1985/05 Geh hinaus aus deinem Land
„Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde.“
Hierzu wird eine Frage aufgeworfen: Das entspricht nicht der Ordnung der Wirklichkeit, denn zuerst verlässt der Mensch das Haus seines Vaters, dann seine Verwandtschaft und dann sein Land. So fragen die Kommentatoren.
Auf dem Weg der Arbeit lässt sich erklären, dass „dein Land“ [Arzecha] vom Wort Razon [Verlangen] stammt – so wie unsere Weisen den Vers „Die Erde lasse Gras sprießen“ auslegten: „Sie freute sich, das Verlangen ihres Schöpfers zu erfüllen.“ Demnach lautet die Bedeutung von „Geh hinaus aus deinem Land“: aus deinem Verlangen, also aus dem Verlangen, mit dem der Mensch erschaffen wurde und das man das Verlangen nennt, Freude und Vergnügen zu empfangen – die Selbstliebe. Deshalb wurde ihm gesagt, er solle aus der Selbstliebe heraustreten.
„Und aus deiner Verwandtschaft“ lässt sich so erklären: Vater und Nachkomme sind Ursache und Wirkung, Grund und Folge. Denn der Nachkomme entsteht aus dem Tropfen im Gehirn des Vaters, und daraus geht später der Nachkomme hervor, wie wir in den vorigen Artikeln dargelegt haben. Das heißt: Die Mühe, die der Mensch bei seiner Arbeit auf sich nimmt, geschieht, um einen Lohn zu empfangen. So gebiert ihm die Mühe den Lohn; gäbe es den Lohn nicht, würde er sich gar nicht mühen. Demnach erfüllt der Mensch Tora und Mizwot, damit ihm ein Sohn geboren wird, den man Lohn nennt.
Über den Lohn haben wir bereits gesprochen: Es gibt zwei Arten von Lohn:
1) den Lohn dieser Welt,
2) den Lohn der kommenden Welt.
Wie es im Sohar heißt (Einleitung zum Sohar und im Sulam, Seite 184, Punkt 190): „Und diese zwei“, sagt der Sohar, „gelten nicht als das Wesentliche.“ Und im Sulam wird dort erklärt: weil sie auf dem Fundament der Selbstliebe errichtet sind, die man „Verlangen zu empfangen, um zu empfangen“ nennt.
Daraus folgt: Wenn der Mensch sich in Tora und Mizwot müht, um für sein ‚Verlangen zu empfangen‘ einen Lohn zu erhalten, dann beruhen beide auf der Selbstliebe – sowohl der Vater, also die Mühe, als auch der Nachkomme, der ihm aus der Mühe geboren wird und Lohn heißt. Denn der Tropfen im Gehirn des Vaters, also die Mühe, war schon vom Beginn seiner Arbeit an ganz auf die Selbstliebe gerichtet. Und so ist auch der geborene Nachkomme – der Lohn, den er zu empfangen erhofft – ebenfalls ein Lohn der Selbstliebe.
Und zu ihm wurde gesagt: „Geh hinaus aus deinem Land“, das heißt aus deinem Verlangen zu empfangen; „und aus deiner Verwandtschaft“, also aus den geborenen Nachkommen; „aus dem Haus deines Vaters“, das heißt aus dem Lohn, der aus dem Haus deines Vaters geboren wird – aus der Mühe, die einen Lohn der Selbstliebe gebiert. Von all dem soll er sich entfernen.
„In das Land, das Ich dir zeigen werde.“ Dieses Land bedeutet das Verlangen zu geben. Auf diesem Land, also auf dem Verlangen zu geben, wird er dessen würdig, dass der Schöpfer Sich ihm offenbart.
„Das Ich dir zeigen werde“ bedeutet, dass der Schöpfer Sich ihm selbst zeigt. Beim Verlangen zu empfangen hingegen geschehen Zimzum [Einschränkung] und Verhüllung; dort entstehen Finsternis und Trennung vom Leben der Leben, und das verursacht die Finsternis.
Darum: „Bei deinem Verlangen kann Ich Mich dir nicht offenbaren, sondern nur beim Verlangen zu geben, das man Gleichheit der Form nennt. Dann werden Zimzum und Verhüllung aufgehoben, und der Schöpfer offenbart Sich ihm.“
„Und Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Im Midrasch Raba (Kapitel 39) heißt es: „Rabbi Levi sagte: Als Abraham, unser Vater, in Aram Naharim wanderte und sah, wie sie leichtfertig aßen und tranken, sprach er: ‚Möge ich keinen Anteil an diesem Land haben.‘ Als er zu Sulma shel Zor gelangte und sah, wie sie zur Zeit des Jätens jäteten und zur Zeit des Hackens hackten, sprach er: ‚Möge ich einen Anteil an diesem Land haben.‘ Und der Schöpfer sagte zu ihm: ‚deinem Samen habe Ich dieses Land gegeben.‘“
Um seine Worte auf dem Weg der Arbeit zu verstehen, ist wie oben zu erklären, dass Erez [Land] Razon [Verlangen] bedeutet. „Be-Aram“ hat dieselben Buchstaben wie „Awram“. Als Abraham in Naharim wanderte – „Naharim“ stammt vom Wort „Nahor“ [Licht] –, sah er: Es gibt Menschen, deren ganzes Verlangen auf die Lichter gerichtet ist. Das nennt man „aßen und tranken“, womit der Lohn gemeint ist. Deshalb sprach er: „Möge ich keinen Anteil an diesem Land haben“ – das heißt keinen Anteil an diesem Verlangen, bei dem die ganze Absicht auf den Lohn gerichtet ist und die Arbeit selbst nicht zählt, sondern nur der Lohn. Deshalb sagte er: „Möge ich keinen Anteil an diesem Verlangen haben.“
„Als er zu Sulma shel Zor gelangte“ – Zor stammt vom Wort Zar [eng], denn in der Arbeit empfanden sie einen Zustand von Nöten [Zarot]. Und er sah, dass sie auf einer Sulam [Leiter] standen – das ist die Stufe von „Eine Leiter stand auf der Erde, und ihre Spitze reichte bis an den Himmel“ –; und er sah, wie sie zur Zeit des Jätens jäteten und zur Zeit des Hackens hackten. Das heißt: All ihre Gedanken galten der Arbeit des Menschen, und ihre Hauptabsicht war, dass ihre Arbeit in Ordnung sei – dass also die Kelim [Gefäße], in die die Fülle gelangen soll, in Ordnung seien. Auf die Früchte aber, die der Lohn sind, achteten sie nicht. Sie blickten allein auf die Ordnung der Arbeit; und das ist gemeint mit „sie jäteten zur Zeit des Jätens und hackten zur Zeit des Hackens“.
Da sprach er: „Möge ich einen Anteil an diesem Land haben“ – also an diesem Verlangen, bei dem die Hauptsache ist, die Absicht darauf zu richten, dass die Arbeit in Ordnung sei. Der Lohn aber, die Früchte, ist nicht ihre Sache. Darüber sagten sie: „Das Verborgene gehört dem Ewigen, unserem Gott“ – das heißt, dieser Lohn ist Sache des Schöpfers, und wir haben nicht auf den Lohn zu schauen. In jeder Lage, in der er sich befindet, ist er vielmehr zufrieden, dass er die Arbeit auch nur im Geringsten berühren durfte; und das ist für ihn ein großes Verdienst. „Und nur das Offenbarte ist uns“ – das ist die Ebene der Tat.
Und hiermit lässt sich erklären: „Und Ich will dich zu einem großen Volk machen“ – die Größe ist gerade die Ebene der Tat. Wie gesagt gilt bei den Menschen der Arbeit als Größe nichts anderes als Handlungen über dem Verstand; nur darin empfinden sie ihre Wichtigkeit. Die Lichter aber, die sie durch ihre Arbeit empfangen, ziehen sie nicht in Betracht, weil die Lichter zu „Das Verborgene gehört dem Ewigen, unserem Gott“ gehören – das ist das Werk der Hände des Schöpfers: Was Er will, das tut Er.
Und sie baten Ihn nicht darum, dass Er ihnen gebe, denn das ist nicht ihr Ziel. Sie haben nur ein einziges Ziel: dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, ohne jeden Gegenwert. Denn der ganze Lohn besteht allein darin, dass sie dem König dienen dürfen. Und es ist ihnen gleich, in welchem Dienst sie dem König dienen, ob in einer wichtigen oder einer unwichtigen Aufgabe – denn sie denken nur daran, womit sie dem König Freude bereiten können.
Bei unwichtigen Aufgaben zum Beispiel, die kaum jemand auf sich nehmen will, stürzen sie sich sofort darauf – weil sich hier ein Ort für sie auftut, an dem sie dem König Freude bereiten können, eben weil sich nicht viele darauf stürzen.
Und die Anwendung ist: Da es für die Arbeit über dem Verstand nicht viele Menschen gibt, die diesen Weg gehen wollen – alle meinen, das sei eine niedrige Arbeit, und betrachten sie als einen Zustand des Exils –, wollen gerade jene, die darauf schauen, womit sie dem König Freude bereiten können, diese Aufgabe übernehmen. Diese ihre Arbeit heißt „leAkma Shechinta me-Afra“ [die Shechina (göttliche Gegenwart) aus dem Staub zu erheben]. Ebenso heißt sie „Shechinta beGaluta“ [die Shechina im Exil]. Und nur diese Arbeit wollen sie. Die Arbeit hingegen, um Lichter und Fülle von oben zu empfangen – darauf stürzen sich viele.
Und hiermit lässt sich erklären, was unsere Weisen sagten (Shabbat 127): „Rav Jehuda sagte im Namen Ravs: Größer ist die Gastfreundschaft als das Empfangen des Angesichts der Shechina, denn es steht geschrieben: ‚Und er sprach: Mein Herr, habe ich Gnade gefunden in Deinen Augen, so gehe doch nicht vorüber‘ usw.“ Und Rashi [Rabbi Schlomo ben Jizchak] erklärte: „‚Gehe nicht vorüber‘ – er ließ Ihn und ging, um die Gäste zu empfangen.“ Dazu lässt sich sagen: Er lernte es daraus, was der Schöpfer zu ihm gesagt hatte: „Und Ich will dich zu einem großen Volk machen“ – das heißt, die Hauptsache ist die Handlung und nicht die Lichter. Die Hauptsache ihrer Arbeit ist also die Liebe zum Nächsten, und er führt keine Rechnung mit sich selbst; obwohl das Empfangen des Angesichts der Shechina dem Leib gewiss mehr Genuss bereitet als die Arbeit in der Liebe zum Nächsten …
Deshalb hatte er hier, nachdem der Schöpfer ihm gesagt hatte: „Und Ich will dich zu einem großen Volk machen“ – dass die Hauptgröße für ihn in den Handlungen liegt –, einen Ort, sich selbst zu zeigen. Das heißt: Er selbst konnte nun sicher sein, dass er nicht auf Gewinne schauen wollte. Denn es ist ein großer Gewinn, des Empfangens des Angesichts der Shechina gewürdigt zu werden; und dennoch wählte er für sich die Ebene der Tat – das heißt, er beabsichtigte keinen Lohn für seine Arbeit, sondern die Hauptsache ist die Arbeit. Und hier fand er den Ort der Klärung: Es ist gewiss etwas Großes, auf Lohn zu verzichten und statt Lohn Arbeit zu empfangen.
Und der Weg der Welt ist umgekehrt: Man müht sich, um einen Lohn zu empfangen. Er aber tat das Gegenteil: Er gab den Lohn hin, um sich mühen zu können. Und das lernte er daraus, dass der Schöpfer zu ihm sagte: „Und Ich will dich zu einem großen Volk machen“ – wie oben, dass die Hauptgröße die Handlung ist.
korrOp, EY, 8.7.2026, Ver3