1984/13 Manchmal wird Spiritualität „Seele“ genannt
Es gilt zu verstehen, warum man die Spiritualität manchmal mit dem Namen „Seele“ (Neshama) bezeichnet, wie geschrieben steht: „Körper und Seele“. Und manchmal nennt man die Spiritualität „Seele“ (Nefesh), wie geschrieben steht: „Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele (Nefesh)“ (5. Mose 6:5).
In der Regel meint man, wenn man von Spiritualität spricht, deren höchsten Aspekt, die Neshama – damit der Mensch weiß, dass eine große Stufe für ihn bereitsteht, eben die Neshama, und damit dies in seinem Herzen die Sehnsucht weckt, sie zu erreichen. Und er soll nachdenken, woran es liegt, dass er sie noch nicht erlangt hat. Dann wird er erkennen: Alles, was uns zur Erlangung der Spiritualität fehlt, ist ein Mangel an Gleichheit der Form.
Denn der Körper kommt mit der Natur der Eigenliebe zur Welt. Und das bedeutet Verschiedenheit der Form gegenüber dem Schöpfer, von dem wir begreifen, dass Er nur gibt. Deshalb muss der Mensch seinen Körper läutern und zur Gleichheit der Form gelangen, sodass auch er danach verlangt, nur solche Taten zu tun, die dem Geben dienen. Dadurch wird er fähig, jene große Stufe zu erreichen, die „Neshama“ heißt. Darum spricht man immer von „Körper und Seele“.
Anders ist es, wenn man von der Reihenfolge der Arbeit spricht: Dann folgt auf die Stufe des Körpers die Stufe Nefesh. Deshalb sagt die Schrift: „Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele.“ Denn das ist die zweite Stufe, die auf den Körper folgt.
Deshalb steht zuerst „mit deinem ganzen Herzen“ und danach „und mit deiner ganzen Seele“. Das heißt: Was er hat, muss er bereit sein, dem Schöpfer zu geben. Erlangt er danach eine höhere Stufe – also Ruach und dann Neshama –, muss er auch sie dem Schöpfer geben wollen. Die Schrift beginnt nur mit der ersten Stufe, die auf den Körper folgt.
Und alles, was der Mensch hat, muss er dem Schöpfer geben. Das bedeutet, dass er nichts zum eigenen Nutzen tut, sondern alles zum Nutzen des Schöpfers; das nennt man: alle seine Taten dienen allein dem Geben. Und er selbst kommt für sich selbst nicht in Betracht, sondern alles ist zum Wohl des Schöpfers.
Und so verstehst du, was im Sohar steht (Teruma, Blatt 219, Punkt 670, im Sulam-Kommentar), und dies sind seine Worte: „‚Und mit deiner ganzen Seele.‘ Er fragt: Es hätte ‚und mit deiner Seele‘ heißen müssen. Was bedeutet ‚und mit deiner ganzen Seele‘? Wozu wird ‚ganz‘ gesagt? Und er antwortet: Es kommt, um Nefesh, Ruach und Neshama einzuschließen. Das ist ‚und mit deiner ganzen Seele‘ – ‚ganz‘ bedeutet das, was diese Nefesh erfasst.“
Und daraus sehen wir, dass der heilige Sohar uns erklärt: Das Wort „ganz“, das die Tora hinzufügt, soll uns kundtun, dass auch in der Stufe Nefesh bereits Ruach und Neshama enthalten sind. Mit Absicht beginnt er aber mit der Stufe Nefesh, weil nach der Stufe des Körpers die Stufe Nefesh beginnt. Sprechen wir dagegen einfach von Spiritualität, so nennen wir sie „Neshama“, wie geschrieben steht: „Und Er hauchte in seine Nase den Atem des Lebens (Nishmat Chajim)“ (1. Mose 2:7).
Und um die Stufe NaRaN (Nefesh, Ruach, Neshama) zu erlangen, müssen wir den Weg des Gebens gehen und uns bemühen, aus der Eigenliebe herauszutreten. Das nennt man „Weg der Wahrheit“. Dadurch nämlich gelangen wir dazu, eine wahre Eigenschaft zu erkennen, die in Seiner Vorsehung liegt: dass Er mit uns nach der Eigenschaft handelt, gut zu sein und Gutes zu tun.
Und das nennt man: „Das Siegel des Schöpfers ist Wahrheit.“ Das bedeutet: Das Ziel der Arbeit des Schöpfers – Seines Werkes, die Welten zu erschaffen, um Seinen Geschöpfen Gutes zu tun – ist, dass der Mensch zur Eigenschaft der Wahrheit des Schöpfers gelangt. Der Mensch erkennt, wann er seine Vollkommenheit erreicht hat: dann, wenn er erkannt hat, dass die Führung des Schöpfers gut ist und Gutes tut. Und zwar sowohl, dass er selbst alles Gute hat, als auch, dass er darauf achten muss, dass alle anderen ebenso alles Gute haben – dass also die ganze Allgemeinheit alles Gute besitzt.
Und das wird in der Einführung zum Talmud Esser Sefirot (TES, Punkt 150) angeführt, und dies sind seine Worte: „Und der vierte Aspekt der Liebe – das bedeutet eine Liebe, die nicht von einer Sache abhängt und auch ewig ist. Denn nachdem er auch die ganze Welt zum Guten beurteilt hat, ist die Liebe ewig und absolut. Und keinerlei Bedeckung und Verhüllung ist mehr vorstellbar, denn dort ist der Ort der völligen Enthüllung des Angesichts, im Geheimnis des Verses: ‚Und dein Lehrer wird Sich nicht mehr verhüllen, und deine Augen werden deinen Lehrer sehen‘ (Jesaja 30:20). Denn er kennt bereits alle Taten des Schöpfers mit allen Geschöpfen im Aspekt der wahren Vorsehung, die sich aus Seinem Namen offenbart: der Gute, der den Bösen und den Guten Gutes tut.“
Demnach ergibt sich: Wenn er zur endgültigen Vollkommenheit gelangt ist, so bedeutet das, dass er seinen wahren Zustand erlangt hat. Doch davor liegen vorangehende Stufen, wie es dort in der Einführung zum TES heißt, dass „der erste Aspekt die Teshuwa (Umkehr) aus Ehrfurcht“ ist. Darüber steht geschrieben (in Punkt 63), und dies sind seine Worte: „Die erste Stufe des Erlangens der Enthüllung des Angesichts – das heißt das Erlangen und Empfinden der Vorsehung von Lohn und Strafe, und zwar so, dass der Kenner der Verborgenheiten über ihn bezeugt, er werde nicht mehr zu seiner Torheit zurückkehren – wird ‚Teshuwa aus Ehrfurcht‘ genannt; denn die vorsätzlichen Vergehen wurden ihm zu unbeabsichtigten Fehlern, und er wird ‚ein nicht vollständiger Gerechter‘ genannt und auch ‚ein Mittlerer‘.“
Aber vor dem Genannten gibt es noch ein Zeichen dafür, ob er den Weg der Wahrheit geht: den Zustand der Verneinung. Das heißt: Er sieht, dass er sich jetzt in einem schlechteren Zustand befindet – denn bevor er den Weg der Wahrheit zu gehen begann, fühlte er sich der Heiligkeit (Kedusha) näher.
Seit er aber den Weg der Wahrheit geht, fühlt er sich der Kedusha ferner. Nach der bekannten Regel „Im Heiligen steigt man empor und nicht herab“ stellt sich die Frage: Warum fühlt er jetzt, da er den Weg der Wahrheit geht, dass er rückwärts statt vorwärts gegangen ist? Es sollte doch umgekehrt sein, wenn man den Weg der Wahrheit geht – zumindest sollte er nicht hinter den früheren Zustand zurückfallen.
Die Antwort lautet: Das Fehlen muss dem Sein vorausgehen. Das heißt: Zuerst muss ein Gefäß (Kli) da sein, das man „Mangel“ nennt, und erst dann gibt es Raum, diesen Mangel zu füllen. Deshalb muss der Mensch zuerst vorangehen und sich der Wahrheit jedes Mal mehr annähern.
Das heißt: Jedes Mal geht er voran und sieht seinen Zustand – dass er in der Eigenliebe versunken ist. Und jedes Mal muss er deutlicher sehen, wie schlecht die Eigenliebe ist; denn sie ist es, die uns hindert, zu dem Guten und dem Genuss zu gelangen, die der Schöpfer für uns bereitet hat – weil sie es ist, die zwischen uns und dem Schöpfer trennt, wie bekannt ist.
Demnach verstehen wir: Wenn der Mensch meint, er gehe rückwärts, seit er den Weg der Wahrheit begonnen hat, so muss man wissen, dass es nicht so ist. Vielmehr geht er voran und nähert sich der Wahrheit. Denn zuvor, als seine Arbeit nicht auf dem Weg des Gebens und des Glaubens beruhte, war er weit davon entfernt, die Wahrheit zu sehen.
Jetzt aber muss er dazu gelangen, das Böse in seinem Innern zu fühlen, wie geschrieben steht: „Kein fremder Gott soll in dir sein“ (Psalm 81:10). Und unsere Weisen legten aus (Traktat Shabbat 105b): „Welches ist der fremde Gott im Körper des Menschen? Da musst du sagen: Das ist der böse Trieb (Jezer haRa).“ Das heißt: Das, was im Innern des Menschen ist – nämlich das Verlangen zu empfangen in ihm –, eben das ist sein Böses.
Und erst wenn er zur Erkenntnis des Bösen gelangt ist, kann man sagen, dass man darangeht, es zu korrigieren. Demnach ergibt sich: Bevor er sein Böses in solchem Maße erkannt hat, dass er es nicht mehr ertragen kann, hat er nichts zu korrigieren. Daraus folgt, dass der Mensch tatsächlich weit vorangekommen ist in Bezug auf die Wahrheit – darin, seinen wahren Zustand zu sehen.
Und wenn der Mensch das Böse in sich in solchem Maße sieht, dass er es nicht ertragen kann, beginnt er, nach Ratschlägen zu suchen, wie er daraus herauskommt. Doch der einzige Rat, den ein Mensch aus Israel hat, ist, sich allein an den Schöpfer zu wenden, damit Er seine Augen und sein Herz erleuchte und ihn mit höherer Fülle erfülle, wie unsere Weisen sagten (Traktat Shabbat 104a): „Wer kommt, um sich zu reinigen, dem hilft man.“
Und wenn er dann Hilfe vom Schöpfer empfängt, werden alle Mängel mit dem Licht des Schöpfers gefüllt. Dann beginnt er, die Stufen der Heiligkeit emporzusteigen, weil bei ihm bereits ein Mangel bereitet ist – dadurch, dass er seinen wahren Zustand sehen gelernt hat. Deshalb gibt es jetzt Raum, seine Vollkommenheit zu empfangen.
Und dann beginnt der Mensch zu sehen, wie er Tag für Tag, nach seiner Arbeit, immer höher steigt. Doch man muss immer das wieder erwecken, was aus dem Herzen vergessen wurde. Und das ist es, was nötig ist, um das Herz zu korrigieren: die Liebe zu den Freunden, deren Endzweck es ist, zur Nächstenliebe zu gelangen. Denn dem Herzen, das man „Eigenliebe“ nennt, ist dies nicht angenehm. Wenn es also eine Versammlung der Freunde gibt, muss man daran denken, die Frage auf den Tisch zu bringen. Jeder frage sich selbst: Wie weit sind wir in der Nächstenliebe schon vorangekommen? Und wie viele Handlungen haben wir getan, um uns hierin voranzubringen?
korrOp, EY, 8.7.2026, Ver7