezer haRa) im Volk Israel nicht einwilligt, zum Nutzen des Schöpfers und nicht zum eigenen Nutzen zu arbeiten, glaubten sie dennoch an den Schöpfer, dass Er das Gebet erhört. Bitten wir Ihn nämlich, uns diese Kraft zu geben, da wir doch um des Himmels willen handeln wollen und sich nur der böse Trieb in uns dem widersetzt, so erhört der Schöpfer gewiss das Gebet. Gewiss werden wir dann gewürdigt zu erfahren, wie der Schöpfer unser Gebet erhört, indem wir von Ihm das Verlangen zu geben empfangen. Dann können wir gewiss sagen, dass der Schöpfer erhört.
Damit lässt sich erklären, was Israel sagte: „Wir werden unsererseits tun, was an Handlungen möglich ist, und Ihn bitten, dass Er erhört, was wir von Ihm erbitten. Dann werden wir des ‚Wir werden hören‘ gewürdigt, das heißt, dass der Schöpfer uns – wie gesagt – die Gefäße des Gebens gibt, die Gefäße des Segens sind. Die höhere Fülle, die der Schöpfer geben will und die das Gute und der Genuss ist, kann sich also in diese Gefäße einkleiden, weil eine Gleichheit zwischen dem Licht und dem Gefäß besteht.“
Zuerst muss man demnach einen Mangel empfangen: Der Mensch muss einen wahren Mangel an dem Verlangen zu geben empfangen. Er muss also empfinden, dass der Mangel so groß ist, dass es niemanden auf der Welt gibt, der ihn füllen könnte, außer dem Schöpfer selbst. Dann nennt man ihn „dem Schöpfer bedürftig“. Dann braucht der Mensch das Erbarmen des Himmels, damit er nicht vom Schlachtfeld flieht. Denn gewöhnlich flieht der Mensch von der Arbeit, wenn er arbeitet und sieht, dass er nicht vorankommt. Daher muss der Mensch den Schöpfer bitten, ihm zu helfen, nicht mitten aus der Arbeit zu fliehen.
Dazu lässt sich sagen, dass der Mensch sich müht, um das Verlangen zu geben zu erlangen. Dass er empfindet, viel Mühe aufgewandt zu haben, das nennt man „Alter“ [Greisen-Alter]. Da er schon lange Zeit in dieser Arbeit steht, muss man deshalb zum Schöpfer beten: „Verwirf uns nicht zur Zeit des Alters; wenn unsere Kraft schwindet, verlass uns nicht.“ „Wenn unsere Kraft schwindet“ bedeutet: „Schon ist die Kraft der Geduld zu ertragen erschöpft. Nach all den Gebeten, die wir dargebracht haben, dass Du uns das Verlangen zu geben gibst, sind wir noch nicht gewürdigt worden, es zu empfangen. Wirf uns nicht auf halbem Weg fort, sondern gib uns Kraft zu ertragen und nicht vom Schlachtfeld zu fliehen, und gib uns noch Kraft, zu Dir zu beten, dass Du uns das Verlangen zu geben gibst.“
Man muss wissen: In der Arbeit bezeichnet „Alter“ nicht das Lebensalter in Jahren. „Alter“ heißt vielmehr, dass der Mensch in einen Zustand gelangt ist, in dem er sagt: „Ich sehe, dass ich schon viel Mühe aufgewandt habe, um etwas im Spirituellen zu erlangen, und ich sehe, dass es mir nicht gelingt.“ Deshalb findet er sich mit dem Zustand ab, in dem er sich befindet, und sagt: „Vielleicht kommen an meiner Stelle Jüngere, die mehr Tatkraft haben; ich aber sehe, dass ich nicht geeignet bin.“ Das nennt man „alt“ in der Arbeit.
Doch auch in der materiellen Welt sehen wir manchmal Menschen, die dem Alter nach alt sind, also alt an Jahren, und doch Tatkraft haben wie Junge. Es kann einen Menschen geben, der bereits über achtzig Jahre alt ist, der Tatkraft hat und mehr arbeitet als andere, die jünger sind als er, und der noch das Verlangen und die Lust hat, etwas in der materiellen Welt zu erlangen. In der Arbeit für den Schöpfer heißt „Alter“ dagegen gewiss nicht das Lebensalter in Jahren, sondern dass die Kraft des Strebens, das Ziel zu erlangen, in ihm versiegt ist.
Nach dem Gesagten verstehen wir die Frage, warum „Siehe“ in der Einzahl geschrieben steht und danach „Ich lege euch vor“ in der Mehrzahl. Die Erklärung lautet wie oben (im Artikel Nr. 41 aus dem Jahr 1990): Der Schöpfer sagte „Siehe“ in der Einzahl. „Ich lege euch vor“ – in „euch“ liegt die Herrschaft der Vielen, also zwei Herrschaften. Und Ich werde euch das „Siehe“ geben, das heißt, ihr werdet gewürdigt zu sehen, dass es nichts gibt außer der Herrschaft des Einzigen.
Alle eure Handlungen werden also nur dazu da sein, dem Schöpfer zu geben, und die Herrschaft des Verlangens zu empfangen wird annulliert.
Damit lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten: „eingegraben (charut) auf den Tafeln“, dass sie frei (cherut) vom Todesengel wurden. Zu verstehen ist, was „Freiheit vom Todesengel“ in der Arbeit bedeutet. Man muss wissen, dass das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, der Todesengel ist. Das ist im Sinne dessen, was unsere Weisen sagten: „Die Bösen werden zu ihren Lebzeiten ‚tot‘ genannt“, weil sie vom „Leben des Lebens“ getrennt sind, und zwar aufgrund der Veränderung der Form, die das Verlangen zu empfangen ist.
Das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, trennt den Menschen also vom Leben des Lebens. Wer ist demnach der Todesengel, der den Menschen tötet? Das ist eben das Verlangen zu empfangen. Daraus folgt: Wird der Mensch gewürdigt, dass der Schöpfer ihm das Verlangen zu geben gibt – und dessen wird man durch das Befolgen von Tora und Mizwot gewürdigt –, so ist es von selbst Freiheit vom Todesengel, sobald die Herrschaft des Einzigen entsteht, sodass das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, in die Herrschaft des Einzigen eintritt, die die Herrschaft des Schöpfers ist. Denn das Verlangen, für sich selbst zu empfangen, wirkt nicht mehr in ihm, weil der Schöpfer ihm die Herrschaft des Einzigen gegeben hat. Das ist die Bedeutung von „Siehe, Ich lege euch vor“: im Sinne von „Ich bin der Schöpfer, dein Gott“ – „Ich lege euch vor“, sodass es dann nur die Herrschaft des Einzigen gibt.
Danach legt der Vers weiter aus, um zu wissen, was ein Segen und was ein Fluch ist. Er sagt: „den Segen, wenn ihr auf die Mizwot des Schöpfers, eures Gottes, hört.“ Das heißt: „Was ist der Segen, den Ich gebe? Es ist dies, dass ihr auf die Mizwot des Schöpfers, eures Gottes, hören könnt.“ Und das gerade dadurch, dass man der Gefäße des Gebens gewürdigt wird. Das ist der Segen, wie geschrieben steht: „den Segen, den ihr hören werdet“.
Der Fluch bedeutet dagegen: Sieht der Mensch, dass er nicht hören kann, so muss er wissen, dass er sich unter der Herrschaft der Sitra Achra (andere Seite) befindet, die das Gegenteil der Heiligkeit ist, wie oben: „Ein Segen heißt Geben, und ein Fluch heißt Empfangen.“
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Mensch sich jeden Tag um einen neuen Anfang bemühen muss, damit er nicht als ein Alter erscheint. Und er bemühe sich, die Herrschaft des Einzigen zu erwerben, denn dann wird er gewürdigt, das Gute und den Genuss zu empfangen, das das Schöpfungsziel ist.
korrOp, EY, 26.07.2026, 20:29 Uhr, Ver3