1984/16 Das Geben betreffend
Das Thema des Gebens soll erklärt werden. Wenn ein Mensch jemandem dient, der in den Augen der Welt wichtig ist, muss der wichtige Mensch ihm keine Gegenleistung für seinen Dienst geben; vielmehr gilt ihm das Dienen an einem wichtigen Menschen selbst, als hätte dieser ihm eine Gegenleistung gegeben. Das heißt: Wenn er weiß, dass es ein wichtiger Mensch ist, genießt er bereits das Dienen und braucht keinen weiteren Genuss für den Dienst zu erhalten – das Dienen selbst ist sein Genuss.
Wenn er dagegen einem einfachen Menschen dient, hat er keinen Genuss vom Dienen und muss eine Gegenleistung für den Dienst erhalten. Das heißt: Verrichtet er denselben Dienst für einen wichtigen Menschen, braucht er keine Gegenleistung.
Zum Beispiel: Ein wichtiger Mensch kommt mit dem Flugzeug an, in der Hand einen kleinen Koffer. Viele Menschen warten auf seine Ankunft. Der wichtige Mensch gibt seinen Koffer jemandem, damit er ihn zu seinem Wagen bringt, mit dem er nach Hause fährt. Und für diesen Dienst will er ihm, sagen wir, hundert Dollar geben. Gewiss wird jener sich weigern, das Geld anzunehmen, weil er von seinem Dienst mehr Genuss hat als von den hundert Dollar, die er ihm gibt.
Ist es dagegen ein einfacher Mensch, wird er nicht einmal für Geld sein Diener sein, sondern er wird ihm sagen: „Es gibt hier Leute, die Gepäckträger sind; sie werden deinen Koffer zum Wagen bringen. Für mich ist es unter meiner Würde, dich zu bedienen. Die Gepäckträger aber – das ist ihr Beruf; wenn du ihnen eine Gegenleistung gibst, werden sie sich gewiss freuen, dich zu bedienen.“
Daraus folgt: Bei derselben Handlung, die er verrichtet, gibt es einen großen Unterschied – nicht in der Handlung, sondern darin, für wen er die Handlung tut. Tut er die Handlung für einen wichtigen Menschen, hängt alles nur von der Wichtigkeit dieses Menschen in seinem eigenen Empfinden ab – davon, wie sehr er die Größe dieses Menschen spürt. Dabei ist nicht entscheidend, ob er selbst versteht, dass es ein wichtiger Mensch ist, oder ob seine Umgebung von ihm sagt, er sei ein wichtiger Mensch – schon hat er die Kraft, ihm zu dienen, und braucht keinerlei Gegenleistung, wie oben gesagt.
Nach dem oben Gesagten muss man in dieser Sache verstehen, was wirklich die Absicht des Menschen ist, der dem wichtigen Menschen dient. Ist seine Absicht, dass er es genießt, ihm zu dienen, weil es ihm als großes Vorrecht gilt, ihm dienen zu dürfen? Oder dient er ihm deshalb, weil er großen Genuss dabei empfindet? Aus welcher Quelle ihm der Genuss kommt, wenn er einem wichtigen Menschen dient, weiß er nicht; er sieht nur als natürliche Tatsache, dass hier ein großer Genuss liegt, und deshalb will er ihm dienen.
Das heißt: Ist seine Absicht – weil es ein wichtiger Mensch ist –, dass der wichtige Mensch Genuss haben soll? Oder will er ihm dienen, weil er selbst Genuss empfindet? Könnte er nämlich denselben Genuss, den er vom Dienen hat, durch etwas anderes erhalten, würde er auf diesen Dienst verzichten. Denn alles, weshalb er ihm dienen will, ist nur, dass er spürt, hier ein gutes Gefühl finden zu können – deshalb dient er ihm.
Die Frage ist also: Dient er, weil er will, dass der wichtige Mensch ein gutes Gefühl hat – und dass er selbst Genuss empfindet, wenn er ihm dient, ist nur eine Folge, seine Absicht aber gilt nicht ihm selbst, sondern nur dem guten Gefühl des wichtigen Menschen? Oder kümmert ihn der wichtige Mensch in Wahrheit gar nicht, sondern alle seine Berechnungen gelten nur dem, wie viel Genuss er daraus ziehen kann?
Und wenn wir fragen: Was macht es für einen Unterschied, mit welcher Absicht er handelt? – so lautet die Antwort: Wir müssen wissen, was „Gefäß des Gebens“ bedeutet. Wir finden drei Unterscheidungen in der Handlung des Gebens:
1) Er beschäftigt sich mit dem Geben zum Wohl des Nächsten – sei es mit seinem Körper, sei es mit seinem Geld –, um dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Das heißt: Das Dienen selbst genügt ihm nicht, dass es ihm Genuss gäbe, sondern er will, dass man ihm dafür etwas Zweites gibt. Zum Beispiel will er, dass man ihm für seine Arbeit in der Handlung des Gebens Ehre erweist – dafür hat er die Kraft zu arbeiten. Hat er dagegen nicht die Sicherheit, dafür Ehre zu erhalten, würde er nicht tun, was er zum Wohl des Nächsten tut.
2) Er beschäftigt sich mit Dingen des Gebens zum Wohl des Nächsten und will keinerlei Gegenleistung für seine Arbeit – nichts anderes, nichts Zweites. Es genügt ihm, dass er Handlungen des Gebens getan hat. Von Natur aus hat er Genuss daran, anderen Gutes zu tun, und das ist sein ganzer Genuss. Gewiss ist das eine höhere Stufe als die erste, denn hier sehen wir, dass er Handlungen tut, deren Absicht es ist, anderen Gutes zu geben. Und das müssten wir „Geben, um zu geben“ nennen.
Aber vertiefen wir die Sache ein wenig und untersuchen, was wirklich seine Absicht dabei ist, dass er anderen gibt: Tut er alle Handlungen, weil er genießen will – was Eigenliebe bedeutet, da er von seiner Natur aus Handlungen des Gebens genießt? Oder ist seine Absicht, dass er Genuss davon hat, dass die anderen Gutes haben?
Das heißt: Er genießt es, dass andere guter Stimmung sind. Deshalb bemüht er sich, anderen Gutes zu tun, damit die anderen guter Stimmung sind und ihr Leben genießen. Und wenn er zufällig sieht, dass ein anderer in den Handlungen, die er jetzt zum Beispiel für die Einwohner seiner Stadt tun will, erfolgreicher wäre als er, dann verzichtet er auf seinen Genuss, den er von den Handlungen des Gebens hat, und bemüht sich, dass der andere die Sache tut.
Wenn dieser Mensch aber, der sich mit Handlungen des Gebens beschäftigt und keinerlei Gegenleistung für seine Arbeit will, es dennoch nicht über sich bringt, dem anderen die Handlungen zum Wohl der Einwohner seiner Stadt zu überlassen – obwohl er weiß, dass der andere geeigneter ist –, dann kann man noch nicht sagen, dass dies „Geben, um zu geben“ heißt. Denn letzten Endes ist die Eigenliebe bei ihm das Bestimmende.
3) Er arbeitet, um keinerlei Gegenleistung zu empfangen. Und auch wenn er sieht, dass es einen Menschen gibt, der geeigneter ist, verzichtet er auf seinen Genuss am Geben an andere und sorgt nur für das Wohl des Nächsten. Das heißt „Geben, um zu geben“.
Es gibt hier also eine große Klärung, die man klären muss: Was ist wirklich seine Absicht? Will er, dass er selbst guter Stimmung ist, und dient ihm deshalb? Oder ist seine Absicht, dass der wichtige Mensch guter Stimmung sein soll?
Um die obige Unterscheidung zu verstehen, kann man die Sache durch ein Bild begreifen, das der Mensch sich selbst ausmalt: Da es ein sehr wichtiger Mensch ist, will er ihm Genuss bereiten, damit dieser guter Stimmung ist; deshalb will er ihm dienen. Aber während des Dienstes, den er ihm erweist, fühlt er sich selbst in gehobener, guter Stimmung und spürt: Alle Genüsse, die er je in seinem Leben empfunden hat, haben keinerlei Wert gegenüber dem, was er jetzt empfindet – weil er dem wichtigsten Menschen der Welt dient. Und er hat keine Worte, um die Befriedigung zu beschreiben, die er davon hat, dass er dem wichtigen Menschen gute Stimmung bereiten will.
Und jetzt kann er an sich selbst Kritik üben: Was ist seine Absicht dabei, dass er dem wichtigen Menschen Wohlgefallen bereiten will? Sorgt er für den eigenen Nutzen – das heißt, er will ihm Genuss bereiten, weil er selbst dabei gute Stimmung empfindet? Oder ist seine ganze Absicht, dem wichtigen Menschen Genuss zu bereiten, damit der wichtige Mensch gute Stimmung hat – weil angesichts der Größe dieses Menschen in ihm ein großes Verlangen erwacht, ihm zu dienen?
Deshalb: Auch wenn er während seines Dienens den großen Genuss spürt, der im Dienen liegt – sobald er weiß, dass es jemanden gibt, durch dessen Dienst der wichtige Mensch mehr Wohlgefallen hätte, verzichtet er auf den eigenen Genuss, den er beim Dienen empfinden könnte, und will von ganzem Herzen, dass der andere diesen Dienst tut, weil jener dem wichtigen Menschen mehr Wohlgefallen bereitet, als wenn er selbst ihm diente.
Daraus folgt: Wenn er einwilligt, auf seinen Dienst zu verzichten – obwohl er gerade jetzt einen wunderbaren Genuss von seinem Dienst empfindet –, damit der wichtige Mensch mehr Wohlgefallen hat, dann verzichtet er, weil er nicht an sich selbst denkt, sondern alles zum Wohl des wichtigen Menschen geschieht.
Das heißt, dass er keinerlei Absicht zum eigenen Nutzen hat, sondern alles geschieht, um zu geben, und er macht keinerlei Rechnung mit sich selbst. Dann hat er die vollkommene Klärung, sodass er sich nicht selbst betrügen kann. Und das wird „vollständiges Geben“ genannt.
Aber man muss wissen: Es liegt nicht in der Möglichkeit des Menschen, aus eigenen Kräften dahin zu gelangen. Vielmehr sagten unsere Weisen darüber (Traktat Kidushin 30): „Der Trieb des Menschen gewinnt täglich die Oberhand über ihn und sucht ihn zu töten, wie gesagt ist: ‚Der Frevler lauert dem Gerechten auf und sucht ihn zu töten‘ (Psalm 37,32). Und würde der Schöpfer ihm nicht helfen, könnte er ihn nicht überwinden, wie gesagt ist: ‚Der Ewige wird ihn nicht in seiner Hand lassen.‘“
Das heißt: Der Mensch muss zuerst sehen, ob er die Kräfte hat, dahin zu gelangen, dass es ihm möglich ist, Handlungen mit der Absicht zu tun, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten. Wenn er dann zur Erkenntnis gelangt ist, dass es ihm aus eigenen Kräften nicht möglich ist, dahin zu gelangen, dann konzentriert der Mensch seine Tora und Mizwot (Gebote) auf einen einzigen Punkt, nämlich: „Das Licht in ihr führt ihn zum Guten zurück.“ Das wird sein ganzer Lohn sein, den er von Tora und Mizwot will; das heißt, der Lohn seiner Anstrengung wird sein, dass der Schöpfer ihm diese Kraft gibt, die „Kraft des Gebens“ heißt.
Denn es gibt eine Regel: Wer eine Anstrengung gibt, das heißt auf seine Ruhe verzichtet, tut dies, weil er etwas will, von dem er weiß, dass man es ihm ohne Anstrengung nicht geben wird; deshalb muss er sich anstrengen. Folglich hat der Mensch, der sich anstrengt, Tora und Mizwot zu erfüllen, gewiss etwas, das ihm fehlt. Und deshalb müht er sich in Tora und Mizwot, um dadurch das Ersehnte zu erlangen.
Demnach muss der Mensch, bevor er mit seiner Arbeit für den Schöpfer beginnt, Aufmerksamkeit und ein wenig Nachdenken darauf verwenden, was er will – das heißt, welchen Lohn er für seine Arbeit will. Oder einfacher gesagt: Was ist der Grund, der ihn verpflichtet, sich mit Tora und Mizwot zu beschäftigen? Wenn er dann darüber nachsinnt – das heißt wissen will, was ihm fehlt und wofür er sich anstrengen muss –, beginnt der Mensch, viele Gedanken zu denken, bis es ihm sehr schwerfällt zu wissen, was er wirklich will.
Deshalb gibt es viele Menschen, die, wenn sie zu denken beginnen, für welches Ziel sie arbeiten, kein wahres Ziel festlegen können. Deshalb sagen sie: „Wozu sollen wir uns mit grüblerischen Gedanken ermüden?“ – und arbeiten ohne jedes Ziel, sondern sagen: „Wir arbeiten für die nächste Welt. Und was die nächste Welt ist – wozu sollen wir darüber nachdenken? Glauben wir einfach, dass es etwas Gutes ist, und das genügt uns. Wenn wir den Lohn der nächsten Welt empfangen, dann werden wir wissen, was er ist. Wozu sollen wir uns auf Untersuchungen einlassen?“
Nur Einzelne gibt es, die sagen, dass es die Anhaftung (Dwekut) an den Schöpfer gibt. Und um zur Anhaftung an den Schöpfer zu gelangen, muss man zur Gleichheit der Form gelangen, das heißt: „Wie Er barmherzig ist, sei auch du barmherzig.“ Dann beginnt er sich zu bemühen, zur Gleichheit der Form zu gelangen – nämlich dass alle seine Handlungen im Aspekt des Gebens seien. Denn nur dann weichen die Einschränkung (Zimzum) und die Verhüllung, die in der Welt herrschen, von ihm, und er beginnt, die Heiligkeit (Kedusha) zu spüren.
Aber wenn er mit seiner Arbeit beginnt, um zur Stufe des Gebens zu gelangen, sieht er, dass er sehr weit davon entfernt ist – dass er kein Verlangen hat, weder in Gedanke noch in Wort noch in Tat, bei dem er in der Lage wäre, die Absicht „um zu geben“ auszurichten. Und er weiß dann nicht, was er tun soll, um die Kraft des Gebens zu erlangen. Und jedes Mal, wenn er Kräfte hinzufügt, sieht er, dass die ganze Sache sich immer weiter von ihm entfernt – bis er zur Erkenntnis kommt, dass es nicht in menschlicher Reichweite liegt, dass es eine Wirklichkeit gäbe, in der er jemals dahin gelangen könnte.
Dann kommt er zur Erkenntnis, dass nur der Schöpfer ihm helfen kann, wie oben gesagt. Und erst dann versteht er, dass er sich mit Tora und Mizwot beschäftigen muss, um Lohn zu empfangen. Und sein Lohn, für den er sich anstrengt, ist, dass der Schöpfer ihm die Kraft des Gebens gebe. Auf diesen Lohn hofft er, denn er will zur Anhaftung an den Schöpfer gelangen, die Gleichheit der Form ist, das heißt der Aspekt des Gebens.
Und das ist sein ganzer Lohn, auf den er hofft: dass man ihm durch seine Anstrengung in Tora und Mizwot etwas gibt, das er selbst nicht erlangen kann, sondern das ihm ein anderer geben muss. Wie bei der materiellen Anstrengung: Da der Mensch nicht von selbst zu Geld kommen kann, gibt er seine Anstrengung, und dafür gibt man ihm Geld. Ebenso in der Spiritualität: Was er aus eigenen Kräften nicht erlangen kann, sondern was ihm jemand geben muss – das nennen wir „Lohn“.
Wenn der Mensch also zur Eigenschaft des Gebens gelangen will, weil er zur Anhaftung an den Schöpfer kommen will, und er aus eigener Kraft nicht zu dieser Eigenschaft gelangen kann, sondern der Schöpfer sie ihm geben muss – dann heißt das, was er gegeben bekommen will, „Lohn“.
Und da es die Regel gibt: „Will man Lohn, muss man Arbeit und Anstrengung geben“, erfüllt er deshalb Tora und Mizwot, damit man ihm diesen Lohn gibt, der „Kraft des Gebens“ heißt – das heißt, aus der Eigenliebe herauszukommen und ein Verlangen zu erhalten, dass er die Kraft habe, sich nur mit der Liebe zum Nächsten zu beschäftigen.
Und das ist es, was unsere Weisen sagten: „Immer beschäftige sich der Mensch mit Tora und Mizwot ‚nicht um ihrer selbst willen‘ (lo liShma), denn aus lo liShma kommt man zu ‚um ihrer selbst willen‘ (liShma), weil das Licht in ihr ihn zum Guten zurückführt.“ Das heißt, wie oben gesagt: Durch die Anstrengung in Tora und Mizwot, um zu liShma zu kommen, gelangt er zur Stufe von liShma – eben dadurch, dass er sich zuvor angestrengt hat. Deshalb wird ihm „das Licht in ihr, das ihn zum Guten zurückführt“ zuteil. Das heißt, dass man ihm vom Himmel die Kraft des Gebens gegeben hat.
Aber man muss fragen: Wozu muss er sich zuerst anstrengen, sodass man ihm erst danach das Licht der Tora gibt? Warum gibt man ihm das Licht der Tora nicht sofort, damit es ihn sofort zum Guten zurückführe? Wozu sich umsonst anstrengen, umsonst Energie aufwenden und auch noch umsonst Zeit verlieren? Es wäre doch besser, man gäbe ihm das Licht sofort am Anfang seiner Arbeit – das heißt, er empfinge sofort das Licht und begänne seine Arbeit sofort in liShma.
Es geht darum, dass es „kein Licht ohne Gefäß (Kli)“ gibt. Und „Kli“ heißt Verlangen. Das heißt: Ein Mensch, der einen Mangel hat und sich nach der Füllung des Mangels sehnt – das wird „Kli“ genannt. Nur dann, wenn er ein Kli hat, das heißt ein Verlangen nach irgendeiner Füllung, kann man davon sprechen, dass man ihm eine Füllung gibt und er mit der Füllung, die man ihm gegeben hat, zufrieden ist – denn danach hat er sich gesehnt. Und „Lohn“ heißt Füllung: Er empfängt das Ersehnte. Mehr noch: Die Wichtigkeit der Füllung hängt vom Maß der Sehnsucht ab – und entsprechend den Leiden, die er hatte, in demselben Maße genießt er die Füllung.
Daher ist es unmöglich, dem Menschen ein Licht zu geben, das ihn zum Guten zurückführt, solange er keinerlei Verlangen danach hat. Denn „ihn zum Guten zurückführen“ bedeutet, dass er die Kraft der Eigenliebe verliert und die Kraft der Liebe zum Nächsten erhält.
Und wenn der Mensch keinerlei Verlangen hat, aus der Eigenliebe herauszukommen, und man ihm sagt: „Arbeite, und als Gegenleistung wirst du kein Verlangen nach Eigenliebe mehr haben“, so gilt das dem Menschen nicht als Lohn. Im Gegenteil: Der Mensch denkt dann, der Geschäftsherr, für den er gearbeitet hat, gebe ihm – anstatt ihm für seine Anstrengung Gutes zu tun – als Gegenleistung ein großes Übel, sodass er seine ganze Eigenliebe in einem Augenblick verliert. Und wer willigt in so etwas ein?
Deshalb muss der Mensch zuerst lo liShma lernen, denn dadurch hat er eine Unterstützung vonseiten des Körpers: Der Mensch ist bereit, auf einen kleinen Genuss zu verzichten, um einen großen Genuss zu empfangen. Von Natur aus aber kann sich der Mensch keinen Genuss vorstellen, der nicht allein auf dem Fundament der Eigenliebe aufgebaut wäre.
Deshalb sagt man ihm, dass er durch seine Beschäftigung mit Tora und Mizwot Lohn erhalten wird. Und das ist keine Lüge – gewiss wird er Lohn erhalten. Das heißt: Wenn man ihm sagt, dass er durch seine Anstrengung in Tora und Mizwot Lohn erhalten wird, so ist das wahr, denn er wird gewiss Lohn erhalten. Nur der Lohn wird sich ändern.
Zum Beispiel: Ein Vater sagt zu seinem Kind: „Wenn du ein braves Kind bist, kaufe ich dir ein Auto“ – eines, mit dem kleine Kinder spielen, also ein Auto aus Plastik. Danach reiste der Vater ins Ausland und kehrte erst nach einigen Jahren zurück. Der Sohn war inzwischen herangewachsen, kam zu seinem Vater und sagte: „Vater, bevor du ins Ausland gereist bist, hast du mir doch einen Plastik-Lastwagen versprochen.“ Da ging der Vater und kaufte stattdessen einen guten Wagen, mit dem man weite Strecken fahren kann. Der Sohn ist nun schon verständig und begreift, dass jetzt nicht mehr die Zeit für ein Plastikauto ist, sondern für ein echtes Auto. Heißt das, dass sein Vater ihn betrogen hat? Gewiss nicht. Vielmehr sieht der Sohn jetzt, dass er es als Kind nicht anders verstehen konnte als eben mit einem Lohn „nicht der Rede wert“.
Ebenso hier: Wenn er mit einem Lohn „nicht der Rede wert“ beginnt – das wird lo liShma genannt –, dann wartet er darauf, dass man ihm als Lohn etwas gibt, das keinen Wert hat gegenüber dem wahren Lohn, den er empfangen wird, nämlich liShma zu erlangen. Denn das ist das Kli, in dem man das Gute und den Genuss aufnehmen kann, die der Schöpfer geben will – die wahren Genüsse.
Es zeigt sich also: Wenn man sagt, er solle lo liShma arbeiten, das heißt, um Lohn zu empfangen – so ist das wahr. Denn auch wenn er die Absicht „um zu geben“ ausrichten wird, wird er ebenfalls Lohn empfangen. Die ganze Lüge liegt vielmehr im Lohn selbst: Solange der Mensch sich in lo liShma befindet, denkt er an einen anderen Lohn, den man ihm geben werde – denn das Gefäß, das diesen empfängt, heißt „Eigenliebe“.
Später dagegen, wenn der Mensch herangewachsen ist, beginnt er zu verstehen, dass die eigentlichen Gefäße, mit denen man Lohn empfängt, die Gefäße des Gebens sind – dass man gerade durch diese Gefäße das wahre Gute und den wahren Genuss empfängt. Und dann fühlt er sich als der glücklichste Mensch der Welt. Nicht so der Lohn, den er zu empfangen erwartete, als er sich in lo liShma befand – damals war er nur fähig, einen Lohn zu empfangen, der einem kleinen Kind entspricht.
Demnach: Wenn man in lo liShma lehrt, für seine Arbeit Genuss und Lohn zu empfangen, heißt das nicht „Lüge“, weil er nichts verloren hat, wenn man ihm den kleinen Lohn gegen einen größeren Lohn eintauscht. Vielmehr muss man es so deuten: lo liShma bedeutet, dass dieser Lohn nicht den wahren Namen trägt, den der Mensch sich denkt, sondern dass der Lohn einen anderen Namen hat, als er dachte. Aber Lohn bleibt Lohn. Man tauscht nicht den Lohn aus, sondern den Namen des Lohnes – nämlich von einem „erlogenen, eingebildeten Lohn“ zu einem „Lohn der Wahrheit“.
Aus all dem oben Gesagten folgt: Das Wichtigste, was der Mensch als Gegenleistung für seine Anstrengung in Tora und Mizwot empfangen soll, ist, dass der Schöpfer ihm die Gefäße des Gebens gebe – was der Mensch selbst nicht erlangen kann, weil sie gegen die Natur sind; sie sind vielmehr ein Geschenk vom Himmel. Das ist sein Lohn, auf den er immer gewartet hat: „Wann werde ich fähig sein, dem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten?“ Und weil er auf diesen Lohn gewartet hat, heißt das „sein Lohn“.
Um das oben Gesagte zu verstehen, muss man in der „Allgemeinen Einführung zum Buch Panim Masbirot“ (Punkt 3, beginnend mit „Wisse“) nachsehen. Dort steht geschrieben: „Die Wurzel der Finsternis ist der Schirm (Massach) im Gefäß Malchut. Und die Wurzel des Lohnes wurzelt im Zurückkehrenden Licht, das durch den Siwug de Hakaa (Paarung durch Aufprall) hervorgeht.“
Er gibt dort die Wurzel an für das, was wir in dieser Welt sehen. Das heißt: Alles, was wir in dieser Welt sehen, sind Zweige, die aus den Wurzeln hervorgehen, aus den oberen Welten. Und er sagt dort: „Die Wurzel der Anstrengung, die der Mensch in dieser Welt empfindet, rührt von der Wurzel des Massach im Gefäß Malchut her.“ Das bedeutet: Das Gefäß, das die Geschöpfe haben, heißt „Verlangen, Genuss zu empfangen“; dieses hat der Schöpfer erschaffen, weil es Sein Wille ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu erweisen. Deshalb erschuf Er in den Geschöpfen das Verlangen, Genuss zu empfangen. Und das wird in den oberen Sefirot „Malchut“ genannt.
Danach – so lernen wir – geschah der Zimzum: Sein Sinn ist, dass sie nicht Empfangende sein will, weil sie die Gleichheit der Form mit dem Schöpfer will. Deshalb wurde in der Kedusha die Regel aufgestellt, dass man nichts empfängt, ohne die Absicht „um zu geben“ ausrichten zu können.
Und das ist die Korrektur des Massach. Da von oberen Lichtern die Rede ist, wird das Nicht-Empfangen-Wollen des Lichts „Massach“ (Schirm) genannt – ähnlich wie bei einem Menschen: Wenn das Sonnenlicht zu stark ins Haus scheint und er es nicht hereinlassen will, bringt er einen Vorhang oder einen Schirm an, damit die Sonne nicht ins Haus scheint.
Wenn also von oberen Lichtern die Rede ist und Malchut – obwohl sie ein großes Verlangen und eine große Begierde hatte, das Licht des Genusses zu empfangen – dennoch auf den Genuss verzichtete und ihn nicht empfing, weil sie die Gleichheit der Form will, so heißt das „Anstrengung“. Das heißt, sie tut etwas gegen ihr Verlangen, indem sie sich davon abhält, den Genuss zu empfangen.
Auch in der materiellen Welt heißt es „Anstrengung“, wenn der Mensch auf irgendeinen Genuss verzichten muss. Zum Beispiel: Der Mensch genießt die Ruhe; und aus irgendeinem Grund und Bedürfnis verzichtet er auf seine Ruhe und geht hin, um etwas zu tun. Das heißt „Anstrengung“.
Und ebenso zeigt er uns, wo es in den oberen Welten verwurzelt ist, wenn der materielle Zweig Lohn empfängt. Er zeigt uns, dass die Wurzel des Lohnes vom Zurückkehrenden Licht herrührt – welches das Verlangen zu geben ist –, das aus dem Siwug de Hakaa hervorgeht, der zwischen dem Oberen Licht und dem Massach mit seiner Awiut (Grobheit) geschieht (siehe Talmud Esser Sefirot, Teil 4, S. 258, Punkt 8). Dort steht geschrieben: „Das einkleidende Zurückkehrende Licht entsteht als Ergebnis zweier Kräfte.“ Der Sinn des Siwug de Hakaa im Spirituellen ist: Wenn zwei Dinge einander entgegengesetzt sind, gilt das als „Aufprall“ (Hakaa). Das bedeutet: Einerseits begehrt er die Sache sehr, weil er sieht, dass er davon großen Genuss haben wird; andererseits überwindet er sich und nimmt die Sache nicht an, weil er die Gleichheit der Form begehrt. Es gibt hier also zwei Begierden:
1) Er sehnt sich danach, Genuss zu empfangen.
2) Andererseits sehnt er sich nach der Gleichheit der Form.
Und aus diesen beiden wird etwas Neues geboren, das „einkleidendes Zurückkehrendes Licht“ genannt wird. Mit dieser Kraft kann er danach die Obere Fülle empfangen, denn dieses Zurückkehrende Licht ist das geeignete Gefäß, um die Fülle zu empfangen. Das heißt, mit diesem Gefäß hat er hier zweierlei:
1) Er empfängt den Genuss, der in der Oberen Fülle liegt, die vom Schöpfungsgedanken kommt, der darin besteht, Seinen Geschöpfen Gutes zu erweisen.
2) Und zugleich befindet er sich in der Gleichheit der Form – das ist das Zweite, das er beim Empfangen der Fülle hat.
Wir sehen also aus all dem oben Gesagten, dass der ganze Lohn nur Zurückkehrendes Licht ist, das heißt die Kraft des Gebens, die der Untere vom Oberen empfängt. Er nennt es „Zurückkehrendes Licht“, was bedeutet: das, was der Untere dem Oberen gibt. Die Fülle nämlich, die vom Schöpfer kommt, heißt „Gerades Licht“, wie geschrieben steht: „Der Schöpfer hat den Menschen gerade gemacht“ (Kohelet 7,29). Denn wie wir lernen, war der Schöpfungsgedanke, Seinen Geschöpfen Gutes zu erweisen – nämlich dass die Unteren Fülle empfangen. Und dies wird „gerade“ genannt.
Doch die Empfänger der Fülle wollen die Gleichheit der Form. Deshalb gibt es für uns eine Korrektur, die „Zurückkehrendes Licht“ genannt wird. Das heißt: Wer die Fülle empfängt, empfängt sie nicht, weil er genießen will, sondern weil er dem Oberen geben will. Das bedeutet: So wie der Obere will, dass der Empfänger genieße, so ist die Absicht dessen, der die Fülle empfängt, dem Gebenden Genuss zurückzugeben – damit der Obere Sich daran erfreue, dass Sein Gedanke in Erfüllung gegangen ist. Daraus folgt, dass der eigentliche Lohn das Zurückkehrende Licht ist, das heißt die Kraft des Gebens, die der Untere vom Oberen empfängt.
Dennoch muss man verstehen: Warum sagen wir, dass das Gefäß, das „Kraft des Gebens“ heißt, der ganze Lohn ist? Lohn bedeutet doch etwas, das man empfängt – wie man sagt: „Ich arbeite, um Lohn zu empfangen.“ Wie man auch sagt, dass das Schöpfungsziel ist, Seinen Geschöpfen Gutes zu erweisen, das heißt, dass sie Lohn empfangen. Und hier sagen wir, dass der Lohn „Kraft des Gebens“ heißt. Wir würden doch meinen, der Lohn müsste darin bestehen, dass der Mensch der Erlangung des Göttlichen, der Geheimnisse der Tora und dergleichen gewürdigt wird. Er aber sagt, der Lohn bestehe darin, dass wir die Kraft erlangen zu geben, das heißt die Kraft des Gebens. Und er sagt uns außerdem, dass dies von der oberen Wurzel herrührt, die „Zurückkehrendes Licht“ heißt.
Bekannt ist die Regel: „Mehr, als das Kalb saugen will, will die Kuh säugen.“ Demnach will der Schöpfer den Geschöpfen mehr geben, als die Geschöpfe empfangen wollen. Wer hält es also auf? Man muss sich nur an den Zimzum erinnern, der geschah, damit die Geschöpfe die Gleichheit der Form haben können. Er ist eine Korrektur, damit es nicht das „Brot der Schande“ (Nahama deKisufa) gebe. Das entspringt unserer Wurzel: Das Wesen des Schöpfers ist das Geben und nicht das Empfangen, denn Er hat keinen Mangel, sodass Er etwas empfangen müsste. Und da nach der Regel, die in unserer Natur liegt, jeder Zweig seiner Wurzel gleichen will, empfindet der Untere ein Unbehagen, wenn er eine Handlung tun muss, die es in der Wurzel nicht gibt.
Demnach braucht der Mensch für die Fülle, die Licht und Genuss ist, keinerlei Handlung zu tun, um sie zu empfangen – denn wie oben gesagt: Mehr, als das Geschöpf empfangen will, will der Schöpfer ihm geben. Nur hat das Geschöpf kein Gefäß, um die Genüsse genießen zu können, die man ihm geben will – wegen der Scham, wie oben gesagt. Daraus folgt: Unser ganzer Lohn ist das, was uns fehlt – das Gefäß, das „Kraft des Gebens“ heißt. Denn nur Gefäße fehlen uns, nicht Lichter. Deshalb ergibt sich, dass der eigentliche Lohn die Kraft des Gebens ist.
Aber um dieses Gefäß zu erlangen, das „Verlangen zu geben“ heißt, braucht man ebenfalls ein Verlangen – das heißt, dass wir spüren, dass uns dieses Gefäß fehlt. Deshalb muss man sich zuerst mit Tora und Mizwot lo liShma beschäftigen. Und das ist unsere Anstrengung: dass wir sehen, dass alles, was wir tun, nur zum eigenen Nutzen geschieht und keinerlei Absicht zu geben da ist.
Und dann sehen wir, dass uns die Kraft des Gebens fehlt. Und wir wollen Lohn für unsere Arbeit – dass der Schöpfer uns diesen Lohn gebe, nämlich das Verlangen zu geben. Und wenn wir diese Kraft haben, werden wir das Gute und den Genuss empfangen können; denn dieser liegt schon bereit, und wir brauchen dafür keinerlei Arbeit zu geben, weil ihn der Schöpfer gibt. Wenn der Mensch immer von Stufe zu Stufe aufsteigt, dann nur, um jedes Mal die Kraft des Gebens zu erwerben – mehr fehlt nicht.
korrOp, EY, 8.7.2026, Ver6